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Up Till Now Wiedervorlagen historischer Performances und Aktionskunst aus der DDR Dokumentation


Was von Performance und Aktionskunst bleibt, ist meist ein Sammelsurium an Fotos, Film- und später Video-Dokumentationen, Skripten und Requisiten sowie Erzählungen, Texten und Interviews von und mit KünstlerInnen, anwesenden ZeitzeugInnen oder forschenden KunstwissenschaftlerInnen. Der räumliche, politische und soziale Kontext, in dem eine Arbeit entstanden ist, lässt sich auf Basis dieses Materials nur teilweise nachvollziehen, denn weder die gesellschaftliche Verfasstheit noch soziale Interaktionen zwischen KünstlerInnen und Publikum sind Jahrzehnte später tatsächlich rekonstruierbar. Up Till Now will in diesem Sinne ein neues Format kuratorischer und künst­ lerischer Praxis im Umgang mit historischen Performances erproben. Wir haben uns dabei von unserem Untersuchungsgegenstand, der Performance, inspirieren lassen. So ist es insbesondere die Auseinandersetzung mit der zeitlichen Dimension und der Prozessualität des performativen Aktes, die uns veranlasste, die Ausstellung selbst als zeitlichen, sich wandelnden Prozess zu verstehen. Über die Ausstellungsdauer befanden sich die Räume der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig in stetiger Erweiterung und kontinuierlichem Wandel, waren Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Arbeits­ raum, Bühne, Labor und Recherchearchiv zugleich.

Up Till Now

Das Anliegen im Rahmen von Up Till Now Performance und Aktionskunst aus der DDR wieder ‚vorzulegen‘, beruht auf dem spezifischen Interesse an den hier entstandenen künstlerischen Ausdrucksformen, welche in der Vergangenheit vermehrt auf eine Lesart hinsichtlich einer Gegenkultur rezipiert wurden. Up Till Now nahm eben diesen Hintergrund zum Anlass, ein künst­ lerisches und kuratorisches Versuchsfeld für die Entwicklung neuer Strategien im Umgang mit den historischen Performances zu eröffnen, indem Ge­ schichte nicht wiederaufgeführt, sondern vielmehr reaktiviert und im Heute befragt wird. Durch die Konfrontation einer historischen mit der aktuellen Realität bieten sich neue Zugänge zum Ausgangsmaterial, womit es bei allen von Up Till Now angestoßenen Prozessen weniger um originalgetreue Rekonstruktionen, denn um die Eröffnung von Handlungsfeldern geht.

In diesem Sinne entwickelten die eingeladenen KünstlerInnen Ana Hoffner, Stefan Hurtig, Thomas Janitzky und Elske Rosenfeld über den Ausstellungszeitraum neue Performances und Installationen, die mitunter in direktem Dialog und Austausch mit den während der DDR performativ arbeitenden KünstlerInnen Jörg Herold, Via Lewandowsky / Autoperforationsartisten und Gabriele Stötzer / Exterra XX und in Auseinandersetzung mit dem Recherchearchiv entstanden. Das hier gesammelte Material spiegelte während des Ausstellungszeitraums stets neu den Rechercheprozess. Als Auswahl von den KuratorInnen initiiert und folgend von den Beteiligten erweitert und ver­ ändert, war das Recherchearchiv in Form von Kopien aus exis­­­­tie­renden, zum


Thema publizierten Katalogen, Forschungsliteratur und Privat-Archiven sowie historischem Super-8-Film- und Video-Material im Aus­stellungsraum zu­gänglich – jenen Medien also, die die Arbeitsmaterialen derjenigen darstellen, die den eigentlichen Akt nicht selbst erlebt haben und sich später für die performativen künstlerischen Arbeiten interessieren. Im Recherche­ archiv wurde darüber hinaus auch durch Up Till Now produzier­tes dokumentarisches Material präsentiert, so Video- und Audiomitschnitte der ver­ schiedenen Veranstaltungen, die die Begegnungen im Ausstellungsraum dokumentierten. Mit dem Ausstellungsprozess als Auftaktprojekt will Up Till Now auch weiterhin eine eingehende Beschäftigung mit individuellen, künstlerischen Strategien sowie deren Überführung in einen zeitgenössischen Diskurs ermöglichen. Als Ausstellungsmacherinnen sind wir insbesondere daran interessiert, existierende chronologische Narrative zu hinterfragen, Diskursschreibung zu öffnen und Möglichkeiten eines performativen und damit beweglichen Archivs auzuloten. Anna Jehle und Julia Kurz


Gabriele Stötzer (*1953 in Emleben) studierte Germanistik und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt. Bis zu deren Verbot 1981 leitete die Künst­­lerin und Schriftstellerin die unabhängige Galerie im Flur in Erfurt. Gabriele Stötzer ist zudem Mitbegründerin des einzigen nur aus Frauen bestehenden feministischen Performance Kollektivs Exterra XX (1984-1989), das sich dem von der DDR-Diktatur verord­nete Frauenbild widersetzte und die patriarchale Festschreibung von Weiblichkeit künstlerisch unterlief. Heute arbeitet sie gleichermaßen als Künstlerin und Schriftstellerin.


Panel Encountering Performance


Soundinstallation Tischgespräche

Via Lewandowsky (*1963 in Dresden) realisierte gemeinsam mit der KünstlerInnengruppe Autoperforationsartisten (mit Micha Brendel, Else Gabriel und Rainer Görß) während und nach seinem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden im Fachbereich Bühnenbild aufsehenerregende Aktionen, Performances und Happenings. Nach der Auflösung der Gruppe 1991 blieb das Prozesshafte und Szenische weiterhin wichtiger Arbeits- und Forschungsschwerpunkt seiner künstlerischen Praxis.


Nacharbeiten Körper im Körper Haltung 1 (4:08 min), Haltung 2 (5:09 min) Video, 2013 Jörg Herold (*1965 in Leipzig) absolviert nach einer Ausbildung zum Stukkateur ein Studium der Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und der Kunst­ hochschule Berlin-Weißensee. Schon vor seinem Studium war er Teil einer vom offiziellen Kulturbetrieb der DDR unabhängigen Szene kultureller Produktion in Leipzig, aus der sich u. a. die damals noch illegale Galerie EIGEN+ART gründete. In seinen Aktionen, Filmen, Installationen und Zeichnungen beschäftigt sich der selbsternannte ‚Dokumentararchäologe‘ mit Mechanismen des kulturellen Erinnerns.

Jörg Herold

Viele der Arbeiten Jörg Herolds speisen sich aus Recherchereisen zu realen oder fiktiven Orten. Auch der Film Körper im Körper aus dem Jahr 1989, der im Recherchearchiv der Ausstellung gezeigt wurde, stellt so eine Reise dar: Herold begibt sich an ausgewählte Orte seiner eigenen Geschichte in Leipzig. Wenn er in seiner Funktion als ‚Dokumentararchäologe‘ in seinen Arbeiten den Fokus vornehmlich auf in das kulturelle Gedächtnis eingeschriebene Ereignisse lenkt, ist der Film Körper im Körper dem entgegen ein genuin biografischer. Dennoch sind andere Perspektiven als die biogra­ fische möglich. Herold stellt den abstrakten Versatzstücken eines Stadt­bildes einen vermeintlich inneren Dialog an die Seite. In Körper im Körper zeichnet sich bereits Herolds heutige Arbeitsweise ab: Es ist auch hier der ‚Dokumentararchäologe‘, der gräbt, sortiert und für andere interpretierend aufbereitet.

Die Einladung von Up Till Now war so auch Anlass für Herold mittels seiner künstlerischen Praxis zur eigenen künstlerischen Arbeit und insbesondere Körper im Körper zurückzureisen. Die für die Ausstellung entstandene Arbeit Nacharbeiten Körper im Körper. Haltung 1 (4:08 min), Haltung 2 (5:09 min) (2013) ist der Versuch, den Blick zurück so lange zu halten wie nur möglich. Mit der Kamera über Kopf auf 2,02 Meter, seiner eigenen Körpergröße, filmt Herold ein ikonisches Motiv, das so auch aus Körper im Körper oder Baader in Leipzig (1989 mit Matthias ‚Baader‘ Holst) stammen könnte. Die Anstrengung des (Aus-)Haltens ist dabei nicht nur eine physische Heraus­ forderung, was über das zunehmende Zittern des Bildes erkennbar wird und auf die tatsächliche körperliche Aktion im Stadtraum verweist, sondern deutet auch auf das Erinnern als eine intensive, mentale Auseinandersetzung hin. Die Nacharbeiten sind als ein Statement für das Recherchearchiv der Aus­stellung zu begreifen. Die Annäherung dauert exakt einmal 4:08 Minuten und einmal 5:09 Minuten. Vielleicht ist ein längerer Blick zurück gerade nicht möglich, vielleicht auch nicht mehr von Belang.


Nach der Transformation HD-Video, 2013 Ana Hoffner (*1980 in Paracin, JUG) lebt und arbeitet in Wien. Die Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin studierte zuletzt an der Akademie der Bildenden Künste Wien bei Marina Gržinić. Derzeit lehrt und forscht sie als Teilnehmerin des PhD in Practice Programms an der Akademie der Bildenden Künste Wien (AT), unter anderem in den Bereichen Performance und Postkonzeptuelle Kunst, Queer und Postkoloniale Theorie.

Systemwechsel 1989/90. Während sich die politische Situation scheinbar von einem Tag auf den anderen völlig verändert, geht diesem Wandel ein langer gesellschaftlicher Prozess voraus. Gleichsam ist die Transformation mit dem Umbruch 1989 nicht abgeschlossen, was sich insbesondere auch im individuellen Lebenskontext der Menschen spiegelt, die heute im einen wie morgen im anderen System existieren.

Ana Hoffner

Nach der Transformation von Ana Hoffner reflektiert diesen gesellschaft­lichen Wandlungsprozess als individuelle, leibliche Erfahrung, indem sie diese mit der strukturellen Transformation eines Staates verschaltet. Nach der Ein­nahme von Testosteron und einer daraus resultierenden veränderten Stimm­lage begibt sich Hoffner in Behandlung einer Logopädin, die u. a. auch Menschen bei einer Geschlechts­umwandlung begleitet. Ein solches Stimmtraining zielt dabei nicht ausschließlich auf eine äußere Veränderung der Stimme ab bzw. trainiert den Nuancenreich­tum dieser, sondern initiiert gleichzeitig auch einen psychologischen Prozess und eine Veränderung des Habitus. Hoffner, selbst im Jugoslawien der 80er Jahre aufgewachsen, probt mit einem eigens verfassten Skript, das eine (möglicherweise auch ihre) Transformation beschreibt. Gemeinsam mit der Stimmtrainerin erarbeitet die Künst­lerin, wie dieser Text ‚klingen‘ bzw. welche Haltung gegenüber der Transformation transportiert werden soll. Damit öffnet sich das Training hin zu einer eman­ zipatorischen Auseinandersetzung mit der Transformation als Evaluation einer individuellen Haltung gegenüber scheinbar gegebenen äußeren Umständen, die auf eine kollektive Normalisierung und Inkorporation in ein System zielen. Im Video erleben wir so u. a. auch den Moment des Stimmbruchs, jenes brüchige Moment wenn die Transformation schon und doch noch nicht ganz abgeschlossen ist. Wenn Hoffner das Training nach dieser Sitzung stoppt, spart sie eine vollständige Transformation aus. Dieses Aushebeln von Eindeutigkeit markiert einen Standpunkt, der das System der Vereinheitlichung und Angleichung dekonstruieren möchte, indem er von inner- wie außerhalb agiert und dieses damit grundsätzlich in Frage stellt.


Freedom of Sleep (I would prefer not to perform) Performance, 2013

‚Im Neoliberalismus ist der Künstler zum Rolemodel der freien, eigenverantwortlichen und kreativen Arbeitskraft schlechthin avanciert. Gute ‚Performance‘ ist nicht mehr nur ein Kunstbegriff, sondern zum Gradmesser individueller Produktivität aller Menschen in der Arbeitswelt geworden.‘ Stefan Hurtig Das Setting: Ein Sofa in einem sonst leeren Raum, Teppich auf dem Boden, in der gegenüberliegenden Ecke hängt eine Glühbirne von der Decke und beleuchtet den mit feinem Bleistift auf die Wand geschriebenen Satz: I would prefer not to perform. Auf dem Sofa schläft jemand.

Stefan Hurtig

Die Einladung an Stefan Hurtig erfolgte aus dem Interesse an seiner Auseinandersetzung mit dem performenden Körper mittels Video und Installation. Dabei ist es nicht selten Hurtig selbst, der sich inszeniert, dennoch versteht er sich selbst nicht als Performer. Sein Interesse zielt weniger auf den eigentlichen Moment der Aufführung, Hurtig konzentriert sich auf das zu generierende Bild der (Selbst-) Repräsentation, das er mitunter auch zum inhaltlichen Fokus seiner Arbeiten macht. Im Sinne seiner Arbeitsweise wählte Hurtig so auch ein bis heute vielfach repro­ duziertes Bild als Startpunkt für die Beschäftigung mit dem Thema der Ausstellung. Dieses zeigt drei Mitglieder der KünstlerInnengruppe Autoperforationsartisten schlafend zur Eröffnung ihrer Aktion ‚Allez! Arrest – Autoperforationsartistik‘ (1988) in der Galerie EIGEN+ART. Während der zehntägigen Performance schlossen sie sich in der Galerie ein und lebten von den künstlerischen Arbeiten, die sie vor Ort produzierten und die zu den täglichen Öffnungszeiten von 18–20 Uhr gegen ‚Genussmittel‘, ‚Protektion (Hohe Kante)‘ und ‚Dienstleistungen auf kommunikativem Sektor (Trost)‘ eingetauscht werden konnten.

Evozierte diese Aktion im Kontext der DDR u. a. Themen wie die Notwendigkeit der Schaffung eigener, außerstaatlicher Zusammenhänge und die nicht nur metaphorische Eingeschlossenheit von KünstlerInnen im System, so verweist Freedom of Sleep im heutigen Kontext darauf, dass eine Position, ein Handeln und Kritik außerhalb des Systems nicht mehr denkbar ist. Hurtig fragt, wie sich dem Unbehagen gegenüber aktuellen, der Marktlogik folgenden Rollenzuschreibung auf KünstlerInnen begegnen lässt, wenn sich Unangepasstheit, Individualität und Expressivität als Norm etabliert haben. Wenn jede Handlung ohnehin zum Fortbestand und der Intensivierung be­­stehender Strukturen beiträgt, warum dann nicht nichts tun? In seiner Performance Freedom of Sleep lässt Hurtig Herman Melville’s Romanfigur Bartleby (Bartleby der Schreiber, 1856) wieder auferstehen, der sich mit der Haltung ‚I would prefer not to‘ jeder gesellschaftlichen Vereinnahmung durch Verweigerung zu widersetzten versucht.


Stefan Hurtig (*1981 in Zwickau) lebt und arbeitet in Leipzig. Er studierte Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Alba D’Urbano und Prof. Dr. Beatrice von Bismarck. In seinen performativen Videos und Installationen untersucht er die Phänomenologie von Zeigen und Verbergen im Bezug auf Bilder sowie Institutionen der Inszenierung und deren spezifische Displaystrategien.


Ich-AG Geige Vortrag 17 — bestimmte wiederdargebotene Musik Performance (mit Paule Hammer, Daniel Mudra und Markus Psurek), 2013 Thomas Janitzky (*1982 in Jena) lebt und arbeitet in Leipzig. Aktuell studiert er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Helmut Mark. Er ist Co-Initiator der Künstlergruppe ‚Videoklub Das Gefummel, das kann ich nicht leiden‘, sowie Mitglied der ‚Beckett Initiative‘. Er untersucht das Potential der Erzählung, arbeitet mit Vorträgen als künstlerische Praxis, Performances und deren Requisiten.

Thomas Janitzky

AG Geige waren Olaf Bender, Frank Bretschneider, Torsten Eckhardt, Jan und Ina Kummer. Von 1986 bis 1993 performte die Band eine Mischung aus elektronischen Musikelementen, monotonem Sprechgesang mit dadais­ tischen Texten, karnevalesker Kostümierung und experimentellen Visuals – von Malerei bis Video. Ihre Haltung: Eine ‚konsequente Verweigerung von Sinn und die Inthronisierung des Absurden‘, wie Grit Lemke schreibt, die nicht nur ein Lebensgefühl ausdrückte, sondern gleichzeitig auch eine sub­ versive Strategie darstellte, ‚in einem Land‚ wo noch die banalste Lebens­ äußerung als politisches Bekenntnis verstanden wurde‘.* Ich-AG Geige sind Paule Hammer, Thomas Janitzky, Daniel Mudra und Markus Psurek, die seit Up Till Now gemeinsam durch Deutschland touren. Alle Mitglieder von Ich-AG Geige, mit Ausnahme von Daniel Mudra, sind, wie auch bei AG Geige, keine ausgebildeten Musiker und beherrschen die von Ihnen gewählten Instrumente nur rudimentär. Ich-AG Geige versteht sich nicht als Cover Band, die sich an der perfekt nachinszenierten Musikdarbietung mit einer bis ins Detail nachempfundenen Performance und Kostümierung ihres Vorbildes versucht. Bei der Neuinterpretation der ‚bestimmten wiederdar­geboten Musik‘ des Vorbilds mittels originalgetreuer Instrumente handelt es sich vielmehr um den Versuch, den politischen Moment in der Performance von AG Geige in ein Heute zu überführen. In Anlehnung an Konzepte der Selbstvermarktung im Turbokapitalismus, welche insbesondere auch Künst­ lerInnen zu Prototypen der Anpassung an neoliberale Strukturen werden lassen, wird aus AG Geige heute eine Ich-AG Geige. Das nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt zur Finissage von Up Till Now entstandene Plattenlabel kokettiert auf seinem Blog mit werbewirksamen Phrasen der Kundenfreundlichkeit und Selbstinszenierung als Marketinginstrument und führt dadurch ebendiese ad absurdum. Die Kostüme (Pullunder, dicke Bäuche, Krawatten) wirken albern, geben jedoch auch einen Hinweis auf die Integration künstlerischer Praktiken in bürgerliche Lebensweisen und Arbeitsstrukturen. War es bei AG Geige noch der vordergründige Dilettantismus als subversive künstle­ rische Strategie, so verweisen Ich-AG Geige auf die Selbstdarstellung als Instrument der Inszenierung um über ‚Nicht-Können / Dilettantismus‘ hinwegzutäuschen.

* Grit Lemke, AG Geige – ein Amateurfilm, Katalog 56. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm


Unreasonable interference. The Ground, the Benches. Performance (mit Ingrid Cogne), 2013 Elske Rosenfeld (*1974 in Halle / Saale) lebt und arbeitet in Berlin und Wien. Die Künstlerin, Autorin und Kuratorin studierte Soziale Anthropologie und Critical Studies an den Universitäten Edinburgh (UK) und Malmö (S). Derzeit lehrt und forscht sie als Teilnehmerin des PhD in Practice Programms an der Akademie der Bildenden Künste Wien (AT), unter anderem, ausgehend von ihrer eigenen Biografie, zu den politischen Ereignissen und Transformationen von 1989 / 1990, sowie zur Geschichte der Dissidenz in Ost­ europa.

Elske Rosenfeld

In der Performance Unreasonable Interference. The Ground, the Benches (2013) extrahieren die beiden Performerinnen Elske Rosenfeld und Ingrid Cogne Gesten und Körperpositionen aus Fotos der Zuccotti Park / Occupy Proteste in New York und überführen diese in eine fließende, sich immer wiederholende Choreographie. Aus dem Bewegungsablauf der Performerinnen, in der eine körperliche Haltung in die andere übergeht, resultiert eine Flüchtigkeit der politischen Gesten des Widerstands, deren Intensität nur noch kurz aufblitzt. Die Choreographie wird mit einer Liste von Verboten körperlicher Haltungen und Handlungen überlagert, die im November 2011 im Park aufgehängt wurde, nachdem die Besetzung durch die Polizei beendet worden war. Über Kopfhörer erfährt der Besucher / die Besucherin, der Park solle nunmehr ein Ort der ‚passiven‘ Erholung sein; normale Gesten und Aktivitäten, wie sich auf den Rasen oder Bänke zu legen, seien nun nicht mehr erlaubt und demnach eine kriminelle Handlung. Unreasonable Interference verweist auf einen zunehmend auf einer normativen Logik basierenden gesellschaftlichen Zustand. In dieser Logik ist nicht nur jeg­ licher Aspekt des Lebens von ökonomischen Anliegen beeinflusst, sondern es werden aus einem Sicherheitsparadigma heraus auch Strategien im Umgang mit der öffentlichen Äußerung verschiedenster gesellschaftlicher Anliegen normalisiert. Öffent­lichem Protest wird vielfach mit autoritärer Rhetorik, Regulierungsmaßnahmen und gewaltvoller Machtausübung begegnet. Im Bezug auf ihren derzeitigen künstlerischen und theoretischen Forschungsschwerpunkt, beschäftigt sich Elke Rosenfeld aktuell mit der Verbindung von Körperlichkeit und Protest, speziell mit dem Körper als Austragungsort und Archiv kollektiver, politischer Erfahrungen. In diesem Sinne ist die Performance ein Versuch, auf das utopische Potential gerade von alltäglichen Gesten und Handlungen hinzudeuten, die ihre Bedeutung erst durch eine Interpretation als Bedrohung der politischen Ordnung erfahren.


Zeichen / Gesten: Ein Brief an Gabi Faltblatt, Video, 2013

Elske Rosenfeld

Das Faltblatt wurde als Intervention für das Recherche­ archiv der Ausstellung konzipiert. Ein Briefwechsel und Bilder beschreiben eine Bewegung von einer fotografisch-performativen Arbeit von Gabriele Stötzer aus dem Archiv hin zu der Performance Unreasonable Interference. The Ground, the Benches (2013) von Elske Rosenfeld und Ingrid Cogne. Der Briefwechsel zwischen den beiden Künstlerinnen legt die Nähe des Interesses an Gesten und Haltungen des menschlichen Körpers als politischen Moment außerhalb des sprach­lich oder schriftlich Formulierbaren offen. Diesem Austausch stellt Elske Rosenfeld in Zeichen / Gesten: Ein Brief an Gabi Textfragmente aus Lygia Clarks Breviary of the Body (Brasilien / Paris, 1970er Jahre) an die Seite. In jenen Exzerpten tauchen Körperteile und -gesten auf, die an der Schnittstelle zwischen körperlicher Konsti­ tuiertheit und kontextgebundener Erfahrbarkeit einen jeweils spezifischen, politischen Raum markieren. Das Entfalten und Drehen des Blattes, wenn es gelesen wird, lädt wiederum zu einer eigenen Abfolge von Handbe­ wegungen / Gesten ein. Der gestische Umgang mit dem Poster wurde als Projektion zum Teil der Material­ sammlung zu Gabriele Stötzer und im Recherchearchiv der Ausstellung präsentiert.


Barbora Klímová

Für ihre Arbeit Replaced Brno (2006) wiederholte Barbora Klímová im Jahr 2006 fünf Performances von tschechoslowakischen Künstlern der 1950er bis 1980er Jahre im öffentlichen Raum von Brno (CZ). Entscheidend bei der Auswahl der respektiven Performances war für die Künstlerin, dass bereits die historischen Arbeiten im öffentlichen Raum stattfanden und sich deren Gesten nur minimal – im Gegensatz zu choreographierten Performances – von alltäglichen Handlungen unterschieden. Ihren mit versteckter Kamera dokumentierten Reenactments stellt die Künstlerin Auszüge aus Interviews an die Seite, welche sie im Zuge ihrer intensiven Recherchen mit den Performance-Künstlern geführt hat. Die Präsentation wird zudem durch Poster mit Bildern der Original-Performances ergänzt. Klímová will mit Replaced Brno (2006) keine ‚Re-performance‘ von Geschichte vollziehen, sondern sucht die Konfrontation zwischen der historischen und gegenwärtigen Realität. Sie geht davon aus, dass bestimmte Aspekte der historischen Performances aus heutiger Perspektive nicht wiederholbar sind. Im Gegenzug werfen die Reenactments der Performances auch im heutigen, postsowjetischen Tschechien neue Fragen auf.

Replaced Brno (2006) wurde in Up Till Now einerseits als eigenständige künst­ lerische Arbeit gezeigt, stellte aber gleichermaßen auch eine Ein­führung in die Ausstellung und einen permanenten Teil des Recherche­archivs dar. So decken sich Klímovás Fragestellungen zu großen Teilen mit den Anliegen von Up Till Now. Der kuratorischen Entscheidung, den Ausstellungsprozess mit Replaced Brno (2006) zu starten, liegt das gemeinsame Anliegen zugrunde, die Frage nach den Potentialen der Überführung einer vorangegangenen, dokumentierten Geste in eine zeitlich, räumlich wie sozialpolitisch transformierte Wirklichkeit zu verhandeln.


Replaced Brno (2006) Vladimír Havlík, Trial Flower, Olomouc 1981 I replaced cobblestones with flowers. Video 4:04 min, Poster Jan Mlčoch, Remembering P., Cracow 1975 I sold personal possessions, which reminded me of my friends at a market for a period of one hour. Video 4:03 min, Poster Petr Štembera, Sleeping in a tree, Prague 1975 After three days and nights without sleep I spent the fourth night in a tree. Video 98:00 min, Poster Jiří Kovanda, An Attempt at Meeting a Girl, Prague 1977 I invited my friends to witness my attempt at meeting a girl. Video 4:10 min, Poster Karel Miler, Either – or, Prague 1972 I laid face down beside a pavement kerb, and then I laid face down on top of it. Video 4:31 min, Poster


An Attempt to Connect Performance-Lecture von Barbora Klímová

‚I will try to make a contact with the culture of the recent past. The presentation will attempt to mediate untransferable experience through narration demonstration, but also through an mechanical treatment of a printed text.‘ Barbora Klímová In ihrer Performance Lecture An Attempt to Connect sprach Barbora Klímová am Beispiel verschiedener performativer Projekte über ihre künstlerische Arbeitsund Herangehensweise. Sie erläuterte dabei ihre Sichtweise auf das Format des Reenactments als Reflexion historischer Performances sowie deren Veränderung für eine zukünftige Rezeption: ‚It became evident that, besides a probe into public space, my project would reflect and alter the way we now view their performances.‘

Bewegung als Zugang – beweglicher Zugang: Performance (Geschichte) Ausstellen Vortrag mit Prof. Barbara Büscher (Hochschule für Musik und Theater, Leipzig) Prof. Barbara Büscher sprach am Beispiel der Ausstellungen The Artist is present (MoMA, New York), Move – Kunst und Tanz seit den 60ern (Haus der Kunst, München) und 12 Rooms (Museum Folkwang, Essen) über den Umgang mit historischem Performance-Archivmaterial sowie das Kuratieren von Performance in etablierten Kunstinstitutionen.

Barbora Klímová (*1977 in Brno, CZ) studierte an der Fakultät für Bildende Kunst an der Technischen Univer­­sität Brno, sowie am Hoger Institute voor Schone Kunsten in Antwerpen (BE). Seit 2011 ist sie Doktorandin an der Akademie für Bildende Kunst und Design in Bratislava (SK). In ihrer künst­ lerischen Praxis, ebenso wie in ihrer theoretischen Auseinandersetzung, forscht Klímová unter anderem zu verschiedenen Aspekten lokal definierter kultureller Geschichte. Sie hat einen Lehrauftrag am ‚Environment Studio‘ der Universität Brno, das einen kreativen Umgang mit Raum intendiert. Dr. Barbara Büscher ist Professorin für Dramaturgie, Medien­theorie und –geschichte und Intermedialität an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Sie ist Mitherausgeberin des Online Journals MAP – media / archive / performance und publiziert zu postdrama­tischen Theaterformen, Performance-Theorie und Medienkunst.


Re-enact history? Performing the archive! Workshop mit Barbora Klímová Im Zentrum des Workshops für Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen (Kunst, Dramaturgie, Theaterwissenschaften und Kultur­wissenschaften) stand die Frage nach den Möglichkeiten eines performativen Archivs im Kontext von Aus­stel­lungen und der Begriff der ZeugInnenschaft. Im interdisziplinären Austausch wurden Vorschläge und Ansätze zum (künstlerischen, kunstvermitt­lerischen, kura­ torischen und wissenschaft­lichen) Umgang mit historischem Material für eine Debatte im Heute erarbeitet. Ebenso wurde das generelle Verhältnis von Performance zur ihrer Dokumentation u. a. am Beispiel des im Rahmen der Ausstellung entstandenen Dokumentationsmaterials zur Performance Freedom of Sleep von Stefan Hurtig diskutiert.


Panel Encountering Performance Mit dem öffentlichen Panel Encountering Performance waren die Besucher­Innen der GfZK eingeladen in einen Dialog mit allen beteiligten Künstler­Innen zu treten. Das Screening und die Diskussion der durch alle Beteilig­ten ausgewählten Filme am Freitag sowie Inputs und Tisch­ gespräche am Samstag gewährte vielfältige Einblicke in die künstlerischen Strategien der teilnehmenden KünstlerInnen aller Generationen.

Screening Super-8-Filme und Videomaterial aus den Jahren 1986 –1991, ausgewählt von Dr. Frank Eckart, Jörg Herold, Ana Hoffner, Stefan Hurtig, Thomas Janitzky, Via Lewandowsky, Elske Rosenfeld und Gabriele Stötzer. Jörg Herold / PIG, Beiwerk, 1986, 8:40 min Gabriele Stötzer, Veitztanz, 1987, 21:00 min Via Lewandowsky, An meinen Wangen werdet ihr mich erkennen, 1991, 15:00 min Jörg Herold, Baader in Leipzig, 1989, 3:00 min Gabriele Stötzer, Todessprüche, 1987, 4:40 min Autoperforationsartisten, Herz Horn Haut Schrein, 1987, 14:33 min

Tischgespräche Inputs und Tischgespräche in der Ausstellung mit Dr. Frank Eckart, Ana Hoffner, Stefan Hurtig, Thomas Janitzky, Via Lewandowsky, Elske Rosenfeld, Gabriele Stötzer und Christoph Tannert.

Sound-Recordings Audioinstallation mit Aufnahmen der Tischgespräche. Produktion: Hannah Sieben Die Tischgespräche, die nach der Methode des World-Cafés in unter­schied­lichen Zusammensetzungen und unter Beteiligung der BesucherInnen statt­fanden, wurden aufgezeichnet und waren später als temporäre Archiv­ erweiterung in der Ausstellung zu hören.


Impressum Die Ausstellung Up Till Now – Wiedervorlagen historischer Performances und Aktionskunst aus der DDR Forschungsprojekt und Ausstellungsprozess 09. März – 26. Mai 2013 Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig mit Prof. Barbara Büscher, Dr. Frank Eckart, Jörg Herold, Ana Hoffner, Stefan Hurtig, Thomas Janitzky (mit Ich-AG Geige), Barbora Klímová, Via Lewandowsky, Elske Rosenfeld (mit Ingrid Cogne), Gabriele Stötzer, Christoph Tannert, sowie Studierenden der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig u. a. kuratiert von Anna Jehle und Julia Kurz Ausstellungsgestaltung: Leila Tabassomi Termine 08. März 2013, Eröffnung des Ausstellungsprozesses mit der Arbeit Replaced Brno (2006) von Barbora Klímová und dem Up Till Now Rechercharchiv 05. und 06. April 2013, Panel Encountering Performance

ab dem 30. April 2013, Video-Installation Nach der Transformation von Ana Hoffner, Neuproduktion, 2013 05. Mai 2013, Performance Freedom of Sleep von Stefan Hurtig, Neuproduktion, 2013 09. Mai 2013, An Attempft to Connect Performance-Lecture von Barbora Klímová und Vortrag Bewegung als Zugang – beweglicher Zugang: Performance (Geschichte) Ausstellen von Prof. Barbara Büscher, HMT Leipzig 10. Mai 2013, Workshop Re-enact history? Performing the archive!

ab dem 24. Mai 2013, Zeichen/Gesten: Ein Brief an Gabi. Ein Dialog mit dem Recherchearchiv der Ausstellung von Elske Rosenfeld, Neuproduktion, 2013 25. Mai 2013, Performance Freedom of Sleep von Stefan Hurtig, Neuproduktion, 2013 25. und 26. Mai 2013, Unreasonable interference. The Ground, the Benches, Performance von Elske Rosenfeld und Ingrid Cogne, Neuproduktion, 2013 26. Mai 2013, Vortrag als musikalische Darbietung der Ich-AG Geige mit Paule Hammer, Thomas Janitzky, Daniel Mudra und Markus Psurek. Begleitung des Abends mit DJ Donis.

Up Till Now wurde gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen


sowie den Freundeskreis der Hochschule für Grafik und Buchkunst e. V. In Kooperation mit der Galerie für Zeitge­ nössische Kunst Leipzig und der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Dank an alle Beteiligten sowie Lars Bergmann, Beatrice von Bismarck, Michael Ehritt, Sigrid Gareis, Ilina Koralova, Judith Krakowski, Claus Löser / ex.oriente.lux Filmarchiv, Benjamin Meyer-Krahmer, Carsten Möller, Frank Motz / ACC Galerie Weimar, Hein-Godehart Petschulat, Max Schneider, Luise Schröder, Heidi Stecker, Hannah Sieben, Thomas Weski, Franciska Zólyom sowie das Team der GfZK und alle weiteren Unter­stützerInnen! research-uptillnow.tumblr.com


Die Dokumentation Herausgegeben von Anna Jehle und Julia Kurz Texte: Anna Jehle, Julia Kurz Lektorat: Mareike Schneider Gestaltung: Leila Tabassomi Projektfotograf: Peter F. Hermans Leipzig, 2013



Up Till Now - Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig 2013