84 — 85 Antje Senarclens de Grancy
17 Vgl. Ernst Hanisch, Provinzbürgertum und Kunst der Moderne, in: Ernst Bruckmüller u.a. (Hg.), Bildungs bürgertum in der Habsburgermonarchie, Wien 1990, S. 127–139. 18 Verein für Heimatschutz in Steiermark. Nachwort des Statthalters Manfred Graf Clary und Aldringen, in: Tagespost, 19.04.1913. 19 Joseph August Lux, Stadtspaziergänge, IX. Graz, in: Hohe Warte 1 (1904/05), S. 324–325. 20 Zur Vereinsgeschichte vgl. Antje Senarclens de Grancy (Hg.), Identität – Politik – Architektur. Der „Verein für Heimatschutz in Steiermark“, Berlin 2013. 21 Peter Rosegger, Wir müssen uns ein wenig verbauern, S. 208.
Graz als Provinz
Die moderne Großstadt gilt um 1900 einerseits als kollektives, durch innerstädtische Transformationen und architektonische Interventionen angestrebtes Leitbild, ist andererseits aber auch der Entstehungsort kultureller Gegenbewegungen zur als bedrohlich und kulturzerstörend interpretierten Modernisierung. Eng verbunden mit dem Selbstbild als deutsche Stadt, der Fokussierung auf München und süddeutsche Bauformen war die Vorstellung von Graz als mittelgroße, biedermeierlich anmutende Stadt im Sinne eines heimat- und traditionsverbundenen Lebensumfeldes. Mit dem positiv konnotierten, als Gegenbild zur menschenverschleißenden Großstadt verwendeten Begriff „Provinz“17 waren überschaubare Dimensionen, begrenzte Industrialisierung und ein möglichst wenig beeinträchtigtes Stadtbild gemeint, wo die Gefahr der großstädtischen Entfremdung gebannt werden konnte. Als Reaktion und Widerstand gegen die negativen Folgen der Modernisierung wurde die „gesunde“ Kleinstadt gegen die „kranke“ Großstadt ausgespielt. 1913 formulierte Statthalter Manfred Graf Clary und Aldringen in der Grazer Tagespost ein Gegenbild zum „Moloch der Großstadt“: „Nicht Stillstand oder gar Rückschritt streben wir an – nein – Fortschritt, aber eben nur einen solchen, der dem ureigensten Geiste und Sinne unserer Heimat entsprossen ist, denn wahrer Fortschritt ist für den einzelnen Menschen ebenso wie für ein ganzes Volk nur der, der dem innersten Kern der eigenen Seele treu geblieben ist.“18 Und in der Wiener Zeitschrift Hohe Warte beschrieb der Architektur- und Kulturkritiker Joseph August Lux in Bezug auf Graz die negativen Veränderungen der „lieblichen, alten Gartenstadt“, die in der Schablonisierung und „protzige[n], unechte[n] Palastarchitektur“ bestünden. „Es ist an dem Guten der Heimat zu erziehen und Graz hat noch viel von diesem Guten.“19 Das Leitbild der mit einem kleinstädtischen Milieu assoziierten „Heimat“ sollte im deutschnationalen Graz – auch durch die Radikalisierung im Ersten Weltkrieg – vor und nach 1918 zum Standard werden und den Nährboden für die starken völkischen und nationalsozialistischen Tendenzen in dieser Stadt mitbereiten. Mit der 1909 erfolgten Gründung des Vereins für Heimatschutz in Steiermark, zu dessen Mitgliedern vom Anfang an auch die bürgerliche Elite zählte, etablierte sich in Graz diese kulturkonservative Richtung zu einer öffentlichkeitswirksamen, für die Architektur besonders bedeutsamen Plattform und Lobby.20 Die internationale, von Deutschland ausgehende kulturelle Bewegung des Heimatschutzes, die sich die Erhaltung der überlieferten Landschafts- und Stadtbilder und die Förderung einer „heimischen“ Bauweise auf die Fahnen schrieb, kann jedoch keineswegs als „antimodern“ beurteilt werden, sie ist gleichermaßen Teil und Folge des Modernisierungsprozesses. In Ausstellungen (etwa 1910 der „Ausstellung über Pflege der heimischen Bauweise in Deutschland“, Abb. 7), mittels Presseaussendungen und Flugschriften (Abb. 8) wurde für eine an „bodenständigen“ Traditionen orientierte, gleichzeitig aber im Hinblick auf Hygiene und Komfort zeitgemäße Architektur plädiert. Der Verein stand dabei in intensivem Kontakt mit den Heimatschutzvereinigungen im Deutschen Reich. Zur Gründung des Vereins veröffentlichte dessen Mitglied Peter Rosegger den Aufsatz Wir müssen uns ein wenig verbauern, in dem er die reformorientierte und gleichzeitig traditionsbewusste Haltung des Heimatschutzes auf den Punkt bringt: „[...] wenn ein neues Haus gebaut werden muß, so muß es natürlich den neuen Bedürfnissen angepasst werden, soll aber, soweit es diese zulassen, den alten Formen treu bleiben. Die Form muß sich nach dem Hause, das Haus nach dem Zwecke richten. In unserer verrückten Zeit wird tatsächlich von außen nach innen gebaut [...] und das gesunde Gefühl empfindet die schönste Außenseite als hässlich, weil sie dem Zwecke nicht entspricht, also etwas Falsches ist.“21