Aufbruch in die Moderne? Paul Schad-Rossa und die Kunst in Graz

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Graz, die „deutscheste Stadt Österreichs“11

4 Ludwig Muhry, Wettbewerbs­ entwurf für die Verbauung des Sackkais, 1912, GrazMuseum

5 Hans Hönel, Verbauungsprojekt für den Bauplatz Hilger-, Körblerund Bergmanngasse, vor 1914, Privatbesitz

6 Josef Petz, Roseggerhaus, Annenstraße, 1914, Multimediale Sammlungen, UMJ 13 Gemeinderat Pichler in der Gemeinderatssitzung vom 23. März 1910, in: Amtsblatt der landesfürstlichen Hauptstadt Graz, 14 (1910). 14 Vgl. Heidemarie Uhl, Das Grazer Rathaus: Repräsentation urbanen „Fortschritts“ im öffentlichen Raum, in: Gerhard M. Dienes (Hg.), transLOKAL, S. 167–169. 15 Grazer Tagblatt, 17.04.1910. 16 Vgl. Silvia Kislinger, Adolf Ritter von Inffeld. Die Gartenstadtsiedlung am Leonhardbach im Kontext mit der architektonischen Kultur der Steiermark vor 1918, Dipl.-Arb., Graz 1998, o. S. (Biografie).

Wie in vielen anderen europäischen Städten waren auch in Graz um 1900 die meisten Bereiche der Kultur von der Frage der nationalen Identität durchwachsen. Mit der Ablösung des Liberalismus durch nationalistische Ideen in Österreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich vor der Jahrhundertwende auch hier, begünstigt durch die Lage der Steiermark am südöstlichen Rand des deutschen Sprachgebietes, ein starkes deutschnationales Lager mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher Schattierungen.12 In der Abgrenzung zu Wien und dem Selbstverständnis als moderne Großstadt spielt deshalb für das offizielle Graz das Selbstverständnis als „deutsche Stadt“ und als Bollwerk der deutschen Kultur im Südosten der Habsburgermonarchie eine große Rolle – und das, obwohl der Anteil der slowenischen Minderheit mit rund einem Prozent geradezu verschwindend klein war. Im Grazer Gemeinderat, wo Antiklerikalismus, Antisemitismus und Deutschtümelei das Klima prägten, wurde 1910 sogar ein „Ausschuß zur Wahrung des deutschen Wesens der Stadt“ gegründet. Es sei, so ein Gemeinderat, „nichts als das Bestreben nach Aufrechterhaltung des nationalen Friedens und nach Wahrung der Kulturhöhe, wenn die Stadt Graz fremdvölkische Vorstöße schon im Keime zu unterdrücken versucht und nicht zuwartet, bis der nationale Hader bereits eingezogen ist“.13 In diesem nationalen Identifikationsprozess wurde Architektur zunehmend als Symbol nationaler Zugehörigkeit eingesetzt, in Budapest und Prag entstanden etwa durchaus als modern aufgefasste Nationalstile. In Graz stand das 1887 bis 1894 in einem eklektizistischen Stil umgebaute bzw. zum Teil neu errichtete Rathaus (Abb. 3) als Beispiel für das zeitgenössische Verständnis einer für die Repräsentation der „deutschen“ Stadt angemessenen „deutschen Renaissance“.14 München, das um 1900 auch für die Grazer bildenden Künstler ein wichtiger Referenz­ ort war, wurde als Inbegriff deutscher Kultur betrachtet und – nicht zuletzt in Opposition zum multiethnischen Wien – zur „deutschesten Stadt“ schlechthin stilisiert. Anlässlich des Streits um einen geeigneten Bauplatz für das geplante Künstlerhaus regte im April 1910 das Grazer Tagblatt an: „Holen wir uns getrost aus dem stammverwandten München einen oder zwei Meister im Städtebau. Es wird der deutschesten Stadt zur Ehre gereichen, wenn sie im Interesse der Kunst über die Grenze greift. Das wäre endlich etwas praktische Gemein­bürgerschaft.“15 Tatsächlich war der Architekt und Städtebauer Theodor Fischer, Mitbegründer des Deutschen Werkbundes und ab 1908 Professor an der Münchner Technischen Hochschule, eines der wichtigsten Vorbilder für die Grazer Architekten. (Abb. 4) Hans Hönel, der spätere Initiator und Planer des Grazer Werkbundhauses (1928), studierte nach seinem Studium an der Grazer Technischen Hochschule in München bei Fischer, was sich auch an seinen frühen Wohnbauten deutlich ablesen lässt. (Abb. 5) Doch nicht nur München, sondern auch andere deutsche Städte rückten nun ins Blickfeld der Architekten und Baumeister. Zur Vorbereitung seiner als „Gartenstadt“ geplanten Bachmann-Koloni­e am Leonhardbach (Wegenergasse/Sonnenstraße) unternahm Adolf von Inffeld mit einer öffentlichen Subvention eine Reise nach Süddeutschland zum Studium charakteristischer Städte­bilder und der bodenständigen Bauweise, die ihn u. a. nach Passau, Regensburg, Nürnberg, Rothenburg und München führte.16 Auch Josef Petz, der Baumeister des Roseggerhause­s (1914) in der Annenstraße (Abb. 6) und der sogenannten Nürnberge­r Häuser (1904–1906) am Lendkai, war einige Male auf Studienreise in den großen Städten Deutschlands.


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