turi2 edition #5 The Digital Me - Das Ego in Zeiten des Internets

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Sportbuzzer

Der Cheftrainer Der Sportbuzzer von Madsack bündelt das Fußballgeschehen in Deutschland – egal ob Champions League oder Kreisliga. Sportchef Marco Fenske sorgt dafür, dass der digitale Ball rollt Von Markus Trantow

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erfen, fangen, werfen, fangen ... Wenn Marco Fenske in seinem Büro der Madsack-Zentrale in ­Hannover sitzt und telefoniert, hat sein Baseball keine ruhige Minute. „Mein Stressball“, sagt Fenske. Passt zu einem Ex-Amateur-Kicker. Mit Bällen umgehen, das kann Fenske. In seiner aktiven Zeit hat es der 34-Jährige zwar nur bis in die Kreisliga gebracht, in seinem Heimatverein SV Bredenborn ist Fenske aber bis heute Torschützenkönig des Jahrtausends. Seit Beginn des Millenniums hat kein Spieler öfter pro Saison getroffen als er. Torjubel sieht Fenske heute meist indirekt – auf dem Flach­ bildschirm gegenüber seinem Schreibtisch. Dort beobachtet er die Besucherzahlen auf sportbuzzer.de, denn Fenske ist für den Erfolg der zeitungsübergreifenden Fußball-Plattform verantwortlich. Wenn Hansa Rostock oder RB Leipzig spielen, schnellen die Zahlen in die Höhe. Der Live-Ticker ist dann die meistgeklickte Seite. „Die Mehrheit unserer Leser interessiert sich für ihren Verein vor Ort“, sagt Fenske. Rund drei Viertel aller Klicks verbuchen regionale Inhalte. Schon zum Start 2013 ist Regionalität die Stärke des Sportbuzzers. Er entsteht zwölf Mal: unabhängige Sportportale, die als Beiboote neben den Sportseiten der Madsack-Zeitungen schippern. Entwickelt hat sie Uwe Dulias, selbst SportReporter und Erfinder von bild.de. Eine der Grundideen: Hier sollen die Mannschaften aus den unteren Ligen aufspielen. Vereine und Fans können selbst Spielberichte publizieren, später Fotos und Videos hochladen. Vorbild und Konkurrent ist das Portal FuPa.net. Das Startup, 2006 von einem Schüler gegründet, funktioniert nach demselben Prinzip. Als es durch Kooperationen immer größer wird, setzt Dulias ihm ein eigenes Portal entgegen. Den Sportbuzzer. Heute ist Dulias beim Sportbuzzer der Elder Statesman. Fenske schätzt den Input des fast dreißig Jahre älteren Journalisten: „Ich wäre ja auf den Kopf gefallen, wenn ich auf seine Erfahrung und Expertise verzichten würde.“ Mehrmals pro Woche tauschen sich Gründer und Geschäftsführer mit­einander aus. Und Dulias steht schon mal um halb elf am Vormittag im Büro von Fenske und fragt, warum auf der Webseite nur Artikel vom Vortag stehen. Anfang 2017 baut Fenske das Sportbuzzer-Konzept radikal um. Aus den zwölf regionalen Plattformen machen er und seine Mannschaft ein großes Portal mit zwölf Unterseiten. Er verteilt die Arbeit neu: In der Zentrale in Hannover entstehen die überregionalen Texte und Bildergalerien, die auf allen Seiten der Madsack-Gruppe laufen. Die Regional-Reporter sollen stattdessen ihre ganze Energie in den Fußball vor Ort stecken.

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Unumstritten ist der Umbau nicht. Der Betriebsrat fürchtet Stellenabbau, weil die Sportredaktionen der „Hannoverschen Allgemeinen“ und der „Neuen Presse“ zusammen­gelegt werden. Auch die Onliner sind skeptisch. Wenn Fußball nicht mehr auf den Portalen der Zeitungen läuft, zieht der Sportbuzzer womöglich Klicks ab. „Wir haben keine Stellen abgebaut“, kontert Fenske, „ganz im Gegenteil: Wir stellen Journalisten ein.“ Auch die Kannibalisierungs-Ängste seien unbegründet. Der Sportbuzzer zieht zwar 15 Prozent seines Traffics von Zeitungsportalen; die Zahl der Nutzer, die das Portal via Google oder direkt ansurfen, ist aber fast fünfmal so hoch. Wie schafft es der Fußball-Tanker aus Hannover, in Kiel, Rostock oder Leipzig ein wendiges Schnellboot zu sein? „Ich sehe uns als eine große Sportredaktion, egal, wo in Deutschland die Kollegen arbeiten“, sagt Fenske. Mindestens zweimal im Jahr trifft er sich mit allen Sportchefs zum Workshop. Dreimal pro Woche schaltet er sich per Video-Konferenz mit allen Standorten zusammen. Für jede Redaktion definieren Fenske und sein Team Zielvorgaben, helfen aber auch, diese zu erreichen. Wenn es in Potsdam nicht läuft, sieht der Cheftrainer in Hannover das als eigene Niederlage. Das digitale Kurzpassspiel zwischen den Regionen und der Zentrale ist ein Erfolgsrezept. Über ein zentrales Portal sehen alle Sportbuzzer-Journalisten in Echtzeit, woran die Kollegen von Kiel bis Leipzig arbeiten. Nur bei den gedruckten Seiten für die Zeitungen gibt es Nachholbedarf. Ein Drittel der Sportbuzzer-Standorte kann fertige Sportseiten nicht selbst ändern, sondern muss dafür die Zentrale anrufen. Grund sind unterschiedliche Redaktions-Systeme, die aber Schritt für Schritt umgestellt werden sollen. Dass Marco Fenske sich dann zurücklehnt, ist kaum vorstellbar. „Ich bin eigentlich nie zufrieden.“ Der Sportchef hat viele Pläne. Seit diesem Jahr versucht sich der Sportbuzzer zum ersten Mal mit einer Show im Web-TV. Bei der Premiere diskutieren Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick, Sportkommentator Wolff Fuss und Ex-Spieler Stefan Effenberg. Fenske schwitzt Blut und Wasser, weil die Skype-Schaltung zum früheren Gladbach-Trainer Lucien Favre erst Sekunden vor der Sendung funktioniert. Künftig soll die Talkshow dreimal pro Saison laufen. Und dann ist da ja noch die Idee des Sportbuzzers als Mitmachportal. Die Funktion war abgeschaltet – aus technischen Gründen, sagt Fenske. Seit Juni können User ihre Texte wieder veröffentlichen. Und es sollen mehr werden: Fenske will verstärkt um Schreiber aus den Amateurligen werben.

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