turi2 edition #20, Agenda 2023 – Nachhaltigkeit. Vielfalt. Resilienz.

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Agenda 2023. Was wirklich wichtig wird: Vielfalt. Nachhaltigkeit. Resilienz.

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Die Buchreihe

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Die turi2 edition ist das Clubmagazin der 10.000 wichtigsten Kommunikationsprofis aus Medien, Wirtschaft und Politik in Deutschland. Sie bekommen es als Printausgabe zugeschickt, auf Wunsch als E-Paper. Die turi2 edition liefert Inspiration und Entschleunigung und baut der Community eine Bühne. Sie bietet monothematische Tiefe, außergewöhnliche Optik und zupackende Texte. Sie ist eng mit dem digitalen Angebot auf turi2.de verknüpft. 2016 wurde die turi2 edition mit dem Bayerischen Printmedienpreis ausgezeichnet

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Die Macherinnen*

Die Macherinnen*

Peter Turi bleibt 2023 dem Medium Papier auch im Umbruch treu

Heike Turi freut sich auf neue, unausgetretene Pfade

Peter Turi bleibt 2023 dem Medium Papier auch im Umbruch treu Heike Turi freut sich auf neue, unausgetretene Pfade

Markus Trantow will ein paar Wochen lang Workation ausprobieren

Markus Trantow will ein paar Wochen lang Workation ausprobieren

Elisabeth Neuhaus hofft auf deutlich mehr Schlaf Anne-Nikolin Hagemann sehnt sich nach ein bisschen Langeweile Nancy Riegel möchte 2023 keine Corona-Tests mehr machen müssen

Elisabeth Neuhaus hofft auf deutlich mehr Schlaf

Anne-Nikolin Hagemann sehnt sich nach ein bisschen Langeweile Nancy Riegel möchte 2023 keine Corona-Tests mehr machen müssen

Tim Gieselmann würde gerne zu viel Trouble gegen mehr Trubel tauschen

Tim Gieselmann würde gerne zu viel Trouble gegen mehr Trubel tauschen

Sarah Risch hofft auf Resilienz beim nächtlichen Windelwechseln

Sarah Risch hofft auf Resilienz beim nächtlichen Windelwechseln

Johannes Arlt braucht wieder mehr Draußen und weniger Drinnen

Johannes Arlt braucht wieder mehr Draußen und weniger Drinnen

Ella Beyer wünscht sich für 2023 drei weitere Wünsche Uwe C. Beyer wünscht sich, dass er im nächsten Jahr nicht immer als Letzter genannt wird * Männer sind mitgemeint

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Die Macherinnen*

Die Macherinnen*

Peter Turi bleibt 2023 dem Medium Papier auch im Umbruch treu

Heike Turi freut sich auf neue, unausgetretene Pfade

Peter Turi bleibt 2023 dem Medium Papier auch im Umbruch treu Heike Turi freut sich auf neue, unausgetretene Pfade

Markus Trantow will ein paar Wochen lang Workation ausprobieren

Markus Trantow will ein paar Wochen lang Workation ausprobieren

Elisabeth Neuhaus hofft auf deutlich mehr Schlaf Anne-Nikolin Hagemann sehnt sich nach ein bisschen Langeweile Nancy Riegel möchte 2023 keine Corona-Tests mehr machen müssen

Elisabeth Neuhaus hofft auf deutlich mehr Schlaf

Anne-Nikolin Hagemann sehnt sich nach ein bisschen Langeweile Nancy Riegel möchte 2023 keine Corona-Tests mehr machen müssen

Tim Gieselmann würde gerne zu viel Trouble gegen mehr Trubel tauschen

Sarah Risch hofft auf Resilienz beim nächtlichen Windelwechseln

Tim Gieselmann würde gerne zu viel Trouble gegen mehr Trubel tauschen Sarah Risch hofft auf Resilienz beim nächtlichen Windelwechseln

Johannes Arlt braucht wieder mehr Draußen und weniger Drinnen

Johannes Arlt braucht wieder mehr Draußen und weniger Drinnen

Ella Beyer wünscht sich für 2023 drei weitere Wünsche Uwe C. Beyer wünscht sich, dass er im nächsten Jahr nicht immer als Letzter genannt wird

* Männer sind mitgemeint

Ella Beyer wünscht sich für 2023 drei weitere Wünsche Uwe C. Beyer wünscht sich, dass er im nächsten Jahr nicht immer als Letzter genannt wird * Männer sind mitgemeint

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Deutschlands wichtigste Vertrauensträger

Erst durch Vertrauen wird Kommunikation wirksam. Es ist eine der wichtigsten Emotionen, wenn es darum geht, echte Beziehungen entstehen zu lassen. Das gilt für Verbindungen der Menschen untereinander, aber auch für die Beziehung zwischen Menschen und Marken.

Kommunikation braucht Vertrauen. Denn erst dadurch entsteht eine echte Beziehung – zwischen Menschen untereinander ebenso wie zwischen Menschen und Marken. Die Markenberatung Edelman forscht regelmäßig zum Thema Vertrauen und kommt 2022 zu dem Ergebnis, dass zuverlässige Informationen besonders wichtig sind – für Institutionen, Medien, aber auch und vor allem für Wirtschaftsunternehmen. Ihnen kommt aus Sicht der Menschen heute eine hohe Verantwortung zu. Marken erhalten dafür einen konkreten Nutzen: Vertrauen animiert zur Aktion, erhöht die Kaufbereitschaft und stärkt die Markenbindung. Über das Umfeld, in dem sie erscheint, kann Werbung das Vertrauen der Menschen gewinnen. Eine Studie der Havas Media Group zeigt diesen „Abstrahl­Effekt“ auf die Werbung – und kann ihn sogar genauer beziffern: Das Vertrauen in die Werbung, die in den Umfeldern der Nachrichtenorganisation geschaltet wird, bleibt demnach je nach Kanal bei 69 bis 83 Prozent des Vertrauens, das die Leser in die Organisation haben.

Beim Blick auf das große Ganze identifiziert man Vertrauen als einen wesentlichen stabilisierenden Faktor für Demokratie, Wirtschaft und sozialen Zusammenhalt. Das Institut der deutschen Wirtschaft zählt Vertrauen deshalb zum „Sozialkapital einer Gesellschaft“. Ist es intakt, wirkt es sich positiv auf Wohlstand, Wachstum und Zusammenhalt aus.

Zuverlässige Orientierung, auf die wir vertrauen können, ist in krisengeprägten Zeiten besonders wichtig. Vertrauenswürdige Institutionen und Partner bilden hierfür ein starkes Fundament. Allen voran gehört in einer Demokratie die freie Presse dazu.

Auch deshalb sind einer überwältigenden Mehrheit von 88 Prozent der Bevölkerung (b4p 2022 I) vertrauenswürdige Informationsquellen wichtig. Gerade in einer in weiten Teilen unübersichtlichen Welt bedeuten glaubwürdige Informationen Komplexitätsreduktion – man muss sich nicht immer neu vergewissern, ob eine Informationsquelle seriös ist oder nicht. Auch in der Wirtschaft gewinnen transparent kommunizierende Unternehmen an Bedeutung. Nicht ohne Grund war „It’s all about Trust“ Thema des Deutschen Marketing Tags 2022.

Die relevantesten Vertrauensträger im Markt sind Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche Zeitung. Eine aktuelle Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) belegt die hohe Glaubwürdigkeit der beiden Medienmarken in breiten Bevölkerungskreisen. Bei Menschen mit hoher formaler Bildung und bei Entscheiderinnen und Entscheidern genießen sie sogar noch ein deutlich höheres Vertrauen.

Die exzellente Qualität und hohe Glaubwürdigkeit, die ihren Ursprung in den gedruckten Zeitungen haben, begründet ihr hohes Renommee auf allen Kanälen und in immer neuen Formaten – von der klassischen Website über Newsletter bis zu Podcasts. Deshalb ist ihre Reichweite in der Bevölkerung heute so hoch wie nie.

Die Frankfurter Allgemeine ist für Spitzenkräfte in Wirtschaft, Politik und Verwaltung die vertrauenswürdigste Medienmarke (Elite-Panel 2022 des IfD). Dieses Renommee wirkt in breite Bevölkerungskreise und die digitale Welt: F+-Abonnements haben innerhalb eines Jahres um 42 Prozent zugelegt (tNR Oktober 2022, IVW).

Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche Zeitung ziehen gerade in der digitalen Welt immer mehr Menschen an. Die digitalen Angebote gewinnen kontinuierlich und kraftvoll zahlungsbereite Abonnentinnen und Abonnenten. Kein Wunder: Schließlich sind in einer von Desinfomationen gefluteten Umgebung glaubwürdige Quellen besonders gefragt. Erst sie ermöglichen einen sinnvollen und zielführenden Diskurs all jener, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit gestalten wollen. Das bedeutet auch:

Die Süddeutsche Zeitung ist die auflagenstärkste überregionale Qualitätstageszeitung in Deutschland. Auch digital vertrauen immer mehr Menschen der Medienmarke aus München: Im Oktober 2022 hat SZ Plus über 150.000 tägliche Nutzungsrechte bzw. Abonnements verkauft, das sind 44 Prozent mehr als noch vor einem Jahr (IVW).

Auch eine Studie der Quality Alliance belegt die Wirkung von Vertrauen eindrucksvoll. So sichern Qualitätsumfelder beim Vertrauen einen Uplift der Werbemittel­Bewertung von 29 Prozent. In gebrandeten Umfeldern werden Werbemittel auch als objektiver, ehrlicher oder informativer bewertet. Über alle Statements, Kanäle und Werbemittel hinweg profitierte Kommunikation in den Umfeldern der untersuchten Qualitätsmedien von einem Uplift von 28 Prozent. REPUBLIC, der Vermarkter von Frankfurter Allgemeine und Süddeutscher Zeitung, bietet auf seiner Website vertiefende Informationen rund um das Thema Vertrauen: www.republic.de/vertrauen

Anzeige

Zwischen 50 und 60 Prozent der Bevölkerung vertrauen der Frankfurter Allgemeinen bzw. der Süddeutschen Zeitung, unter den Entscheidern sind es sogar rund 75 Prozent. Kommunikation profitiert davon.

Uplift durch Qualitätsumfelder Werbemittelbewertung in gebrandeten vs. ungebrandeten Umfeldern (Auswahl) objektiver

vertrauenswürdiger

Vertrauen wirkt.

Uplift für Ihre Kampagnen

Statement: Welche der Ihnen bekannten Zeitungen/Zeitschriften halten Sie generell für besonders seriös bzw. vertrauenswürdig? Entscheider: Abgrenzung entsprechend AWA 2022, Codebuch, S. 215 Quelle: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage Nr. 12057 (Mehrthemenumfrage Juli 2022) Quelle: Quality Alliance Studie 2018,
Gesamtbevölkerung 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Entscheider F.A.Z./F.A.S. SZ Welt/WamS Die Zeit Handelsblatt
Umfeldtest
Besonders seriös/vertrauenswürdig (Zeitungsmarken in %)
+57%
+35%
+29%
ehrlicher

»Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.«

Max

Inspiration für Kommunikationsprofis aus Medien, Wirtschaft und Politik

Verlag turi2 GmbH Alwinenstraße 23a, 65189 Wiesbaden 0611/3609 5480, edition@turi2.de turi2.de/edition

Herausgegeben von Heike und Peter Turi

Chefredaktion Anne-Nikolin Hagemann, Elisabeth Neuhaus, Markus Trantow Redaktion Tim Gieselmann, Nancy Riegel

Autorinnen Eva Casper, Pauline Stahl Lektorat Nancy Riegel Gestaltung Ella Beyer, Uwe C. Beyer

Fotochef Johannes Arlt Fotos und Videos Johannes Arlt, Ian Ehm, Holger Talinski

Online-Content Björn Czieslik, Tatjana Kerschbaumer, Melis Ntente, Fritz Ramisch, Daniel Sallhoff Video- und Audioschnitt Uwe Mühtz, Thomas Röcker

Verlagsleitung Sarah Risch

Verlag Fabia Goetze, Svenja Kordmann Mediadaten turi2.de/media

Abonnements turi2.de/abo

Druck Schleunung, Marktheidenfeld, schleunung.com Lithografie freihafen studios, freihafen.de

Die News aus Medien, Wirtschaft und Politik kostenlos ins Postfach: turi2.de/newsletter

Live-Events für die Community: turi2.de/clubraum Mehr als 900 Promis: turi2.de/koepfe

Der Stellenmarkt der Kommunikation: turi2.de/jobs Die kommenden editionen: www.turi2.de/edition

Ausgabe 20, 2023, 20,- Euro ISBN 978-3-949673-05-4 · ISSN 2366-2131

Eben noch Gewitter, jetzt wieder Sonne. Und dazwischen der Regenbogen.

Rot steht für Liebe, Orange ist die Farbe der Hoffnung, Gelb die der Zukunft. Grün steht für Wachstum, Blau für die Wahrheit. Und schließlich Violett als Farbe der Versöhnung und Vielfalt.

Nach dem Gewitterjahr 2022 brauchen wir alle genau das: eine ordentliche Portion Regenbogen. Und das Versprechen: Alles ist möglich.

Heike und Peter Turi Foto: Mateus Campos Felipe
Inhalt 12 Willkommen im Club! 146 Schlussbesprechung 2022 – das Jahr 16 12 Zitate 30 22 Gewinnerinnen von 9-Euro-Ticket bis Wärmepumpe 44 22 Verliererinnen von Amazon bis Gerhard Schröder Kurz & Listig 86 Zahlen bitte! 98 23 Köpfe für 2023 112 23 Dinge, die wir 2023 nicht mehr hören wollen 7 Fragen, 7 Antworten 28 Evelyn Palla 28 Monika Schaller 28 Paul Ronzheimer 60 Tessa Ganserer 60 Elke Schneiderbanger 88 Maybrit Illner 88 Thomas Rathnow Interviews 18 Paul Remitz über Marken und Muse 32 Aline Abboud über Moderation und Mental Health 90 Düzen Tekkal über Kraft und Krisen 102 Judith Wiese über Resilienz und Ressourcen 124 Rainer Esser über Zahlen und Zeit 136 Parshad Esmaeili über TikTok und Toiletten Agenda-Gespräche 46 Dirk Steffens Journalist und Naturfilmer 48 Katrin Eigendorf Kriegs- und Krisenreporterin 50 Michael Trautmann Werber und Podcaster 52 Konstantina Vassiliou-Enz Journalistin und Vielfaltsaktivistin 54 Kai Gniffke ARD-Vorsitzender 58 Janina Kugel Managerin und Aufsichtsrätin 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 34 35 82 83 106 107 130 131 144 145 146 147 148 149
110 Isabell Beer Investigativ-Journalistin 112 Christoph Keese Innovations- und Digitalexperte 116 Henning Beck Neurowissenschaftler 120 Katrin Kolossa Marketerin, und Laura Gehlhaar Aktivistin 23 vielfältige Fragen an 23 resiliente Köpfe 64 Özden Terli Meteorologe und ZDF-Moderator 64 Io Görz Journalist*in infranken.de 65 Giny Boer CEO C&A 66 Kirsten Ludowig Journalistin „Handelsblatt“ 67 Bettina Billerbeck Geschäftsführerin Beautiful Minds Media 67 Uwe Storch OWM-Vorsitzender 68 Thimo Stoll Partner KPMG 69 Susanne Krings Geschäftsführerin Ressourcenmangel 70 Ingrid Hengster CEO Barclays 72 Birand Bingül Geschäftsführer FischerAppelt Advisors 72 Sara Weber Journalistin und Autorin 73 Mariam En Nazer Managerin Penguin Random House 74 Corinna Tappe Geschäftsführerin Startup Teens 76 Stephanie Kächele Business Controller Bosch 77 Isabel Gabor Werberin und Gründerin 78 Ana-Cristina Grohnert Vorstandschefin Charta der Vielfalt 78 Juliane Schmitz-Engels Kommunikationschefin Mastercard 80 Jagoda Marinić Journalistin und Podcasterin 81 Charilaos Avrabos Kommunikationschef Philip Morris 82 Nina Straßner Global Head of People Initiatives SAP 82 Magdalena Rogl Diversity and Inclusion Lead Microsoft 84 Miriam Junge Diplom-Psychologin 85 Ronald Focken Managing Partner Serviceplan 46 47 70 71 94 95 118 119 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 142 143 132 133 134 135 136 137 150 151 152 138 139 140 141
Paul Ronzheimer Seite 28
Das Video: turi2.de/koepfe Dirk Steffens Seite 46 Das Video: turi2.de/koepfe Das Video: turi2.de/koepfe Aline Abboud Seite 32 Das Video: turi2.de/koepfe Der Podcast: turi2.de/koepfe
Esser Seite 124 Düzen Tekkal Seite 90
Judith Wiese Seite 102
Rainer
18 Das Video: turi2.de/koepfe Das Video: turi2.de/koepfe Fotos: Holger Talinski, Johannes Arlt, Ian Ehm, PR, Picture-Alliance, Tobias Schult
Paul Remitz Seite

Willkommen im Club!

Diese klugen Köpfe links sind nur zehn der 20.000 Meinungsmachenden aus Medien, Wirtschaft und Politik, die zusammen die turi2-Community bilden. Sie finden bei turi2 Inspiration und Information, eine Bühne und einen Kommunikationsraum.

turi2 Join Es ist ganz einfach, Teil von turi2 zu sein. Wer sich unter turi2.de/join einträgt, kann unter turi2.de/jobs kostenlos Stellenausschreibungen für Top-Talente aufgeben, On- und OfflineEvents unter turi2.de/termine veröffentlichen und sich für die Datenbanken turi2.de/koepfe und turi2.de/firmen anmelden.

turi2 Agenda-Wochen Die klügsten Köpfe der turi2 Community geben Auskunft, wie sich die Welt der Medien und Marken aufstellen muss, um angesichts multipler Krisen zukunftsfähig zu bleiben. In Podcasts, Fachinterviews und Gastbeiträgen stellen wir unter turi2.de/agenda2023 Menschen, Medien und Marken vor, die Vielfalt, Nachhaltigkeit und Resilienz fördern und fordern – und bieten spannende Beispiele und wertvolle Tipps für den Alltag.

turi2 Wissen Alles über Newsletter, alles über Podcasts: In den digitalen Specials von turi2 finden Kommunikationsprofis jede Menge Inspiration und Know-how. Die coolsten Tipps und smartesten Tricks zum Thema Newsletter und die besten Profi-Tipps für Technik, Konzeption und Produktion, Vermarktung und Vertrieb von Podcasts kostenfrei zum Nachlesen und Nachhören unter turi2.de/wissen

turi2 Morgen-Newsletter In drei Minuten informiert und inspiriert. Der turi2 Morgen-Newsletter liefert sieben Mal pro Woche morgens das Wichtigste für Kommunikationsprofis kostenlos ins E-Mail-Postfach. Werktags auch am Abend. Einfach anmelden unter turi2.de/newsletter

E-Paper gratis Du kannst diese Ausgabe kostenlos als E-Paper lesen und teilen. Alle Inhalte sind im Volltext durchsuchbar; Videos, Podcasts und Anzeigen sind direkt verlinkt unter turi2.de/edition20

Wie kann ich turi2 für meine Kommunikation nutzen? turi2 funktioniert bestens z.B. für Image-Werbung, für Klicks auf Info-Angebote und für den Dialog mit Meinungsmachenden. turi2.de/media

13 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Parshad Esmaeili Seite 136 Das Video: turi2.de/koepfe Isabell Beer Seite
30
Henning Beck Seite 116 Das Video: turi2.de/koepfe Das Video: turi2.de/koepfe

Lebe fantastisch

Bude smart – wie fantastisch ist das denn?

Ob Haushaltsgeräte, Heim- und Gartenwerkzeuge, Smart Home Lösungen oder Heizungs- und Klimageräte – unsere Produkte machen wirklich jede Bude smart. Wir bei Bosch entwickeln ständig neue Technologien, damit du wie DIE FANTASTISCHEN VIER noch einfacher, smarter, gesünder und nachhaltiger leben kannst. bosch.com

Februar

»Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor«

Kanzler Olaf Scholz über die Folgen des Angriffskriegs auf die Ukraine

März

»Violence in all of its forms is poisonous and destructive«

Schauspieler Will Smith sagt Chris Rock für die Oscar-Ohrfeige öffentlich Sorry

Januar

»Covid-19

April

»Man muss sein Herz schützen«

Staatssekretärin und Ex-Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan rät, nicht alle schlechten KlimaNews an sich heranzulassen

Mai

»Ständig reden wir von Jahrhundertereignissen. Aber wir sind ja erst im Jahr 22 von diesem Jahrhundert«

Eckart von Hirschhausen wünscht sich eine andere Klima-Berichterstattung August

»Eine Gratismentalität ist nicht nachhaltig finanzierbar, nicht effizient und nicht fair«

Finanzminister Christian Lindner schießt gegen das 9-Euro-Ticket

Juli

»Wir haben alles an Herz, an Schweiß, an Leidenschaft, an Kampf, an Energie heute auf diesem Platz gelassen«

Nationaltrainerin Martina VossTecklenburg nach der Niederlage der Fußball-Frauen im EM-Finale

September

»Sein Zweitwohnsitz wird gerade auf den Frontseiten der Boulevardzeitungen eingerichtet«

Gabor Steingart über den neuen britischen König Charles III.

Oktober »Wir müssen diesen Vulkan an Mut brodeln lassen«

Komikerin Enissa Amani fordert Unterstützung für die protestierenden Menschen im Iran

Juni

»Dieser Kampf ist vorbei« Ärztin Kristina Hänel freut sich über die Abschaffung des „Werbeverbots“ für Abtreibungen

Dezember

»Mein Bedarf an Arschlöchern ist gedeckt«

Kurt Krömer begründet das Ende seiner RBB-Show „Chez Krömer“

16 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Twittervogel befindet
mittlerweile in einem
Umfeld
November »Der
sich
problematischeren
als die Meisen in Gerhard Schröders Garten«
Entertainer Micky Beisenherz spottet über das TwitterChaos nach der Übernahme durch Elon Musk
ist keine Grippe«
Brinkmann
die
Virologin Melanie
wirbt für
CoronaImpfung und kritisiert verharmlosende Vergleiche
12 Monate 12 Zitate Geflügelte Worte aus 2022
klimaneutral.*
unsere Zukunft: Klimaschutz kann auch einfach sein. deutschebahn.com/CO2sparen * Die Deutsche Bahn wird bis 2040 klimaneutral sein.
Für

»Ich mag den Begriff Sterben nicht. Ich bevorzuge Transformation«

Hinter dem Erfolg eines Unternehmens steckt immer ein kluger Kopf.

Paul Remitz, CEO der Omnicom Media Group Germany, spricht über Medien im Wandel und die Demokratie zersetzende Kräfte, die Macht der Agenturen und wie Deutschland den Turnaround schafft

Von Heike Turi (Text) und Johannes Arlt (Fotos)

Paul Remitz im Videofragebogen turi2.de/koepfe

»Unsere Branche hat unter falschen Voraussetzungen Glaubenssätze gebildet und vieles in eine falsche Richtung getrieben«

20 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

Paul, Du zählst zu den wichtigsten Werbemanagern in Deutschland. Du führst die Omnicom Media Group Germany gerade an die Spitze der Branche. Das ist doch kein Grund, Schwarz zu tragen.

Schwarz hat für mich eine grundsätzlich positive Bedeutung. In Ägypten zum Beispiel, wenn der Nil über die Ufer getreten war, machte der schwarze Nilschlamm den Boden fruchtbar. Schwarz steht dort also für Kreativität. Für mich steht Schwarz auch für die Region, aus der ich stamme, aus dem Ruhrgebiet. Die Bergmänner waren alle schwarz von Kohle im Gesicht und haben Schwarz getragen. Untertage sind alle gleich. Das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt und Teil der Geschichte und Kultur Deutschlands. Ich könnte aber auch antworten: Schwarz ist einfach praktischer.

Wir haben in den Achtzigern gemeinsam Marketing studiert, da stand die Farbe Schwarz für Coolness und technologischen Fortschritt. Der technologische Fortschritt hat auch unsere Medienlandschaft zu einer anderen werden lassen. Welche Medien nutzt du heute?

Ich nutze überwiegend digitale Medien, um mich zu informieren oder unterhalten zu lassen. Ich habe diverse Newsletter abonniert, wie zum Beispiel den vom „Handelsblatt“ und turi2 oder auch Digiday Daily. Ich höre auch mal Podcasts, allerdings weniger für den Job, sondern eher, wenn es um Sport geht. Vor

allen Dingen aber bin ich ein totaler Hörbuch-Fan. Hörbücher sind definitiv das Medium, das ich am meisten nutze – nicht nur Krimi, auch Fachliteratur. Zehn Minuten Hörbuch, danach bin ich voller Energie, das ist besser als jedes Red Bull.

Für die werbetreibenden Unternehmen und Agenturen bieten TikTok, Insta und Co reichlich Optionen, noch näher an uns Konsumentinnen heranzutreten und zu interagieren. Ist das für euch Werber der Himmel auf Erden?

Auf den ersten Blick schienen die digitalen Plattformen attraktiv. Die werbungtreibende Industrie träumte von einer besseren Zielgruppen-Segmentierung. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Plattformen haben nicht zu einer erhöhten Transparenz beigetragen. Zielgruppen-Daten sind nur sehr eingeschränkt zugänglich. Wir haben es mit „Walled Gardens“ zu tun. Einen verlässlichen Datenpool aufzubauen, ist unfassbar aufwendig. In Sachen Praktikabilität und Effizienz-Steuerung sind TikTok und Co alles andere als der Himmel auf Erden.

Siehst du den Schwarzen Peter bei den Plattformen?

Niemand ist hier frei von Sünde. Die genaue Zielgruppen-Ansprache im Online-Marketing, das individuelle Targeting wurde von uns lange als Königsdisziplin gesehen. Unsere Branche hat unter falschen Voraussetzungen Glaubenssätze gebildet und vieles in eine falsche

Richtung getrieben. Dabei haben wir vergessen, darauf zu achten, was wirklich zählt, nämlich: Wie steigere ich als Marke meine Relevanz beim Konsumenten?

Welche gesellschaftlichen Folgen hat das? Auf den Plattformen von Facebook, YouTube, TikTok und Co wird auch Content ausgespielt, der ein Risiko für unsere Demokratie darstellen kann. Pluralität von Meinungen ist wünschenswert. Was aber derzeit passiert, ist, dass stark polarisierende oder extreme Inhalte durch auf Algorithmen basierte Aussteuerung vermehrt eine überproportionale Aufmerksamkeit erfahren. Es geht häufig nur noch um die Suche nach der Bestätigung und nicht mehr um die Auseinandersetzung mit Themen und Argumenten. Die Folge: Der Diskurs polarisiert immer stärker. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre Informationen überwiegend aus Social Media beziehen, stark anfällig für Verschwörungstheorien sind. Das trifft junge Menschen besonders, denn sie sind mit den Medientechniken noch nicht so vertraut.

Du bist gegenüber den Algorithmen skeptisch? Eine rein Algorithmusbasierte Ausspielung von Content auf Basis trivialer Daten und KPIs, wie wir sie noch haben, birgt

Risiken. Nicht, weil Algorithmen per se nicht gut sind – Algorithmen richtig eingesetzt können wesentlich zur Entscheidungsfindung beitragen. Aber die sozialen Medien sind weit weg von dem Niveau, das es braucht, um Fake News, Hate Speech, Diskriminierendes und Fehlinformationen ausreichend gut herauszufiltern. Wir sehen in den Nachrichten, wie gespalten eine der großen Demokratien der Welt ist, die USA. Und wir wissen, dass die Art und Weise, wie wir Informationen suchen, aufnehmen und verarbeiten, dabei eine erhebliche Rolle spielen.

Du siehst unsere Demokratie in Gefahr?

Die Möglichkeiten und Freiheiten, die wir in einem demokratischen Land wie Deutschland genießen, sehen wir oft als selbstverständlich an. Aber Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Die Economist Intelligence Unit, ein Ableger der Wochenzeitung „The Economist“, bewertet den Zustand globaler Demokratien in 167 Ländern. Wie wird gewählt? Wie pluralistisch ist eine Regierung aufgestellt? Wie steht es um die politische Partizipation? Welche Freiheiten haben Bürger? Traurige Erkenntnis: Die Zahl der demokratischen Länder ist rückläufig. Von 167 Staaten sind unter 50 Prozent demokratisch. Kommunikation spielt

edition #20
Agenda
21 · turi2
·
2023
»Auf TikTok und Co wird Content ausgespielt, der ein Risiko für unsere Demokratie darstellen kann«

bei der öffentlichen Meinungsbildung eine große Rolle. Wir müssen ein Auge darauf haben, wie Informationen verbreitet werden. Qualitätsmedien spielen da eine entscheidende Rolle.

Julia Jäkel, damals noch Verlagschefin von Gruner + Jahr, appellierte 2017 an die werbungtreibende Wirtschaft, qualitätsvollen Journalismus durch eine kluge Verteilung der Werbebudgets zu fördern und zu unterstützen. Bei Gruner + Jahr wurden im Herbst 2022 die Firmenschilder demontiert, das Verlagshaus gibt es so nicht mehr. Müssen deine Kolleginnen und du euch nicht an die eigene Nase fassen?

Bereits 2016 hatten die Staatskanzlei SchleswigHolstein und die Bayerische Landesanstalt für Neue Medien eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob die Budget-Allokationen von Agenturen die Medienvielfalt schädigen oder nicht. Damals war die Werbebranche in ihrer Genese aber noch nicht so weit, diese Themen in einem politischen Kontext zu sehen. Julia Jäkels Einwand wurde reduziert auf das wirtschaftliche Überleben eines einzelnen Verlagshauses. Aber ich bin nicht nur CEO einer Agenturen-Gruppe, ich bin ein Unternehmenschef, der eine gesellschaftliche Ver-

antwortung hat, der er nachkommen muss.

Haben alle diesen Weitblick?

Ich glaube, dass wir uns heute nach den Erfahrungen mit den sozialen Medien, mit Trump, Hate Speech und Fake News auf einem anderen Niveau befinden. In Zeiten demokratieschädigender und kriegstreibender Propaganda müssen wir ganz genau darauf achten, von wo welche Informationen kommen und mit welcher Intention sie verbreitet werden.

Welche Schlüsse ziehst du für dich und eure Kunden daraus?

Wir haben die Effizienz immer über alle Parameter gestellt, weil sie so einfach zu messen ist. Effizienz kann ich als harte Größe reporten. Qualität zu messen, ist eine wesentlich komplexere Herausforderung. Doch wie bei Green Media müssen wir KPIs entwickeln, bei denen der Qualitätsaspekt berücksichtigt wird. Zugleich müssen wir als Agentur den Kunden in seinem Bewusstsein schärfen, dass Investitionen in Qualitätsmedien für den Erhalt der Medienvielfalt zwingend notwendig sind.

Du willst mit Werbespendings die Qualitätsmedien am Leben halten. Zieht da jeder mit? Ich bin der festen Über-

zeugung, dass jeder in einer freiheitlichen Grundordnung Lebende gefordert ist, auch Verantwortung zu übernehmen. Denn Demokratie kann sich durchaus wehren gegen extreme und zersetzende Kräfte. Es ist an der Zeit, den Begriff der „wehrhaften Demokratie“ neu aufzuladen und wieder nach vorn zu bringen. Am Beispiel Twitter sehen wir übrigens, wie sensibel auch große Werbetreibende reagieren können, ganz einfach indem sie aufgehört haben, dort weiter Content auszuspielen. Das wäre so vor vier oder fünf Jahren vermutlich noch nicht der Fall gewesen.

Welche Zukunft gibst du dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Auf jeden Fall brauchen wir in Deutschland weiterhin einen öffentlichrechtlichen Rundfunk. Die Frage ist, in welcher Struktur. Wir haben spätestens durch Corona die Relevanz von kuratierten Nachrichten erkannt. Selbst die privaten Sender bauen ihr Informationsprogramm aus.

Und dennoch geht das Sterben von Qualitätsmedien weiter. Ich mag den Begriff „Sterben“ nicht. Ich bevorzuge den Begriff „Transformation“. Dinge verändern sich. Dinge gehen von einem Zustand in einen anderen über. Ja, man kann traurig sein, dass es Gruner + Jahr so nicht mehr gibt. Man kann aber auch schauen, welche Chancen sich daraus ergeben, wo die Potenziale im Neuen liegen. Wir haben eingangs über die Farbe Schwarz, die Bergleute

22 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

und das Ruhrgebiet gesprochen. Eine Region, die mal für Kohle und Stahl stand. Welch’ unfassbare Transformation hat dieses Gebiet hingelegt! Natürlich kann ich an Kohle und Stahl festhalten, das ist aber, wie wir wissen, nicht die sinnvollste Alternative. Wir müssen uns als Gesellschaft und als Land nach vorn orientieren.

Woher wissen wir, wo vorn ist? Richtschnur für unser Handeln kann nur die Nachhaltigkeit sein. Nachhaltigkeit im Sinne von wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Jeder, der unternehmerisch tätig ist, muss das beherzigen und Antworten finden auf: Wie baue ich das Unternehmen auf, damit es nachhaltig profitables Wachstum generiert? Wie schaffe ich es, ökologisch nachhaltig zu sein und Ressourcen nicht weiter auszunutzen? Denn unsere Ressourcen sind endlich, also wie kommen wir hin zu einer Kreislaufwirtschaft? Und wie werden wir sozial nachhaltig? Wir müssen integrativ denken, sodass wir bestimmte Gesellschaftsgruppen und Regionen dieser Erde nicht abhängen, sondern teilhaben lassen an Wachstum und Wohlstand. Das gilt nach außen wie nach innen. Denn schließlich möchte ich auch, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich mit uns als Arbeitgeber identifizieren können und wohlfühlen.

Deutschland

Ist
für die Transformation, die du forderst, gut aufgestellt?
»Zehn Minuten Hörbuch, danach bin ich voller Energie, das ist besser als jedes Red Bull«
23 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 Paul
Geb.
1987
1991 Media
und
TV Negotiator
1996 Director
EU
2009 Managing
Business
2010 CEO
2018 CEO
Remitz
1965 in Essen
BWL-Studium, FH Wiesbaden
Manager DMB&B in Frankfurt, Hamburg
London sowie
in New York
Media & CRM
Kraft Foods Europe
Director
Development GroupM Germany
MediaCom Germany
Omnicom Media Group Germany

In meinem Leben gibt es viele Berührungspunkte mit den USA: Ich arbeitete stets für US-zentrierte Unternehmen, das tue ich ja auch jetzt, ich habe in New York gearbeitet, mein Sohn studiert und lebt in den USA. Ich bin also regelmäßig in den Staaten. Wenn ich nun die deutsche mit der USKultur vergleiche, dann spüre ich in Deutschland eine Orientierung zum Defizit und zum Problem, während der Amerikaner in seinem ersten Reflex eher die Möglichkeit und die Chance sucht. Obamas Wahlslogan „Yes, we can“ setzte auf: Wir können es schaffen, wir können es machen. In Deutschland sind wir eher misstrauisch und vorsichtig. Bei allen neuen Ideen suchen wir einen Haken und vermuten böse Hintergedanken.

Wie viel Transformation kann sich Deutschland leisten?

Betrachtet man den prozentualen Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der für Investitionen in Innovationen zur Verfügung steht, so liegt Deutschland im globalen Vergleich auf Platz 8. Für ein Land, das keine Bodenschätze hat, ist das zu wenig. Ich verstehe, dass wir im Ländervergleich hinter den USA und Japan liegen – aber auch hinter Belgien und Österreich? Das Land, das am meisten in Innovation investiert, ist übrigens Israel. Da wird sehr viel Forschung und Entwicklung für militärische Technologie betrieben. Die findet dann ihren Weg

auch in die Wirtschaft. Klar ist, wer nicht in Innovation investiert, ist irgendwann nicht mehr relevant am Markt.

Schafft Deutschland den Übergang zur Wirtschaft 4.0?

Wir können es schaffen. Dazu brauchen wir aber eine Innovationskultur, in der Technologie Teil der Lösung und nicht des Problems ist. Also nicht weniger Technologie, sondern die Frage muss lauten: Wie nutze ich Technologie, um Lösungen herbeizuführen? Das impliziert: Wir brauchen massive Investitionen in eine vernetzte Ökonomie. Also eine Infrastruktur, die cloudbasiert ist. Das Thema hat Europa viel zu lange den globalen Playern überlassen. Und wir müssen in weitere Schlüsseltechnologien investieren – und zwar hier vor Ort, in heimatnahen Märkten, damit die Versorgung im Falle von Krisen und Pandemien gewährleistet bleibt.

Wie sollten sich Unternehmen aufstellen, damit sie den Wandel gestalten und am Markt bestehen?

Ich votiere für dezentrale Strukturen. Wir müssen Unternehmen in dieser komplexen, sich expandierenden und transformierenden Welt viel mehr als einen Organismus betrachten, ein Organ, das aus einzelnen Zellen besteht. Jede dieser Zellen handelt autark und gleichzeitig vernetzt. Die Aufgabe des Top-Managements

ist, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen und die Ziele vorzugeben. Die Geschäftsführung ist in einer dezentralen Struktur der Enabler, nicht mehr und nicht weniger. Die End-to-endVerantwortung liegt in der jeweiligen Unit. Wenn ich an zentralen Strukturen festhalte, wird mein Unternehmen langsam, denn ich benötige zu viele ineffiziente Ressourcen zur Kontrolle und Verwaltung.

Welche Konsequenz ziehst du für die Omnicom Media Group als dienstleistende Agentur? Die Kommunikationsindustrie zählt neben Finanzdienstleistern und Versicherungen zu den Treibern der digitalen Transformation. Wir haben uns als Agenturgruppe dementsprechend aufgestellt und sukzessive erweitert. Von elf Unternehmen sind nur drei klassische Mediaagenturen. TRKKN ist zum Beispiel ein reines Technologieunternehmen. Wir bieten neue Dienstleistungen und Produkte an. Wichtige Beratungsfelder sind heute E-Commerce, Retail-Media und Marketing-Technologie.

Was bedeutet das für dich als Führungskraft? Führungskräfte haben häufig ein hohes Kontrollbedürfnis. Dabei liegt im Loslassen und Verantwortung übertragen die Lösung. Mein Hauptjob besteht also darin, Managerinnen und Manager zu finden und in die Agentur zu holen und ihnen Ver-

antwortung zu übergeben. Mein Job ist zu definieren: Welche Vision, und daraus abgeleitet, welche Ziele soll die Agentur erreichen? Und wie baue ich die Organisation, damit wir diese Ziele erreichen?

Was erwartest du von deinen Managerinnen?

Nicht weniger als von mir. Absolut notwendig sind Kompetenzen in Führung, Strategie und Selbstmanagement. Also: Wie organisiere ich mich selber, wie entwickle ich meine Mitarbeitenden weiter, wie fördere, aber auch wie fordere ich, wie empowere ich und an welcher Stelle lasse ich los?

Was erwartest du von den Mitarbeitenden? Ich glaube, dass in selbstständigem Handeln sehr viel Positives steckt, denn wer wird schon gerne im Leben bevormundet? Sicherlich gibt es Menschen, die lieber im Lean-BackModus sind. Das sind aber nicht die Leute, die eine Agentur und ein Unternehmen voranbringen. Also selbstständiges Denken und Handeln erwünscht.

Woher nimmst du deine Motivation? Was treibt dich an?

Zum einen ist das die Arbeit mit Menschen. Mich reizt die Frage: Wie bringe ich mein Team auf ein Level, von dem es selbst nicht wusste, dass es das erreichen kann? Es gibt zwei Formen des Lernens. Beim horizontalen Lernen wende ich bei ähnlich gelagerten Problemen einfach die gleichen Muster an. Es

24 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

»Wir brauchen eine Innovationskultur, in der Technologie Teil der Lösung und nicht des Problems ist«

Ihr Wegbereiter und Wegbegleiter in die digitale Zukunft

Von AI, Smart Data, Cloud und IT-Security bis hin zu Redaktion, Werbung/PR, SAP und sogar Deutschlandticket – wir bieten Ihnen innovative und individuelle Lösungen, die die Zukunftsfähigkeit Ihres Unternehmens nachhaltig stärken.

Zur Omnicom Media Group Germany gehören die Mediaund Kommunikationsagenturen OMD, PHD und Hearts & Science sowie verschiedene Spezialagenturen und Beratungen. Die Gruppe berät mehr als 200 werbungtreibende Unternehmen und ist mit mehr als 1.800 Mitarbeitenden an sieben deutschen Standorten vertreten – in Hamburg mit Blick auf die Elbe

26 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

gibt aber auch die Form des vertikalen Lernens, bei dem neue Strukturen und neue Muster erkannt und ausprobiert werden. Wie also bringe ich mein Team in das vertikale Lernen rein? Und der zweite Punkt, der mich motiviert: Ich befinde mich heute in einer Position, in der ich die unterschiedlichen Unternehmen weiterentwickeln kann und neue Unternehmen integriere oder gründe. Ich kann mit meinem Team festlegen, in welche Geschäftsfelder wir investieren, und ich schaue, wo liegen die nächsten Herausforderungen, von denen unser Kunde heute noch nichts ahnt. Und wenn sie dann offensichtlich werden, dann kommen wir um die Ecke und können sagen: Hier ist die Lösung.

Wie ist das Durchschnittsalter in eurer Agentur?

36 Jahre. Aber das Alter einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters interessiert mich eigentlich nicht. Was zählt, ist die Einstellung zu Themen, die Agilität und Bereitschaft, sich einzubringen.

Wie kompatibel sind ältere Mitarbeitende in einer Branche, die sich so rasch wandelt?

Jede pauschale Antwort wäre eine falsche Antwort. Ich glaube nicht, dass man per se voraussetzen kann, dass Menschen mit Lebenserfahrung weniger agil und weniger aktiv sind als jüngere Menschen. Du

könntest aber die Gegenthese aufmachen, dass die jüngere Generation so im Lean-Back-Modus ist, dass sie gar nicht versteht, was es braucht, um in so einem schnellen Geschäft wie dem unseren mitzuarbeiten. Worauf ich hinaus will: Es kommt nicht auf das Alter, sondern auf die Einstellung und die Kompetenzen an, die jemand mitbringt. Und da kann Erfahrung durchaus auch förderlich sein.

Der Werbebranche eilt nicht der Ruf einer ausgeglichenen Work-LifeBalance voraus, wie sie die junge Generation fordert. Welche Zugeständnisse müsst ihr machen, um den Nachwuchs für euch zu begeistern?

In der Frage schwingt mit, dass Arbeit nichts mit Balance zu tun hat und dem eigenen Wohlbefinden womöglich entgegensteht. Mein Ziel als Unternehmer ist, den Mitarbeitenden ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen, in dem sie sich beruflich wie privat weiterentwickeln können, in dem sie ihren eigenen Interessen nachgehen können, in dem sie sich verwirklichen können. Das muss der Anspruch sein, auch wenn ich kein Träumer bin und weiß, wie schwer dieses Ziel zu erreichen ist, und dass wir es auch nicht jedem werden recht machen können.

Welche Maßnahmen setzt die Omnicom Media Group um? Wir bieten zahlreiche

Schulungen und Trainings an, bei denen es natürlich nicht nur darum geht, wie ich ein besserer Mediaplaner werde. Weiterentwicklung bedeutet für uns im besten Fall, dass ich was für den Beruf wie für mich persönlich mitnehme. Wir führen Mental-Health-Wochen durch, bei denen wir zeigen, wie ich mit Stress und Druck umgehen kann. Wir haben zum Beispiel „die bewegte Mittagspause“ und bieten die Option, je nach privater Lebenssituation oder -konzept von zu Hause und auch vom Ausland aus zu arbeiten. Und wir haben ein Mentoring-Programm, bei dem du dir eine Vertrauensperson im Unternehmen wählen kannst, um Dinge zu erfragen und zu besprechen. Zudem sind wir eine Organisation, die Corporate Social Responsibility aktiv lebt. Wir laden alle dazu ein, sich zu engagieren und bieten die Möglichkeit, während der Arbeitszeit an Projekten mitzuwirken.

Brauchst du Ausgleich zum Job? Und wie sieht der aus? Ich glaube jeder braucht Phasen, in denen er Abstand zum Job kriegt und neue Perspektiven entwickeln kann. Mir gelingt das gut bei der Gartenarbeit, wenn ich mit den Händen in der Erde wühle. Und mir gelingt das, wenn wir im Flieger in die USA sitzen. Zehn Stunden, in denen ich für niemanden erreichbar bin und bedient werde.

27 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
»Führungskräfte haben häufig ein hohes Kontrollbedürfnis. Dabei liegt im Loslassen und Verantwortung übertragen die Lösung«

7 Antworten von Evelyn Palla

Das Beste an 2022 war die großartige Unterstützung meiner Familie, als ich am 1. Juli meinen neuen Job angetreten habe.

Nachhaltig beeindruckt haben mich ... wie wir alle in Europa angesichts des Kriegs in der Ukraine solidarisch zusammengerückt sind.

Ich möchte 2023 mehr Taten und weniger Worte

in der Welt für Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Ich möchte 2023 weniger ... globale Katastrophen, Krisen und Kriege.

Die größte Krise, die ich je überstanden habe: ist leider noch allgegenwärtig und nicht überstanden. Niemals hätte ich gedacht, dass meine Kinder einmal in einem Europa

leben, in dem ein Krieg so nahekommt.

Mein bester Spartipp: Einfach das Licht ausschalten, wenn man den Raum verlässt. Spart Geld und Energie gleichzeitig.

Mut macht mir ... die Generation junger, mutiger, kreativer Menschen, die ehrlich und aufrecht für Klima und Frieden in Europa einstehen.

7 Antworten von Monika Schaller

Das Beste an 2022 war ... dass ich wieder Menschen in echt treffen konnte und wir zumindest mit Blick auf Corona ein großes Stück Normalität im Alltag zurückgewonnen haben.

Nachhaltig beeindruckt hat mich ... die Leidenschaft meiner Kolleginnen und Kollegen, die trotz schwieriger Rahmenbedingungen beherzt angepackt haben und geschlossen für das Gute

eingestanden sind, zum Beispiel, um Menschen aus der Ukraine zu helfen.

Ich möchte 2023 mehr Frieden, ganz eindeutig.

Ich möchte 2023 weniger ... Hiobsbotschaften

Die größte Krise, die ich je überstanden habe: war die schwere Erkrankung einer mir nahestehenden Person.

Mein bester Spartipp: Sparen Sie auch mental Energie. Die Aufreger im Alltag gelassener zu nehmen, schafft mehr Resilienz für die wesentlichen Dinge.

Mut macht mir ... dass eine Generation nachwächst, die sich der Endlichkeit unserer Ressourcen bewusst ist und die ihre Forderungen mit Klarheit und Entschlossenheit auf den Tisch bringt.

7 Antworten von Paul Ronzheimer

Das Beste an 2022 war ... dass Wladimir Putin und die russische Armee es nicht geschafft haben, Kiew einzukesseln und die Ukraine zu vernichten.

Nachhaltig beeindruckt hat mich ... mein ukrainischer Freund und Reporter-Kollege Vadim Moissenko, der trotz aller Gefahren in den schwierigsten Momenten mit uns in der Ukraine geblieben ist.

Ich möchte 2023 mehr ... lachen.

Ich möchte 2023 weniger von der Front berichten müssen, weil die russischen Truppen hoffentlich aus der Ukraine abziehen.

Die größte Krise, die ich je überstanden habe: war, dass mein bester Freund Carl Jakob Haupt mit nur 34 Jahren an Krebs gestorben ist.

Mein bester Spartipp: Niemals geizig sein.

Mut macht mir die vielen Ukrainerinnen und Ukrainer zu sehen, die für ihr Land kämpfen.

Paul Ronzheimer spricht über seinen Job im turi2.de/jobspodcast

Evelyn Palla ist Vorständin bei der Deutschen Bahn und CEO von DB Regio Kriegs- und Krisenreporter und Vize-Chefredakteur der „Bild“ Monika Schaller leitet Konzernkommunikation und Unternehmensverantwortung bei der Deutschen Post DHL
Foto: Picture-Alliance Fotos: Cornelis Gollhardt Foto: DB AG 28 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

ard-media.de/audiosphaere

QUALITÄT & WIRKUNG TREFFEN AUF MAXIMALE REICHWEITE.

In unseren Qualitätsumfeldern erreichen Sie ab 2023 mit Ihrer Radio-Kampagne noch mehr Menschen. Und noch mehr Wirkung. Entdecken Sie die ARD MEDIA Audiosphäre.

9-Euro-Ticket

Die Öffi-Aktion der Ampelkoalition bringt uns drei Monate günstig durch Deutschland – und macht dank voller Züge Körperkontakt wieder salonfähig. Mit dem 49-Euro-Ticket dürfte es nicht mehr ganz so kuschelig werden.

Ralph Alex

Der frühere Chefredakteur von „Auto Motor und Sport“ muss 2020 wegen Burnouts eine lange Pause einlegen. Jetzt schreibt der Journalist Romane. 2022 veröffentlicht er den Psychothriller „Die Psy Company“. Band zwei folgt.

Khesrau Behroz

Nach dem Erfolg des Podcasts über Ken Jebsen legt der Journalist 2022 mit einem Format über den YouTuber Drachenlord nach. Behroz und sein Team gucken auch den Hackerinnen von Anonymous auf die Finger.

Energieriesen

Auch die größte Krise kennt Profiteure. Ukraine-Krieg und steigende Preise für fossile Brennstoffe bescheren den Konzernen Milliardengewinne. Der Staat bemüht sich, einen Teil des Übergewinns abzuschöpfen.

FC Viktoria 1889 Berlin

87 Investorinnen wollen die erste Frauenmannschaft mit insgesamt einer Million Euro in die 1. Bundesliga kicken. Zu den prominenten Geldgeberinnen gehören Carolin Kebekus, Dunja Hayali und Elisabeth Furtwängler.

Stéphanie Frappart

In Katar pfeift die französische Schiedsrichterin als erste Frau ein Spiel der Männer-WM – und schreibt damit Geschichte. Schon vorher gilt sie als beste der Welt. Dass die Deutschen unter ihrer Leitung rausfliegen, ist nur eine Randnotiz.

Joko & Klaas

Reichweite verloren, Respekt gewonnen: Das Entertainer-Duo macht ernst und verschenkt seine Instagram-Accounts samt Followerschaft an Iran-Aktivistinnen, um denen eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen.

„Layla“

Der Ballermann-Hit bekommt durch eine anstrengende Verbotsdebatte viel Aufmerksamkeit. Nicht nur beim Oktoberfest wird er daraufhin rauf und runter gespielt – ein klarer Fall von Trotzreaktion, auch bekannt als Streisand-Effekt.

Mastodon

Die Plattform mit Retro-Optik und Rüsseltier gewinnt durch das Twitter-Chaos Hunderttausende Nutzerinnen innerhalb weniger Tage. Größter Fanboy ist Jan Böhmermann, andere sehen darin nur ein Nerd-Netzwerk.

Friedrich Merz

Der Millionär der Mittelschicht ist vermutlich gar nicht mal traurig darüber, dass sein Traum von der Kanzlerschaft 2021 vorerst geplatzt ist. Als Oppositionsführer fällt ihm 2022 das Kritisieren in Krisenzeiten leicht.

30 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 22 GEWINNERINNEN DES JAHRES 2022 von A-Z

Marina Owsjannikova

Die Journalistin hält zur besten Sendezeit im russischen Staatsfernsehen ein Plakat mit der Aufschrift „Stoppt den Krieg“ in die Kamera und riskiert damit eine jahrelange Haftstrafe. Im Oktober gelingt ihr die Flucht nach Europa.

Patagonia

Alle Gewinne, die nicht reinvestiert werden, fließen fortan in den Klimaschutz. Auch Reparaturen bietet der Outdoor-Ausrüster an. Das macht den Laden noch nicht perfekt, hat aber Vorbildfunktion.

Kim Petras

Die deutsche Sängerin, geboren in Köln, wohnhaft in L.A., landet als erste trans Frau ganz oben in den US-Charts. Zusammen mit Sam Smith, nichtbinär, besingt sie in „Unholy“ einen Familienvater, der sich in Stripclubs herumtreibt.

Share

Das Social-Startup gelingt mit Mineralwasser, Schokolade und Seife der Sprung in sämtliche Supermarkt- und Drogerie-Regale. Das gute Gewissen ist Teil des Konzepts: Für jedes verkaufte Produkt wird das Pendant gespendet.

Marie-A. Strack-Zimmermann

Die FDP-Politikerin ist als schlagfertige Verteidigungs- und Militärexpertin 2022 so präsent wie kaum eine andere. Beruflich fährt sie in die Ukraine, privat Motorrad. Ihre spitze Zunge führt sie von Talkshow zu Talkshow.

TikTok

Die chinesische Video-App tanzt sich zum Universal-Trendsetter hoch und versammelt seit 2022 weltweit mehr als eine Milliarde Nutzerinnen. DatenschutzBedenken geraten dabei offenbar immer mehr in Vergessenheit.

Aminata Touré

Mit 29 schafft es die Politikerin als erste Afrodeutsche auf einen Ministerposten: In SchleswigHolstein kümmert sich Touré um Soziales, Familie und Gleichstellung. Als „Vogue“-Coverfrau wirbt sie für die Demokratie.

USB-C

Apple ist stinkig: Die EU-Kommission entwirrt den Kabelsalat und entscheidet, USB-C 2024 zum Lade-Standard zu machen. In Kruschel-Schubladen und auf dem Wertstoffhof ist künftig mehr Platz für anderen Elektroschrott.

Wärmepumpe

Die Geräte sind gut fürs Klima und schlecht für Putin. Als die Preise für Gas und Öl durch die Decke gehen, werden viele plötzlich warm mit der Heizung. Robert Habeck freut’s. Das Handwerk kommt mit den Aufträgen kaum hinterher.

Waschlappen

Das kleine Stück Stoff feiert sein Comeback – nicht als Beleidigung, sondern aus Frottee. Winfried Kretschmann singt ein Loblied auf den Lappen und wird zum Katzenwäsche-Influencer. Klimapolitik kann so einfach sein.

Kürsat Yildirim

Spitzname „Chico“, Kranführer aus Dortmund, gewinnt im September 2022 zehn Millionen Euro im Lotto und lässt sich seitdem vom Boulevard beim Verprassen begleiten. Die Follower-Zahl steigt so stetig, wie der Kontostand sinkt.

31 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 Fotos: Picture-Alliance, Hans Dieter Seufert, Twitter: @khesraubehroz, Instagram: @chicolottomillionaer
Hoch hinaus: Fürs Foto im Berliner Mauerpark hilft der Hocker, im TV-Studio reichen Aline Abboud hohe Schuhe
»Wenn du weiterkommen willst, musst du auffallen«
Aline Abboud ist schnell zur Moderatorin der „Tagesthemen“ aufgestiegen. Mit turi2 spricht sie über Hasskommentare und Hoffnung –und darüber, wie sie Mattscheibe und mentale Gesundheit managt Von Tim Gieselmann (Text) und Holger Talinski (Fotos)
35 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
»Ich bin bei vielen Sachen über mich hinausgewachsen, weil ich sie einfach probiert habe«

Aline, wir spazieren heute gemeinsam durch den Mauerpark. Was bedeutet dir dieser Ort?

Ich komme aus Pankow. Früher bin ich oft durch den Mauerpark bis nach Prenzlauer Berg gefahren, zum Aikido-Training, zur Arbeit meiner Mutter oder zu einer Schulfreundin. Den Mauerweg mag ich sehr gerne, auch wegen der japanischen Kirschblüten, die hier im Frühling blühen. Im Mauerpark habe ich viele Abende verbracht während der Schulzeit, mit Bier in der Hand, als hier noch nicht alles vom Tourismus überfüllt war.

Du bist in Ostdeutschland geboren und hast Wurzeln im Libanon. Wann bist du dir über deinen sogenannten Migrationshintergrund bewusst geworden?

Als ich aufgewachsen bin, in den Neunzigern, gab es dieses Wort noch gar nicht. Du warst Deutsche oder Ausländerin und ich war immer Deutsche. Mein Vater ist aus dem Libanon, ich war in den Sommerferien dort und habe meine Familie besucht. Fertig. Ungefähr 2010 hatte ich ein Erlebnis mit einer Redakteurin, die ich gefragt habe, wie ich einen Einstieg in den Journalismus finden könnte. Sie hat mir einen Link geschickt zu einem Stipendium für junge Journalistinnen mit Migrationsbiographie. Damals dachte ich, sie hätte was falsch verstanden, weil ich „Menschen mit Migrationshintergrund“ immer anders definiert habe.

Ich dachte, das wären Geflüchtete oder Menschen, die gerade nach Deutschland gekommen sind. Dass

dieser Begriff auch auf nachfolgende Generationen von Einwander*innen ausgeweitet wurde, war mir einfach nicht klar.

Was hat die Erkenntnis mit dir gemacht?

Ich fand das wirklich mühsam und auch nicht plausibel, weil man sich plötzlich so viel mit Identität und Herkunft beschäftigen musste, weil es als Zuweisung von außen kam. Ich dachte: Warum spielt es eine Rolle, ob ich Deutsche, Halb-Libanesin oder Ostdeutsche bin?

Besonders im medialen Diskurs hat man gemerkt, dass dieses Thema in Deutschland immer größer wurde. Der positive Aspekt allerdings ist erst sehr spät eingetroffen: Menschen mit vielfältigen Biografien wurden immer angesagter. Man hat erkannt: Ohne Diversität und andere Perspektiven kommen wir nicht weiter. So sehe ich das heute immer noch.

Also redest du gern über das Thema?

Ich habe gelernt, damit umzugehen, weil mir dieser Stempel „Migrationshintergrund“ aufgedrückt wurde. Ich habe persönlich davon profitiert, trotzdem habe ich es eigentlich nicht gewollt. Ich wollte natürlich nicht deswegen eingestellt werden und bin es auch nicht allein deswegen, aber es war auf jeden Fall ein Punkt. Mittlerweile nutze ich diesen Stempel auch bewusst, um auf marginalisierte Gruppen aufmerksam zu machen.

Also siehst du dich als Vorbild?

Ich möchte nicht im engeren Sinne Vorbild sein,

denn ich habe ja nicht alles richtig gemacht. Aber ich bekomme immer mehr Feedback von jungen Leuten, die sagen: Du bist die erste, mit der ich mich im deutschen Fernsehen überhaupt identifizieren kann. Das wirkt übertrieben auf mich, aber trotzdem freue ich mich. Als ich mit dem Journalismus anfing, gab es nicht so viele wie mich. Auch die afroamerikanische Disney-Figur Arielle war ja kürzlich zum Beispiel ein Riesen-Thema für all jene Kinder, die sich in ihr gespiegelt und wiedererkannt haben. Ich finde das wichtig, auch wenn es manchen Leuten zu anstrengend ist. Das verlangsamt natürlich den Prozess. Es ist ja beispielsweise immer noch nicht so, dass Redaktionen überschwemmt werden mit Leuten, die einen Migrationshintergrund haben.

Du hast im Bundestag volontiert. Hast du dadurch einen besonderen Bezug zur Politik? Ich habe viele Interviews geführt, die Prozesse mitbekommen und am Ende ein bisschen Demut verspürt vor Politiker*innen. Ihre Arbeit ist ultrakomplex und extrem zeitintensiv. Sie sind in der Sitzungswoche im Bundestag, wo sie von früh bis abends Kommissions-, Ausschuss- und Plenarsitzungen haben. Dazu kommen etliche weitere Verpflichtungen. In den Nicht-Sitzungswochen müssen sie in ihren Wahlkreis fahren, wo sie nie einfach sie selbst sein dürfen, das geht allenfalls in den eigenen vier Wänden. Ich finde das Dasein als Politiker*in schwer, weil du immer eine Rolle

Aline Abboud Geb. 1988 in Ost-Berlin

2007 Studium der Arabistik in Leipzig

2014 Volontariat im Deutschen Bundestag 2016 Social-Media-Redakteurin „ZDFdonnerstalk“, Wechsel in die „heute“Nachrichtenredaktion

2019 Moderation von „Die da oben!“

2020 Host des „Zenith“Podcasts

2021 Moderation der ARD„Tagesthemen“

Aline Abboud im Videofragebogen turi2.de/koepfe

edition #20 · Agenda 2023
36 · turi2
»Ich habe von dem Stempel ›Migrationshintergrund‹ profitiert, trotzdem habe ich es eigentlich nicht gewollt«

spielen, an den Wahlkampf denken und deine Wähler*innen zufrieden stellen musst. Mir persönlich wäre das viel zu anstrengend.

War das die große Lebenslektion aus dem Bundestag?

Auch. Genauso haben schlechte Praktika und Erfahrungen mir die Gewissheit vermittelt, etwas nicht zu wollen. Das ist sehr hilfreich. Ich rate jungen Leuten immer, auch schlechte Erfahrungen auszuhalten und zu nutzen. Ich bin ja keinen stringenten Weg gegangen mit dem Arabistik-Studium und dem Bundestags-Volo. Du musst, wenn du weiterkommen willst, ein bisschen auffallen. Ob durch ein Studium, Sprachkenntnisse oder Auslandsaufenthalte. Heutzutage hat man so viele Möglichkeiten, einen vielseitigen Lebenslauf aufzubauen. Ich bin bei vielen Sachen über mich hinausgewachsen, weil ich sie einfach probiert habe – bis heute. Ich lerne noch so viel, jetzt gerade in den „Tagesthemen“. Das Moderieren im Studio kenne ich, aber das ganze Prozedere drumherum – die umfangreiche Redaktionsarbeit, die InterviewVorbereitung – das sind Prozesse, die Routine und Zeit brauchen.

Von der „heute“-Nachrichtenredaktion im ZDF bist du 2021 zur ARD gewechselt. Was unterKaffeeklatsch: Aline Abboud spricht mit Tim Gieselmann über ihren Karriereweg

38 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

scheidet die beiden Anstalten?

Auf jeden Fall die Stadt. Ich will das sonst gar nicht so vergleichen, weil mir das nicht zusteht und ich das auch ehrlich gesagt nicht möchte. Nur soviel: Bei der ARD bemerkt man die Größe mehr, das ZDF fühlte sich für mich ein bisschen zentralistischer an. Wenn wir aus der ARD-Aktuell-Redaktion Ideen und Themen haben, müssen eben mehrere Rundfunkanstalten einverstanden sein.

Stört das? Ginge das nicht besser?

Das ist ein bisschen wie in der Politik. Man kann sich da gerne mal zu sehr blockieren, schon wenn einer aus der Reihe tanzt. Natürlich sind Abstimmungsprozesse wichtig, aber manchmal muss man sich mehr trauen und Sachen einfach mal machen. Dann kann man immer noch sagen: Hat nicht funktioniert. Ich finde das nicht schlimm. Fehler machen wir alle und man lernt daraus. Sich aktiv auf eine Fehlerkultur einzulassen, könnte ein Zeichen für die ÖffentlichRechtlichen setzen.

ARD und ZDF stehen unter Druck, die ReformDiskussion ist groß. Was würde fehlen, wenn es nur noch einen öffentlich-rechtlichen Anbieter gäbe?

Diese Rufe nach Privatisierung finde ich grundsätzlich problematisch. Dann haben wir Verhältnisse wie in den USA. Uns ist unser Privileg hier in Deutschland gar nicht so bewusst, das wir mit den Öffentlich-Rechtlichen haben. Viele Länder haben so etwas gar nicht,

von Diktaturen muss ich jetzt gar nicht sprechen.

Das gilt auch für Demokratien. Die schauen sehnsüchtig zu uns und sehen: Da gibt es zwei Sender, die unabhängigen Journalismus liefern. Warum soll ich dann dagegen rudern? Das sage ich nicht, weil ich darin arbeite, sondern weil ich es richtig finde. Meines Erachtens können es auch drei oder vier Sender sein. Ein bisschen Konkurrenz untereinander schadet ja nicht.

Wie verändert sich das Feedback auf deine Arbeit mit der größeren Bühne „Tagesthemen“?

Ich stehe viel mehr im Fokus für Leute, die Nachrichten schauen, die mich aber auch von „Die da oben“ bei Funk kennen. Darüber werde ich lustigerweise mehr erkannt als über die „Tagesthemen“. Das mag daran liegen, dass die jungen Leute dich eher mal ansprechen. Öffentlichkeit ist aber nicht, was ich gesucht hätte. Hass und Hetze werden immer mehr, gerade rechte Hetze. Das gibt mir zu denken, nicht erst jetzt, auch schon vor der Zeit bei der ARD. Da gibt es schon manchmal Gedanken an einen Rückzug.

Aber wäre das nicht schade und ein Einknicken?

Ja, sicher. Aber mir ist mein Leben, meine Familie, meine Privatsphäre auch wichtig. Es ist – und hier wiederhole ich mich – ein bisschen wie in der Politik, nur dass ich keinen Wahlkampf bestreiten muss. Ich will nicht sagen, dass ich das nicht ertrage oder furchtbar finde, aber man sollte

sich auch fragen: Muss ich mich diesem Druck mein Leben lang stellen? Andererseits ist klar: Die Position hat gewisse Privilegien und Vorteile. Aber ich bin niemand, die das braucht oder gesucht hat.

Aber man muss schon eine Rampensau sein, um vor der Kamera zu landen. Oder stehen da einfach die besten Journalistinnen?

Nein, nicht jeder, der ein guter Journalist ist, kann auch gut moderieren. Im Fernsehen gibt es auch Leute, die denken, sie können moderieren, weil sie journalistisch gut sind. Aber Moderieren ist ein sehr körperbetonter Job. Gerade bei den „Tagesthemen“ bist du auch sehr spät am Tag live. Das heißt, du musst dich nochmal komplett hochfahren. Im Studio steht man ja nicht einfach nur, schaut in das schwarze Loch und leiert das Gesagte runter, sondern man braucht eine Körperspannung, muss die Stimme lauter machen und anders betonen. Eine Woche „Tagesthemen“ ist schon ein Brett.

Das Studio schlaucht also?

Es spielen viele Sachen eine Rolle. Ich sage immer: Das ist ein Job, für den du eigentlich ein perfektes Leben haben musst. Denn auch wenn es dir schlecht geht – ob nun ein Elternteil stirbt oder der Freund dich verlässt – musst du dich da hinstellen, lächeln, gut drauf sein, präsentieren und so tun, als ob alles in Butter

ist. Natürlich schafft man das und auch ich musste es schaffen. Aber diese Härte gegen sich selbst lässt einen eben auch verhärten. Auch damit das negative Feedback einen nicht verletzt, wenn du etwa als „Ausländerin“ bezeichnet wirst. Wenn du eine Frau bist, eine Migrationsbiographie hast und im Öffentlich-Rechtlichen arbeitest, musst du nicht mehr viel machen.

Wie meinst du das? Frauen im Fernsehen haben auch heute noch geschlechtsspezifische Probleme. Das können sexistische Vorstellungen darüber sein, wie du auszusehen hast. Oder Nachrichten wie: „Hey sexy Hexy, wollen wir uns kennenlernen?“ Sowas kriege ich jeden Tag. Zweitens, Migrationsbiographie: Da kommen Sprüche wie: „Gehen Sie doch dahin, wo Sie herkommen.“

Oder: „Wenn du so viel Werbung über den Libanon machst, warum gehst du denn da nicht hin?“

Und Stichwort Öffentlichrechtlich: „Staatsfunk, Lügenpresse“.

Hast du Strategien entwickelt, wie du damit klarkommst?

Ich halte mich sehr selten auf Twitter auf, poste fast nur noch Hunde-Videos und retweete. Ich schaue auch Kommentare kaum noch an, aber so ganz kommt man da nicht weg. Bei Instagram poste ich vor allem Sachen, die mit meinem Job zu tun haben. Bei privateren Aufnahmen achte ich sehr

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»Frauen im Fernsehen haben auch heute noch geschlechterspezifische Probleme«

darauf, dass niemand zu sehen ist und nichts Angreifbares dabei ist. Ich arbeite auch seit kurzem mit der Organisation Hate Aid zusammen. Die helfen dir bei Rechtsfragen, können deine Social-Media-Kommentare screenen und Dinge zur Anzeige bringen. Das betrifft auch nicht nur prominente Leute, da kann sich jeder melden. Ich finde es so entlastend, dass es Hate Aid gibt. Ganz aus Social Media raus zu sein finde ich allerdings auch schwierig.

Hat das Digitale zu viele Schattenseiten?

Ich merke im Gespräch mit Leuten aus meiner Generation, dass man diese Zeit vor dem Internet manchmal vermisst. Eigentlich schlimm, dass wir so reden, aber man merkt schon, wie einige jetzt versuchen, die Nutzung zu reduzieren. Sie merken, dass das Internet negative Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit hat.

Wenn du dein InternetFormat „Die da oben“ mit den „Tagesthemen“ vergleichst – sind das zwei unterschiedliche Welten?

Ja, allein wegen der Zuschauergruppe. Die liegt bei den „Tagesthemen“ eher Ü-60. „Die da oben“ bespielt natürlich auch andere Plattformen: YouTube und Instagram, Facebook hingegen kaum noch. Und die Funk-Zielgruppe liegt zwischen 14 und 29, aber wir erreichen auch Menschen über diese Altersgruppe hinaus. Das finde ich spannend, weil ich mitkriege, dass es auch ältere Leute sind, die sich auf diese Weise infor-

mieren wollen. Komplexe Themen sind manchmal in jüngerer Umgangssprache verständlicher. Eigentlich habe ich die perfekte Abwechslung. Ich bin vielleicht die einzige Moderatorin, die sagen kann, dass sie mit ihren Jobs fast jede Altersgruppe abdeckt.

Bei „Die da oben“ hast du einen regelmäßigen Meinungs-Teil. Wie viel Meinung hat im Journalismus Platz und wie ist das vereinbar mit deinem Job bei den „Tagesthemen“?

Der Meinungs-Teil ist von Funk-Seite gewünscht und hat sich auch so etabliert. Zumindest bei „Die da oben“ habe ich das Gefühl, dass gerade junge Leute es gut finden, wenn ich als neutrale Journalistin, die Pro und Contra abgewogen hat, dann noch mal eine Zusammenfassung mache. Wir betonen ja auch sehr: „Ich finde das so und das heißt nicht, dass du es so finden musst.“ Ich glaube, der Abschnitt der Videos ist wichtig, damit die Menschen angeregt werden, darüber nachzudenken. Und einen Meinungs-Anteil haben wir bei den „Tagesthemen“ auch mit dem Kommentar.

Die „Bild“-Zeitung hat dir letztens nach einem Meinungs-Statement für Funk eine „Lobeshymne auf Habeck“ vorgeworfen.

Das war schon ein bisschen lächerlich und fing ja auch an mit einem Post, der etwas aus dem Kontext herausgeschnitten hat. Wir haben ein Video gemacht über Habeck, über seinen politischen Kommunikationsstil.

Natürlich haben wir da Pro und Contra. Wenn du dir da beliebig Teile rausziehst, dann kannst du das willkürlich verwerten. Das Problem haben wir sehr oft und gerade bei „Die da oben“, weil sich bei YouTube noch mal ganz andere Leute tummeln, für die das ein gefundenes Fressen ist. Wir sind ja bei Funk eh alle links- grün versifft. Das ist die Standard-Parole von denen, die glauben, wir zeigen keine anderen Meinungen, was absoluter Blödsinn ist.

Schaust du noch klassisches Fernsehen? Ja, mittlerweile wieder viel mehr als während des Studiums. Da hatte ich keinen Fernseher und habe ohnehin andere Dinge gemacht. Da war ich vor allem im Internet. Ich schaue gerade die letzten zwei, drei Jahre viel mehr. Einfach um zu schauen, was die anderen machen und zu vergleichen. Was finde ich vielleicht bei anderen besser? Was finde ich bei uns gut?

Was ist dabei rausgekommen?

Ich habe da keine abschließende Meinung. Grundsätzlich sollte man in unserer Branche nie denken, der Nabel der Welt zu sein. Wir machen unseren Job für die Menschen, um sie zu informieren. Deswegen sollten wir auf sie zugehen und nicht die Haltung haben: „Die müssen jetzt zu uns kommen und unsere Sendung einschalten, weil wir so toll sind.“ Aus diesem Zeitalter sind wir raus, auch wenn das einige nicht sehen. Dafür gibt es einfach zu viel Konkurrenz. Nicht nur das Privatfernsehen,

40 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

»Ich habe mittlerweile eine Therapeutin. So ein Safe Space reicht manchmal schon«

»Für mich können es auch drei oder vier öffentlich-rechtliche Sender sein. Ein bisschen Konkurrenz schadet ja nicht«

auch YouTube, Facebook und Instagram.

Also muss ich dich gar nicht fragen, wie das lineare TV relevant bleibt?

Das ist eine schwierige Frage, denn wir sehen ja, in welche Richtung es geht. Ich mag das lineare Fernsehen. Ich bin da auch etwas oldschool. Über „Wetten, dass..?“ kann man streiten, aber ich bin damit groß geworden und wenn man es wieder sieht, holt das sehr viele positive Erinnerungen hoch. Dieses Gemeinschaftsgefühl vor dem Fernseher. Ich glaube einfach, man sollte nichts ausschließen. Man kann genauso gut mal hinterfragen: Wird es in zehn oder 20 Jahren noch lineares Fernsehen geben oder schauen wir eigentlich alle nur noch Mediathek?

Das Szenario sollte man zumindest durchspielen.

Was man auch fragen sollte, ist, wie man den Teil der Gesellschaft erreicht, der sich nur noch über sogenannte alternative Medien informiert.

Ich finde das schwierig, denn du kriegst die Leute definitiv nicht zum Fernsehen oder zum Anschauen der „Tagesthemen“, indem wir jetzt plötzlich deren Inhalte zeigen. Ich habe vor kurzem beim ARD-Dialogtag mitgemacht, wo Menschen sich von überall bundesweit einschalten konnten und Feedback geben durften. So etwas sollten wir öfter machen. Man könnte diese Menschen eher erreichen, indem man selbst als „Tagesthemen“-Moderatorin vor Ort in eine Region geht und versucht,

mit den Menschen direkt zu sprechen. Es betrifft ja nicht nur die, die ihre eigenen Blasen haben, sondern auch andere Schichten, andere Milieus. In der arabischen Community gibt es genug Leute, die sagen: „Ich fühle mich nicht angesprochen, weil gar nicht über meine Lebenswelt geredet wird.“

Du warst vor ein paar Jahren mal ziemlich ausgebrannt. Arbeits- oder Freizeit-Stress? Was war los?

Da kam einiges zusammen. Die Arbeit, das viele Pendeln, aber ja, auch viel privater Stress. Jeder, der mal einen Burnout hatte oder etwas ähnliches gespürt oder durchlebt hat, kennt dieses Gefühl, dass man sich darüber hinwegsetzt und einfach weitermacht. Dann kommt irgendwann der Punkt, wo der Körper nicht mehr will. So fühlte ich mich damals. Ich bin aber durch Veränderungen rausgekommen. Dazu war ich selbst noch imstande. Ich musste mir keine Hilfe holen, weil die von meiner Familie, meinem Umfeld kam, als sie mir gesagt haben: Aline, dir geht es nicht gut.

Also brauchst du Familie und Freunde, um es aus so einer Situation zu schaffen?

Das hat auch nicht jeder. Ich habe mittlerweile eine Therapeutin. So ein Safe Space, wo man Banales, aber auch Schwerwiegendes besprechen kann, der reicht manchmal schon.

Wie schaffst du es, dass du nicht wieder in so einen Strudel gerätst? Schwierig. Man kann immer sagen: Die gemachten

Fehler nicht noch mal machen. Ich habe mir früher zu viele Termine auf einen Tag gelegt. Heute mache ich maximal zwei Termine pro Tag und ziehe das auch durch. Das ist zwar nicht immer möglich und eine logistische Frage, aber es ist entlastend. Ein Termin kann auch ein Treffen mit einer Freundin oder ein Arztbesuch sein, denn du darfst nicht vergessen: Jedes Mal, wenn du losgehst, ist das eine Kraft, die du aufwendest. Das klingt jetzt total dramatisch, aber ich glaube, das ist in einer sehr chaotischen Welt gut. Gerade vielleicht in meiner Welt, wo ich sehr im Fokus der Öffentlichkeit stehe, habe ich gemerkt, dass ich meine Ruhezeiten brauche.

Sind Journalistinnen generell gute Kandidatinnen für einen Burnout? Vielleicht. Gerade wenn du Freiberuflerin bist, arbeitest du ja gefühlt immer und hast keine richtigen Pausen. Natürlich kann man sich Sprechzeiten einstellen. Das ist eigentlich auch etwas, was ich mir mal vorgenommen hatte, was aber schwer realisierbar ist. Es hilft auch, sich einmal die Woche wirklich hinzusetzen, die Woche zu planen, die Tage einzeln anzugucken und zu überlegen: Schaffe ich das? Das ist mein Sonntags-Ritual.

Auf Familienbesuch im Libanon warst du 2006 hautnah dabei, als ein Krieg losging und musstest fliehen. Verblassen vor so einer Erinnerung manche Alltagssorgen?

Ja. Ich war damals 18 und habe vieles verdrängt und vergessen, aber es gibt

Erlebnisse, die ich nicht aus dem Kopf kriege. Es gibt aber auch viele Erfahrungen, die ich danach gemacht habe in anderen Ländern. Ich war 2016 in Israel, Palästina und auch in Gaza. Nach den Eindrücken aus Gaza gab es für mich keine privaten Probleme mehr. Das ist jetzt leicht gesagt, denn natürlich gibt es Probleme, aber es bringt einen sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück.

Was hat der Krieg in Europa mit dir gemacht? Als der Angriff auf die Ukraine begann, war ich keiner der Menschen, die aufgeschrien oder Angst bekommen haben. Für mich ist es auch nah, wenn der Krieg im Jemen, in Libyen oder in Syrien ist. Das hängt vielleicht mit meiner Lebens-, meinen Auslandserfahrungen und meiner Nähe zu dieser Region zusammen. Ich bin mit Krieg und Krisen groß geworden. Also war es ein Schock, dass der Krieg begann, aber nicht, dass er so nahe ist.

Was macht dir angesichts von Kriegen und Krisen Hoffnung?

Ich sehe sehr viele tolle Sachen im Bereich Klimaschutz. Mir gefällt unsere Jugend und was für Menschen gerade heranwachsen. Hoffnung ist wichtig und Aufgeben ist für mich keine Option. In diesem Job wirst du so vollgepumpt mit Krieg und Krisen, abschalten ist da schwer möglich. Aber gleichzeitig sehe ich durch die Arbeit auch positive Entwicklungen, lerne Menschen kennen, die etwas bewegen wollen und können. Darin liegt Hoffnung.

43 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

Amazon

Alexa, mach das Licht aus! Gadgets wie der smarte Lautsprecher Echo sind gefloppt. Also streicht der Online-Händler weltweit rund 10.000 von 1,5 Millionen Stellen. Es ist der größte Stellenabbau der Firmengeschichte.

Balenciaga

Die Lieblingsmarke von Influencerinnen wirbt mit Fotos, die auf Kindesmissbrauch anspielen. Erst beschuldigt das Label Agentur und Fotografen, dann entschuldigt es sich via Insta doch. Der Imageschaden ist da längst passiert.

Rainer Beaujean

Der ProSiebenSat.1-Chef wird im Oktober überraschend abgesägt. Grund sind offenbar die bescheidenen Zahlen: Der Aktienkurs der Sendergruppe halbiert sich 2022. Der ehemalige RTL-CEO Bert Habets rückt an Beaujeans Stelle.

Bitcoin

Der Hype ist vorerst rum. Digitale Währungen haben 2022 an Wert, Bedeutung und Ansehen verloren, die drittgrößte Börse FTX ist pleite. Auf staatliche Rettungsschirme können die Crypto Dudes und Zentralbank-Antis lange warten.

DB Mobil

Der ICE-Schmöker hat Journalistinnen wie Thilo Mischke und Salwa Houmsi zeitweise auf die PR-Schiene gezogen. Jetzt stellen Papierpreise und Anzeigen-Flaute die Printausgabe aufs Abstellgleis – digital soll sie werbefrei fahren.

Documenta

Antisemitismus überschattet bei der Kunstausstellung in Kassel alles. Das Feuilleton debattiert seitenweise, Kulturstaatsministerin Claudia Roth schaltet sich ein. Die Eskalationsspirale endet im Rücktritt der Generaldirektorin.

Fußball

Die Winter-WM in der Wüste tritt Menschenrechte und Klimakrise mit Füßen. Die deutschen Männer fliegen in der Vorrunde raus. Oliver Bierhoff verlässt den DFB. Bei der DFL geht Chefin Donata Hopfen. Im Fußball ist 2022 der Wurm drin.

Gruner + Jahr

Wehmut am Baumwall: Nach der Fusion mit RTL verlassen reihenweise bekannte Köpfe wie Oliver Radtke und Stephan Schäfer den früheren Vorzeigeverlag. Viele G+J-Magazine überleben die Hochzeit wohl nicht.

Ulrike Handel

Springers News-Vorständin löst mit der Idee, die Redaktionen von „Bild“ und „Welt“ zu fusionieren, intern Unruhe aus – und muss schon nach wenigen Monaten wieder gehen. Die Blätter werden wieder Chefsache von Mathias Döpfner.

Fynn Kliemann

Das Kliemannsland scheint abgebrannt: Der Poster-Boy der Hipster-Welt verhakt sich in dubiosen Masken-Deals. Geschäftspartner, Freunde und der gute Ruf sind dahin, der YouTuber verschwindet von der Bildfläche.

44 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 22 VERLIERINNEN DES
2022 von A-Z
JAHRES

Christine Lambrecht

Die Verteidigungsministerin gerät wegen eines Insta-Fotos ihres Sohnes im BundeswehrHeli in Bedrängnis. Sie bekommt eine gerichtliche Schelte, er eine Standpauke von Mutti in Sachen Social-Media-Kompetenz.

Masken

Im Supermarkt trägt sie kaum noch wer, selbst im ÖPNV löst sich die Corona-Umsicht langsam in Luft auf. Vielleicht feiert das Pandemie-Accessoire Nummer 1 mit der nächsten Grippewelle ein Comeback.

Meta

Das Metaverse bleibt vorerst eine knallige Vision von Mark Zuckerberg. Die graue Realität bei Facebook sind schrumpfende Anzeigenumsätze und 11.000 Mitarbeitende, die ihren Arbeitsplatz räumen müssen.

Elon Musk

Mit seinem erratischen Handeln bei Neuzukauf Twitter treibt Elon Musk Fans und Mitarbeitende in den Wahnsinn. Der Erfolg ist dem mutmaßlichen Tech-Guru auch bei Tesla aus dem Fokus gerutscht, der Aktienkurs schwankt.

Pen

Erst macht Präsident Deniz Yücel den Abgang bei der Schriftstellervereinigung, dann tritt das gesamte Präsidium der „Bratwurstbude“ zurück. Die Abtrünnigen gründen den Pen Berlin. Die Doppel-Existenz stiftet Verwirrung.

Richard David Precht

Der TV-Philosoph kritisiert die angebliche Selbst-Gleichschaltung der Medien, überspitzt ordentlich, wird angegriffen, rudert zurück und verliert dabei die sonst so demonstrativ gepflegte Souveränität.

Ritter Sport

Quadratisch, praktisch, gut für Putin? Der Schoko-Produzent irritiert mit der Entscheidung, die Produktion in Russland am Laufen zu halten. Nach einem Shitstorm spendet die Firma hastig den Gewinn aus dem Russland-Geschäft.

Patricia Schlesinger

Genießt als RBB-Intendantin Boni und feine Abendessen auf Spesen-Rechnung, bis der Business Insider mit Recherchen um die Ecke kommt. Das Vertrauen im Sender ist dahin, mit ihr müssen viele Weggefährtinnen gehen.

Gerhard Schröder

Durch sein stures Festhalten an der Männerfreundschaft mit Wladimir Putin verliert Gerhard Schröder die letzten Reste seiner Reputation als Altkanzler. Freunde und Weggefährten distanzieren sich, es wird einsam um Schröder.

Liz Truss

Das einzige, was die britische Ex-Premier in ihrer 45-tägigen Amtszeit schafft, ist, die letzte Regierungschefin unter der Queen zu sein. Am Ende verliert sie sogar gegen einen Eisbergsalat, der besseres Durchhaltevermögen zeigt.

Weight Watchers

Die Abnehm-Bude blamiert sich mit einer Tinder-Kampagne, bei der Fotograf Paul Ripke Frauen empfiehlt, sich bei WW anzumelden. Für ihr Punkte-Geschäftsmodell ist in der neuen BodyPositivity-Welt offenbar kein Platz.

Z

Durch Russlands Kriegspropaganda wird der Buchstabe zum geächtetsten des Alphabets. Länder wie Berlin oder Bayern verbieten das Symbol, auf MilitärFahrzeugen in der Ukraine wird es zur tödlichen Zielscheibe.

45 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 Fotos: Picture-Alliance, Johannes Arlt

Dirk Steffens, was glaubst du: Kann die Welt Krise?

Nicht besser oder schlechter als immer schon in der Weltgeschichte. Was sich verändert hat, ist nicht unsere Probleme-Lösen-Kompetenz, sondern unsere Probleme-MachenKompetenz. Der technologische Fortschritt hat uns ein zerstörerisches Potenzial verliehen, mit dem wir offenbar überfordert sind: Wir haben Atombomben statt Steinschleudern und Kohlekraftwerke statt Lagerfeuer, unsere kognitiven Fähigkeiten haben sich in den vergangenen 100.000 Jahren aber nicht signifikant weiterentwickelt. Also benehmen wir uns wie Neandertaler mit einem Laserschwert in der Hand: gemeingefährlich.

Was hast du 2022 neu gelernt?

Dass Putin noch verrückter, Klimakonferenzen noch sinnloser, die Fifa noch verdorbener und die Bahn noch unzuverlässiger sind, als ich ohnehin schon dachte. Enttäuschend! Außerdem habe ich es zum ersten Mal geschafft, mit meinem Wing Foil Board zu fliegen. Herrlich!

Während Corona war irgendwie mehr Zuversicht, findest du nicht? Während Corona war zumindest die Art von Zuversicht, die uns suggerierte: Noch schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden. Das war blöderweise ein Irrtum. Aber Zuversicht ist trotzdem nicht nur eine Option, sondern eine Pflicht, denn wenn man mal ganz ernsthaft über die Zukunft der Menschheit

Dirk Steffens ist Journalist, Naturfilmer und Moderator. 2022 wechselt er nach mehr als zehn Jahren beim ZDF zu RTL und bekommt eigene Formate bei „Geo“. Steffens engagiert sich für den Umweltschutz, ist WWF-Botschafter und gründet 2017 mit seiner Frau die Biodiversity Foundation. Diese will über das globale Artensterben informieren

Moderator und Umweltaktivist Dirk Steffens hat im Krisenjahr 2022 nicht nur Fliegen gelernt, sondern sich auch seinen Glauben an das Gute nicht nehmen lassen. Weltuntergang ist für ihn nicht akzeptabel

»Es gibt zum Optimismus keine vernünftige Alternative«
Dirk Steffens im Videofragebogen turi2.de/koepfe

nachdenkt, kommt man zwangsläufig zu dem Schluss: Es gibt zum Optimismus keine vernünftige Alternative. Es sei denn, man hält den Weltuntergang für eine akzeptable Möglichkeit. Tue ich nicht, also bin und bleibe ich optimistisch.

Der Krieg in der Ukraine ist eine menschliche Tragödie und menschengemachte Katastrophe. Er ist zudem eine riesige Umweltsünde. Was gibt dir trotzdem Hoffnung? Ich hoffe, weil jede Krise, jeder Krieg, jede Diktatur irgendwann zu Ende geht. Wir Menschen leben, global betrachtet, heute länger, gesünder, friedlicher und, zumindest in demokratischen Staaten, auch freier als jemals zuvor in der Geschichte. Wer daraus keine Hoffnung schöpfen kann, dem ist nicht zu helfen. So fürchterlich uns die aktuellen Krisen auch vorkommen mögen: Homo sapiens wird daran nicht zugrunde gehen.

Viele Deutsche wie du haben Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Zeigt sich in schweren Zeiten, dass der Mensch im Grunde gut ist?

Die meisten sind gut, davon bin ich felsenfest überzeugt. Mein Kamera-Buddy Oliver und ich reisen seit einem Vierteljahrhundert zusammen um die Welt und haben die völlig unwissenschaftliche These aufgestellt: Unabhängig von Hautfarbe, Religion, Kultur oder Wohlstand liegt die Arschloch-Quote weltweit bei höchstens zehn Prozent.

Zurück nach Deutschland: Ist es richtig, dass

Atomkraftwerke am Netz bleiben?

Kurzfristig kann man das machen, um die aktuelle Energiekrise zu entschärfen, langfristig ist das aber keine Option: Atomstrom ist viel zu teuer, das können wir uns auf Dauer nicht leisten. Außerdem bremst der Ausbau von Kernenergie den Ausbau der Erneuerbaren, sie ist also doppelt ineffizient. Und ich habe bis heute in Deutschland keinen einzigen vernünftigen Vorschlag gehört, wo wir mit dem stark strahlenden Atommüll hin sollen. Mein Vorschlag: Alle, die fordern, dauerhaft Atommeiler zu betreiben, sollten einen Anteil von dem strahlenden Schrott erhalten und ihn dann bei sich zu Hause aufbewahren. Die Diskussion um Atomstrom wäre vermutlich sehr schnell vorbei. Aber ernsthaft: Die Politiker und Politikerinnen, die Atomstrom wollen, sollen dann auch bitteschön Endlager in ihren Wahlkreisen, in ihren Bundesländern, vorschlagen. Sie müssen Verantwortung für das übernehmen, was sie uns Deutschen aufbürden wollen. Machen sie aber natürlich nicht. Daran erkennt man, wie unehrlich die Diskussion geführt wird.

Die hohen Energiepreise tun vielen Menschen sehr weh. Aber sind sie angesichts der Ökokrise nicht da, wo sie sein müssten?

Ja. Aber sie sind zu schnell da hingekommen, wo sie hin müssen. In einer Demokratie braucht gesellschaftlicher Wandel erstmal eine gesellschaftliche Mehrheit und die lässt sich nicht von einem

Tag auf den anderen erzwingen. Die aktuellen Energiepreise wären nur akzeptabel, wenn wir unser Land technologisch schon aufgerüstet hätten, wenn Autos, Heizungen und Streaming-Portale weniger verbrauchen würden. Erschwingliche Energie ist lebenswichtig für unser Land. Wer disruptiv in ein bisher funktionierendes System eingreift, ob nun über plötzliche Preisanstiege, Verbote oder andere Eingriffe, riskiert eben auch gesellschaftliche Disruptionen – also Rezession, politischen Widerstand und wütende Bürger. Das hilft niemandem. Schon gar nicht dem Klima.

Ist es okay, wenn gut verdienende Politiker den Waschlappen statt Dusche empfehlen?

Ja. Ich verdiene auch gut und habe trotzdem noch ein Gewissen. Was zählt, ist nicht der Kontostand eines Menschen, sondern seine Integrität. Sozialneid zu schüren, ist oft die Methode derjenigen, die sich nicht auf sachliche Diskussionen einlassen wollen, sondern versuchen, Andersdenkende zu desavouieren. Auf so eine Art von Auseinandersetzung dürfen wir uns nicht einlassen.

Ist es okay, wenn viele Menschen den Klimawandel derzeit als weniger wichtiges Problem ansehen?

Nö. Aber es ist verständlich. Unser Problemtank hat nur ein begrenztes Fassungsvermögen. Da passen nicht endlos viele Katastrophen rein. Ukraine-Krieg und drohende Rezession sind ja wirklich gewaltige Probleme, die

einen kurzfristig vollständig in Anspruch nehmen können. Aber natürlich dürfen wir die großen Zukunftsfragen nicht allzu lange vernachlässigen. Nach dem Schock muss der Verstand wieder die Oberhand gewinnen und wir müssen uns klarmachen: Energiekrise und Inflation sind Folgen unseres kurzfristigen Denkens in der Vergangenheit. Hätten wir vor zehn, zwanzig Jahren konsequent den Ausbau der nationalen erneuerbaren Energien vorangetrieben, säßen wir heute entspannt im Warmen. Und wenn wir Klimakrise und Artensterben nicht stoppen, wird es immer mehr Einzelkatastrophen geben: Dürren, Fluten, Waldbrände, Pandemien, Energie- und Nahrungskrisen – die lässt ja nicht ein zorniger Gott auf uns herniederfahren, die haben wir uns durch Naturzerstörung oft selbst eingebrockt.

Wo siehst du die Aufgabe von Medienmenschen heute: Nur über globale Probleme berichten –oder selbst Teil der Lösung sein? Berichten – seriös, sachlich und unideologisch –ist ein Teil der Lösung. Es ist sicher richtig und wichtig, dem eigenen Gewissen zu folgen und dann kann man auch als Medienmensch mal auf einer Demo mitlaufen, sich in einer NGO engagieren und aktiv am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Aber ich habe nicht vor, mich demnächst auf irgendeiner Straße festzukleben. Das ist nicht mehrheitsfähig. Und deshalb auch nicht zielführend.

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Foto: Tobias Schult
Interview: Markus Trantow

darf im Blick auf die Welt nicht im Jetzt steckenbleiben«

Katrin Eigendorf berichtet für das ZDF aus den Kriegs- und Krisengebieten der Erde. Dabei ist sie immer auch auf der Suche nach Hoffnung – damit das Publikum nicht wegsieht

Wenn der Anlass nicht ein so bitterer wäre, müsste man sagen: 2022 war dein Jahr. Du warst präsent wie selten und wurdest mehrfach ausgezeichnet. Welches Resümee ziehst du?

Wir haben mit dem Ukraine-Krieg eine Zeitenwende auch im Journalismus erlebt, die uns vor ganz neue Herausforderungen stellt. Es ist wieder Krieg in Europa, die außenpolitische Berichterstattung hat enorm an Stellenwert gewonnen. Was in der Ukraine, aber auch in Russland passiert, reicht

weit in unser Leben hinein. In der Flut von Informationen und auch gezielter russischer Desinformationspolitik sind professionelle Augenzeugen und Reporter, die die Länder und politischen Systeme kennen, enorm wichtig geworden. Die Auszeichnungen sehe ich als Wertschätzung für alle KollegInnen, die in diesem Jahr trotz großer Gefahren über diesen Krieg berichten. Ich persönlich sehe es als Ansporn, unsere öffentlich-rechtliche Berichterstattung noch weiter zu verbessern.

Wie gewährleistest du mit deiner Arbeit ein vielfältiges Meinungsbild?

Wenn ich aus einem Krieg oder Krisengebiet berichte, gilt für mich, dass ich alles zeige, mit allen Beteiligten spreche. In Afghanistan habe ich schon sehr früh, bereits vor ihrer Machtübernahme, mit den Taliban nicht nur geredet, sondern auch ihren Alltag gezeigt. In der Ukraine habe ich 2014 von Anfang an mit Seperatistenführern Interviews gemacht, beispielsweise mit Denis Puschilin. Ich bin da sehr

nah ran gekommen, habe gezeigt, wie die Menschen im Osten der Ukraine denken. Ich kann allerdings die Seiten nur dann zeigen und zu Wort kommen lassen, wenn ich frei berichten darf. Das ist in den Gebieten, die Russland besetzt und kontrolliert, nicht möglich. Genauso wenig kann ich mit russischen Soldaten reden. Ich kann nur auf der ukrainischen Seite frei berichten – und das tue ich.

Woher nimmst du dein Wissen, wie entsteht deine Einschätzung?

48 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
»Man
Foto: ZDF / Svea Pietschmann

Es ist immer eine Mischung. Sehr wichtig ist es, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, mit Menschen zu sprechen, ihnen genau zuzuhören und sich auch die Umstände anzuschauen. Ebenso wichtig ist es, vielfältige Informationsquellen zu nutzen, um sich so ein Bild über die Gesamtlage und auch aktuelle Entwicklungen zu machen: die großen Social-Media-Kanäle, in der Ukraine besonders auch Informationsdienste wie Telegram. Persönliche Kontakte, Menschen, deren Einschätzung ich vertrauen kann, sind für mich auch wichtig. Ich bemühe mich immer, möglichst andere Einschätzungen zu hören, bevor ich selbst zu einer komme. Ebenso wichtig sind genaue Kenntnisse der Geschichte, der Hintergründe von Konflikten, im besten Fall auch der Sprache. Und: Erfahrung.

Precht und Welzer reklamieren, dass Medien zu einseitig berichten, alle ins gleiche Horn blasen und das Meinungsbild in der Bevölkerung ungenügend abbilden. Was ist da dran?

Das sind sehr pauschale und populistische Aussagen. Ich würde gerne einmal die Gegenfrage stellen: Was soll ich denn angesichts eines grauenvollen Vernichtungskrieges gegen ein Land und vor allem seine Zivilbevölkerung berichten? Der russische Außenminister

Lawrow hat angesichts der Lage in Butcha von einer Inszenierung gesprochen. Russland greift in Mariupol eine Geburtsklinik an und behauptet, die Opfer seien Schauspielerinnen. Mit dieser Form von Lüge und Propaganda versucht die russische Regierung, Zweifel zu säen, Misstrauen zu schüren –es ist Putins Strategie, die Gesellschaften der westlichen Länder zu spalten. Als Reporterin vor Ort ist es meine Aufgabe, über die Tatsachenwahrheit zu berichten, aus eigener Anschauung, nach gründlicher Prüfung. Das tun alle Reporter, die ihren Beruf ernst nehmen.

Früher war Kriegsberichterstattung die Domäne harter Kerle, heute berichten mehr Frauen aus Krisengebieten. Spielt das Geschlecht noch eine Rolle? Ich glaube, wir bewegen uns immer weiter davon weg. Gerade in der Ukraine hat sich schon 2014 gezeigt, wie viele Frauen über den Krieg berichten. Ich habe das Gefühl, insgesamt hat diese Mischung der Geschlechter die Kriegsberichterstattung verändert: weg vom Schlachtfeld, mehr rein in die Zivilgesellschaft, weniger technisch, deutlich menschlicher. Noch immer sind Männer in der Mehrheit, aber auch in den Chefetagen der Medien setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass Frauen ebenso gut

wie Männer als Kriegsreporter arbeiten können. Hilfreich sind dafür natürlich auch Vorbilder: Frauen wie Christiane Amanpour von CNN haben dafür schon vor vielen Jahren die Grundlagen geschaffen.

Tina Hassel hat uns in der turi2 Agenda 2022 prophezeit: „Wir werden aus dem Krisenmodus gar nicht mehr rauskommen.“ Mit Blick auf die Ukraine, den Iran, nach China und Taiwan – wer konnte wissen, dass es so schlimm kommt? Nach meiner Meinung haben sich viele Entwicklungen abgezeichnet, aber in der Komplexität und der Gleichzeitigkeit, in der wir alle diese Konflikte gerade erleben, liegt schon eine besondere Herausforderung. Das wichtigste Thema finde ich die Folgen des Klimawandels und die Frage, wie wir unseren Lebensraum Erde retten können. Krisen fordern Lösungen und die müssen wir angehen. Es ist unsere Entscheidung, ob wir ste-

cken bleiben oder in die Zukunft blicken.

Aktuell macht sich eine Art Kriegs- und Krisenmüdigkeit breit. Viele versuchen, schlechte Nachrichten zu meiden. Beeinflusst das deine Arbeit?

Ja, das erlebe ich auch in Gesprächen mit Familie und Freunden, auch in den öffentlichen Debatten. Wir müssen uns bemühen, mehr konstruktiv zu berichten. Das bedeutet, auch die positiven, hoffnungsvollen Fakten einfließen zu lassen. Journalisten neigen dazu, alles immer sehr kritisch zu sehen, was im Grundsatz richtig ist. Dabei darf man den Blick aber nicht nur auf das Negative verengen. Ich sehe das auch als Herausforderung für meine Arbeit.

Woraus schöpfst du Hoffnung?

Man darf im Blick auf die Welt nicht im Jetzt stecken bleiben. Das Jetzt ist immer nur ein Ausschnitt, das wird klar, wenn man die großen weltgeschichtlichen Entwicklungen sieht. Wer hätte gedacht, dass eines Tages tatsächlich die Mauer fällt? Das Apartheid-Regime friedlich beendet wird? Die Zukunft ist offen, für gute und schlechte Entwicklungen – ich schöpfe meine Hoffnung daraus, dass die Menschen entscheiden können.

Katrin Eigendorf arbeitet seit den 90er Jahren als Auslandskorrespondentin. Nach ihrem Volontariat beim WDR und Stationen in der ARD wird sie 1993 RTL-Korrespondentin in Moskau. Zum ZDF kommt sie 1999, berichtet 2015 bis 2018 aus dem ZDF-Studio Moskau. Heute sind ihre Schwerpunkte neben Afghanistan, der Ukraine und Russland der Libanon, Irak und die Türkei. Für ihre Arbeit wurde Eigendorf mehrfach ausgezeichnet

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Interview: Heike Turi
»Frauen berichten anders vom Krieg: weg vom Schlachtfeld, weniger technisch, deutlich menschlicher«

Michael Trautmann hat Erfahrung als Werber, war Marketingchef von Audi und Mitgründer der Agenturen Kempertrautmann undThjnk. Bekannt ist er auch für seinen Podcast „On the way to new work“

»Ich habe mich von allen Nachrichten-Apps getrennt«

Der Frühling 2022 bringt für New-Work-Tausendsassa Michael Trautmann eine dringend nötige, selbstverordnete Auszeit von allem. Aus der hat er gelernt, worauf es 2023 ankommt

Was hat 2022 mit dir, deiner Arbeit, deinem Leben gemacht?

Das war ein großes Umbruchjahr. Ich wollte im Januar remote von der wunderbaren Insel Mallorca arbeiten. Ich dachte, das gibt mir einen guten Flow ins Jahr. Aber ich habe meinen Körper und Dinge, die ich nicht richtig verarbeitet habe, ein bisschen unterschätzt. Im März und April hatte ich zwei sehr schwere Monate. Ich habe mich selbst „aus dem Verkehr gezogen“, sehr viel Zeit mit Selbstreflexion verbracht und gemerkt: Auch ein sehr positiver Mensch kann so eine Phase haben.

Die Welt hat sich in den vergangenen drei Jahren krass verändert. Was hat das mit dir gemacht?

Die Corona-Krise hat mir vor Augen geführt, dass einige meiner Verhaltensweisen nicht zielführend waren. Ich bin zu viel in der Welt herumgereist, ohne, dass es hätte sein müssen. Ich habe zu viele Dinge parallel gemacht und Corona hat mir geholfen, runterzukommen. Das war gut. Aber wahrscheinlich habe ich ein paar Dinge nicht zu Ende verarbeitet, sodass 2022 doch noch die psychische Krise kam. Der beginnende Ukraine-Krieg hat das Fass zum Überlaufen

gebracht. Das hat mich unheimlich bewegt. Ich komme aus zwei Soldaten-Familien, vermutlich trifft das familiäre Traumata. Insgesamt bin ich aus dieser persönlichen Krise gestärkt hervorgegangen. Ich habe gelernt, an welchen Stellen ich mich auch mit 57 Jahren noch mal ändern und weiterentwickeln kann.

Viele gehen angesichts von Krieg und Krise Nachrichten aus dem Weg. Wie ist das bei dir? Ich habe mich im Mai, als ich gestärkt und gefühlt sehr resilient wieder ins Berufsleben eingestiegen bin, von allen Nachrichten-Apps getrennt. Philipp Westermeyer hat mir damals geraten, mir lieber eine gute Zeitung zu nehmen. Jetzt lese ich eher mal einen tief recherchierten Artikel in der „Zeit“ und höre mir Podcasts wie „Okay America“ an. Diese News-Junkie-Kultur ist einer der Treiber, die Menschen mental so belastet, dass daraus Krankheiten werden können. Ich versuche daher, viel spazieren zu gehen, nach Möglichkeit auch mal keinen Podcast zu hören und mich an der Natur zu erfreuen.

Ich habe mal gelernt: Wenn ich eine Tätigkeit gefunden habe, die mir Spaß und Geld bringt, muss ich eigentlich nie

wieder arbeiten. Ist das das Ziel von New Work? Das ist sicherlich die große Vision. Der Vordenker Frithjof Bergmann hat prognostiziert, dass Menschen in Zukunft nur noch ein Drittel ihrer Zeit für Gehalt arbeiten, ein Drittel ihrer Zeit Dinge selbst erschaffen und ein Drittel ihrer Zeit Dinge tun, die sie wirklich wollen. Mein Anspruch ist aber, dass Menschen von ihrem Tun für mehr als ein Drittel ihrer Zeit erfüllt sind. Ich habe das häufig in Service-Berufen gesehen – in Zügen, im Flugzeug oder auch bei Pflegepersonal. Das Problem: Viele müssen unter solchen Umständen arbeiten, dass sie ihrer Berufung nur durch Selbstausbeutung gerecht werden können.

Müssen wir harte oder unattraktive Arbeit besser bezahlen als Liebhaber-Jobs, wie wir beide sie machen?

Ja. Es geht auch darum, wie die Gesellschaft insgesamt mit diesen Menschen umgeht. Lachen wir sie an? Geben wir ein Trinkgeld? Plus: Wir müssen den Leuten die Bedeutung ihres Jobs klarmachen. Wer etwa in einem Krankenhaus putzt, verhindert, dass sich Keime verteilen und Menschen sterben.

50 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Interview: Markus Trantow Foto: Sebastian Fuchs Michael Trautmann spricht über seinen Job im turi2.de/jobspodcast

DIREKT LUST BEKOMMEN, IN DEN PODCAST REINZUHÖREN? SCANNEN SIE DEN QR-CODE MIT IHREM SMARTPHONE. VIEL SPASS!

Konstantina Vassiliou-Enz arbeitet lange als HörfunkJournalistin. 2011 wird sie Geschäftsführerin des Vereins Neue Deutsche Medienmacher*innen. 2022 gründet sie mit Ferda Ataman die Beratungsagentur Diversity Kartell

»Wir wollen Medien beim Überleben helfen«

Konstantina Vassiliou-Enz, Gründerin der Beratung Diversity Kartell, will Vielfalt in die Medien bringen. Sie glaubt an die Macht von Quoten statt an Regenbogen-Logos

Du arbeitest seit über drei Jahrzehnten in der Medienwelt. Was hat sich in dieser Zeit in Sachen Diversität verbessert?

Bis vor zehn Jahren war es geradezu radikal, zu fordern, dass Redaktionen vielfältig besetzt sein müssen und Medieninhalte nicht für ein Publikum gemacht werden sollten, dass es seit den 70er Jahren nicht mehr gibt. Heute haben das die meisten Medienhäuser längst er-

kannt. Sie wissen noch nicht genau, was sie mit der Erkenntnis anfangen, aber dafür gibt es ja Fachleute wie uns.

Hat sich auch etwas verschlechtert?

Junge Leute mit einem ungeraden Lebensweg haben viel schlechtere Chancen im Beruf. Das war früher einfacher, es ist ziemlich paradox: Fritz Pleitgen zum Beispiel hatte die Schule abgebrochen und war trotzdem zwölf Jah-

re lang WDR-Intendant. Heute sind es erst ein paar wenige Häuser, die wieder davon abrücken, ein Studium und journalistische Erfahrung und zig Praktika als Voraussetzung für ein Volontariat zu verlangen.

Wo liegen heute die größten Baustellen? Auch heute noch denken bei Diversity viele erstmal an mehr Frauen. Aber viele Förderprogramme für Frauen sind so aufgesetzt,

dass sie weiße, junge, heterosexuelle und karrierebewusste Frauen ohne Behinderung im Blick haben. Sie richten sich nicht an Schwarze Frauen oder welche aus einer RomaFamilie, nicht an queere Frauen oder solche mit Behinderung oder Armutserfahrung. Das sind einfach viele verschenkte Chancen. Im Idealfall gibt es in einem Medienhaus eine übergreifende Strategie, die alle Abteilungen adressiert. Die meisten

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Häuser stellen eher mal ein, zwei neue Leute ein und führen einen Workshop für diskriminierungssensible Sprache oder ein Diversity-Training für Führungskräfte durch. Solche punktuellen Maßnahmen sind besser als nichts, aber keine Diversity-Strategie. Vielen wird inzwischen aber schnell klar, dass es mehr braucht, wenn man als fortschrittlich wahrgenommen werden oder neue Zielgruppen erschließen will. Wichtig ist zu wissen: Jede*r kann diversitätsorentiert arbeiten. Das kann man lernen und es ist nicht schwer. Aber man muss es wollen und bereit sein, die gewohnte Arbeitsweise zu ändern – von der Rekrutierung bis zu allen relevanten Entscheidungen. Und davor scheuen sich viele. Manchmal so lange, bis es zu spät ist.

Das Thema ist in deinen Augen Chefinnensache. Warum?

Weil es zwar am einfachsten und günstigsten ist, mit dem Nachwuchs anzufangen und ein paar Vokabeln politisch korrekt zu ersetzen. Das ist aber zu kurz gedacht. Azubis setzen nicht die Prioritäten im Haus und prägen keine neue Arbeitskultur. Sie stehen in der Hierarchie ganz unten. Natürlich sind diverse Praktis und Volontär*innen großartig. Sie bringen frischen Wind, neue Ideen und Social-Media-Skills mit. Aber man muss dafür sorgen, dass sich die Neuen entfalten können, wertgeschätzt werden und bleiben wollen. Deswegen funktioniert Diversity nur als

Chef*innensache, weil es ein sehr umfassender Veränderungsprozess ist.

Was können Verbraucherinnen tun, um selbst mehr Vielfalt bei Firmen und Verlagen zu fordern?

Sich häufiger beschweren und öfter mal loben, wenn im Programm oder im Blatt auffällt, dass Vielfalt fehlt oder eben gezeigt wird. Du hast sehr sicher auch die Erfahrung gemacht, dass in jeder Redaktion die Diskussion losgeht, wenn mal zwei, drei Zuschriften mit gut argumentierten Beschwerden zum selben Thema ankommen oder auch, wenn es ernstzunehmendes Lob gibt. Viele unterschätzen den enormen Einfluss, den sie mit einer simplen E-Mail nehmen können, dabei ist es so einfach.

Was sind wirklich verlässliche Kennzahlen für Diversität in Unternehmen? Da kann es ja nicht ausschließlich um die Frauenquote im Vorstand gehen.

Diversität lässt sich beim Personal und genauso beim Output messen. Also: Wieviele Menschen mit Rassismuserfahrung, mit Behinderung, wieviele queere Kolleg*innen oder Menschen mit Armutserfahrung arbeiten im Haus und haben sie Entscheidungsmacht? Solche Daten machen deutlich, wie ein Betrieb aufgestellt ist und sie können problemlos anonym erhoben werden. Ebenso wichtig ist, sich anzuschauen: Wen repräsentieren wir in unseren Inhalten und wen nicht? Es gibt eine ein-

fache Messungsmethode, die oft sehr überraschende Ergebnisse bringt –meistens sind die eigenen Medieninhalte wesentlich einseitiger, als sie die Leute sich vorstellen. Und mit solchen Diversity-Daten als Grundlage lassen sich dann verbindliche Zielmarken festlegen.

Diversity Kartell hat einen Schwerpunkt im Medien-Business. Ist das Thema bei uns wichtiger als anderswo?

Ja, weil Medien die öffentliche Meinung prägen und Journalist*innen damit eine große Verantwortung tragen. Was viele von uns über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien. Wenn Journalismus aber einseitig ist, weil es niemanden in der Redaktion gibt, der oder die neue Perspektiven einbringen könnte, und wenn es keinerlei Zugänge zu bestimmten Communities, ihren Themen und Storys in der Redaktion gibt, dann finden sie in den Medien auch nicht statt. Abgesehen davon gehört es schließlich zum journalistischen Handwerkszeug, alle Blickwinkel auf ein Thema zu kennen, wenn ich darüber berichte. Wer nicht das ganze Bild sieht, kann nicht objektiv berichten. All diese Folgen sind viel schwerwiegender, als wenn sich mal ein Auto oder eine neue Seife nicht verkauft.

Weshalb glaubst du, dass es Quoten braucht, um Medienschaffende mit internationaler Geschichte zu fördern? Weil Logos in Regenbogenfarben und Fotos von Schwarzen Nachwuchs-

journalist*innen auf der Website nichts bewirken. Wir wissen aus der Forschung und aus der Praxis: Ohne Quote ändert sich nichts. Es ist schlicht das einzige Instrument, das wirkt. Quoten als freiwillige Selbstverpflichtung sind messbar, transparent und verbindlich. Klar, es gibt Vorurteile, aber nur durch Quoten werden alle, die bisher schlechtere Karten haben, nicht mehr benachteiligt. Sie bekommen einfach die gleichen Chancen, die alle anderen immer schon hatten. Außerdem greifen Quoten erst bei gleicher Qualifikation von Kandidat*innen. Die Angst, dass durch eine Quote plötzlich lauter schlechte Journalist*innen in der Redaktion sitzen, ist irrational. Es gibt ausreichend Länder wie Großbritannien, die USA und Kanada, die gezeigt haben, dass positive Maßnahmen zur Förderung von benachteiligten Gruppen möglich sind, ohne Schaden anzurichten. Und natürlich ist auch niemand gezwungen, über eine Quote in die Redaktion zu kommen.

Du hast als dein Ziel die „Medienweltverbesserung“ ausgegeben. Wann weißt du, dass du dieses Ziel erreicht hast?

Es wäre ein gutes Zeichen für Medienweltverbesserung, wenn weiße, heterosexuelle Männer ohne Behinderung in Führungspositionen irgendwann in der Minderheit sind. Also genau wie in unserer Gesellschaft, wo sie ungefähr ein Drittel ausmachen. Das würde ich feiern.

53 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Interview: Tim Gieselmann Foto: Sarah Eick
»Wenn weiße heterosexuelle Männer ohne Behinderung in Führungspositionen in der Minderheit sind, würde ich das feiern«

»Augen auf bei der Berufswahl«

Kai Gniffke startet 2023 als ARD-Chef, der das große Aufräumen hinkriegen muss. Hier beschreibt er, wie der Senderverbund aus dem Scherbenhaufen heraus „Kraft für Neues“ schöpfen soll

Kai Gniffke, Ihr Name wird künftig sicher öfter als bisher in kritischen Berichten der „Bild“ auftauchen. Wie nervös macht Sie das?

Das mag so sein – Augen auf bei der Berufswahl. Viel wichtiger ist mir aber,

was die Menschen bei uns abrufen können. Können sie bei der ARD in die Welt eintauchen – um die Ecke und weit weg? Haben sie die Gewissheit, dass Infos verlässlich recherchiert und Darstellungen respektvoll sind? Je mehr

Menschen darauf mit „Ja“ antworten, desto besser.

Was muss die ARD aus der Affäre Schlesinger lernen, um nicht zu implodieren? Bescheidenheit und Mut. Wir haben keinen Selbst-

zweck, sondern dienen mit unserem Programm den Menschen. Daher werden wir jeden Stein im ARD-Puzzle einmal hochheben und weiter an Verbesserungen arbeiten. An noch mehr Zusammenarbeit und vor allem am

54 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Foto: SWR/Patricia Neligan Kai

Fokus auf den Produkten, denn damit möchten wir Menschen überzeugen und begeistern, sie sind für sie gemacht.

Wie wollen Sie den Zusammenhalt in der ARD stärken – zwischen den Sendern und unter den Mitarbeitenden?

Wichtig ist, dass wir Menschen erreichen. Die Frage ist immer: Finden die Menschen unsere Videos und Audios wertvoll – für sie ganz persönlich? Das können wir liefern, weil wir hochmotivierte, professionelle Kolleginnen und Kollegen in der ARD haben. Unsere Arbeit geht in die Produkte, die Menschen sich bei uns holen können. Sie müssen spüren: Das hat Wert. Die Leute bei der ARD brennen für unabhängigen Journalismus und alle daraus folgenden Inhalte. Da funktioniert auch die kritische Berichterstattung in eigener Sache. Dabei muss aber nicht jeder alles machen. Wir werden uns Arbeit teilen und noch enger zusammenarbeiten.

Wie kann die ARD ihr Bild in der Öffentlichkeit wiederherstellen? Das Publikum misst uns an unserem Programm, an unseren Videos und Audios. Treffe ich dabei auf Themen, Menschen und Ansichten, die mich inspirieren oder zum Denken anregen? Ist da etwas dabei, das mich bereichert, schlauer macht, zum Lachen bringt? Kann ich bei der ARD aufladen, mit Informationen, aber auch mit guter Unterhaltung?

Die Medienpolitik hat nochmal andere Erwar-

tungen an uns, da geht es vor allem um Strukturfragen. Da sind wir gemeinsam dran. Wir müssen ARD-weit in Zukunftsbereiche investieren und Bestehendes optimieren, aber auch Dinge sein lassen, die wir bisher getan haben. Nur so gewinnen wir Kraft für Neues.

Wie kann aufwändige Recherche mit wenig Ressourcen gelingen? Auch das gelingt immer dann besonders gut, wenn wir die Kräfte in der ARD bündeln und gezielt zusammenarbeiten. Etwa bei großen internationalen Recherche-Projekten könnte ein ARD-Investigativteam ein bedeutsamer Player sein.

Wie werden Redaktionen in Deutschland diverser? Das kann man nicht anordnen, das muss man konsequent leben und aktiv betreiben. Bei uns beginnt es schon mit der Auswahl der Volontärinnen und Volontäre. So sind zum Beispiel Studienabschlüsse allein kein wichtiges Kriterium mehr, denn wir wollen auch Menschen für journalistische Berufe begeistern, die einen anderen Lernund Lebensweg haben. Es geht darum, dass wir selbst möglichst unterschiedlich sind und unsere unterschiedlichen Perspektiven einbringen. Vor allem müssen wir in den Redaktionen ein Klima der Offenheit gegenüber unterschiedlichen Sichtweisen weiter fördern.

Die psychische Belastung von Journalistinnen ist gestiegen. Was tun?

Da hilft vor allem das Miteinander, also sprechen, Ventile bieten, aber auch Fortbildungen und psychologische Unterstützung. Unerlässlich ist, dass die Sender ihren Mitarbeitenden gerade bei kritischen Einsätzen den Rücken stärken und ihnen Sicherheit geben.

Wie kriegen Sie junge Menschen für guten Journalismus begeistert – geht das nur über TikTok und Instagram? Begeisterung erzeugt man nicht über Plattformen, sondern über gute Inhalte. Aber natürlich schauen wir auch auf das Mediennutzungsverhalten junger Menschen und begegnen ihnen plattformgerecht dort, wo sie sich medial aufhalten, etwa mit der „Tagesschau“ auf TikTok und Instagram. Dabei laden wir sie immer wieder ein, in den Kosmos der Mediatheken von ARD und ZDF einzutauchen. Insbesondere auf unseren eigenen Plattformen, die nicht von unbekannten Algorithmen und einem unsicheren Umgang mit Nutzungsdaten geprägt sind, werden wir sehr viel Kraft investieren, um alle Zielgruppen direkt dort anzusprechen. Für diejenigen, die Journalismus als Beruf wählen möchten, bieten wir außerdem umfassende Ausbildungsgänge.

Welchen Satz möchten Sie 2023 auf gar keinen Fall im Zusammenhang mit den Öffentlich-Rechtlichen lesen? Die ARD schläft.

Kai Gniffke startet nach einem Studium der Politik, Soziologie und Rechtswissenschaft als Mitarbeiter einer Lokalredaktion in der heimischen Eifel in den Journalismus. 1993 wird er SWR-Redakteur. Zehn Jahre darauf wechselt er als Vize-Chef zu ARD-aktuell nach Hamburg, wird später Chefredakteur von „Tagesthemen“ und „Tagesschau“. Dass er im Tagesschau-Blog regelmäßig offen mit Kritik umgeht, macht ihn auch außerhalb der Medienbranche bekannt. 2019 wechselt Gniffke als Intendant zum SWR. Ab 2023 ist er zwei Jahre Vorsitzender der ARD und löst damit die zurückgetretene Patricia Schlesinger und Interims-Chef Tom Buhrow ab

56 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

Interview: Elisabeth Neuhaus
»Unerlässlich ist, dass die Sender ihren Mitarbeitenden gerade bei kritischen Einsätzen den Rücken stärken und ihnen Sicherheit geben«

„Post und DHL – mit Abstand. Mit ca. 40.000 Elektrotransportern, E-Trikes und E-Bikes ist über die Hälfte der deutschen Zustellflotte emissionsfrei. Außerdem versenden die mit GoGreen schon seit 11 Jahren unsere privaten Pakete und seit diesem Jahr auch alle Briefe in Deutschland durch Klimaschutzinvestitionen komplett CO2-neutral. Läuft.“

GELB IST GRÜN. VOGELS KLIMACHECK: WER HAT DEN UMWELTFREUNDLICHSTEN FUHRPARK DER BRANCHE?
Selber checken auf: VogelCheckt.de

»Die Fortsetzung des Vergangenen reicht nicht aus«

Managerin und Aufsichtsrätin Janina Kugel über Altersarmut, Zuwanderungspolitik und den Wert des Wörtchens „Danke“

Frau Kugel, ich bin frisch zurück im Job aus der einjährigen Elternzeit. Jetzt arbeite ich in Teilzeit. Eine schlechte Idee?

Ich kenne Ihre beruflichen Ambitionen nicht. Grundsätzlich bin ich eher eine Freundin der flexiblen Arbeitszeit. Teilzeit wird sehr häufig nur von Frauen wahrgenommen.

Das führt zu weniger Gehalt, weniger Rentenbeiträgen und meist auch zu weniger Beförderungen.

Altersarmut trifft vor allem Frauen, die Kinder erzogen haben. Deshalb sollten sich Paare bei der Frage, wie sie ihr Leben mit Kind gestalten wollen, nie nur die momentane Situation anschauen, sondern immer mitdenken, wie das Arbeitsleben weitergeht und sich die CareArbeit teilen. Doch leider ist es bei der schlechten Betreuungsinfrastruktur in Deutschland für zwei Menschen in einer Beziehung schwierig geworden, voll zu arbeiten und Kinder großzuziehen. Ich bin froh, dass meine Kinder aus dem Kita-Alter raus sind und fühle mit den Eltern junger Kinder mit.

Bin ich jetzt als Mutter auf dem Arbeitsmarkt weniger wert?

Nein, auf gar keinen Fall. Warum sollten Sie? Es gibt unwahrscheinlich

viele Fähigkeiten, die wir außerhalb unserer eigentlichen beruflichen Tätigkeit und gerade bei der Kindererziehung erwerben, dann aber im Job einsetzen können. Ob Sie sich als Trainerin im Sportverein engagieren oder eine Familie managen: Hier lernen Sie viel Neues.

Es kann also von Vorteil sein, in einer Bewerbung zu erwähnen, dass ich ein Kind habe?

Bei mir schon! Bei anderen leider nicht immer. Bei Bewerbungsprozessen in angelsächsischen Ländern wird gar nicht nach dem Geburtsdatum oder dem Familienstand gefragt. Ich kenne Organisationen, die gewisse Informationen im Lebenslauf „schwärzen“, um Personalentscheidungen möglichst ohne Bias zu treffen. Eine große Stiftung in den USA stellte beispielsweise fest, dass sie überproportional viele Absolvent*innen von IvyLeague-Unis einstellte, was für ihre Arbeit nicht optimal war. Als sie den Namen der Uni im Bewerbungsprozess unsichtbar machten, wurden deutlich mehr Nicht-Ivy-League-Talente eingestellt als vorher.

Was macht ein Unternehmen heute zu einem

Janina Kugel

Jahrgang 1970, zählt seit ihrer Zeit als Personalvorständin bei Siemens zu den prominentesten Managerinnen Deutschlands. Seit 2020 ist sie Senior Advisor bei der Boston Consulting Group. Kugel ist Mitglied mehrerer Aufsichtsräte. Sie ist verheiratet und Mutter von TeenagerZwillingen

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wertvollen Arbeitgeber?

Eine Studie der Boston Consulting Group zeigt, wichtigste Kriterien für Mitarbeitende sind das gute Verhältnis zu den Kolleg*innen und zu ihren Führungskräften. Work-Life-Balance steht auf Platz drei. Es zeigt sich aber auch, dass nach der Corona-Krise die finanzielle Stabilität des Arbeitgebers und die Bezahlung wichtiger geworden sind. Was immer weit oben ist, aber von vielen nicht gesehen wird: die Wertschätzung der Leistung. Also nicht nur finanziell, sondern auch durch ein „Danke“ oder ein „Gut gemacht“.

Sie bemängeln, dass bei vielen Unternehmen eine Lücke zwischen Klimaversprechen und Wirklichkeit klafft. Was muss sich ändern, damit die Wirtschaft ihren Teil zur Weltrettung beiträgt?

Vage Versprechen wie „30 Prozent weniger bis 2030“ haben vor ein paar Jahren noch funktioniert. Heute immer weniger. Es geht darum, klare und messbare KPIs zu definieren und wissenschaftsbasierte Ziele, sogenannte Science Based Targets, festzulegen. So werden Aussagen vergleichbar. Wenn ich als Investor*in, Mitarbeiter*in oder Bürger*in nachvollziehen kann, wie ein Unternehmen vorgeht, habe ich auch ein größeres Vertrauen. Dazu gehört auch zu erklären, warum man eine gewisse Zeit braucht, um von A nach B zu kommen, und zu definieren, wie man da hinkommen will. Wenn Firmen in ihren Absichtsbekundungen und der Realität, die Mitarbeitende vor Ort erfahren,

inkonsistent sind, wird es schwierig.

Können Großkonzerne in dieser Hinsicht etwas vom mittelständischen Sanitär-Fachbetrieb mit 50 Angestellten lernen? Alle können von allen lernen, egal ob groß oder klein. Wer im Bereich ESG, also Environment, Social and Governance, etwas verändern will, dem sage ich ganz klar: Das sind keine Themen, die man mal eben so mitmachen kann. Dafür braucht es Menschen im Unternehmen, die Expertise haben.

Muss die Politik zu mehr Nachhaltigkeit oder Diversität zwingen? Oder geht es auch freiwillig? Freiwilligkeit funktioniert nur dann, wenn die Notwendigkeit erkannt wird. Und das ist leider nicht immer der Fall. Ich hätte Ende 2020 nicht mit vielen anderen für die Frauenquote gekämpft, wenn ich geglaubt hätte, dass wir mit Freiwilligkeit allein weiterkommen.

In ganz Deutschland fehlen Pflegerinnen, Busfahrerinnen, IT-Personal. Was hilft gegen den Arbeitskräftemangel?

Zum einen müssen wir diejenigen in Arbeit bringen, die auf Arbeitssuche sind, aber auch diejenigen unterstützen, die mehr arbeiten können. Außerdem brauchen wir dringend mehr Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. Schon heute haben wir 1,9 Millionen offene Stellen, was uns rund 85 Milliarden Euro jedes Jahr kostet. Beide Zahlen werden noch steigen, vor allem, wenn die Babyboomer in Rente gehen. Die Bundesregierung hat ein neues Vor-

haben für eine moderne Einwanderungspolitik auf den Weg gebracht, was ich sehr begrüße. Doch die Umsetzung wird nicht einfach. Die Prozesse sind weder digital noch schnell. Das müssen wir in den Griff bekommen, auch weil wir im internationalen Wettbewerb stehen, denn andere Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Sich als Einwanderungsland zu definieren, bedeutet auch, als Gesellschaft umzudenken. Wir dürfen nicht sagen: „Die Leute können froh sein, wenn sie zu uns kommen dürfen.“ Die Denke muss sein: „Wir können froh sein, wenn die Menschen zu uns kommen wollen.“ Bisher stammen die meisten Menschen, die in den deutschen Arbeitsmarkt kommen, aus europäischen Ländern. Wir brauchen aber auch neue Netzwerke in außereuropäische Länder mit einem höheren Anteil an jungen und auswanderungswilligen Menschen, die in ihrem eigenen Land keine oder nicht so gute Erwerbsmöglichkeiten sehen.

Was ist der beste Rat, den Sie je einem Unternehmen gegeben haben? Ruhe dich niemals auf deinen Geschäftserfolgen aus. Die Fortsetzung des Vergangenen reicht nicht aus, um auch in der Zukunft noch erfolgreich zu sein. Man sollte sich ständig hinterfragen und relevante Veränderungen anstoßen,

solange es einem noch gut geht, anstatt zu warten, bis einem die Probleme im Nacken sitzen.

Welchen Rat wollen Sie 2023 nicht mehr geben müssen?

Die Antwort auf die Frage: Wie kriege ich das mit der Flexibilität für meine Mitarbeitenden hin? Wir haben in den letzten Jahren gesehen und gelernt, wie viel Flexibilität möglich ist. Übrigens auch für Menschen, die Schichtarbeit leisten.

Welchen Rat müssen Sie selbst unbedingt noch in Ihrem Leben befolgen? Bleib wachsam und agil, neugierig und mutig.

„Jetzt oder nie“, fordert der Weltklimarat. Ihr Buch heißt „It’s now“. Was sollten alle Arbeitnehmerinnen lieber jetzt als morgen machen? Sich klar überlegen, wie sie auch in Zukunft noch employable bleiben. Sie kennen den alten Spruch: Du lernst nicht für die Lehrkraft, du lernst für dich selbst. Was Menschen an Fähigkeiten und Wissen erwerben, kann ihnen keiner mehr nehmen.

Und Firmen?

Sie sollten verstehen, dass sich das Unternehmen kontinuierlich weiterentwickeln muss, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

59 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Interview: Elisabeth Neuhaus
Foto: Picture-Alliance
»Man sollte Veränderungen anstoßen, solange es einem noch gut geht, anstatt zu warten, bis einem die Probleme im Nacken sitzen«

Tessa Ganserer, studierte Försterin, sitzt für die Grünen im Bundestag

7 Antworten von Tessa Ganserer

Das Beste an 2022 war der Beschluss, ein deutschlandweit gültiges ÖPNV-Ticket für 49 Euro zu schaffen.

Nachhaltig beeindruckt hat mich ... dass Yvon Chouinard, Gründer und Besitzer des Outdoor-Ausrüsters Patagonia, seine Firma an gemeinnützige Stiftungen übertragen hat – um der Klimakrise zu begegnen und unsere Erde zu erhalten.

Ich möchte 2023 mehr Rock’n’Roll-Musik, LiveKonzerte und Festivals.

Ich möchte 2023 weniger nicht weniger, sondern gar keine queerfeindlichen Terroranschläge wie 2022 in Oslo, Bratislava und Colorado Springs und auch keine queerfeindliche Gewalt.

Die größte Krise, die ich jemals überstanden habe:

Diese Frage möchte ich nicht beantworten.

Mein bester Spartipp: Kleidertauschpartys oder Second Hand shoppen.

Mut macht mir vor allem der Mut der Frauen im Iran. Sie riskieren seit Monaten einfach alles – und zwar für ein Leben in Würde und Freiheit. Also eigentlich für etwas, das für alle Menschen selbstverständlich sein sollte.

7 Antworten von Elke Schneiderbanger

Das Beste an 2022 war ... das sukzessive Auslaufen der strengen Corona-Beschränkungen und damit verbunden die Möglichkeit, wieder zu verreisen. Ich muss gestehen, das hat mir schon sehr gefehlt als leidenschaftliche Globetrotterin, die neugierig ist auf Land und Leute. Da hatte sich einiges an Nachholbedarf angestaut. Endlich kann ich wieder meine Lieblingsstadt Lissabon besuchen, aber auch die Vogesen oder die Nordsee an der holländischen Küste.

Nachhaltig beeindruckt haben mich ... vor allem meine Kolleginnen und Kollegen der ARD Media, die zum wiederholten Mal in einem extrem anspruchsvollen Jahr mit Fleiß und Leidenschaft dafür gesorgt haben, dass wir mit Stolz auf das Geleistete zurückblicken können.

Ich möchte 2023 mehr ... Radio in den Kampagnenund Mediaplänen der

Werbungtreibenden sehen. Der Werbemarkt vergibt sonst eine große Chance, wenn diese starke und faszinierende Mediengattung weiterhin so stiefmütterlich behandelt wird. Und klimaschonend ist Radiowerbung obendrein.

Ich möchte 2023 weniger ... als Ausnahmejahr erleben. Es dürfen für meinen Geschmack gerne mal zwölf konventionelle Monate werden, ohne die Herausforderungen in der Welt-, Gesundheits- oder Wirtschaftspolitik, wie wir sie in den zurückliegenden Jahren hatten. Dass der Spruch „Mögest du in interessanten Zeiten leben“ in der chinesischen Welt ein Fluch ist, hat schon seinen Grund.

Die größte Krise, die ich jemals überstanden habe: Ich bin noch heute stolz darauf, ohne Vitamin B oder finanzielle Unterstützung von zu Hause nach

der Uni eine erfolgreiche journalistische Karriere gestartet zu haben. Und die hat mich von den Printmedien zu verantwortlichen Positionen im Radio und Fernsehen und letztlich in die Vermarktung geführt. Das waren rückblickend abwechslungsreiche Jahre, nicht immer einfach, aber immer spannend und fordernd. So habe ich es auch am liebsten.

Mein bester Spartipp: Eigentlich ganz einfach: Niemals mehr ausgeben, als man hat. Funktioniert. Vor allem, wenn man wie ich immer ein Auge für Schnäppchen hat.

Mut macht mir der Lebensweg meiner Eltern und ihre nicht zu brechende Zuversicht, auch nach harten Schicksalsschlägen immer positiv nach vorne zu schauen. Für mich beispielhaft. Das beste Zuhause, das man sich wünschen kann und die beste Schule fürs Leben.

Elke Schneiderbanger ist Geschäftsführerin von ARD Media
60 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

Celebrating the Good Life.

BurdaVerlag

23 vielfältige Fragen an 23 resiliente Köpfe

62 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 23

1 Özden Terli 64

2 Io Görz 64

3 Giny Boer 65

4 Kirsten Ludowig 66

5 Bettina Billerbeck 67

6 Uwe Storch 67

7 Thimo Stoll 68

8 Susanne Krings 69

9 Ingrid Hengster 70

10 Birand Bingül 72

11 Sara Weber 72

12 Mariam En Nazer 73

13 Corinna Tappe 74

14 Stephanie Kächele 76

15 Isabel Gabor 77

16 Cristina Grohnert 78

17 Juliane Schmitz-Engels 78

18 Jagoda Marinić 80

19 Charilaos Avrabos 81

20 Nina Straßner 82

21 Magdalena Rogl 82

22 Miriam Junge 84

23 Ronald Focken 85

63 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 23

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Wie divers ist das Regionale, Io Görz?

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Dürfen wir uns 2023 auf schönes Wetter freuen, Özden Terli?

Schönes Wetter gibt es nicht – zumindest ist es keine Beschreibung, die von Meteorologen genutzt wird. Wenn Menschen sich privat über „schönes Wetter“ austauschen, ist das eine Sache. In den Wetterbericht gehört es aber nicht, denn es ist eine Wertung.

Aus der Wissenschaftsleugner-Ecke kommt der Aufschrei, ob der vermeintliche Verzicht auf den Begriff „schönes Wetter“ nun Volkserziehung sei. Diese Pseudo-Debatten sind mitunter amüsant zu beobachten, positionieren sich doch bestimmte Personen und ganze Verlage gegen die Wissenschaft und entlarven damit ihre eigene Agenda. Eine Agenda des „Weiter so“, eine zerstörerische Agenda, die so nicht mehr funktioniert. Die physikalische Realität lässt sich nicht leugnen.

Was ist denn überhaupt schönes Wetter? Nach einem massiven Dürresommer in weiten Teilen Europas wie im Jahr 2022 und der damit eingeschränkten Nahrungsproduktion und der ausgetrockneten Flüsse und der massiven Waldschäden – ist Regen doch schönes Wetter, viel und anhaltend, oder nicht? Oder doch blauer Himmel und Sonnenschein? Für wen – die europaweit geschätzten 100.000 Hitzetoten?

Wie das Jahr 2023 wird, ist aus heutiger Sicht natürlich nicht klar, eines aber ganz sicher: Die Extremwetterereignisse werden zunehmen und für Tote sorgen. Verharmlosung ist deshalb unsäglich naiv und infantil. Bestimmte Medien werden ihrer Verantwortung nicht gerecht. Sie verzerren, skandalisieren und glauben auch noch, im Recht zu sein. Nein, das seid ihr nicht. Es ist der Versuch, für Klickzahlen und Schlagzeilen die Leser für dumm zu verkaufen. Ihr müsst die Klimakatastrophe endlich durchdringen und entsprechend berichten. Ansonsten stellt ihr eure Unwissenheit zur Schau – in der sich rasch zunehmenden Bedrohung der Lebensgrundlage aller Menschen auf diesem Planeten.

Gerade der Lokaljournalismus rühmt sich gerne, ganz nah dran zu sein am Menschen, aber da lügen wir uns in den Redaktionen schon teilweise etwas in die Taschen. Dort gibt sich die Mehrheitsgesellschaft die Klinke in die Hand – cis, weiß, hetero. Um einen umstrittenen Grünenpolitiker aus Schwaben zu zitieren: Welche Gesellschaft soll dies bitte abbilden? Das ist aber unsere Aufgabe als Journalist*innen: Wir müssen die Realität verstehen, abbilden und einordnen. Und wir müssen offener werden – offener bei auch ungewöhnlichen Bewerbungen mit Lebensläufen, die nicht geradlinig sind. Offen für Quereinsteiger*innen. Eine akademische Mittelschicht, die nur ihresgleichen anzieht – so kann das mit der ersehnten Vielfalt ja nicht funktionieren. Ich will aber nicht zu pessimistisch klingen: Ich erkenne, dass man sich auf den Weg macht, die einen schneller, die anderen langsamer, aber der Weg ist noch ziemlich weit und gelegentlich etwas holprig.

Ein weiterer Anreiz für verschiedene Personengruppen, dass Journalismus diverser wird und er damit lebensfähig bleibt, ist Repräsentation. Wir müssen zeigen, dass Vielfalt mehr als ein Lippenbekenntnis ist. Repräsentation zeigt gerade Marginalisierten, dass sie willkommen sind, dass sie sicher sind, ja, dass sie überhaupt möglich sind und ihren Platz haben können in Redaktionen. Darum ist es mir auch wichtig, sichtbar zu sein als trans Person in einer Führungsposition in einer Redaktion – auch wenn das nicht immer einfach ist und ich auf die Schattenseiten wie Hass und Häme, Drohbriefe und hässliche Social-Media-Kommentare gut verzichten könnte. Ohne geht es aber wohl nicht und ich weiß, dass ich mir Sichtbarkeit leisten kann, wo andere es nicht können.

64 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
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Özden Terli ist Meteorologe und ZDF-Wetter-Moderator Io Görz ist Chefredakteur*in von infranken.de Foto: Sebastian Ruska, PR Özden Terli teilt sein Wissen im turi2.de/podcast

Wie passen Nachhaltigkeit und Konsum zusammen, Giny

Ich bin stolz darauf, ein Unternehmen zu führen, in dem Nachhaltigkeit schon lange eine zentrale Rolle spielt. Heute müssen wir unser Geschäftsmodell stärker als bisher daran ausrichten. Dabei geht es nicht nur um den Schutz von Umwelt und Klima, sondern auch um Tierwohl, Arbeitnehmer- und Menschenrechte. Deshalb liegt unsere strategische Ausrichtung und die künftige Entwicklung der Marke außerhalb von Fast Fashion.

Entscheidend ist, dass wir diese Reise nicht ohne unsere Mitbewerber, Partner und vor allem unsere Kundinnen und Kunden antreten können. Im Verlauf seiner mehr als 180-jährigen Geschichte hat C&A Mode demokratisiert. Wir möchten, dass alle Menschen durch Kleidung ihre Individualität ausdrücken können – unabhängig von Herkunft oder Einkommen. Das haben wir geschafft. Jetzt geht es darum, nachhaltige Mode zu demokratisieren. Sie darf kein Nischenprodukt sein.

Wir haben damit begonnen, unsere Wertschöpfung zu ändern. Mit unserer „Factory for Innovation in Textiles“, FIT, in Mönchengladbach wollen wir zeigen, dass wir Jeans in Europa nicht nur verkaufen, sondern auch produzieren können – mit erneuerbaren Energien,

Boer?

kürzeren Lieferwegen, nachhaltigeren Materialien und automatisierten Prozessen.

FIT steht beispielhaft für den Beginn einer Reise, deren Zielpunkt längst nicht erreicht ist. Wir werden die Entwicklung einer umwelt- und klimafreundlicheren Textilindustrie vorantreiben. Das ist mein Versprechen als Chefin.

Um die Frage abschließend zu beantworten: Ich denke, Menschen werden immer Freude daran haben, sich neu einzukleiden. Wenn diese nachhaltig produziert wird und die Menschen Kaufentscheidungen bewusst treffen, passen Konsum und Nachhaltigkeit sehr wohl zusammen.

Giny Boer ist Vorstandschefin beim Modehändler C&A

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Kirsten Ludowig ist Vize-Chefredakteurin beim „Handelsblatt“. Im Wechsel mit Charlotte Haunhorst hostet sie den Podcast „Rethink Work“

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Welche

Zukunft

hat der Wirtschaftsjournalismus, Kirsten Ludowig?

Als Lehman Brothers Pleite ging, war ich beim „Handelsblatt“ noch in der Probezeit. Die Finanzkrise war meine erste „Großlage“ als Journalistin – und es sollte nicht die letzte sein. Ich habe über den Brexit aus London berichtet und von der Trump-Wahl aus Washington, habe die Stille der Fabriken im Corona-Lockdown erlebt und den russischen Einfall in die Ukraine in den frühen Morgenstunden aus dem Newsroom verfolgt.

Das menschliche Leid steht immer im Vordergrund. Aber auch das große Ganze muss betrachtet werden. Schließlich bekommen die Auswirkungen solcher Zäsuren auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik, auf die Märkte, auf Unternehmen und damit auf Jobs, Wohlstand

und Wachstum früher oder später alle zu spüren. Lücken in Regalen, Rekord-Energiepreise, wachsende Ungleichheit, steigende Zinsen, Börsenturbulenzen, Arbeitskräftemangel, Dekarbonisierung der Industrie, Ressourcenknappheit, Übermacht von Konzernen: All das greift Wirtschaftsjournalismus auf und beweist so seine Relevanz.

Wirtschaftsjournalismus muss aber nicht nur die Newslage abbilden – er muss enthüllen, erklären und einordnen. Es braucht die 24/7-Informationen über die Energiekrise genauso wie exklusive Papiere aus Berlin zu Entlastungen, tief recherchierte Einblicke in die Investitionspläne der Firmen für China oder die große Länderanalyse. Es gilt Fragen zu stellen, die auf

der Hand liegen, aber noch nicht beantwortet sind. Nützliches Wissen gehört ebenfalls dazu: für die Geldanlage, den Immobilien(ver-) kauf, die Karriereplanung. Und Wirtschaftsjournalismus sollte Spaß machen. Ein wenig Optimismus schadet auch nicht. Braut sich ein „perfekter Sturm“ zusammen, wie Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff sagt, darf man nichts beschönigen. Aber: Wege aus der Krise aufzeigen, Innovationen und neue Technologien beschreiben – das ist nicht nur Kür, sondern Pflicht.

Ein unabhängiger Wirtschaftsjournalismus, der genau das bietet, ob zum Lesen, Hören oder Anschauen, hat seinen Preis – und eine große Zukunft! Trotz oder gerade wegen aller Umbrüche.

66 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

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Warum schreit 2023 nach besserer Werbung, Uwe Storch?

2023 muss alles weg, was belastet. Es wird nicht mehr benötigt, wir brauchen heuer Optimismus – in allem und mit allem. Vor allem in der Kommunikation, der Werbung.

Um es mit Friedrich Schiller zu sagen: Wahre Optimisten sind nicht überzeugt, dass alles gutgehen wird. Aber sie sind überzeugt, dass nicht alles schiefgehen muss. Daher: Hinweg mit schlechter Werbung!

Selten waren die Aussichten auf ein neues Jahr so sehr von Unsicherheit, ja auch Furcht geprägt, wie dieses neue Jahr 2023. Viel von der Aufbruchsfreude Anfang des Jahres 2022 wurde am 24. Februar jäh gestoppt. Seit diesem Datum jagen sich die schlechten, beängstigenden und beunruhigenden Nachrichten. Manchem erscheint es wie ein Aufwachen aus einem zu schönen Traum. Sicher sind die Herausforderungen immens, unterschiedlich zwar, doch jeder von uns ist und wird gefordert werden. Der jähe Bruch mit bisher bewährter, manchmal in

die Jahre gekommener Gewissheit kann jedoch eine der besonderen Umbruchchancen sein, wo heute die Sieger, die Gewinner der nächsten Jahre geschmiedet werden. Dies gilt nicht nur für die werbliche Kommunikation, sondern auch für die digitalen Stalker, die 1.000-fach-Kontakter, die digitalen Lautsprecher, für alle Schließkreuzchenverstecker und sonstige Verfolger.

Warum nicht einmal innehalten, nachdenken, kluge Kommunikation auf Augenhöhe mit und für den Konsumenten betreiben? Wir brauchen im Jahr 2023 das neue Media-Buzzword WiFiDuDaDe: Wie findest Du das denn? Fragt mit dem Entwurf einfach random fünf Leute, wie es denen gefällt – bezahlbare Marktforschung für jeden!

Und das Konzept dann nur noch umsetzen. Niemand konnte dies besser beschreiben als John F. Kennedy: „Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erst einmal reden.“

| Brauchen die Wechseljahre eine Lobby, Bettina Billerbek?

Frauen werden zu den Wechseljahren sehr schlecht beraten. Sie wissen meistens gar nicht, wie früh die Begleiterscheinungen einsetzen, weil immer nur über Hitzewallungen gesprochen wird. Es kann schon ab Anfang 40 losgehen mit Symptomen wie Stimmungsschwankungen, Konzentrations- und Schlafstörungen, bis hin zu wirklich depressiven Episoden. Die Frauen landen dann bei ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin und die sehen die Ursache gar nicht.

Wenn Frauen keine Kinder mehr bekommen können und auch nicht sehr krank sind, dann ist es offenbar egal, wie es ihnen geht. Da frage ich mich schon, was das über unser Frauenbild aussagt. Mit der Meno Mission von „Madame“ machen wir darauf aufmerksam: Mit einem Newsletter, den schon über 5.000 Frauen abonniert haben, und ab 2023 auch mit einem eigenen Online-Angebot.

2022 bin ich 50 geworden. Es wird Zeit, dass man Frauen meines Alters in den Medien nicht mehr als weißhaarige Rentnerinnen, die Nordic Walking machen oder eine Tasse Tee umklammern, darstellt.

67 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
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Uwe Storch ist Vorsitzender des Branchenverbands OWM und Media-Chef von Ferrero Bettina Billerbeck ist Geschäftsführerin von Beautiful Minds Media, dem Verlag hinter der Zeitschrift „Madame“ Fotos: Marc-Steffen Unger, David Maupilé, Petra A. Killick

7| Werden

NachhaltigkeitsRankings bald wichtiger als Geldgewinne, Thimo Stoll?

Nein, das sehe ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass sich das Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit bereits in Auflösung befindet und mit zunehmender Transparenz und Objektivität in der Nachhaltigkeitsberichterstattung verschwinden wird.

Nachhaltigere Unternehmen werden langfristig schlicht auch wirtschaftlich erfolgreicher sein. Sie werden durch umfassendere Berücksichtigung von Umwelt- und sozialen Risiken resilienter sein. Sie werden durch innovative Produkte und Dienstleistungen, die auf die Nachhaltigkeitsziele ihrer Kunden einzahlen, Marktanteile absichern und profitabel wachsen. Sie werden durch effizienteren Ressourceneinsatz und eine bessere Bindung der Mitarbeitenden Kosten sparen. Zudem werden sie geringere Finanzierungskosten haben. Führende Finanzinvestoren haben dies im Übrigen erkannt und nutzen die Nachhaltigkeitsperformance ihrer Beteiligungen bereits heute als Wertsteigerungshebel. Nachhaltigkeits-Rankings wurde lange Zeit keine große Beachtung geschenkt. Mittlerweile schauen jedoch viele meiner Kunden ganz genau hin, wo das eigene Unternehmen hier steht. Ich gehe stark davon aus, dass einige dieser Rankings, und auch ESG-Ratings (Environment, Social, Governance), in den nächsten Jahren neu geschrieben werden müssen. Aktuell sind zwischen Unternehmen vergleichbare nicht-finanzielle Kennzahlen Mangelware. Die derzeitigen Einstufungen spiegeln in Teilen eher den Umfang der Offenlegung, als die tatsächliche Performance wider. Die Corporate Social Responsibility Directive wird hier zum Game Changer: Gemäß dieser Richtlinie müssen perspektivisch selbst kleinere Unternehmen ab 250 Mitarbeitenden oder 40 Millionen Euro Umsatz entlang konsistenter Kennzahlen zur Nachhaltigkeit ihrer Geschäftstätigkeit berichten.

Die so geschaffene Transparenz wird einerseits die Rankings robuster machen und andererseits objektivere Kunden-, Mitarbeitenden- und Investorenentscheidungen ermöglichen. Um nochmals die Frage aufzugreifen: Die Zukunft wird Nachhaltigkeits-Rankings und Geldgewinne in Einklang bringen – auch wenn der Weg dorthin für die meisten Unternehmen ein herausfordernder sein wird.

68 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Thimo Stoll berät als Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsstrategien Fotos: privat, PR

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Wie geht feministische Werbung, Susanne Krings?

Wenn Sie beim Lesen dieser Frage eine unmittelbare Reaktion empfunden haben, bitte ich Sie, unbedingt weiterzulesen. Denn das Thema braucht Sichtbarkeit durch aktives Verstehen und starke Allianzen.

Feministische Werbung, auch Femvertising genannt, nutzt proweibliche Attribute und setzt sie in der Werbung so ein, dass Frauen bzw. weiblich gelesene Personen empowert werden – im Idealfall. In einer perfekten Welt fängt feministische Werbung bereits bei einer authentischen und ehrlichen Unternehmensausrichtung an, die das Thema aktiv auf die Agenda setzt. Dann wird es in Produkte und Co übersetzt. Wichtig ist, Frauen konsequent in Prozesse einzubinden

und sie nicht in Klischees oder Rollenbildern anzusprechen. Sie sind wesentlich mehr als die „Mutter“, die „Freundin“ oder die „Ehefrau“.

Helfen kann dabei eine Datengenese mit weiblichem Blick. Wer interpretiert diese Daten? Wer zieht Schlüsse daraus? Das Gute: Fast alle Frauen können hier beraten und diese Projekte führen. Neben ihrem Wissen haben sie einen starken inneren Kompass. Unternehmen wären schlecht beraten, wenn sie sich diesen nicht zunutze machen. Und: Männer können Allianzen sein, die den Weg des „Female Empowerment“ begleiten.

Werbende und Werber:innen sollten darauf achten, dass die weibliche Leitung von Projekten, pari-

tätische Besetzung von Teams oder zumindest Beratung durch Frauen während des gesamten Prozesses gewährleistet ist. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass MännerTeams keine guten FemvertisingKampagnen erstellen können. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass das Involvieren von Frauen in divers aufgestellten Teams in den allermeisten Fällen ein Garant dafür ist, unterschiedliche Perspektiven einfließen zu lassen und authentische Botschaften zu vermitteln.

Wenn am Ende noch der weibliche Blick auf das Endresultat eine ehrliche Zustimmung erfährt – dann waren Sie erfolgreich mit Ihrer empowernden, feministischen Werbung.

69 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Susanne Krings ist Geschäftsführerin bei der Agentur Ressourcenmangel

Die beste Investition in die Zukunft kostet einen Cent: ein weißes Blatt Papier. Wir leben seit einigen Jahren in grundstürzender und sich beschleunigender Veränderung. Die Technologien der grünen Transformation, Quantencomputer, Nanotechnologie oder Blockchain in der Finanzbranche lassen keinen Stein auf dem anderen. Deshalb wird es auf vielen Feldern in Wirtschaft und Politik nicht mehr ausreichen, Dinge nur weiterzuentwickeln. Revolutionsgeschwindigkeit und der Veränderungsdruck sind so hoch, dass wir in Teilen radikal neu denken müssen: am besten auf einem weißen Blatt Papier. Neu anzufangen, ist nicht nur das beste Mittel gegen Verzagtheit in Krisensituationen, sondern stärkt auch Unternehmergeist und Innovationskompetenz. Beides müssen wir schon in den Schulen fördern. Trotz der chronischen Unterfinanzierung und der Arbeit an strukturellen Problemen im deutschen Bildungssystem liegt der vielbemühte „Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft“ längst unter der Fußmatte. Denn viele Investitionen kosten kein Geld – oder nicht viel. Es braucht keine MilliardenAusgaben, um für Kinder Platz für Neues zu schaffen und ihren natürlichen Forschungsgeist, ihre Kreativität und ihre Unternehmungslust zu wecken. Um daraus auch Unternehmer-Lust und Gründungsgeist zu entwickeln, müssen wir auch die ökonomische Bildung stärken: von den Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft bis zur Startup-Finanzierung. Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, dass die Bundesregierung hierzu nun eine nationale Strategie auflegen und 2023 zwei Millionen Euro einsetzen will.

Eine kluge Investition. Aber Zukunft lässt sich nicht kaufen. Zukunft entsteht durch Investitionen in Kreativität, Mut, Neugier, in die Bereitschaft zu Trial and Error und die Lust an der Disruption. Zukunft beginnt auf einem weißen Blatt Papier.

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| Was ist die beste Investition in die Zukunft, Ingrid Hengster?
Foto: PR
Ingrid Hengster ist seit 2022 CEO von Barclays Germany

ist unsere Lieblingsfarbe Bunt

Mehr dazu

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Profitiert die PR von der Krise des Journalismus, Birand Bingül?

Im Gegenteil. Die PR leidet unter der Krise des Journalismus. Und zwar massiv! Medien sind für die PR immer noch ein zentraler Kanal zu Nutzer:innen oder Zielgruppen. Je ausgedünnter die Redaktionen, desto weniger Publikationen gibt es. Je weniger Publikationen, desto weniger PR-Potenziale. Die Logik ist bestechend einfach und im Ergebnis schlecht für die PR.

Nehmen wir die Helikopterperspektive ein, sorgt die Gesamtentwicklung für ein Schrumpfen massenmedialer Räume. Damit geht eine Parzellierung und Atomisierung von Kommunikation einher. Das ist gesellschaftlich, journalistisch und PR-technisch eine mächtige Herausforderung.

Wenn wir den Helikopter wieder auf dem Feld von Journalismus und PR landen lassen, lässt sich das nächste Dilemma beobachten: Die verbliebenen Journalist:innen sind so eingespannt, dass sie für Themen-Hinweise der PR oft gar keine Zeit haben.

Auch das ist natürlich aus PR-Sicht misslich. Wer darüber hinaus annimmt, dass die PR personell profitiert, weil sie durch redaktionelle Schrumpfkuren mühelos qualifizierte Journalist:innen anwerben kann, liegt auch nicht so ganz richtig. Neulich hat mich ein Journalist bei Linked-in kontaktiert und gefragt, wie er sich unserer Agentur vorstellen könne. Ich habe gern weitergeholfen. Sicherlich bemerken wir Kündigungswellen in Verlagen. Journalist:innen stehen aber auch nicht Schlange. Man muss diesen Wechsel auch wollen.

Was die Krise des Journalismus für mich vor allem zeigt: Journalismus und PR gehören zum selben Biotop. Dabei hat der Journalismus ganz klar eine andere Rolle als die PR. Und das ist gut so. Doch die Krise des Journalismus ist auch eine Krise der PR. Bleibt zu hoffen, dass sich die Medienwelt stabilisiert. Dass der Journalismus die Kraft findet, sich neu zu erfinden –inhaltlich und wirtschaftlich.

11 | Muss meine Arbeit mich glücklich machen, Sara

Weber?

Die kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: Natürlich darf unsere Arbeit uns glücklich machen. Gerade in der Medienbranche arbeiten viele Menschen schließlich aus Überzeugung. Aber Glück und Zufriedenheit ausschließlich oder hauptsächlich aus der Arbeit zu ziehen, ist keine gute Idee.

Wir sehen Leidenschaft häufig als Weg zum Glück. Wenn wir unsere Arbeit lieben, so heißt es gerne, dann arbeiten wir keinen Tag unseres Lebens. Aber das ist Unsinn: Wer die eigene Arbeit liebt, arbeitet häufig zu viel oder lässt sich auf schlechtere Arbeitsbedingungen ein. Ausbeutung macht allerdings nicht glücklich, sondern krank.

Die Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker in unser Leben und unsere Freizeit gedrängt. Das tut uns aber nicht zwingend gut. Deshalb sollten wir zurückdrängen: Wenn wir unsere Arbeit nur als Teil unseres Lebens ansehen, und nicht als das, was uns als Menschen ausmacht, macht uns das nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder. Dann haben wir auch wieder mehr Zeit und Kraft, um Glück und Zufriedenheit aus den Bereichen zu ziehen, die für uns am wichtigsten sind: Hobbys, Ehrenämter, Familie und Freundschaften.

72 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Sara Weber war Redaktionsleiterin von Linked-in und ist Autorin des Buchs „Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?“ Birand Bingül ist gelernter Journalist und Geschäftsführer von FischerAppelt Advisors Fotos:
PR, Maya Claussen, privat

Das Buch ist ein Jahrhunderte altes Medium. Wir haben es geschafft, seinen Kern, das Speichern und Vermitteln von Geschichten und Informationen, an das Heute anzupassen. Nie gab es mehr Möglichkeiten, Inhalte konsumierbar zu machen: Wir können die vielen unterschiedlichen Romane, Ratgeber, Sach- und Bilderbücher wie zu Gutenbergs Zeiten drucken, farbig gestalten, mit Goldschnitt versehen, mit Lesebändchen schmücken, auf Papier drucken aus Holz, aber auch aus Gras oder Apfelresten. Und wir können sie genauso gut auf einem Display lesen, über Kopfhörer hören oder als App verpacken. Die Formenvielfalt war nie größer.

Wie aber sieht es in Zukunft aus? Papierherstellung, Druck, Veredelung und Logistik verbrauchen große Mengen an Energie und Ressourcen. Ressourcen eines Planeten, der unter Luftverschmutzung und CO2-Ausstoß ächzt, dessen Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten. Was können wir also tun, wenn wir auch in Zukunft viele verschiedene Bücher für unterschiedliche Bedürfnisse verlegen wollen? Ausschließlich E-Books produzieren und lesen? Oder wäre die Rettung gar ein völliger Verzicht auf Geschichten?

Natürlich nicht! Aber wir müssen das Büchermachen radikal neu denken. Wir müssen es weiterentwickeln und an neue Gegebenheiten anpassen. Das haben wir über Jahrhunderte gelernt. Durch Krieg und Pandemie kämpfen wir heute mit explodierenden Energiekosten, schwindelerregenden Preissteigerungen beim Papier und mangelnden Verfügbarkeiten bei nahezu allen Materialien. Wir haben aber auch Lösungsansätze – nutzen wir sie!

Schon jetzt können wir unsere Auflagen sehr genau auf die Bedürfnisse im Markt hin planen und damit die Zahl der Bücher, die für die Tonne produziert werden, minimieren. Der Verzicht auf umweltschädliche Veredelungen muss nicht bedeuten, dass Bücher nicht mehr gekauft werden. Laufend kommen neue umweltfreundliche Materialien auf den Markt und zum Einsatz. Gleichzeitig gibt es E-Book-Reader, die eine echte Alternative zum klassischen Buch sind.

Die Buchbranche ist innovativ und wandlungsfähig. Sie ist voller junger, kluger Menschen, denen ich mich verpflichtet fühle. Sie kann nicht nur, die Buchbranche muss sich Vielfalt leisten.

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Wie viel Vielfalt kann sich die Buchbranche leisten, Mariam En Nazer?
Mariam En Nazer ist Production and Sustainability Managerin bei der Penguin Random House Verlagsgruppe

Pioniere sind dafür bekannt, neue Wege zu gehen. Doch wenn alles ungewiss scheint, tendieren wir dazu, in Schockstarre zu verfallen, in altbewährten Mustern zu denken.

Schockstarre funktioniert in unserer schnelllebigen Zeit aber nicht – Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Klimawandel und vieles mehr schreiten rasant voran. Gewagtes Handeln, kreative Ansätze und andersartige Wege sind gefragt.

Meine Devise lautet: Bleib mutig und neugierig. Dass bei Wagnissen Fehler passieren, ist völlig in Ordnung und sogar gewünscht. Eine gelebte Fehlerkultur ist für mich die entscheidende Mentalität, mit der sich Pioniergeist frei entfalten kann. Da muss sich auch in den Unternehmen noch einiges ändern. Eine gute Führungskraft ermutigt ihre Mitarbeitenden, groß zu denken und hält ihnen den Rücken frei, wenn mal was schief läuft. Nur so können Ideen entstehen, kann Innovationspotenzial freigesetzt werden.

Dieses Mindset sollten wir nicht nur im beruflichen Kontext fordern, sondern auch möglichst früh Kindern mitgeben. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, junge Menschen zu befähigen, ihre Ideen umzusetzen. Neben Startup Teens sind Initiativen wie Digitalwerkstätten oder die Hacker School gute Beispiele.

Mir ist es ein großes Anliegen, insbesondere Mädchen schon früh genug zu stärken. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich: Es war ein langer Weg zur selbstbewussten, durchsetzungsstarken Frau. Wie mir geht es vermutlich Vielen. Als junges Mädchen hatte man oft das Gefühl, es allen recht machen zu müssen, wollte bloß nicht anecken. Da wird Pioniergeist im Keim erstickt.

Lasst uns also nicht kollektiv in Schockstarre verfallen, sondern uns bewusst machen, dass in uns allen Pioniergeist steckt – ob im Großen oder im Kleinen, bei Jung oder Alt.

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Wie bewahrt man sich Pioniergeist, Corinna Tappe?
Corinna Tappe ist Geschäftsleiterin der Bildungsplattform Startup Teens Foto: Dennis Koenig

Rund 60 Millionen Menschen nutzen hierzulande täglich ein Smartphone.

Jede*r Zwölfte davon hat die kicker-App.

Quellen: statista/kicker

APP | WEB | PRINT | SOCIAL | PODCAST | BUSINESS
„DER 1 2. MANN.“

Wie verliere ich mein Ziel in schweren Zeiten nicht aus den Augen, Stephanie Kächele?

Arbeitsstelle angetreten, wollte durchstarten, mich beweisen. Als leidenschaftliche Bergsteigerin war mein Traum der Kilimandscharo. All das wollte ich nach meinem Unfall nicht aufgeben.

Also konzentrierte ich mich auf die ersten Erfolge. Der erste Spaziergang mehrere Wochen nach dem Unfall, normalerweise eine Strecke von wenigen Minuten, dauerte eine halbe Stunde. Doch ich schaffte ihn ohne Hilfe.

Natürlich hatte ich Zweifel: Was, wenn ich nie mehr die Alte werde? Mir hat geholfen, mir Ziele zu setzen. Abwarten, dass es von allein besser wird, hat noch niemanden weitergebracht.

Die Wiedereingliederung in den Job klappte nicht so schnell wie gehofft: Mein Rücken machte nicht mit. Ein Rückschlag. Bosch hat mir Zeit gegeben: meine Stelle über ein Jahr freigehalten, die Rückkehr in kleinen Stufen gestaltet. Mir wurde klar: Pläne sind wichtig, aber es hilft, flexibel zu bleiben, sich auf die neue Situation einzulassen.

Nach dem beruflichen Wiedereinstieg brauchte ich neue Ziele. Ich startete eine Ausbildung als Wanderleiterin, eine Belastung für den Rücken. Aufgeben war keine Option. Ich bestand die Prüfung. Meine Grenzen auszutesten, hat mich zum Erfolg geführt.

Freude über jeden noch so kleinen Fortschritt: Das war mein Erfolgsrezept auf dem Weg zurück in mein aktives Leben – nachdem ich mir die Wirbelsäule bei einem Sportunfall gebrochen hatte. Ich musste mehrmals operiert werden, konnte anfangs nicht einmal alleine stehen oder ein Glas Wasser halten.

Ich hatte gerade bei Bosch im Controlling meine erste feste

Heute helfe ich anderen bei Rückenproblemen, biete geführte Wanderungen mit Übungen für den Rücken an, bei Bosch und dem Deutschen Alpenverein. Die Folgen des Unfalls werden mich immer begleiten. Aber ich konzentriere mich auf das, was ich schaffen kann – nicht auf das, was nicht mehr geht. So habe ich schließlich erreicht, wovon ich zwischenzeitlich nicht mehr zu träumen gewagt hatte: Ich habe den Gipfel des Kilimandscharo bestiegen.

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Stephanie Kächele arbeitet bei Bosch als Business Controller und beim Deutschen Alpenverein als Wanderführerin Fotos: privat, Valerie Schmidt

15| Warum laufen der Werbebranche

die Frauen davon, Isabel Gabor?

Karriereende nach der Schwangerschaft, patriarchale Strukturen, toxische Arbeitsbedingungen und Sexismus: Vielleicht sollten wir uns nicht fragen, warum Frauen davonlaufen, sondern warum Frauen über Jahre hinweg systematisch aus Agenturen vertrieben wurden. Die Werbebranche hat es in den letzten Jahren schlichtweg verpasst, ein sicheres und faires Umfeld für Frauen zu schaffen. Ein Umfeld, das Mitarbeiterinnen nicht nur anzieht, sondern auch halten kann.

Agenturen konkurrieren im aktuellen Fachkräftemangel nicht mehr nur mit anderen Agenturen, sondern mit großen Unternehmen. Mit Firmen, die verstanden haben, dass zum Beispiel Mütter nicht nur geduldet, sondern auch aktiv gefördert werden sollten. Frauen können sich also weiter durch Agenturen kämpfen und hoffen, dass die Karriere nicht spätestens mit dem ersten Kind endet – oder die Branche wechseln. Denn auch wenn in Agenturen durchschnittlich mehr Frauen arbeiten, ist das Sexismus-Problem tief in den Strukturen verankert.

Wie groß das Problem wirklich ist, verdeutlicht die Umfrage des Ad Girls Club, an der 2022 fast 1.500 Mitarbeitende aus der Branche teilgenommen haben. Die Ergebnisse sind erschreckend. Jede fünfte Frau erlebte in den letzten zwei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. 76 Prozent aller Teilnehmerinnen glauben, dass eine Schwangerschaft in der Werbebranche die Karriere negativ beeinflusst. Und 46 Prozent aller Mitarbeitenden würden die Branche aufgrund des Sexismus-Problems verlassen. Zudem zeigt die Umfrage, dass viele Frauen das Gefühl haben, unsichtbar zu sein, weniger gehört zu werden und weniger zu verdienen.

Und auch wenn einige Agenturen das Problem erkannt haben und jetzt viel dafür tun, ein besseres Umfeld für Mitarbeiterinnen zu schaffen, dauert ein Wandel nunmal. Verständlich, dass da einige Frauen nicht warten möchten.

Isabel Gabor hat zusammen mit Lisa Eppel den Ad Girls Club gegründet, der gegen Sexismus in der Werbebranche kämpft

Nein, und dieses Stereotyp war schon immer Quatsch. Diese Klassifizierung drängt Männer in eine Ecke, stempelt sie als gestrige Verhinderer einer neuen Zeit ab und macht sie lächerlich. Das ist lupenreine Ausgrenzung – also genau das, wogegen sich Diversity wehrt.

Vielfalt konsequent zu leben, heißt, jeden einzubinden. Damit ist der viel zitierte alte weiße Mann genauso viel wert wie die junge, lesbische Frau mit Migrationshintergrund. Diversity ist eine Einladung, die Individualität und Besonderheit einer jeden Persönlichkeit wertzuschätzen. Ich finde es insgesamt wenig hilfreich, mit Feindbildern zu arbeiten. Viel lieber orientiere ich mich an Role Models! Und das sind für mich alle Menschen, die offen und neugierig für Veränderungen sind, die bereit sind, Neues auszuprobieren, die fair und wertschätzend agieren und nicht nur auf ihren individuellen Vorteil aus sind. Bei solchen Menschen ist es mir vollkommen egal, welches

Geschlecht oder welche Hautfarbe sie haben. Wir müssen endlich verstehen, dass Diversität nicht nur ein Erfolgs-, sondern auch ein Standortfaktor ist. Die Herausforderungen für unsere Wirtschaft und Gesellschaft werden immer größer – und wir haben nur dann eine Chance, uns ihnen zu stellen, wenn wir möglichst viele Lösungsoptionen haben.

Aber wo sollen die herkommen, wenn weitgehend gleich sozialisierte Menschen über einem Problem brüten? Wer neue Wege gehen will, braucht verschiedene Persönlichkeiten, Erfahrungsschätze, Temperamente und Begabungen. Oder anders gesagt: Monokulturen sind ein Hochrisikozustand – im Management wie in der Forstwirtschaft.

Deshalb: Wir brauchen auch alte weiße Männer an Bord, wenn die Transformation gelingen soll. Privilegien ebnen vielfach immer noch den Weg, sodass man schneller in Positionen kommt, in denen man wirklich etwas bewirken kann. Das sollte man nutzen!

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Wieso soll ich gerade jetzt

ans Geld denken, Juliane Schmitz-Engels?

Oft denkt man, dass es gerade wichtigere Themen gibt. Die Sorge vor Inflation lässt uns unser Einkaufsverhalten überdenken. Aber was ist mit mühsam aufgebautem Vermögen, das droht, schleichend entwertet zu werden? Lässt man das Geld auf dem Konto liegen, passiert genau das. Daher ist es wichtig, genau jetzt die eigenen Finanzen effizient zu managen. Besonders Frauen schieben das aus Desinteresse oder Überforderung auf oder ihrem Partner zu. Hinzu kommt, dass sich viele finanziell abhängig fühlen. Dabei ist es gerade in Krisenzeiten wichtig, sein Leben bestreiten zu können, ohne finanziell abhängig zu sein.

Frauen weisen die größeren Vorsorgelücken auf. Sie arbeiten öfter in Berufen mit geringeren Lohnchancen. Bekommen sie Kinder, scheiden viele ganz aus dem Beruf aus oder steigen nur auf Teilzeitbasis wieder ein. Das kann dramatische Konsequenzen im Alter haben. Daher sollten Frauen mehr Selbstvertrauen haben und Berührungsängste beim Thema Finanzen überwinden. Es ist gar nicht so schwer, sich Basiswissen anzueignen, damit zu wachsen und dadurch auch in herausfordernden Zeiten an der finanziellen Unabhängigkeit zu arbeiten.

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Ist der alte weiße Mann noch das richtige Feindbild, Ana-Cristina Grohnert?
Juliane Schmitz-Engels ist Kommunikationschefin Deutschland und Schweiz bei Mastercard Ana-Cristina Grohnert ist Vorstandsvorsitzende der Arbeitgeberinitiative Charta der Vielfalt
78 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Foto: Mike Auerbach, privat
BLEIBE HUNGRIG. BLEIBE NEUGIERIG. #ZUKUNFT BEWEGEN STEHEN. ABER BLEIBE NIEMALS

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Sehnen wir uns nach schlechten Nachrichten, Jagoda Marinić?

Lebst du schon oder doomscrollst du noch? Doomscrolling ist das Wort der Stunde. Es klingt so schön nach Weltuntergang und meint das zwanghafte, mitunter stundenlange Lesen von Nachrichten im Netz, die einem bestätigen, wie schrecklich die Welt ist – obwohl man weiß, das wird weder der Welt, noch dem eigenen Glücksgefühl gerecht.

Es ist, als wären fast alle doomsüchtig geworden: doomthinking, doomtalking, Hauptsache doom doom.

In der Nacht, als im Ukraine-Krieg die Rakete in Polen einschlug, dauerte es keine drei Minuten, bis in den sozialen Medien der Dritte Weltkrieg trendete. Die Neurose der Masse ist man ja gewohnt, doch selbst seriöse Medienportale drehten schnell auf und entwarfen die schlimmsten Szenarien. Kurz darauf war der Vorfall besonnen aufgeklärt. Was bleibt, ist das Gefühl, in Zeiten zu leben, in denen die meisten so tun, als stünden wir an einer Klippe und es bräuchte nur einen Windstoß, um alle im Abgrund zu sehen.

Optimismus verbreiten? Das wagt kaum noch jemand. Es ist, als holten alle das Popcorn hervor, sobald es Negatives zu hören gibt. Wir starren wie hypnotisiert in den Abgrund, empören uns in Small Talks, als wären wir süchtig nach Schauermärchen.

Nach der Pandemie herrscht plötzlich Krieg in Europa und viele Menschen suchen nach einem Weg, mit der Krisennormalisierung unserer Zeit zu leben,

ohne abzustumpfen. Noch mehr doomscrooling, noch mehr doomsnews werden sie auf Dauer nicht freiwillig konsumieren; wer informieren will, muss sich auch überlegen, was ist wertvoll für jene, die diese Informationen verarbeiten? Man muss hier und da auch von den Lösungen erzählen, von den Geschichten, die Hoffnung machen und die Handlungsoptionen aufzeigen.

Vor allem aber sollte man immer wieder anstreben, der Versuchung zu widerstehen, ein neues Doomsday an die Wand zu malen: Nicht bei jeder Rakete, die auf den Boden fällt, sollte man zwei Tage lang das WorstCase-Szenario durchspielen. Nicht jeder Alarm ist gerechtfertigt, nur weil er Klicks geriert. Die Rezipienten haben sich irgendwann müde und frustriert geklickt, bis sie sich erschöpft von der ewigen Ankündigung der Apokalypse abwenden.

Manchmal scheint es, große Teile der Medien bedenken nicht, dass Nachrichten heute nicht mehr – wie früher – maximal drei Mal täglich konsumiert werden, sondern diese durch die Mobilgeräte meist im Minutentakt in alle erdenklichen Alltagssituationen der Menschen platzen. Diese Dauerpräsenz erfordert neue Konzepte. Die gierige Suche nach hohen Abrufzahlen 24/7 muss mit einem neuen Handwerk einhergehen. Die Welt, die sich in diesen kleinen Geräten abbildet, sollte weit größer, vielfältiger, themen- und impulsreicher sein, als sie es bisher war.

80 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Jagoda Marinić ist Autorin und Journalistin, hostet den Podcast „Freiheit Deluxe“ und hat eine eigene Kolumne im „stern“

Im Diskurs um Work-Life-BalanceWünsche führt die Frage nach der Rolle der Männer als berufstätige Väter in unserer Gesellschaft noch immer ein Schattendasein. Welche Rolle nehmen Väter ein – vor allem im Hinblick auf Familie, Karriere und Erziehung der Kinder? Das muss jedes Elternpaar für sich beantworten. Was gesamtgesellschaftlich sichergestellt werden muss, sind Rahmenbedingungen, die es Eltern ermöglichen, geschlechtsunabhängig zu entscheiden, wer welche Aufgaben übernimmt.

Die Frage nach der Akzeptanz von familienaktiven Vätern im Job ist nur eine Erweiterung der Frage, ob familienaktive Eltern generell erwünscht sind. Wie soll sonst Chancengleichheit möglich sein? Arbeits- und Familienleben stehen in einer Konkurrenzbeziehung zueinander, denn beide benötigen dieselben Ressourcen: Aufmerksamkeit und Zeit. Während die Arbeitswelt beides ziemlich laut einfordern kann, tun Kinder das nicht immer. Kinder leiden oft leise, bis sie durch Auffälligkeiten in ihrem Verhalten auf sich und ihre Bedürfnisse aufmerksam machen. Einer der wichtigsten Faktoren für eine gesunde und natürliche Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit ist der bedingungslose Zugang des Kindes zu Eltern und Bezugspersonen. Durch ihre Anwesenheit und Liebe bauen Kinder Vertrauen auf und erleben einen sicheren Ort, an dem sie lernen, ihre Gefühle zu kommunizieren und zu kanalisieren.

Ein moderner Führungsstil muss sich der Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden und Familien bewusst sein. Ein Arbeitsumfeld, das Eltern – Vätern wie Müttern –die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ermöglicht, etwa durch flexible Arbeitszeiten, Remote Work und Teilzeit, ist zentral. Es steigert die Zufriedenheit und wirkt sich positiv auf die Arbeitsleistung aus. Und wird bei der Wahl des Arbeitgebers immer entscheidender.

Sind also familienaktive Eltern wirklich erwünscht? Absolut, sie sind eine Notwendigkeit in einer modernen Gesellschaft und einer modernen Arbeitswelt.

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| Sind aktive Väter wirklich erwünscht, Charilaos Avrabos?
Charilaos Avrabos ist Head of Communication bei Philip Morris und promovierter Neurowissenschaftler Fotos: Dorothee Piroelle, privat

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Machen wir es kurz: Es wandelt sich alles auch ohne Sie. Der Wandel ist schon längst da und er hört auch nicht auf. Der Wandel ist das Perpetuum Mobile der Menschheitsgeschichte. Die Evolution und auch Sie selbst, vom ersten Atemzug bis zum letzten, werden sich wandeln.

Sie können natürlich alles um sich herum geschehen lassen und in Ruhe abwarten, was der ganze Wandel mit Ihrer Umgebung, Ihrem Platz in der Welt, Ihrer Arbeit, Ihrer Partnerschaft, Ihrer Familie, Ihrem Kontostand oder der Zukunft unseres Planeten macht. In dem Moment, in dem Ihnen eine Veränderung nicht gefällt, können Sie sich entweder Ihrem Schicksal ergeben und schlafen gehen – oder Sie können etwas unternehmen und gestalten. Für Ersteres brauchen Sie ein sehr schlichtes Gemüt, für Letzteres immer dasselbe: Mut. Mal so wenig wie ein einziger Herzschlag und manchmal so viel, dass Ihr Herz fast zerspringt. Es braucht Mut, sich zu kümmern – um sich selbst, um andere und um das, was besser werden könnte.

Wenn man sich einbringt, wenn einem etwas nicht egal ist, dann hat man sich die Schuhe angezogen, die einem vor die Tür gestellt werden. Wer nicht weiß, wo der Schuh drückt und sich nicht traut, auch mal in den Schuhen derjenigen zu laufen, die ganz anders sind als man selbst, der wird nichts aufhalten, aber auch nichts erreichen.

Wer das nicht möchte – und das ist die bittere Wahrheit –, sollte uns nicht in die Zukunft führen. Wer nicht den Mut hat, sich auch mal dort unbeliebt zu machen, wo der eigene Ast abgesägt werden könnte, gestaltet keine Zukunft. Wer sich nie oder permanent genau dort hinstellt, wo der Gegenwind heftig bläst, ist entweder mutlos oder ein Querulant. Und wer immer gegen den Strom schwimmt, kommt nur da an, wo andere herkommen.

Wer den Wandel gestalten möchte, trifft mutige Entscheidungen, leitet den Strom um, macht Strom aus dem Strom und springt mutig rein, um anderen zu helfen. Schlafen können wir ja morgen.

21| Wie viel Empathie verträgt

unsere Arbeitswelt, Magdalena Rogl?

Empathie ist der unterbewertete Rohstoff von Innovation und ein wichtiger Treiber für unsere Zukunftsfähigkeit. Wenn wir empathisch zuhören, wenn wir uns in unsere Zielgruppen und deren Bedürfnisse hineinversetzen, können wir echte Innovation schaffen. Wenn wir empathisch mit unseren Mitmenschen und Kolleg*innen umgehen, wenn wir die Welt aus ihrer Perspektive sehen, können wir viele Dinge lernen und so mit mehr Weitblick in die Zukunft schauen.

Wir haben keine Glaskugel, um genau zu wissen, wer wir einmal sein werden. Aber wir können entscheiden, wer wir jetzt sein wollen. Wir können entscheiden, ob wir abwarten wollen oder ob wir Veränderung mitgestalten wollen. Und das braucht Mut, Kreativität, Vertrauen, Empathie. Es braucht Emotionen.

In der Technologie-Branche gibt es oft die Berufsbezeichnung „Evangelist“ für Menschen, deren Aufgabe es ist, andere für neue Technologien zu begeistern. Vielleicht brauchen wir Emotional Evangelists, um Menschen für die Arbeitswelt der Zukunft zu begeistern.

82 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Magdalena Rogl leitet Diversity und Inclusion bei Microsoft
Wie viel Mut braucht der Wandel, Nina Straßner?
PR, Sapna Richter
Nina Straßner ist Global Head of People Initiatives bei SAP Fotos:

»Weil das wahre Leben die besten Krimis schreibt.«

www.zeit.de/anders

Miriam Junge ist Diplom-Psychologin, Verhaltenstherapeutin und Coach. Ihr Wissen teilt sie unter anderem in ihrem Buch „Kleine Schritte mit großer Wirkung“, in verschiedenen Podcasts und auf Instagram

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Der erste Schritt ist das Erkennen der eigenen Bedürfnisse. Leichter gesagt als getan, denn wir leben in einer Gesellschaft, deren Geschwindigkeit wenig Raum für Eigenes lässt: die Deadline hier, die Kinder da, dazu die Beziehung, Freunde, alltägliche To-Dos. Oft schlafen wir im Bett ein, bevor unser Kopf das Kissen berührt – oder liegen wach, weil das Gehirn noch rattert, da es vorher nicht dazu kam, die Gedanken und Eindrücke des Tages zu sortieren. Wir haben es also verlernt, auf unsere Bedürfnisse zu achten. Und damit auch eine gewisse Leichtigkeit und Selbstbestimmung verloren.

Alte und zunächst unbewusste Glaubenssätze treiben uns an, alte Muster zu bedienen, damit wir uns sozial erwünscht, nicht isoliert oder liebenswert fühlen. Diese Dynamik führt dazu, dass wir unsere eigentlichen Bedürfnisse und Grenzen missachten. Das kann sogar in ungesunde Verhaltensweisen des

People-Pleasings rutschen, was auf Dauer zu psychischen Erkrankungen führt: People-Pleaser möchten gefallen, um von anderen gemocht zu werden und deren Erwartungen zu erfüllen – Selbstfürsorge kommt dabei schnell zu kurz. In unserer Kindheit ist „sich anpassendes Verhalten“ bis zu einer gewissen Grenze normal, weil wir abhängig vom Schutz der Erwachsenen in unserem Umfeld sind. Würden wir durch unangepasstes Verhalten isoliert, wären wir gegebenenfalls sogar nicht überlebensfähig. Als Erwachsene rutschen wir durch People-Pleasing in eine ungesunde Abhängigkeit von unseren Mitmenschen. People-Pleaser können nicht Nein sagen, weil sie Angst haben, weggestoßen zu werden. So werden die Bedürfnisse anderer wichtiger als ihre eigenen.

Willst du dich von dieser Dynamik frei machen, kommt die Achtsamkeit ins Spiel – also der Schritt, der dich dazu bringt, innezuhalten

und erst einmal wahrzunehmen, was du da eigentlich automatisch tust, und wie du damit dir und deiner mentalen Gesundheit eventuell schadest. Mach dir klar: Ein Nein zu anderen ist oft ein Ja zu dir. Grenzen müssen bei diesem Thema groß geschrieben werden. Dem eigenen Bedürfnis nach Ruhe und Balance zu folgen, um zu einer souveränen Gelassenheit zu kommen, bedeutet eben auch, nicht ständig brav den Wünschen und Bedürfnissen anderer zu folgen – denn das ist so nicht vereinbar mit emotionaler Stabilität. Eine sozial kompetente, wertschätzende, achtsame und klare Kommunikation deiner Bedürfnisse und Grenzen ist der letzte Schritt deines Weges zum Ziel, besser auf dich aufzupassen.

Niemand sagt, dass es leicht ist. Aber es sagt auch niemand, dass du das alles alleine schaffen musst! Es gibt Therapeut:innen, Coaches und Beratungen, die darauf spezialisiert sind und dich dabei unterstützen.

84 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Wie können wir besser auf uns aufpassen, Miriam Junge?
Fotos: Reza Brojerdi, PR

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Was können Agenturen 2023 besser machen, Ronald Focken?

Die Dauerkrise wird zum New Normal: Corona hat die Arbeitswelt massiv verändert. Die Folgen der Lockdowns und des Ukraine-Kriegs bringen gewohnte Lieferketten, Vertriebsstrukturen und die Bedürfnisse und Kaufkriterien der Verbraucher durcheinander. Die Marken-Loyalität ist vielfach stark rückläufig. Das gewohnte Einkaufsverhalten hat sich in diversen Märkten drastisch verändert. Die Folge: ein erheblicher Druck auf Marketing-Abteilungen und CMOs, da weder Forschungs- und Entwicklungsabteilung, noch Produktion oder Vertrieb es alleine richten können.

Marketing und Kommunikation stehen heute – im Gegensatz zu früheren Krisen – viel stärker im Fokus: Sie sind zum erfolgsentscheidenden Faktor für Unternehmen und deren Vorstände oder Geschäftsführer

geworden. Für Marketingverantwortliche, CMOs, ist Multitasking angesagt: Zusammenarbeit, Führung und Change müssen moderiert werden, gleichzeitig soll man intern wie extern motivieren, inspirieren und visionär handeln, dabei noch möglichst agil und flexibel sein und natürlich gut gelaunt. Entsprechend erwarten CMOs 2023 von Agenturen viel Aufmerksamkeit, Unterstützung und Rundum-Service, konzeptionell und operativ. Die bisherigen Planungszyklen sind überholt, denn Flexibilität, Schnelligkeit und wirkliche Partnerschaft sind erhebliche Wettbewerbsvorteile.

Vor einigen Jahren war noch das Kriterium Kreativität der Haupttreiber für die Auswahl der Agentur. Heute sind es laut aktuellem CMO-Barometer (Online-Befragung von Serviceplan unter 470 CMOs, Anm. d. Red.) Agilität, Kundenorien-

tierung und Zusammenarbeit des Teams. Glücklich sind Kund:innen mit ihren Agenturen, wenn diese Aufgaben und Herausforderungen adaptieren und vor allem lösen können – also die Fähigkeit besitzen, sich in interne Kundenprozesse hineinzudenken und entsprechend zu agieren. Das ist das Kernkriterium für Kundenzufriedenheit.

Dabei sind Teamspirit und Kultur ganz entscheidende Faktoren, gerade in hybriden Teams. Es geht um gemeinsame Motivation, Inspiration und viel Pragmatismus in den täglichen Herausforderungen. Denn Kampagnen laufen immer öfter 24/7 und werden somit kontinuierlich optimiert. Da ist Teamwork von allen Seiten gefordert, wenn die Liebe zur Agentur oder zum Kunden nicht erkalten soll. In den meisten Fällen sind Kund:innen dann auch bereit, für Top-Leistungen gut zu bezahlen.

85 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Ronald Focken ist Managing Partner der Serviceplan Group

1.000

Jahre Handy-Akku vollständig zersetzt ist. Zeit, die alten Handys in der Schublade endlich zum Recycling zu bringen!

Länder Europas sind queer-freundlicher als Deutschland – das landet nur auf Platz 15 von 49 im Anti-DiskriminierungsRanking. Rang eins geht an Malta, Schlusslicht ist Aserbaidschan

AGENDA 2023

ZAHLEN BITTE!

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verbringen Frauen pro Tag mit Care-Arbeit. Männer kümmern sich durchschnittlich nur 166 Minuten um Familie, Hausarbeit und Pflege

Faktoren wirken sich positiv auf unsere Resilienz aus: Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, das Verlassen der Opferrolle, ein Erfolgsnetzwerk, positive Zukunftsplanung und Selbstreflexion

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Eier pro Jahr legt ein Bio-Huhn im Schnitt. Hühner in Bodenhaltung kommen auf 304 Eier pro Jahr. Ihre Artgenossen in Kleingruppen, dem Mindeststandard für Hühnerhaltung, legen 310 Eier pro Jahr. Insgesamt führen 13 Prozent der Hühner in Deutschland ein Leben nach Bio-Richtlinien

hauptberuflichen Deutschland haben studiert. Fünf Prozent sind ohne Abitur zu ihrem Beruf gekommen

km/h schnell sollen Mitarbeitende der Evangelischen Kirche auf der Autobahn maximal fahren – und damit der „Bewahrung der Schöpfung“ gerecht werden

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14

Quellen: Weltorganisation für Meteorologie, Bitkom, bessergesundleben. de. Spiegel, Statistisches Bundesamt, BCG, BR24, AOK, Score Media Group, McKinsey, NDR; Fotos: iStockphoto, Picture-Alliance

22.300.000

Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Das entspricht etwa einem Viertel der Gesamtbevölkerung. Knapp zwei Drittel von ihnen stammen selbst oder in zweiter Generation aus einem anderen europäischen Land

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Prozent der Deutschen können sich vorstellen, das Streamen von Serien und Filmen für den Klimaschutz bleiben zu lassen

Prozent der Deutschen fühlten sich 2022 vom Stress überfordert

Prozent fühlen sich wohl in den eigenen vier Wänden – vor der Pandemie waren es 91

der vergangenen zehn Jahre waren die heißesten seit Beginn der WetterAufzeichnung

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Euro im Jahr verliert die deutsche Wirtschaft aktuell durch Personalmangel. Migration würde das Problem verringern, sagen Expertinnen

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Maybrit Illner ist Journalistin und Moderatorin ihrer eigenen ZDF-Talkshow

7 Antworten von Maybrit Illner

Das Beste an 2022 war einerseits sehr schwer zu finden. Andererseits auch sehr leicht: Wenn man die eigene Situation mit der der Menschen in der Ukraine oder in Pakistan vergleicht.

Nachhaltig beeindruckt hat mich ... was alles klappt, wenn es klappen muss.

Ich möchte 2023 mehr Anlässe zum Lachen haben, aber notfalls auch mehr anlassloses Lachen.

Ich möchte 2023 weniger Untergangsprophezeiungen.

Die größte Krise, die ich jemals überstanden habe:

war ein Stromausfall im Studio kurz vor meiner allerersten Sendung.

Mein bester Spartipp: Wer sparen muss, der kennt ihn ohnehin und im Übrigen verteilen Politiker schon genug davon.

Mut macht mir ... dass viele nicht so schnell aufgeregt sind wie wenige.

7 Antworten von Thomas Rathnow

Das Beste an 2022 war dass mich das Jahr zahlreichen Ereignissen und Erfahrungen ausgesetzt hat, aus denen ich lernen, an denen ich wachsen kann. Es gab angenehmere Jahre, unbeschwertere und mindestens vordergründig erfolgreichere – aber ich hoffe, dass ich aus 2022 etwas klüger und demütiger, ein wenig gelassener und zugleich tatkräftiger hervorgehe.

Nachhaltig beeindruckt hat mich ... wie die sich überlagernden Krisen uns an so vielen Stellen auf Basics zurückgeworfen haben. Als würde der Fortschritt eine Pause einlegen. Plötzlich sehen wir uns mit Problemen konfrontiert, die wir vor Kurzem noch für überwunden glaubten. Zugleich werden wir Zeugen des Muts der Frauen im Iran, die eine skrupellose Diktatur in Frage stellen und damit hoffentlich eine politische Bewegung in Gang setzen können, die allen Menschen in dem Land mehr Freiheit bringt. Und die ein Zeichen der Hoffnung an Unterdrückte in aller Welt sendet.

Ich möchte 2023 mehr objektive Gründe haben, optimistischer auf die Welt zu blicken. Derzeit entspringt meine gute Stimmung zu häufig eher meinem Temperament als der tatsächlichen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Lage. Beruflich wünsche ich mir für 2023, dass wir für unsere Verlagsgruppe die positiven Auswirkungen einiger strategischer Entscheidungen und Veränderungen stärker sehen und spüren.

Ich möchte 2023 weniger von Nebensächlichkeiten abgelenkt werden, die einen nur müder, humorloser und gedankenärmer machen.

Die größte Krise, die ich jemals überstanden habe: steht mir wohl noch bevor. Denn die bisher überstandenen waren nicht sehr groß. Und die kommende, wirklich große Krise hoffe ich, zu überstehen.

Mein bester Spartipp: ist eher eine Warnung. In den Worten von Karl Marx: „Je weniger du ißt, trinkst, Bücher kaufst, in das Theater, auf den Ball, zum Wirtshaus gehst, denkst, liebst, theoretisierst, singst, malst, fichtst etc., um so mehr sparst du, um so größer wird dein Schatz, den weder Motten noch Raub fressen, dein Kapital. Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, um so mehr hast du, um so größer ist dein entäußertes Leben, um so mehr speicherst du auf von deinem entfremdeten Wesen.“

Mut macht mir die menschliche Einbildungskraft, die es uns erlaubt, über das Bestehende hinauszudenken, sich mit Gegebenheiten nicht abzufinden und Ideen hervorzubringen, die das Leben bereichern und die Kraft geben, innere und äußere Fesseln abzustreifen. Es ist die Macht der Worte, die Mut macht, weil sie Freiräume für das Denken und Handeln eröffnet und so die Verhältnisse nachhaltig verändern kann.

Fotos: Dominik Alves, PR Thomas Rathnow ist CEO der Penguin Random House Verlagsgruppe
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Die Möglichkeiten der

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Düzen Tekkal im Videofragebogen turi2.de/koepfe

»Nichts ist so toxisch wie die Komfortzone. Ich verlasse meine jeden Tag«

Nein-Sagen steckt Düzen Tekkal im Blut.

Als Menschenrechtsaktivistin will sie so unbequem wie möglich sein. Dass sie dabei auch Schwäche zeigen darf, musste sie erst lernen

Von Nancy Riegel (Text) und Johannes Arlt (Fotos)

Düzen, wir haben es jetzt 13 Uhr. In wie vielen Ländern warst du gedanklich heute schon? Ich war im Irak, im Iran, in Afghanistan und in der Türkei, weil ich mich über Erdogans geplante Luftangriffe auf kurdische Stellungen geärgert habe. Und ich war gedanklich in der Schweiz, bei der Iran-Sondersitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf.

Wenn du dich jetzt in ein Land beamen könntest, welches wäre das? Ich bin hier gerade genau richtig, um die Aufmerksamkeit unserer politischen Entscheidungsträger und die der Gesellschaft darauf zu lenken, welche Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Afghanistan oder dem Iran gerade passieren. Es ist ja nicht zuletzt Aktivismus in Ländern wie Deutschland zu verdanken, dass der Fokus auf diesen Themen liegt – dass die UN zu einer historisch einzigartigen Sondersitzung zusammenkommt; oder dass unsere Organisation Háwar Help kürzlich gemeinsam mit anderen Aktivistinnen beim Bundeskanzler eingeladen war.

Was bewegt so ein Treffen mit Olaf Scholz? Ist es mehr als eine Geste? Es ist auf jeden Fall mehr als eine Geste. Das Kanzleramt zeigt damit, dass es die Hilferufe aus dem Iran ernst nimmt. Wir waren so laut, dass man irgendwann nicht mehr an uns vorbeikam. Es wäre Symbolpolitik, wenn wir diese Legitimation nicht nutzen würden – aber das tun wir. Durch solche Treffen werden wir auch ernster genommen. Am Anfang

der Protestwelle im Iran hieß es ja teilweise noch, wir würden die Sache größer reden, als sie ist.

Wie schaffst du es, gedanklich so viele Baustellen gleichzeitig zu beackern?

Großfamilie! Meine Eltern kamen in den 70ern als kurdisch-jesidische Einwanderer aus der Südosttürkei nach Deutschland, ich habe zehn Geschwister. Bei uns war immer Chaos, und das haben wir gar nicht mal als negativ empfunden. Ich habe nicht den Anspruch, dass alles geordnet sein muss.

Du bist eine der bekanntesten deutschen Aktivistinnen, die aus dem Iran berichtet. Hast du dir diese Rolle bewusst ausgesucht?

Ich bin vor allem Aktivistin für Menschenrechte – und das ist ein universalistischer Anspruch. In dem Moment, wo Frauen entmenschlicht und entrechtet werden, gehe ich rein und mische mich ein. Das wäre auch bei chinesischen oder türkischen oder arabischen Frauen der Fall. Es wäre traurig, wenn die Menschen vor Ort mit dem, was ihnen widerfährt, allein gelassen und wir als Gesellschaft sagen würden: Das geht mich nichts an.

Hast du Verständnis für Menschen, die nach Krisen wie Corona, Ukraine und Inflation keine Kraft mehr haben, sich gedanklich auch noch um den Iran zu kümmern? Absolut. Alles andere wäre extrem anmaßend. Jeder Mensch hat per Gesetz das Recht darauf, unpolitisch zu sein. Aber das ist ein Wahnsinnspri-

vileg. Und große Teile der Menschheit haben dieses Privileg nicht. Ich als Kurdin, als Jesidin, als Frau hatte nie den Luxus, unpolitisch zu sein. Und ich bin überzeugt davon, dass es uns Menschen glücklicher macht, wenn wir uns für etwas einsetzen, das über unser eigenes Leben, über Ego und Konsum hinausgeht. Nichts ist so toxisch wie die Komfortzone. Ich verlasse meine jeden Tag.

Was hat dich politisiert? Schon als ich klein war, hat mein Vater Medien darüber aufgeklärt, wer die Jesiden sind, wo wir herkommen und warum wir verfolgt werden. In unserem Haus in Hannover sind Kamerateams einund ausgegangen, als ich gerade mal drei oder vier Jahre alt war. Ich kann mich an Pressekonferenzen und Demonstrationen erinnern, die er mitorganisiert hat. Er hat dafür gesorgt, dass in Hannover ein Friedhof für Jesiden errichtet wird. Und es haben ständig Menschen an unserer Tür geklingelt, die Hilfe gebraucht haben. Dann hat sich mein Vater um deren Asyl- und Bleiberecht gekümmert, Wohnungen und Jobs für diese Menschen gesucht. Mit diesem Menschenrechtsaktivismus und diesem Widerstandsgeist bin ich groß geworden – ich konnte also gar nicht anders.

Und trotzdem hast du dich von bestimmten Werten deiner Familie gelöst, nämlich der klassischen Erwartung an eine Frau, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Was hat das in deiner Familie ausgelöst? Ein richtiges kurdisches Migrations-Drama. Es sind

92 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
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»Eine IS-Überlebende hat mal zu mir gesagt: Das schlechte Gewissen nützt weder den Lebenden noch den Toten«

Düzen Tekkal Geb. 1978 in Hannover

2002 Studium Politikwissenschaft und Germanistik in Hannover

2007 Redakteurin und Reporterin bei der Mediengruppe RTL, u.a. bei „Spiegel TV“ und „stern TV“

2014 freie Journalistin, Filmemacherin, Kriegsberichterstatterin und Autorin

2015 Dokumentarfilm „Háwar – Meine Reise in den Genozid“

2015 Gründung der Menschenrechtsorganisation Háwar Help

2019 Gründung der Bildungsinitiative German Dream

2019 Fachkommission Fluchtursachen der Bundesregierung

2021 Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz

die Fetzen geflogen. In meinen Zwanzigern stand wirklich kurzzeitig die Frage im Raum: Familie oder Freiheit. Ich habe meiner Familie dann klargemacht, dass ich diese Unfreiheit in einer freien Gesellschaft nicht akzeptieren werde, niemals. Ich habe doch in meiner kurdisch-jesidischen Familie gelernt, „Nein“ zu sagen und mich zu wehren. In dem Moment, als mir angeboten wurde, jemanden zu heiraten, für den ich mich überhaupt nicht interessiert habe, wurde mir klar: Nein sagen ist ein Überlebensmechanismus.

Das Nein war ein Ja zu mir und meiner Freiheit. Da haben meine Eltern dann verstanden: Sie meint es ernst. Und sie meinten es auch nicht böse. Der Druck der Gesellschaft, dass nur eine verheiratete Tochter eine gute Tochter ist, war sehr groß.

Konntest du das verstehen?

Die Angst meiner Eltern war, dass sie ihr Gesicht verlieren. Und dass ich den Bezug zu meiner Kultur verliere und entwurzelt werde. Das kann ich verstehen. Sie gehören einer Religionsgemeinschaft an, die seit Anbeginn verfolgt wird, deren Frauen seit Jahrhunderten vergewaltigt werden, unter anderem vom IS. Diese Urangst ist in den Knochen meiner Eltern. Gleichzeitig – und das ist das Ambivalente – hatten meine Eltern den riesigen Anspruch, dass ich und meine zehn Geschwister etwas aus unserem Leben machen. Meine Mutter hat immer gesagt: „In einer freien Gesellschaft habt ihr die Verpflichtung, alles zu geben“. Es war schon

eine Art Drill-InstructorMentalität. Und noch heute sagt sie: „Vergleicht euch mit den Besten“ –auch, was Menschlichkeit angeht.

Mit wem vergleichst du dich?

Als Jugendliche habe ich mich mit den Mädchen verglichen, die freier waren als ich. Heute vergleiche ich mich in erster Linie mit mir selbst, mit meinem eigenen Menschlichkeitsmuskel. Es ist wichtig, sich regelmäßig selbst zu konfrontieren. Man sagt ja: Mit dem Vergleich mit anderen endet das Glück.

Du hast deine Hilfsorganisation Háwar Help 2015 mit deinen Schwestern gegründet. Wie konntest du sie davon überzeugen?

Es muss immer eine geben, die die Revolution beginnt – und das war in diesem Fall ich. Damit habe ich aber wieder mal Krieg nach Hause gebracht. Es ging 2014 um den Überfall des IS auf die Jesiden in Irak. Meine Eltern hatten Angst um mich, denn ich wollte als Kriegsreporterin berichten, mein sicheres Deutschland verlassen. Der Widerstand, für den ich heute geliebt werde, erntete damals Kopfschütteln, selbst in der eigenen Familie. Es hat also gedauert. Als dann klar wurde, dass meine Freiheit auch

ihre Freiheit bedeutet, kam die bedingungslose Unterstützung. Ich habe so gelernt: Es geht immer darum, zu sich selbst zu stehen. Es muss mir egal sein, was Außenstehende darüber denken.

Und, ist es dir wirklich immer egal? Wäre das so, wäre ich erleuchtet. Aber das bin ich nicht. Wenn ich überziehe, dann kann ich gerne mal wackeln und auch mal aus der Kurve fliegen. Dann braucht man Menschen, die sagen: Steh auf! Ich bin so froh, dass meine Schwestern und Freunde das machen.

Gönnst du dir denn gedankliche Pausen? Ich musste lernen, dass Aktivismus kein 24-Stunden-Job sein darf, wenn ich gesund bleiben will. Die Quelle der Freude muss bleiben. Man darf kein schlechtes Gewissen dabei haben, etwas zu tun, was einem Freude bereitet. Und wenn das bedeutet, dass ich mir ein schönes Kleid kaufe, dann eben das.

Was sind sonst noch deine Quellen der Freude? Meine Familie, meine Freunde, meine Nichte, die mich fragt: „Tante Düzi, kannst du mir Lasagne kochen?“. Ich schenke mir gerne selbst Blumen. Und ich genieße es total, allein zu sein, Spaziergänge zu machen und dabei zu empfangen, statt immer nur zu senden. Und Zeit zu verbringen mit meinen Tanten und Onkeln und über Themen zu sprechen, die ganz weit weg sind von meinen. Kurz gesagt: zu klatschen und zu tratschen. Ich habe nicht den Anspruch, immer über-

korrekt zu sein, nur weil ich harte Menschenrechtsthemen behandle.

Wie schaffst du es, morgens aufzustehen und aufs Handy zu schauen, wenn du genau weißt, dass Schreckensmeldungen aus dem Iran darauf sein werden?

Im Moment empfinde ich es einfach als unterlassene Hilfeleistung, nicht aufs Handy zu schauen. Wenn ich Material aus dem Iran bekomme, wo das Internet gedrosselt ist, dann sehe ich es als Verpflichtung, dieses Video zu teilen, weil es Beweiskraft bedeutet. Aber natürlich ist es wahnsinnig anstrengend, rund um die Uhr Fotos und Videos von toten Menschen zu schneiden und zu posten.

Wie verifizierst du das Material?

Der wichtigste Grundsatz für mich ist: believe the victim. Ich nehme jedes Material erst einmal ernst. Aber natürlich verifizieren mein Team und ich nach bestem Wissen und Gewissen. Intuition und Erfahrungswerte helfen. Außerdem haben wir Kontakt zu langjährigen Quellen vor Ort. Natürlich ist mir auch schon mal eine Falschinformation untergekommen. Dann kannst du nur um Entschuldigung bitten und dafür gerade stehen.

Kommt diese Verpflichtung zum Posten vielleicht auch durch ein schlechtes Gewissen, dass du empfindest, weil du in der privilegierten Situation bist, in Deutschland zu leben? Nein. Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Eine ISÜberlebende hat mal zu

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»Wer Angst als Schwäche bezeichnet, hat das Leben nicht verstanden«

mir gesagt: „Das schlechte Gewissen nützt weder den Lebenden noch den Toten.“ Ich habe nicht das Gefühl, zu wenig zu tun, weil ich mein Privileg einsetze. Und ich möchte, wenn ich so viel Kraft in den Aktivismus stecke, mich trotzdem darüber freuen dürfen, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und dort Kartoffelsuppe mit Würstchen zu essen. Es gibt einen Unterschied zwischen Freizeit und Freiheit. Was nützt es mir denn, wenn ich frei habe, aber mich nicht frei fühle? Dann klappt die ganze Nummer nicht.

Für Háwar Help und die Bildungsinitiative German Dream arbeiten rund 40 Personen. Wolltest du immer schon Chefin sein?

Ich habe keine Angst vor Verantwortung. Wenn man lernt, damit umzugehen, kann sie einem viel geben. Ich fühle mich ganz oft wie eine Löwenmama. Wenn es mir zu viel wird, denke ich: Mama und Papa haben es doch auch geschafft, und das mit gebrochenen Deutschkenntnissen und wenig Geld.

Wie verdienst du als Aktivistin Geld?

Oftmals wird erwartet, dass Ehrenamt und CareArbeit unvergütet sein müssen. Es ist aber ein Trugschluss, dass man für Aktivismus kein Geld nehmen darf, denn das brauchen wir nun mal für unsere Arbeit. Ich bin dankbar, dass wir unseren Mitarbeitern, die mit Herzblut bei der Sache sind, auch ein Einkommen bieten können. Unsere Projekte bei Háwar Help werden gefördert, unter

anderem von der Bundesregierung. Ich verdiene mein Geld als Unternehmerin und für meine Arbeit als Journalistin, Autorin und Rednerin schreibe ich ganz normal Rechnungen.

Wann war der Punkt, an dem du gemerkt hast, dass du Journalismus nicht mehr von Aktivismus trennen kannst?

Als ich 2014 im Irak war, um dort über die Jesiden zu berichten, die vom IS verfolgt und ermordet wurden. Ich musste mich damals dafür rechtfertigen, die Neutralität verlassen zu haben, aber die Zeit hat mir recht gegeben. Es gibt doch auch gar keine neutralen Journalistinnen, was soll das sein? Selbst wenn ich einen Beitrag über Käse mache, habe ich doch eine Meinung dazu. Der richtige Umgang für mich bedeutet Transparenz, den Prozess offenlegen und sagen, dass man befangen ist. Das ist für mich auch guter Journalismus.

Zu Beginn der Iran-Proteste gab es viel Kritik, die Medien würden nicht ausreichend darüber berichten. Wie siehst du das mittlerweile?

Es ist besser geworden, aber noch nicht genug. Die Aktion von Joko und Klaas, die ihre InstagramReichweiten an Aktivistinnen gegeben haben, war ein Gamechanger. Es war wahnsinnig entlastend zu wissen, wir sind nicht mehr nur eine Handvoll Aktivistinnen und Journalistinnen.

Welche Themen haben aus deiner Sicht 2022 zu viel Platz in den Medien eingenommen?

Es wäre anmaßend, da etwas rauszupicken. Jeder Mensch hat seine eigenen Probleme, die man ihm oder ihr zugestehen muss. Wenn jemand nicht weiß, wie er am Ende des Jahres Rechnungen bezahlen soll, ist beispielsweise die Inflation für diese Person ein sehr reales Problem und dementsprechend wichtig, dass darüber berichtet wird.

Würdest du noch über Themen berichten wollen, für die du nicht brennst?

Das schaffe ich tatsächlich nicht mehr. Es muss immer etwas sein, das mich stört oder aufregt. Es gibt sicherlich einfachere Leben – Prinzessin bin ich ja offensichtlich nicht geworden – trotzdem bin ich mir und dem lieben Gott dafür dankbar, dass ich jeden Morgen die Freiheit habe, das zu tun, was ich will, und was mir wichtig ist.

Welchen Preis zahlst du für diese Freiheit?

Die Unfreiheit durch die Gefährdung meiner Sicherheit. Veranstaltungen wie Demos kann ich ohne Begleitschutz nicht mehr machen. Ich lege mich eben mit mächtigen Gegnern an: dem Iran, der Türkei und Russland, mit Geheimdiensten, Despoten und Unrechtsregimen –da hat sich meine Mutter sicherlich auch etwas anderes für mich gewünscht. Ich mache mir natürlich auch Gedanken um die Sicherheit meiner Angestellten und meiner Familie. Andererseits hat mir mein Vater beigebracht, dass wir keine andere Wahl haben. Wenn wir in die Knie gehen und uns Angst machen lassen, dann sind wir ja schon tot.

Darfst du als Aktivistin Schwäche zeigen?

Ich habe lange gedacht, dass ich es nicht darf –mit verheerenden Folgen für meine seelische Gesundheit. Das ist zum Glück vorbei. Ich habe mir Hilfe geholt und gelernt, dass ich nicht so streng sein darf mit mir. Dass ich inspirierende Gegenüberschaft brauche. Dass Selbstschädigung immer dann beginnt, wenn man überzieht. Und dass ich die Welt nicht alleine retten kann – und muss.

Ist Angst eine Schwäche? Nein. Wer Angst als Schwäche bezeichnet, hat das Leben nicht verstanden. Angst ist ein wichtiger Ratgeber. Es ist aber eine Frage der Dosierung. Angst sollte uns nicht lähmen. Ich lebe aktuell in einer Zwischenwelt: Einerseits das sichere Leben in Deutschland, andererseits die Gefahren im Iran, im Irak und anderen Ländern. Ich habe dabei gemerkt: Man kann es sich unter einem Damoklesschwert wohnlich machen.

Hast du ein Ziel im Leben, das du noch erreichen willst?

Das Tolle ist, dass ich mir nichts mehr beweisen muss. Meine Wünsche sind eher solche Dinge wie Gesundheit und mentale Stärke. Meine Oma ist 107 Jahre alt geworden. Ich wünsche mir, ihre Löwenkraft so lange wie möglich in mir zu tragen.

Willst du wirklich 107 Jahre alt werden?

Klar, ich möchte noch ganz viel Gutes tun. Und noch ganz viele Leute stören und nerven.

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Háwar Help ist eine registrierte NGO in Deutschland und Irak, gegründet 2015 von Düzen Tekkal und ihren Schwestern. Die Organisation betreibt Entwicklungs-, Bildungs- und Aufklärungsprogramme in Irak, Afghanistan und Deutschland und tritt für Menschenrechte u.a. im Iran ein. Gefördert wird sie etwa von der Bundesregierung, der Deutschen Bahn und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

»Man kann es sich unter einem Damoklesschwert wohnlich machen«

Natalie Amiri

Die „Weltspiegel“Moderatorin, die bis 2020 Leiterin des Teheraner ARDStudios war, tut sich nicht erst seit der Protestbewegung im Iran als versierte Expertin hervor. 2023 werden wir weiter auf die klugen Einschätzungen der Deutsch-Iranerin angewiesen sein.

Julia Becker

Die Verlegerin blufft nicht und verlässt mit Funke den BDZV. Immerhin hat sie den ungeliebten Verbandschef Mathias Döpfner überdauert. Die Tarifbindung für das Verlagspersonal ist mit dem Schritt allerdings passé. Wie es mit Funke, nun vogelfrei, weitergeht, wird spannend.

Jörg Eigendorf

Statt Konzernsprecher ist der Ex-Journalist nun Nachhaltigkeitschef der Deutschen Bank. Mal sehen, was der frühere InvestigativExperte im neuen Job alles schafft.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Die Politik lässt der in Ungnade gefallene ehemalige Verteidigungsminister abblitzen, RTL hat mehr Glück. Für die Sendergruppe macht der Freiherr Dokus und moderiert mit Thomas Gottschalk den Jahresrückblick. Da kommt noch mehr, ganz sicher.

Nelly Kennedy

Autobauer VW wildert im Brand Marketing bei Google und wirbt Nelly Kennedy als Marketing-Chefin ab. Vorgänger Jochen Sengpiehl verduftet nach China. Die Aufgabe ist keine kleine: Sie soll die unter Druck stehende Marke mal eben „zur echten People‘s Brand“ machen.

Yasmin Fahimi

Ferda Ataman

Mit reichlich Nebengeräuschen hat die Bundesregierung die Journalistin zur Antidiskriminierungsbeauftragten ernannt. Jetzt muss Ataman zeigen, dass sie in ruhigeren Zeiten Akzente setzen kann –oder ihre Personalie bleibt ein Politikum.

Claudia von Brauchitsch

Unterföhring macht seine Nachrichten jetzt selbst: Die Sat.1-Anchorwoman wird ein prägendes Gesicht der allseits aufmerksam verfolgten News-Offensive des Senders.

Das Aufgabenpaket könnte für die erste Frau an der Spitze des DGB größer nicht sein: In Krisenzeiten will sie den ökologischen und digitalen Wandel der Arbeitswelt für alle gerecht gestalten.

Tina Hassel

Louis Klamroth

Björn Gulden

Als Puma-Chef hat er den Turnaround geschafft, nun geht’s zum Konkurrenten Adidas. Der BruderKonzern kann einen Retter gut gebrauchen, Image und Zahlen kranken auch dank Kanye West.

Die ARD-Hauptstadtstudio-Chefin hat hohe Ambitionen, das beweist sie 2021 als Kandidatin im Rennen um die ZDFIntendanz. Vielleicht fällt in der rumorenden ARD ja ein Spitzen-Posten ab. Um die Zukunft kümmern muss sich Hassel eh: Ihr Vertrag in Berlin endet 2024.

Ein regelrechter Jungspund lenkt nun durch das ARD-Debatten-Flaggschiff „Hart aber fair“. Seine politische Eignung hat der 33-Jährige schon bei ntv und ProSieben bewiesen. Offen bleibt, ob er ein junges Publikum zu der Sendung locken kann, ohne Fans von Altmeister Frank Plasberg zu verprellen.

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von A-Z
KÖPFE, DIE WIR 2023 IM AUGE BEHALTEN
Fotos: picture alliance (11)

Auf die Straße bringen, was Zukunft hat

Vor mehr als 125 Jahren erfanden die Gründer von Daimler Truck Lkw und Busse. Heute sorgen die Kundinnen und Kunden des Nutzfahrzeugherstellers weltweit für zuverlässigen und sicheren Transport. Das Unternehmen arbeitet deshalb für alle, die die Welt bewegen. Die Verantwortung für Nachhaltigkeit – für die Beschäftigten, die Umwelt und die Gesellschaft insgesamt – ist entsprechend groß.

Weitere Informationen unter: daimlertruck.com/nachhaltigkeit

Georg Kofler

Seine Firma Social Chain hat ein mieses Jahr hinter sich, also wechselt der Aufsichtsratschef die Stühle und wird Vorstandsboss. Die Medienwelt weiß seit dem Premiere-Börsengang, dass Kofler Krise kann. Nun zeigt sich, ob die Skills auf E-Commerce übertragbar sind.

Tina Müller

Für die tüchtige Ex-Chefin der Parfümkette liegt die Zukunft von Douglas im Digitalen. Der Wechsel in den Aufsichtsrat wird ihrem gestalterischen Drang wohl kaum gerecht. Viel spricht für ein Comeback der öffentlichkeitsfreudigen Managerin an neuer Wirkstätte.

Julian Reichelt

Der Ex-„Bild“-Chef arbeitet immer ungehemmter an der Polarisierung politischer Debatten. Wie ertrag- und folgenreich Reichelts Geschwurbel auf YouTube sein wird, bleibt abzuwarten.

Nadja Scholz

Weltweit tobt der Informationskrieg und belastet auch die Deutsche Welle. Die neue Programmdirektorin muss auf die Sicherheit ihrer Leute achten und trotzdem abliefern. Gerade wo unabhängige Infos bedroht sind, werden sie dringend gebraucht.

Philipp Welte

Der Burda-Vorstand geht beim Zeitschriften-Verband MVFP in den Vorstand. Mit Vorgänger Rudolf Thiemann verabschiedet sich auch die Bezeichnung „Präsident“. Welte muss für die wirtschaftlich angeschlagene Branche Sicherheiten rausschlagen.

Lorenz Maroldt

Der Chefredakteur verfolgt mit Co-Chef Christian Tretbar die ambitionierten „Tagesspiegel“-Pläne, zur Hauptstadtzeitung von nationaler Bedeutung zu werden. Der Print-Relaunch kommt im Gewand eines 80-seitigen Tabloid-Formats daher. Sogar Maroldts Digital Brainchild, der Checkpoint-Newsletter, landet jetzt in der Drucker-Presse.

Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

Die InvestigativNamensvettern verlassen die „Süddeutsche Zeitung“ und gründen eine eigene Recherche-Firma. Partnerschaften mit dem „Spiegel“ sowie dem ZDF folgen. Investigativ-Journalismus als Dienstleistung – es bleibt spannend.

Theo Schnarr

Klebe-Aktionen auf Straßen, Angriffe auf Gemälde – Die Letzte Generation spaltet die Geister. Der Mitorganisator und Sprecher der Klimabewegung wird wohl auch künftig viel erklären müssen.

Luiz Inácio Lula da Silva

Prinz Harry, Herzog von Sussex

Robert Schneider

Der Chefredakteur tauscht „Focus“ gegen „Bild“: Wie viel Magazin steckt künftig im Boulevard?

Der neue brasilianische Präsident will mit der Chaos-Politik seines Vorgängers brechen. Unter Jair Bolsonaro hat die Zerstörung des Regenwaldes massiv zugenommen. Lula lässt alle hoffen, dass die Lunge der Welt nun eine Atempause erhält.

Der Lieblings-Prinz des Boulevard lässt 2023 seine Memoiren auf die Welt los. Die britischen Royals durchleben nach Megxit, Missbrauchsvorwürfen gegen Prinz Andrew und dem Tod der Queen schwere Zeiten. Was der Königssohn im Buch „Spare“ („Ersatzteil“) über seine Familie zu sagen hat, dürfte also brisant sein.

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Fotos: picture alliance (10), Privat

Zeitenwende in der politischen Kultur?

Philip Morris Studie untersucht das Vertrauen der Deutschen in die politische Entscheidungsfindung im Krisenjahr 2022

Eine Krise reiht sich an die nächste und stellt die deutsche Gesellschaft und ihre Ampel-Regierung vor immer neue Herausforderungen. In solchen Zeiten gibt es zwei Möglichkeiten: Eine Gesellschaft rückt enger zusammen – oder die Gegensätze auseinanderstrebender Interessen werden so groß, dass der Zusammenhalt schwächer wird. Deutschland musste dieses Jahr erleben, dass die Sicherheit, in der wir sehr lange leben durften, ins Wanken gerät – und diese Entwicklung auch Einfluss auf das Vertrauen in die repräsentative Demokratie hat.

Valentine Baumert, Junior Managerin im Team Government Affairs von Philip Morris Deutschland, hat diese Entwicklung gemeinsam mit dem rheingold Institut untersucht.

Frage: Frau Baumert, die Lebenswirklichkeitsstudie 2022 von Philip Morris ist da. Was haben Sie gemeinsam mit dem rheingold Institut dieses Jahr erforscht?

Valentine Baumert: „In der diesjährigen Studie haben wir zwei Entwicklungen untersucht, die sich im Moment sehr deutlich zeigen. Das sind auf der einen Seite expertokratische, auf der anderen Seite populistische Tendenzen innerhalb der Bevölkerung. Wir haben uns auf diese konzentriert, weil sie in relativ direktem Zusammenhang mit aktuellen Krisenerfahrungen stehen. Je komplexer Probleme werden, und die Corona Pandemie ist, glaube ich, das Paradebeispiel für diese Krisenerscheinungen, desto mehr treten Expertinnen und Experten politisch auf den Plan. Das kann die Unterstützung in die repräsentative Demokratie schwächen.“

Frage: Zu welchem Ergebnis kommen Sie, oder ganz konkret: Wie steht es um die repräsentative Demokratie in Deutschland?

Valentine Baumert: „Man muss erstmal sagen, es ist nicht desaströs. Grundsätzlich scheint zwar das Vertrauen in die Arbeit von gewählten Abgeordneten zu sinken: Nur 21 Prozent der Befragten glauben, dass diese am besten über Gesetze entscheiden sollten, während 48 Prozent Volksentscheide oder 29 Prozent neutrale Experten und Expertinnen für die politische Entscheidungsfindung

geeigneter halten. Aber wir sehen auch, dass nur 19 Prozent der Befragten populistische und 12 Prozent expertokratische Ansichten haben. Das heißt, nicht mal ein Viertel der Bevölkerung zeigt Tendenzen, von denen wir sagen könnten, die sind für unsere repräsentative Demokratie wirklich gefährlich. Was man in diesen zwei Gruppen allerdings sieht, ist, dass die Befürwortung von Expertinnen und Experten als politische Entscheider radikal steigt.“

Frage: Was schlagen Sie vor, welche Möglichkeiten hat die Politik, um auf die aktuellen Veränderungen zu reagieren?

Valentine Baumert: „Gerade in Krisenzeiten muss politische Entscheidungsfindung in Deutschland transparent und nachvollziehbar sein. Das haben unsere Ergebnisse deutlich gezeigt. Daraus ergeben sich aus unserer Sicht verschiedene Handlungsempfehlungen für die Politik in Krisenzeiten. Zum Beispiel sehen wir, dass politische Kommunikation den Eigenwert des Politischen verteidigen und aufzeigen muss, dass das Aushandeln von verschiedenen Standpunkten, das Finden von einem Kompromiss im Sinne des Allgemeinwohls, eine Kernaufgabe der Politik in einer repräsentativen Demokratie darstellt. Die weiteren Handlungsempfehlungen und alle Ergebnisse finden Sie ausführlich im Detail auf unserer Website www.wiewirwirklichleben.de.

Ich freue mich auf Ihr Feedback!“

Wer sollte am besten über Gesetze entscheiden? 48 % Bürger:innen in Volksentscheiden 29 % Unabhängige Expert:innen 21 % Abgeordnete 2 % Eine einzelne Führungsperson

Über „Wie wir wirklich leben“

Seit 2020 fokussiert sich die „Wie wir wirklich leben“ Studie auf verschiedene Phänomene, an denen demokratietheoretisch problematische Entwicklungen empirisch untersucht und das Verständnis für diese Entwicklungen geschärft werden kann. Philip Morris Deutschland möchte mit der Studie einen lösungsorientierten Diskurs stärken, durch den demokratische Werte und ein tolerantes Miteinander in Deutschland gefördert werden. Die Stichprobe der Studie ist für die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland repräsentativ.

Mehr Informationen und alle Ausgaben der Studie finden Sie unter www.wiewirwirklichleben.de

Über Valentine Baumert

Valentine Baumert ist seit 2020 im Bereich der Government Affairs bei Philip Morris tätig. Nach ihrem Bachelorstudium der Publizistikund Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin fing sie bei Philip Morris als Referentin Government Affairs an. Aktuell schreibt sie begleitend zu ihrer Tätigkeit als Junior Managerin ihre Masterarbeit an der Freien Universität Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt sind demokratiefeindliche Bewegungen in Europa und den USA.

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Judith Wiese

Geb. 1971 in Lüdenscheid

1991 Studium Betriebswirtschaft und Personalwesen in Rotterdam, Münster und Duisburg

2006 Vice President People & Organisation Central Europe & Africa, Mars Petcare, Wien

2012 Verschiedene Führungsposten bei Mars in den Bereichen Organisation, Entwicklung und Fortbildung, Brüssel

2015 Senior Vice President People & Organisation Corporate im MarsHauptsitz, Virginia, USA

2017 Personalchefin beim Chemie- und BiotechUnternehmen DSM in Heerlen, Niederlande

2020 Mitglied des Vorstands, Chief People and Sustainability Officer sowie Arbeitsdirektorin, Siemens AG

Judith, du bezeichnest dich selbst als „People Person“ – als Mensch, der Menschen mag. Und du bringst mehr als 20 Jahre Erfahrung im Personalwesen mit. Du musst es wissen: Mit welcher Frage lernt man am meisten über jemanden?

Meine Lieblings-Frage ist: Was möchtest du, dass ich von dir weiß?

Also: Was möchtest du, dass ich von dir weiß?

Dass mir Begegnungen wichtig sind. Begegnungen mit anderen Menschen können uns Energie geben – oder rauben. Wo sich Menschen begegnen, passiert ganz viel Tolles, aber auch manchmal Toxisches und alles dazwischen. Organisationen können Atmosphären für gute Begegnungen schaffen, in denen sich Dinge positiv verstärken. Oder solche, die einem die Luft zum Atmen nehmen. Was davon passiert, hat mit Werten zu tun und damit, ob man Menschen erlaubt, so zu sein, wie sie sind. Und weil ich das mitge-

stalten will, bin ich wohl im richtigen Job gelandet.

Heute stellen auf dem Arbeitsmarkt die Bewerberinnen die Fragen – Stichwort Fachkräftemangel. Welche Forderungen stellen sie an Siemens?

Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass sich Menschen überlegen, was sie eigentlich von ihrem Leben wollen und wie ihr Beruf da reinpasst. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen drei Dinge möchten: Erstens ist da das Bedürfnis, am Steuer ihres Lebens zu sitzen und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Zweitens suchen Menschen Weiterentwicklung. Zum Beispiel in technologischen Berufen, wo die Halbwertszeit des Wissens am kürzesten ist. Da wollen Talente in einer Firma landen, in der sie inspiriert werden; sie wollen voneinander und an ihren Aufgaben lernen. Ein Softwareentwickler, der irgendwo in einer Ecke sitzt und nichts dazu-

lernt, ist fünf Jahre später am Arbeitsmarkt nur noch die Hälfte wert. Wenn man bedenkt, dass wir 45, 50 Jahre lang arbeiten, werden wir uns also rund zehn Mal „neu erfinden“.

Was ist der dritte Punkt, den Menschen suchen? Eine Mischung aus Wertschätzung und dem Gefühl, zu etwas Größerem beizutragen. In unserer Employer-Branding-Kampagne sprechen wir von „Technology with purpose“: Damit meinen wir, dass wir Technologien entwickeln, die den Menschen dienen. Und dass wir zum Beispiel Produkte in der digitalen, in der virtuellen Welt entwerfen, die im realen Leben, also in Wirtschaft und Gesellschaft, einen Unterschied machen. Das spricht nicht nur die Jungen an, sondern alle Generationen – unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Lebenswegen.

Um Tech-Talente konkurriert Siemens mit den ganz Großen, mit Meta,

Google, Amazon. Was habt ihr, was die nicht haben?

Jede Firma durchläuft, wenn sie nicht sehr früh scheitert, eine Reifekurve und kommt dabei an Punkte, an denen es nicht mehr nur bedingungslos aufwärts geht. Das macht etwas mit Unternehmen, die noch relativ jung sind. Und ich glaube, dass wir mit unseren 175 Jahren wissen, wie man innovativ bleibt. Sicher hat auch Siemens in seiner Geschichte nicht immer alles richtig gemacht, aber in Summe doch deutlich mehr richtig als falsch – ansonsten gäbe es uns ja nicht mehr. Einige der großen TechFirmen entmystifizieren sich momentan selbst durch die Art und Weise, wie sie agieren, wenn es schwierig wird.

Du selbst bist nach fast 20 Jahren in der Lebensmittelbranche in den Tech-Sektor gewechselt. Was hat dich überzeugt – Geld?

Also Geld ganz sicher nicht. An das Unterneh-

»Ich kann nicht so tun, als hätten Menschen einen An- und Ausschalter«

Judith Wiese hat es als Siemens-Vorständin für Nachhaltigkeit und Personal gleich mit zwei großen Baustellen unserer Zeit zu tun. Und die passen wunderbar zusammen, findet sie

Von Anne-Nikolin Hagemann (Text) und Ian Ehm (Fotos)

men Mars, in dem ich 19 Jahre lang gearbeitet habe, werde ich immer gute Erinnerungen haben. Aber irgendwann ist meine Lernkurve dort abgeflacht. Ich wollte nie jemand sein, der nur seine Zeit am gleichen Ort bis zur Pension absitzt. Ich habe mich von Mars getrennt, wie ich mir eine Scheidung vorstelle: Etwas hat über viele Jahre unglaublich gut funktioniert und das Herz hängt auch dran. Aber irgendwann merkt man: Auf getrennten Wegen ist man wahrscheinlich besser unterwegs. Keine leichte Entscheidung. Bis ich weggegangen bin hat es zwei, drei Jahre gedauert. Ich bin dann zu DSM gewechselt, einem Science-andTechnology-Unternehmen, das sich stark mit Nachhaltigkeit beschäftigt.

Und dort hat dich Siemens gefunden. Roland Busch hat mich gefunden. Mir hat gefallen, was er mit Siemens vorhatte. Mich haben immer Unternehmen gereizt, die es schon lange gibt, die wertegetrieben sind und die sich was vorgenommen haben. Es gibt ja Menschen, die sagen, es kommt auf die Aufgabe an und nicht darauf, mit wem man arbeitet. Aber für mich macht es immer einen Unterschied, ob ich mit den Menschen zusam-

menpasse, mit denen ich arbeite.

Du hast dir selbst große Ziele gesetzt: Mit deiner Arbeit möchtest du dazu beitragen, die größten Probleme der Welt zu lösen. Welche sind das im Moment?

Da gibt es die großen Megatrends, die Demografie-Entwicklung, die Digitalisierung, die Urbanisierung, den Klimawandel. Und auf diesen sich lange anbahnenden strukturellen Wandel obendrauf kommen Krisen, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit einem „Big Bang“ in unser Leben gekommen sind: die Pandemie, der Ukraine-Krieg, die damit verbundene Energiekrise. Für einige dieser Herausforderungen versuchen wir bei Siemens Lösungen anzubieten. Insgesamt ist es aber eine wahnsinnige Mischung, die Menschen zurzeit verunsichert.

Dich auch? Ich bin davon überzeugt: Der Menschheit fällt Veränderung durch Krisen leichter als Veränderung, die man strukturiert und geordnet angeht – ob wir das nun mögen oder nicht. Insofern habe ich die Hoffnung, dass – wie so oft – in einer Krise auch eine Chance liegt. Mit der Klimakonferenz COP27 gab es einen ersten Vor-

stoß, jetzt zumindest die Folgen des Klimawandels gerechter zu verteilen. Aber wir haben leider überhaupt keinen Fortschritt dabei gemacht, wie wir Emissionen konkret reduzieren können. Es sei denn, man bewegt wirklich die großen Emittenten dazu, ebenfalls in den Klima-Fonds einzuzahlen.

Wie entscheidet ihr, welchen Weg Siemens in aktuellen Fragen der Weltpolitik fährt – zum Beispiel, was die Zusammenarbeit mit Ländern wie China angeht? Bei Mars habe ich den Grundsatz gelernt: „Policy, not politics“. Ich würde nicht in Politik eingreifen wollen, aber ich glaube, dass wir als Unternehmen eine Haltung zu PolicyFragen brauchen. Siemens ist schon seit seiner Gründung in vielen Ländern vertreten. Aus Russland sind wir im Jahr 2022 nach 150 Jahren rausgegangen. In Amerika bestehen wir seit 160 Jahren, auch in China sind wir seit 150 Jahren tätig. Wir sind also den Menschen in diesen Ländern verbunden und verpflichtet. Entscheidungen treffen wir letztendlich durch eine Mischung aus unseren festgeschriebenen Werten, unserem „Code of Conduct“ – und natürlich auch aus geschäftlichen Erwägungen. China ist mit

den USA die mit Abstand größte Volkswirtschaft, ein schnell wachsender Markt. Dort sind es auch längst nicht mehr die westlichen, sondern die lokalen Wettbewerber, mit denen wir uns messen müssen. Weil China eben längst nicht mehr nur eine verlängerte Werkbank ist, sondern die vielen, vielen Menschen dort auch die Technologieentwicklung sehr stark vorantreiben.

Ist Nachhaltigkeit ein Wettbewerbsvorteil global gesehen? Oder geht es letztlich immer um Wachstum? Siemens ist in der wunderbaren Lage, dass das eine das andere nicht ausschließt, ganz im Gegenteil. Unser Geschäft mit Digitalisierung und Elektrifizierung trägt zu mehr Nachhaltigkeit bei. Mehr Digitalisierung bedeutet, dass ich Dinge rein im Virtuellen ansehen und optimieren kann – ob es um Produkte geht oder um Prozesse. Und 80 Prozent des CO2-Fußabdrucks eines Produktes entscheiden sich schon an diesem Punkt, in seinem virtuellen Design. Der positive Effekt der Elektrifizierung von Infrastruktur und Mobilität greift natürlich erst dann wirklich, wenn der Strom dafür auch grün produziert wird. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass in den jeweiligen

Die Siemens AG wird am 1. Oktober 1847 von Werner Siemens zusammen mit Johann Georg Halske als Telegraphen-BauAnstalt Siemens & Halske in einem Berliner Hinterhof gegründet. Das Geschäft erweitert sich schon bald ins Ausland und auf die Bereiche Energie, Mobilität und Medizintechnik. Kernkompetenzen des Unternehmens

sind heute Digitalisierung und Elektrifizierung von Industrie, Infrastruktur und Mobilität. Energie und Medizin sind ausgegliedert in die Tochterfirmen Siemens Energy und Siemens Healthineers. Für Siemens arbeiten mehr als 300.000 Menschen. Im Geschäftsjahr 2021/22 erzielt das Unternehmen in der Industrie nach eigenen Angaben einen Rekordgewinn von 10,3 Milliarden Euro

104 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

Ländern die EnergieTransition passiert.

Das nachhaltige Image von Siemens wurde 2020 angekratzt, als Klimaschützerinnen gegen eure Zusammenarbeit mit einer Kohlemine in Australien protestiert haben. Könnte so etwas mit dir im Vorstand noch passieren?

Wir als Unternehmen haben daraus gelernt, dass es wichtig ist, alle Aspekte solcher Geschäfte zu bewerten und zu entscheiden. Und das in einem sehr frühen Stadium. Denn: Im schlimmsten Fall bekommen wir Entscheidungen erst mit, wenn es zu spät ist. Also schulen wir unsere Menschen kontinuierlich und geben ihnen Entscheidungshilfen an die Hand, damit sie kritische Situationen frühzeitig einschätzen und bewerten können, vor allem auch hinsichtlich Aspekten der Nachhaltigkeit. Und im Zweifelsfall landet eine schwierige Frage aus dem Vertrieb dann in unserem Nachhaltigkeitsgremium vom Management, dem sogenannten Sustainability Board, in dem wir über die Frage dann letztlich beraten.

Welche Rolle spielt es für Konzerne, dass die Öffentlichkeit heute ganz genau hinschaut, mit wem sie wo zusammenarbeiten?

Natürlich ist die Weltöffentlichkeit heute sen-

sibler und das ist auch gut so. Da gab es gesamtgesellschaftlich ein großes Erwachen. Ich halte jedes System von Kontrollen und Gegenkontrollen für ein gesundes – und die öffentliche Meinung ist darin immer ein wesentlicher Faktor. Wir sprechen heute regelmäßig mit unserem Aufsichtsrat über Nachhaltigkeit, auch in jedem Prüfungsausschuss ist sie ein Thema. Jede Firma muss da ihren eigenen Wertekanon finden. Und in einem so großen Konzern wie dem unseren auch Wege, dessen Einhaltung zu kontrollieren.

Neben der Nachhaltigkeit fällt auch das Personalwesen in deinen Aufgabenbereich. Wären nicht eigentlich beide Themen groß genug für einen eigenen Posten? Thematisch passt beides doch perfekt zusammen: Bei der Nachhaltigkeit kommen wir jetzt von der Ära der Deklarationen „Machen wir!“ in die Dekade von „Wie machen wir es denn nun genau?“. Wir alle merken, dass es dazu die richtigen Fähigkeiten und Fertigkeiten an den richtigen Stellen braucht. Da lerne auch ich täglich noch dazu. Deswegen ist es gut, dass ich das nicht allein mache, sondern im Team, ohne das ich die Aufgabe gar nicht wuppen könnte.

Gute Teams setzen sich oft aus möglichst verschiedenen Menschen

zusammen. Wie kannst du bei euch für Vielfalt sorgen?

Wir agieren in 190 Ländern und in vielen davon seit über 100 Jahren. Die Leute dort wissen natürlich, dass wir ein deutsches Unternehmen sind, nehmen uns aber trotzdem als etwas Lokales wahr, weil wir schon so lange vor Ort sind. Damit ergeben sich für uns ganz automatisch Chancen bei der Diversität, die wir nutzen. In Sachen „Gender“ haben wir uns schon vor längerer Zeit Quoten fürs Topmanagement gesetzt –so wenig ich diese Quoten liebe, so sehr braucht es sie. Aber wir müssen nicht nur nach oben schauen, sondern auch darauf, was in der Breite der Organisation passiert. Die Frage der Geschlechtervielfalt und wie wir da mehr Ausgeglichenheit erreichen ist die einzige, die wir mit einer globalen Strategie vorantreiben – weil sie sich überall auf der Welt stellt. Aber das ist ja nichts, was über Nacht passiert. Das dauert.

Für andere Dimensionen der Diversität braucht es keine Quote?

Ich halte es für die gelungenste Art, auf Diversität zu blicken, wenn man sich gezielt die einzelnen Teams anschaut und fragt: Sind sie für ihre Aufgabe und ihren Kontext richtig zusammengesetzt? Dann kommt man auch viel schneller an Fragen von Diversity of Experience,

Diversity of Thought. Alles andere ist immer eine auf nur eine Dimension verkürzte Diskussion. Dann redet man entweder über Männlein und Weiblein oder über deutsch und nicht-deutsch – und übersieht dabei andere Faktoren von Vielfalt, die es aber gleichermaßen braucht, um erfolgreich zu sein.

Du hast deinen Aufgabenbereich umbenannt in „People“. Was ist falsch am Begriff „Human Resources“? Würdest du dich selbst gerne als Rohstoff bezeichnen wollen?

Also ich sehe da schon Parallelen: theoretisch nachwachsend, mit endlichen Kräften, die besser nicht ausgebeutet werden sollten ... Natürlich gibt es Parallelen. Aber ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Menschen Menschen sind und nicht nur Arbeitnehmer oder Ressourcen. Wir können als Unternehmen doch nicht Leidenschaft, Freude, Energie und Engagement erwarten – und dann so tun, als wäre eine humane Ressource ein rationales Ding, das wir nach seiner Produktivität bemessen. Also ich selbst möchte nicht als Humanressource bezeichnet werden und unsere Leute spiegeln uns auch wider, dass sie den Namen „People & Organization“ deutlich zutreffender und persönlicher finden.

107 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
»Bei der Nachhaltigkeit kommen wir jetzt von der Ära der Deklarationen ›Machen wir!‹ in die Dekade von ›Wie machen wir es denn nun genau?‹«

Von Personalerinnen

werden aber trotzdem oft Kennzahlen und harte Fakten erwartet. Richtig. Und ich halte durchaus viel von Kennzahlen. Ich habe daher die Abteilung für „People Analytics“ ganz neu aufgesetzt und gestärkt, weil ich es wichtig finde, dass wir die Daten hinter unseren Funktionen und Aufgaben verstehen. Ich kann zum Beispiel Engagement messen. Ich kann messen, wie viel gelernt wird, wie viele Menschen sich bei uns weiter qualifizieren. Ich kann aber nicht so tun, als wären Menschen binär, als hätten sie einen An- und Ausschalter. Das Wort „Humanressource“ klingt für mich nach einem sehr mechanistischen Menschenbild. Ich glaube, dass Sprache etwas mit uns macht – auch beim Thema Diversität. Was wir in unserer Sprache finden oder eben auch nicht finden, setzt sich in unserem Verhalten fort.

Das Wort „Ressourcen“ taucht auch im Kontext Mental Health oft auf: Da wird geraten, sparsam mit den persönlichen Ressourcen umzugehen, die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Gab es bei dir Momente, wo das ein Thema war? Am schwersten habe ich mir das Leben gemacht, als meine Kinder noch sehr klein waren. Mars hat mir damals eine Beförderung aus dem Mutterschutz heraus angeboten. Ich wusste aber nicht,

ob ich mir das zutrauen sollte. Dann habe ich es gewagt und habe den Job geliebt. Aber gleichzeitig hatte ich das berühmte schlechte Gewissen und habe auch gemerkt, dass mir einfach physisch die Ressourcen fehlen. Und wenn ich körperlich nicht belastungsfähig bin, bin ich es emotional auch nicht.

Wie bist du da rausgekommen?

Ich habe zunächst ganz viel mit mir selber ausgemacht – und dann gekündigt. Zum Glück hat man mich danach vor mir selbst gerettet. Und ab diesem Zeitpunkt wurde alles besser. Wenn es irgendetwas gibt, das jeder Mensch finden sollte, und vielleicht insbesondere Frauen, ist es das Wissen, was einem selbst guttut und was nicht. Und die Fähigkeit, das zu artikulieren. Häufig reicht das nämlich schon: Einmal laut auszusprechen, was ich eigentlich brauche. Trotzdem ist gerade das die hohe Kunst.

Was brauchst du? Ich kann mittlerweile meine Grenzen gut einschätzen, ich kenne die Warnzeichen und höre die Alarmsignale. Ich weiß, dass ich lange Zeit mit nur sechs Stunden Schlaf auskomme, aber nur kurze Zeit mit weniger. Ich weiß, dass ich Zeit brauche zum Abschalten. Das hat bei mir auch viel mit Bewegung zu tun, mit Rausgehen. Das erdet mich.

Ich habe mir über die Jahre immer irgendetwas anderes gesucht, das mir guttat. Ob das eine Person war, mit der ich Scherze machen konnte oder zum Beispiel Yoga oder Joggen.

Wie kannst du als Chefin deinen Mitarbeitenden helfen, auf sich selbst zu achten?

Jeder Mensch muss für sich verstehen, was die eigenen Trigger-Punkte sind und wo die eigenen Grenzen sind. Deshalb lehne ich generalisierende Aussagen ab, wie zum Beispiel: „Du bist nicht engagiert genug in punkto Gesundheit deiner Mitarbeitenden, wenn du nicht in allen Standorten ein Fitnessstudio anbietest.“ Vielleicht aber möchte gar nicht jeder mit seinen Kolleginnen und Kollegen schwitzen. Mentale Gesundheit bedeutet vielmehr, dass Leute auf eine strukturierte Entdeckungsreise gehen, um zu erkennen, was sie brauchen. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem jeder den Mut hat, diese Reise für sich anzutreten. Allgemein-Rezepte wie das Fitness-Center lesen sich gut in Broschüren und auf Websites. Aber sie sind nicht die Heilsbringer für alle und alles.

Deine Kinder stehen kurz vorm Eintritt ins Berufsleben. Was ist ihnen wichtig? Sie sind gerade an dem Punkt im Leben, wo man sich damit beschäftigt, wer und was man sein

möchte. Ich wünsche ihnen, dass sie etwas finden, wofür sie morgens gerne aus dem Bett springen. Dass es etwas gibt, an dem sie sich beteiligen möchten, dass sie einen Auftrag für sich selbst finden. Ob sie das Kochlöffel schwingend in einer Suppenküche tun, oder am MIT tolle Sachen erfinden, ist mir gar nicht wichtig. Ich weiß nicht, ob man jeden Tag glücklich sein kann, aber eine Grundzufriedenheit mit dem eigenen Leben –das ist wichtig.

Wenn du an die Zukunft deiner Kinder denkst, an die Welt, in der sie mal leben werden: Spürst du Angst? Hoffnung? Ich bin grundsätzlich kein ängstlicher Typ, deshalb habe ich nicht per se Lebensängste. Wenn es irgendeine Lehre aus den letzten zwei Jahren gibt, dann mit Sicherheit, dass wir überhaupt nichts mit Sicherheit vorhersagen können. Das Wort Resilienz verstehe ich so, dass wir Vertrauen darauf haben, dass wir Dinge gestalten können und uns gewappnet fühlen für alles, was die Zukunft bringen mag. Ein gewisses Maß an Zuversicht, ein gewisses Maß an „Ich mach was draus“, das brauchen wir. Und das wünsche ich auch meinen Kindern. Und dass sie den Glauben an Menschen und Gemeinschaft behalten. Denn als soziale Wesen können wir eigentlich nur in der Gemeinschaft wirklich gut funktionieren.

108 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
»Jeder Mensch muss für sich verstehen, wo die eigenen Grenzen sind«

In

Nach- &

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»Ich hatte Angst, vergessen zu werden«

Isabell Beer hält nicht viel vom elitären Selbstbild des Journalismus. Sie arbeitet als Investigativ-Journalistin bei Funk – und bringt sich damit manchmal selbst an ihre Grenzen

Isabell, du hast im turi2 Clubraum erzählt, dir hätten viele Arbeitgeber vorgeworfen, keinen Uni-Abschluss zu haben. Fehlt dir dadurch was in deiner täglichen Arbeit? Nein. Meine Recherchen drehen sich ja um Themen wie sexualisierte Gewalt und Drogen – was hätte ich da studieren sollen? Toxikologie? Nein, dafür kann ich mir ja Experten zur Seite holen.

Du hast im Boulevard, beim „Berliner Kurier“, volontiert. Würdest du das noch mal machen? Ja, schon. Mir wurde zwar auch schon geraten, ich solle das Volo verschweigen. Aber ich habe mich dafür nie geschämt. Die Ausbildung war sehr wertvoll, mir wurde viel geholfen und erklärt, vor allem, wie man Wichtiges auf wenig Platz sehr verständlich zusammenfasst.

Könntest du noch mal in den Boulevard zurück? Es ist schwer, bei Boulevard-Medien investigativ zu recherchieren, weil die meisten Redaktionen unterbesetzt sind. Wenn ich wüsste, das Blatt geht gut mit den Menschen um – sowohl mit Protagonistinnen als auch mit den Mitarbeitenden –, könnte ich es mir prinzipiell schon vorstellen. Es ist schade, dass wir es zu oft der „Bild“ überlassen, Nachrichten in einfacherer Sprache zu bringen. Davon bräuchten wir viel mehr.

Verprellt der Journalismus mit elitären Vorgaben gute junge Leute? Man traut jungen Menschen nicht zu, nach der Schule ohne Studium Journalist zu werden –und wundert sich dann, dass man junge Menschen nicht mehr erreicht. Es reicht aber nicht nur, Nicht-Akademikerinnen einzustellen, sondern Redaktionen müssen auch ein Umfeld schaffen, in dem man sich wohl fühlt. Als ich ein Praktikum bei der „Zeit“ gemacht habe, habe ich gefühlt die Hälfte nicht verstanden. Wegen der ganzen Fremdwörter und Fachbegriffe habe ich mich dumm gefühlt – und das darf nicht passieren.

Du bist bei deinen FunkRecherchen undercover unterwegs, gleichzeitig sieht man dich bei YouTube und hört dich in Podcasts. Wie passt das zusammen?

Sichtbarkeit ist schon enorm wichtig, etwa bei Social Media. Ich hatte am Anfang meiner Laufbahn tatsächlich Angst, vergessen zu werden. Und diese Angst war sehr real, ich habe mehrfach keine Antwort auf Themenvorschläge erhalten, obwohl es zuvor hieß, man wolle unbedingt weiter mit mir zusammenarbeiten. Deswegen bewerbe ich mich auch immer wieder auf Journalisten-Preise. Die sagen nichts über meine Arbeit als Journalistin aus, aber sie machen meine Arbeit sichtbar.

Wie schützt du dich selbst in den sozialen Medien?

Wichtig ist, nicht die privaten Profile bei Recherchen zu benutzen. Ich habe auch kürzlich aufgehört, Kommentare zu mir unter meinen Videos zu suchen. Was bringt es mir denn, einen beleidigenden Kommentar über mein Aussehen zu lesen? Dinge wie Drohungen und Dickpics zeige ich natürlich an. Auch, wenn es nicht unbedingt zu einer Verurteilung kommt, setze ich damit ein Zeichen, dass man mir nicht alles an den Kopf werfen kann.

Verlierst du bei den Themen, die du bearbeitest – sexualisierte Gewalt, Spanner, Drogen, Frauenhasser – nicht manchmal den Glauben an die Menschheit?

Während der Spanner-Recherche war ich auf jeden Fall paranoid, weil ich gesehen habe, dass es vermeintlich ganz normale Menschen waren, die da Kameras an öffentlichen Orten installiert haben. Ich suche bis heute öffentliche Toiletten ab, bevor ich sie benutze. Bei der Incel-Geschichte habe ich mich gefragt, welche Männer in meiner Umgebung, in der U-Bahn oder im Supermarkt, vielleicht ebenfalls Frauen kategorisch hassen. Was mir hilft, sind Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und psychologisches Coaching, wenn ich merke, es wird mir zu viel.

Was lernt man bei einem solchen Coaching?

Eine gesunde Distanz zu einem Thema zu bewahren. Und mit den Dingen umzugehen, die man während einer solchen Recherche sieht oder erlebt. Ich habe Techniken gelernt, wie ich das Gesehene noch mal vorm inneren Auge aufrufen kann und dann die Emotionen zulasse, die ich während der Arbeit unterdrücke, weil ich so im Arbeitsmodus bin. So haben auch die Albträume, die ich eine Zeitlang hatte, wieder aufgehört. Und ich setze mir Regeln, ich fange keine neue Recherche zu sexualisierter Gewalt an, bevor ich die letzte nicht verarbeitet habe.

Mit noch nicht mal 30 hast du schon mit der psychischen Belastung zu kämpfen. Kannst du den Job dein Leben lang machen? Ich gestehe mir mittlerweile zu, an meinem Job zu zweifeln. Er kann sehr anstrengend und einfach nur scheiße sein. Durch diese Ehrlichkeit mir gegenüber habe ich aber gemerkt: Ich will genau das machen, denn es gibt in dieser Branche viel Schönes. Seien es die Kolleginnen und Kollegen, aber auch die Dinge, die ich sonst nicht erleben würde. Ich kann diesen Job aber nur machen, solange ich auf meine psychische Gesundheit achte.

110 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

Isabell Beer Jahrgang 1994, volontiert nach dem Abitur beim „Berliner Kurier“ und hospitiert bei der „Zeit“. Seit 2019 arbeitet sie im Recherche-Team von Funk, dem jungen Medienangebot von ARD und ZDF. 2021 veröffentlicht sie ihr Buch „Bis einer stirbt“ über die OnlineDrogenszene

Isabell Beer im Live-Podcast turi2.de/clubraum

»Ich spüre Aufbruch, Gestaltungswillen, Pioniergeist«

Christoph Keese ist Leiter von Springers Beratungstochter Hy. Nach seiner Ausbildung an der Henri-NannenSchule und seinem Wirtschaftsstudium macht er in den 90ern Station bei Gruner + Jahr, wird Unternehmenssprecher, später Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“. 2001 wechselt er als Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ zu Springer

Christoph Keese spricht über Disruption turi2.de/koepfe

Christoph, hat das Jahr 2022 deinen Glauben an den Fortschritt der Menschheit erschüttert? Ganz im Gegenteil, es hat ihn verstärkt. Viele Probleme, die wir heute haben, sind durch Technologie entstanden, aber sie können nur durch Technologie gelöst werden. Das hat sich in diesem Jahr umso deutlicher gezeigt.

Beim Krieg in der Ukraine habe ich Schwierigkeiten mit diesem Technologie-Ansatz ... Der Krieg in der Ukraine würde mit neuer Technologie erstmal schlimmer werden, weil fortschrittliche Waffentechnik oft auch heimtückischer ist.

Auf der anderen Seite können Menschen durch Waffen aber geschützt

werden, zum Beispiel durch Abfangraketen, Stichwort: Iron Dome. Wir können aus Mediensicht aber schon früher ansetzen: Warum hat Putin so viel Macht? Weil er die totale Kontrolle über die Medien hat und Desinformationskampagnen so erst möglich werden. Wenn niedrig fliegende Satelliten wie Starlink mit

5G-Technologie über dem Erdball kreisen und Handys entsprechende Antennen bekommen, wird es technisch unmöglich, in einem Land Informationen komplett zu monopolisieren.

Trotzdem haben wir auch in der westlichen Welt ein großes FakeNews-Problem:

edition #20 · Agenda 2023
112 · turi2
Christoph Keese, Innovationsexperte und Digitalberater, glaubt an Technologie als Problemlöser und Resilienz durch Krise. Und an sich selbst als „aufgeklärten Optimisten“ Foto: Holger Talinski

Mio.

Leser:innen pro Monat*

www.wub-media.de *Quelle: AWA –Allensbacher Marktund Werbeträgeranalyse 2022, deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahre, Apotheken Umschau-Kombi A+B
17,81
Weil nichts wichtiger ist als die eigene Gesundheit.

Anhängerinnen von Verschwörungstheorien sind so laut wie noch nie. Aber wir haben eine lebendige, öffentliche Debatte, die auch zu gewissen Immunisierungseffekten führt. Wenn man über Fake News redet, verhindert man bei vielen, dass sie Fake News auf den Leim gehen. Das konnten wir 2022 auch beobachten: Die Midterm Elections in den USA haben gezeigt, dass Hass und Lügen von Trump und Konsorten nicht notwendigerweise dazu führen, dass sie Wahlen gewinnen.

Zu Zeiten der ersten Corona-Lockdowns waren viele Menschen bereit, neue Wege zu gehen. Da lag zum Teil eine tolle Energie in der Luft. Was ist davon übrig geblieben, mal abgesehen von Video-Calls?

Ich glaube, alle sind ermüdet und ermattet. Eigentlich ist seit Weihnachten 2019 nichts Schönes mehr passiert. Trotzdem glaube ich, dass noch immer eine Menge „Jetzt aber erst recht“-Energie in der Welt ist. In vielen unternehmerischen Sektoren von Fintech bis New Space spüre ich Aufbruch, Gestaltungswillen und Pioniergeist. Bei vielen Unternehmen ist durch Lockdowns, Ukraine-Krise und Logistik-Probleme Resilienz entstanden.

Christoph Keese, der unbeugsame Optimist?

Ja, ich gehöre dem Team Optimismus an, aber nicht dem blinden, son-

dern dem aufgeklärten Optimismus. Mich stört, dass wir eine Debatte zwischen den Polen Verzicht und Zerstörung führen: Entweder hört man auf, warm zu duschen, dann ist man woke. Oder man duscht warm und zerstört die Welt. Aber das sind Schein-Alternativen, denn es gibt einen dritten Weg und der heißt Technologie.

Wie lösen wir denn das Warm-Wasser-Problem?

In Zukunft werden wir unser warmes Wasser eben nicht mehr in einem großen Tank im Keller mit Gas erhitzen, sondern im Wasserhahn selbst, mithilfe kleiner Elektro-Spulen, die wir mit Ökostrom betreiben. Das ist viel effizienter, weil das warme Wasser nicht erst durchs ganze Haus muss und dabei viel Wärme verliert. Die Menschheit hat kein Technologie-Problem, sondern ein WerkzeugProblem. Seit Anbeginn des Menschen hat jedes Werkzeug Vorteile gebracht, aber gleichzeitig auch Nachteile erzeugt.

Der Stein wurde durch den Hammer ersetzt, der Hammer durch die Schlagbohrmaschine und die wiederum durch Laser- oder Wasserbohrer. Wir werden nie ein Werkzeug besitzen, das keinen Nebeneffekt hat. Aber solange es den Menschen gibt, werden wir immer neue, bessere Werkzeuge finden.

Selbst von Unternehmen, die als innovativ gelten, erlebt man oft

Trippelschritte, die als große Sprünge verkauft werden: Abgesehen von der Optik und Größe hat sich etwa das Smartphone in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Tun wir fortschrittlicher, als wir sind?

Bei Apple würde ich das bestreiten. Ich glaube, dass Apple das Unternehmen auf der Welt ist, das am allerbesten begreift, was Fortschritt bedeutet. Vor allem hat Apple neue Produktkategorien geschaffen, die vorher undenkbar waren, AirTags zum Beispiel oder AirPods. Aber Apple lässt sich nicht von Aktivismus treiben. Die Apple Glasses und das Apple-Auto gibt es noch nicht. Aber wenn sie kommen, werden es ausgereifte Produkte sein. Innovation heißt ja nicht Erfindung, sondern Erfindung plus Implementierung.

Wie viel Innovation erwartest du noch von der Medienbranche?

Ich erwarte sehr viel, aber sehe wenig. Die wirklichen Innovationen sind nicht von den klassischen Medienunternehmen gekommen, sondern von anderen. Zum Beispiel Politico, das inzwischen zu Axel Springer gehört. Aber erfunden haben es Leute, die die „Washington Post“ verlassen haben, um etwas Neues zu gründen. Oder Mediapart in Frankreich, eine linke, digitale Tageszeitung, gegründet von ehemaligen „Le Monde“-Redakteuren und heute eins der beein-

druckendsten Paid-Content-Beispiele in Europa mit über 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Die Digital-Angebote von „Zeit“, „Spiegel“, „FAZ“ und „Süddeutscher Zeitung“ sind zwar gut gemacht, aber das Geschäftsmodell ist nicht innovativ. Wenn ich einen einzelnen Artikel der „Süddeutschen“ lesen möchte, bekomme ich ein Angebot für ein Jahresabo. 30 Jahre nach Erfindung des Webs ist es auch bei vielen anderen Zeitungen nicht möglich, einen einzelnen Artikel zu kaufen. Das leuchtet mir nicht ein.

Wie werde ich selbst zu einem innovativen Menschen – oder wenigstens zu jemandem, der Veränderungen mitgeht?

Indem du dich an deine Jugend erinnerst: Mit zehn sind wir sehr explorativ, mit 20 sind wir noch immer daran interessiert, die Umwelt zu erkunden. Mit 30 setzen die ersten Routinen ein, die uns helfen, erfolgreich zu werden. Mit 40 nehmen die Routinen langsam Überhand und je älter wir werden, desto mehr verdrängen die Routinen Innovation. Finde zurück zu deinem früheren Selbst und gib neuen Dingen einfach mal eine Chance: Geh in einen Pop-up-Store, besuche neue Bars oder Restaurants. Die meisten neuen Ideen sind besser, als das, was es vorher gab. Wer gründet schon mit der Absicht, etwas schlechter zu machen?

Agenda 2023
114 · turi2 edition #20 ·
»Eigentlich ist seit Weihnachten 2019 nichts Schönes mehr passiert. Trotzdem glaube ich, dass noch immer eine Menge ›Jetzt aber erst recht‹-Energie in der Welt ist«

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»Je akuter Probleme werden, desto besser werden die Lösungen«

Henning, du als Neurologe musst es wissen: Was machen Themen wie Corona, Krieg und Inflation mit unserem Hirn?

Es gibt eine sehr akute Phase, wenn alle Talkshows und Nachrichten voll mit einem Thema sind: Da aktivieren wir vor allem Gehirnregionen im vorderen Bereich, mit denen wir versuchen, Probleme zu lösen. Stress führt nicht dazu, dass man an etwas anderes denkt, sondern, dass man intensiver über das Problem nachdenkt. Diese akuten, heißen Themen kommen und gehen aber auch schnell. Was dann kommt, ist ein chronisches Hintergrund-Schwingen und die Erkenntnis: Wir haben Probleme, die wir so einfach nicht lösen können.

Was tust du persönlich, um da nicht in Negativität zu verfallen?

Das Wichtigste ist, einen Ausgleich zu dem zu haben, was man tagtäglich tut und zwar etwas, das sich davon maximal unterscheidet. Es hilft wenig, einmal im Jahr Urlaub zu machen, um mich aufzu-

laden – und dann hau ich mir den ganzen Müll des Jahres drauf und danach mache ich wieder Urlaub. Es ist wichtig, regelmäßig unter der Woche immer kleine Auszeiten zu haben, in denen man sich von belastenden Situationen oder Entwicklungen entkoppeln kann. Ich fahre zum Beispiel Fahrrad und treffe dabei Leute.

Wir werden jeden Tag mit Unmengen an Informationen konfrontiert. Füttert das unsere Ängste oder kann das sogar beruhigen?

Man kann nicht permanent in einem Dauerfeuer von negativen Nachrichten überleben, weil wir von einem Alarmismus in den nächsten geschickt werden würden. Deswegen wechseln sich Krisen immer ab. Wir können uns immer nur auf eine Krise oder ein Problem fokussieren. In solchen Phasen brauchen wir unbedingt Situationen oder eine Umgebung, wo wir uns von negativen Nachrichten entkoppeln können. Die können wir nämlich nur dann ver-

dauen, wenn wir Pause machen – wie beim Essen auch.

Hast du einen konkreten Tipp, wie solche Pausen aussehen können?

Fünf Teile Arbeit, ein Teil Pause. Im Laufe des Tages sollte es immer Phasen geben, in denen man bewusst abschaltet. Spiele sind übrigens ein sehr probates Mittel, um solchen Stress zu reduzieren. Die Idee ist, dass ich eine Parallelwelt mit künstlichen Regeln habe. Sobald ich mich auf eine neue Welt einlasse, muss ich die alte Welt und auch die alten Regeln zurücklassen. Dadurch zerstreut man sich für einen gewissen Moment.

Warum leugnen manche Menschen bestimmte Krisen? Die Klimakrise zum Beispiel – oder Corona.

Die Coronakrise zeigt sehr gut, welche Reaktionsmöglichkeiten Menschen haben. Manche lehnen es einfach ab – Leugnung ist ein typisches Verfahren, um mit Krisen klarzukommen. Andere kämpfen

dagegen an, und dann gibt es diejenigen, denen ist es komplett egal. Aber in jeder Krise nehmen Menschen einen dieser Modi Operandi ein, um damit umzugehen – das sind klassische psychologische Muster.

Wie entscheidet es sich, in welchen Modus man geht?

Das kommt sehr auf die Betroffenheit an. Je betroffener ich bin, desto eher bin ich bereit, zu protestieren. In unserem Gehirn gibt es Modelle und Hypothesen von allem. Die Ablehnung einer Krise ist am größten, wenn die Wirklichkeit, also die Krise, meinem Modell widerspricht und nur aufgelöst werden kann, indem ich etwa mein Weltbild anpasse – das machen Menschen sehr ungern. Und andersrum: Wenn die konkrete Betroffenheit fehlt, kannst du die Krise besser ignorieren.

Was ist das Gefährliche am „confirmation bias“, also der Tendenz, Infos und Nachrichten so auszuwählen, dass sie die

116 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Foto: Selina
Neurowissenschaftler Henning Beck weiß, warum Spielen dem Hirn durch Krisen hilft – und dass gute Ideen oft aus unerwarteter Richtung kommen
Pfruener
Henning Beck teilt sein Wissen im turi2.de/podcast

Henning Beck will als Neurowissenschaftler, Autor und Science Slammer Wissenschaft für alle verständlich machen. Nach dem Biochemie-Studium arbeitet er zunächst als freier Berater in der San Francisco Bay Area. Beck schreibt Sachbücher und Kolumnen, unter anderem für „Geo“ und die „Wirtschaftswoche“

117 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

eigenen Erwartungen erfüllen?

Das größte Problem ist, dass es ein Geschäftsmodell geworden ist, mit der Aufmerksamkeit und dieser Selbstbestätigungs-Tendenz der Menschen Geld zu verdienen. Dadurch merken wir nicht mehr, wenn wir in unserer Denkweise sehr einfältig werden, weil wir uns nicht mehr hinterfragen. Wenn du früher eine Zeitung gekauft hast, hast du für Nachrichten bezahlt, die sonst nicht zu dir gekommen wären. Menschen geben heute aber kein Geld mehr für etwas aus, das für sie keine direkte Funktion hat. Dadurch fragmentieren sich Debatten sehr stark und es gibt viele zersplitterte Grüppchen, die keine gemeinsame Informationsgrundlage haben, über die man sich austauschen könnte. Das ist langfristig eine schädigende Entwicklung für Demokratien, die zwar pluralistisch aufgestellt sind, aber eine gemeinsame Diskussionsidentität haben, auf die man sich einigen kann. Wenn die zerfällt, zerfällt auch die Möglichkeit, Probleme produktiv zu diskutieren.

Wie kann ich als Individuum etwas dagegen tun?

Ich muss mir immer klar machen, dass die besten Ideen von dort kommen, wo ich sie nicht habe kommen sehen. Häufig sind es die unerwarteten und überraschenden Ereignisse, die am meisten bereichern. Und an die komme ich, indem ich andere Informationsquellen nutze als üblich. Man kann etwa eine Doku anschauen, die einen sonst eher weniger

interessiert hätte oder eine Tageszeitung kaufen. Man muss nicht sein gesamtes Informationsleben auf den Kopf stellen, sondern an bestimmten Gebieten würzen und mit anderen Perspektiven auffrischen.

Ist es denn wirklich so, dass unser Gehirn nicht an Vielfalt gewöhnt ist und immer das Gleiche will?

Ja und Nein. Auf der einen Seite gibt es das Phänomen, immer dasselbe zu wählen, wenn man viel Auswahl hat – das nennt sich Overchoice-Effekt. Auf der anderen Seite darf man nie unterschätzen, dass Menschen die Abwechslung lieben. Wenn ich Montag bis Freitag Pizza gegessen habe, schlägt mir der Algorithmus am Samstag Pizza vor, weil ich ja Pizza mag. Aber ich mag keine Pizza, wenn ich fünf Tage lang Pizza gegessen habe. Noch mehr als unser Lieblingsessen lieben wir die Möglichkeit, überrascht zu werden. Gesellschaftlicher Fortschritt ist nur so möglich. Wenn wir wirklich nur das annehmen würden, was wir kennen und lieben, wür-

den wir immer noch in einer Höhle sitzen.

Der „unconscious bias“ führt dazu, dass wir Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung verurteilen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Was kann man dagegen tun?

Alle diese Stereotypen kommen daher, dass wir es uns im Denken einfach machen. Das ist notwendig, weil wir sonst mit der Welt überfordert wären. Problematisch wird es, wenn andere Menschen dadurch Nachteile haben. Auch hier hilft es, sich selbst in seinen Perspektiven zu bereichern, indem man bewusst in fremde Bereiche geht – zum Beispiel in ein fremdes Land. Reisen sind generell ein sehr probates Mittel, um seine Perspektive zu ändern.

Seit ein paar Jahren bemühen sich viele um Diversität und Achtsamkeit – sei es im Job oder in der geschriebenen und gesprochenen Sprache. Drohen diese Themen in wirtschaftlich schweren Zeiten wieder von der Agenda zu rutschen?

Die Gefahr besteht natürlich, weil all das, was existentiell ist, alles andere schlägt. Wir haben immer Hierarchien in der Dringlichkeit der Probleme. Das sieht man gut an den Nachrichten: Manche Probleme werden gar nicht abgebildet, weil sie vielleicht nicht gut zu verkaufen sind. Vom Artensterben zum Beispiel – einem riesigen Problem – höre ich wenig, weil priorisiert werden muss. Wir können immer

nur eine Krise auf einmal verarbeiten.

Medien müssen zwangsläufig Prioritäten setzen. Was wäre die Alternative, wenn wir denn immer nur ein Problem auf einmal verarbeiten können?

Die Grundfrage ist, warum wir immer Probleme zeigen. Das schafft natürlich Bilder und motiviert die Menschen. Es gibt kaum etwas Motiviererendes, als dem Tod oder einer Krise zu entkommen. Es ist dabei jedoch wichtig, Fatalismus zu vermeiden und Möglichkeiten aufzuzeigen. Ein gutes Beispiel ist die Inflation – eine der Urängste der Deutschen. Aber da kannst du selbst etwas tun, nämlich sparen. Und auf einmal gibt es lauter Servicesendungen im Fernsehen, wie man in allen möglichen Bereichen sparen kann – Leute lieben diesen Pragmatismus. Es sollte mehr im Vordergrund stehen, was konkret möglich ist.

Was macht dir mit Blick auf das Jahr 2023 Hoffnung?

Ich bin sehr bescheiden geworden, was Ausblicke angeht nach den letzten drei Jahren. Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist, dass Menschen sehr erfindungsreich werden, wenn es darauf ankommt. Niemand hat sich vorstellen können, dass wir innerhalb von anderthalb Jahren eine Impfung erfinden, die das Virus maßgeblich eindämmt oder ihm den Schrecken nimmt. Je akuter Probleme werden, desto besser werden die Lösungen von Menschen.

118 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Interview: Pauline Stahl
»Wenn wir wirklich nur das annehmen würden, was wir kennen und lieben, würden wir immer noch in einer Höhle sitzen«
media s olut ions –Ihr P ar t ner f ür Qual it ät s-Kommunikation. Wir beraten Sie gerne! Rufen Sie uns an: 069-75952854 Mit Top-P l at zier ungen in den Nr. 1 Me dien L eben smit t el Zeit ung , HORI ZON T und Tex t ilW ir t s c haf t Ihr Par tner für br anchenüber gr eif ende, indi v iduel l e Kommunikations-L ösungen im B2B-Segement . ■ Z ent r al e Ver m ar k t ung üb er al l e Me dienm ar ken der df v Me diengr upp e ■ B r anc henüb er gr eif ende For m at e und Ev ent s mit hohem L e adp ot ent i al ■ Unkompl i z ier t e s Handl ing dur c h zent r al e A n s pr e c hp ar t ner – al l e s au s einer Hand df v- m e di a - s o l ut io n s . d e D er Q u al it ät s -P u s h f ür Ihr e Kommunikat ion

Katrin Kolossa ist Chefin der ContentMarketing-Agentur Sapera Studios, die sie 2022 gegründet hat. Als Journalistin arbeitet sie davor für den „Spiegel“, die Deutsche Welle und CNN, wechselt dann ins Marketing.

Ab 2020 führt Kolossa die Influencer-Agentur Buzzbird, 2021 wird sie Strategiechefin beim Tech-Unternehmen Sapera in Berlin

vielen hört die Inklusion nach einem Vortrag oder Workshop auf«

Katrin Kolossa und Laura Gehlhaar beraten Unternehmen zu Barrierefreiheit und Diversität – und wünschen sich oft, dass auf Worte auch Taten folgen

Hattet ihr als Kind das Gefühl, dass die Welt euch offen steht?

Laura: Ich habe das lange geglaubt und wurde dann eines Besseren belehrt.

Katrin: Ich habe nicht das Gefühl, dass mir Dinge verwehrt wurden. Ich habe mir aber auch relativ realistische Ziele gesetzt, glaube ich. Ich bin dahingehend allerdings auch

mit guten Voraussetzungen gestartet.

Katrin, du warst auf einer integrativen Schule. Wie hat das deine Sicht auf Menschen mit Behinderung beeinflusst?

Katrin: Auf meiner Schule waren auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung oder mit einer Lernschwäche. Dass Unterschiede ganz normal

waren, fand ich super. Man hat einfach zusammen gelernt und das Thema Lerntempo stand nicht über allem. Mich hat das in der Persönlichkeit sehr weitergebracht.

Wie war deine Schulerfahrung, Laura?

Laura: Ich war leider auf keiner inklusiven Schule. Ich war immer das einzige Kind mit Behinderung.

Das war für mich ganz schrecklich. Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche aus einem System wie an Katrins Schule unglaublich viel Selbstbewusstsein ziehen und Inklusion zur Normalität wird. Wenn ich heute jemandem begegne, der oder die schon ihr Leben lang mit Behinderungen in Berührung ist, merke ich das sofort. Das ist ein

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»Bei
im Videofragebogen turi2.de/koepfe
Katrin Kolossa

ist Aktivistin, Coach und Autorin. In Seminaren und Vorträgen informiert sie zum Thema Inklusion, für die Sapera Studios berät sie Unternehmen zum Thema Barrierefreiheit. In ihrem Buch „Kann man da noch was machen?“ schreibt Gehlhaar über ihre Erfahrungen als Mensch im Rollstuhl

total natürlicher Umgang. Diese Leute glotzen mich nicht auf der Straße an. Die durchbrechen nicht meine Intimsphäre, wenn ich auf die U-Bahn warte und sie sich zu mir runter bücken, mich an der Schulter anfassen und fragen: „Ja, was haben Sie denn?“

Welche Schulnote würdest du Deutschland

geben in Bezug auf Barrierefreiheit?

Laura: Sechs! Total ungenügend. Mein Gymnasium war nicht barrierefrei. Wir hatten zwar einen Aufzug, aber der war ständig kaputt. Und Barrierefreiheit geht natürlich auch noch viel weiter als nur die Infrastruktur. Meine Lehrer haben unglaublich diskriminiert, was Behinderungen angeht,

aber auch in Sachen Sexismus und Rassismus.

Ihr beratet zum Thema Inklusion. Ist das etwas, das Unternehmen heute mitdenken oder etwas, auf das man sie aufmerksam machen muss?

Laura: Was ich beobachte in meiner Arbeit als Beraterin für Diversität und Inklusion ist, dass es vor allem in den letzten drei,

vier Jahren einen enormen Boom gegeben hat. Bei vielen hört es aber nach einem Vortrag oder einem Workshop auf.

Katrin: Häufig ist es so, dass Projekte oder Dienstleistungen einmalig angefragt werden – und dann verpufft es wieder. Ich habe häufig das Gefühl, dass es bei vielen Unternehmen ein Thema geworden

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Laura Gehlhaar

ist, weil der gesellschaftliche Druck gewachsen ist. Aber an einigen Stellen fehlt mir die strategische Auseinandersetzung mit dem Thema und die Taten, die dann auf die Worte folgen.

Gibt es Unterschiede in Sachen Inklusionsbereitschaft, was die Branchen angeht?

Katrin: Im Bereich Handel- und Konsumgüter, Marketing oder Media sehe ich vor allem das Interesse, diese Themen zu besetzen, da sie „en vogue“ sind. Es gibt Wettbewerbe für Produktideen, die Menschen mit Behinderungen helfen sollen – aber nicht einmal ein barrierefreies Büro. Dass wirklich nach innen an der Organisation und Inklusion gearbeitet wird, sehe ich häufiger in der Industrie, in Ministerien oder Behörden.

Laura: Oh ja! Es ist genau das! Wenn Nichtbehinderte Produkte entwickeln für Menschen mit Behinderungen, dafür Preise bekommen und wir am Ende dastehen und denken: „Wem ist damit jetzt geholfen?“

Was sind die häufigsten Fragen bezüglich Inklusion, die die Unternehmen an euch herantragen?

Laura: „Frau Gehlhaar, wir wollen ja so gerne behinderte Menschen einstellen, aber bei uns bewirbt sich einfach niemand.“

Was antwortest du dann?

Laura: Wir leben ja immer noch in einem sehr diskriminierenden System mit Behindertenwerkstätten. Und wenn viele Menschen

in diesen Werkstätten –wie ich bewusst sage – gefangen sind, dann fehlt es natürlich an sehr vielen behinderten Menschen, die ihren Weg zum ersten Arbeitsmarkt finden können.

Wie profitieren Unternehmen konkret davon, wenn sie mehr Menschen mit Behinderung einstellen?

Katrin: Ich denke, die Frage nach Profit ist der Grund dafür, dass viele Unternehmen eine verklärte Sicht auf das Thema Inklusion haben. Diversität sollte nicht gewählt werden, weil sie gewisse Vorteile mit sich bringt. Sie sollte selbstverständlich sein und dann eben klug eingesetzt werden. Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Stärken und Fähigkeiten werden immer ein besseres und runderes Ergebnis liefern, als eine Gruppe homogener Personen.

Habt ihr zwei, drei Maßnahmen, die im Grunde fast jedes Unternehmen umsetzen kann, um mehr Barrierefreiheit zu schaffen?

Katrin: Die einfachste Lösung Barrierefreiheit herzustellen, ist das Home Office.

Laura: Ich erinnere mich sehr gut: Wie viele Jahre haben wir darum gekämpft, von zu Hause aus arbeiten zu können. Wie oft sind wir immer wieder daran gescheitert. Und durch die Pandemie war es auf einmal so einfach. Ich habe mehr und besser gearbeitet von zu Hause aus, weil ich mehr leisten konnte. Dennoch sollte das Home-Office nicht als einzige Lösung zur

Barrierefreiheit verstanden werden, sondern viel mehr als eine von vielen Möglichkeiten.

Katrin: Inklusion bedeutet auch, individuell auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter*innen einzugehen. Das können flexible Arbeitszeiten sein oder eine spezielle technische Ausstattung. Nicht nur Menschen mit einer Behinderung profitieren von Barrierefreiheit. Man kann zum Beispiel temporär eingeschränkt sein, wenn man den Arm gebrochen hat und eine Navigation nur per Tastatur möglich ist. Oder wenn man eine Migräne-Attacke hat und es einem hilft, wenn der Kontrast auch bei geringerem Licht auf dem Bildschirm gut erkennbar ist.

Laura: Was noch helfen würde, wäre, wenn Unternehmen kommunizieren, was sie zu bieten haben. Damit ich weiß, ich bin da willkommen als Behinderte. In meiner Bewerbungszeit musste ich mich immer wieder durchfragen. Immer wieder erzählen, warum ich etwas brauche. Mich vielleicht sogar rechtfertigen. Das nimmt einfach einen unglaublichen Druck, wenn ich sehe: Die setzen sich mit Barrierefreiheit auseinander. Und ich fände es unglaublich wichtig, dass es in dem Unternehmen eine*n Inklusionsbeauftragte*n gibt, der oder die aber auch auf jeden Fall selbst betroffen ist.

Reicht es, Menschen aufzuklären und auf Freiwilligkeit zu setzen oder braucht es gesetzliche Vorgaben bei der Barrierefreiheit?

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Laura: Auf jeden Fall. Es braucht Gesetze, um das Recht von behinderten Menschen am ersten Arbeitsmarkt zu stärken.

Katrin: Ich stimme dir zu hundert Prozent zu. Bei der digitalen Barrierefreiheit ist schon Bewegung zu erkennen. Ab 2025 müssen alle E-CommerceUnternehmen, die einen Umsatz von über zwei Millionen Euro im Jahr machen, laut Gesetz barrierefrei sein. Vor einer Weile haben wir die 25 größten E-Commerce-Kunden auf Barrierefreiheit getestet. Ich habe viele Rückmeldungen bekommen von Unternehmen, die auf einem hinteren Platz waren. Das Thema digitale Barrierefreiheit war denen nicht bewusst. Dabei ist das ja wirklich kontraproduktiv zu dem Interesse eines E-Commerce-Anbieters: Wenn Menschen nicht zugreifen können auf die Webseite, können sie auch nichts kaufen. Das sollte doch in der Produktentwicklung schon mitgedacht werden. Es kann nicht sein, dass wir 2022 haben und Leute davon immer noch überrascht sind.

Wenn es eine Sache zur Barrierefreiheit gäbe, die ihr sofort ändern könntet: Was wäre das? Laura: Ich würde das Gesetz einführen, dass sich Unternehmen zu digitaler und analoger Barrierefreiheit verpflichten müssen.

Katrin: Ich würde über eine Quote für Menschen mit Behinderung nachdenken, aus der man sich nicht einfach rauskaufen kann.

ANZEIGE UNTERSTÜTZT VON: Wollen Sie 10.000 junge Medienschaffende erreichen? Dann lassen Sie uns sprechen: verlag@journalist.de Neue Staffel ab Ende Januar 2023 Der Podcast für junge Medienschaffende mit Annkathrin Weis und Luca Schmitt-Walz

Rainer Esser Geb. 1957 in Wolfenbüttel

1975 Lehre bei der Deutschen Bank 1977 Jura-Studium in München, Genf, Georgia (USA)

1986 Ausbildung zum Redakteur, Deutsche Journalistenschule

1989 Chefredakteur Bertelsmann International 1992 Geschäftsführer Spotlight Verlag 1995 Geschäftsführer „Main Post“ 1999 Geschäftsführer Zeitverlag

2011 Geschäftsführer der Dieter von Holtzbrinck Medien

Rainer Esser, macht es Ihnen angesichts der bedrohlichen Weltlage noch Spaß, jede Woche die „Zeit“ zu lesen? Ja, die Krisen prasseln auf uns ein: Energiepreise, Inflation, der Krieg, die Pandemie, LieferkettenProbleme, der Fachkräftemangel. Es gibt von schwierigen Dingen aktuell ziemlich viel. Das ist eine große Herausforderung und Verantwortung für die „Zeit“, über diese Themen zu berichten, sie einzuordnen und zu analysieren, aber gleichzeitig Lösungen anzubieten und Mut und Zuversicht zu geben. Auch auf Zeit Online sind die beliebtesten Inhalte Dossiers, Infografiken und Hintergrundanalysen. Nur Kritisieren und schlechte Nachrichten bringen keinen Mehrwert. Das macht nur schlechte Laune. Deshalb lese ich „Zeit“ und Zeit Online weiterhin sehr gerne.

Vieles, was früher als gesichert galt, steht heute infrage. Ängstigt Sie das? Mich ängstigen große Schäferhunde, die mir laut bellend beim Joggen begegnen. Ansonsten sehr

wenig. Ich komme aus einem „Flüchtlingshaushalt“. Meine Großmutter musste zweimal fliehen, zweimal Weltkrieg und alles verloren, erst von Oberschlesien nach Niederschlesien, dann aus Schlesien nach Wolfenbüttel. Solange jeder am Abend ein Bett hatte, eine warme Decke und ausreichend zu essen, war sie glücklich. Über unsere Probleme, die wir in einem ordentlichen demokratischen Staat mit einer ordentlichen Wirtschaft haben, würde sie gnädig lächeln.

Was haben Sie von Ihren Eltern fürs Leben gelernt?

Von meinem Vater Neugier und Spontanität, von meiner Mutter Fleiß und Einsatz.

Was ist Ihr Gegengift zur Sorge – neben Ihrer Prägung als Kind?

Freude macht mir, mit meinen sympathischen, klugen Kolleginnen und Kollegen bei der „Zeit“ zu arbeiten. Meine wundervolle Familie ist ein Quell steter Freude. Verschweigen will ich auch

nicht den morgendlichen Alsterlauf, das Frühstück mit Granatäpfeln und der Lektüre von „Handelsblatt“ und Zeit Online.

Die Konzentration auf den Alltag als Gegengewicht zu schlechten Nachrichten?

Mich berühren die Krisen natürlich. Aber ich freue mich dennoch auf jeden neuen Tag und versuche, ihn besser als den Vortag zu gestalten. Und immer nach vorn zu schauen.

Sind Menschen, die sagen „Lasst mich mit der Weltlage in Ruhe und meldet euch, wenn alles wieder in Ordnung ist!“ für den NachrichtenJournalismus verloren? Ich kann diese Haltung verstehen. Aber es ist keine Lösung, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und zu warten, bis alles vorbei ist. Vermutlich wird die geordnete, vorhersehbare Welt, die wir in den letzten Jahrzehnten, zumindest in Europa hatten, nicht wiederkommen – auch angesichts der rapiden Entwicklungen in der Technik, der Gesellschaft und der inter-

nationalen Politik. Auf der anderen Seite waren die Chancen für wache Menschen auch noch nie so groß wie heute, wo so viel Neues entsteht. Unsere Aufgabe ist es, auch die Menschen, die ermüdet sind, abzuholen, ihnen Zuversicht zu geben und Lösungen zu zeigen. Das machen wir mit unseren Publikationen, aber zum Beispiel auch mit unserem Programm „Freunde der Zeit“: Alle Abonnentinnen und Abonnenten sind Freunde und wir laden sie jede Woche zu einem besonderen Programm ein. Etwa zu unserem Leser-Parlament kürzlich in Hannover und Frankfurt. Da diskutieren Giovanni di Lorenzo und Redakteurinnen und Redakteure mit den Lesern, fragen, was sie bewegt, und was sie von uns erwarten.

Wie ist das Stimmungsbild? Was macht Freude? Was macht Sorgen?

Die Leserinnen und Leser halten unserer Branche oft den Spiegel vor. Sie interessieren sich nicht für die zigste Debatte über das Gendersternchen, über Quoten oder politisch kor-

»Decke über den Kopf ziehen, ist keine Lösung«

In schweren Zeiten stehen die „Zeit“ und ihre Ableger so gut da wie nie, Rainer Esser steuert den Verlag von Erfolg zu Erfolg. Was ist sein Rezept?

Von Markus Trantow (Text) und Johannes Arlt (Fotos)

»Unsere Aufgabe ist es, die Menschen, die ermüdet sind, abzuholen, ihnen Zuversicht zu geben und Lösungen zu zeigen«

rekte Themen. Sie wollen mehr wissen über Außenpolitik, Klimakrise, Energiepreise, Schulpolitik oder die Unterschiede zwischen Stadt und Land. Viele Leserinnen und Leser freuen sich sehr, dass wir wieder persönlich zusammenkommen. Die aktuelle Weltlage treibt sie um. Sie suchen nach einem guten Umgang mit den Polykrisen. Dabei ist die „Zeit“ für viele ein Anker in ihrem Leben. Ein Beispiel: Immer noch erreichen die „Freunde der Zeit“ Mails, in denen Leser der Redaktion für die während Corona fast wöchentlichen Hangouts danken. Da wurde über Politik ebenso diskutiert wie über Zuversicht und den Umgang mit dem Alleinsein. Aus dem engen Austausch während Corona haben die „Freunde der Zeit“ neue Communities entwickelt. Uns hat überrascht, wie gut, nah und offen der Austausch auch im Digitalen funktioniert. Wir haben eine Literaturund eine Reisecommunity aufgebaut. Im neuen Jahr folgen zwei weitere.

Wie gelingt dieser Spagat: Auf der einen Seite die traurige Wirklichkeit abbilden und auf der anderen Mut machen? In unserem Leitbild stehen vier Kernbegriffe: Unabhängigkeit, Kreativität, Respekt – vor den Menschen und den Unternehmen, über die wir berichten, aber auch im Umgang untereinander –und Zuversicht. Das gilt für die Redaktion und auch für unsere kaufmännischen Aktivitäten. Redaktionell stärken wir die Resilienz unserer Leser auch mit dem neu gegründeten Sinn-Ressort. Hier

geht es um mentale Gesundheit, Sinnsuche und Bekämpfung von Einsamkeit – alles hoch relevant für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Zu Hoch-Zeiten von Corona stand der Journalismus sehr in der Kritik: zu nah bei der Politik, zu unkritisch. Was haben Sie aus den vergangenen Jahren gelernt?

Es gibt nicht „den Journalismus“ und auch nicht „die Medien“. In Deutschland haben wir einen Reichtum vieler unterschiedlicher Medien und jedes einzelne Medium hat seine Besonderheit.

Bei der „Zeit“, Print wie Online, liegt es im genetischen Code, dass wir zu den großen Themen immer mindestens zwei Meinungen zeigen, also häufig pro und contra. Qualitätsjournalismus macht sich nicht mit einer Sache gemein, auch wenn sie noch so gut ist, sondern berichtet genau und objektiv. Das ist wertvoller für die Leserinnen und Leser, authentischer und glaubwürdiger. Echte Diversität bedeutet nicht nur gleiche Chancen für Mann und Frau, sondern auch Meinungsvielfalt. Unser neues Mitglied im Herausgeberrat, Yascha Mounk, hat jüngst eindringlich gewarnt vor Selbstzensur und vor der Angst, dass andere Anstoß nehmen, an dem, was man sagt.

Ist das ein Learning aus der Pandemie?

Ja, und aus der Berichterstattung um die Flüchtlingskrise 2015. Es gab ja den Vorwurf „Mainstream-Medien”, der das eine oder andere Medium getroffen hat – teilweise

zu Recht, teilweise zu Unrecht.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, ob die „Zeit“ ein MainstreamMedium ist?

Bei der „Zeit“ wurde schon zu Zeiten von Marion Gräfin Dönhoff und Theo Sommer immer gestritten. Hier gab es nie den einen großen Zampano, der sagte, dass wir für oder gegen etwas sein müssen. Der Chefredakteur ist eher ein Moderator. Er muss gute Journalistinnen und Journalisten auswählen, er muss Themen setzen. Aber was dann geschrieben wird, das ist Sache der Autorinnen und Autoren. Insofern trifft dieser Vorwurf die „Zeit“ kaum.

Wenn man auf Ihre Wirtschaftszahlen guckt, erscheint mir der Zeitverlag wie das kleine gallische Dorf im Asterix-Comic, das sich erfolgreich gegen die Römer stemmt, während alle anderen straucheln. Auflage und Umsätze sind hoch wie nie. Was ist Ihr Zaubertrank? Wer die Asterix-Comics von Goscinny und Uderzo kennt, der weiß: Nicht nur der Zaubertrank, sondern auch der geschwisterliche Zusammenhalt macht es dem gallischen Dorf möglich, sich gegen die Römer zu behaupten. Deshalb versuchen wir diesen Zusammenhalt jeden Tag zu leben, zwischen Print und Online, zwischen Redaktion und Verlag, zwischen Hamburg, München und Berlin. Und was den Zaubertrank angeht: Der Druide Miraculix mischt viele Zutaten in seinem Kessel zusammen, die erst in Kombination einen durch-

schlagenden Erfolg bringen. Zum Zauber gehören auch die Freude und der Stolz, für die wundervolle „Zeit“ zu arbeiten – egal, ob Sie in Hamburg sind oder bei Zeit Online in Berlin, ob Sie für „Zeit Geschichte“ schreiben, für die „Zeit Sprachen“Magazine in München, in der Zeit Akademie oder bei Zeit Reisen arbeiten. Wir sind jetzt 1.300 Köpfe und die Kommunikation und die Hilfsbereitschaft sind weiterhin ungewöhnlich groß. Die Hierarchie ist flach, die Innovation groß, der Wandel stetig. Neue Ideen kommen schnell auf die Straße.

Wer sind die Römer in dem Bild? Die bösen Silicon-Valley-Konzerne? Die sind nicht die bösen Römer. Das sind starke, große Unternehmen mit ziemlich erfolgreichen Geschäftsmodellen. Wir müssen schauen, wo wir gut mit ihnen zusammenarbeiten, was wir abgucken können. Ich halte nichts davon, andere für unsere Herausforderungen verantwortlich zu machen. Die müssen wir aus eigener Kraft bewältigen.

Gesamtgesellschaftlich betrachtet machen Facebook und Twitter die Welt nicht gerade besser. Sie fokussieren die Polarisierung der Gesellschaft, manche werfen ihnen vor, per Algorithmus Hass zu schüren, weil Fake News hier viel Verbreitung finden. Zunächst: Die sozialen Netzwerke haben viele positive Seiten. Sie bringen Menschen zusammen, die sonst nicht zusammenfinden. Sie geben Menschen eine Stimme, die

sich sonst nicht trauen. Sie sind auch für Journalisten ein Reservoir für neue Themen und zeigen ein Meinungsbild. In Diktaturen sind sie die einzigen Foren, in denen es noch „dissenting opinions“ gibt. Allerdings: Auf Marktplätzen wird viel gehandelt, ge- und verkauft, es findet viel Austausch statt. Es gibt aber auch Taschendiebe und Halunken. Das ist leider auch auf den Marktplätzen Facebook und Twitter so. Die Algorithmen bringen auch laute aggressive Meinungen nach oben. Deshalb müssen die Betreiber der Marktplätze ihre Polizeikräfte deutlich verstärken.

Und der Journalismus sammelt dann die Scherben auf, zum Beispiel mit Fact Checking? Guter Journalismus liefert geprüfte Fakten, ordnet ein und ist deshalb glaubwürdig. Über Google, Facebook, Instagram und TikTok machen wir unsere Marke bekannt und bekommen zusätzlichen Traffic, erreichen neue Zielgruppen und neue Abonnentinnen und Käufer. Allerdings darf niemand allgemeine Posts auf diesen Kanälen für bare Münze nehmen oder gar für genauso geprüft und glaubwürdig und vergleichbar halten mit der Arbeit von ordentlichen Journalisten.

Mathias Döpfner sagt: „Für das Printgeschäft kann ich mir nicht vorstellen, dass echtes Wachstum möglich ist. Vielleicht gibt es mal ein gutes Quartal oder so, aber strukturell ist der Rückgang unvermeidlich.“ Widerspruch? Zustimmung?

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Darf man Mathias Döpfner widersprechen?

Sie dürfen. Also wir haben im Zeitverlag neben Zeit Online und der Wochenzeitung „Die Zeit“ auch 16 Magazine – „Zeit Geschichte“, „Zeit Wissen“, „Zeit Leo“, „Zeit Verbrechen“, um nur einige zu nennen. Und wenn Mathias Döpfner sich die Auflagen ansehen würde, würde er sehen, dass sie bei Print-Magazinen durchaus noch steigen können. Unsere jüngste Neugründung, das „Zeit Magazin Wochenmarkt“, hat einen Gesamtverkauf von 40.000 Exemplaren erzielt – und das bei einem Preis von 9,80 Euro pro Ausgabe. Recht hat er für große, überregionale Auflagen.

Groß und überregional ist die „Zeit“ aber auch –und die wächst. In der Tat, vor allem durch das digitale Abo und durch Z+.

Wie nachhaltig ist es heute überhaupt noch, jede Woche ein paar Tonnen Papier zu bedrucken, das in sehr absehbarer Zeit im Altpapier landet?

Eine interessante Frage. Zunächst einmal: Unsere gedruckte Zeitung ist zu 100 Prozent aus Altpapier und mit dem Blauen Engel zertifiziert. Ich halte nichts davon, den Verbrauch von Papier unter einen generellen Bannstrahl zu stellen. Wichtig ist, dass wir nicht nur über Probleme sprechen, sondern auch über intelligente Lösungen, damit wir die menschengemachte Klimakrise in den Griff bekommen und das 1,5-Grad-Ziel doch noch erreichen, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. In unserem Ressort Green lesen Sie, wie wir Nachhaltigkeit und gutes Leben kombinieren können.

Was tun Sie für mehr Nachhaltigkeit?

Der Nachhaltigkeit dient natürlich, dass bald die Hälfte unserer Auflage von über 620.000 digital gelesen wird. Außerdem haben wir eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die fortwährend an neuen Vorschlägen arbeitet, um unseren CO2-Fußabdruck zu verkleinern. Im März starten wir eine große Aktion im Haus, aber auch mit unseren Leserinnen

und Lesern, um Deutschland grüner zu machen. Unser Ziel ist es, 2025 CO2neutral zu sein.

Sie waren Ende 2015 Protagonist in der turi2 edition #1. Damals hat der Zeitverlag auch mit Designer-Möbeln und anderen Gütern des gehobenen Bedarfs Geld verdient. Wie wichtig sind diese Geschäfte? Der Zeit Shop, die ZeitEditionen und Zeit Reisen sind sehr wichtig. Genauso wie unsere 16 Magazine oder unsere 25 Podcasts mit ihrer rekordverdächtigen Reichweite von 18 Millionen Downloads im Monat. Je mehr jemand Kontakt mit der „Zeit“ hat, desto sicherer ist das Abo. Unser „Zeit Verbrechen“-Podcast wird inzwischen pro Monat vier Millionen Mal gestreamt – das ist gigantisch. Die Hörerinnen – zu über 80 Prozent sind es Frauen zwischen 18 und 35 –kommen so in Kontakt mit der „Zeit“. Und wenn sie am Kiosk vorbeikommen, greifen sie vielleicht zu einem unserer Magazine oder zur Wochenzeitung.

2015 waren Podcasts noch kein großes Thema.

Heute gehört „Zeit Verbrechen“ zu den erfolgreichsten im Land. Hat Rainer Esser Zeit zum Hören?

Klar, ich höre morgens sehr gerne unseren „Was jetzt?“-Podcast, der wird pro Monat sieben Millionen Mal gestreamt. Unseren „Alles gesagt“-Podcast höre ich nicht immer bis zum Ende – der dauert ja manchmal auch sieben Stunden.

Wie konnte es passieren, dass die früher oft als „alte Tante“ verspottete „Zeit“ zur erfolgreichsten Podcast-Produzentin in Deutschland wurde?

Jochen Wegner, unser Online-Chefredakteur, und die Kollegen aus der Geschäftsführung von Zeit Online, Christian Röpke und Enrique Tarragona, und ich waren sehr früh davon überzeugt, dass Audio ein Zukunftsthema ist. Und wir waren uns alle einig, da Vollgas zu geben. Denn es war absehbar, dass der Podcast-Trend aus den USA zu uns schwappt und ein wichtiger, neuer Kanal wird. Und dass wir so erfolgreich sind, ist der große Verdienst der Kolleginnen und Kollegen

130 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Rainer Esser empfängt turi2-Chefredakteur Markus Trantow in den lichtdurchfluteten Verlagsräumen

Berliner Wachstum mit Hamburger Wurzeln

Die neuen Hauptstadt-Büros von Zeit Online in der Schöneberger Straße sind gerade bezogen, noch verbreiten handgeschriebene Wegweiser BaustellenAtmosphäre. Feste Arbeitsplätze gibt es dort nicht, Desk-Sharing lautet die Devise

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in den Redaktionen, die unsere Podcasts produzieren, fortwährend neue Ideen haben und ihre Podcasts über alle Kanäle promoten.

Am Erscheinungstag dieser turi2 edition feiern Sie Ihren 66. Geburtstag. Die Mehrheit der Menschen denkt in dem Alter schon längst an Ruhestand...

Ruhestand ist mir – genauso wie Work-Life-Balance – nicht so nahe.

Schon 2015 haben Sie uns erzählt, dass Sie eine 60-Stunden-Woche haben und auch im Urlaub drei bis vier Stunden täglich arbeiten. Was ist schon Arbeit? Ich lese dann interessante Artikel über unser Geschäft, über die Medien, über neue Entwicklungen, vor allem in Übersee. Ich telefoniere mit Kolleginnen und Kollegen, die ich mag, maile hin und her. Das ist keine Arbeit, sondern interessante Fortbildung und spannende Beschäftigung. Und im Alltag: Ich habe, seitdem ich 18 Jahre alt bin, eigentlich den gleichen Rhythmus – damals habe ich eine Banklehre begonnen. Seitdem arbeite ich umfänglich, halt

immer an interessanten Dingen.

Die Arbeitsforschung sieht das sicher anders. Waren Sie nie in Gefahr, einen Burnout zu erleiden?

Mir macht meine Arbeit Spaß. Gelegentlich ist sie auch erfolgreich. Das stärkt meine Resilienz. Allerdings nehmen wir Belastungen bei Kolleginnen und Kollegen sehr ernst und haben als Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht. Bei der Zeit Verlagsgruppe stellen wir allen, die besonders belastet sind, deshalb auch Hilfsangebote zur Verfügung. Die Stärkung von mentaler Gesundheit und Resilienz ist unerlässlich. Die Aufklärung über Burnout und über Depression als ernstzunehmende Krankheit und die gesellschaftliche Diskussion darüber ist ein hohes Gut. Übrigens befassen sich auch einige unserer meistgelesenen Zeit-Online-Artikel mit diesem hochrelevanten Thema.

Sagen Sie abends auch mal: Sowas wie heute brauche ich nicht jeden Tag?

Klar. Auch bei uns wachsen nicht alle Bäume in

den Himmel. Aber dann gibt es den nächsten Tag und der mag dann wieder großartig sein.

Interessiert es Sie eigentlich, wer irgendwann einmal Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger wird?

Unbedingt! Und dass es anschließend hoffentlich besser weitergeht!

Ihr Verleger Dieter von Holtzbrinck ist 81 Jahre alt – wie lange wollen Sie noch machen?

Wie lange mein Vertrag läuft, entscheiden die Verleger Dieter und Stefan von Holtzbrinck. Aber turi2 muss sich keine Sorgen machen, denn wir haben eine starke Geschäftsleitung, die das operative Geschäft leitet. Ich bin Ideengeber, stelle Fragen und versuche, meine Kolleginnen und Kollegen möglichst gewinnbringend in ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen, oft auch bei Key Accounts, als Moderator oder Grüßaugust.

Apropos Fragen: Welche Fragen werden die Medienbranche im Jahr 2023 bewegen?

Vor allem Wachstum im digitalen Geschäft und

Heben unserer Datenschätze. Daneben ganz alltägliche Dinge wie Papierpreise oder wieder bei der Reklame zuzulegen – vielleicht zulasten des privaten linearen TV, das erdrutschartig an Reichweite verliert.

Wie blicken Sie auf das Jahr 2023, das, wenn man den Prognosen glaubt, wieder ein Krisenjahr ist?

Ich könnte Ihnen jetzt etwas erzählen über Rezession, wirtschaftlich schwierige Zeiten und große Herausforderungen – so das Übliche. Aber das bringt ja nichts. 2023 wird ein Jahr voller neuer spannender Tage und Überraschungen. Christian Drosten hat Ende 2022 in der „Zeit“ gesagt, dass, wenn es bei dem aktuellen Covid-Erreger bleibt, die Pandemie in sich zusammenfällt. Das ist doch mal eine wirklich gute Nachricht.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Dass jeden Tag wieder die Sonne aufgeht. Und wenn der Himmel über Hamburg oder Berlin mal grau sein sollte, dann scheint die Sonne in unseren Herzen. n

Der Himmel über Berlin: Verlagschef Rainer Esser genießt den Blick von der Dachterrasse auch an grauen Tagen

Rainer Esser im Videofragebogen turi2.de/koepfe

132 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Einfach Code scannen und persönliches Exemplar sichern für mehr Marketing-Insights. 11 Wege, wie Sie heute mehr aus Ihrem Marketing herausholen Der Guide für Printmarketing ist ein 40-seitiger Leitfaden voller Insights, der Marken hilft, mehr für ihr Budget zu bekommen. Sie wollen genau wissen, was Print alles für Ihre Marke tun kann? Da gibt es einiges... IGID9 T A L DRUCK 5DURC H B R E C NEH 4 KREAT VESDESIG N 8 D I E M ARKEZUM GREIFEN NA H 1 NACHHALTIGKEIT 1 1 DRUCKVERFAHREN 6LUXUS 2 VER T R NEUA TKERID3 M A R K E T N G 7 DIGIT A L + D R U C K 10KUNDENTREUE DER GUIDE FÜR PRINTMARKETING 11 Wege wie Sie heute mehr aus IhremherausholenMarketing
134 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 SpezialOperation Dafür fehlt das Geld Handelskrieg Gratismentalität DoppelWumms Wut-Winter Stell dich nicht so an! Darf sie das? New Normal Krisengewinner Übergewinn PutinVersteher Frauenpower Preisexplosion Social Washing harmloser Missbrauch KillerVariante Die Extrameile gehen klimaneutral* Sozialtourismus Fast Fashion Jahrtausend-Hitze DINGE, DIE WIR 2023 NICHT MEHR HÖREN WOLLEN 23 *durch Kompensation Gender-Wahn

HERZBLUT MACHT DEN UNTERSCHIED

Hier wird unser Herzblut erlebbar! Scannen Sie den QR-Code und fühlen Sie das Herzblut von Schleunung –made by Schleunung Schleunung –Wir drucken mit Herz!

135 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 www.schleunung.com
136 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
137 · turi2 edition #20 · Agenda 2023 »Ich bin frei, ich bin Mensch, ich bin da. Ob ihr wollt oder nicht« Auf YouTube und Instagram bespaßt Parshad Esmaeili Hunderttausende. Mit turi2 spricht die Komikerin im ältesten Nachtclub Frankfurts über die Gen Z, Cringe im TV und Toiletten als TikTok-Bühne Von Elisabeth Neuhaus (Text) und Holger Talinski (Fotos)

Parshad Esmaeili Geb. 1997 in Darmstadt

2013 Stipendium bei der Start-Stiftung

2017 Studium Politik und Publizistik in Mainz

2018 Erster Comedy-Auftritt

2019 Burnout mit Krankenhausaufenthalt

2020 Studium OnlineJournalismus in Dieburg

2020 Vertragsunterzeichnung bei Enissa Amani

2020 Deutscher Radiopreis für Date-Ratgeber bei Planet Radio

2021 Auftritt in Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“

2021 Start der Zusammenarbeit mit Funk von ARD und ZDF

2022 Auftritt in der „Carolin Kebekus Show“

138 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Parshad Esmaeili im Videofragebogen turi2.de/koepfe

Parshad, das Frankfurter Bahnhofsviertel kann einem Angst einjagen: illegale Drogen, Prostitution, Obdachlosigkeit, immer wieder Schießereien und Gewalt. Was gefällt dir hier?

Dass es echt ist. Frankfurt hat eine große Fresse. Das liebe ich. Im Bahnhofsviertel gibt es Menschen, die alles verloren haben. Bei einigen ist ganz viel schief gelaufen. Jeder hat seinen Koffer zu tragen. Trotzdem schaffen es Leute auf der Straße, ihre Stimme nicht zu verlieren und zu lächeln. Das sind für mich Kämpfer:innen.

Davon bekommen wir gerade nicht viel mit. Die schweren Samtvorhänge im Pik Dame lassen kein Licht durch. Wie passt das verruchte Nachtleben in die raue Welt da draußen?

Für mich bedeutet Nachtleben Freiheit. Wenn du feierst, denkst du nicht an deine Probleme. Jeder, der einen Club betritt, lässt seinen Koffer am Eingang stehen. Dann hast du für ein paar Stunden keinen Ballast auf dir liegen. Für mich sind Orte wie dieser ein Safe Space. Wo ich nicht verurteilt werde für das, was ich bin.

Wie groß ist deine Fresse?

Sehr groß! Das muss sie bei mir als junger Frau mit Migrationshintergrund in der männerdominierten Comedybranche auch sein. Zu viel Nettigkeit, zu viel Achtsamkeit, zu viel Nachdenken, weil du Angst hast, wie Leute dich bewerten könnten – damit schießt du dich direkt ins Aus. Und ich hasse es, unterschätzt zu werden.

Jung und laut – macht dich das zu einer typischen Vertreterin der Generation Z?

Ich identifiziere mich mit der Generation Z, ja. Wir sind mit dem Internet aufgewachsen, mit Algorithmen und Filterblasen.

Jetzt wollen wir aufräumen, alte Muster brechen.

Wo willst du aufräumen?

In der Comedybranche. Da sehe ich mich als Teil einer kleinen revolutionären Bewegung. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich eine riesige Verantwortung in mir trage, Mädchen und jungen Frauen, die sich nicht repräsentiert fühlen, zu zeigen, dass sie es auf die Bühne schaffen können. Zum Glück hat sich da schon etwas getan. Ich beobachte junge Comedians auf Social Media, mit denen sich die 14-jährige Parshad hätte identifizieren können. Das finde ich super. Jetzt habe ich große Lust, in den nächsten Jahren auch im Fernsehen aufzuholen.

Was hast du vor?

Ich finde es schade, dass die Gattung Fernsehshow ausstirbt. Die Generation Z kennt Netflix. Aber Fernsehen ist für die meisten von uns etwas komplett Komisches. Etwas Cringes. Ich schaue selbst höchstens Sendungen auf YouTube nach. Mein Traum ist es, eine Show fürs Fernsehen zu machen, bei der samstagabends sowohl Generation Z als auch Ältere einschalten.

Also eine Neuauflage von „Wetten dass..?“?

Nicht unbedingt. Aber ich will ein Zusammenkommen erreichen. Wenn

Freund von mir sagt: ›Ey, mein Chef fuckt mich so ab, ich werde nächste Woche safe mit ihm reden.‹ Da ist dieses Feuer.

wo die Gen Z ins Berufsleben einsteigt?

Klar. Ein Freund von mir, 22 Jahre, sagt: „Ey, mein Chef fuckt mich so ab, ich werde nächste Woche safe mit ihm reden.“ Da ist dieses Feuer, das ist geil. Die Gen Z haut halt auch mal auf den Tisch. Und fragt ganz selbstverständlich nach der nächsten Gehaltserhöhung.

Mama und ich zusammen fernsehen, dann streiten wir uns erstmal. Sie hat Lust auf „Das perfekte Dinner“, ich auf „ZDF Magazin Royale“. Am Ende gucken wir gar nichts zusammen. Stattdessen sind wir beide am Handy und zeigen uns gegenseitig Bits aus TikTok und Insta.

In der TV-Primetime läuft immer noch Mario Barth. Leiden die Deutschen unter ComedyGeschmacksverirrung? Das kann ich dir nicht sagen. Aber diese Art von Humor spricht viele Menschen nicht mehr an. Humor ist immer noch Geschmackssache. Mein persönlicher Geschmack ist es nicht mehr. Solche Witze habe ich als kleines Mädchen gefeiert. Aber ich glaube, der Zeitgeist ist gerade dabei, sich zu verändern.

Was macht die Gen Z eigentlich aus? Für viele ist sie eine Black Box. Ich empfinde sie als laut, manchmal vorlaut, wissensdurstig, mutig, revolutionär, immer ready für Gerechtigkeit und Veränderung.

Müssen sich Arbeitgeber warm anziehen, jetzt,

„Fuck the System“ trällerst du passenderweise in einem YouTube-Song über deine Generation. Welche Strukturen sollte die Gesellschaft unbedingt aufbrechen?

Vorurteile und Klischees finde ich schlimm. Schubladen sind dumm. Das sind so Fragen wie: „Oh, du bist Perserin? Also trinkst du jeden Abend Tee. Ihr habt bestimmt einen Perserteppich zu Hause.“ Ich bin doch mehr als mein Migrationshintergrund, mehr als meine Wurzeln! Ich sage immer: Ich bin einfach nur ein fucking Mensch. Meine Mutter ist selbstständig, eine Business-Frau. Nein, sie hat mich noch nie mit einem Pantoffel geschlagen. Sorry, dich enttäuschen zu müssen.

Was denkst du über Leute deiner Generation, die Kartoffelbrei auf Monet-Gemälde klatschen, weil sie das Klima retten wollen? Solche Aktionen sind zu erwarten, wenn die Generation Z müde wird. Wir werden in den Medien oft als schreiendes, lautes Baby charakterisiert. Aber was macht ein schreiendes, lautes Baby? Nach Bedürfnissen rufen. Ein gutes Weltklima ist ein großes Bedürfnis. Darü-

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»Ein
Das ist geil«

ber machen sich manche Leute lustig? Sorry, als du ein Baby warst und Hunger hattest, hat dich vermutlich auch keiner im Stich gelassen. Warum lässt man uns im Stich?

Wie nachhaltig lebst du? Ich habe mir zum Beispiel bewusst kein neues Auto gekauft. Klar, ich habe die finanziellen Mittel dafür. Aber warum sollte ich mir jetzt von Mercedes einen fetten Benz produzieren lassen? Das frisst so viele Rohstoffe. Mein Auto fährt super. Ich teile es mir mit meiner Mutter. Diese Welt ist doch mein Zuhause. Und ich will auch, dass es das Zuhause meiner Kinder wird. Außerdem muss ich unbedingt aufhören zu rauchen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Du sprichst oft über deine „Frühlife-Crisis“. Plötzlich Verantwortung über das eigene Leben, zig Möglichkeiten, aber null Plan und keine Kohle – fasst das zusammen, was du damit meinst? Ja, und das ist echt eine richtig beschissene Zeit.

Die größte und wichtigste Aufgabe jedes Menschen auf dieser Welt ist es, eine Leidenschaft im Leben zu finden. Und diese Leidenschaft kannst du nur in jungen Jahren finden. Wenn du sie nicht gefunden hast, dann hast du Pech gehabt. Deswegen habe ich super vielen Freund:innen von mir gesagt: Wenn du Anfang 20 bist und dein Unifach nicht fühlst, dann brich ab. Brich ab und lern dich erst mal kennen.

Was spricht dagegen, mit 40 noch zu sagen: Scheiß drauf, ich mache jetzt, worauf ich Bock habe?

Nichts, aber es macht doch kaum einer. Wenn du dein Haus abbezahlen musst und zwei Kinder hast, ist die Hürde zu groß. Es klingt hart, aber du kannst mit 40 nicht mehr so viel reißen wie mit 20. Deshalb solltest du unbedingt versuchen, immer schneller als die Realität zu sein. Sie darf dich nicht einholen, nicht als erste das Ziel erreichen. Sonst wirst du unglücklich.

Und du bist gerade mit 20 Minuten Vorsprung vor der Realität unterwegs?

Mit zwei Tagen Vorsprung! Meine Realität sähe ja ganz anders aus. Ich wäre fast in der Politik gelandet. Mein Herz hat dafür geschlagen, aus der Schicht herauszukommen, in der Mama und ich damals waren. Auch weil ich sie stolz machen wollte. Für sie war Comedy Quatsch. Ich wollte mir Dinge leisten können, die wir uns früher nicht leisten konnten. Also habe ich versucht, alles gleichzeitig zu machen: Uni, Radio, Stand-up und Instagram.

Dann kam der Burnout. Mit voller Wucht. Ich wollte ja nicht nur meine Mutter, sondern auch die vierjährige Parshad in mir glücklich machen, denn sie hat nur geweint. Deshalb habe ich alles gleichzeitig gemacht. Beim Hausarzt bin ich dann zusammengebrochen, kam mit Krampfanfällen ins Krankenhaus. Die Neurologin hat mich regelrecht angeschrien, dass es so nicht weitergehen kann. Also habe ich die Uni geschmissen. Mit meiner Leidenschaft habe ich damals zwar noch kein Geld

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»Die wichtigste Aufgabe jedes Menschen ist es, eine Leidenschaft im Leben zu finden.

Das geht nur in jungen Jahren. Wenn du sie mit 40 nicht gefunden hast, hast du Pech gehabt«

»Liebe Unternehmen, wenn ihr viral gehen wollt, solltet ihr die Gen Z fragen«

verdient, aber ich war der glücklichste Mensch auf Erden, wenn ich mit der alten Mercedes-A-Klasse von Mama zu McDonald’s fahren konnte, um meine Comedy-Videos hochzuladen. Das Internet war da besser als bei uns zu Hause. Im Nachhinein bin ich dankbar dafür, wie es lief. Wäre der Burnout nicht gewesen, würde ich mich heute sicher irgendwo in der Politik langweilen.

Du redest immer wieder von der vierjährigen Parshad, die du mit dem, was du heute tust, glücklich machen willst. Wann schaffst du das? Auf der Bühne, wenn ich meiner Leidenschaft nachgehe. Und im Zug, wenn wir verreisen. Im Moment sitzt sie gerade auf dem Stuhl neben mir. Keine Sorge, ich sehe sie nicht, ich bin nicht crazy. Sie sitzt da und denkt: „Geil, wir machen ein Interview, das ist eine große Ehre für uns.“ Und sie isst dabei ein Eis.

Zurück zur 25-jährigen Parshad: Ist die FrühlifeCrisis etwas, das viele deiner Generation kennen?

Als ich angefangen habe, darüber zu sprechen, habe ich sehr viel Zuspruch bekommen – von Jüngeren und Älteren. Mentale Gesundheit ist etwas, worüber die Menschen in den Generationen vor mir nicht gerne gesprochen haben, weil es als Zeichen von Schwäche galt. Heute ist das anders. Billie Eilish hat es auf die Bühne gebracht. Ich bin froh, dass ich das jetzt auch tun und öffentlich zeigen kann, dass keiner alleine ist mit seinen Koffern.

Ist TikTok für Leute nach einem Burnout eigentlich ein guter oder schlechter Ort?

Ich habe nach dem Burnout absolute Ruhe gebraucht. Ich konnte ja auch erst nach fünf Tagen wieder laufen und essen. Und TikTok ist einfach super stressig. Alles ist wild zusammengeschnitten, überall sind Sounds und Trends. Daher mein Rat: Nach einem Burnout bloß nicht die App installieren!

Kann Social Media krank machen?

Als ich 14 war, haben mich Kylie Jenner und ihre Schönheitsideale definitiv krank gemacht. Ich habe angefangen, mein Hähnchenbrustfilet statt in Öl in Sprudelwasser anzubraten, um abzunehmen. Du musst doch nur ein paar Mal bei Instagram Diät-Bilder anklicken, schon reitet dich die Filterblase voll in diese Welt rein. Das ist gefährlich. Deshalb darfst du dich auf Social Media nicht nur leiten lassen, du musst auch selbst aktiv werden und „Mag ich nicht, gefällt mir nicht“ anklicken, damit dir etwas in Zukunft nicht mehr angezeigt wird. Das mache ich sehr oft.

Ist es eine Frage des Alters, wie wir mit Krisen im Leben umgehen? Meine Mutter ist ein perfektes Beispiel dafür. Als ich ein Teenie war, hat sie mir geraten, anderen niemals von meinen Problemen zu berichten, nicht mal der Familie. Sie hatte Angst, dass Leute das ausnutzen und dann mit dem Finger auf mich zeigen könnten.

Gibt es etwas, das du an deiner Mutter bewunderst?

Ihre Stärke, ihren Mut. Sie hat ihr Heimatland Iran verlassen, vor über 30 Jahren, und dabei schon an meinen Bruder und mich gedacht, obwohl wir noch nicht mal unterwegs waren. Angenommen, hier in Deutschland würde alles den Bach runtergehen, AfD an die Macht, wir müssten alle raus: Ich glaube, ich hätte nicht einmal dann den Mut, in ein anderes Land zu gehen, eine neue Sprache zu lernen, einfach nur, um alles abzusichern für meine Kinder in der Zukunft. Dafür bewundere ich sie.

Hilft Humor in Krisenzeiten?

Natürlich! Es ist kein Wunder, dass sich Komödie auf Tragödie reimt. Lachen und Weinen liegen nah beieinander.

Wo ist er fehl am Platz? Humor wird für mich schwierig, wenn er anfängt, andere Menschen zu verletzen. Auch Auslachen finde ich ganz schlimm.

Für Funk hast du auch Politiker interviewt: Christian Lindner und Lars Klingbeil. Wie hilft Humor dabei? Ich kann locker bleiben, weil ich jedes Mal denke: Ey, du bist Comedian, du wolltest eigentlich gar nicht in der Politik sein, jetzt bist du es. Haha, richtig witzig! So kann ich offen und ehrlich sprechen. Wenn ich mich frage, ob ich etwas wirklich kann, dann klopft mir Comedy auf die Schulter und sagt: „Halt deine Fresse, natürlich kannst du

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das. Ich bin da, ich habe deinen Rücken.“ Comedy ist die größte Liebe meines Lebens. For real. Egal, wie viel Kopfschmerzen die Branche mir bereitet. Ich weiß auch nicht, ob ich meinen Mann jemals so sehr lieben werde. Das habe ich auch zu meinem Ex gesagt: „Sorry, Bro, ich lieb dich und so, aber Comedy schon ein bisschen mehr.“

Über welche Art von Humor lachen die Leute bei TikTok?

Alles muss schnell sein. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Sofort das nächste Bild, rauszoomen, reinzoomen, zack, zack. Längere Sachen funktionieren nicht. Was auch gut geht, sind Live-Situationen, die einfach so im Alltag passieren. Gar nicht unbedingt Hochglanz, das Make-up muss nicht perfekt sitzen, im Gegenteil.

Du machst Videos, auf denen du heulst und auf der Toilette sitzt. Gilt der Grundsatz: Je intimer, desto besser? Solange es mein Gegenüber nicht verletzt, solange es keine anderen Kulturen diskreditiert, go for it. Ich habe auf dem Klo oft mein Handy dabei. Das ist für mich eine kleine Bühne. Wenn ich gerade Käse in der Türkei gegessen habe und deshalb wortwörtlich abkacke, erzähle ich halt davon, auch im Internet. Das ist das reale Leben.

Was sollten Marken tun, um auf TikTok cool und nicht cringe rüberzukommen?

Liebe Unternehmen, mein Aufruf: Bitte holt euch dafür die Leute aus der

Bubble an Bord. Es gibt so viele extrem gute junge Social-Media-Manager:innen.

Gebt ihnen den Platz und die Bühne, mitzumachen, mitzubestimmen. Wenn ihr viral gehen wollt, solltet ihr uns fragen.

Machst du dir über Zensur auf TikTok Gedanken?

Ich beobachte, dass politische Hashtags gesperrt, gelöscht und vom Algorithmus ignoriert werden. Das habe ich immer im Hinterkopf: Ich bewege mich in dieser App, von der ich irgendwie auch abhängig bin, füttere sie ständig und gebe ihr damit die Macht, mich und andere zu zensieren.

Wie wichtig ist TikTok für deine Karriere?

Extrem wichtig. Wenn ich ein Video auf Insta hochlade und auf TikTok, sehe ich diesen krassen Unterschied in der Reichweite. Ein Video, das auf TikTok fünf Millionen Mal geklickt wurde, hat auf Insta vielleicht 150.000 Aufrufe. Ich mache nach wie vor das, was ich will und liebe. Aber als Creator:in musst du dir auch Gedanken machen über Klicks und Aufrufe.

Worüber hast du als Kind am meisten gelacht?

Über meinen Onkel und meinen Vater. Es waren immer Männer. Mein Auge war eine Zeit lang viel zu sehr gewöhnt an männliche Comedy. Ich kannte es nicht anders aus der Show- und TV-Welt. Late Night gab es für mich von Jimmy Fallon oder Jimmy Kimmel. Ellen DeGeneres habe ich als Kind mehr als Mann empfunden. Da hatte ich noch dieses

veraltete Denken: Anzüge gehören zu Männern. Erst mit Enissa Amani habe ich mich repräsentiert gefühlt. Als ich sie zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe, wusste ich: Das will ich auch.

Du hast mit zwölf den Kontakt zu deinem Vater abgebrochen, obwohl du dich noch heute als Papakind bezeichnest. Wie hast du es geschafft, neben dieser Lücke deinen Humor zu behalten?

Mit einer Therapie, die sehr wichtig für mich war. Das war die härteste Trennung meines Lebens. Ich trage sie bis heute mit mir herum. Aber ich lebe mit dem Gedanken, dass er und ich in diesem Leben als Vater und Tochter nicht zusammengepasst haben, dass wir uns im nächsten Leben hoffentlich als Regenwurm und Regenwurm begegnen. Ich weiß: Das ist nicht das Ende. Da kommt noch mehr. Deshalb habe ich meinen Humor nie verloren.

Du hast 2021 mit einem borstigen Haar am Kinn verglichen. Wie war 2022?

Die private Parshad würde sagen: zwei borstige Haare am Kinn. Der beruflichen Parshad geht es immer super, weil das kleine Kind in mir die Chefin ist. 2022 ist für mich wie eine Mandarine, die gut riecht, bei der du aber schon beim Schälen weißt, dass sie eben nicht fruchtig süß, sondern trocken schmecken wird. Dieser unangenehme Geschmack ist mein Privat-, der süße Geruch mein Berufsleben.

Worüber werden wir 2023 lachen?

Ich glaube, ich werde das allererste Mal ausfallend lachen, wenn ich die brutalen Regime-Anführer aus dem Iran in Handschellen vor dem internationalen Gerichtshof sehen werde. Es wird ein befreiendes Lachen sein, das ich hoffentlich schon sehr bald lachen kann. Ich bete dafür. Mit meiner Mutter werde ich über Freiheit lachen, es wird ein weiches, glückliches Lachen. Es wird von Herzen kommen. Die Revolution im Iran kämpft dafür, frei zu sein, laut singen und tanzen zu dürfen. Dieses Privileg haben wir hier. Wir sollten es öfter wertschätzen. Das Schönste überhaupt 2023 wird also das Lächeln meiner Mutter sein, wenn ich sie auf den Straßen Teherans tanzen sehe.

Wovon träumst du? Ich würde gerne einen eigenen Nachtclub in Frankfurt leiten. Ich will eines Tages wieder nach Iran reisen und dort alles über meine Urahnen erfahren. Aber mein größter Traum ist, dass ich dieses bestimmte Gefühl an Freiheit, das ich manchmal habe, für immer atmen darf. Das sind Millisekunden an Glück, in denen ich das Gefühl habe, angekommen zu sein. Ich habe das oft, wenn ich mit Freund:innen bei einer Shisha zusammensitze. Das will ich als Dauerzustand, beruflich und privat. Das ist wie eine kurze Explosion in mir, das geilste Gefühl aller Zeiten. Da kann draußen was weiß ich was passieren, ich fühle mich groß. Dann denke ich: Ich bin frei, ich bin Mensch, ich bin da. Ob ihr wollt oder nicht.

144 · turi2 edition #20 · Agenda 2023

»Ich finde es schade, dass die Gattung Fernsehshow ausstirbt. Die Generation Z kennt Netflix. Aber Fernsehen ist für die meisten von uns etwas komplett Komisches«

Anne-Nikolin, Elisabeth, Ella, Heike, Markus, Nancy, Tim, Uwe, Du

Uwe Ella

Schlussbesprechung! Ausschließlich resiliente Antworten bitte

Na, Eli, wie war die erste editionsProduktion nach deiner Rückkehr?

Ich sag mal so: Mein Abstecher ins Frankfurter Bahnhofsviertel hat mich direkt von 0 auf 100 hochgefahren

In dieser Produktion haben wir alle mehr als genug Resilienz bewiesen! Jetzt kann 2023 uns gar nix mehr

Ich hoffe, wir haben mit der edition unser Ziel erreicht, ein bisschen Mut fürs nächste Jahr zu machen

Schlimmer kann‘s ja nicht mehr werden ... oder? Ich freue mich trotzdem auf 2023. Und ihr?

Ich freue mich jetzt schon auf Frühling und Vogelzwitschern. Und auf die edition #21 Marken.

Meine Highlights 2023 werden unsere Live-Events und der feine Austausch mit der starken turi2Community

Markus

Meine Leidenschaft sind die digitalen Themenspecials. Jede Menge Tipps und Tricks unter turi2 Wissen abrufbar. Und Podcasts natürlich.

Uwe

Ich möchte vorschlagen, dass wir in der nächsten Ausgabe wieder auf alte weiße Männer setzen und nicht auf so viele weibliche Protagonisten. Matriarchat, ick hör dir trapsen

Protagonistinnen – generisches Femininum, bitte! Mal schauen, ob das klappt ;)

Peter

Wir wählen unsere Gesprächspartner wie immer nicht nach Alter oder Geschlecht aus, sondern nach Relevanz und Unterhaltungswert. Also gleiche Chancen für alle!

Uwe

... und Chancinnen.

Ich freue mich jetzt schon auf BabyFotos von Sarah!

Endlich bekommt die Verlagsleitung noch mehr Verstärkung!

146 · turi2 edition #20 · Agenda 2023
Heike Anne
#20_Schlussbesprechung_turi2_Team
Peter Heike Nancy

Die absatzwirtschaft und der Deutsche Marketing Verband (DMV) zeichnen gemeinsam mit einer hochkarätig besetzten Jury exzellente Leistungen in der Markenführung aus. Die Kategorien Markenführung Markenpersönlichkeit Gesellschaftliches Engagement

Veranstalter

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Die Buchreihe

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