turi2 edition #13: Agenda 2021

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Katja van Doren, Sie kamen 1999 von KPMG zum Energieversorger RWE, seit 2018 sind Sie Finanz- und Personalvorständin der Tochter RWE Generation. Sind solche Karrieren innerhalb eines Konzerns nicht out? Die 20 Jahre sind vergangen wie im Fluge. RWE hat enorme Veränderungen durchgemacht, so dass ich neue Herausforderungen gefunden habe und mir nie langweilig wurde. Auch innerhalb eines Konzerns kann man einen spannenden Weg gehen. Allerdings nicht in einem Bereich, auf einer Stelle. Unsere künftigen Führungskräfte sollen deshalb unterschiedliche Sparten und andere Länder kennenlernen – das ist die Voraussetzung für eine Karriere im eigenen Konzern. Sie sind mit der gesamten RWE im LockdownMai 2020 aus der Essener Innenstadt hier auf den neuen Campus Essener Nordviertel gezogen. Jetzt ist November und wieder Lockdown, die meisten Mitarbeiter sind im Home-Office. Denken Sie nicht manchmal: „Haben wir hier nicht zu groß gebaut?“ Nein, gar nicht. Wir sind ein Unternehmen, das wächst. Wir werden den Platz also brauchen. Worüber wir diskutieren, ist die Frage, wie wir den Platz künftig am besten nutzen wollen. Denn nach

Corona wird es kein Zurück ins Vorherige geben. Wir überlegen, wieviel Präsenz wir hier brauchen und was wir durch mobiles Arbeiten ersetzen können. Andererseits wollen wir die Kreativität nicht verlieren, die entsteht, wenn sich die Kolleginnen und Kollegen physisch treffen. Das alles abzuwägen, erfordert eine Menge Fingerspitzengefühl. Wie stressig war 2020 für RWE? Die Krise war für uns beherrschbar. Wirtschaftlich ist es gut gelaufen. Als Unternehmen der Energiebranche, das stark technisch geprägt ist, hatte RWE schon vor Corona sehr hohe Standards und Regeln in Sachen Gesundheit und Sicherheit. Wir pflegen eine besondere Arbeitskultur: Wir achten auf Sicherheit, und wir achten aufeinander. Diese Einstellung hat uns sehr geholfen. Und das mobile Arbeiten funktioniert auch sehr gut. Die „Vogue“-Chefin Anna Wintour hat zugegeben, im Home-Office Jogginghose zu tragen. Wie ist es bei Ihnen? Für eine der einflussreichsten Frauen der Modebranche schon ein erstaunliches Bekenntnis. Mit einem Franzosen als Ehemann weiß ich, wovon die Rede ist. Und ja, auch bei mir gibt es schon mal Jogginghosen-Tage. Es ist aber auch so, dass eigene

Ansprüche durch Corona nicht verloren gehen. Welche Diskussionen hat Corona noch bei Ihnen in Gang gesetzt? Ganz oben steht die Frage nach der Führung 2.0. Wie halte ich auch auf Distanz das Team zusammen? Wie unterstützen wir unsere Mitarbeiter bei der Nutzung digitaler Tools? Führungskräfte sind mit dafür verantwortlich, dass Mitarbeiter sich Auszeiten nehmen, dass es ein Äquivalent für den Plausch in der Kaffeeküche gibt. Und weiter: Wie werden im digitalen Zeitalter Karrieren aussehen? Wie kann ich einen Mitarbeiter beurteilen, den ich kaum noch sehe? An all diesen Fragen müssen wir arbeiten, wenn wir das Gute aus dieser Krise in die Zukunft mitnehmen wollen. Wie gelingt Ihnen persönlich das Führen auf Distanz? Indem ich noch mehr und noch intensiver kommuniziere und klar mache, was mir wichtig ist. Wir müssen den Mitarbeitern sagen, wo wir stehen, und wo wir hinwollen. Zugleich müssen wir herausfinden, was unsere Mitarbeiter bewegt und was sie für Sorgen haben. Wie setzen Sie das in die Praxis um? Wir haben ein Collaboration Tool eingeführt, RWE Connect, eine Plattform,

»Als Finanzerin sehe ich die Frauenquote ganz pragmatisch als einen KPI, als einen Indikator für Performance« 84 · turi2 edition #13 · Agenda 2021

über die wir uns austauschen können. Eine Art Facebook fürs Unternehmen, auf dem wir Dinge teilen, Daten und Dokumente sicher ablegen, um gemeinsam daran zu arbeiten. Das gab es vorher schon, aber jetzt wird es noch intensiver genutzt. Einmal im Monat gibt es unseren Board Chat, einstündige, interaktive, virtuelle LiveGespräche mit dem Vorstand. Da berichten meine Vorstandskollegen und ich über aktuelle Entwicklungen, die Mitarbeitenden von allen Standorten in allen Ländern können sich direkt äußern und fragen. Diesen unmittelbaren Dialog zwischen Vorstand und Mitarbeitenden haben wir deutlich ausgeweitet. Haben Sie persönlich Vorbilder? Mich inspirieren starke Frauen. Zum Beispiel Simone de Beauvoir, eine richtig kluge Frau. Oder Sheryl Sandberg. Ihr Buch habe ich wortwörtlich mit Gewinn gelesen: Ich habe ihre Tipps für Gehaltsverhandlungen direkt ausprobiert. Was soll ich sagen? Es hat hervorragend geklappt. Brauchen wir eine Frauenquote? Keine von uns will eine Quotenfrau sein, aber es braucht eine Quote für qualifizierte Frauen. Wer daran glaubt, dass Diversity in allen Dimensionen für ein Unternehmen