turi2 edition #13: Agenda 2021

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Matthias Horx, Sie sind der bekannteste Zukunftsforscher des Landes. Warum haben Sie uns nicht vor der Pandemie gewarnt? Die Forschung hat gewarnt. Die Rolle der Kassandra ist undankbar, in zweierlei Hinsicht: Erstens hört selten jemand zu, wenn man vor Gefahren warnt. Und zweitens wird man im Kassandra-Modus irgendwann selbst bitter und destruktiv. Es gibt ja genügend Auguren, die

uns ständig das Schrecklichste und Schlimmste prophezeien und damit eher die kollektive Hysterie befeuern. Mein Job ist ein anderer: Ich möchte Möglichkeits-Räume öffnen, in denen die wirkliche, also bessere Zukunft aufscheint. Hat die Wucht von Corona auch Sie überrascht? Na klar – so, wie die konkrete Wirklichkeit am Ende jeden überrascht. Ohne Überraschung gäbe

es ja gar keine Zukunft, keine Veränderung. Unser Leben verläuft eben nicht linear, ist nicht in allen Einzelheiten vorausberechenbar. Was wir dringend brauchen, ist ein lebendiges Verhältnis zur Wirklichkeit, eine Form von Offenheit, die mit Überraschungen umgeht – eine innere Zukunftsfähigkeit. Dass diese Krise uns auf allen Ebenen berührt und erschüttert, hat ja einen Sinn. Den Sinn des Wandels.

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Nassim Nicholas Taleb hat sein Buch „Der schwarze Schwan“ über „Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ geschrieben. Ist die Pandemie der schwarze Schwan, an den keiner glaubt, bis er auftaucht? Corona ist eher ein „Graues Nashorn“, eine immer schon relativ wahrscheinliche, aber vorher ignorierte Bedrohung. Die Risikoforschung hat schon lange vor einer mögli-