turi2 edition #13: Agenda 2021

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Ist der Chefredakteur der Zukunft ein multimedialer Entertainer, Lars Haider?

Wenn das ein Kompliment sein soll, sage ich erstmal: danke. Und sonst: Jeder sollte als Chefredakteur das machen, woran er am meisten Spaß hat und was ihm am besten liegt. Ich erzähle in diesem Zusammenhang gern die Geschichte von meinem ersten Neujahrsempfang – immer Anfang Januar lädt das „Hamburger Abendblatt“ 1.000 Menschen ins Hotel Atlantic ein – und meiner damaligen Rede, die ich mit einem Rhetorik-Trainer geübt hatte. Er

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Gesichter zu geben. Darüber hinaus stelle ich fest, dass Interviews gerade durch Podcasts, also durch sehr intensive, lange Gespräche, viel besser und authentischer werden als in der klassischen Form. Und, auch das gehört in Zeiten der Digitalisierung zur Wahrheit: Man wäre als Journalist doch schön blöd, ein Gespräch nur aufzuzeichnen, um es hinterher abzuschreiben und dann wegzuwerfen. Also: Ist der Chefredakteur der Zukunft ein

Lars Haider, Chefredakteur „Hamburger Abendblatt“

Entertainer? Wenn damit gemeint ist, dass man ihm gern zuhört oder zusieht – dann ja!

Was ist das Beste, was das Gefährliche an der Digitalisierung, Carsten Knop?

Carsten Knop, Herausgeber „Frankfurter Allgemeine Zeitung“

Fotos: Anja Weber, PR, picture alliance

sagte: „Versuchen Sie bitte nicht, intellektuell zu wirken, das sind Sie nicht.“ Ich persönlich mag es sehr, neue journalistische Formen jenseits von Texten auszuprobieren – auch, weil man direkt Resonanz bekommt. Und ich glaube, dass es einer Marke wie dem „Hamburger Abendblatt“ hilft, mit Menschen verbunden zu werden. Deshalb ermuntere ich auch meine Kollegen, Videos, Podcasts und Live-Auftritte zu machen, und unserer Zeitung so

Das Beste ist der digitale Dialog. Er kann aber anstrengend sein, besonders in einer Zeit, in der Ansichten zu politischen Maßnahmen weit auseinandergehen. So wird heute in allen Fragen zur Bekämpfung von Corona um Antworten gestritten. Wer dazu aufruft, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, der bekommt dafür auf Social Media die Quittung: Ob man wieder Regierungspropaganda

verbreite? Auf Basis eines bewusst fehlinterpretierten Textes irgendwo aus dem Netz wird munter mit Unterstellungen gearbeitet, manchmal auch Gewalt angedroht. Und das, was die Redaktion seit Monaten zu einem Thema in all seinen Facetten erarbeitet hat, wird ignoriert. Das ist das Gefährliche. Und doch, man muss versuchen, gegenzuhalten, so lange mitdiskutieren, bis zumindest bei den Mitlesern, die guten Willens sind, klar ist, was Schwarz ist und was Weiß. Denn Nahbarkeit, echtes Interesse und wirkliches Zuhören, auch mit Hilfe der Social-Media-Redaktion, die Bereitschaft zum Perspektivwechsel: Journalismus kann man anders nicht betreiben. Eigentlich galt das schon immer. In digital vernetzten Zeiten aber schmerzt die Einsicht manchmal etwas stärker;

man braucht bessere Filter, um die Spreu vom Weizen der Leserkommentare zu trennen. Dabei helfen Algorithmen, aufmerksame SocialMedia-Kollegen und der Dialog mit den Lesern. Doch leider gibt es viele Menschen, die die Ängste, die eine verwirrende Welt auszulösen imstande ist, nur durch den Blick auf fragwürdige Einflüsterer aushalten. Die stellen eine vermeintliche, schlichte Wahrheit der komplizierten Realität entgegen. Dann hat es eine differenzierte Auseinandersetzung mit Fakten schwer. Auf sogenannten „Querdenker“Demos kann man das erleben, und an den extremen Rändern des politischen Spektrums. Andere finden keine Theorie zu absurd, als dass es sich dabei nicht um eine Verschwörung handeln könnte. Das wiederum ist gefährlich. Und

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Journalisten, die sich nicht vor einen Karren spannen lassen wollen, denen das aber stets unterstellt wird, werden beschimpft. Für Politiker gilt das erst recht. Die Wirtschaft und ihr Handeln, außerhalb des Wirecard-Desasters, sind 2020 etwas aus dem Blick geraten. Im Grunde gelten die Herausforderungen der Digitalisierung aber für jedes Unternehmen und jede Führungskraft. Die Chance ist, ernsthaftes Interesse an seinen Stakeholdern zu haben; das Risiko, in der großen Gereiztheit den Überblick zu verlieren. Um den wahrhaftigen Umgang miteinander zu erhalten, wo es noch möglich ist, heißt Digital heute auch Dialog. Die Welt ist vielen zu komplex geworden; die Medien müssen versuchen, ihren Lesern den Weg durch diese Welt zu weisen.


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