turi2 edition #13: Agenda 2021

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Was nervt am Journalismus der Boomer – und was machen Millennials besser, Felix Dachsel?

Natürlich blickt anders auf diesen Job, wer seine Berufslaufbahn gerade erst gestartet und ein ureigenes Interesse am Überleben der Branche hat. Selbstverständlich hat es also einen negativen Effekt, wenn nicht genug Digital Natives an der Macht, die Redaktionen überaltert und voller Printosaurier sind. Medienhäuser müssen den Digitalisierungsschub aus 2020 unbedingt mitnehmen. Millennials haben den besseren Radar für junge Themen: Hört ihnen zu, um vielfältig zu sein! Euer Publikum sollte nicht mit euch altern. Millennials haben einen entspannteren Umgang mit subjektivem Journalismus – auch der darf sich im Ichallergischen Journalismus gerne verbreiten. Millennials sind in ihrem Konsumverhalten sprunghaft, haben eine kürzere Aufmerksamkeits-

Felix Dachsel, Chefredakteur „Vice“ Deutschland Fotos: Blue Ocean/Gert Krautbauer, PR, Ilona Habben, Philipp Sipos

spanne. Das macht sie nicht zu schlechteren Lesern, sondern zu besseren Autoren. Sie wissen: Du musst fesseln, rumlabern ist verboten. Der Konkurrent ist im Zweifel Netflix. Millennials haben das Grundprinzip digitaler Kommunikation verinnerlicht: Sei nicht nur sendungsbewusst – sondern auch empfangsbereit. Sie tauschen sich auf Augenhöhe mit ihrem Publikum aus, machen Fehler und geben sie (im besten Fall) zu, weil sie keine Schande sind, sondern Ausweis von Experimentierfreude. Da Millennials nur eine kriselnde, sich stets verändernde Medienwelt kennen, sind sie oft flexibler, wechselwilliger, spontaner und bereit, Strukturen permanent zu hinterfragen. Sie bleiben eher keine zehn Jahre an einem Ort. Von ihnen können ältere Kollegen lernen, dass die Begründung „Haben wir schon immer so gemacht“ nichts verloren hat im Journalismus. Und dass man niemals Machtansprüche ableiten sollte aus Dingen, die man mal in grauer Vorzeit geleistet hat. Gleichzeitig darf sich niemand in seinem Büro frühpensionieren, dafür ist unsere Aufgabe zu wichtig. Es gibt kein Recht auf Inspirationslosigkeit.

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Wie verändert die Pandemie die Art und Weise, wie wir bauen, Anne Zuber? Erst einmal gar nicht. Auch wenn wir das Gefühl haben, dass dieser Zustand unerträglich lange dauert – irgendwann 2021 wird die Krise enden, und die Monate, in denen sie unser Leben bestimmte, in den langwierigen Prozessen der Bauwirtschaft nur ein Wimpernschlag gewesen sein. Ich habe ein paar Geschichten gehört von Architekturbüros, etwa in Brooklyn, die unter dem Eindruck des Lockdowns noch schnell ein paar mehr Balkone in ihr aktuelles Projekt eingeplant haben – doch das werden Einzelfälle bleiben. Es sind ja nicht Pandemien, die das Bauen verändern. Sondern der Markt und die Gesetze, die ihn regulieren. Letztere macht die Politik, also wir alle. Die Frage sollte deswegen eher lauten: Hat Corona unsere Wohnbedürfnisse langfristig verändert? Und zwar so stark, dass sich daraus politischer Druck ergibt, der wiederum neue Normen und Regularien schafft? Oder haben wir nur deshalb jüngst unserem Zuhause so viel Aufmerksamkeit geschenkt, Sofas gekauft, Räume gestrichen und Terrassen bepflanzt, weil uns nichts anderes zu tun übrigblieb? Ich wünsche mir, dass diese

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Anne Zuber, Chefredakteurin „Häuser“

Sensibilisierung für die Bedeutung von Wohnqualität zukünftige Entscheidungen auch dann noch beeinflussen wird, wenn wir 2020 rückblickend schon zu einer idyllischen Zeit verklären. Weil ich fest daran glaube, dass die Gestaltung unserer vier Wände große Auswirkung auf unser Wohlbefinden hat. Dass ein gemischt genutztes Viertel die Lebensqualität erhöht und den sozialen Frieden fördert. Dass jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, in der Nähe seines Hauses Natur zu erleben. Was unsere Häuser und Wohnungen auf jeden Fall verändern wird, ist die Transformation der Arbeitswelt, das Verschmelzen von privatem und professionellem Leben. Aber das wäre so oder so passiert. Die Pandemie hat nur auf die Fast-ForwardTaste gedrückt.


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