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Verstehen Sie Berlin, Lorenz Maroldt?

Diese Frage klingt ja wohl nicht rein zufällig ein bisschen so wie „Verstehen Sie Spaß?“, oder? Nicht nur Neuberliner und „Bloßnicht!“-Berliner haben oft das Gefühl, im falschen Film zu sein. Ohne Humor wäre das alles jedenfalls nur schwer zu ertragen. So hat zum Beispiel der BER-Witz als eigene Gattung über Jahre einen Aufstand verhindert, denn anders ist es kaum zu erklären, dass für die peinlichen Milliardenpannen niemand die Verantwortung übernahm. „Wir werden fertiger und fertiger“, sagte einst Hartmut Mehdorn über den Flughafen, an dem auch er sich ein paar Jahre versuchte. Die Berliner haben das allerdings nicht auf den Zustand der Baustelle bezogen, sondern als gelungenen Beitrag zur folkloristischen Paradedisziplin Selbstironie verstanden: „Wir sind ja mal wieder sowas von fertig – haha, Prost.“ Meldungen wie „Sanierung der Schneckenbrücke verzögert sich um mindestens zwei Jahre“ und „Auch heute wieder Stau auf der Schnellerstraße“ sind allerdings keine Berlin-Parodien, sondern gehören zur täglichen Reality-Soap. Dass der BER am Ende mitten in einer Pandemie aufmacht, und das auch noch am Tag vor dem Winter-Lockdown, also quasi unter Ausschluss des flugwilligen Publikums, ist die perfekte Pointe der Geschichte – auch wenn sich natürlich niemand gewundert hätte, wenn der Flughafenchef

bei der Eröffnung über ein liegengebliebenes Kabel gestolpert wäre und im Fallen mit dem Korken einer Flasche Dom Perignon eine schlampig festgeschraubte Säule im Terminal umgeschossen hätte. Aber wenn es stimmt, dass die Geschichte des BER eine Allegorie auf Berlin ist, also beide, der Flughafen und die Stadt, „charmant, respektlos, exzentrisch und völlig dysfunktional“ sind, wie die „New York Times“ neulich Ex-US-Botschafter John Kornblum zitierte: Wird dann Berlin jetzt genauso langweilig, normal und berechenbar, wie es ein eröffneter Infrastrukturbau nun mal ist? Keine Sorge, das passiert schon nicht – die Hauptstadt bleibt auch mit dem eröffneten BER das unverständliche, verwirrende Babylon. Nur in Berlin prüfen acht verschiedene Behörden den Antrag für einen Kinderflohmarkt; nur in Berlin sind achtzehn Verwaltungsschritte bis zum Aufpinseln eines Zebrastreifens nötig; nur in Berlin melden sich die öffentlich Bediensteten im Jahresdurchschnitt an 40 Tagen krank; nur in Berlin gibt es drei Gerichtsbarkeiten, von denen immerhin zwei funktionieren: die Friedensrichter der Clans und die Kiezgerichte der Autonomen. Der Rechtsstaat, sagt die Staatsanwaltschaft, ist hier „in weiten Teilen nicht mehr funktionsfähig“. Die Bewohner passen sich dem Tempo von Politik und Verwaltung an:

Lorenz Maroldt, Chefredakteur „Tagesspiegel“

„Wegen unserer Weihnachtsfeier bleibt das Geschäft am Montag, den 5. August, geschlossen“, steht an einer Ladentür in der Bergmannstraße, und niemand wundert sich. Meldungen, Anträge und Beschwerden, die von einem Behördenschreibtisch auf den nächsten geschoben werden, bekommen den Vermerk „erledigt“ (nein, das ist kein Witz). Natürlich erhält auch ein Virus wie Corona nach jedem neuen Beschluss eine faire Chance zur Verbreitung, weil a) übers Wochenende niemand an der Verordnung arbeitet, b) das Ordnungsamt Feierabend macht, wenn die Pandemie-Partys in den Parks erst beginnen, und c) sich die Gesundheitsämter nicht von jedem helfen lassen (schon gar nicht von Leuten in Bundeswehruniform).

51 · turi2 edition #13 · Agenda 2021

Frage an einen Verwaltungssprecher: Warum dauert die Sanierung eines 700 Meter langen Radwegs in Berlin 400 Tage? Offizielle Antwort: „Das versteht doch kein Mensch!“ Berlin ist und bleibt eben die Welthauptstadt der organisierten Unzuständigkeit. Die Hauptverwaltung mit dem Regierenden Bürgermeister an der Spitze beschäftigt sich mit der Höhe von Bordsteinkanten, die Bürgervertreter in den Bezirksversammlungen mit der Abschaffung des weltweiten Kapitalismus. Das versteht tatsächlich kein Mensch. Aber es ist eine Erklärung. Letzte Nachricht vom eröffneten BER: Nach einer Woche Betrieb war der Aufzug zur Besucherterrasse kaputt. Aber versprochen: Wir arbeiten dran.