turi2 edition #13: Agenda 2021

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Stirbt die Kultur, Christoph Amend?

Zufällig treffe ich eine, von denen immer die Rede ist, wenn man von Kreativen spricht. Sie ist Anfang 30, lebt in Berlin. Beim Spazierengehen mit Snack laufen wir uns über den Weg. Es gehe so lala, sagt sie, und als ich nachfrage, was das bedeute: „Noch zwei, drei Monate kann ich durchhalten, dann wird’s eng.“ Und fügt etwas hinzu, was das ganze Lockdown-Drama klar macht: „Ich bin nicht zimperlich, ich würde wieder in einem Café arbeiten – aber in welchem?“ AnnenMayKantereit, die Indie-Band, haben gerade den Soundtrack dieses Lebensgefühls veröffentlicht, ein Album, im ersten Lockdown entstanden. Es ist kein Zufall, dass ihre neue Single „Gegenwart“ heißt: „Die Kneipen schließen / die Kinos auch / Und im Schauspielhaus ist Requisitenausverkauf“, singt Henning May. „Die Gelder fließen, die Tränen auch / Woher sie plötzlich kommen, weiß niemand so genau.“

Christoph Amend, Editorial Director „Zeit-Magazin“

Es kann einem ja auch niemand so genau erklären, warum Ikea offen ist und Museen nicht. Das Investieren in Sicherheitsmaßnahmen von Theatern: Es hat ihnen nicht geholfen. Auch darf sich niemand wundern, wenn der talentierte Techniker, der mit berühmten Bands auf Tour war, sagt: Sorry, ich wechsle die Branche, ich muss meine Familie ernähren. Künstler*innen haben keine Lobby, zumindest keine organisierte, deshalb ist das Mindeste, was wir Medienmacher*innen tun können: ihnen eine Bühne bieten, solange die Bühnen geschlossen sind. Stirbt die Kunst? Nein, sie kämpft. In den letzten Monaten ist so viel Kunst entstanden, die wir nur noch nicht kennen. Musik wurde aufgenommen, Romane und Drehbücher geschrieben, Bilder gemalt, Konzerte vorbereitet – das will alles raus, in die Öffentlichkeit, zum Publikum, sobald es wieder geht. Wir müssen nur alles dafür tun, dass es dann auch geht, die Politik mit unkomplizierter Hilfe, wir mit Kulturkonsum. Wie singt Henning May in „Gegenwart“? „Ich muss mich zwingen, ein paar Stunden keine Nachrichten zu lesen / Fühlt sich an, als wäre gestern alles halb so wild gewesen / Und morgen könnte alles anders sein.“ Es könnte. 2021, wir setzen auf Dich. Fotos: Diana Pfammatter, HR Radio Bremen / Martin von Minden , imago images

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Ist Crossmedia nur Schönsprech für mehr Arbeit für weniger Leute, Andrea Schafarczyk? Noch vor ein paar Jahren dachte ich, dass Crossmedialität etwas Handwerkliches ist: Man reißt Wände ein, setzt Kolleg*innen zusammen. Ein paar Schulungen und gemeinsame Themen. Der Rest läuft automatisch. Ein Irrtum. Heute weiß ich, dass man nebeneinander sitzen und trotzdem alles wie gehabt machen kann: mein Thema, mein Kanal, mein Publikum! Nur: Mein Publikum hat sich umgeschaut und neue Angebote gefunden. Ich muss um seine Aufmerksamkeit kämpfen. Und das geht besser im crossmedialen Team. Crossmedialität ist vor allem eine Haltung, eine Art, zu denken. Dabei ist der persönliche Kontakt entscheidend, es geht darum, Menschen als Menschen zusammenzubringen. Wer sich vertraut, der tauscht auch Recherchen, Informationen und Inhalte aus. Der rückt im journalistischen Alltag zusammen, um gemeinsam zu schauen, was in einem Thema steckt. Der versteht die anderen als Perspektiv-Gewinn. Ich habe gelernt, dass sich Zusammenarbeit nicht verordnen lässt. Am besten entwickeln die bereichsübergreifenden Teams ihre Arbeitsweisen selbst. Schon deshalb

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Andrea Schafarczyk, Chefredakteurin hr

passen Crossmedialität und autoritärer Führungsstil nicht zusammen. Die Führung ist hier weniger Leader, sondern Coach, und bringt Teams in die Eigenverantwortung. Kontrolle abgeben, radikal offen sein und Vertrauen haben: Das braucht Zeit, Kraft, Toleranz. Dann passiert das, was Crossmedialität für mich zum Zukunftskonzept macht: Ko-Kreativität, vom Thema ausgehen, mit dem Blick auf das Publikum des jeweiligen Kanals für die Kolleg*innen mitdenken oder gar mitproduzieren. Bestenfalls mit Veröffentlichungsplan, wann was kommt, abgestimmt auf die jeweilige Primetime. Das bringt Themen mehr Aufmerksamkeit und Inhalten längere Lebenszyklen. Ja, Crossmedialität ist ein Zukunftskonzept. Es bietet viel mehr als die Summe seiner einzelnen Teile.