turi2 edition #13: Agenda 2021

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sein können. Als ich in der Grundschule von der Ausländerklasse in den Regelunterricht durfte, war das der erste Meilenstein für meine Eltern. Dass ich dafür meine Nachmittage aufgeopfert habe, war kein Thema für sie. Wenn ich das heute anspreche, sagen sie, ich solle doch froh sein, dass sie mir damit zum Erfolg verholfen haben. Sie haben mir aber auch beigebracht, mich zu wehren, nicht gleich klein bei zu geben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Du hast mal gesagt, die Fraktion der Weltverbesserer sollte unbedingt ihre eigene „Bild“-Zeitung rausbringen. Wie oft liest du „Bild“? Hin und wieder. Ich folge ihnen auf Social Media und muss sagen, ich finde so gut, wie sie es machen. Sie wissen, wie sie Aufmerksamkeit erregen. Sie wissen, dass Menschen emotionale Sprache und emotionale Geschichten brauchen. Wenn meine Eltern oder einige meiner Freunde die „Bild“ in die Hand nehmen, haben sie nicht das Gefühl, dass die Zeitung auf sie herabguckt oder sie bewertet, weil sie mal eine Vokabel nicht kennen. Sie erhebt sich nicht über sie. Es ist super wichtig, dass Menschen das Gefühl bekommen, mitreden zu können. Alles andere ist richtig fatal für eine Demokratie. Und ich glaube, das ist ein Fehler, den viele intellektuelle Nachrichtenangebote machen. Überraschend viel Lob für Boulevard. Ich bin sehr offen gegenüber allem, will jetzt aber keine Werbung für „Bild“ machen. Natürlich gibt es Texte, die gar nicht gehen,

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wirklich unter aller Sau sind. Ein Freund von mir hat einen ähnlichen Hintergrund wie ich, ist auch als Kind nach Deutschland gekommen. 2015 hat er aus der „Bild“ die Argumente der AfD zitiert. Da habe ich gemerkt, dass die Zeitung als PropagandaMaschine einen Effekt auf ihr Publikum hat. Ich habe mich damals hingesetzt und ihm in Ruhe erklärt, dass solche Inhalte gefährlich sind. Ohne ihm mit Links der „FAZ“ oder der „Süddeutschen Zeitung“ zu kommen. Dann hat er zugehört. Man muss auf die Menschen zugehen und ihnen zutrauen, Dinge zu verstehen, statt sie gleich abzustempeln. Alle lechzen nach Nuancen. Nuancierter Journalismus ist aber oft langweilig formuliert. Da frage ich mich: Wieso, liebe Journalist*innen, macht ihr euch die Demokratie so schwer? Wie hast du 2015 die Debatten um Asyl und Geflüchtete erlebt? Für mich war das erstmal eine sehr schöne Zeit. Als ich die Bilder vom Hauptbahnhof in München gesehen habe, sind mir Tränen in die Augen gekommen. Ein paar Monate hatten wir Ruhe vor Ausländerfeindlichkeit – vermeintliche Ruhe. Dann kam die Silvesternacht. Die Diskussionen über junge syrische Männer fand ich schrecklich. Ich wollte in die Welt hinausschreien: Wann versteht sich Deutschland endlich als Einwanderungsland? Ihr seid schon seit Jahrzehnten eines. Was heißt das für den Journalismus? Wenn die Aussage kommt, junge syrische Männer