turi2 edition #13: Agenda 2021

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Wird 2021 ein grandioses, nachgeholtes Supersportjahr – oder ein coronageschädigtes Mistjahr, Lars Wallrodt?

Karl-Heinz Rummenigge sagte Mitte Oktober bei uns in der „Bild am Sonntag“ einen Satz, der mich sehr nachdenklich gestimmt hat: „Die Entwöhnung der Fans ist das, was mir am meisten Sorge bereitet.“ Die Entwöhnung der Fans – im FußballLand Deutschland hätten wir uns nie träumen lassen, dass dies einmal die größte Sorge des BayernBosses sein könnte. Aber es stimmt ja: Das CoronaVirus hat in die DNA des Sports eingegriffen, hat ihn auf den Kopf gestellt und wird ihn noch lange elementar gefährden. Der Profifußball konnte sich im Frühjahr immerhin mit letzter Kraft in die traurige Ära der Geisterspiele retten und damit die Fernsehgelder vor dem Versiegen bewahren. Andere Sportarten wie Eishockey, Handball und Basketball trifft es ungleich härter: Ihre Finanzierungsmodelle basieren wesentlich stärker auf Zuschauereinnahmen, weil sie weniger TV-Präsenz haben. Für sie sind leere Hallen ein tödliches Gift. Selbst wenn wir optimistisch annehmen, dass Corona 2021 durch Impfungen zurückgedrängt werden kann und sich zunehmend Lockerungen einstellen: Der Sport (wie die gesamte Veranstaltungsbranche) wird noch lange unter den Nachwirkungen leiden. Denn Rummenigge hat einen entscheidenden Punkt angesprochen: Prioritäten verschieben sich, die Fans entwöhnen sich. Und das nicht, weil sie keine Lust mehr haben

Lars Wallrodt, Sportchef „Bild am Sonntag“ und „Welt am Sonntag“

auf Fußball, Handball und Co. Aber sie werden nicht sofort wieder in Massen in die Stadien strömen, befürchte ich. Corona befällt ja nicht nur die Lunge, sondern auch den Geist. Nach Monaten der Zwangsisolation werden die wenigsten sich gleich wieder unbeschwert in den Trubel stürzen. Wenn, dann nähern sie sich zögerlich – testen mal an, wie es ist da draußen. Die Angst wird noch lange mitspielen. Viele haben sich auch entfernt von ihrem Lieblingssport. Immer öfter höre ich: „Ich interessiere mich gar nicht mehr so...“ Die breite Basis bröckelt. Vor dem Fernseher – oft allein – ist es eben nicht das gleiche Erlebnis wie mit 80.000 im Stadion.

Viele haben gemerkt: Es geht auch ohne, und das tut nicht mal besonders weh. Dieses Denken rückgängig zu machen, wird Zeit brauchen. Der Sport benötigt einen Regenerationsprozess, der sicher Jahre dauern wird. Ergebnis: offen. Es wäre also vermessen, nach diesem besch... Jahr strahlend Richtung 2021 zu stürmen. Und doch: Es wird besser werden, davon bin ich überzeugt. Wir verstehen das Virus zunehmend, Impfstoffe werden für eine gewisse Immunität sorgen und damit hoffentlich für eine Lockerung der Einschränkungen. Es wird allerdings Zeit brauchen – und Disziplin! Eigentlich sollte 2021 das Nachholjahr werden für 2020, in dem so ziemlich alles ausfiel, was Rang und Namen hat: Olympische Spiele, Fußball-Euro-

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pameisterschaft, Ironman auf Hawaii. Man braucht kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es auch 2021 Einschränkungen geben wird – wenn nicht sogar neue Absagen. Anpassungen werden nötig sein. Ob es zum Beispiel tatsächlich eine gute Idee ist, die EM wie geplant stattfinden zu lassen? Es sollte ja ein pan-europäisches Turnier werden, ausgetragen in zwölf Ländern. Doch Fanströme, die quer über den Kontinent ziehen, das wirkt derzeit wie ein Relikt aus alten Zeiten. Schon wird darüber nachgedacht, die EM ausschließlich in Russland stattfinden zu lassen, oder zumindest in nur einem Land. Das scheint vernünftiger. Auch die Olympischen Spiele wurden verschoben, Gastgeber Japan kämpft seitdem um ein tragfähiges Konzept, um das Mega-Event vor Zuschauern stattfinden lassen zu können. Das wohl fröhlichste, völkerverbindendste Großevent des Sports kann ich mir noch viel weniger vor Geisterkulisse vorstellen als ein Fußballspiel. Die Eröffnungsfeier vor leeren Rängen? Das 100-MeterFinale ohne Aufschrei der Massen? Undenkbar! Wie die Gesellschaft wird auch der Sport sich zurücktasten müssen in eine Normalität, die wir uns abgewöhnt haben. Die Hemmungen werden später fallen als die Masken. Doch irgendwann wird der Corona-Alptraum vorbei sein.