turi2 edition #13: Agenda 2021

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Wie weiblich wird die | 1 Fernsehzukunft, Nadine Bilke? Mal ehrlich, es begann mit der „Sesamstraße“, oder? Samson ist einfach cooler als Tiffy. Auch das A-Team: wahnsinnig cool und dabei wahnsinnig frauenlos. Dann ist da noch Laura Holt, die erst Remington Steele erfinden muss, um als Detektivin Aufträge zu bekommen. Auch Christa Brinkmann wird erst am Schluss Chefärztin. Fernsehen spiegelt seine Zeit und kann ihr gleichzeitig voraus sein. So zogen die Frauen ins Fernsehen ein, entmachteten die „Mad Men“ und eroberten Hauptrollen. Sie feierten Erfolge, wurden Kommissarinnen, berufstätige Mütter und Chefinnen.

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Ja, Frauen dürfen Heldinnen sein, Frauen dürfen den Ton angeben – und das nicht nur im Fernsehen, sondern auch in Büros, in denen die Produktionsentscheidungen fallen. Nicht nur deshalb ist Fernsehen mit starken Frauen ein Argument für Investitionen geworden. Dahinter steckt auch eine Nachfrage am Markt. Alte Frauenbilder ziehen nicht mehr beim Publikum. Sind wir also schon da, wo wir hinwollen? Eher nicht. Sonst wäre eine Late Night mit einer Frau bei ZDFneo keine Besonderheit. Sonst gäbe es weniger junge Frauen, die sagen, dass sie Chefin nicht können oder wollen. Sonst gäbe es nicht immer

neue #MeToo-Fälle, die mahnen, dass wir noch lange nicht am Ziel sind. Aber was ist das Ziel? Sollen Frauen im Leben und im TV mächtiger und männlicher sein dürfen? Klar, unbedingt. Bloß wären mehr Frauen im A-Team, während die Männer weiter dabei sind, reichlich langweilig. Zum Glück sehen wir im Fernsehen heute Männer, die für ihr Date kochen, Frauen als Showmasterinnen und alleinerziehende Väter. 2021 geht’s so weiter bei ZDFneo: Eine schwangere Kommissarin weiß nicht, ob sie Mutter sein will. Eine Frau grübelt darüber, wie ihre Beziehungen (zu Frauen) sie zu

Nadine Bilke, Senderchefin ZDFneo

dem gemacht haben, was sie ist. Eine Drag Queen ist der bessere Vater. Reicht das? Auf keinen Fall, wir bleiben dran. Freuen wir uns also auf das neue Normal im TV 2021. Mit mehr „männlichen“ Frauen, mehr „weiblichen“ Männern und allem dazwischen.

Stirbt die elaborierte Literatur-, Filmund Theaterkritik aus, Julia Encke?

Ich könnte mir nichts Langweiligeres vorstellen als ein Feuilleton, das nur aus Rezensionen besteht. Das Feuilleton ist für mich nicht vorrangig ein Ort des Urteilens und Meinens mit der weltfremden Suggestion, dass Kulturjournalist*innen über den Dingen stehen und stets den Durchblick haben. Es geht um Analyse, Reflexion und Recherche; um politische Essays genauso wie um Investigation. Und darum, die Stimmen derer abzubilden, die etwas beizutragen haben zu gesellschaftspolitischen Fragen. Die Literatur-, Film-, Theaterkritik darf nicht aussterben, sondern

leistet, wenn sie eine Einschätzung aus Argumenten ableitet, einen entscheidenden Beitrag. Sie zeigt, welche Kunst unsere Zeit hervorbringt, und wie Künstler*innen unsere Gegenwart darstellen, deuten oder verändern wollen. Sie braucht dabei nicht immer alles schrecklich ernst nehmen, schon gar nicht, wenn Werke völlig daneben gegangen sind, kann auch polemisch sein, satirisch, gerne lustig. Sie muss allerdings wissen, was sie tut. Wenn die Debatte um eine Kritik an Igor Levit aus den Fugen gerät, dann auch, weil das Genre der Musikkritik benutzt wurde, um gegen die Twitter-Aktivität eines

Pianisten zu polemisieren, der sich gegen Rechts engagiert und Morddrohungen erhält. Das ist keine Kritik mehr, sondern Kritik als Tarnung für eine ressentimentgeladene Abrechnung. An anderer Stelle können Kritiken

Julia Encke, Feuilletonchefin „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“

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Wissensgrundlagen im emotionalen Meinungskampf liefern: Als bekannt wurde, dass sich der Verlag S. Fischer nach 40 Jahren von Monika Maron trennt, weil sie ohne Rücksprache einen Essayband in der Edition des Buchhauses Loschwitz veröffentlicht hatte, in der neurechte Autor*innen publizieren, hatten dazu alle eine Meinung. Die wenigsten aber kannten die letzten Publikationen Marons. Die Kritik ist genau hier gefragt. Sie ermöglicht eine Differenzierung, die in schnellen Kommentaren oft keine Rolle spielt. Und leistet damit ihren Beitrag zur politischen Debatte.


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