turi2 edition #13: Agenda 2021

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jeden Tag unter den skeptischen Augen der Öffentlichkeit das anspruchsvolle Konzept von Professor Tim Meyer umgesetzt haben. Auch die Fans verdienen Bestnoten, denn sie haben verständnisvoll reagiert und sich disziplinierter verhalten, als viele es vorausgesagt hatten.

seine beste Zeit hinter sich hat? Nochmal: Ich finde seine Entscheidung schade, aber ich kann seine Beweggründe nachvollziehen. Das ist eine persönliche Entscheidung und sagt nichts über den Stellenwert des Fußballs in Deutschland aus.

Wer wäre Man of the Match? Christian Seifert hat beim Krisenmanagement einen Riesenjob gemacht und dafür zurecht viel öffentliche Anerkennung bekommen. Er ist im Interesse des Profifußballs vorangegangen, hat zugleich Empathie gezeigt und den Primat der Politik nie in Frage gestellt. Profi-Ligen aus aller Welt haben unser Konzept übernommen.

Wer bekommt im Spielbericht zum Jahr 2020 die Note ungenügend? Alle, die im Lockdown mit Halbwissen, Vorurteilen und Populismus Stimmung gegen den Fußball gemacht haben. Oftmals ohne Berücksichtigung von Fakten wurde in einer Ausnahme-Situation an einigen Stellen mit der Angst der Menschen Politik gemacht – während mehr als 50.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel standen. Ich habe mit Interesse gelesen, dass auch Herr Lauterbach seine Einschätzungen aus dieser Zeit mittlerweile zum Teil revidieren musste.

Umso schlimmer, wenn der Topspieler auf die Transferliste gerät, um in einer anderen Liga zu spielen. Ich arbeite seit mehr als 15 Jahren gerne und sehr gut mit Christian Seifert zusammen. Bis 2022 ist er ja noch da – was dann passiert, müssen wir sehen. Aber schade ist es in jedem Fall, dass er die DFL dann verlässt. Eigentlich ungewöhnlich, dass Leute den Profifußball verlassen – über den geht in Deutschland ja eigentlich nichts. Ist der angekündigte Abgang von Christian Seifert ein Fingerzeig, dass der Fußball in Deutschland

Müssten nicht auch einige Spieler schlechte Noten kriegen – die per Video oder auf Instagram geteilt haben, dass sie sich nicht an Regeln halten? Dafür gab es Sanktionen. Die übergroße Mehrheit hat sich diszipliniert verhalten. Und: Wir haben auch in anderen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens erlebt, dass sich Abstands- und Hygiene-Regeln erst einspielen mussten.

Spätestens seit Herbst spielt Corona in fast allen Teams mit. Es gibt aber nahezu keine bestätigten Ansteckungsketten innerhalb der Mannschaften. Das Hygiene-Konzept funktioniert also. Aber die Rückkehr von Reisen mit der Nationalmannschaft, aus Urlauben oder das Privatleben an sich sind eben auch Faktoren. Und Privatleben bedeutet nicht zügellose Partys, sondern ganz normale Kontakte – beispielsweise durch Schulkinder. Auch hier ist der Fußball Teil der Gesellschaft. Sie sind dem Fußball doppelt verbunden: Als Direktor Marketing und Kommunikation und Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Fußball Liga sowie als Vater eines Fußball spielenden Sohnes hier in der A-Jugend des FC Kalbach. Was war das Schlimmste an 2020? Eindeutig das Fehlen von echter Kommunikation. Klar kann man im HomeOffice mit Videokonferenzen arbeiten. Aber das Inspirierende, Unmittelbare des persönlichen Austauschs fehlt. Wenn jeder nur noch auf sein Smartphone guckt und sich in seiner digitalen Blase bewegt, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Gesellschaft auseinanderdriftet. Wo fehlt der persönliche Kontakt mehr: im Job

oder hier am Spielfeldrand beim FC Kalbach? Sowohl als auch – ich spiele ja selbst noch ab und an. Direkte Kommunikation ist durch nichts zu ersetzen. Was haben Sie im Jahr 2020 gelernt? Mit Einigkeit, Klarheit und Partizipation lassen sich auch sehr komplexe Probleme lösen. Der Profifußball ist sonst im Wettbewerb naturgemäß sehr von Individualinteressen getrieben. Aber in der Zeit des ersten Lockdowns wurde so viel und offen miteinander gesprochen wie noch nie. Dieser Zusammenhalt hat sehr geholfen, uns durch diese Krise zu manövrieren. Das nächste Spiel ist immer das Schwerste: Droht dem Fußball durch Corona ein Bedeutungsverlust? Nein. Diese Bewertung ist zu einfach. Die Einschaltquoten gehen aber nach unten. Das stimmt nicht. Natürlich hatten die Menschen im ersten Moment des Lockdowns andere Sorgen. Aber schauen Sie sich die Fakten an: Die „Sportschau“ ist im Aufwind, Sky verzeichnete sogar Quotenrekorde. Hinzu kommen die steigenden digitalen Reichweiten. Christian Seifert hat eine Studie zitiert, wonach der Fußball in vielen Ländern für Junge zwi-

»Während Kirchen, Gewerkschaften und Parteien kontinuierlich an Zuspruch verlieren, bleibt der Fußball eines der letzten verbindenden Elemente unserer Zeit« 161 · turi2 edition #13 · Agenda 2021