turi2 edition #13: Agenda 2021

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Insights

Philipp Westermeyer: »Wir werden bereit sein« Der OMR-Gründer verliert Millionen und vergießt Tränen. Trotzdem wächst seine Firma 2020. Mit YouTube-Dokus und Fernsehturm-Action will er sie jetzt für die Zukunft rüsten

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Philipp Westermeyer, Online Marketing Rockstars

Foto: PR

motional und wirtschaftlich war 2020 herausfordernd. Unser OMR Festival, das ursprünglich für Mai 2020 geplant war, haben wir abgesagt. Bei der internen Absage habe ich geweint. Die verschiedenen Elemente des Festivals haben wir zerlegt und Einzelteile wie Keynotes, Masterclasses und Messeflächen digital neu zusammengesetzt. Viele digitale Elemente sind schon vor Corona da, wir müssen nicht bei Null anfangen. Trotzdem haben wir ein ganz neues Produkt erschaffen: Anstelle der Stände, an denen sich Softwarehersteller*innen in den Messehallen zeigen, gibt es nun OMR Reviews – ein Portal, bei dem man sich von Shop-Lösungen bis hin zu SEO-Tools alles anschauen kann. Echte Bewertungen von derzeit rund 4.000 Nutzer*innen sorgen dafür, dass man sich vor dem Kauf einer Software schlau machen kann, was andere davon halten. Die Messe findet also jetzt täglich rund um die Uhr statt. Daraus ein Geschäftsmodell zu bauen, wird unsere nächste große Herausforderung – und dürfte uns über Jahre beschäftigen. Wann wir in der „echten“ Welt wieder ein Festival veranstalten, ist im Moment nicht absehbar. Trotzdem wollen wir niemanden entlassen. Einige Kolleg*innen aus der Event-Produktion lernen deshalb gerade andere Bereiche kennen. Andere sind erstmals seit Gründung der Firma in den neu eingeführten Betriebsferien. Wir haben 2020 mehrere Millionen Euro verloren, weil wir unser Kernprodukt nicht ausliefern durften. Erstes Ziel ist es, dieses Geld zu kompensieren. Etwa, indem wir Werte schaffen, die noch größer sind. Mit unserer Reviews-Seite könnte das zumindest auf dem Papier bald funktionieren: Firmen zahlen für Features in ihren Profilen, insbesondere, um zu sehen, welche anderen Firmen auf ihrem Profil waren. Die digitalen Umsätze unserer Review-Seite sind von Investor*innen sehr geschätzt und wären bei einer Unternehmensbewertung viel wert. Wir möchten OMR aber gerne als Familienunternehmen weiterführen, am liebsten ohne Investor*innen und Verkauf sehen. 2020 hat aber auch positive Seiten: Unser PodcastUnternehmen hat massiv zugelegt. Wir haben mehr als zehn neue Leute eingestellt. Der OMR Podcast ist extrem gewachsen – manchmal hören über 70.000 Menschen

eine Folge. Außerdem haben wir neue Projekte gestartet und Hamburgs höchstes Gebäude, den Telemichel, mit der Messe Hamburg und einer Immobilienfirma für 20 Jahre gepachtet. Wir haben eine klare Vorstellung davon, was wir auf 200 Metern Höhe alles machen können, denn das Gebäude ist selbst Content: Wir wollen Veranstaltungen ermöglichen, kuratiert aus den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft. Im November haben wir unser erstes „OMR Original“ als Bewegtbild-Doku veröffentlicht. Das schillernde Leben von Thomas Middelhoff zu verfilmen, hat eine sechsstellige Summe gekostet, Ziel sind Hunderttausende YouTube-Views. Auch da wollen wir weitermachen. Zum Schluss noch eine weitere positive Nachricht: Wir sind als Firma gewachsen und gerade 125 Leute. Unsere digitalen Reichweiten haben zugelegt, aber irgendwie ist trotzdem klar: Viele Menschen verlieren die Lust an Zoom, an virtuellen Bühnen und Webinaren. Zufällige und persönliche Begegnungen sind digital nicht ersetzbar. Man kommt online mit niemandem einfach so ins Gespräch oder stolpert beim Konzert ineinander. Hier kann Technologie nicht helfen. Am Ende hat uns diese Einsicht geholfen, in harten Momenten einen optimistischen Blick zu behalten. Was wir gerne gemacht haben, wird eines Tages wiederkommen. Wir werden bereit sein.

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