turi2 edition #13: Agenda 2021

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»Es wäre mir lieber, wenn es ohne Quote ginge. Aber dafür passiert zu wenig«

nicht gestärkt aus der Sache hervorgeht, wie es im PR-Sprech heißt? Ich bin weiterhin guter Dinge, dass unsere Prognosen eintreten, nach denen wir ab Sommer 2021 wieder einen weitgehend normalisierten Zustand erreichen. Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass uns die langfristigen Trends, auf denen unser Geschäft aufbaut, also Digitalisierung und Fachkräftemangel, noch lange erhalten bleiben. Außerdem glaube ich, dass New-Work-Konzepte in und auch nach der Krise relevanter sind denn je. Unser Credo, dass zufriedene und motivierte Arbeitnehmer, die sich selbst verwirklichen können, zum Wohle der Unternehmen beitragen, werden wir darum weiter in den Markt tragen. Sie haben immer wieder gesagt, dass Sie persönliche Kontakte sehr schätzen. Können Sie das Wort Home-Office überhaupt noch hören? Nach dem ersten Lockdown habe ich es wirklich genossen, wieder ein bisschen häufiger im

Büro zu sein. Ich bin ein bekennender Hasser von Video-Calls und treffe Menschen nach wie vor am allerliebsten persönlich. Auch wenn ich selbst nicht für immer zu Hause sitzen will, habe ich nichts dagegen, weil ich weiß, dass meine Belegschaft die Arbeit im Home-Office schätzt. Wie wollen Sie sicherstellen, dass der starke US-Konkurrent Linked-in Ihnen nicht den Rang abläuft als größtes Business-Netzwerk in Deutschland? Wir sind Marktführer in Deutschland. Wir haben eine sehr starke Marke. Ich glaube, man sollte bei dem, was man tut, nicht nur auf die Konkurrenz schielen, sondern sich vor allem auf die Bedürfnisse der Kunden konzentrieren. Darauf, dass wir Xing-Mitglieder durch ihr Berufsleben begleiten, dabei helfen, dass sie ihr Potenzial entwickeln und sich selbst verwirklichen können, in einer Umgebung, die zu ihnen passt. Uns geht es darum, in den relevanten Momenten ihres Berufslebens für sie da zu sein und eben nicht nur eine Bühne zu bieten, auf der sich besonders die Lautesten in Szene setzen. Wir haben das Ziel, unsere Kunden in ihrem Arbeitsleben glücklich zu machen. Daran arbeiten wir gezielt. Und das wird uns immer unterscheiden von der Konkurrenz.

Auch bei journalistischen Inhalten konkurrieren Sie mit Linked-in, betreiben eine eigene News-Redaktion. Wie soll sich das entwickeln? News werden immer ein wesentlicher Bestandteil unseres Angebots sein. Wir werden weiter daran arbeiten, unsere kuratierten Inhalte stärker zu personalisieren und direkter auf den Einzelnen zuzuschneiden. Mit 51 haben Sie noch ein paar Jahre bis zur Rente. Gut möglich, dass New Work nicht Ihre letzte Station bleibt. Welchen Job wollen Sie auf keinen Fall noch machen? Veränderungen bewirken zu können, treibt mich an. Ich würde wahrscheinlich immer nach digitalen Geschäftsmodellen suchen. Wenn Sie mich in einen tradierten alten Konzern stecken, wo ich irgendwelche Prozessoptimierungen an der 15. Schraube mache, wäre das definitiv nicht mein Ding. Online-Geschäftsmodelle sind meine Leidenschaft. Davon werde ich wahrscheinlich auch bis zu meinem Karriereende nicht mehr abweichen. Als Xing-Chefin sind Sie so etwas wie eine Netzwerk-Königin. Wie gut netzwerken Sie selbst? Ich bin ein Mensch, dem der persönliche Kontakt sehr viel wertvoller ist als ein virtueller. Ich bin darum kein Freund davon, blind riesige Netzwerke ohne Bezug zu mir aufzubauen. Qualität ist für mich wichtiger als Quantität.

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Wenn wir uns Ende 2021 nochmal sprechen, was sagen Sie mir? Dass wir gestärkt aus der Krise herausgegangen sind. Dass wir zurückgekehrt sind zu alten Wachstumsraten. Und dass wir bei Xing jede Menge neue Veränderungen erlebt haben, die den Mitgliedern noch bessere Guidance in ihrem Berufsleben geben. Was ist Ihr Vorsatz für 2021? Den gibt es nicht. Ich mache mir keine Neujahrsvorsätze, sondern plane Dinge das ganze Jahr über. Als eine von wenigen Vorstandsvorsitzenden in Deutschland und mit Blick auf 2021: Wie stehen Sie zur Frauenquote? Seit Jahren sind kaum Frauen in der deutschen Wirtschaft in Führung gekommen. Das ist aus zwei Gründen schlecht: Schlecht für die Frauen selbst, da ihnen offenbar eine Führungsrolle zu oft nicht zugetraut wird, und schlecht für die Unternehmen, weil sie zu wenig diverse Führungsstrukturen haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass Diversität – und dazu gehört mehr als die alleinige Frage nach Mann oder Frau – ein Unternehmen besser macht. Egal auf welcher Hierarchieebene. Wenn wir nur durch verbindliche Quoten zu einer wirklichen Verbesserung kommen, dann muss es so sein. Es wäre mir lieber, wenn es ohne ginge, aber dafür passiert leider zu wenig.