turi2 edition #13: Agenda 2021

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Wie viel Glücksspiel wird die Jobsuche 2021? Ich bin der Überzeugung, wenn wir diese konjunkturelle Delle hinter uns haben, wird der Markt wieder anziehen. Der Fachkräftemangel wird uns langfristig erhalten bleiben. Hochqualifizierte Arbeitnehmer werden sich darum auch in Zukunft nur wenige Sorgen machen müssen. Für diejenigen, deren Fähigkeiten am Arbeitsmarkt weniger gefragt sind, wird es darum gehen, wie sie durch Aus- und Weiterbildung, etwa beim Megatrend Digitalisierung, für Unternehmen interessanter werden. Das sehe ich durchaus auch als gesellschaftlichen Auftrag an. Was hat 2020 mit dem Arbeitsmarkt gemacht? Wenn ich auf unsere Kunden gucke, stelle ich zwei Dinge fest: einen wahnsinnigen Digitalisierungsschub und eine ungeahnte Flexibilisierung der Arbeit. Von Ausmaß und Geschwindigkeit dieser Veränderungen waren wohl alle überrascht. Das ist für mich der positive Aspekt dieser Krise: Wie schnell wir in komplett anderen Szenarien waren, die sich 2019 noch keiner vorstellen konnte. Hat Xing im Lockdown eine andere Funktion? Wir haben versucht, unsere Mitglieder und unsere Firmenkunden bestmöglich zu begleiten. Zu Beginn haben wir bei Xing beispielsweise einen Corona-Ticker zum Arbeiten und Leben in der Krise gestartet. Unsere Teams bei Kununu haben

transparent gemacht, wie Firmen mit der Pandemie umgehen und das in Rankings dargestellt. Auf Firmenkundenseite haben viele Personabteilungen um Rat gebeten. Dazu haben wir einige Webinare auf die Beine gestellt und darin etwa darüber gesprochen, wie Führung und Recruiting aus dem Home-Office heraus funktionieren. Diese Formate wurden positiv beurteilt. Wir haben in dieser Zeit Marke machen können. Ihrer Firma hat Corona aber ziemlich zugesetzt. Sie planen, Millionen einzusparen. Ärgern Sie sich, dass Sie sich gleich im ersten Jahr im neuen Job mit einem Virus herumschlagen müssen, das Ihnen die Wachstumsziele verhagelt? Habe ich mir gewünscht, als CEO einer Firma aus meinem Wohnzimmer heraus zu starten, ohne täglich persönlichen Kontakt zu den Mitarbeitern zu haben? Nein, das ist sicher kein Traumzustand. Gleichzeitig waren meine Berufswechsel häufig von gewissen Challenges begleitet. Bei Lotto24 zum Beispiel war ich zum ersten Mal im Vorstand einer börsennotierten Gesellschaft. Zeitgleich zu meinem Start wurde ein Gesetz verabschiedet, mit dem unserem Geschäftsmodell im Prinzip innerhalb eines Jahres ein Ende gesetzt wurde. So gesehen bin ich da vergleichsweise entspannt unterwegs. Es war damals noch härter. Wie hart ist es heute? Unser Geschäft entwickelt sich weiterhin stabil, wobei wir mit begrenztem Wachstum unterwegs sind. Wir haben daher

kritisch auf unser Portfolio geschaut und uns ganz genau überlegt: In welche künftigen Wachstumsfelder investieren wir? Das war eine PortfolioSteuerungsmaßnahme mit dem Ziel, perspektivisch wieder bei unseren früheren Wachstumsraten zu landen. Das ist im Grunde eine sehr gesunde Übung für jede Firma. Eine Krise kann dabei hilfreich sein. Als Teil dieser Übung haben Sie Stellen gestrichen. Wie haben Sie das Ihrem Personal beigebracht? Natürlich würde man solche Nachrichten am liebsten in persönlichen Gesprächen vermitteln und in physischen AllHand-Meetings weiteren Kontext geben. Da das aktuell leider nicht möglich ist, haben wir versucht, die interne Kommunikation so offen, transparent und auf Augenhöhe wie irgend möglich zu gestalten. Das heißt? Wir haben ein Kommunikationsformat entwickelt, unser „Weekly Campfire“. Das ist ein Video, das wir als Lagerfeuer der Firma begreifen, das informiert, manchmal wärmt, jedenfalls unsere Narrative erzählt. Es startet mit einem Interview, in dem wir Fragen der Belegschaft beantworten, die wir zuvor mit einem internen Tool einholen: Im sogenannten Mood-OMeter können Mitarbeiter ihre Fragen loswerden, die alle anderen hochund runterranken. Auf die Fragen gehen wir dann im Video ein. Insgesamt haben wir so ein ganz gutes Gefühl dafür, wo die Belegschaft steht.

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Dann sagen Sie doch mal: Wie ist die Stimmung nach 2020? Die Stimmung in Bezug auf die Zahlen: stabil und nicht existenzbedrohend. Die Stimmung nach der Restrukturierung: betroffen und empathisch. Dass solche Veränderungen keine Euphorie verursachen, ist ja klar. Gleichzeitig muss man durch eine solche Phase durchgehen, um Grundlagen für die Zukunft zu legen. Das Event-Business liegt brach. Womit verdient Xing gerade Geld? Da haben wir zwei große Säulen: Eine ist unser Memberships-Geschäft, mit Produkten wie Xing Premium und ProJobs. Das zweite sind die Umsätze, die wir im E-Recruiting und Employer Branding mit unseren Unternehmenskunden machen. Viele Firmen sind weiterhin vom Fachkräftemangel betroffen, speziell wenn wir uns die IT-Stellen ansehen. Da ist der Bedarf sogar eher gestiegen. Wie wird das in Zukunft sein? Die Event-Branche wird erstmal kein großes Comeback feiern. Nicht kurzfristig jedenfalls. Bis dahin begleiten wir unsere Kunden bei der Umstellung hin zu Online-Events und versuchen, ihnen dabei so viel Hilfestellung wie möglich zu geben. Die Nachfrage danach ist extrem groß. Die Monetarisierung ist im Vergleich allerdings schlechter. Das muss man in Kauf nehmen und entsprechend einpreisen. Machen Sie sich manchmal Sorgen, dass es noch so lange kriseln könnte, dass New Work eben