turi2 edition #13: Agenda 2021

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Giovanni di Lorenzo wird 1959 in Stockholm geboren, als Sohn einer Deutschen und eines Italieners. Er wächst gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Marco in Rom, Rimini und Hannover auf. Ein Schülerpraktikum bei der „Neuen Presse“ bringt ihn zum Journalismus. Di Lorenzo studiert Geschichte, Kommunikation und Politik in München und moderiert „Live aus dem Alabama“ im BR-Fernsehen. Seit 1989 ist er Gastgeber der Radio-Bremen-Talkshow „3 nach 9“. Nach Stationen bei der „Süddeutschen Zeitung” und dem „Tagesspiegel” kommt er 2004 als Chefredakteur zur „Zeit”

Dieses Gespräch mit 30 Minuten zum Anhören: turi2.de/podcast

Giovanni di Lorenzo, welche Überschrift geben Sie dem Jahr 2020? Im Gespräch mit Freunden würde ich sagen: „Ein Jahr wie ein Knacks.“ Ich glaube, diese CoronaPandemie war ein Knacks für fast die gesamte Menschheit. Roger Willemsen hat einmal ein Buch mit dem Titel „Der Knacks“ geschrieben. Darin beschreibt er Momente von Menschen, in denen sich etwas verändert hat. Dabei haben wir das neue Jahrzehnt vor einem Jahr noch so euphorisch begrüßt. Wir auch. Und jetzt ist 2020 so ein Fehlstart! Ja, wenn man Jahre verantwortlich machen will, dann kann man das so sehen. Einen Hoffnungsschimmer gibt es am Ende dieses Jahres: Donald Trump ist abgewählt. Das Aufatmen in Deutschland war spürbar, auf allen Ebenen. Aber es gibt auch andere Dinge, die gut waren. In Krisenzeiten zeigen sich Menschen von ihrer besten und von ihrer schlechtesten Seite.

Vom Besten haben wir auch viel gesehen: Es gab unendlich viel Solidarität, Hilfe und Fürsorge neben all dem Schrecklichen – das wird als Erfahrung im kollektiven Gedächtnis der Menschen bleiben. Und wir haben gelernt, dass wir anders arbeiten können, dass viele Meetings und Dienstreisen nicht nötig sind. Sie haben in der „Zeit“ geschrieben, es sei eine Demonstration der Menschlichkeit den Risikogruppen und Schwachen gegenüber, dass wir alle zu Hause bleiben. Hält dieser Konsens? Es wird schwieriger. Wir sind so glimpflich durch die erste Corona-Welle gekommen, dass sich auch Menschen, die keine Corona-Leugner sind, gefragt haben: „Das soll’s jetzt gewesen sein? Das war doch vergleichsweise harmlos!“ Ich glaube, dass mit der zweiten Welle die persönliche Bedrohung deutlicher wird, für mich allemal: In meiner Familie hat es zwei Corona-Todesfälle gegeben, einer davon ein sehr naher Verwandter. Ich habe jeden Tag Angst vor dem Anruf, dass es wieder jemanden erwischt hat.

Sind Sie selbst noch vorsichtiger geworden? Natürlich habe ich Angst. Ich war ja schon vor Corona der geborene Hypochonder. Ich will niemanden gefährden, am allerwenigsten die Redaktion und meine Familie. Trotzdem ist mir bewusst, dass ich als Journalist einen systemrelevanten Beruf ausübe. Ich muss sehen, was ich beschreiben und analysieren möchte. Pfleger und Verkäuferinnen können auch nicht aus Angst zu Hause bleiben, obwohl sie sich viel mehr Menschen aussetzen, als wir es tun. Im ersten Lockdown hat die große Mehrheit der Menschen mitgemacht, hat Kontakte reduziert und ist zu Hause geblieben. Kippt jetzt die Stimmung? Ich erkenne Zeichen von Ungeduld und Unverständnis. Ich sehe auch Unmut, Schmerz und Verzweiflung bei Menschen, die aktuell ihren Beruf nicht ausüben können, zum Beispiel im Kulturbetrieb – zumal manche Regeln nicht konsequent sind. Trotzdem würde ich sagen, dass die Gruppe der Menschen, die Corona leugnet und die Maßnahmen gegen

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die Pandemie mit den Repressionen nach dem Ermächtigungsgesetz der Nazis vergleicht, eine sehr kleine Minderheit ist. Vielleicht war der Ton in unserer Berichterstattung manchmal so, als stünden die Corona-Leugner schon kurz vor der Eroberung der Regierungsmacht. Das tun sie aber nicht. In der Flüchtlingskrise 2015 haben Sie kritisiert, dass viele Medien, auch die „Zeit“, zu euphorisch den Regierungskurs begrüßt und fast schon als Aktivisten gehandelt haben, Stichwort „Refugees welcome“. Haben wir Journalist*innen aus den Fehlern von damals gelernt? Zur Flüchtlingskrise und der Berichterstattung darüber habe ich alles gesagt, auch wenn ich die eine oder andere Formulierung von damals heute nicht wiederholen würde. Ich finde die Töne während der Pandemie differenzierter und das meiste sehr informativ. Wir haben in der „Zeit“ schon Ende März einen Titel mit der programmatischen Frage „Alle Macht dem Virus?“ gebracht und darin viele Probleme angesprochen. Und auch jetzt in der zweiten