turi2 edition #13: Agenda 2021

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Löwenzahnwurzeln Roland Tichy, Publizist und Gründer „Tichys Einblick“

Bekanntlich weinen Gänseblümchen, wenn der Rasenmäher brummt. Sie wachsen aber wieder. Der Löwenzahn mit seiner tiefen Wurzel ist sowieso gelassen in solchen Sachen. Ohne Allegorien gesprochen: Politik und Medien haben 2020 Exklusion geübt statt Inklusion. Gleichzeitig zerfällt die Gemeinschaft der Guten und stets Gerechten in immer mehr miteinander rivalisierende, auseinanderdriftende Gruppen. „Diese Zeit ist, wie alle Zeiten, eine sehr gute, wenn wir nur wissen, was wir damit anfangen sollen“, sagt Ralph Waldo Emerson. Also, was fangen wir damit an? Ganz einfach: wachsen. Das betrifft Leser und Unterstützer, also die Gänseblümchen und Löwenzahnblüten, die überall mehr werden, obwohl der Gärtnersmann immer wieder ausrückt. 2020 hat für sehr viele Menschen Einschnitte und Umbrüche bedeutet. Darüber wurden aber auch viele Wege, die sich zuvor durch konträre politische Ansichten gegabelt haben, wieder zusammengeführt. 2020 war die Besinnung darauf, was wirklich wichtig ist. Dazu haben in meinem Laden auch Fehler beigetragen, ein richtig großer und ein paar kleinere. Ich befürchte, Anpassung lerne ich nicht mehr. Dafür mag ich ihn zu gerne, den Widerspruch, und der ist produktiv, besonders im Journalismus. Wenn alle in eine Richtung rufen, braucht es auch solche, an denen sich alle reiben können. Die vielen Gänseblümchen können sich nicht irren. Für 2021 sind viele neue Autoren dabei. Nach dem Gewitter wächst der Löwenzahn.

Es darf menscheln

Auf Digitales setzen

Sigrun Kaiser, Vorstandschefin Blue Ocean Entertainment

Katharina Schaefer, Chefin Hamburg Media School

Mein wichtigstes Learning aus 2020 ist, dass ich keines habe. Klingt komisch, wundert mich selbst, ist aber so. Ja, vieles war plötzlich anders – beruflich wie privat. Aber wenn die Pandemie vorbei ist, wünsche ich mir nichts sehnlicher als mein altes (Berufs-)Leben zurück. Mobiles und vornehmlich virtuelles Arbeiten funktioniert, mehr aber auch nicht. Sobald es geht, möchte ich wieder persönliche, inspirierende Meetings abhalten, auf Messen gehen und auch ein Glas Wein mit dem ein oder anderen lieben Kollegen oder Geschäftspartner heben. Ich mag es, wenn es menschelt, gerade deshalb habe ich die Medienbranche gewählt. Und ich mag es unkompliziert und direkt. Das ist für mich kein Learning und auch nicht progressiv, aber meine Erkenntnis. Mein Vorsatz für 2021 lautet daher: Den Menschen so oft es geht direkt in die Augen schauen. Denn das geht selbst mit modernster Kameratechnik nicht.

2020 hat mir eins gezeigt: Mit einem starken Team ist alles möglich. Dann gibt es für jedes Problem eine Lösung. Kreativität, Willenskraft und Flexibilität sind meine Keywords des Corona-Jahres. Von jetzt auf gleich haben wir an der Hamburg Media School mobil gearbeitet. Die Seminare der Studiengänge und Weiterbildungsangebote laufen zunächst virtuell, dann als Hybridvarianten. Studienstart und Zeugnisverleihung – auch komplett digital. Das hätte ich 2019 nicht für möglich gehalten, aber: Es geht! Hinter diesem Erfolg steht vor allem das Team. Unseren Innovationsgeist wollen wir 2021 fortführen und Herausforderungen mit Mut und Zuversicht begegnen. Für die Medienbranche gilt dasselbe: Wer jetzt in seine Mitarbeitenden investiert, Talente einstellt und auf digitale Geschäftsmodelle setzt, wird gestärkt aus der Krise herausgehen. Mit Willen (und Mut) zur Veränderung kann dies gelingen.

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