turi2 edition #12 Vorbilder

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»Meine Eltern sagen, dass ich schon immer eine Rampensau war – vermutlich, weil ich sowieso angeguckt wurde« Raúl, du hast einmal gesagt, du würdest dir manchmal wünschen, dass andere Menschen „auch den Arsch“ in dir sehen. Wie ist der arschige Raúl Krauthausen drauf? Ich bin unglaublich ungeduldig. Manchmal scheuche ich meine Kolleg*innen oder Freund*innen mit dieser Ungeduld auf. Mit neuen Ideen, mit Dingen, die mir nicht schnell genug gehen. Da bringe ich, glaube ich, mehr Ungeduld rein als produktiv ist. Welche Eigenschaften an dir übersehen Menschen sonst noch, weil sie auf den ersten Blick vielleicht nur deinen Rollstuhl sehen? Ich glaube, dass es bei Menschen mit einer sichtbaren Behinderung immer, wenn überhaupt, Liebe auf den zweiten Blick ist. Ich war in meiner Jugend nie das Beuteschema, wenn es um Partnerschaften und Beziehung ging. Ich musste immer Körbe aushalten. Du bist Aktivist, Medienmacher, Gründer und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Was unterscheidet dich von Menschen, die weniger umtriebig sind als du? Erstmal: Jeder macht, was er kann und was er will. Ich finde nicht, dass die Leute sich mit mir oder anderen vergleichen müssen oder sollten. Und dann: Es heißt zwar, jeder ist seines Glückes Schmied, aber es hat halt auch nicht jeder Schmied Glück. Ich habe unglaublich viel Glück in meinem Leben gehabt. Ich finde es manchmal etwas unfair, dass der ganze Erfolg mir zugeschrieben wird, dabei war das immer ein Team, großartige Kolleg*innen, mit denen ich das zusammen entwickelt und erarbeitet habe. Es ist immer Teamarbeit gewesen, es war nie Raúl Krauthausen alleine. Du führst deinen Erfolg im Leben also eher auf Glück zurück als auf Können? Das wird ja vielen erfolgreichen Leuten nachgesagt.

Auf jeden Fall. Das war ganz viel Glück, mehr als Können. Ich hatte ein super entspanntes Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, in dem wir von Anfang an gesagt bekommen haben: Ihr lernt sowieso alles in der Praxis. Alle Kommunikationstheorien, die wir euch beibringen, von Luhmann und Co, sind nicht das gleiche wie Neurochirurgie. Ich hoffe, Gehirnchirurg*innen haben mehr gelernt als ich. Das richtig Perverse an der Sache ist ja: Am Ende zählt das Netzwerk, nicht das Können. Und das ist auch der Grund, warum Inkompetenz nach oben kommt. Wenn dein Netzwerk stimmt und du die richtigen Buddies hast, ist das viel mehr wert als schlau sein. Gibt es irgendetwas, das du dir nicht zutraust, wovor du sogar Angst hast? Eine Weltreise, wirklich mal ohne Unterstützung in Form von Assistenz, da bin ich, glaube ich, sehr unsicher. Dann mit Zahlen umgehen, eine Firma führen. Das können andere Leute einfach besser. Wenn dieses Interview erscheint, bist du 40... Ja, bitter. Wenn du auf die letzten Jahrzehnte zurückschaust: Worauf bist du stolz? Auf jeden Fall bin ich stolz auf meinen Freundeskreis. Auf die Möglichkeit, auf eigenen finanziellen Beinen zu stehen, und nicht auf die Leute gehört zu haben, die gesagt haben: „Der ist behindert, der kann das nicht.“ Die gab es in meinem Leben. Nicht viele, aber es gab ein paar Situationen, wo Entscheidungen auf der Kippe standen. Ich bin dankbar und stolz, dass meine Eltern mir immer dabei geholfen haben, diesen Leuten nicht zu glauben. Wie haben sie das hinbekommen? Das klingt so pathetisch und kitschig: Aber wenn meine Eltern

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nicht an mich geglaubt hätten, dann hätte ich mir wahrscheinlich in der 9. Klasse eine Behindertenwerkstatt einreden lassen. Meine Eltern waren keine Inklusionsaktivisten, die unbedingt wollten, dass ihr Sohn erfolgreich wird. Sie hatten einfach das Gefühl, dass eine Werkstatt unter meinem Potenzial liegt. Meine Eltern dachten: Eher ist er arbeitslos, als dass er in einer Werkstatt landet. Ich hatte eine Gymnasialempfehlung, aber ich war unglaublich lernfaul, das haben meine Eltern auch gesehen und gesagt: „Du musst dich halt anstrengen.“ Inwiefern sind sie Vorbilder für dich? Sie sind grundverschieden und auch nicht mehr zusammen. Meine Mutter ist die Pragmatische, die Tacheles redet und Sätze gesagt hat wie: „Du solltest schon studieren, weil Dachdecker kannst du nicht werden.“ Sie hat nicht groß rumgedruckst, sondern mir einfach gesagt, dass meine Möglichkeiten nun mal begrenzt sind und mir keiner den goldenen Teppich ausrollen wird. Mein Vater ist eher der Optimist, der sagt: „Mach alles, was du willst. Probier dich aus.“ Meine Mutter hat mich aufgefangen, wenn große Entscheidungen angestanden haben, Operationen zum Beispiel. Da hilft ihr Pragmatismus unglaublich. Sie hat immer gesagt, dass sie beeindruckt ist von meinem Lebenswillen, von diesem Stehaufmännchenhaften. Ich bin jemand, der – egal wie schlimm es ist – trotzdem weitermacht und dann auch nicht groß traurig darüber ist. Wie stehen deine Eltern zu dem, was du heute machst? Sie sagen, dass ich schon immer diese Rampensau war, die keine Angst vor Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit hatte. Sie vermuten, dass es daran liegt, dass ich sowieso angeguckt wurde und das gewohnt war. Dass das kombiniert mit