turi2 edition #12 Vorbilder

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richtig gewusst, was sie darüber denken sollte. Sie selbst haben viele Neuanfänge und Kontinentalsprünge gewagt zwischen Europa, Asien und Amerika. Nicht immer ganz freiwillig. 1977 bin ich im Alter von sieben Jahren für ein Jahr ohne Eltern von Karachi in Pakistan nach Krefeld gereist und dort auf die Grundschule gegangen. 1982 sind wir dann zusammen dorthin umgezogen. In Krefeld war ich geboren worden, aber nach wenigen Monaten sind meine Eltern mit mir nach Pakistan gezogen. An den Niederrhein kam meine Großmutter mit meiner Mutter auf der Flucht aus Schlesien. Wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt? Mein Vater war als Student aus Pakistan an die Textilschule nach Mönchengladbach gekommen und meiner Mutter als Nachhilfelehrer für Englisch empfohlen worden – meine Mutter ist die einzige Deutsche, die ich kenne, die heute noch Englisch mit indischem Akzent spricht. (lacht) Sie haben in Münster studiert, sind mit 26 für die Allianz nach Singapur, mit 30 gingen Sie für 16 Jahre in die USA, sind seit 2015 wieder in Deutschland. Wo, würden Sie sagen, ist Ihre Heimat? Das ist eine ganz schwere Frage. Im Herzen fühle ich mich als Amerikanerin. Das ist meine Heimat geworden, weil mich da niemand fragt: „Wo haben Sie unsere Sprache so gut gelernt?“ und „Wann gehen Sie in Ihre Heimat

zurück?“ In Deutschland ist mir das früher mehrfach passiert. Kann man verallgemeinern, dass Menschen mit Migrationshintergrund ehrgeiziger sind? In den USA sind besonders viele erfolgreiche Firmen von Migrantenkindern gegründet worden, denken wir nur an Yahoo, Google und Uber. Ich will es nicht an der Migrationserfahrung allein festmachen. Aber: Wer in seiner Kindheit Widerstände überwinden musste und bei wem nicht alles glatt gelaufen ist, der hat vermutlich den Antrieb, nicht so schnell aufzugeben. Und höhere Risiken einzugehen in der Hoffnung, etwas Großes zu erreichen. Mein Vater kam 1946 aus seiner Heimat, einem Bauernhof in Ungarn, nach Deutschland. Über die Kränkungen und Hänseleien jener Zeit hat er erst in den letzten Jahren vor seinem Tod sprechen können. Ich wusste davon als junger Mensch gar nichts und habe mich doch oft als nicht zugehörig, als einsam empfunden. Kennen Sie sowas? Das Gefühl, im Herzen heimatlos zu sein, kenne ich auch. Wenn ich in Deutschland war, war ich im Grunde zu klein und zu dunkel, um deutsch zu sein, in Pakistan und in Indien bin ich zu hell, um wirklich dazuzugehören. Bei Schulfreunden, die ihr Leben lang in einer Region gelebt haben, sehe ich eine Selbstverständlichkeit, eine Verwurzelung, die mir fehlt. Die kennen da, wo sie leben, jede Ecke, jeden Baum

»In Deutschland war ich zu klein und dunkel, in Pakistan zu hell, um wirklich dazuzugehören« und jeden Menschen. Das ist natürlich schön. In welchem Punkt wollen Sie für Ihre Kinder Vorbild sein? Ich will ihnen vorleben, dass man sich trauen soll, auf Missstände aufmerksam zu machen. Als die Kinder klein waren, habe ich sie in den USA in die Schule gefahren und abgeholt. Wenn am Straßenrand Jugendliche ihre McDonald’s-Tüten einfach auf die Straße geworfen haben, habe ich oft angehalten und die Jugendlichen freundlich gebeten, sie wieder aufzuheben. Das war meinen Kindern sehr peinlich. Aber ich glaube, sie haben etwas daraus gelernt: hinzugucken, wo Unrecht passiert, im Großen wie im Kleinen. Inzwischen agieren sie selbst ab und zu so. Wenn Vorfahren die Haltung und die Werte von Personen prägen – was prägt dann eine Firma? Die Haltung und die Werte ihres CEOs und des TopManagements und die vielen Menschen, die die Geschichte dieser Firma geschrieben haben. Wie wichtig sind Traditionen für eine Firma? Extrem wichtig, denn Tradition bedeutet, dass man diejenigen achtet, die vor einem etwas geschaffen haben – auch wenn manches im Nachhinein nicht perfekt war. Aus der Wertschätzung

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dessen, was war, entsteht Dankbarkeit für das, was ist. Die Tradition gibt uns ein Fundament, auf dem weitergebaut werden kann. Die Kultur einer Firma wird nicht in einer Generation geprägt, sondern über viele hinweg. Und eine wertschätzende Kultur zieht Menschen an, die wiederum andere Menschen wertschätzen und so „psychological safety“ schaffen, in der Kreativität und Innovation aufblühen können. Corona hat viel umgekrempelt in unserem Leben. Was haben Sie als positiv empfunden – und was nicht? Positiv war, dass wir mehr Zeit als Familie hatten, weil alle zu Hause waren. Weniger gut ist das Hamsterrad, in das wir alle geraten sind. Die Abgrenzung zu finden, wenn die Arbeit nach Hause kommt, ist sehr schwer. Wie hat sich Ihre Arbeit als Kommunikationschefin bei der Allianz verändert? Wir haben gelernt, als Team zu funktionieren, ohne uns physisch zu treffen. Home-Office war schon lange möglich, aber eher die Ausnahme. Wir suchen jetzt ein komplett flexibles Modell, in dem jeder arbeiten kann, wo er möchte. Die wichtigste Frage ist dann: Wie halten wir als Führungskräfte unsere Teams zusammen? Wie schaffen wir es, dass das Miteinander nicht