turi2 edition #12 Vorbilder

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Als erster Mensch überhaupt will Amelia Earhart die Erde am Äquator auf dem Luftweg umrunden – und verschwindet bei dem Versuch spurlos. Schon davor gilt sie als Weltstar. Journalistin Juliane Leopold bewundert die Pilotin für ihren Mut und ihre Abenteuerlust

nend fand, habe ich mir selbst geschaffen. Nicht im luftleeren Raum, denn es gab immer wieder Menschen, die an mich geglaubt haben. Aber die Chuzpe – für mich eine Mischung aus Wut und Trotz –, ohne den Abschluss einer renommierten Journalistenschule ausgerechnet in Institutionen wie „Zeit“ und „NZZ“ anzufangen und für diese Häuser die digitale Transformation zu begleiten, die ist meine eigene. Chuzpe ist ohne Zweifel der Zwilling jugendlichen Leichtsinns. Chuzpe allein genügt auch nicht – wäre ich erfolglos geblieben, hätte ich mir einen neuen Job suchen müssen. Talent muss dazu kommen. Das war auch bei Amelia Earhart so. Deswegen imponiert sie mir und ist für mich ein wichtiges Vorbild. Auch, weil sie sich nicht auf ihrem Erfolg ausruht, sondern ihn sinnstiftend für andere einsetzt. Sie gründet Organisationen oder tritt ihnen bei, um die Bedingungen für Frauen in der Fliegerei zu verbessern. Ihr Wissen über Flugtechnik gibt sie als Lehrende an der Purdue University weiter. Auf ihren zahlreichen Rekordflügen sammelt sie Wissen über bis dato als schwierig geltende Flugstrecken. Earhart verschwindet wenige Tage vor ihrem 40. Geburtstag. Wir werden nie erfahren, welche Erfolge sie noch erreicht hätte – und welche Misserfolge sie hätte einstecken müssen, wenn es ein „danach“ gegeben hätte. Was bleibt, ist eine Frau, die aus einem Talent und einer Portion Mut ein Ziel geformt und verfolgt hat. Noch Jahrzehnte später inspiriert sie mich mit ihrer Zielstrebigkeit und ihrem Mut.

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Juliane Leopold ist Journalistin und seit 2018 Digitalchefin der „Tagesschau“. Vorher war die Digital-Expertin Chefredakteurin des Online-Magazins BuzzFeed. Leopold hat Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert

Fotos: NDR/Thorsten Jander (1), picture alliance (1)

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er 2. Juli 1937 teilt das Leben von Amelia Earhart in ein „davor“ und ein „danach“. In der offiziellen Geschichtsschreibung ist das „danach“ seit diesem Tag der Tod der Luftfahrtpionierin. Nahe einer kleinen, unbewohnten Insel im Pazifik, die sie zu einer Zwischenlandung auserkoren hat, verschwindet das Flugzeug der Pilotin und ihres Navigators Fred Noonan. Trümmer werden nie gefunden, die beiden Insassen des Flugzeugs auch nicht. Was auf Earharts letztem Flug geschehen ist, ist bis heute Gegenstand vieler Theorien. Am gängigsten ist die Erklärung, dass Earhart und Noonan im Juli 1937 orientierungslos und mit leerem Treibstofftank über dem Pazifik abstürzen. Zuletzt gibt es 2019 wieder eine große, von der „New York Times“ begleitete Suche nach dem Wrack des Flugzeugs – erfolglos. Dass sich die Aufmerksamkeit für Earhart so stark auf ihr Ende konzentriert, ist verständlich, aber bedauerlich. Denn nicht das „danach“ macht sie zu einer beeindruckenden Frau, sondern ihr Leben „davor“. Amelia Earhart ist damals als Pilotin buchstäblich in einer Männerdomäne unterwegs. Nach einer Reihe früher Erfolge überquert sie 1932 allein den Atlantik – eine Leistung, die vor ihr nur Charles Lindbergh gelungen ist. Earhart erringt damit Anerkennung als Pilotin in einer Zeit, in der Fliegen als unweiblich gilt. In den USA hat vor ihr nur eine Handvoll Frauen überhaupt Fluglizenzen erworben. Ein Vorbild ist wichtig, weil es die Hoffnung nährt, dass ein großes Ziel erreichbar ist. Für mich ist dieses Ziel, unbeirrt und ohne Angst dem eigenen Talent zu folgen, sich daraus gar einen beruflichen Weg zu ebnen und den Mut zu finden, sich gegen Widerstände und Missgunst durchzubeißen. Ganz so, wie es Earhart gelungen ist. Als ich vor mehr als 15 Jahren angefangen habe, im Journalismus zu arbeiten, hatte ich keinen Plan und kein Ziel. Aber eine Passion – das Web. Ich fand es spannend, welche neuen Wege der Vernetzung es ermöglicht. Social Media war – soweit ich mich erinnere – damals noch kein Begriff, geschweige denn ein Bereich, in dem es Berufe gab. Die Jobs, die ich span-


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