PUBLIC VALUE ST UDIE
VO M Ö F F E N T L I C H - R EC H T L I C H E N RU N D F U N K ZU R D I G I TA L E N P L AT T F O R M : DIE ROLLE DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ
chivierung an die neuen Herausforderungen des digitalen Journalismus anzupassen. Es nützt wenig, wenn hunderte hochwertige ORF-Dokumentationen perfekt archiviert sind, aber jeweils nur in ihrer vollen Länge. Eine einstündige Doku muss, vereinfacht ausgedrückt, in ihre Einzelteile zerlegt werden, diese müssen einzeln archiviert und nach verschiedenen Kriterien KI-basiert auffindbar gemacht werden. Nur dann können sie für die neuen journalistischen Produkte genutzt werden, die es für die künftig zu bespielenden Plattformen und Social Media-Kanäle braucht.
Denkwelten verstehen. Partnerschaften mit technischen Universitäten und Fachhochschulen können dabei helfen, indem von dort gezielt Personal rekrutiert wird. In den großen Public Service-Medien braucht es zudem neue Personal- und HR-Konzepte, denn der Wettbewerb um die oben beschriebenen Journalisten und Medienmanagerinnen neuen Typs wird kein einfacher. Und er wird nicht nur mit anderen Medienunternehmen ausgetragen, sondern auch gegen die privaten Plattformen.18
Das alles kostet viel Zeit und Geld, und die Gefahr, dass derartige Aufgaben in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen zu kurz kommen, ist groß. Damit würde freilich viel öffentlich-rechtliches Kapital verspielt werden.
6. Schlussfolgerungen
Eine digitale Plattform braucht mehr Diversität der Mitarbeiter_innen als ein Rundfunkunternehmen. In öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen gibt es hervorragende Journalistinnen und Journalisten, aber, wie in den meisten klassischen Medienunternehmen, nur wenige Technologieexpert_innen. Das liegt vor allem an der langjährigen Personalauswahl: In den journalistischen Jobs dominieren seit Jahrzehnten Absolvent_innen von journalistischen, kommunikationswissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Studien, bei den kaufmännischen Führungskräften Juristinnen und Betriebswirte. In beiden Bereichen braucht es künftig mehr Naturwissenschafter und Technikerinnen sowie Mitarbeitende mit hybriden Bildungsbiografien, etwa Diplomingenieure mit Journalismus-Master oder Informatikerinnen mit Betriebswirtschaftskenntnissen. Nur sie können neue Berufsbilder ausfüllen, wie sie im deutschsprachigen Raum derzeit im Entstehen, in den USA schon durchaus verbreitet sind. Dort heißen sie zum Beispiel automation editors, algorithmic accountability reporters und computational journalists.17 Meta-Journalisten, Automatisierungsexperten und Digitalisierungs-Chefredakteure werden auch in Österreich in den kommenden Jahren die Newsrooms verändern. Es gilt daher, gezielt Personal mit KI-Kompetenz zu rekrutieren und die journalistischen Mitarbeiterinnen im Hinblick darauf zu schulen, dass sie mit KI-Experten auf Augenhöhe kommunizieren können und deren 17
Die Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI, die in den deutschsprachigen Medienunternehmen, insbesondere in den öffentlich-rechtlichen, lange geherrschte hat, weicht immer mehr der Erkenntnis, dass künstliche Intelligenz, richtig eingesetzt, mehr Chancen als Risiken bietet. Auch wenn das, was heute in der Medienbranche als künstliche Intelligenz bezeichnet wird, meist nur ein Vorgeschmack auf „echte“ KI ist (und damit darauf, was in einigen Jahren möglich sein wird), handelt es sich dabei nicht nur um einen von unkritischen Technologie-Euphorikern befeuerten Hype. Künstliche Intelligenz wird die Medienbranche massiv verändern, auch weil KI-Technologien immer einfacher verfügbar und immer preiswerter werden. Medienunternehmen im deutschen Sprachraum brauchen eine Strategie, welche Ziele sie mit der KI-Nutzung verfolgen, wie sie die dafür erforderlichen Daten generieren und wie sie die Mitarbeiter_innen in diese Strategie einbinden. Öffentlich-rechtliche Medien haben bei den letzten beiden Themen eine besondere Verantwortung: Sie müssen mit Daten besonders sparsam und sorgsam umgehen, und sie sollten bei ihrer Personalpolitik und -entwicklung immer darauf achten, dass die neuen technischen Möglichkeiten ausschließlich unter der Hoheit der Redaktionen und der journalistischen Qualität stehen. Die automatisierte Produktion von Content, die ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz nicht möglich wäre, kann mehr und bessere Inhalte liefern. KI-Unterstützung in der Recherche kann die journalistische Qualität steigern. Neue Möglichkeiten der Personalisierung können die Kundenbindung verbessern und dazu beitragen, junge Publika zu gewinnen. 18 Vgl. zum aktuellen und vor allem künftigen Wettbewerb um AI-Fachkräfte zusammenfassend Zuboff, Shoshana: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt 2019, S. 220 f.
Vgl. Marconi, S. 154.
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