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Technikjournalist in zusammenarbeit mit dem forum technikjournalismus und Teli EURO 4,99

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Y54998 D-83381 FREILASSING ı GZ 02Z033077 M ı A-5301 SALZBURG I Foto: Hans & Jung GbR

Wir machen einfach Warum „t3n“-Chefredakteur Jan Christe Kopfgeld für einen Online-Redakteur aussetzte.

Umfrage Werkstatt Beruf Porträt

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Worin sehen Technikjournalisten ihre Aufgabe? Sind sie Erklärer, Trendscout oder Warner? Technikrecherche im Social Web. Welche Medien Technikautoren suchen. Robert Jungk: Das Vorbild für Generationen von Technikjournalisten hätte 2013 seinen 100. Geburtstag gefeiert.


Editorial

ANDREAS SCHÜMCHEN ist Chefredakteur des MAGAZINS „TECHNIKJOURNALIST“ as@technikjournalist-magazin.de HANnS-J. NEUBERT IST FREIER WISSENSCHAFTSJOURNALIST UND 1. VORSITZENDER DER TELI hajo.neubert@teli.de

Große Zukunft Krise im Technik- und Wissen- regionalen Sprachen zu übersetzen. schaftsjournalismus? Offenbar ist In Skandinavien, in vieler Hinsicht

das nur ein Phänomen in der westlichen Welt. Nach einer Untersuchung der Nachrichtenagentur ­SciDev.Net in Zusammenarbeit mit der London School of Economics und dem Museo da Vida in Brasilien sehen gerade Journalisten in Afrika, Asien und Lateinamerika eine große Zukunft für den Technik- und Wissenschaftsjournalismus.

kulturell, sozial und technisch weiter entwickelt als Deutschland, versuchen sich Fachjournalisten während ihrer Ausbildung schon länger an englischsprachigen journalistischen Texten. Es erfordert nur ein wenig Mut, Netzwerke zu knüpfen und loszulegen.

Visualisieren: Spannende Filme zu

Technikthemen gibt es nicht nur im

Die Studie hat jedoch einen Fernsehen. Wer online arbeitet, Schönheitsfehler: Es wurden vor weiß, dass gut gemachte Videoclips

allem Print- und Online-Journalisten befragt. Dabei ist weltweit das Fernsehen für die meisten Menschen die Informationsquelle Nummer 1, gefolgt von Internet, Smartphone-Apps und dem Radio. Gedruckte Medien sind dagegen weit abgeschlagen, wenn es um die Aneignung von Informationen, Wissen und Bildung geht. Was folgt daraus für Technikjournalisten?

Internationalisieren: Gerade aus

jeden Text anreichern und Bildschirm-Leser anziehen. Selbst auf YouTube erreichen Technikthemen bemerkenswerte Klickzahlen. Der brillante Dokumentarfilm aus den 1930er-Jahren etwa, der fantasievoll und spannend die Funktion eines Getriebes erläutert (http://is.gd/getriebe). Mehr als dreieinhalb Millionen Menschen sahen ihn sich in den vergangenen vier Jahren auf YouTube an – fast 2.400 pro Tag.

Impressum HERAUSGEBER: Johann Oberauer CHEFREDAKTEUR: Prof. Dr. Andreas Schümchen, Jennifer Schwanenberg (stv.) AUTOREN: Tobias Meyer, Christian Preiser, Manfred Ronzheimer, Jürgen Vielmeier Redaktionsbeirat: Alexander Gerber, Jan Oliver Löfken, Hanns-J. Neubert REDAKTION: EDLAB Editorial Development Lab eG, Gottfried-Claren-Str. 7, 53225 Bonn, Tel. +49/228/96183004, Fax +49/228/96183004, E-Mail: redaktion@technikjournalist-magazin.de VERLAG und medieninhaber: Johann Oberauer GmbH POSTANSCHRIFT: Postfach 1152, D-83381 Freilassing; Zentrale: Fliederweg 4, A-5301 Salzburg-Eugendorf, Tel. +43/6225/2700-0, Fax +43/6225/2700-11, ISDN +43/6225/2700-67 MARKETING: Ruperta Oberauer, E-Mail: ruperta.oberauer@ oberauer.com, Tel. +43/6225/2700-35; Anzeigenverwaltung: Ingrid Laireiter, Tel. +43/6225/2700-31, E-Mail: anzeigen@oberauer.com ABO- UND VERTRIEBSHOTLINE: Birgit Baumgartinger (Leitung), Christine Mayer, +43/6225/2700-42, Sylvia Reitbauer, +43/6225/2700-41, E-Mail: vertrieb@ oberauer.com LAYOUT: Errea Comunicación, Pamplona, Spanien PRODUKTION: Daniela Schneider, Martina Danner DRUCK: Laber Druck, 5110 Oberndorf, Österreich Titelfoto: t3n/Hans & Jung GbR

Deutschland lassen sich unendlich viele spannende Geschichten erzählen, die Leser, Zuschauer und Hörer in anderen Ländern brennend inter­essieren. Ein gutes Englisch reicht dazu, verbunden mit einem internationalen Netzwerk von Kollegen, die in der Regel alle in der Lage sind, englische Texte in ihre

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Selbstverständnis von Technikjournalisten

Trockenen Fakten Leben einhauchen F

ernsehen ist das mit Abstand flüchtigste aller Medien. Daher sind die Anforderungen an Wissenschafts- und besonders Technikthemen ganz besondere. Meine Aufgabe ist es – zusammen mit anderen Wissenschaftsredaktionen des ARD/ ZDF-Verbundes –, diese Themen so aufzubereiten und zu vermitteln, dass sie nicht nur informativ und leicht verständlich, sondern eben auch der Zielgruppe entsprechend spannend sind. Was nützt es, die neueste Innovation oder den Entwicklungsstand eines Themas zu erläutern, und der Zuschauer schläft vor dem Fernseher oder Tablet ein? „Erzählen statt berichten“ lautet das Motto. Ziel muss es immer sein, Emotion und Information zu einem leicht konsumierbaren Produkt zu vereinen, das sowohl in Frankreich als auch in Deutschland gleichermaßen gern geguckt wird. Wichtig dabei ist: Unsere Zuschauer sehen die Sendung auch als eine Art Lebenshilfe, die sie über alle Neuerungen, Gefahren und Möglichkeiten in ihrer Lebenswelt auf dem Laufenden hält oder aber sie davor warnt.

Christian Vogel ist Diplom-Journalist (FH) und beim Hessischen Rundfunk im Programmbereich Kultur und Wissenschaft/Fernsehen seit 2012 Redakteur und Sendungsautor für die arte-Sendung „X:enius“.

Als B2B-orientierter Technikjournalist berichte ich über das Spannungsverhältnis von angewandter Wissenschaft und kommerziellem Erfolg. Nicht alle technischen Erfindungen, die Unternehmen dienlich sein könnten, setzen sich am Markt auch durch. 4 | TJ | 01#2013

Die Analyse der Anbieterlandschaft zählt daher ebenso zu meinen Aufgaben wie die wirtschaftliche Bewertung der Technik. Ziel dabei ist, meinen Lesern zu vermitteln, ob die Beschäftigung mit einem Produkt und seinem Hersteller tatsächlich lohnt. Frank Grünberg ist

Chefredakteur der IT-Fachzeitschrift „Infomarkt“. Grünberg ist Diplom-Physiker und Diplom-Journalist und war Redakteur beim „Handelsblatt“ und der Verlagsanstalt Handwerk. Wissen ist anstrengend, und wer strengt sich in seiner Freizeit gerne freiwillig an? Diese Hürde – schwierige wissenschaftliche und technische Zusammenhänge so aufzubereiten, dass damit beim Zuschauer Lust und Interesse erzeugt werden – versuche ich zu nehmen, jeden Tag aufs Neue. Das Geheimnis liegt im Erzählen von Geschichten. Meine Aufgabe sehe ich darin, trockenen Fakten Leben einzuhauchen und Emotionen zu wecken. Erst dann habe ich eine Chance, dass meine Beiträge Aufmerksamkeit finden, verstanden werden und nachhaltig wirken. Nur wenn mir das gelingt, bin ich mit meiner Arbeit zufrieden. Sabine Fricke ist freiberufliche Fernsehjournalistin und -moderatorin und vor allem für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) tätig. Dort arbeitet sie unter anderem für die Formate „Hobbythek“ und „Servicezeit“. Sabine Fricke hat einen Abschluss als Diplom-Agraringenieurin.

Moderne Technologie ist allgegenwärtig. Sie bestimmt unser Leben mehr denn je. Umso wichtiger ist es, sie zu verstehen. Darin sehe ich meine Aufgabe. Technikjournalisten sind

die Brücke zwischen Spezialisten und Laien – in beide Richtungen. Wir müssen Entwickler daran erinnern, dass jede Technologie dem Menschen dienen muss. Aber genauso müssen wir Laien erklären, warum und wie ihnen neue Entwicklungen nützen. Robert ThieliCke ist

Chefredakteur des Magazins „Technology Review“. Der Diplom-Biologe arbeitete unter anderem als Journalist in Ostafrika und war zehn Jahre beim Nachrichtenmagazin „Focus“. Bin ich ein Genussmensch? Der größte Genuss liegt nicht im Wissen, sondern im Lernen. Auch wenn mir dies dank einer Erkenntnis von Gauß erst kürzlich bewusst geworden ist: Als Journalist will ich anderen Menschen solchen Genuss schmackhaft machen und erleichtern. Handwerklich steht heute im Vordergrund: auf Kommunikationshalden Wissenswertes zu finden, auszuwählen und freizulegen. Und dort, wo die PR Nebelkerzen zündet, für Durchblick zu sorgen. Und Standpunkte zu relativieren, wo Marketing die Perspektiven verzerrt. Karlhorst Klotz ist

Diplom-Physiker und wurde an der TU München in Informatik promoviert. Er war unter anderem leitender Redakteur bei „Chip“ und Online-Chefredakteur der „PC-Welt“. Seit 2008 ist Klotz Chefredakteur von „Energy 2.0“ beim publish-industry Verlag in München, seit 2010 verantwortet er dort auch das Magazin „Mobility 2.0“.

Fotos: Sascha Tritschler, Sibylle Ostermann

Worin sehen Technikjournalisten ihre Aufgabe? Sehen sie sich als Technik­ erklärer, als Trendscout oder Warner? Der „Technikjournalist“ fragte Kollegen, wie sie ihre Rolle definieren.


Titel

ANDREAS SCHÜMCHEN IST CHEFREDAKTEUR DES MAGAZINS „TECHNIKJOURNALIST“ as@technikjournalist-magazin.de JENNIFER SCHWANENBERG IST MITGLIED DER „TECHNIKJOURNALIST“-CHEFREDAKTION js@technikjournalist-magazin.de

„Unser Motto ist: Lieber Schnellboot als Tanker will das kleine und junge Medienunternehmen yeebase aus Hannover sein. Mit ihrem Printmagazin „t3n“ und der Online-Ausgabe t3n.de sind die drei Unternehmensgründer aus Hannover seit 2005 auf Erfolgsund Expansionskurs. Jan Christe, „t3n“-Chefredakteur, spricht im Interview über die Perspektiven auf dem Markt der IT-Fachmedien.

Jan Christe (Mitte): „Während im Internet immer eine gewisse Hektik herrscht und ständig viele News durchrauschen, genießen es viele offenbar, sich einfach die Zeit zu nehmen und ein Magazin zu lesen.“ Foto: Hans & Jung Gbr 6 | TJ | 01#2013

Herr Christe, Sie haben vor Kurzem 1.000 Euro als „Kopfgeld“ für denjenigen ausgesetzt, der Ihnen einen leitenden Online-Redakteur vermittelt. War das nur ein Gag, um Aufmerksamkeit zu erregen, oder ist es wirklich so schwierig, geeignete Technikjournalisten zu finden? Jan Christe: Probleme hatten wir nicht direkt, aber es hat seine Zeit gebraucht, bis wir geeignete Kandidaten gefunden hatten – und dann konnte sich der eine nicht so richtig vor-


Einfach mal machen“ stellen, in Hannover zu arbeiten, und der andere hat am Ende noch kalte Füße bekommen. Wir wollten dann eine zweite Bewerbungswelle lostreten und es einmal anders machen. Da kamen wir dann auf die Idee mit dem Kopfgeld als Anreiz, die Stellenanzeige an potenzielle Kandidaten weiterzugeben. Und das hat gut funktioniert, wir sind zugeschüttet worden mit Empfehlungen, Tipps und Kontakten. Und das war dann wirklich der Hebel zum Erfolg: So sind wir auf Florian Blaschke gestoßen, der Mitte März hier anfangen wird.

Welche Erfahrungen haben Sie denn generell bei Stellenausschreibungen gemacht? Wir haben selten Probleme, ausreichend viele Bewerbungen zu bekommen. Vor Kurzem hatten wir eine Stelle für ein halbes Jahr im Silicon Valley ausgeschrieben – da war die Nachfrage riesig (siehe Kurzinterview/Kasten, Seite 8). Die Schwierigkeit ist allerdings, die richtigen Leute zu finden. Wenn man es schafft, sich als sympathisches Unternehmen zu präsentieren, hat man schon viel erreicht. Für Nachwuchs-

kräfte ist es heute wichtig, dass sie sich mit dem Unternehmen identifizieren können und Freude an ihrem Job haben. Darauf legen wir deshalb großen Wert. Und was erwarten Sie fachlich? Ich finde es wichtig, dass jemand für das Thema brennt, motiviert ist und natürlich auch eine gute Schreibe hat. Er muss sich in einem speziellen Themengebiet gut auskennen, aber trotzdem Generalist sein. Wir wollen eigentlich niemanden haben, der nur ein

Info

Foto: Robert Poorten

„t3n“ Die „t3n“-Gründer Andreas Lenz, Jan Christe und Martin Brüggemann (v. l.) lernten sich während des Studiums an der Fachhochschule Hannover kennen. Im Jahr 2005 gründeten sie yeebase media und entwickelten auf Open-Source-Basis ein Redaktionssystem, mit dem „t3n“ (ursprünglich „Typo3News“) noch heute produziert wird. Christe ist seit der Gründung des Magazins Chefredakteur von „t3n“ und zusammen mit den beiden Mitgründern Martin Brüggemann und Andreas Lenz auch geschäftsführender Gesellschafter der yeebase media GmbH. Das Printmagazin erscheint viermal im Jahr. Es hat eine verbreitete Auflage von knapp 15.600 Exemplaren und rund 10.000 Abonnenten (4. Quartal 2012, nach IVW). Online hat t3n.de eine Reichweite von rund 1,3 Millionen Visits pro Monat. Von der inhaltlichen Ausrichtung her steht „t3n“, dessen Motto „We love technology“ lautet, im Wettbewerb mit so unterschiedlichen Zeitschriften wie „c’t“, „weave“, „Business Punk“ „iX“ und der deutschen Ausgabe von „Wired“. Die yeebase media GmbH mit Sitz in Hannover hat rund 20 Mitarbeiter. 01#2013 | TJ | 7


Titel

„Unser Motto ist: Einfach mal machen“

einziges Thema beackert – lieber sind uns Leute, die über ihren Horizont hinausschauen und thematisch breiter aufgestellt sind. Wichtig ist uns aber auch, dass jemand ins Team passt. Das lässt sich nicht in einem einstündigen Vorstellungsgespräch klären, deshalb laden wir Bewerber für zwei Tage zum Probearbeiten ein.

Zeitschrift lesen wollen, aber es ist einfach eine andere Art von Informationskonsum, weil man sich wirklich fokussiert und nicht von EMails oder Tweets abgelenkt wird.

Wer sind denn die „t3n“-Leser? Unsere Zielgruppe beschäftigt sich professionell und beruflich mit dem Internet. Das sind also Leute, die entwickeln, sich mit Serverstrukturen beschäftigen oder Webdesigns machen. Außerdem Menschen aus PR, Marketing und Kommunikation, die in ihren Unternehmen Internetprojekte verantworten. Letztendlich also eine Zielgruppe, die sich professionell mit Webtechnologien beschäftigt. Sie machen für diese netzaffine Zielgruppe ein Printmagazin – das klingt paradox. Das könnte man meinen – es ist aber nicht so. Wir führen regelmäßig Leserbefragungen durch und stellen dabei immer wieder fest, dass mehr als 75 Prozent sehr zufrieden mit dem Printmagazin sind. Während im Internet immer eine gewisse Hektik herrscht und ständig viele News durchrauschen, genießen es viele offenbar, sich einfach die Zeit zu nehmen und ein Magazin zu lesen. Es mag auf den ersten Blick paradox klingen, dass Leute, die sich mit dem Web beschäftigen, eine gedruckte

Was erwarten die Leser von „t3n“? Wir wissen, dass alles Nutzwertige gut ankommt. Wenn wir Hilfestellung leisten, Marktüberblicke liefern oder Tutorials publizieren und wenn wir mit neuen Diensten in­ spirieren, wird das sehr gut angenommen. Als wir vor sieben Jahren angefangen haben, lag unser Themenfokus noch auf dem Content Management System Typo3, mittlerweile sind wir deutlich breiter aufgestellt. IT-Magazine sind meist recht produkt­ orientiert, man hat den Eindruck, dass oftmals nur auf Pressemitteilungen von Herstellern reagiert wird. Wie läuft die Themenfindung bei „t3n“? Pressemitteilungen sind in den seltensten Fällen Ausgangspunkt für Artikel. Das Redaktionsteam setzt sich einmal im Quartal zusammen, und dann wirft jeder seine Ideen für den Schwerpunkt auf den Tisch. Daraus kristallisiert sich irgendwann ein Thema heraus, das dann ausgearbeitet wird. Die Artikelideen entstehen in den Köpfen der Redakteure oder kommen von Gastautoren, die mehr oder weniger regelmäßig für uns schreiben. Was wir den ganzen Tag über im Netz erleben, ist Ausgangspunkt unserer Geschichten.

Gibt es Themengebiete, für die noch Autoren gesucht werden? Im Moment suchen wir freie Autoren für die Themen „Web-Entwicklung“ und „E-Commerce“. Solche Leute sind immer schwer zu finden, denn wer sich mit Web-Entwicklung auskennt, arbeitet in der Regel auch als Entwickler, und Leute aus dem E-Commerce beraten lieber Unternehmen – für die sind Autorenhonorare natürlich nicht so attraktiv wie ein Tagessatz als Berater. Freie Autoren können sich einfach mit einer E-Mail an jobs@yeebase.com mit Ideen und Arbeitsproben bei uns melden. Aber auch ­Initiativbewerbungen auf feste Stellen oder für andere Themengebiete sind immer willkommen. Sie bieten Werbekunden seit ziemlich genau zwei Jahren „Sponsored Posts“. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Wir haben es uns damit am Anfang nicht leicht gemacht. Uns war immer klar, dass wir im Printmagazin keine „Advertorials“ wollen. Als irgendwann die Idee aufkam, online „Sponsored Posts“ anzubieten, sind wir das sehr offen angegangen: Wir haben unsere Idee auf t3n.de erklärt und den Nutzern gesagt, dass wir nur Themen annehmen, die für unsere Zielgruppe interessant sind, die Texte nicht unbesehen übernehmen, sondern in der Redaktion selbst bearbeiten, und dass wir „Spon-

Praxis

Sechs Monate Silicon Valley Ein halbes Jahr lang durfte Yvonne Ortmann in San Francisco und im Silicon Valley für „t3n“ als Korrespondentin arbeiten. Die freie Journalistin aus Kiel schreibt vor allem für „t3n“ und ­deutschestartups.de. Der „Technikjournalist“ sprach mit ihr über ihre Erfahrungen in den USA. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich für dieses Stipendium zu bewerben? Yvonne Ortmann: Als ich von der Stelle gehört habe, dachte ich zuerst an jemanden aus meinem Freundeskreis. Der zweite Gedanke war dann: Eigentlich könntest du das selber machen! 8 | TJ | 01#2013

Ich schreibe in Deutschland viel über Start-ups, und das Silicon Valley ist schließlich der Hotspot dafür. Es war eine Kombination aus dem Abenteuer, ins Ausland zu gehen, und dem Entdecken neuer Trends und Geschäftsideen. Ich finde, das ist das Spannendste, was man tun kann. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Es hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, nah dran zu sein. Man bekommt einen tieferen Eindruck, als es von Deutschland aus möglich ist. Man nimmt an vielen Veranstaltungen teil und lernt Menschen kennen, die einen einfach weitervermitteln. So entsteht ein Netzwerk, in dem man an spannende


sored Posts“ klar kennzeichnen. Daraufhin war das Feedback unserer Nutzer positiv. Aus der Leserschaft höre ich wenig Kritik. Wir haben drei „Sponsored Posts“ pro Woche bei zehn bis 15 Beiträgen pro Tag. Auch bei den Unternehmen kommt diese Werbeform sehr gut an. Die haben ein großes Interesse, bei uns stattzufinden. Auf normalem redaktionellem Wege klappt das oft nicht, weil es einfach viel zu viele Themen gibt. Und gerade bei Kaufprodukten tun wir uns schwer – wenn wir erst einmal damit anfangen, einzelne Produkte vorzustellen, dann wollen das alle Anbieter. Die Unternehmen müssen allerdings auch mit dieser Werbeform klarkommen. Wir haben uns entschieden, Kommentare auch unter solchen Posts zuzulassen – dann müssen die Unternehmen auch mal mit negativen Kommentaren klarkommen. Das bietet ihnen aber auch die Chance, kritisches Feedback zu einem Produkt zu bekommen. Die Unternehmen reißen sich regelrecht um diese Slots. Wie verändert sich Ihr Geschäftsmodell im Moment? Letztendlich setzen wir ganz klassisch auf Werbekunden und Abonnenten. Mit fast 10.000 Abonnenten sind wir jetzt auch gut aufgestellt. Die Kollegen im Vertrieb machen einen wahnsinnig guten Job im Anzeigenverkauf, das Anzeigenumfeld wird aber auch immer schwieriger. Wir sind aber weit entfernt

Investoren und Gründer herankommt. Das wäre aus der Ferne gar nicht möglich. Was hat das halbe Jahr für die Zukunft gebracht? Persönlich kann ich sagen, dass es mir ein vertieftes Verständnis für das ganze Gründertum gegeben hat. Ich bin viel tiefer in diesem Ökosystem drin und kann besser einschätzen, wie etwas funktioniert. Ich habe viele Gespräche über Scheitern und Erfolg geführt. Ich glaube, dass ich das auch nach Deutschland übertragen kann.

von den Klageliedern, die viele andere Verlage singen. Wir können keinen harten Rückgang sehen. Online haben wir auf Basis unserer 1,3 Millionen monatlichen Besucher mehrere Umsatzsäulen: Wir haben einen Premiumvermarkter, verkaufen aber auch viel selbst und sind mit dem Vermarkter auf Augenhöhe. Zudem betreiben wir eine sehr gut laufende Jobbörse und einen Marktplatz für Dienstleister. Ein wichtiger Hebel sind unsere Leute im Vertrieb, die sich mit dem Produkt identifizieren und den Kunden individuelle Angebote machen können. Das ist ein Trend, den wir beobachten: Die Kunden möchten immer individuellere Angebote – der Kunde möchte einen „Sponsored Post“, etwas im Newsletter, dann noch einen kleinen Banner. Das Geschäft wird deutlich individueller, und darauf müssen wir uns einstellen. Viele Verlage verdienen sich ein Zubrot über Beratungsdienstleistungen oder Corporate Publishing. Sie haben ein eigenes CMS entwickelt. Das war ursprünglich, vor fast acht Jahren, die Geschäftsidee. Das Magazin war quasi nur als Proof-of-Concept gedacht, um zu zeigen, dass das System funktioniert. Wir wollten damals eine wahnsinnig komplexe Software erstellen, das wurde irgendwann unrealistisch. Wir haben dann gemerkt, dass es einen großen Unterschied bedeutet, eine Software zu verkaufen oder einen Verlag zu betreiben. Deswegen haben wir uns dann relativ früh entschieden, nicht zweigleisig zu fahren. Da das Magazin von Anfang an sehr gut angenommen wurde, sind wir beim Verlag geblieben. Wir versuchen jetzt, Geschäftsideen rund um den Verlag stärker zu forcieren. Wir haben Anfang 2012 die hardwrk GmbH ausgegründet. Die vertreibt ein Adapterkit, mit dem man ein Macbook Pro um eine zweite Festplatte erweitern kann. Die Idee ist hier im Verlag entstanden, und das Produkt passt gut zu unserer Zielgruppe. Wir wollen uns künftig für solche Ideen einsetzen, egal ob sie aus dem Verlag selbst kommen oder von Gründern an uns herangetragen werden. Entscheidend ist, dass die Idee zur Zielgruppe passt, damit wir unseren Medienkanal auch nutzen können, um sie bekannt zu machen.

In den Unternehmensprinzipien Ihres Verlages steht unter anderem „Scheitern riskieren“. Was war denn die letzte Idee, die gescheitert ist? Das war die Vermarktung unserer selbst produzierten Videos. Wir haben da viel Zeit investiert, mussten aber erkennen, dass unsere Reichweite derzeit noch zu gering ist. Was wir unseren Mitarbeitern mit „Scheitern riskieren“ sagen wollen, ist, dass sie keine Angst davor haben müssen, etwas falsch zu machen. Unser Motto ist „Einfach mal machen“. Man muss loslegen und ausprobieren, sonst geht es nicht voran. Was wird denn gerade ausprobiert? Unsere digitale Ausgabe ist gerade in der Pipeline. Wir waren da lange Zeit sehr zurückhaltend. Die Nachfrage war aus unserer Sicht noch nicht groß genug, es gab nur sehr wenige Leute, die wirklich Interesse hatten, das Magazin digital zu lesen. Zum anderen waren wir auch von den Lösungen vieler anderer Publikationen nicht überzeugt. Wir möchten beispielsweise einen Rückkanal zur Homepage und eine Kommentarfunktion haben. Auf ein einfaches PDF im AppStore hatten wir jedenfalls keine Lust. Wir hätten damit auch keine große Umsatzerwartung verknüpft. Aber es gibt die Chance, das Magazin durch eine digitale Ausgabe anders zu entwickeln – im Printmagazin gibt es nun mal wenig Diskurs zu den Artikeln. Dieses Jahr wird es Zeit, etwas zu probieren. Wo soll der Verlag in fünf Jahren stehen? Wir drei Gründer neigen nicht dazu, langfristige Pläne in Stein zu meißeln. Wir sind Freunde davon, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Man könnte das als unstrategisch bezeichnen, aber wir haben gesehen, dass es uns gutgetan hat, immer zu schauen, was es links und rechts gibt. Ich stelle mir vor, dass wir in fünf Jahren ein weiterhin sympathisches Medienunternehmen sind, das einen respektablen Online-Kanal betreibt, das ein Printmagazin mit deutlich mehr Lesern als heute herausgibt – und dass sich rund um die Medienmarke auch noch mehr interessante Dienste entwickelt haben. TJ 01#2013 | TJ | 9


Werkstatt

Jürgen Vielmeier ist freier Technikjournalist. Er schreibt meist aus der Halbdistanz über Internettrends, Start-ups und Gadgets unter anderem für die Online-Medien „Netzwertig“ und „Neuerdings“ sowie auf seinem eigenen Blog juergenvielmeier.de mail@juergenvielmeier.de

Telefonieren war früher Mit dem Internet haben sich nicht nur die Verbreitungswege weiterentwickelt – es sind auch neue Tools für Recherche und Themenfindung entstanden. Das Social Web bietet auch Technikjournalisten heute eine Reihe von schnellen Wegen, Betroffene, Experten und Storyideen zu finden.

E

ine Social-Media-Recherche, wie eine offene Frage auf Twitter, wird heute immer mehr zum wichtigen Rüstzeug für Redakteure; die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. „Nie war es für Journalisten einfacher, schnell an Informationen zu gelangen“, schreibt der ZDF-Journalist Martin Giesler auf seinem Blog. „Nie war es für Journalisten angenehmer, sich Notizen zu machen, Bilder zu verschicken, Dokumente auszutauschen, Fakten zu überprüfen.“ Diese Möglichkeiten müssen Journalisten jedoch erst einmal bekannt sein. Und egal, ob auf Twitter, Storify, ResearchGate oder Quora – jedes Tool verlangt eine andere Herangehensweise bei der Suche nach Informationen.

Start-up-Journalist Martin Weigert: Nutzt das Social Web direkt und indirekt für die Recherche. 10 | TJ | 01#2013

Die Stärken der Fragen-und-Antwort-Community Quora liegen in der umfangreichen Wissenssammlung, den sozialen Funktionen, wie der Möglichkeit, Themen und einzelne Fragen zu abonnieren, sowie dem Prominenten-Faktor. Immer wieder antworten Start-up-Gründer und Erfinder selbst auf die Frage eines Nutzers. Philipp Strube etwa, Mitgründer des Berliner Startups CloudControl, erklärte einem Interessierten die Unterschiede seines Dienstes im Vergleich zum Wettbewerb. Stewart Butterfield, Mitgründer der Fotocommunity Flickr, beschreibt auf Nachfrage, warum sein Dienst eben so geschrieben werde und nicht „Flicker“. Quora dient hier vor allem der Hintergrund- und Expertenrecherche. Und Flickr schreibt sich übrigens so, weil der damalige Besitzer von Flicker.com die Domain nicht verkaufen wollte.

Fragen und Antworten sind auch das Herzstück des wissenschaftlichen Social Networks ResearchGate. Vor gerade erst gut fünf Jahren in Deutschland gegründet, ist der legitime Nachfolger von Fachaufsatzsammlungen im Forschungsbereich mittlerweile unentbehrlich geworden. Für Qualität sorgt, dass ResearchGate streng aussiebt, wer hinein darf und wer nicht. Studenten und Mitarbeiter wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen können sich sofort registrieren, andere Interessenten wie Journalisten müssen einen Antrag einreichen, der von ResearchGate geprüft wird. Einmal akzeptiert, können Journalisten hier Themen abonnieren und Antworten zu Fragen aus der Informatik, aber auch vielen weiteren denkbaren wissenschaftlichen Gebieten wie der Molekularbiologie, Medizin oder auch der Literatur, der Geschichte oder der Theologie finden. Für Journalisten eignen sich Dienste wie ResearchGate oder Quora vor allem für die Themeninspiration und Hintergrundrecherche. Um selbst eine Frage zu stellen und auf Antwort zu hoffen, fehlt im Recherche-Alltag meistens die Zeit.

ResearchGate: Journalisten müssen einen Antrag stellen, um in das wissenschaftliche Social Network aufgenommen zu werden.


Geht es um aktuelle Themen, sind die Websites von Reddit, vor allem zu aktuellen Trends im Netz, und Storify eine wichtige Anlaufstelle. Auf Storify kann jeder Nutzer mithilfe der Inhalte zahlreicher Social Networks Themen kuratieren und für andere zugänglich machen. So findet man eine meist gut recherchierte Sammlung aktueller Trendthemen. Außerdem eignet sich Storify sehr gut für die Recherche auf Facebook und Twitter. Der Start-up-Journalist Martin Weigert nutzt das Social Web direkt und indirekt für die Recherche: „Das heißt beispielsweise, dass ich bei Twitter Fragen in die Runde stelle und Antworten in einem Artikel zitiere oder als Hintergrundinformation verwende.“ Weigert unterhält zusätzlich ein dichtes Netzwerk zu deutschen Start-up-Gründern, die er manchmal auch direkt mithilfe einer Facebook-Nachricht kontaktiert. Die jungen Gründer antworten meist binnen weniger Stunden.

Laut einer Umfrage der dpa-Tochter News

Aktuell vom Dezember 2011 ist das mit Abstand meistgenutzte Recherche-Medium noch vor der Suchmaschine die E-Mail. Social-Media-Inhalte werden aber immer wichtiger, weil sie umfassender sind, sich schneller beschaffen lassen und oft auch noch weniger Recherche-Zeit kosten. Immer häufiger sieht die Recherche heute so aus, dass sich der Journalist über ein Thema auf Rivva, Twitter oder Reddit inspirieren lässt. Er garniert seinen Text mit einem kommerziell nutzbaren Bild von Flickr oder Twitter. Er fragt nach Meinungen auf Twitter, analysiert die Kommentare unter einem Unternehmensbeitrag auf Facebook, die er in den Beitrag mit einbindet, holt sich Hilfestellung anderer Nutzer auf Google+, garniert seinen Online-Text mit einem You­ Tube-Video, einer Präsentation von Slide­ share oder einem Audio-Mitschnitt von Soundcloud. Die Lebensläufe von Protagonisten verifiziert er mithilfe von Xing, LinkedIn oder direkter Nachfrage auf dem meistgenutzten sozialen Kanal einer Kontakt-Person. Welcher Kanal das ist, lässt sich oft in wenigen Minuten über eine Google-Suche herausfinden. Viele dieser Plattformen sind mit einer gewissen Einarbeitungszeit verbunden, eine Investition, die sich aber lohnt. Die Dienste machen nicht nur eine schnelle Beantwortung offener Fragen möglich, sondern inspirieren auch oftmals zum Blick über den Tellerrand. Trotzdem bleiben Telefonate und persönliche Gespräche unerlässlich für jeden guten Journalisten. TJ

Tipps

Tools für die Recherche im Social Web FLICKR / flickr.com ist eine Foto-Plattform für Privatleute und Profi-Fotografen. Unter der URL flickr.com/search/advanced kann man unkompliziert nach kommerziell nutzbaren Inhalten suchen. QUORA / quora.com soll, im Unterschied zu Seiten wie wer-weisswas.de, Fragen nach Hintergründen beantworten. Ähnlich wie Wikipedia werden die Inhalte von der Community selbst verwaltet, was die Qualität von Quora hochhalten soll. REDDIT / reddit.com bezeichnet sich selbst als „the front page of the internet“. Die Nutzer erstellen selbst News, entweder als Link oder Textbeitrag. Die können dann von anderen Nutzern bewertet werden. Ein Algorithmus entscheidet über die angezeigte Reihenfolge der News. RESEARCH GATE / researchgate.net ist das Social Network für Wissenschaftler. Ungefiltert von den PR-Abteilungen der Forschungsinstitutionen tauschen sich hier die Forscher selbst aus. Neue Kooperationen und Entwicklungen können dadurch schnell entdeckt werden. RIVVA / rivva.de ist ein Aggregator in erster Linie für deutsche Blog-Inhalte. Die Site bewertet durch die Anzahl der Social-MediaEmpfehlungen, welche Artikel relevant sind. Neu ist die Website 10.000 Files (10000files.de) von „Meedia“-Redakteur Jens Schröder und der Agentur Active Value. Hier werden ausschließlich Empfehlungen von deutschen Medienhäusern ausgewertet. SLIDESHARE / slideshare.net hat sich zur Austauschplattform für Präsentationen entwickelt. Viele Experten stellen hier Slideshows, oftmals versehen mit ihren eigenen Kontaktdaten, öffentlich zur Verfügung. SOUNDCLOUD / soundcloud.com ist eine Plattform zum Austauschen von Audioinhalten. Unter soundcloud.com/search/sounds kann man direkt nach Cliplänge und entsprechender Creative-Commons-Lizenz suchen. TWITTER / twitter.com hat nach viel Kritik daran, dass die Suchfunktion nur für eine begrenzte Zeitdauer funktionierte, nachgerüstet und liefert nun auch Suchergebnisse, die eine längere Zeit zurückliegen oder eine besonders hohe Relevanz hatten. Unter search.twitter.com sind die erweiterten Suchfunktionen sowie eine Liste der entsprechenden Suchbefehle (Operatoren) sofort zu erreichen. STORIFY / storify.com bietet den Nutzern die Möglichkeit, Inhalte aus dem gesamten Web per Drag-and-Drop zu kuratieren. Besonders nützlich sind die eingebauten Suchfunktionen für Facebook, Twitter und Flickr. Tipps, wie Journalisten Storify nutzen können, hat die freie Journalistin Sonja Kaute in ihrem Blog zusammengestellt: stift-und-blog.de/8-arten-von-storifys 01#2013 | TJ | 11


TELI

Inside Technikjournalismus Entscheidet Wissenschaft die Wahlen? Eine Debatte

Wissenschaft und Technologie spielen üblicherweise nur eine untergeordnete Rolle in Wahlkämpfen, zumindest in Deutschland, obwohl gerade Forschung und Bildung die Weichen stellen für die Art und Weise, wie wir künftig leben und arbeiten. Diese Sprachlosigkeit zwischen Wissenschaft, technologischen Entwicklungen und Gesellschaft will die Journalistenvereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik (TELI e.V.) im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 und darüber hinaus mit der ersten deutschen Wissenschaftsdebatte überwinden (www.wissenschaftsdebatte.de). Adressiert werden fünf Schwerpunktthemen, die für unsere Zukunft bestimmend sind: n Demografie (zugleich Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahrs der Bundesregierung), n Energie und n Gesundheit sowie Fragen der n Struktur und Transparenz des Wissenschaftssystems selbst und die n Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. In den kommenden Monaten wird die TELI hierzu laufend aktuelle, kritische Hintergrundberichte auf der Internetplattform ver-

öffentlichen, zu denen Experten und politische Entscheidungsträger öffentlich Stellung beziehen. Diese Online-Debatten werden dann in klassische Massenmedien getragen und auf Veranstaltungen in den TELI-Regionalkreisen fortgeführt.

Hintergrund der Debatte

Bürger finanzieren den größten Teil der Freiheit von Forschung und Lehre mit ihren Steuergeldern, werden im Gegenzug allerdings bisher bestenfalls im Nachhinein über vermeintliche Erfolgsgeschichten informiert. Nicht Aufklärung jedoch tut not, sondern eine frühzeitige breite Debatte über die Ziele und Schwerpunktsetzungen von Wissenschaft und Technik in Deutschland. Eine Debatte, die Hoffnungen und Ängste der Bürger auch wirklich ernst nimmt. Eine Debatte, durch die auch das wissenschaftliche Establishment und die Förderpolitik von Bund und Ländern sich nachhaltig an den Prioritäten der Zivilgesellschaft ausrichtet und nicht umgekehrt. Wer zahlt, sagt an! Indem Bürger ihre Erfahrungen und Erwartungen in Wissenschaft und Forschung einbringen, entsteht ein Schaltkreis, der im Vergleich zu Forschungs-PR und WissenschaftsMarketing endlich die Aufgeschlossenheit gegenüber Wissenschaft deutlich steigern kann.

Bedeutung für den Journalismus

Über Fachpublikationen wenden sich Forscher in der Regel an ihre eigenen kleinen Expertenzirkel, weshalb diese (oft sogar für die Öffentlichkeit gar nicht kostenfrei zugänglichen) Publikationen meist in einer Sprache verfasst sind, die nur für wenige Bürger verständlich ist. Meist fehlt auch das Wissen, wichtige Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Informationsflut herauszufiltern, sie zu bewerten und in einen größeren Zusammenhang einzubetten. Wissenschafts- und Technikjournalisten erfüllen hier eine wichtigere Funktion denn je. Traditionell sind sie es, die Hintergründe recherchieren, Fakten erklären, Wichtiges von weniger Wichtigem trennen und Randpositionen einordnen. In der heutigen Welt sozialer und interaktiver Medien sind sie aber immer stärker auch Mediatoren zwischen Wissenschaft, Politik und den diversen zivilgesellschaftlichen Gruppen. Journalisten werden 12 | TJ | 01#2013

künftig immer öfter die Fragen, Anforderungen und Ideen der Bevölkerung zurück in die Wissenschaft und die technologische Forschung tragen und hierauf Antworten einfordern, die dann wiederum zu Themen der Berichterstattung werden. Wissenschaftsjournalisten sind also längst nicht mehr nur Welterklärer, sondern stehen zusehends für Austausch und Dialog, sind Vermittler, die nicht nur die Wissenschaft in die Gesellschaft tragen (Science in Society), sondern auch gesellschaftliche Fragen in die Wissenschaft (Society in Science). Als dem Lobbyismus weitgehend unverdächtige Akteure, sind Wissenschafts- und Technikjournalisten prädestiniert für diese neue Rolle. Die Wissenschaftsdebatte erschließt somit nicht nur einen überfälligen gesellschaftspolitischen Diskurs, sondern eröffnet auch neue Betätigungsfelder und Verdienstmodelle für den Journalismus und die Medienwirtschaft insgesamt. Dieser Tage schreibt die TELI deshalb mehrere Recherchestipendien aus. Die Ausschreibung für die erste Förderrunde endet am Montag, 18. März 2013. – TELI

Wissenschafts- und Technikdebatte global

„Wissenschaftsjournalismus – Kritische Fragen im öffentlichen Raum“: Das ist das Motto der 8. Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten vom 24. bis 28. Juni 2013 in Helsinki, Finnland. So eine Parole ist wie geschaffen, um die Idee von Wissenschafts- und Technikdebatten den Kollegen aus aller Welt vorzustellen und zu diskutieren. Bei dem von der TELI initiierten Seminar „Science Debates“ in Helsinki wird auch der Vater der US-Wissenschaftsdebatte Shawn Lawrence Otto mit dabei sein und über seine Erfahrungen in Amerika berichten. Die US-Debatte wurde erstmals 2008 zu einem wichtigen Wahlprüfstein. Inzwischen blühen auch in anderen Ländern Wissenschafts- und Technikdebatten auf, wie beispielsweise in Estland, wo der RadioWissenschaftsjournalist Priit Ennet die treibende Kraft ist. Auch er wird von seinen Erfahrungen berichten. In Italien ist seit einem Jahr die ebenfalls von Journalisten geschaffene „Dibattito Scienza“ aktiv, die ähnlich der TELIVersion die Kandidaten der bevorstehenden Wahlen kritisch beobachtet.


Das Interesse an dem vom TELI-Vorsitzenden organisierten Seminar ist groß: Viele Kollegen aus Skandinavien, Afrika und Asien wollen dabei sein und mit überlegen, wie eine solche Debattenform an ihre Kulturen und Gesellschaften angepasst werden kann. – TELI

Debatte 1: Forschungswende: Eine zivilge-

sellschaftliche Plattform der Umweltverbände BUND, NABU, DNR, von Entwicklungshilfeorganisationen, Gesundheitsorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften. TELI-Mitglieder sind dort ebenfalls involviert. http://is.gd/ TELI_2013_3

Debatte 2: Nachhaltigkeit und Bürgerrechte:

INSIDE TELI AUSBLICKE

Save the Date – Blockiere den Termin

Die Jahreshauptversammlung der TELI wird voraussichtlich am 15. oder 16. April in Jena stattfinden. Themen und Genaueres folgen über die internen Kommunikationswege. – TELI

EINBLICKE

Die Krise des Wissenschafts- und Technikjournalismus ist wohl eher ein westliches Phä-

nomen. Nach einer weltweiten Umfrage, die im Januar im Nachrichtendienst SciDev.Net veröffentlicht wurde, würden die weitaus meisten Journalisten im Mittleren Osten, Afrika, Asien und Südamerika unbedingt zu einer Karriere im Wissenschaftsjournalismus raten. Die Zustimmung liegt hier bei 80 bis 55 Prozent. In Europa und Russland sind die Wissenschaftsjournalisten besonders frustriert. Nur 29 Prozent würden empfehlen, den Beruf eines Wissenschafts- oder Technikjournalisten zu ergreifen. In den USA und Kanada sind es mit 32 Prozent auch nicht viel mehr. Kontinentübergreifend sind sich aber zwei Drittel aller Wissenschaftsjournalisten einig, dass immer noch viel zu kritiklos berichtet wird. – Die „Wissenschaftsdebatte“ der TELI wäre beispielsweise ein Forum, Technik- und Forschungsthemen kritisch und tiefergehend zu beleuchten, wofür bei anderen Medien oft der Platz oder die Zeit fehlen. http://is.gd/TELI_2013_1

Meinung zum Klimawandel ist wetterabhängig – je nachdem, wie normal oder unge-

wöhnlich es gerade draußen ausschaut. Das wirft Fragen auf: Wie steht es eigentlich wirklich um die wissenschaftliche Bildung in der Bevölkerung – und können Journalisten daran überhaupt etwas ändern? http://is.gd/ TELI_2013_2

Kollege Ralf Grötker hat für die „FAZ“ auch das Thema Wissenschaftsdebatte entdeckt. Und ergänzt es recht elegant mit der Aufforderung zur Eigenrecherche am Beispiel des Themas „Nachhaltigkeit bei Textilien“. http://is.gd/ TELI_2013_4

RÜCKBLICKE

Hans Joachim Pabst von Ohain hat das erste Strahltriebwerk und -flugzeug zum Fliegen gebracht (1939) und wurde so zum (Mit-)begründer der Jet-Ära im Weltluftverkehr. Wernher von Braun ist als Raketenpionier Vater der bemannten und unbemannten Weltraumfahrt. Atomraketen und Mondlandung sind mit seinem Namen verbunden. Ludwig Bölkow konstruierte als genialer Ingenieur und Unternehmer diverse militärische und zivile Flugzeuge und Hubschrauber (Bölkow Bo 105). Er war die treibende Kraft beim Wiederaufbau der Luft- und Raumfahrtindustrie im Deutschland der Nachkriegszeit. – TELI

E-Mobilität doch erfolgreich München. Aktuelle Forschungsergebnisse für

TELI International 2012 E- und Hybrid-Fahrzeuge aus Halbleitersicht TELI-Schriftführer Alexander waren die Themen beim TELI-Jour-fixe im Gerber (Foto), Geschäftsführer PresseClub München am 26. Februar 2013. des Deutschen Forschungszentrums für Wissenschaftsund Innovationskommunikation, wurde (als einziger deutscher Vertreter) in den Vorstand der multinationalen Grassroots-Organisation Euroscience gewählt, die derzeit 2.600 Wissenschaftler aus 40 Ländern vertritt. Er hatte vor der Wahl unter anderem eine Qualifizierungsinitiative für mehr Dialogkultur in der europäischen Wissenschaftskommunikation gefordert, beispielsweise durch eine weitere Professionalisierung und Stärkung des evidenzbasierten Journalismus.

TELI-Vorsitzender Hanns-J. Neubert (Foto), freier Wissen-

schaftsjournalist, schied turnusmäßig nach vier Jahren im Amt als Präsident der Europäischen Union der Wissenschaftsjournalistischen Verbände aus. Zuvor war er vier Jahre lang als Vizepräsident tätig. Er kann nach wie vor als President emeritus beratend tätig sein.

Glaubt man einer aktuellen Mobilitäts-Studie, an der rund 300 Experten aus Unternehmen der Automobil- und Energiewirtschaft und damit verbundenen Zweigen teilgenommen haben, könnten bis zum Jahr 2020 doch mehr als eine Million E-Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen fahren. Seit einiger Zeit wird nämlich sogar in Fachkreisen immer stärker die Meinung vertreten, dass die von der Bundesregierung zum Ziel gesetzte Million nicht erreichbar sein wird. Dies dürfte für die einschlägigen Hersteller und Zulieferer ein gutes Signal sein, denn sie haben bereits eine Menge Geld in die Forschung und Entwicklung neuer Produkte investiert. Deshalb sind auch schon viele interessante Ergebnisse erzielt worden. Was ein Halbleiterhersteller wie Infineon zum Erfolg von E- und HEV/Hybrid-Fahrzeugen beitragen kann, erläuterten Hans Adlkofer, Vice President und Leiter Systemgruppe Automobilelektronik, sowie Wolfgang John aus dem Bereich R&D Excellence. – TELI

Ihr Kontakt zur TELI

3 mal 100 – Deutschlands Technikpioniere der Luft- und Raumfahrt im Spannungsfeld von Technik und Politik München. 1911/12 sind drei der bedeutendsten Büro des Bundesvorstands

Technikpioniere der Luft- und Raumfahrt geboren: Hans von Ohain, Wernher von Braun und Ludwig Bölkow. Dr. Walter Rathjen gab beim TELI-Jour-fixe in Zusammenarbeit mit dem PresseClub München einen Einblick in Leben und Arbeit der drei Ausnahmeforscher in einer extremen Zeit. Rathjen war früher Kurator für Luft- und Raumfahrt und später Sammlungsdirektor des Deutschen Museums.

c/o Axel Fischer, München Tel. 089/7692332 buero@teli.de www.teli.de

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Beruf

JENNIFER SCHWANENBERG IST MITGLIED DER „TECHNIKJOURNALIST“-CHEFREDAKTION js@technikjournalist-magazin.de

Autoren gesucht In der Technikberichterstattung kommt es auf eine gute Mischung aus technischem Know-how und journalistischer Professionalität an. Deshalb suchen viele Redaktionen stets nach neuen Autoren, die die Geschichte in einem Technikthema erkennen können.

„Die Welt“ und „Welt am Sonntag“

Ressort Wissen Themen: alltagsnahe Technikthemen Verlag: Axel Springer AG Auflage: 251.591 Exemplare (Montag bis Samstag), 602.539 Exemplare (Sonntag) Erscheinungsweise: täglich Honorar: 1,00 Euro pro Zeile In der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ können Technikthemen mit aktuellem Bezug jeden Tag vorkommen, auch wenn das Ressort selbst mit „Wissen“ überschrieben ist. Norbert Lossau, Ressortleiter Wissenschaft, sagt: „Jeden Samstag erscheint definitiv ein Technikthema. Es muss nicht tagesaktuell sein, sondern kann sich grundsätzlich – gern auch visionär – mit einer bestimmten Technik auseinandersetzen.“ Außerdem beschäftigt sich das Ressort Wissen mit Themen aus Wissenschaft und Technik, die für die Leser von möglichst alltagsnahem Interesse sind. Themen können also sowohl „Hightech in der Küche“ als auch künftige Anwendungen für Supraleiter sein. Insbesondere Technikthemen sollten einen gewissen Service für die Leser bieten, so werden häufig neue Consumer-Produkte vorgestellt – „wir sind aber natürlich nicht die Stiftung Warentest“, betont Lossau. Neben Autoren für die klassische Technik sucht Lossau derzeit speziell nach einem Autor für MathematikThemen. Das Gebiet Auto, Boot und Motor wird von der eigenen Motor-Redaktion behandelt, Ansprechpartner dafür ist Sönke Krüger. Interessierte Autoren können ihre Themenvorschläge als Exposé per E-Mail an norbert.lossau@welt. de senden und sollten Arbeitsproben mitschicken. KontakT: Dr. Norbert Lossau, Ressortleiter Wissenschaft norbert.lossau@welt.de Exposé und Arbeitsproben per E-Mail senden. 14 | TJ | 01#2013

„Elektrischer Reporter“

Themen: Geschichten

„Process“ – Chemie, Pharma, Verfahrenstechnik“

Sender: ZDFinfo Produktion: Blinkenlichten Produktionen

Verlag: Vogel Business

aus Digitalien

GmbH & Co. KG

Erscheinungsweise: wöchentlich Honorar: je nach Aufwand

Der „Elektrische Reporter“ hat 2008 seinen Sprung aus dem Netz ins Fernsehen gemacht, bleibt dem Internet aber nicht nur inhaltlich eng verbunden. Zusammen mit Fernsehausstrahlung, Blog und Internetseite erreicht jede Folge 250.000 Menschen. Kernthema ist alles, was irgendwie digital ist: Netzkultur und -politik, digitaler Wandel, Vernetzung, neue Medien und neue Möglichkeiten. Macher und Moderator Mario Sixtus sucht nach Autoren, „die Geschichten aus Digitalien erzählen können“. Die Geschichten müssen den Spagat schaffen, Themen aus Netzkultur und digitalem Wandel tiefgründig und dennoch allgemein verständlich zu vermitteln. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Autoren sich mit den Themen gut auskennen und genau recherchieren. Die Bild- und Wortsprache, für die der „Elektrische Reporter“ bekannt ist (siehe „Technikjournalist“ 1/2012), muss nicht gleich im ersten Vorschlag umgesetzt werden, „es gehört bei uns zum Service, diese Dinge neuen Kollegen nahezubringen“. Erfahrungen mit Video- und auch Radioproduktion seien ein Vorteil, aber Voraussetzung sei eher ein gutes Gefühl für Bewegtbild. Wichtiger sei es, anspruchsvolle Geschichten zu finden, die auch netzferne Schichten begeistern können. Kontakt: Mario Sixtus, Chefredakteur mario.sixtus@blinkenlichten.com Alle Anfragen mit konkretem Themenvorschlag.

Themen: Chemie-, Pharma-

und Verfahrenstechnik

Media GmbH & Co. KG Auflage: 24.097 Exemplare

Erscheinungsweise: monatlich Honorar: nach Absprache

Das Fachmagazin „Process“ informiert über den Markt der chemischen, pharmazeutischen und verfahrenstechnischen Industrien. Anspruch ist es, aktuelle Wirtschaftstrends und anwendungsorientierte Technikinformationen abzubilden. Inhaltlich spielen klare Strukturen, eindeutige Orientierungselemente und eine starke Bildsprache eine sehr große Rolle. Chefredakteur Gerd Kielburger freut sich über Angebote für alle Publikationen, die zur „Process“ gehören. Neben der deutschsprachigen „Process“ gibt es die englischen und chinesischen Ausgaben „Process worldwide“, „Process India“ und „Process China“, den Branchentitel „PharmaTEC“, Sonderhefte „Grüne Technologien“, „Wasser/ Abwasser“ und „Best of Process“ sowie weltweite Kongress-Veranstaltungen. Die Online-Portale www.process.de und www.process-worldwide.com sowie wöchentliche Branchen- und ThemenkanalNewsletter informieren technische Fach- und Führungskräfte in allen Sparten der Prozessindus­ trie. Kielburger: „Das Wissen über die Bedürfnisse unserer Zielgruppen ist unser zentrales Asset. Daher stellen wir den Nutzwert einer Information in den Vordergrund. Natürlich sauber journalistisch recherchiert, attraktiv verpackt und leicht verdaulich aufbereitet.“ Kontakt: Gerd Kielburger, Chefredakteur/Publisher gerd.kielburger@vogel.de Themenangebote oder Manuskript bitte mit den Anfragen verbinden.


Porträt

Manfred Ronzheimer ist freier Wissenschafts- und Technikjournalist in Berlin und arbeitet für Print- und Onlinemedien ronzheimer@t-online.de

„Über das Unmittelbare hinausgehen“ Vor 100 Jahren wurde Robert Jungk geboren. Sein kritischer Technikjournalismus prägte Generationen von Technikjournalisten.

Fotos: Michael Richter, Robert-Jungk-Archiv Salzburg

N

ur wenige Wissenschafts- und Technikjournalisten haben so sehr über ihr eigenes Fach hinausgewirkt wie Robert Jungk, dessen 100. Geburtstag am 11. Mai 2013 ist. Jungk war nicht nur Autor packender Reportagen und Bücher über Nukleartechnik, Teilchenforschung und Zukunftsszenarien – er war ebenso politischer Mahner vor der demokratischen Unverträglichkeit der Atomkraft wie auch wissenschaftlicher Inspirator des seinerzeit jungen Fachs der Zukunftsforschung. Der von ihm entwickelte Ansatz der „Zukunftswerkstätten“, in denen Betroffene zu Beteiligten werden, ist als Instrument der Bürgerpartizipation auch heute noch weit verbreitet. „Ich bin kein Journalist, der einfach nur objektiv berichten will. Sondern indem ich die Konsequenzen und die künftigen Folgen mit einbeziehe, bin ich gezwungen, über das Unmittelbare hinauszugehen. Denn wenn man nur das Unmittelbare sieht und nicht, wohin es sich weiterentwickeln könnte, sagt man zu wenig.“ Mit diesen Worten beschrieb Jungk in einer Fernsehdokumentation des Süddeutschen Rundfunks im Jahr 1989 seinen journalistischen Ansatz. Geboren wurde Robert Jungk am 11. Mai 1913 als Sohn der deutsch-jüdischen Künstlerfamilie Baum in Berlin. Der Vater war mit der Reporter-Legende Egon Erwin Kisch befreundet, was für die Berufsorientierung des jungen Robert prägend war. Schon 1933 gerät er mit den NS-Machthabern in Konflikt, studiert zunächst in Paris, baut 1936 einen illegalen Artikeldienst in Berlin auf, muss ein Jahr später vor den Nationalsozialisten nach Prag fliehen. Dem Exil in der Schweiz folgen Nachkriegsjahre in den USA, wo er als Korrespondent für die Schweizer „Weltwoche“ arbeitet. 1952 erscheint sein erstes Buch „Die Zukunft hat schon begonnen“, in dem er geheime Projekte der amerikanischen Rüstungsforschung, die Geschichte der Atomwaffenentwicklung und die Umweltverseuchung durch Nuklearanlagen beschreibt. Schon damals spricht Jungk vom „nuklearen Totalitarismus“. Weitere Bestseller sind in den 1950er-Jahren „Heller als tausend Sonnen“ und „Strahlen aus der Asche“. In den 1960er-Jahren gründet Jungk in Wien das „Institut für Zukunftsfragen“ und hält an der TU Berlin Vorlesungen über Zukunftsforschung.

Immer stärker engagiert sich Jungk in der Anti-Atomkraft-Bewegung und fasst den Technologie-Protest einer Generation 1977 in dem Buch „Der Atomstaat“ zusammen. Im folgenden Jahrzehnt wird auf der Basis seines Archivs die Internationale Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg gegründet, Jungk erhält den Alternativen Nobelpreis und kandidiert sogar 1992 für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten. Seine letzten Bücher tragen die Titel „Projekt Ermutigung“ und „Zukunft zwischen Angst und Hoffnung“, in denen Jungk seine Zuversicht zum Ausdruck bringt, den technischen Fortschritt letztlich doch menschenverträglich gestalten zu können. Am 14. Juli 1994 stirbt Robert Jungk in Salzburg, wo er auf dem jüdischen Friedhof in einem Ehrengrab der Stadt Salzburg beigesetzt wird. Sein Vater, so formuliert es sein Sohn Peter Stephan Jungk, „hatte einen siebten Sinn für Themen, die vielleicht große Themen der Zeit werden können“. Mit seinem publizistischen und gesellschaftlichen Engagement zur Zukunftsgestaltung, die in Zeiten des Klimawandels immer mehr zu einer rettenden Zukunftssicherung wird, ist die Botschaft Robert Jungks heute aktueller denn je. In Salzburg organisiert die von Jungk selbst gegründete Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen eine Vielzahl von Veranstaltungen im Jubiläumsjahr. „Ziel ist es, die Ideen des Aktivisten der Friedensbewegung, des Streiters gegen Atomkraft, des Vordenkers der Zukunftsforschung und des Verfechters von breiter Partizipation der Bevölkerung in aktuelle Diskussionen einzubringen“, heißt es auf der Veranstaltungswebsite www.robertjungk100.org.

ROBERT JUNGK: Den technischen Fortschritt menschenverträglich gestalten.

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Beruf

ANDREAS SCHÜMCHEN IST CHEFREDAKTEUR DES MAGAZINS „TECHNIKJOURNALIST“ as@technikjournalist-magazin.de JENNIFER SCHWANENBERG IST MITGLIED DER „TECHNIKJOURNALIST“-CHEFREDAKTION js@technikjournalist-magazin.de

„Man lernt hier neue Bescheidenheit“ Matthias Hohensee berichtet seit 15 Jahren über Techniktrends und -entwicklungen aus dem Silicon Valley. Ein Traumjob, von dem es nur noch wenige gibt. Herr Hohensee, in den 1990erJahren gab es im Silicon Valley rund 20 Korrespondenten deutscher Medien. Heute gibt es nicht mal mehr eine Handvoll. Ist das Silicon Valley nicht mehr interessant? Matthias Hohensee: Im Zusammenhang mit dem Dotcom-Boom war es 1999/2000 bei deutschen Medien angesagt, Journalisten hierher zu schicken. Nach dem Zusammenbruch standen auch die Verlage vor neuen Herausforderungen. Da Korrespondenten sehr teuer sind – allein die Lebenshaltungskosten sind hier schon sehr hoch –, haben sich viele Verlage entschieden, diese Kosten einzusparen. Unser Verlag und Chefredaktion sind der Ansicht, dass es wichtig ist, jemanden hier im Herzen der weltweiten Innovationsindustrie zu haben. So stand der Wegfall der Stelle nie zur Debatte. Mit Axel Postinett vom „Handelsblatt“ haben wir inzwischen sogar einen weiteren Korrespondenten vor Ort. Derzeit ist in Deutschland das Interesse am Silicon Valley sehr groß, nicht zuletzt, weil „Bild“Chefredakteur Kai Diekmann im Auftrag des Springer-Verlags hier eine Zeit verbringt und auch andere nachziehen wollen. Ist dieses Interesse berechtigt? Das Silicon Valley bestimmt, wie die Distributionsinfrastrukur 16 | TJ | 01#2013

der Medien künftig aussehen wird, insofern ist ein hohes Inter­ esse der Verlage sehr verständlich. Auf Android und iOS werden die Medien vertrieben, Facebook setzt Trends im Social Web, und es kommen noch Google und Yahoo hinzu, die künftig den Wettbewerb um Local Advertising entfachen werden. All diese Unternehmen sitzen hier vor Ort und setzen die Trends, die man hier dann auch wesentlich früher erkennen kann.

aber als „the German Business Week“ vorgestellt habe, ist es schon einfacher. Alles in allem unterscheidet sich die Arbeit aber nicht. Es geht darum, Beziehungen zu kultivieren, und es geht darum, Informanten zu erschließen. Das ist alles ein bisschen schwieriger, was aber sicher nicht schlecht ist.

Wie viel früher lassen sich solche Trends erkennen? Alles, was hier passiert, wird in der Regel etwa acht bis zehn Monate später auch in Deutschland passieren, das kann ich aus Erfahrung sagen. Das betrifft sowohl wirtschaftliche Zyklen als auch Trends im Internet, die eine gewisse Zeit brauchen, um nach Deutschland zu kommen.

Welche Vorteile hat es, dass Sie hier vor Ort sind? Viele Informationen bekomme ich aus „Networking Circles“ am Rande von Präsentationen und Konferenzen. Es gibt auch viele informelle Gespräche bei Unternehmen, die „off the record“ sind. Zudem bekommt man ein Gefühl dafür, was wirklich abgeht: Amerikanische Firmen sind sehr stark im Marketing. Während deutsche Unternehmen zuerst das Produkt marktfertig haben möchten, reden die Amerikaner schon über Produkte, die noch gar nicht existieren. Man bekommt nur vor Ort ein gutes Gefühl dafür, was schon besteht und was erst noch geschaffen werden muss.

Wie unterscheidet sich die journalistische Arbeit in Deutschland und den USA? Man lernt hier eine neue Bescheidenheit. Die „Wirtschaftswoche“ ist, wie viele andere ausländische Medien, hier wenig bekannt. Wenn man in Deutschland bei einem bekannten Qualitätsmedium arbeitet, ist es schon leichter, offizielle Informationen zu bekommen. Wenn ich die Zeitschrift

Wie auskunftsfreudig sind die Unternehmen denn? Apple etwa wirft man ja eine gewisse Verschwiegenheit vor. Apple ist sehr schwierig. Ich berichte bereits seit 20 Jahren über Apple. Wir haben eine Nummer, unter der wir anrufen können – das ist aber verschwendete Zeit, weil man in der Regel keinen Kommentar bekommen wird. Apple ist ein sehr verschlossenes Unterneh-

„Wirtschaftswoche“Korrespondent Matthias Hohensee in San Francisco: „Man bekommt ein Gefühl dafür, was wirklich abgeht.“ Foto: Andreas Schümchen


Matthias Hohensee Jahrgang 1970, startete seine journalistische Karriere bei der „Märkischen Oderzeitung“ in Frankfurt/Oder. Seit 1996 ist Hohensee bei der „Wirtschaftswoche“ tätig, seit 1998 ist er als US-Korrespondent für das Wirtschaftsmagazin im Silicon Valley. Vom kalifornischen Gründergeist angesteckt war Hohensee im Jahr 2000 Mitgründer des HandyTestportals xonio.com (heute Bestandteil von „Chip online“). Für Reportagen über Google und den Silicon-ValleyUnternehmer Andreas von Bechtolsheim erhielt er den Georg-von-HoltzbrinckPreis für Wirtschaftspublizistik.

men und damit eine echte Herausforderung für Journalisten. Ich kenne einige Apple-Mitarbeiter, die aber nicht mit mir zusammen gesehen werden dürfen, weil das Nachteile für sie haben könnte. Wir müssen bei Treffen auf extreme Geheimhaltung achten. Ich glaube, Apple wird seine Informationsstrategie ändern müssen. Die absolute Geheimniskrämerei lädt zu überzogenen Spekulationen ein, und das hat das Unternehmen auch schon erkannt. Was macht den besonderen Spirit des Silicon Valley aus? Man ist hier auch in schweren Zeiten optimistisch. Außerdem kann man Fehler machen, ohne dafür gebrandmarkt zu werden. Scheitern wird hier nicht negativ gesehen, schließlich ist derjenige beim nächsten Mal schlauer. Es wurde, auch in Deutschland, schon oft versucht, das Silicon Val-

ley zu kopieren. Zwei Dinge lassen sich aber schwer nachahmen: zum einen das Zusammenwirken zwischen Universitäten, Unternehmen, Gründern und Kapital – das ist hier einzigartig. Zum anderen kommen sehr viele ausländische Talente hierher. 39 Prozent der Einwohner und 60 Prozent der Ingenieure und Programmierer sind im Ausland geboren. Auch in Deutschland versucht man, Talente aus dem Ausland anzuwerben. Aber die Leute, mit denen ich rede, wollen lieber in die USA und nicht nach Deutschland. Woran das liegt, müsste man ergründen. Bei Innovationen geht es um technische Entwicklungen, ihre wissenschaftlichen Grundlagen und wirtschaftliche Aspekte. Für einen Journalisten allein ist das schwer abzudecken. Wie schaffen Sie das ganz praktisch?

Ich bin generell umfassend interessiert. Wirtschaft und Technik haben mich schon immer interessiert, hier habe ich zusätzlich gelernt, wie wichtig die Politik ist. Bestimmte Dinge passieren nur, wenn die politischen Voraussetzungen gegeben sind. Man muss da up to date bleiben, was mir hoffentlich gut gelingt. Ist es ein Traumberuf, als Korrespondent im Silicon Valley zu sein? Ja, das kann man so sagen. Wie in jedem Land muss man sich aber auf die Mentalität einstellen. Für mich hat das bedeutet, gelassener zu werden. Als ich hierher kam, war ich manchmal ein bisschen erschrocken zu sehen, wie hemdsärmelig alles gemacht wird. In Deutschland sind wir es gewöhnt, dass alles gut organisiert ist. Wenn man sich aber einmal daran gewöhnt hat, ist das auch für den eigenen Stress gesünder. TJ 01#20113 TJ | 17


Trends

Tobias Meyer ist freier Technikjournalist und Kameramann. Er versorgt Print- und Onlinemedien mit Text und Video kontakt@tobiasmeyer.info

Technik ist Männer­ sache – das war einmal. Frauen nutzen Smartphone und Tablet, kaufen Autos und fotografieren digital. Frauenzeitschriften könnten hier mit entsprechend aufgemachter Bericht­ erstattung punkten. Momentan wird dieses Potenzial allerdings noch übersehen.

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D

ie selbsternannte Styling- und Shopping-Expertin Rosanna Pierantognetti analysiert seit Jahren einen Mikrokosmos, der für Frauen überlebenswichtig ist, für Männer wohl ein ewiges Mysterium bleibt: die Handtasche. Laut eigener Aussage durfte sie bereits in mehr als 1.000 Exemplare blicken und ihre Besitzerinnen daraufhin als einen bestimmten Typ klassifizieren. Viele Frauen haben demnach auch standardmäßig das ein oder andere Hightech-Spielzeug dabei. Bei der typischen „Communiteen“ gehören Smartphone und Sublaptop zur Grundausstattung, die „VIB-Mommy“ hat meist auch eine Digicam in der Tasche. Auch repräsentative Studien weisen auf einen weiblichen Trend zur Unterhaltungselektronik hin: Bereits Anfang 2011 war ein Drittel der deutschen Smartphone- und Tabletbesitzer weiblich, Tendenz steigend. Bei Jugendlichen liegen die Mädchen oft schon vorn: 84 Prozent hören Musik über den eigenen MP3-Player, 73 Prozent nennen eine Digitalkamera ihr Eigen. Die weibliche Technik­ affinität ist also vorhanden, und zwar in einem Ausmaß, bei dem man schon von Alltagsgegenständen sprechen kann. Die It-Bag könnte bald zur IT-Bag werden. Laut Medienökonom Jürgen Heinrich passt sich der Zeitschriftenmarkt an solche aktuellen Publikumspräferenzen an: durch neue Publikationen – oder die bestehenden Titel ziehen mit. Die Zeitschriften der weiblichen Zielgruppe reagieren bisher jedoch kaum auf das neue Faible: „Maxi“, „Cosmopolitan“ & Co. geben Tablet und Digicam kaum Raum. Frauenzeitschriften haben eine große Reichweite, ein

Drittel aller Printleser hatte 2012 ein Magazin für die weibliche Klientel in den Händen. Auch die Auflagenzahlen der monatlichen Frauentitel stiegen 2012 um 4,3 Prozent. Ein Segment, das sich keine Sorgen zu machen braucht? Erkannt wurde das Potenzial von Technikberichterstattung für Frauen zwar bereits, voll ausschöpfen will es scheinbar aber keine Redaktion. Denn meist wird eher drum herum berichtet, etwa über die schicksten Laptop-Taschen oder die besten Fitness-Apps. Die meisten Titel haben sogar selbst bereits eine App, die über neueste Trends informiert. Den dafür nötigen Geräten selbst wird dagegen kaum mehr als einige Zeilen Platz eingeräumt. Laut Christian Schuldt, Redaktionsleiter bei Brigitte Digital, sei „die nüchterne Berichterstattung über neue Hardware für die Userinnen weniger interessant als die Präsentation ,begleitender‘ Features, etwa neuer Apps oder stylisher Laptop-Taschen“. Die „Cosmopolitan“ hätte eigentlich schon selbst über die neue Zielgruppe stolpern müssen: In einer Geschichte über computerspielende Frauen wird erwähnt, die typische Gamerin sei „um die 30, gebildet und technikaffin“. Zehn Millionen von ihnen seien in Deutschland aktiv. Lifestyle-Redakteurin Svenja Lassen erklärt, man versuche – wenn Platz vorhanden sei – auf zwei Wegen neue Technik im Blatt unterzubringen: „Entweder wir bringen eine reine Meldung, wenn uns ein spezieller Artikel gefällt oder auch nur schick aussieht. Oder aber wir lassen die Geräte in andere Geschichten einfließen. Demnächst zeigen wir beispielsweise im Heft die Ergebnis-

se eines Beauty-Shootings auf Tablets.“ Die Versuche sind aber dennoch eher zaghaft, etwa werden Handschuhe, die auch auf kapazitiven Displays funktionieren, auf der Business-Schnickschnack-Seite kurz angerissen. Ausführlichere Berichte über Tablets oder Smartphones, die mit den „Touchgloves“ bedient werden sollen, sind auch auf den Online-Angeboten kaum zu finden. Oft werden die Gadget-Themen in Fotostrecken abgehandelt, die Zeitschrift „Glamour“ stellt beispielsweise Produktfotos neben 300 Zeichen Beschreibung: „Vergessen Sie das iPhone, das Xperia kann sowieso alles besser.“ Neben der Gesichtserkennung wird noch die Acht-Megapixel-Kamera erwähnt, zudem sei das Mobiltelefon „ein wahres Multimediawunder“. Mehr kaufentscheidende Informationen oder ernsthafte Vergleiche bekommt die Leserin hier nicht. „Glamour“-Lifestyle-Redakteur Georg Wittmann schätzt seine Zielgruppe auch eher weniger detailinteressiert ein: „Wir bringen News zu Smartphone und Co. nur unregelmäßig, etwa zur IFA oder ähnlichen Terminen. Unsere Leserin geht aber sowieso eher zum Trendprodukt, kauft also das iPad, weil sie es bei einer Freundin gesehen hat und toll fand. Da wird weniger vernünftig abgewogen, ob vielleicht eine andere Marke die besseren Features hat.“ Zudem habe man nicht die nötige Expertise, um eine ausführlichere Berichterstattung zu bieten. Ähnlich sieht es Kerstin Schmied, stellvertretende Ressortleiterin Leben in der „Freundin“-Redaktion: „Unsere Leserin erwartet die Kom-

FotoS: WDR, „Stuttgarter Zeitung“/achim zweygarth

Unterschätzte Handtaschentechnik


petenz zu solchen Themen nicht von uns. Sie lässt sich dabei vielleicht eher noch einmal von ihrem Partner beraten oder sucht sich die Informationen selbst zusammen.“ Daher werde neue Technik auch hier nur sporadisch auf größeren Übersichtsseiten zusammenfassend vorgestellt. Zwar wird dabei etwas auf die unterschiedlichen Merkmale eingegangen, eine Einordnung findet aber nicht statt. Für kaufentscheidende Infos zu einer professionellen Spiegelreflexkamera wird die interessierte Frau am Kiosk immer noch zur Fotofachzeitschrift greifen – völlig zu Recht. Die meisten Gadgets sind heute aber für jedermann, dort könnten Frauenzeitschriften ansetzen: Bei Hosentaschenknipsen sind Features, die gegeneinander abgewogen werden müssen, weniger kom-

Technik in Frauenzeitschriften: Die It-Bag könnte bald zur IT-Bag werden. plex. Entsprechende Geschichten müssen nicht den Fachmagazinen Konkurrenz machen, sondern nur gezielt auf Frauen abgestimmt werden. Dabei sollten Kriterien in den Vordergrund rücken, die für Frauen wichtig sind. Oft sind das nicht die technischen Daten, sondern gutes Handling und die ein oder andere Finesse, etwa eine gute Panoramafunktion, um beim Beispiel Digitalkamera zu bleiben. Dafür muss das Gerät aber einmal in den Händen des Autors gewesen sein, nur die Pressemitteilung einkürzen reicht hier nicht. Natürlich gehört dazu auch, dass für Frauen das Design ihrer Spielsachen eine Rolle spielt, es sollte jedoch nicht der Fokus sein. Als positives Beispiel kann der Autoteil der „Brigitte“ genannt

­werden, hier traut sich die Redaktion bereits etwas mehr. Denn die regelmäßige Rubrik ist eher untypisch für eine Frauenzeitschrift: Die Autoren fahren Probe, vom Kleinwagen bis zum SUV. Solche Formate pflegen heute viele Medien, auch Frauenzeitschriften. Die „Brigitte“ reichert die Spritztour-Berichte aber oft noch mit größeren Erklärstücken an, beispielsweise zu Hybridautos. Dabei wird gezeigt, wie die Technik funktioniert und für wen welche Variante sinnvoll ist. Geschickt gelöst: Die Kompetenz des Autors muss dabei nicht immer an einen Spezialisten grenzen, die Redaktion lässt fachliche Details dann in einem Interview erklären, etwa von der Pressefrau des Verkehrsclubs Deutschland. TJ 01#2013| TJ | 19


Techtainment

Christian Preiser, ehemaliger „FAZ“-Wirtschaftsredakteur, ist Geschäftsführer von „preiserconsorten. Büro für Qualitätsjournalismus“ in Frankfurt am Main und betreut seit 2009 das „Forum Technikjournalismus“ cp@preiserconsorten.de

Kein Sex mit dem MacBook Technik ist beileibe nicht immer nüchtern, sachlich und unemotional. Christian Preiser begibt sich auf Spurensuche: Wo und wie viel Erotik findet sich in der Berichterstattung über Technik? Und: Verrät uns der Blick in die Gazetten auch, wann der Journalismus auf spaltenfüllende Schlüpfrigkeit setzt?

S „Scharf, sexy, muskulös und potent“: Auch britische Automarken beflügeln die erotische Fantasie.

klemmtheit (und bisweilen darüber hinaus). Fünf Jahre später legte die NZZ mit „Der programmierte Eros. Die Liebe im Zeitalter technischer Medien“ sogar noch nach. Doch zum Trost: Dieser Text über die technischen Segnungen des elektronischen Medienzeitalters ist derart intellektuell verschwurbelt, dass jeder lüsterne Gedanke bei der Lektüre von selbst verfliegt. Kostprobe gefällig? Bitte sehr: „Radikaler noch als in

Ist Ihnen die Lust an unserem Thema damit schon vergangen? Na, erholen Sie sich bei einer kurzen Werbepause. Die Reklamebranche nämlich bedient sich schon seit Jahren (und offenbar mit Erfolg) der verkaufsfördernden Wirkung nackiger Haut. Manche Produkte scheinen auf zu viel Klamotten am Leib regelrecht allergisch zu reagieren – etwa Reinigungssprays für Alufelgen. Soll der schmutzig schwarze Abrieb der

Foto: ZDF/Iris Jungels

Foto: Christian Preiser

chon das kursorische Durchstöbern der Archive zeigt: Journalistische Prüderie ist lange passé. So betitelte die „Neue Zürcher Zeitung“ bereits im Jahr 1996 einen Artikel ihres „NZZ Folio“Magazins mit „Die Erotik des Taschenventilators“. Für Eidgenossen ist das allerhand. Schließlich galten die Blattmacher aus Zürich für Generationen von Zeitungslesern als seriös bis zur Grenze der Ver-

Foucaults rhetorischer Theorie ist Sexualität mithin Funktion eines wissenschaftlich-technischen Diskurses, der Subjekte auf Versuchspersonen reduziert.“ Ach so? Aha. Uff. Auf Wiedersehen.

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Bremsklötze von den Rädern gespült werden, erledigt man diese Arbeit offenbar am besten in Badebekleidung. Die durchweg jungen Damen, die mit den Profi-Polituren posieren, tragen jedenfalls immer Bikini zu ihren langen Beinen (mit denen sie eigentlich hervorragend laufen könnten, statt ständig Auto zu fahren). Übrigens: Reifen-Reklame funktioniert ähnlich – wobei alternativ zu den blonden Grazien auch pechschwarze Panther zum Einsatz kommen. Diesem „sex sells“ im Bereich des Fahrgestells kann sich selbst die altehrwürdige „New York Times“ nicht mehr entziehen. Vor einigen Jahren betitelte sie – wenig „greylady-like“ – einen Reifenvergleichstest mit der Straßenstrich-Schlagzeile „rubber meets road“.

Damit zurück zum Journalismus.

Manche Objekte der Technikberichterstattung zeichnen sich durch eine besondere Anfälligkeit für erotische Formulierungen aus. Autos etwa. Gerade PS-strotzende Luxuskarossen und schnittige Coupés sorgen bei Schreibern vielerorts für Hormonstöße (ob das auch – oder: vor allem? – an der männlichen Dominanz in den Redaktionsstuben bundesdeutscher Motor-und-Technik-Ressorts liegt, ist eine noch zu klärende Frage journalistischer Genderforschung). Die „Süddeutsche Zeitung“ zog in ihrer Rezension eines italienischen Auto-Museums jedenfalls mächtig vom Chauvi-Leder. Unter der Schlagzeile „Nichts als Erotik“ heißt es dort: „Das, was den Benz vom Alfa unterscheidet, sind nicht nur Zylinderzahl und Pferdestärken. Es ist die Hülle, die gleichsam das Skelett der Technik bedeckte und als Körper zum Objekt der ästhetischen Begierde wurde. Mensch oder Maschine, wer verführt wen? Exponate, vom Peugeot 402 Eclipse Cabriolet (1937) mit dem im Heck versenkbaren Dachteil bis zum neuesten Ex­tremsportwagen Ferrari 599 GTB Fiorano, spielen mit der voyeuristischen Lust der Liebhaber.“

Dass die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“) hinter so viel Boulevard nicht zurückstehen will und kann, ist verständlich. Schließlich gilt auch in der verbalerotischen Konkurrenz des Technikjournalismus: Auf die Länge kommt es an. In einem Test des 626 PS starken SLRRennmonsters von Mercedes geben die Frankfurter Jargon-Jongleure daher mächtig Gas: „Sex kann im Alter ein wunderbarer Vorgang sein. Besonders dann, wenn er sich nicht im, sondern mit dem Auto ereignet. Damit ist allerdings nicht jener ermüdende Ablauf gemeint, der mit dem Austausch von Körperflüssigkeiten beginnt und mit dem gemeinsamen Lesen von Kochrezepten endet. Mit dem Mercedes McLaren ist das anders. Für die Erfahrung jener Sinnlichkeit, die wir meinen, gibt es in der Welt des Automobils kein besseres Medium.“ Das ist erfreulich explizit formuliert und unmissverständlich. Auch britische Automarken beflügeln die erotische Fantasie der „FAZ“-Edelfedern. Noch ein Beispiel: „Scharf, sexy, muskulös und potent“ sei das Heck des JaguarOberklassemodells XJ gestaltet, hieß es dort vor zwei Jahren, und weiter: Das Hinterteil verleiht „dem XJ jene Eleganz und jene Portion an hochmütiger Arroganz, die zum innersten Kern der Marke gehört“. Lassen sich aus diesen Formulierungen bereits Rückschlüsse auf die präferierten Sexualpraktiken des Autors ableiten? Vermutlich nicht. Ganz genau wollen wir es aber auch nicht wissen. Zitieren wir lieber die „Welt“: Die Schreiber aus dem Hause Springer stellen nämlich in einer Art generischem Fazit fest, dass sich „Autos mit ihren Rundungen, Schaltknüppeln und den Flüssigkeiten, die man hineinfüllt, um sie in Fahrt zu bringen, so gut für sexuelle Metaphorik“ eignen.

nicht fehlen. Längst genießen sämtliche Produkte mit dem kleinen i vorm Namen Kultstatus als DesignIkonen. Mit ihren fließend gefälligen Formen wecken iPad, MacBook & Co. aber auch erotische Emotionen. Werfen wir noch mal einen Blick in die Zeitung vor den klugen Köpfen. Dort lesen wir: „Nein, ich hatte noch keinen Sex mit meinem MacBook. Auch wenn ich das schöne Geschöpf liebe, verehre und es mich erotisch anzieht. Fast täglich streichle ich kurz die glatte, kühle Oberfläche, bevor ich „Mensch oder mein Notebook Maschine, wer verführt öffne. Ein sanfter wen?“ Knopfdruck, ein dezenter Tusch, ein zügiges Hochfahren: Mich macht das MacBook immer noch an.“ Mancher wird nun fragen: Wo bleibt hier die kritische Distanz des Qualitätsjournalismus zum Objekt seiner Begierde, äh: Betrachtung? Wie weit ist es gekommen mit der Journaille – gilt das legendäre Verdikt des Hanns Joachim Friedrichs nicht mehr? Doch gemach! Erotik in der Technik ist zwar nicht alles. Aber ohne Erotik ist alle Technik nichts. TJ

Apropos Fetisch: Apple und seine

kommunikativen High-Tech-Tools aus chinesischer Massenproduktion dürfen an dieser Stelle natürlich 01#2013 | TJ | 21


Fragebogen

Lars Gurow

Welche Technikthemen kommen in der Bericht­ erstattung zu kurz? Alles, was mit dem Internet zu tun hat, weil die Geschichten oft abstrakt scheinen. Dafür sind PR-Leute und Journalisten aber gleichermaßen verantwortlich: Die PR-Leute denken zu wenig an Bilder, O-Töne und Videos und schaffen es nicht, die Relevanz ihrer Geschichten zu unterstreichen. Und die Journalisten machen es sich leicht, weil Handys und Autos natürlich schneller runtergeschrieben sind und leichter zu bebildern sind. Außerdem fehlt mir oft der soziale Aspekt, also wie sich Technik auf die Gesellschaft auswirkt. Welches Technikthema wird überbewertet? Alles rund um Apple, Facebook und Google. Apple baut Unterhaltungselektronik und Computer, mehr als zwei Drittel aller Deutschen sind überhaupt nicht bei Facebook. Das rechtfertigt nicht die übermäßige Präsenz dieser Firmen. Bei Google muss man differenzieren: Die vordergründige Berichterstattung über Google-Dienste ist tatsächlich überbewertet. Google möchte aber unser Leben verändern, dieser Aspekt kommt zu kurz. Was stört Sie an der Technikberichterstattung? Oft liegt der Fokus nicht auf dem „Warum“, sondern bleibt oberflächlich beim „Was“. Ich wünsche mir, dass Journalisten Technik nicht nur beschreiben und erklären, sondern auch einordnen. Welcher Technikjournalist oder welche Technikjournalistin können als Vorbilder gelten? Die Kolumnen von Sascha Lobo auf spiegel.de sind sehr gut, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Und Sven Stein von der „Bild“ hat mich beeindruckt, weil er in fünf kurzen Spalten erklärt hat, wie die Privatsphäre-Einstellungen bei Facebook funktionieren. 22 | TJ | 01#2013

Warum brauchen wir mehr Technikjournalistinnen? Wir brauchen möglichst viele unterschiedliche Ansätze, sich mit Technik zu beschäftigen. Jede originelle Idee, jede unkonventionelle Frage und vor allem Spieltrieb, Sportsgeist, Neugier und Forscherdrang bringen die Technikberichterstattung weiter. Unabhängig vom Geschlecht. Soll Technikjournalismus für Technik begeistern? Die Begeisterung muss die Technik selbst auslösen – ich wünsche mir aber eine positive Grundhaltung zur Technik. Wir erleben gerade ein Zeitalter fundamentaler Veränderungen, ausgelöst durch das Internet. Es ist wichtig, diese Entwicklung von der Chancenseite zu betrachten und die Probleme lösungsorientiert anzugehen. Also mehr „Wie kann uns Technik helfen, die Welt besser zu machen?“ und weniger „Technik als Gefahr“. Es gibt keine Welt mehr ohne Internet, wir müssen das Internet nutzen, um die Welt besser zu machen. Klingt pathetisch, ist aber so. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Technikjournalismus und Technik-PR? Wie in anderen Ressorts eint die Begeisterung für das Fach die Journaille und die PR. Beide müssen aber aufpassen, dass sie auch für die weniger Technikaffinen interessant bleiben. Wohin das führen kann, sieht man an der Wirtschaftsberichterstattung: Die ist oft von Fachleuten für Fachleute, auch in der Tagespresse. Beschäftigen Sie auch Journalisten in der PR, und falls ja, eher zunehmend oder immer weniger? Wir beauftragen auch Journalisten, da wir nicht alles selbst produzieren können oder wollen. Ein journalistischer Ansatz ist in vielen Bereichen ohnehin der beste, und das können Journalisten natürlich am besten. Es hilft auch gegen Betriebsblindheit. In Sachen Video und Foto kommt man kaum um Journalisten herum, dem Material fehlt sonst die Authentizität. Warum wird Technikjournalismus in der Zukunft wichtiger? Unser Alltag ist bereits jetzt von Technik bestimmt, die das Leben oft komplexer macht. Das klingt erst mal paradox, denn eigentlich soll die Technik das Leben leichter machen. Das tut sie auch, aber auch

PROFIL

Lars Gurow (34) ist seit 2011 Leiter Public Relations und Pressesprecher der Strato AG, einer Tochter der Deutschen Telekom AG. Gurow hat 2006 ein PR-Volontariat bei der Strato AG absolviert, nebenbei hat er ein Studium im Fach Technikjournalismus an der Hochschule BonnRhein-Sieg als Diplom-Journalist (FH) abgeschlossen.

gute Technik kann erklärungsbedürftig sein oder Übung erfordern. Da kann Technikjournalismus wirklich helfen. Ein einfaches Beispiel ist eine Waschmaschine. Die nimmt einem viel anstrengende Arbeit ab, aber wenn man eine neue kauft, muss man sich erst mal mit dem Gerät vertraut machen. Hier muss Technikjournalismus aber auch knallhart sein und Scheininnovationen entlarven, wie zum Beispiel die Fernsteuerung von Waschmaschinen mit Apps oder den Kühlschrank, der selbst Milch bestellt, wenn sie alle ist. Was ist Ihr liebstes Technik-Spielzeug? Im Moment sind das die Duplo-Steine meines Sohnes. Bei „Erwachsenen-Gadgets“ bin ich pragmatisch, für mich ist kein Gadget ein Selbstzweck, sondern eher ein Gebrauchsgegenstand. Natürlich habe ich ein Smartphone, einen modernen Fernseher und was man sonst so hat, aber nichts davon hat bei mir den Rang eines Spielzeugs. Was mich schon sehr interessiert, sind Dinge wie dynamisches. Das nutze ich dann schon mal aus reinem Spaß, weil es wirklich neu ist. Obwohl ich auch mit der U-Bahn fahren könnte.

Foto: Christoph Scholl

Welche Technikjournalismus-Geschichte ist Ihnen in Erinnerung geblieben – und warum? Ich kann keine einzelne Geschichte herausgreifen, vielmehr war es ein ganzes Heft: Es war, als ich das erste Mal eine Ausgabe der amerikanischen „Wired“ in die Hand bekommen habe. In Sachen Haltung, Ideen, Darstellungsformen, Design und Humor hatte ich so etwas vorher nicht gesehen. Die amerikanische „Wired“ darf in keiner Technikredaktion fehlen. Und auch auf keinem Tablet.


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Profile for Technikjournalist Magazin

Technikjournalist #01/2013  

Das Fachmagazin für Technikjournalisten.

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