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Michael Mehrgardt

Leseprobe

gar.

Ein ausgekochter L端beck-Krimi


Michael Mehrgardt

gar.

Ein ausgekochter L체beck-Krimi

Le e ch i fl 채u k r ve un

be o r sep


Über die Autoren Dr. phil. Michael Mehrgardt, Jahrgang 1953, lebt mit Ehefrau und zwei seiner vier Kinder in Lübeck. Dort arbeitet er als Psychotherapeut in eigener Praxis. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu philosophischen Fragen der Psychotherapie schreibt er Gedichte, Krimis, Theaterstücke und Kurzgeschichten. Die kleinen Ungereimtheiten des Alltags hat er unter seinem Pseudonym Achim Wiese in den Lübecker Nachrichten in der Rubrik Echt wahr beschrieben. In Anthologien hat er bisher drei Kurzgeschichten und zwei Gedichte veröffentlicht. Sein erster Kriminalroman erschien unter dem Titel Zwei auf einem Stuhl im Frühjahr 2007 im Herkules-Verlag. Vera Anders ist die Autorin der Briefe, sie beschreibt darin und mit weiteren Erlebnissen Christiane Breitenbachs ihre eigene Geschichte.

Sutton Verlag GmbH Hochheimer Straße 59 99094 Erfurt http//:www.suttonverlag.de Copyright © Sutton Verlag, 2010 ISBN: 978-3-86680-609-2 Gestaltung: Markus Drapatz Titelbild: Konzeption Markus Drapatz, Foto: Katrin Micklitz Dieses Werk wurde vermittelt durch Dorothée Engel, Hamburger Buchkontor. Druck: gedruckt in der Europäischen Union


I Donnerstag, 27. März, 22 Uhr Die Zigarette steckte in der Kerbe des Aschers. Sie schickte einen Rauchfaden empor, der kerzengerade den Lichtkegel der Schreibtischlampe durchschnitt. Mit leisem Zischen fraß sich die Glut in das Zigarettenpapier. Die Asche krümmte sich zu einem leblosen Wurm und fiel schließlich auf den Boden des Aschenbechers. Die Kippe neigte sich zur anderen Seite hinab und sank aufs Wachstuch. Wie nebenbei senkte sich ein vernarbter Daumen auf die heruntergebrannte Zigarette und löschte sie aus. Zeige- und Mittelfinger waren braun verfärbt, der Unterarm war von weißlichen Narben entstellt. Die Hand kehrte zur Maus zurück und bewegte sie über die Tischplatte. Die Person gab noch eine letzte Anweisung an ihren ChatPartner in den Rechner ein. Einige Sekunden lang verhärteten sich ihre Gesichtszüge. Widerwillen mischte sich mit Entschlossenheit. Schließlich reckte sich die Person zum Telefon, das auf dem Küchenbüfett neben der Spüle stand, zog es zu sich heran und wählte eine Nummer. Jemand nahm ab. Die Person sprach ruhig und sachlich. Etwas Drohendes lag in ihrer Stimme. Sie gab klare Anweisungen, denen sich der Angerufene nicht entziehen konnte. Mit dem Anflug eines Lächelns ließ sie den Hörer auf die Gabel sinken und den Blick noch ein letztes Mal über die spärlich eingerichtete Küche gleiten. Dann erhob sie sich mit einem Ruck, warf sich einen Mantel um, sammelte einige Utensilien für ihre Verabredung ein und verließ die Wohnung. Es war genau 22 Uhr.

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II Freitag, 28. März, Nachmittag Hi, Ike! Ich habe dich gesehen. Du wirkst richtig cool. Du mit deinen rotblonden, struppigen Haaren. Du bist schlank, wahrscheinlich ziemlich sportlich, stark. Dir kann nichts etwas anhaben, stimmt’s? Du stehst über allen Dingen, oder? Ich kenne dich. Ich weiß auch, dass du Kommissarin bist. Wie man so hört, machst du deinen Job ganz gut. Kannst dich in dieser Männerwelt gut durchsetzen; musst du ja auch. Wie gesagt, ich kenne dich, ich habe dich beobachtet. Du fragst dich jetzt wo? Bei dem Vortrag, in der Frauenberatungsstelle im Steinrader Weg. Du weißt schon, welchen ich meine. Du schautest dich ängstlich um, als du hereinkamst. Dich sollte wohl keiner erkennen, was? Irgendwie hat dich das Thema angezogen. Du bist dir noch nicht sicher, ob es bei dir auch so war, habe ich Recht? Vielleicht hast du schon diese Träume und weißt nicht, was das soll? Oder ahnst du schon, was mit dir los ist? Ich saß schräg hinter dir, du hast mich nicht beachtet. Spieltest nervös mit deinem Kugelschreiber. Du hast so getan, als würdest du gar nicht dazugehören. Als wärst du nur aus beruflichen Gründen da. Doch ich weiß, was in dir vorging. Ich sehe mich in dir, mich vor einigen Jahren. Du bist eine von uns: eine Überlebende. Wir müssen uns gegenseitig helfen. Ich helfe dir und vielleicht wirst du eines Tages auch mir helfen. Das entscheidest du ganz allein. Christiane PS.: Ich werde dir noch öfter schreiben. Irritiert stand die Kriminalkommissarin inmitten von Umzugskartons. Die neue Wohnung wirkte auf sie fremd und abweisend. Ratlos drehte sie den Brief in ihren Händen. Nur der Vorname, kein Absender, auch nicht auf dem Umschlag. Mit einer ungeduldigen 6


Handbewegung wischte sie sich ein paar Strähnen ihres fransigen Ponys aus der Stirn. Seufzend überflog Ike Jensen den Inhalt des Schreibens ein weiteres Mal. Ein drückendes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit, vermischt mit einem Geruch und einer Erinnerung. Etwas Altes, Verdrängtes. Ruckartig straffte die Frau ihren drahtigen Körper und atmete tief durch. Schon bekam eine andere Stimme in ihr die Oberhand: Blödsinn! Ein Streich. Eine Verwechslung! Unwirsch warf sie den Brief auf einen der zahlreichen Kartons. Schon wieder ein Umzug! Wie alle anderen Wohnungen, die sie in den letzten Jahren bezogen und wieder verlassen hatte, würde auch diese seelenlos bleiben und immer nur das eine widerspiegeln: Heimatlosigkeit. Ikes Augen suchten das Fenster. Sie sah den ZOB gleich gegenüber, dahinter den Bahnhof und die Ausfallstraße zur Autobahn. Unterwegs sein, ankommen und – bevor die Zweifel begannen – wieder abreisen. Ihre letzte Wohnung in einem Hochhaus im Hudekamp hatte sie nach nicht einmal einem Jahr wegen ständiger Konflikte mit zukunftslosen Jugendlichen, die Wegezölle erhoben hatten, verlassen. Wenig später trat die Kommissarin aus dem Fünfzigerjahre-Ziegelbau und überquerte die Hansestraße. Auf Anhieb fand sie den richtigen Bussteig und stieg in die Linie 7 ein. Den Vormittag hatte sie sich wegen ihres Umzugs frei genommen. Jetzt, am Nachmittag, fuhr sie noch für eine Stunde ins Behördenhochhaus an der Possehlstraße, das die Lübecker Polizeidirektion beherbergte. Noch ein Umzug … Sven verhielt sich etwas zu überschwänglich, fand Ilka Gross. Dass er die hübsche dänische Kriminalkommissarin, die Neue in ihrer Bürogemeinschaft, freundlich begrüßte, war ja in Ordnung. Aber musste er sie gleich an sich drücken und ihr einen Kuss auf die Backe schmatzen? »Hi, Ike!«, nahm nun auch Ilka ihre Kollegin freundschaftlich, aber ein wenig spitz in Empfang. »Auf gute Zusammenarbeit!« »Danke«, gab Ike zurück, »mein altes Büro bei den Kollegen am Geniner Ufer war doch zu weit weg.« Kriminalkommissarin Ike 7


Jensen war vor etwas über einem Jahr von der Mordkommission Flensburg nach Lübeck versetzt worden. Aus Platzgründen war sie damals zu den Kollegen vom Betrugsdezernat ausgelagert worden, war aber bereits dem Kommissariat 1 für Todesermittlungen zugeordnet gewesen und hatte mit Sven und Ilka gemeinsam zwei Mordfälle bearbeitet. »Und das mit der Zusammenarbeit werden wir auch gut hinkriegen, denke ich.« So ganz hatte Ike Jensen, wenngleich in der Fördestadt aufgewachsen, ihren dänischen Akzent noch nicht ablegen können. Insbesondere die s-Laute verrieten ihre Herkunft. »Hier, das ist dein Platz, Ike.« Ein wenig zu selbstsicher, als dass diese Attitüde seine Unbeholfenheit hätte verbergen können, führte Sven Hustedt Ike am Arm zum hinteren Fenster. »So hast du mich stets in Reichweite – wenn du also mal etwas brauchst …« Der Kriminaloberkommissar grinste Ike einladend an und vollführte dabei eine etwas zu großartig geratene Verbeugung. Die senfblonde Strähne, die ihm nun im Gesicht hing, ignorierte er. Ilka Gross verdrehte ihren Blick zur Decke. Das Zischen, das die Oberkommissarin dazu ausstieß, verhieß nichts Gutes. »Wie wär’s mit einem Schlückchen Kaffee?«, testete Ike mit gespielter Förmlichkeit die Hilfsbereitschaft von Sven Hustedt. »Ich hab’ mir gedacht«, erwiderte Sven bedeutungsschwer, »wir sollten unsere Zusammenarbeit etwas prickelnder beginnen.« Über die Schulter gab er, ohne die Augen von Ike zu lassen, die Anweisung: »Ilka, hol uns doch mal den Moët & Chandon Brut Impérial. Und vergiss die Champagnerflöten nicht!« Die Angesprochene reagierte nicht. »Ilka?« »Ich«, Ilka machte sich etwas steif und gab ihrer Stimme einen sarkastischen Unterton, »bin nicht dein Serviermädchen! Wenn du hier so überaus prickelnd sein willst, hol dir deine Utensilien selbst! – Und außerdem läuft Flummy gerade durch die Flure.« Der Polizeichef, den viele Flummy nannten, weil er beängstigend auf- und abwippte, wenn er sich in Rage redete, hatte sich nach seinem letzten Seminar über Personalführung angewöhnt, urplötzlich in den Büros zu erscheinen und seine Leute in kleine Schwätzchen zu verwickeln. 8


»So, wie unser lieber Chef sich in letzter Zeit gebärdet, trinkt er bestimmt gerne ein Gläschen mit«, erläuterte Sven. Und weil er Ilkas Unterton durchaus bemerkt hatte, fügte er besänftigend hinzu: »Er freut sich doch so, wenn er zum Wochenausklang bei dir seine neuen Personalführungsmethoden anwenden darf – du bist doch sein Liebling!« In typisch männlicher Manier war es Sven allerdings gelungen, den eigentlichen Kritikpunkt zu ignorieren. »Und welche Art von Personalführung gedenkst du bei deiner neuen Kollegin anzuwenden?« Ilka wirkte nicht besänftigt. »Engmaschige Einführungsveranstaltungen zwecks Erzielung von Teamfähigkeit, denke ich.« Der Oberkommissar zwinkerte zu Ike hinüber. Sie bedachte Sven mit einem Augenaufschlag, den sie dann in Ilkas Richtung abgleiten ließ und in ein solidarisches Augenverdrehen verwandelte. Ilka ärgerte sich über Svens doppeldeutige Äußerung, die ihr reichlich Raum für Hintergedanken ließ. Noch mehr ärgerte sie sich darüber, dass ihre spitze Nase deswegen fühlbar errötete und jetzt vermutlich mit ihrem ansonsten blassen Gesicht auffallend kontrastierte. Am meisten ärgerte es sie aber, dass ihr keine passende Erwiderung einfiel, die als Ventil für die aufgestaute Wut und Verlegenheit hätte dienen können. Ike rettete sie: »Also, ich hole mir nun einen Kaffee. Möchte noch jemand?« Bevor jetzt aber so etwas wie Kollegialität aufkommen konnte, wurden die drei von Ikes Handy unterbrochen. »Ja?« Die Kommissarin wandte sich ab. »Hi, Lars  … nein, jetzt nicht. Ich habe noch keine Zeit – ich bin noch im BH.« Das laute Auflachen der Kollegen ließ Ike irritiert herumfahren. Auch aus dem Telefon kicherte es. »Äh – ich bin im Behördenhaus«, korrigierte sie sich, »wir sagen immer BH dazu …« Während seine neue Kollegin offenbar eine telefonische Verabredung traf, grinste Sven Hustedt anzüglich. »Meine Damen«, griff er die Getränkefrage wieder auf, »ich hol uns jetzt endlich was zu trinken! – Also, du willst keinen Sekt, Ike?« »Lieber Kaffee.« Nachdem Sven den Raum verlassen hatte, räusperte sich Ike: »Liegt vor dem Wochenende noch was an, Ilka?« 9


»Nein, es ist ziemlich ruhig. Ist ja kaum was los im Moment.« Und nach einer kleinen Pause fügte sie leise hinzu: »Übrigens – Sven ist verheiratet und hat drei süße Kinder.« Gerade wollte Ike etwas Versöhnliches erwidern, als der Erste Kriminalhauptkommissar in der offenen Tür erschien. Hans Sloboda strich sich eine schlaffe blonde Strähne aus dem Gesicht. Sein Kinn wirkte irgendwie unentschlossen, wie auch die gesamte Kontur des Körpers eigentümlich unscharf erschien. Dieser Eindruck durfte aber nicht dazu führen – das hatte Ike mehr als einmal erfahren –, dass man den Leiter des Kommissariats  1 für Todesermittlungsverfahren unterschätzte. In sichtbarer Vorfreude auf ein ruhiges Wochenende, das er mit seinem Freund zu verbringen gedachte, strahlten seine eisblauen Augen in die Runde. »Ilka, Kollegin Jensen! Ich denke«, er rieb sein Ohrläppchen, »wir sollten mal ausnahmsweise pünktlich ins Wochenende gehen. Mir scheint –« »Voilà!« Sven Hustedt polterte an ihm vorbei ins Büro. Der bittere Geruch warm gehaltenen Kaffees stieg Sloboda in die Nase. »Wochenende, Sven! Macht Schluss!« Doch Sven kredenzte Ike schon mit übertriebener Nonchalance ihren Kaffee. »Wir wollen nur noch kurz Ikes Einzug feiern.« Sven und Ilka waren die einzigen Mitarbeiter, die sich mit Sloboda duzten. Ansonsten hielt dieser professionelle Distanz. »Komm, Hans«, forderte Sven seinen Vorgesetzten auf, »gönn dir doch noch einen Kaffee mit uns!« Sloboda zögerte. »Nein, ich gehe. Wer weiß, wann wir mal wieder so pünktlich nach Hause kommen!« Als Ike fünfzehn Minuten später das Polizeihochhaus verließ, wurde jede ihrer Bewegungen vom gegenüberliegenden Spielplatz aus aufmerksam verfolgt.

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III Freitag, 28. März, Abend Friedlich brach die Dämmerung über den Freitagabend herein. Die Gespräche und Rufe der letzten Arbeiter und Angestellten, die soeben den Betrieb des Lebensmittelherstellers Hilgado Richtung Wochenende verlassen hatten, waren verklungen. Beschaulich ruhte der Walmdachbungalow, dessen weitläufiges Grundstück von einem hohen Zaun umgeben war, neben dem Werksgelände. Die Geräusche, die aus dem Haus drangen, klangen jedoch überhaupt nicht friedlich. »Puta! Du miese, kleine spanische Schlampe! Wer ist es?« Heiner Nehlsens Gesicht war wutrot angelaufen. Der Mann hatte sich breitbeinig vor seiner zierlichen Frau aufgebaut. »Ich bin keine puta! Das nimmst du sofort zurück! Vete a tomar por el culo! Leck mich!«, schrie Susana Pascua-Nehlsen zurück. Ihr langer, dunkler Pferdeschwanz wippte zornig auf und ab. Drohend hielt sie ihm die Faust entgegen, wobei sie Zeige- und kleinen Finger ausstreckte. Sie wich keinen Deut vor ihm zurück. »Du wirst doch wohl nicht abstreiten, dass du –« »Du mit deiner Eifersucht! Das bildest du dir alles ein! Am liebsten würdest du mich hier im Haus einsperren, verdad?! Und wer weiß, was du so alles treibst? Ihr deutschen Männer, ihr seid so, so – wie Kinder, wie große Kinder!« Ihre Stimme hallte wie eine Maschinengewehrsalve scharfer s- und k-Laute durch das postmodern entmöbelte Wohnzimmer. Blitzschnell schoss ihre Zunge zwischen den Schneidezähnen hervor. Der große Mann stampfte schnaubend mit dem Fuß auf, was die verschiedensten Fettpolster, -ringe und -säcke seines massigen Körpers in Schwingungen versetzte. Nehlsen schrie seine Frau an: »Ich hab’ die Nase voll davon, dass du hinter jedem Schwanz herguckst!« »Na klar mach ich das! Da bleibt mir ja auch nichts anderes übrig, wenn ich an dein armes Würstchen denke!« Die Augen der Frau blitzten kampfeslustig auf. »Kein Wunder, dass du dich von jedem Mann, der was in der Hose hat, bedroht fühlst. Schlappschwanz! Pajero!« 11


Die Ader an Nehlsens Schläfe pochte beängstigend. Der Geschäftsführer der Hilgado GmbH & Co.KG brüllte: »Ich hab’ es nicht nötig, mich von dir beschimpfen zu lassen! Was bist du denn ohne mich? Ohne mich würdest du noch immer putzen! Ich lass mich von dir schei –« »Für Elise« in einer schrillen elektronischen Version schnitt ihm das Wort ab. Nehlsen schnaubte und nahm sein Handy vom Tisch. »Nehlsen … Ja, Heiner Nehlsen … Wer ist denn …?« Eine elektronisch verzerrte Stimme war zu hören, die weder Geschlecht noch Alter geschweige denn die Identität des Anrufers verriet. »Ich höre  … Wie  …? Also wollen Sie mir  …?« Er schnaufte. »Woher wissen Sie, dass ich …? Ach ….« Nehlsen drehte sich weg, schirmte das Telefon mit einer Hand ab und schlich ins Arbeitszimmer. »Was soll denn sein mit den Konserven?« Er räusperte sich. »Heidelbeeren?« Fast hätte er das Wort geschrien. Er zögerte. »Wo? Wohin soll ich kommen? … Wann?« Hastig schmierte er einige Notizen auf einen Zettel. Seine Hand zitterte. »Was wollen Sie denn? Geld?« Schweiß perlte von seiner Stirn. »In einer Stunde. Klar. Ich werde –« Der Anrufer hatte aufgelegt. Nehlsen klappte das Handy zu, schaute auf das Blatt, dann wieder auf das Handy. In sechzig Minuten. Unter der Moislinger Eisenbahnbrücke am Elbe-Lübeck-Kanal. Er überlegte, zögerte. Dann klappte er das Mobiltelefon wieder auf und tippte eine Nummer ein. Die Nummer. Am anderen Ende meldete sich eine belegte Stimme: »Ja.« Sachlich, keine Frage, keine Aufforderung zu sprechen. Eher eine Feststellung. »Nehlsen hier, Heiner. Es gibt ein Problem.« Keine Antwort. »Mich hat gerade jemand – er will, ich soll …« Nehlsen berichtete stockend von dem vorangegangenen Telefonat. »Ich erwarte, dass du die Angelegenheit aus der Welt schaffst«, gab die Stimme zurück, leise, immer noch sachlich. Kein Befehl, keine Ungewissheit. Einfach die Mitteilung einer unumstößlichen Notwendigkeit. Während Nehlsen sich mit der Hand über die feuchtkalte Stirn wischte und nervös seine Luger aus dem Versteck fingerte, legte in 12


der Kieler Parteizentrale ein feister Mann mit luchsartig zusammengekniffenen Augen das Telefon aus der Hand. Benedikt Mader, ob seiner unheimlichen Fähigkeit, sich in nahezu alles, was Früchte abzuwerfen versprach, hineinzufressen und sich den Ertrag schmatzend einzuverleiben, nur die Made genannt, war nicht beunruhigt. Wer war schon Heiner Nehlsen? Rudolf Andresen war bereits in Stimmung. Freitagabends war Erika, seine brave, viel zu brave Frau, wie immer beim Bridge. Meist wurde es dann zwei Uhr, eher später, offenbar gab es immer viel mit den Freundinnen zu bereden. Umso besser! So konnte der Rabbi, wie er sich in den Chatrooms zu nennen pflegte, ganz in Ruhe seinen Obsessionen nachgehen. Rabbi von rabbit. Rudi Rammler. Was für ein schönes Wortspiel, dachte er selbstzufrieden. Der Chat mit der geheimnisvollen Fremden hatte ihn mit Adrenalin vollgepumpt, die Anordnungen der Frau seine Fantasien beflügelt: Maske, Fesseln, der ungewöhnliche Treffpunkt … Fiebrige Bilder möglicher Variationen des immer gleichen Grundthemas überschwemmten ihn, ließen sein Blut pulsieren und seine Eingeweide vibrieren. Sein Atem ging keuchend, sein Körper forderte baldige Entladung. Aber noch war es zu früh. Unruhig lief der Mann auf und ab. Das Licht der Stehlampe warf einen ausgefransten Schatten auf den Berberteppich. Andresen schaute auf die Uhr: kurz nach neun, Zeit für die Tablette. Fahrig drückte er sie aus der Packung und würgte sie mit einem großen Schluck aus der Whiskeyflasche hinunter. Sein Mund war ausgedörrt. Jetzt könnte er schon langsam losgehen. Das Warten quälte ihn – und es erregte ihn! Andresen suchte einige Utensilien zusammen. Während er seiner Frau für alle Fälle eine Notiz hinterlegte, dass es später werden könnte und so weiter, verwandelte er sich für einen kurzen Moment in den gesitteten Bürger, treuen Ehemann und Familienvater zurück. Als er jedoch das Haus verließ, war er ausschließlich auf sein Ziel orientiert. Da er früh dran war, zwang er sich, langsam zu gehen. Er überquerte die Moltkebrücke, unter der die Wakenitz schwarz dahinfloss. Dann bog er scharf links in die Augustenstraße ein. Als könnte er seine Absichten auf diese Weise verbergen, zog es ihn in die engen 13


und wenig beleuchteten Straßen. Die Hüxtertorallee, die er bald darauf kreuzte, war allerdings wieder rege befahren. Unwillkürlich zog er die Schultern hoch. Schließlich gelangte er durch die Grünanlagen neben der Rehderbrücke zum Uferweg der Kanal-Trave. In der Dunkelheit mieden die Lübecker diesen Weg meistens – zu viele unangenehme Typen mit feindseligen Absichten oder aggressiven Hunden liefen hier herum, zu viele Drogensüchtige lungerten in den Wallanlagen und Wiesen, die sich bis zum Kanal erstreckten, und drückten sich mit schmutzigen Bestecken den Stoff in die Venen. Heute war Rudolf Andresen eine von diesen düsteren Gestalten, einer, der nicht gesehen werden wollte. Nach etwa einer halben Stunde führte ihn sein Weg vom Kanal weg. Er überquerte die Geniner Straße und gelangte in die Malmöstraße. Das Betriebsgelände der Hilgado GmbH  &  Co.KG und das angrenzende Grundstück waren ihm vertraut. Angespannt wartete er, bis eine Gruppe von Leuten in zwei Autos gestiegen war und sich entfernt hatte. Dann war es ruhig auf dem Gelände. Einige Laternen pflanzten verschwommene Lichtflecken auf den Asphalt des Vorplatzes. Als der Mann dann entschlossenen Schrittes auf das Fabrikgebäude zuging, war er ganz ruhig. Ein angeketteter Rottweiler lag platt auf dem Boden. Der Hund schnarchte. Die Frau hatte wirklich an alles gedacht!

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IV Freitag, 28. März, 21.45 Uhr Mit wehem Gefühl betrachtete Lars Müller-Hänisch die Frau, die dort so nah und doch so fern auf ihm hockte, so verhalten, so in sich versunken, so als wäre sie gerade eben von einer unbekannten Naturgewalt ergriffen und ihm entrissen worden. Er liebte Ike, der er nur nahe sein konnte, wenn er ihrer Seele fernblieb. Ihr ebenmäßiges Antlitz wirkte entrückt. Ein kaum für möglich gehaltener Frieden hatte sich auf ihre Gesichtszüge gelegt. Auch Lars bewegte sich nur wenig, abwartend, ängstlich, dass er ihre Konzentration stören könnte. Ikes Kontemplation griff auf ihn über, zu flüchtig allerdings, als dass diese ihn wirklich hätte berühren und erfüllen können. Zu sehr nagten Zweifel und Sorge an ihm. Überraschend hatte sich Ike wieder bei ihm gemeldet. Als sie ihn damals mit einer kurzen, auf einen Zettel gekritzelten Nachricht von sich gestoßen hatte, war ihm sofort klar gewesen, dass sie seine intensiven Gefühle und das Ausmaß an Nähe nicht hatte ertragen können. Dennoch war die brutale Trennung für ihn äußerst schmerzhaft gewesen und hatte für einen Einbruch seines Selbstwertgefühls gesorgt. Und jetzt, ein halbes Jahr später? Würde sie ihn nach kurzem Begehren wieder fortjagen? Musste er bei jeder Bewegung, bei jedem Wort fürchten, dass er ihr zu nahe kam? Konnte er überhaupt noch unbefangen sein? Ike begann rhythmisch mit dem Becken zu kreisen. Lars spürte ihre pulsierende Hitze, das Zittern ihres feuchten Leibes, ihren Atem in seinem Gesicht. Ein Schweißtropfen löste sich von ihrer Stirn und tropfte auf seine Brust. Lars fühlte Ikes Unnahbarkeit, aber auch ihre Sehnsucht, die sie jedoch in die nüchterne Sachlichkeit körperlicher Liebe verwandelte. Ihre Begierde wirkte namenlos, gesichtslos und, in dem Maße, in dem sie selbst ihre Einsamkeit zu empfinden schien, verzweifelt. Halt suchend krallten sich ihre Finger in sein Fleisch. Sie keuchte. Sie senkte ihren Blick in seinen, versuchte, sich darin zu veran15


kern. Versuchte vergeblich, ihn, den anderen, dort zu finden. Und auch sich selbst. Erschöpft sank sie von ihm herab. »Lars!« Sie warf einen Rettungsring in das Meer ihrer Einsamkeit. Doch Lars antwortete nicht. Er spürte, wie sie mit sich rang. Als sie schwer einatmete, um zu sprechen, wurde sie aus ihrer Not gerettet – das Klingelzeichen ihres Handys ertönte. Sie ließ es lange klingeln. Schließlich erhob sie sich, wühlte in den Kleidungsstücken, die sie vorhin achtlos auf den Boden geworfen hatte, fischte das Mobiltelefon aus der Hosentasche und drückte auf die Annahmetaste. Und damit begann der Albtraum. Von seinem Haus in der Malmöstraße bis zur Moislinger Eisenbahnbrücke war es nicht sehr weit. Heiner Nehlsen hatte beschlossen zu Fuß zu gehen, um nicht aufzufallen. Dieser Vorsatz scheiterte allerdings gleich zu Beginn: Die zwei Sekunden, die der Bewegungsmelder benötigte, um das Licht vor der Haustür einzuschalten, genügten, um ihn über einen Stapel Blechkanister stolpern zu lassen, die scheppernd zu Boden fielen. Susana hatte vermutlich die Garage aufgeräumt und ihre Arbeit wieder einmal nur halb zu Ende geführt. Ständig entstanden irgendwo im Haus oder im Garten irgendwelche Stapel, die sich dann wochenlang nicht vom Fleck rührten. Nehlsen schluckte den aufkommenden Ärger herunter. Jetzt war etwas anderes wichtiger! Seine Hand schloss sich um das kalte Metall in seiner Manteltasche. In dem Licht, das vom Werksgelände herüberstreute, glänzte sein feistes Gesicht. Nervös wie er sich fühlte, war er zeitig aufgebrochen. Vielleicht konnte er vor der Person, die ihn angerufen hatte, am Treffpunkt sein; vielleicht konnte er das Terrain sondieren, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Nehlsen zog das Revers seines Mantels vor der Brust zusammen. Ihn fröstelte. Der Kanalweg lag düster vor ihm. Schemenhaft trat die Eisenbahnbrücke aus der Dunkelheit hervor. Nehlsen hielt den Atem an und lauschte. Es war still. Kein Zug war zu hören, kein Auto in der Ferne. Das Wasser des Kanals war schwarz und glatt. Das einzige, was Nehlsen hörte, war sein Herzschlag.

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Der Einsatz war nicht ganz legal gewesen. Kriminalhauptkommissar Jörg Wächter, der neue Leiter des Kommissariats 3 für Wirtschaftsund Umweltkriminalität, wusste das. Er nuckelte unschlüssig an seiner Pfeife. Wortkarg hatte der Hüne seine Leute wieder eingesammelt und sie hatten das Werksgelände von Hilgado unverrichteter Dinge verlassen. Hoffentlich wird es keinen Ärger geben, dachte Wächter. Er kraulte seinen dunklen, dichten Vollbart. Immerhin hatten sie das Tor gewaltsam geöffnet, waren ohne staatsanwaltliches Okay in das Lager eingedrungen und hatten Lieferungen überprüft. Außer einigen Merkwürdigkeiten – wieso lieferte die Firma Hilgado Heidelbeeren nach Papeete und importierte dann von der australischen Ninetop Corporation ausgerechnet wieder Heidelbeeren?  – war ihnen jedoch nichts Belastendes in die Hände gefallen. Seit langem hatten die Fahnder die Firmenleitung und ihre Verbindungen ins Kieler Innenministerium im Visier. Man ahnte, nein, eigentlich wusste man, dass da Einiges im Busch war. Aber es gab keinerlei Beweise, die den leitenden Oberstaatsanwalt dazu gebracht hätten, den Füller zwecks Unterzeichnung eines Durchsuchungsbefehls auch nur in die Hand zu nehmen. Anschließend hatten Wächter und seine Leute dem Geschäftsführer der Firma noch einen unangekündigten Besuch in seinem Wohnhaus abgestattet. Nicht dass sie gegen Heiner Nehlsen etwas in der Hand gehabt hätten, Beweise, Indizien oder gar einen Durchsuchungsbefehl; sie hatten ihn, den blasierten Manager, nur etwas nervös machen wollen. Sie würden immer wieder bei ihm auftauchen, ihm Fragen stellen, irgendwelche Fragen, deren wahre Antworten sie eigentlich schon kannten. Aber nicht beweisen konnten. Eines Tages würde der große Heiner Nehlsen schon einen Fehler machen. Oder aber der unbekannte Politiker aus dem Kieler Innenministerium würde seine schützende Hand von seinem Handlanger zurückziehen. Wenn er ihn nicht mehr bräuchte. Ihr Mann sei gerade nicht da, hatte Nehlsens verstört wirkende Frau gesagt. Sie hatte geweint. Wächter hatte förmlich gerochen, dass es Zoff gegeben hatte. Vermutlich war der Typ abgehauen, hatte seine Frau alleine und aufgelöst zurückgelassen. Im Zorn hatte er

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vielleicht den Stapel Blechkanister vor der Haustür beiseite getreten. Wächter kannte das. Jetzt, einige Minuten später, fuhren seine Männer ihre Fahrzeuge auf das Polizeigelände zurück. Mit schwerfälligen Bewegungen stiegen sie aus und gingen grußlos auseinander. Während seine Mitarbeiter zu ihren eigenen Autos trotteten, starrte Jörg Wächter unbewegt in die Dunkelheit. Mit einem unbehaglichen Gefühl schlich Rudolf Andresen an dem großen Kettenhund vorbei. Er rührte sich nicht. Vielleicht Schlafmittel. Unwillkürlich musste der hagere Mann grinsen. Die unheimliche Stille und das Ungewisse der Situation erregten ihn noch mehr. Ein warmes Kribbeln breitete sich in seinem Unterleib aus. Plötzlich war ein Zischen zu hören. Andresen blieb stehen. Gespannt lauschte er. Da war es wieder! Ein Schatten löste sich langsam von der Wand neben dem Eingang der alten Fabrikhalle. Normalerweise war dieses Gebäude verschlossen, wegen Baufälligkeit. Flüchtig durchzuckte ihn der Gedanke, dass er nicht hineingehen sollte. »Hierher!« Andresen gehorchte. Sein ausgeprägter Adamsapfel wanderte auf und ab. »Halt! Langsam!« Er blieb kurz stehen, dann bewegte er sich behutsam weiter. Er mochte es, wenn ihm befohlen wurde. Wenn er so etwas wie Angst gespürt hatte, dann war diese nun hinter die Aussicht auf das unmittelbar Bevorstehende zurückgetreten. Im Vorübergehen sah er aus den Augenwinkeln, dass die Gestalt eine venezianische Maske trug. Merkwürdigerweise irritierte ihn der Gedanke, der ihm angesichts der unheimlichen Person durch den Kopf schoss und auch in den folgenden Stunden immer wieder auftauchen sollte, überhaupt nicht; vielmehr steigerte er seine sexuelle Erregung immens: dass die Person nach Gestalt, Stimme und Bewegungsart zu urteilen ebenso gut ein Mann sein könnte.

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V Freitag, 28. März, 22.17 Uhr Unschlüssig hielt sich Ike das Mobiltelefon ans Ohr. Nur eine undeutliche Stimme war im Hintergrund zu hören. »Hallo?«, rief sie. »Hallo? Hallo!« Gerade wollte sie das Gerät zuklappen, als eine männliche Stimme zu vernehmen war: »Was soll das?« Dann war es still. Dann wieder: »He, was machst du da?« Irgendetwas an dem Tonfall alarmierte die Kommissarin. »Wer ist denn da? Sagen Sie doch etwas!« »Ja, ach so, du willst …, ja, komm jetzt her! Ja, das ist gut!  – Komm!« Die Stimme hallte ein wenig nach, so als spräche der Anrufer nicht direkt ins Mikro. »Wo soll ich hinkommen?«, fragte Ike verwirrt. Sie begann zu frösteln, und es wurde ihr bewusst, dass sie noch ganz nackt war. Sie zupfte das Plaid vom zerwühlten Bett und warf es sich über die Schultern. »Hey.« Dann lachte der Mann nervös auf. «Das ist ja völlig  …, aber gut, echt scharf … Hey. HEY!« Jetzt begriff Ike, dass der Mann gar nicht mit ihr sprach. Er schien nicht einmal zu wissen, dass er eine Zuhörerin hatte. »Hast du alles dabei?  – Ja, ist okay, klar, du kannst  … mach schon!« Der Mann schien ungeduldig zu sein. »Da rein?«, grunzte er. Ein undefinierbares, helles Geräusch war zu hören. Eine Weile blieb es still, dann ertönte wieder die Stimme: »Okay, jetzt du!  – Komm!  … Komm jetzt!« Die Stimme klang lustvoll. »Aaah  …« Offensichtlich war er sehr erregt. Die angesprochene Person sagte nichts. Nehlsen trat von einem Fuß auf den anderen. Es war kalt geworden. Die Sonnenwärme, die für einen überraschend lauen Vorfrühlingstag gesorgt hatte, hatte sich bei einsetzender Dunkelheit der Kälte des zurückweichenden Winters geschlagen geben müssen, die aus dem Kanal aufstieg. 19


Er wollte nicht hier sein. Er wollte nicht fühlen. Er wollte nicht töten. Heiner Nehlsen hatte sich in eine Nische des Brückenkopfes zurückgezogen. Von hier aus hatte er einen guten Überblick über das Gelände. Es mochten vielleicht fünfzehn Minuten vergangen sein, ohne dass irgendjemand vorbeigekommen wäre. Möglicherweise hatte derjenige, der ihn hierher bestellt hatte, seinerseits einen Beobachtungsposten bezogen und wartete nun ab, um sicher zu gehen, dass ihm niemand gefolgt war. Vielleicht stand der Typ auf der Brücke und schaute zu ihm herab. Vielleicht wollte er ihn mürbe machen … Nein! Heiner Nehlsen versuchte diesen Gedanken zu verdrängen, der sich jedoch nicht abschütteln ließ und ihn beunruhigte. Er musste Geduld haben. Er durfte nicht vorzeitig aus seinem Versteck heraustreten, um seinen Vorteil nicht zu verspielen. Der Anrufer würde schon kommen. Allmählich schlich sich die Kälte in seinen Körper, stieg die Beine hinauf, erfasste den Rumpf und kroch von da aus in Arme und Fingerspitzen. Vorsichtig lockerte Nehlsen seinen Griff. Seine Hände fühlten sich taub an. Erst jetzt spürte er wieder die kalte Schusswaffe in seiner Rechten. Und er spürte noch etwas: Angst. Angst davor, dass die Person kam. Und Angst davor, dass sie nicht kam … Eiskalt lugte der unheimliche Regisseur der Szene durch die Schlitze der venezianischen Maske. Das anfängliche Schaudern, das Andresens schnarrende Stimme in ihm ausgelöst hatte, war verschwunden. Jetzt fühlte er nichts. Wie ein grotesker, bösartiger Pierrot gab er seine mitleidlosen Regieanweisungen. Er behielt den großen, drahtigen Andresen genau im Auge. Er hatte ein Netz um den Mann gesponnen. Ein tödliches Gespinst, in das er willig hineinkroch und das er eifrig um seinen Körper zusammenzog, enger und enger. Fast schien Andresen begierig zu sein, endlich darin zu ersticken. Wie er alle meine Anweisungen befolgt!, dachte der Maskierte, der wie unbeteiligt dastand. Gehorsam war sein Opfer in den Bottich geklettert, wie ihm befohlen worden war. Dankbar, eifrig dienen zu dürfen, devot, demütig, sich selbst erniedrigend. Wie ein Tier! Wie verachtenswert das war! 20


Die maskierte Person zog Handschellen unter dem Gewand hervor, das ihre kräftige Statur umspielte, und ließ sie verführerisch durch die Hände gleiten. Sie hielt Andresen die Fesseln hin, schwenkte sie, zog sie wieder zurück, ließ ihn winselnd seine Hände danach ausstrecken, den lüsternen Mann. Gnädig nahm sie seine Unterwürfigkeit entgegen, überreichte ihm huldvoll und neckisch die Fesseln und erlaubte ihm, sie sich anzulegen, ebenso ein zweites Paar. Während die Person den erregten Andresen, ihn wie einen Hund belohnend, hinter den Ohren kraulte, befestigte sie beide Handfesseln an weit auseinander liegenden Ösen des großen Gefäßes, so dass er mit seinen breit ausgestreckten Armen dastand wie ein geduldiger, alles verzeihender Prediger einer obskuren Bruderschaft, unschuldig wie ein Lamm. Vor diesem armseligen Wurm hatte der Maskierte einst Angst gehabt! Und während er, dessen Brustwarzen sich obszön durch das Latex drückten, fiebernd dastand, winselte, bettelte, flehte und Worte drechselte, schweinische Worte, penetrante Worte, demütige und keuchende Worte, war der verruchte Regisseur still. Er brauchte keine Worte. »Was ist denn los?« Lars drehte seinen Kopf zu Ike. Deutlich nahm er ihre Anspannung wahr. Ike blickte kurz zu ihrem Liebhaber hinüber. Sie antwortete nicht. Ihre Rechte umklammerte das Mobiltelefon, aus dem plötzlich ein metallisches Klicken zu hören war. Zögernd stemmte Lars seinen langen Körper aus dem Bett und näherte sich Ike, die sich inzwischen von ihm abgewandt hatte. »Sag doch schon, was ist?«, wiederholte er mit gepresster Stimme. »Kann ich –« Ikes abwehrend in die Luft schlagende Hand schnitt seine Frage ab. Wieder hörte man das trockene Klickgeräusch. Im dämmrigen Licht sah Lars, dass Ike bleich geworden war. Sie atmete flach. Die Kommissarin konzentrierte sich. Um verstehen zu können, was sich auf der anderen Seite der Leitung abspielte, zwang sie sich, das aufsteigende Entsetzen zurückzudrängen. Aus dem Hörer war ein Gurgeln zu hören. Ike schaute fragend. Zwischen ihren Augen hatte sich eine senkrechte Falte in die Stirn 21


eingegraben. Ein Mann stöhnte, keuchte. Klang es noch erregt? Die anfangs aufgeilenden, anpeitschenden Wörter wurden weniger. Sie wichen anderen Wörtern. Fragen. Unsicherheit. Die vorher spitze, sich überschlagende Stimme wurde leiser, dann gepresst, schließlich belegt, das lüsterne Stöhnen verwandelte sich in ein Krächzen. »He, das ist unangenehm.« Die Stimme des Mannes klang feststellend, fast ein wenig resigniert. Wieder war das helle Gluckern zu hören. Ike schaute wieder Lars an, der sich auf die Bettkante gesetzt hatte und ihren Blick besorgt erwiderte. »Stell auf Mithören!«, bat er. Gemeinsam lauschten sie. »Es ist zu warm! Hör auf!« Das Rufen, verwundert zuerst, dann ungläubig, ging in ein bizarres Lachen über, das sich überschlug. Jetzt rief der Mann: »Es ist zu heiß! LASS DAS!« Angst drang durch das Telefon: »Was soll das? WAS HAST DU VOR?« Man hörte das Entsetzen in seiner Stimme. Ikes Blick flackerte unruhig hin und her, während Rumpeln und Klirren aus dem Hörer schallten. Es klatschte, als würde jemand mit der flachen Hand auf Wasser oder eine metallische Oberfläche schlagen. »AUA! Ich halt das nicht aus!« Die Stimme überschlug sich hysterisch. Dann wurde sie flehentlich: »Bitte … Sag mir, was du willst … bitte …« Das Keuchen des Mannes wurde schneller, lauter. »Gib mir dein Handy, Lars!« Ike machte eine heftige Bewegung mit dem Kopf. »Ich hab’ es nicht hier.« »Dann das Telefon!«, fauchte Ike. »MACH DAS AUS! MACH DAS AUS! ICH KANN NICHT MEHR!« Der Mann schien zu hyperventilieren, dann schrie er, schlug anscheinend um sich. Seine panische, schrille Stimme kroch in jeden Winkel des Schlafzimmers. Die Polizistin legte das Mobiltelefon beiseite und steckte sich die Finger in die Ohren. Es machte keinen Unterschied. Allmählich wurde das Schreien schwächer und ging in ein gleichförmiges Jammern über: »Bittebittehörauf! Lassmichbitte! Washabichdirgetan?« 22


Schließlich war nur noch ein Winseln zu hören. Nach einigen Minuten wurde der Mann unvermittelt ruhig. Sachlich, fast nüchtern stellte er fest: »Du willst mich umbringen – du hast das geplant – von Anfang an – warum? – Wer bist du?« Eine Zeitlang war nichts zu hören. Dann schluchzte er auf wie ein Kind. Nachdem Lars das Telefon vor ihr abgestellt hatte, wählte Ike eine Nummer. Das Freizeichen wurde vom Weinen des Mannes aus dem Handy überdeckt. Dann war Ike mit einer Stimme verbunden, die ihr etwas Halt gab. »Sloboda.« »Ich bin’s, Ike. Chef, bitte, hören Sie!« Sie hielt das Handy kurz ans Telefon. »Der Anruf. Jemand hat mich angerufen …« Der Kriminalkommissar schnaufte. »Chef!?« »Ja.« »Da stirbt einer!« Jetzt überschlug sich Ikes Stimme. »Jemand tötet ihn!« Ihre Augen brannten. Dann schrie sie ins Telefon: »Gerade in diesem Moment tötet ihn jemand!« Sloboda hatte sich inzwischen aus den Armen seines Freundes gewunden. Schlagartig war er konzentriert. »Jensen! Sind Sie okay?« »Ja.« Ike zitterte. »Kommen Sie sofort ins K 1, in den Besprechungsraum im siebten Stock!« Ike hielt das Mobiltelefon von sich weg, um ihren Vorgesetzten besser verstehen zu können. »Ist es möglich, herauszufinden, woher der Anruf kommt?« »Ich versuch’s. Hoffentlich ist es nicht zu spät dafür.« Als Sloboda aufgelegt hatte, hielt Ike das Mobiltelefon immer noch von sich weg. Sie konnte das gellende Schreien des Mannes, das jetzt wieder aus dem Hörer kam, kaum ertragen.

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VI Freitag, 28. März, 22.45 Uhr Das Zucken des Blaulichts reflektierte in den Scheiben der vorbeirasenden Gebäude. Ike Jensen ließ den Motor aufheulen, als sie aus dem Kreisverkehr des Lindenplatzes in die Moislinger Allee jagte. Ein erschrockener Fahrer vor ihr steuerte seinen Toyota krachend über den Kantstein auf den Bürgersteig. Für einen Moment fühlte sich die Kommissarin in ein Computerspiel versetzt. Sie drückte aufs Gaspedal, der Tacho zeigte knapp Hundert. Abrupt bremste sie ab, um nach links in die Lachswehrallee einzuschwenken. Dann beschleunigte sie erneut. Auf dem Beifahrersitz lag das eingeschaltete Handy. Einige Sekunden lang übertönte das Brüllen des Motors die stoßartigen Schreie, die aus dem Gerät direkt in ihr Gehirn eindrangen. Plötzlich rissen die verzweifelten Rufe ab. Ike horchte auf. Nichts. War der Mann etwa tot? Diese Stille war noch viel schlimmer. Ike drückte einen Schalter, das Martinshorn jaulte auf. Ein vertrauter Ton, er tat nur den Ohren weh. Hinter der Lachswehrbrücke wurde das Auto von einem Straßenbuckel in die Höhe katapultiert. Gleich danach eine Rechtskurve. Der Wagen krachte auf den Asphalt, brach aus. Ike steuerte gegen, brachte die Steuerung wieder unter Kontrolle. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Sie musste – sie durfte – sich auf das Fahren konzentrieren. Für einen Moment musste sie nicht an das Handy denken, das da ungeheuerlich, scheinbar friedlich neben ihr lag. Am Ende der Possehlstraße trat allmählich das Behördenhochhaus aus der Dunkelheit. Ike lenkte ihren Wagen auf den kleinen Parkplatz direkt vor dem Eingangsportal. Einige Kollegenfahrzeuge standen bereits dort, darunter Svens chromblitzender Einser-BMW. Gerade als Ike die Eingangstür aufstoßen wollte, hörte sie einen Wagen auf den Vorplatz fahren. Der uralte weiße Borgward ihres Chefs gab ein friedliches Summen von sich, als er zum Stehen kam. Ein wenig besorgt musterte Hans Sloboda nach dem Aussteigen 24


die junge Kollegin und legte ihr dann väterlich einen Arm um die Schultern. »Geben Sie mal her!« Er nahm ihr das Mobiltelefon aus der Hand. »Und holen Sie sich erst noch einen Kaffee – das wird eine lange Nacht!« Ike seufzte: »Danke, ja, den kann ich gut gebrauchen. – Wo sind wir denn?« »Oben im Konferenzraum der Mordkommission.« Die Kommissarin und ihr Chef hasteten über die Treppe in die siebte Etage. Sie wagten nicht, den Fahrstuhl zu nehmen, um die Handyleitung aufrecht zu erhalten. Hans Sloboda bog in Richtung seines Büros ab: »Ich komme gleich nach!« »Hallo alle zusammen.« Wenige Sekunden später betrat Ike den funktional eingerichteten Konferenzraum. Ulf Bender, der diensthabende Beamten vom Polizeirevier 4, stand an dem großen Stadtplan, der an der Wand hing, seine Kollegin Paula Potthof saß über das Funkgerät gebeugt und konnte dem Gekreische offensichtlich irgendwelche Informationen entnehmen. Kriminaloberkommissar Sven Hustedt schaute kaum auf. Dennoch klang seine Stimme erfreut: »Ah, die große Klare aus dem Norden! Hast du freitagabends nichts Besseres zu tun, als ans Handy zu gehen und uns eine lange Nacht zu bescheren?« Er blinzelte ihr zu. Ike war dankbar für diese Begrüßung, die sie unter anderen Umständen wenig charmant gefunden hätte, und schnurrte zurück: »Wenn gewisse Polizeibeamte abends schon so früh bei Mutti sein müssen, muss ich ja warten, dass jemand anders mich anruft! Aber wie kommt es, dass du schon hier bist?« »Ich hatte ganz in der Nähe ein tête-à-tête, das mein Handy abrupt beendete.« Tatsächlich roch Sven nach Wein und einem Hauch Knoblauch. »Wir waren in der ›Forelle‹ an der Lachswehr, deren erlesene Speisen ich hin und wieder sehr genieße.« »Hast du Boie schon erreicht, Sven?« Sloboda stürmte ins Zimmer. In seiner Linken schwenkte er Ikes Handy, aus dem ein grauenhaftes Keuchen zu hören war. »Der Herr Staatsanwalt ist zum Golfwochenende auf Usedom, wurde mir gesagt.« Sven verzog seine Miene zu einem gespielten Vorwurf. 25


»Mist!« Seufzend schickte der leitende Kommissar einen genervten Blick zur Decke. »Also gut, dann ruf eben die Geller an!« Wieder ertönte ein langgezogener, greller Ton aus dem Mobiltelefon. Alle hielten den Atem an. Hustedt schluckte kurz. Ein Ruck ging durch seinen stattlichen Körper. Um seine Erschütterung zu verbergen, merkte er mit belehrendem Ton an: »Frau Doktor habil. Uta Geller, Hans! So viel Zeit muss sein!« Die stellvertretende Oberstaatsanwältin legte Wert darauf, korrekt und vollständig angesprochen zu werden. Sie war als äußerst karrierebewusst und prinzipientreu bekannt, um nicht zu sagen: verrufen. Sloboda ignorierte Hustedts Bemerkung. »Jensen, Sie hören jetzt weiter das Handy ab«, befahl er. »Achten Sie auf jeden Hinweis, der uns verraten könnte, wo sich das Ganze abspielt. Wenn Ilka und Deutschmann kommen, sollen sie sich erst mal einklinken. Bender und Potthof halten Kontakt zu den Streifenwagen.« »Chef, Sie konnten den Anrufer also noch nicht lokalisieren?«, schaltete sich Ike wieder ein. »Ich versuch’ das schon die ganze Zeit. Aber es ist schwierig. – Sven, hast du schon Verbindung zur Geller?« Statt einer Antwort drang ein einzelner durchdringender Schrei aus dem Handy, das Ike vor sich auf den Tisch gestellt hatte. Dann waren ein bummerndes Rumpeln zu hören und ein Geräusch, das so klang, als würde jemand mit der flachen Hand auf eine metallische Fläche schlagen. Unwillkürlich zog Ike die Schultern hoch. Hustedt wandte sich ab. »Ja, guten Abend«, krächzte er, den Hörer mit der Hand abschirmend, ins Telefon. »Frau Doktor Geller, es tut mir leid, dass ich stören muss. Wir haben –« Er brach ab und machte ein verkniffenes Gesicht. Erneut hallte ein schauderhafter Schrei durch den Raum. »Ja, es tut mir – ja, Sie haben Recht, ich gebe Ihnen –« Stumm hielt er Sloboda den Hörer hin. Dann ging er zu Ike, die bereits an dem Tisch Platz genommen hatte, auf dem das Handy lag. Gemeinsam konzentrierten sie sich auf die Geräusche. »Sloboda hier. Frau Geller, wir brauchen eine AnschlussinhaberErmittlung.« Nach kurzer Pause fuhr er fort: »Nein, sofort, jetzt 26


gleich. Jemand wird gerade bei eingeschaltetem Mobiltelefon getötet! Jetzt, in diesem Moment! – Ja, er ist nicht da. Golfspielen auf Usedom. – Ja, ich weiß, dass Sie den Amtsrichter einschalten müssen. – Ja, ich weiß das, Frau Geller! – Ja, Frau Doktor Geller!« Der Polizeibeamte holte tief Luft und verbiss sich mühsam eine spitze Bemerkung. Er insistierte: »Es ist Gefahr im Verzug! – Gut, also Folgendes: Heute Abend gegen – « Fragend guckte der Hauptkommissar zu Ike hinüber. »So ungefähr Viertel nach zehn«, soufflierte sie. Mit knappen, präzisen Worten setzte Sloboda die Oberstaatsanwältin nun von den Ereignissen in Kenntnis. Nachdem er aufgelegt hatte, machte er seinem Ärger Luft: »Sehr wohl, Frau Oberstaatsanwältin Doktor habil Beller!«, warf er in die Runde und die Kollegen lachten über die Anspielung auf die geifernde Sprechweise der Staatsanwältin. Den Moment der einsetzenden Ohnmacht spürte Rudolf Andresen genau. Um ihn herum verschwammen die Gegenstände und Geräusche, Erinnerungsfetzen drängten hervor. Dann, ein letztes Mal, wurden seine Sinne ganz klar. »Wer bist du?« Seine Stimme war nun ganz fest. »Zeige dich!  – Ich weiß, wer du bist, jetzt weiß ich es …« Die Person trat näher an ihr Opfer heran. Mit langsamen Bewegungen ließ sie den Umhang von den Schultern gleiten und zog sich, während sie ihn unverwandt ansah, die venezianische Maske vom Kopf. »Du bist –« Bevor Rudolf Andresen den Satz beenden konnte, drückte die Person auf einen Knopf. Die Verbindung war unterbrochen. »Ich bin nicht befugt, Ihnen die Verbindungen und den Anschlussinhaber preiszugeben, auch wenn noch so sehr Gefahr im Verzug ist.« Sloboda malte sich aus, wie sich sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung selbstzufrieden in seinem Sessel aalte. Natürlich war auch er über die Rechtssituation im Bilde. »Oder haben Sie einen Gerichtsbeschluss?« »Hören Sie«, reagierte der Hauptkommissar vielleicht ein wenig zu freundlich, »wie war doch gleich Ihr Name?« 27


»Wosien, Bastian Wosien.« »Also, Herr Wosien, natürlich haben Sie Recht, ich bräuchte eigentlich einen Gerichtsbeschluss. Aber …«, das letzte Wort zog der Sloboda emphatisch in die Länge, »eines schwöre ich Ihnen: Wenn Sie nicht sofort überprüfen, wer der Inhaber dieses Handys ist und wo es sich befindet, werde ich in fünf Minuten mit meinen Jungs bei mobileworld auftauchen und mich persönlich mit Ihnen unterhalten. Und Sie können ganz sicher sein, dass wir etwas finden, was uns überhaupt nicht gefallen wird. Und Ihnen auch nicht. Also!« Sloboda schrie nicht, er sprach nicht einmal besonders laut. »Ich werde mich über Sie beschweren!« Wosiens Stimme klang auf einmal belegt. »Sie dürfen sich beschweren, so viel Sie wollen. Aber jetzt machen Sie, was ich gesagt habe! Sobald Sie etwas haben, melden Sie sich, klar?« Hans Sloboda legte auf und schaute in die Runde, die inzwischen Verstärkung durch Ilka Gross und Kriminalhauptkommissar Manfred Deutschmann bekommen hatte, der sauertöpfisch dreinblickte. In den letzten Monaten war der 52-Jährige noch hagerer geworden. Ein Vollbart umwucherte sein graues Gesicht. »Ich hasse es, wenn ich unhöflich werden muss!«, seufzte der Leiter des K 1. Im nächsten Moment waren aus dem Mobiltelefon, auf das die Polizisten während Slobodas Gespräch nicht geachtet hatten, einige kurze, überraschend sachliche Sätze zu vernehmen: »Ich weiß, wer du bist, jetzt weiß ich es … du bist –« Dann gab es ein leises Klicken. Die Leitung war tot. Die Menschen in der Einsatzzentrale sahen sich betroffen an. »Scheiße!« Ike sprach aus, was alle dachten. Es musste schon weit nach Mitternacht sein, als Susana PascuaNehlsen aufwachte. Nach dem Streit mit ihrem Mann hatte sie ein heißes Bad genommen, dabei einen Piccolo geleert und die Abwesenheit ihres Gatten genossen. Beim Eincremen hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie würde sich trennen. Sie hatte keine Existenzangst mehr, die sie an ihn kettete. Sie würde mit ihrem Liebhaber über eine gemeinsame Zukunft reden. Ihr Freund war zwar 28


nicht so gut situiert wie Heiner, aber er war attraktiv, liebevoll und unternehmungslustig. Er würde für sie sorgen können. Nächste Woche würde sie die bekannte Lübecker Scheidungsanwältin aufsuchen, die ihr eine Freundin empfohlen hatte: Evelyne Strait. Ein vielversprechender Name! Sie würde diesem selbstverliebten viejo verde, diesem geilen Bock nicht mehr zu Diensten sein müssen. Sie würde ihn ausnehmen und ihm von der Anwältin die cojones polieren lassen! Jetzt hörte sie, wie ihr Mann die Haustür öffnete, eintrat und seine Sachen ablegte. Schritte kamen die Treppe herauf, ein vorsichtiges Rütteln an der Schlafzimmertür, die sie abgeschlossen hatte. Die Schritte entfernten sich wieder, vermutlich machte er es sich jetzt auf dem Sofa im Wohnzimmer bequem. Das kannte er schon. Heiner Nehlsen zog sich die Wolldecke zurecht. Er war zugleich erleichtert und frustriert, weil niemand zum verabredeten Treffpunkt gekommen war. Ob man ihn mürbe machen und den Preis in die Höhe treiben wollte? Oder war es einfach ein dummer Scherz? Und wenn tatsächlich jemand gekommen wäre: Ob er wohl bereit gewesen wäre, zu töten? Er war sich nicht sicher. »Was jetzt?« Ilka schaute in die Runde. Aber ihre Kollegen waren ebenso ratlos wie sie selbst. Keiner glaubte daran, das Opfer noch rechtzeitig finden zu können. Als Erster regte sich Hans Sloboda wieder: »Kollegen! Wer kann etwas zu dem Ort sagen? Woher kam der Anruf? Was ist euch aufgefallen? Gab es Geräusche im Hintergrund? Irgendein verräterischer Satz, ein Wort?« Sven antwortete zuerst: »Das war nicht in einer Wohnung, glaub’ ich, da war so ein Hall zu hören, ich weiß nicht, vielleicht ein Saal, eine Fabrikhalle oder so.« »Ich habe Metall gehört, vielleicht irgendwelche Geräte oder Maschinen«, sagte Ilka. »Irgendwas klirrte und machte klick oder so. Schläge mit der Hand auf glatte Oberflächen, wohl nicht hohl, eher ziemlich massiv.« »Und dazu tauchte ständig ein Geräusch von platschendem Wasser auf«, ergänzte Ike. »Wasser?« Nachdenklich zupfte der Chef an seinem fliehenden Kinn. »Wo gibt es Wasser?« 29


»Stadtwerke, Wasserkunst, Getränkehandel, Abfüllanlage, Wäscherei, Brunnen, Pissoir …« »Badewanne«, ergänzte Ike Svens Redefluss. »Oder Schwimmbad oder Sauna oder Sporthalle oder Werft – das könnte überall sein! So kommen wir nicht weiter!« Nach wenigen Sekunden griff Sloboda nach einem weiteren Strohhalm: »Kollegin Jensen, gibt es inhaltliche Hinweise? Wurde etwas gesagt, was uns weiterhelfen könnte?« »Nein Chef, überhaupt nichts.« »Was meinen die anderen?« Nicht sehr hoffnungsvoll blickte der Erste Kriminalhauptkommissar um sich. Wie erwartet bekam er nur Kopfschütteln zur Antwort. Deutschmann guckte finster vor sich hin. Ilka Gross blickte ärgerlich auf Sven, der nicht von Ikes Seite wich. Sven schaute Ike hungrig an. Die Kommissarin errötete. Ihr Chef legte seine Stirn in Falten. Das Telefon klingelte. »Wir können das Gebiet, aus dem der Anruf kam, einkreisen«, meldete sich der Anrufer, »irgendwo im Bereich Lübeck-Moisling, Buntekuh, Genin. Der Anschlussinhaber ist eine gewisse Susana Pascua-Nehlsen.« Kurz darauf streifte eine Armada von Einsatzwagen durch die genannten Stadtgebiete. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden fuhr ein Polizeifahrzeug am Hilgado-Werksgelände vorbei. Da dort aber nichts Verdächtiges zu sehen war, meldete die Besatzung des Streifenwagens, dass sie sich nun auf den Weg in die Kronsforder Landstraße machen würde. Auch die beiden Beamten ahnten nicht, dass fünfzig Meter von ihnen entfernt ein Mann gerade dabei war, qualvoll zugrunde zu gehen. Das Klingeln der Haustür weckte die junge Frau zum zweiten Mal in dieser Nacht. Ruckartig setzte sie sich im Bett auf, fuhr sich mit den Fingern durch die schwarzen, dichten Haare und atmete erst einmal tief durch. Gerade hatte sie beschlossen, diese unverschämte nächtliche Störung für einen Traum zu halten, als es erneut klingelte. 30


Schimpfend stand sie auf: »Vete a tomar por el culo! Leckt mich!« Unten wurde die Haustür aufgerissen. Kurz darauf rief ihr Mann hoch: »Polizei! Du sollst mal runterkommen, Susana!« »Sie sind die Inhaberin des Mobiltelefons mit der Nummer …« Der Zivilbeamte blickte die verschlafene Frau an, die gerade an die Haustür gekommen war. Dann schaute er in seinen Notizblock und las eine zwölfstellige Nummer ab. »Kann schon sein. – Wer sind Sie? Was soll das?«, fragte Susana verstockt zurück. »Kriminalpolizei.« Er zeigte seine Dienstmarke. »Ich bin Hauptkommissar Sloboda. Und das ist«, er wies auf die Frau neben sich, »Kriminalkommissarin Ike Jensen. Wir wollen wissen, wo sich Ihr Mobiltelefon befindet.« »Mein Handy?  – Und dafür kommen Sie mitten in der Nacht und reißen mich aus dem Schlaf?«, schimpfte die Frau. »Mierda!« »Bitte zeigen Sie uns jetzt Ihr Handy, Frau Pascua-Nehlsen. Und dann möchten wir noch wissen, wo Sie heute Nacht zwischen einundzwanzig Uhr und ein Uhr dreißig waren.« Sloboda schaute auf die Uhr, die jetzt ein Uhr zweiunddreißig zeigte. Mürrisch drehte sich die Frau um und öffnete eine Schublade der Biedermeier-Kommode, die in der ansonsten nüchternen Umgebung wie ein Erbstück wirkte, das man kurz vor der Ankunft der Schwiegermutter schnell irgendwo aufgebaut hatte. »Mier-« wollte ihr gerade der nächste Fluch entschlüpfen, als sie sich des Besuchs besann, »-coles! – Ich weiß nicht … Heiner!«, schrie sie ihren Mann unvermittelt an, »hast du vielleicht …?« »Nein, Schatz, ich hab’ dein Handy nicht.« Offensichtlich war ihm der ungehobelte Ton seiner Frau peinlich, und er versuchte, die Spannungen durch übertriebene Freundlichkeit zu übertünchen. Dann fügte er nachdenklich hinzu: »Vielleicht ist es gestohlen worden.« Er wandte sich an die Polizeibeamten. »Vor etwa zwei Wochen ist bei uns eingebrochen worden. Es ist aber nichts gestohlen worden. Dachten wir zumindest, und deshalb haben wir auch nichts unternommen. Wir waren allerdings nicht ganz sicher, denn einige Dinge standen so, dass wir den Eindruck hatten, jemand wäre hier drin gewesen. Aber, wie gesagt, wir waren uns nicht sicher. Und deshalb haben wir es auf sich beruhen lassen.« 31


»Haben Sie den Apparat immer da«, Ike zeigte auf die Kommode, »aufbewahrt?« Frau Pascua-Nehlsen nickte. Sie fasste sich mit beiden Händen an die Schläfen und massierte sie leicht. »Wissen Sie, meine Frau benutzt ihr Handy nicht sehr oft. Weil sie immer ihre Pin vergisst.« Die schlanke Frau zog ihren Morgenmantel vor der Brust zusammen und bedachte ihren Mann mit einem giftigen Blick. »Wo waren Sie heute Nacht zwischen neun Uhr und halb zwei, Frau Pascua-Nehlsen?« Sloboda kam auf seine Frage zurück. »Ich habe ein Bad genommen, das muss so gegen zehn gewesen sein. Danach bin ich zu Bett gegangen. Alleine!« Das letzte Wort schien sie ihrem Mann ins Gesicht zu schleudern. »Und Sie, Herr Nehlsen?«, übernahm die Kommissarin das Wort. »Ich«, er wechselte einen schnellen Blick mit seiner Frau, »war auch zu Hause. Ich bin genauso früh ins Bett gegangen, allerdings hier«, er zeigte durch den Flur auf die große Sitzgarnitur im Wohnzimmer. »Auch alleine, leider.« Nachdem die Haustür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, blieben Sloboda und Jensen noch eine Minute im Licht der Außenlampe über der Tür stehen. Wortlos versicherten sie sich gegenseitig, dass sie soeben eine Menge Lügen gehört hatten. »Kommen Sie, Jensen. Ich bringe Sie nach Hause. Versuchen Sie, noch etwas Schlaf zu kriegen. Wer weiß, wann wir wieder raus müssen.« Hans Sloboda sah selbst ziemlich bettreif aus. Es war das dritte Mal in dieser Nacht, dass Polizeibeamte dem Tatort äußerst nah gewesen waren.

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N

März, Uhr Mord­ ett sind sie Samstag, ja, die neuen 29. Kollegen in der2Lübecker kommission. Aber ein wenig aufdringlich ist Sven schon, »Schau mal hier, Ike schob überwohl den fühlt Tresen, hinund Ilka gibt sich Helga!« stutenbissig. Undden soBrief richtig sich ter dem ihre Freundin gerade Gläser auswischte. »Schon der zweite Kriminalkommissarin Ike Jensen in der kahlen neuen Wohnung Brief. Ich weiß gar nicht, was das soll.« am Lübecker ZOB auch noch nicht. Wie gut, dass sie sich in Helga, Barfrau in der Kneipe »Drei Jungfrauen«, stellte das Glas dieab, Arme ihres flüchten kann – doch dann ihr beugte sichFreundes vor und griff mit ihrer riesenhaften Prankeklingelt nach dem Handy Blatt.und der Albtraum beginnt: Sie wird Ohrenzeugin eines brutalen Mordes. »Lass mal sehen, meine Kleine!« Wie schon bei ihrem ersten Zusammentreffen vor etwas über Jahr lief Ike, sobald sieund Helgas rauchige Baritonstimme Dieeinem Ermittlungen führen Ike ihrevolle, Kollegen in die Geschäfts­ hörte, ein angenehmer Schauer über den Rücken. Helga betrieb mit welt der Hansestadt und die Kieler Politik. Je mehr sie heraus­ zwei Freundinnen die kleine Bar im Erdgeschoss eines der riesigen finden, desto brisanter wird es für die Ermittler: Schnell steht und sozial unverträglichen Wohnsilos im Hudekamp, wo Ike bis vor nicht nur die Karriere auf dem Spiel, sondern auch das nackte kurzem noch gewohnt hatte. Der Name der Kneipe, »Drei JungLeben. Und Ike muss sich den Abgründen ihrer Vergangenheit frauen«, stand in einem eklatanten Kontrast zum Erscheinungsbild stellen. der drei Betreiberinnen. Sie waren allesamt große, kräftige, dunkelhaarige Frauen des gehobenen Mittelalters. Helga war vor kurzem

Der66Lübecker und Autor Mehrgardt Jahre alt Psychotherapeut geworden. Über die Frage derMichael Unberührtheit dieser Frauenmit gingen die Meinungen ihrer Figuren Kunden und allerdings auseinanbrilliert sorgfältig gezeichneten schreckt nicht Die einen angesichts forschen Auftretens vorder: heißen Eisen konnten zurück. sich Vor allem aberihres versetzt er den Leser vorstellen, dass Krimi die Männer immer Spannung. rechtzeitig hatten Reißaus mitnicht diesem rasanten in atemlose nehmen können, andere Stimmen meinten, dass sich ein Mann aus genau denselben Gründen niemals näher als zwanzig Zentimeter an eine der Frauen herangetraut haben könne. Und da nun einmal der kleine Unterschied selten mehr als zwanzig Zentimeter betrage, könne auch nichts und niemand ihrer Unversehrtheit jemals zu Leibe gerückt sein. Ike war nach dem nächtlichen Einsatz bei den Nehlsens todmüde nach Hause gekommen, hatte die Haustür aufgeschlossen und einen Stapel Post aus dem Briefkasten gefischt, als sie unvermittelt den Brief der unbekannten Christiane in den Händen hielt. Sofort war sie wieder hellwach. Nachdem sie die Zeilen, die ihr ja mit dem ersten Schreiben bereits angekündigt worden waren, gelesen hatte, wusste sie auch, worauf die Absenderin abzielte. Aber damit wollte sich Ike nie wieder beschäftigen. Also versuchte sie, möglichst unbe-

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