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Surprise Strassenmagazin 242/11

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Porträt Die Steppenwölfin Charlotte Peter hat ein aussergewöhnliches Leben lang die Welt bereist. Dieses Jahr stehen erneut China, Äthiopien, Indien und Georgien auf dem Programm der bald 87-jährigen Dame. ISABELLA SEEMANN (TEXT) UND NANDOR NAGY (BILD)

Oh, diese Männer! Nicht immer einfach waren in fernen Ländern die Begegnungen mit ihnen. Da sass sie einst im Propellerflugzeug. Tausend Meter unter ihr ein grünes Meer, das nicht zu enden schien. Kilometer um Kilometer, eine gefühlte Ewigkeit. Prompt schaltete der Buschpilot seine Maschine auf Autopilot, ging nach hinten in die Kabine und drängte sich seiner einzigen Passagierin auf. Es gab kein Entweichen. «Er meinte, der Flug über den Amazonas eigne sich auch gut für einen Quickie.» Selbstbewusst und gelassen erzählt sie von ihren Abenteuern als allein reisende Frau. Eine zarte Dame, das Haar im Pagenschnitt frisiert, ein feines Gesicht mit verschmitzten Augen, dezent gekleidet und mit Dutzenden von Armringen äthiopischer Stämme geschmückt: Das ist Charlotte Peter, promovierte Historikerin, Grand Old Lady des Reisejournalismus, 86 Jahre alt. Wer ihr begegnet, vergisst ihr Lachen nicht, und diesen hintergründigen Humor. Man braucht allerdings Glück, sie in Zürich anzutreffen. Eben noch weilte sie in Burma, schon bereitet sie sich auf die Überlandfahrt von Addis Abeba nach Nairobi vor, dann stehen dieses Jahr noch eine Bootsfahrt auf dem Ganges und eine Reise von Georgien durch Ostanatolien bis nach Istanbul auf ihrem Programm, dazwischen besucht sie «schnell» ihr Pied-à-terre in Paris, und selbstredend geht es wieder nach China, das sie schon mehr als hundert Mal bereiste. Die Weltenerforscherin erinnert sich noch gut an ihre Premiere vor genau 50 Jahren, als Mao die Tore für Touristen öffnete. Wenn sie alleine essen ging, platzierte man sie im Restaurant hinter Paravents. Ob man sie vor den Blicken Einheimischer schützen wollte oder die Einheimischen vor ihrem Anblick – sie weiss es bis heute nicht. Mittlerweile ist Peking zu ihrer zweiten Heimatstadt geworden und Chinesisch kann sie so viel, dass sie die Strassenschilder lesen kann. Sinologin wollte sie eigentlich werden, doch gab es in ihrer Jugend noch keinen Lehrstuhl an der Universität Zürich. So hat sie Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Ihr Elternhaus war bürgerlich, der Vater, ein Ingenieur und weitgereister Mann, unterstützte seine Töchter in ihrem Wissens- und Freiheitsdrang. Nach dem Studium, kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sagte die junge Lotte der Schweiz Adieu und schiffte in Le Havre nach Amerika ein, wo sie an der University of Kansas als Assistentin arbeitete. Das Geld für die Rückreise verdiente sie sich als Erbsenpackerin in einer Konservenfabrik. Bereits damals hielt sie alle Erlebnisse in Notizbüchern fest, von der Fahrt auf dem Frachtschiff über den Pazifik nach Japan, von ihrem Aufenthalt in Kalkutta und ihrer Zugreise zurück in die Schweiz. Seit dieser ersten Weltumrundung hat Charlotte Peter mit dem Reisen nicht mehr aufgehört. Über 100 000 Kilometer fliegt sie jährlich, fährt noch immer stundenlang auf Jeeps über Schotterpisten – und winkt allfällige Bedenken wegen Strapazen weg. Schliesslich hält das Reisen Belohnungen parat, die das Rentnerdasein nicht kennt: «Wenn man so viel reist wie ich, dann ist es, wie wenn einem Flügel wachsen.»

Ferien hat sie nie gemacht, sie ist immer nur gereist. Bereits in ihrem Beruf als Journalistin war sie ständig unterwegs, schrieb über Kultur und Mode, als Chefredaktorin bei der «Elle» und der «Annabelle» begleitete sie die Fotoshootings «around the world». Nach ihrer Pensionierung – ein Wort, das sie nur vom Hörensagen kennt – verfasste sie Reiseberichte für die «Züriwoche» und «Die Weltwoche». Mit 70 wechselte sie die Seiten, wurde Reiseorganisatorin und vermittelte ihr immenses Wissen als Reiseleiterin. Heute bietet das Reisebüro «Indo Orient Tours» Reisen unter der «kulturellen Leitung von Dr. Charlotte Peter» an und es gibt richtige Peter-Fans, die keine Tour mit ihr verpassen. Oft aber ist «der Steppenwolf», wie sie sich zuweilen selbst sieht, alleine unterwegs. Dabei begleiten sie weder Einsamkeit noch Langeweile. «Ich bin neugierig wie ein junger Hund, es gibt immer etwas zu entdecken». Geheiratet hat sie nie. Nicht aus Prinzip, es hat sich einfach nicht ergeben. «Das Leben ist kein Dessertbuffet, an dem man sich nach Belieben bedienen kann», sagt sie mit der Gleichmut eines reifen Menschen. «Und wenn ich mir die Welt anschaue, so habe ich unter den sieben Milliarden Menschen doch ein gutes Los gezogen.» Dieses Bewusstsein macht sie ausgeglichen und auch tolerant gegenüber den Unbill auf Reisen. Nur wenn ihr die «Gerneguten» vorwerfen, sie unterstütze mit ihrem Tourismus in Militärdiktaturen wie Burma das herrschende Regime, verliert die alte Dame die Contenance. «Das ist doch fertiger Blödsinn.» Durch das Wegbleiben von Touristen würde die Bevölkerung zusätzlich bestraft. Nicht nur, weil Gäste nötige Devisen brächten, sondern auch, weil die Menschen auf unzensierte Informationen von Besuchern angewiesen seien. «Geben diese Möchtegern-Menschenrechtler auch nur einem einzigen Burmesen Arbeit?», fragt sie indigniert. Auch über Besserwisser kann sie sich fürchterlich echauffieren. «Kaum haben sie ihren Fuss über die Grenze gesetzt, schulmeistern sie die Bevölkerung, wie ihr Land zu regieren sei – also nein, so geht das nicht!» Alles Missionarische ist ihr zuwider. «Ich liebe diese Welt», sagt sie, «und mit dieser Einstellung bereise ich sie.» Traumziele hat sie keine mehr, und das stimmt sie ein wenig melancholisch. Der letzte Wunsch, den sie sich erfüllt hat, war der

«Wenn man so viel reist wie ich, dann ist es, wie wenn einem Flügel wachsen.»

SURPRISE 242/11

Kailash, der Heilige Berg der Buddhisten in Tibet. Ihn einmal zu umwandeln, soll die Verdunkelungen eines Lebens bereinigen. Manch ein junger Spund rannte zielgerichtet den Berg hoch – und bekam den Höhenkoller. «Ohne Ehrfurcht, Glauben und Hingabe ist nichts gewonnen», erklärt Charlotte Peter, die sich dem Buddhismus verbunden fühlt. Obwohl sie unsportlich ist, schaffte sie es, den Berg auf 5000 Metern Höhe in drei Tagen zu umwandeln. «Weil ich mit der inneren Haltung einer Pilgerin ging.» Bescheiden wie ein Pilger und behutsam wie ein Liebender, das ist ihre Reisephilosophie, so will sie den Menschen begegnen. ■

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