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Surprise Strassenmagazin 236/10

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Diskriminierung «Es ist mühsam, immer genau hinzuschauen» Ausschaffungsinitiative, Bettelverbote, Hetze gegen «Sozialschmarotzer» – tagtäglich werden Minderheiten verunglimpft und bekämpft. Tarek Naguib beschäftigt sich als Jurist mit Diskriminierungen. Ein Gespräch über Angst, Vorurteile und den kleinen Rassisten in jedem von uns.

VON AMIR ALI (INTERVIEW) UND DETLEV SCHILKE (BILDER)

Tarek Naguib, täuscht der Eindruck, die Menschen seien vom Thema Diskriminierung übersättigt und wollten von den ständigen Mahnungen zur Toleranz nichts mehr wissen? Viele Menschen haben durchaus eine Sensibilität für die Problematik. Manche aber fühlen sich durch das Fremde gestört. Wer gegen Diskriminierung kämpft, solidarisiert sich gegen die Fremdenfeindlichen mit denen, die nicht dazugehören sollen. Die Leute fragen sich, weshalb man einen ausländischen «Sozialschmarotzer» schützen soll und fühlen sich belehrt. Es ist dann einfach, jene als Gutmenschen abzustempeln, die sich gegen Diskriminierung einsetzen. Und weshalb soll man «Sozialschmarotzer» schützen? Moment, der Kampf gegen Diskriminierung ist kein Freipass für asoziales Verhalten oder Rechtsverstösse. Es geht darum, dass jeder das Recht hat, auch als Mensch wahrgenommen zu werden und nicht als Ausländer oder Schwuler oder Behinderter von Ressourcen ausgegrenzt zu werden. Aber wenn ein Ausländer die IV missbraucht, dann soll er doch nicht geschützt werden, nur weil er ein Ausländer ist. Diesem Missverständnis begegne ich sehr oft.

Probleme ihrer Gruppe zu: Der Nigerianer ist bestimmt ein Dealer, die Muslimin wird sieben Kinder auf die Welt setzen, der Türke betrügt bestimmt die IV. Diese Stereotype beruhen ja auch auf Erfahrungswerten. Natürlich, aber diese Verallgemeinerungen treffen eben auch den Türken, der keine IV bezieht, und die Kopftuchträgerin, die als Anwältin arbeitet und keine Kinder will. Es ist natürlich mühsam, jedes Mal genau hinzuschauen. Nur daran kann es ja nicht liegen. Weshalb diskriminiert der Mensch? Das ist hoch komplex. Zum einen gibt es die ganzen Ideologien: Sexismus, Rassismus, Homophobie. Andererseits haben wir Ängste. Zum Beispiel, dass Muslime unser Wertegefüge durcheinander bringen. Oder vor jungen Männern vom Balkan. Ängste und Abwehrreflexe spielen eine wichtige Rolle.

«Auch gute Absichten können zu diskriminierendem Verhalten führen.»

Im Alltag macht sich wohl jeder von uns der Diskriminierung schuldig. Absolut. Wobei ich den Begriff Schuld gerne durch Verantwortung ersetzen würde. Schuld kommt aus dem Strafrecht und beinhaltet eine gewisse Vorsätzlichkeit. Wir alle diskriminieren im Alltag, aber oft sind wir uns dessen nicht bewusst. Warum diskriminieren wir denn? Das beginnt mit Antipathien, was auf der zwischenmenschlichen Ebene ja auch kein Problem ist. Einen Schritt weiter findet man vielleicht ein schwules Paar geschmacklos und hat darum Antipathien gegen die zwei Menschen. Dann werden Antipathien zur Diskriminierung, sobald sie sich gegen ein Kollektiv richten? Von Diskriminierung kann man rechtlich erst sprechen, wenn stereotype Vorstellungen über eine Gruppe in konkretes Handeln münden. Statt der Person ihre Individualität zuzugestehen, schreibe ich ihr die SURPRISE 236/10

Wer andere diskriminiert und ausgrenzt, hat also eigentlich ein Problem: Er hat Angst. Angst ist nur eine mögliche Ursache. Aber auch gute Absichten können zu diskriminierendem Verhalten führen. Etwa, wenn man das Gefühl hat, die armen islamischen Frauen mit einem Burkaverbot befreien zu können. Oder nehmen Sie das kapitalistische Effizienzdenken, das dazu führt, dass behinderte oder ältere Menschen keinen Job kriegen. Oft haben Menschen auch starre Vorstellungen darüber, was normal ist und was nicht. Bettler zum Beispiel werden als störend empfunden, als Schmarotzer. Oder transsexuelle Menschen, die einfach als abnormal angesehen werden. Ein Bettler auf der Strasse oder Transsexuelle stellen die Lebensform der «normalen» Leute infrage. Ist Diskriminierung auch eine Abwehrhaltung? Genau, man fühlt sich gestört, provoziert, hinterfragt. Vielleicht auch implizit beschuldigt. Die Reaktion ist Ausgrenzung. Das Bettlerverbot im Bahnhof Bern zum Beispiel ist völlig absurd. Wenn Sie die Leute fragen, ob diese Bettler unsympathisch sind oder ob sie Angst vor ihnen haben, werden die meisten verneinen. Und trotzdem findet man sie störend, obwohl unklar bleibt, wo das Problem liegt.

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