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JA,

ICH WILL


PLÄDOYER FÜR DIE EHE? Was Sie hier in der Hand halten ist keine Bedienungsanleitung für die „kompliziertest anzunehmende menschliche Verbindung“, die man Ehe nennt. Es ist kein Ratgeber im Sinne von: „10 Schritte zur glücklichen Ehe“. Erst recht ist es kein nostalgisches Schwelgen in glücklichen Zeiten oder Erinnerungen. – Aber warum sollten Sie dieses Heft dann lesen?

WIR MÖCHTEN IHNEN NEUE ODER ZU WENIG BEACHTETE PER­SPEKTIVEN ERSCHLIESSEN … … wenn Sie verheiratet sind, aber es empfinden, als ob Sie nur noch verheiratet sind. Vielleicht weil Sie enttäuscht sind über den Ehepartner – oder sich selbst. Sie fragen sich möglicherweise, ob Sie Ihre Erwartungshaltung an die Ehe deutlich herunterschrauben sollten. Oder sie beabsichtigen, das ganze Drama zu beenden, weil schon so viele Träume zerplatzt sind. … wenn Sie eigentlich heiraten wollen, aber verunsichert sind, ob gerade Sie (und die oder der Auserwählte) schaffen können, was bei so vielen Paaren offenbar scheitert. … wenn Sie beschlossen haben, nie zu heiraten, aber doch eine Sehnsucht verspüren nach einer dauerhaften, verbindlichen und umfassenden Beziehung. Wenn Sie tief im Innern fühlen, dass alle Abwechslung und alles vorsichtige „Bloß-nicht-zu-viel-binden“ doch eine Leere zurücklässt. Doch Vorsicht, Sie widmen sich einem Text, der keine anrührend ro-


mantischen Schilderungen enthält. Und der Ihnen nicht vormacht, alles sei ganz leicht, wenn man nur einige einfache Tipps beherzigt. Es wird eventuell nötig sein, dass Sie sich der Frage der engsten menschlichen Verbindung einmal neu und ganz grundsätzlich stellen. Unvoreingenommen und unbefangen. Wir setzen voraus, dass Sie die Möglichkeit zumindest einmal prüfen möchten, ob Gott in der Bibel Entscheidendes dazu zu sagen hat. Dann hat diese Lektüre Potential, Ihr (Ehe-)leben zu verändern. Aber lesen Sie selbst!

Ihre Thomas und Claudia Busch Jochen und Rita Endres

IMPRESSUM Herausgeber und ©: Stiftung Missionswerk Werner Heukelbach, 51700 Bergneustadt Wenn nicht anders angegeben sind alle Zitate der Bibel entnommen, Übersetzung Schlachter 2000. Satz & Grafik: Anne Caspari Druck: Druckhaus Gummersbach PP GmbH Auflagen-Nr.: IH07 80 2004 1 Art.-Nr. IH07 BILDNACHWEIS: UNSPLASH.COM: Titel Nadine Rupprecht; S.13 Alif Caesar Rizqi Pratama; S.25 Katarina Sikuljak; S.45 Katelyn Macmillan; S.53 Almos Bechtold; S.82 Roman Kraft ICONS: flaticon.com/authors/freepik

Die Stiftung Missionswerk Werner Heukelbach arbeitet überkonfessionell und möchte zum vorurteilsfreien Lesen der Bibel als dem einzig wahren Wort Gottes ermutigen. Damit leistet sie einen Beitrag zur Weitergabe des Evangeliums, der guten Botschaft von Jesus Christus. Die Stiftung distanziert sich von Sekten jeder Art. Alle Publikationen der Stiftung sind unverkäuflich und dürfen ausschließlich kostenfrei weitergegeben werden. Die Weitergabe erfolgt in Eigenverantwortung der verteilenden Privatperson, Einrichtung oder Gemeinde.


DIE AUTOREN STELLEN SICH VOR CLAUDIA UND THOMAS BUSCH Mittlerweile sind wir schon über 25 Jahre verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder. Im Rückblick auf unsere ersten Ehejahre denken wir: Es wäre einfacher gewesen, wenn wir gründlicher über die Basis von Ehe informiert gewesen wären. In unserer inzwischen mehrjährigen Seelsorge-Erfahrung ist uns bewusst geworden, wie viele Eheprobleme gelöst werden könnten oder gar nicht erst entstehen würden, wenn man konsequent dem biblischen Ansatz folgen würde. Darum dieses kleine Buch.

RITA UND JOCHEN ENDRES Auch wir sind fast drei Jahrzehnte verheiratet. Wir durften fünf Söhne auf ihrem Weg ins Leben begleiten und einigen heiratswilligen Paaren Hilfestellung geben, wie es mit der Ehe gelingen kann. Für uns undenkbar ohne einen liebenden Gott und seine Offenbarung, die Bibel. Wir sind fasziniert davon, wie die Worte Gottes den Menschen absolut realistisch beschreiben und gleichzeitig ein umsetzbares Muster für eine liebevolle Beziehungsgestaltung bieten. Dieses zu entdecken, möchten wir hiermit anregen.


INHALT

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WARUM WIR ÜBER EHE NICHT S ­ PRECHEN KÖNNEN, OHNE GOTT EINZU­B EZIEHEN 8

DIE GRUND­L AGE DER EHE ZWEI ­KOMPLEMENTÄRE GESCHLECHTER 14

DAS DESIGN DER EHE GESCHÜTZTE VERTRAUTHEIT 26

DIE VER­WIRKLICHUNG DER EHE DAS GEHEIMNIS DER SELBSTAUFGABE 36

DIE EHE IN DER KRISE DER KÖNIGSWEG ZUR LÖSUNG 60


VORWORT

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WARUM WIR ÜBER EHE SPRECHEN SOLLTEN


EHE IST GUT Ernsthaft: Die Ehe ist für das Zusammenleben der Menschen alternativlos. Natürlich, einige wenige, allerdings laute Stimmen behaupten, man könne in unserer modernen Gesellschaft auf die monogame1 Ehe verzichten. Doch dagegen spricht die Erfahrung, die Menschen über alle Zeiten ihrer aufgezeichneten Geschichte gemacht haben: Die Ehe erfreute sich allgemeiner Verbreitung in allen Kulturen und politischen Systemen. „Wie Sie in allen Sozialgeschichts­büchern nachlesen können, hat die Ehe ihren Ursprung in prähistorischen Zeiten; mit anderen Worten, die Menschheit kann sich an keine Epoche erinnern, in der es sie nicht gab. Es ist gelegentlich behauptet worden, dass diese oder jene abgelegene Kultur oder kleine ethnische Gruppe ohne die Ehe existiert habe, aber keiner dieser Versuche gilt allgemein als erfolgreich.“2 In Deutschland teilte das Statistische Bundesamt mit, dass die Zahl der Scheidungen weiter gesunken ist, 2017 auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren.3 Gleichzeitig ist die Zahl der Eheschließungen in den letzten 15 Jahren etwa konstant geblieben. 4 Der Theologe Timothy Keller schreibt:

DIE GELEBTE EHE ZWISCHEN EINEM MANN UND EINER FRAU IST WEIT BESSER ALS IM 21.JAHRHUN­ DERT ALLGEMEIN ANGENOMMEN.

„Die Hinweise mehren sich, dass die Ehe – jawohl, die gute alte, exklusiv monogame Ehe – viele Vorteile für die beteiligten Partner bringt, und noch mehr für die beteiligten Kinder und die Gesellschaft allgemein.“5

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Und: „Der Trend der Forschungsergebnisse der letzten beiden Jahrzehnte ist eindeutig: Menschen, die verheiratet sind und bleiben, sind mit ihrem Leben sehr viel zufriedener als Singles, Geschiedene oder unverheiratet zusammenlebende Paare. Es zeigt sich auch, dass die meisten Verheirateten in ihrer Ehe glücklich sind und dass die, die es nicht sind, aber sich nicht scheiden lassen, meist später doch noch glücklich werden. … Das überwältigende Fazit ist also, dass es definitiv gut für das Wohlbefinden der Menschen ist, in einer Familie aufzuwachsen, wo die Eltern verheiratet sind und später selber verheiratet zu sein.“6

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Dieses Heft ist ein Plädoyer für die Ehe. Es gibt keine Beziehung unter Menschen, die bedeutsamer wäre als die Ehe. Denn alle anderen Beziehungen gehen von ihr aus. Die Zeiten sind für die Ehe vielleicht nicht leichter geworden, aber es lohnt sich, an ihr festzuhalten. Sie hat sich bewährt.


EHE IST NICHT EINFACH Keiner, der sich einigermaßen realistisch selbst einschätzen kann, wird von der Ehe eine völlig unproblematische, von Anfang bis Ende romantische Beziehung erwarten. Wir kennen manche unserer Macken – in der Ehe lernen wir noch mehr von ihnen kennen. Während wir dazu neigen, sie zu verharmlosen, erfahren wir in der Ehe, wie verletzend und gefährlich unsere Ecken und Kanten für den anderen werden können. Und wir entdecken, dass das Gegenüber in gleicher Weise solche Ecken und Kanten hat, wenn auch an anderer Stelle. Wie könnte es da leicht sein, eine Ehe erfolgreich zu führen? „Wo es doch feststeht, dass die menschlichen Wesen beider Geschlechter für sich allein genommen im Allgemeinen Nichtsnutze oder Neurotiker sind, warum sollten sie zu Engeln werden, sobald sie paarweise auftreten?“7 Dieses Heft ist keine Glorifizierung der Ehe. Es gibt keine Beziehung unter Menschen, die schwieriger wäre als die Ehe. Ehe bedeutet Arbeit und Disziplin. Und sie braucht ein Fundament, das tragfähiger ist als romantische Vorstellungen, moralische Appelle oder finanzielle Überlegungen.

ROMANTIK, MORAL UND FINANZEN BILDEN KEIN AUSREICHEND TRAGFÄHIGES FUNDAMENT FÜR EINE EHE.

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WARUM WIR ÜBER EHE NICHT ­SPRECHEN KÖNNEN, 8

OHNE GOTT EINZU­ BEZIEHEN

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OHNE GOTT HAT ES KEINEN SINN Stellen Sie sich für einen Moment vor, wir würden über Ehe reden und dabei völlig außer Acht lassen, dass Menschen eine Persönlichkeit haben und ihr Wirken nach moralischen Kriterien ausrichten können. Das würde keinen Sinn ergeben, oder? Warum über Verliebtsein und Liebe, über Verlässlichkeit und Treue, über Kommunikation und Verständnis nachdenken, wenn unser gesamtes Dasein sinnfreier Zufall wäre? Warum sich um stabile Beziehungen bemühen, wenn unsere evolutionäre Weiterentwicklung früher oder später doch auf den sicheren Untergang bei der nächsten kosmischen Katastrophe zusteuern sollte? Menschliche Existenz ohne Werte ist wertlos. Jeder einigermaßen normale Mensch verfügt über gewisse Moralvorstellungen, ganz gleich, welcher Ethnie oder Kultur er angehört. Vielleicht stimmt diese Moral nicht mit unserer überein, aber doch weiß fast jeder deutlich zu benennen, was er für verwerflich hält. Vielleicht neigen wir alle zu einem scharfen Urteil über andere und sind doch gleichzeitig großzügig mit uns selbst. Dennoch gibt es diese moralische Grenzlinie in unserem Denken. Sie muss nicht unbedingt von Gesetzen oder religiösen Bestimmungen geprägt sein, aber sie lässt uns grundsätzlich zwischen Gut und Böse unterscheiden. Diese Werte und Wahrheiten, für die wir kämpfen, ja sogar unter Umständen unser Leben lassen, sind nicht mit einem evolutionären Trieb in uns zu erklären. Woher kommt dieses ungeschriebene Gesetz der Moral in uns? Woher unser Streben nach Harmonie, unser Empfinden, dass etwas schön ist, obwohl oder gerade weil es gar nicht nützlich ist? War-

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um können die meisten von uns Einsamkeit nicht lange ertragen, obwohl mancher schon so viele Enttäuschungen erfahren musste? Warum reiten wir einerseits auf der Welle der Freiheit und Selbstbestimmung und sehnen uns doch manches Mal nach nichts mehr als nach einer festen, wechselseitigen Bindung an einen anderen Menschen? In unseren Überlegungen starten wir mit einem persönlichen, moralisch guten Gott, der uns mit diesem tiefen Wissen und Sehnen geschaffen hat. Weil er an freiwilliger, liebevoller Gemeinschaft interessiert ist. Der Mensch erhält seine Bestimmung von Gott, der ihn in seinem Ebenbild geschaffen hat. So drückt es die Bibel aus: „Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn.“8

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Das ist für uns nicht nur der einzig zielführende Ansatz, es scheint uns auch logisch überzeugend. Nach Gottes Plan sollten die Menschen mit ihm und miteinander in Beziehung treten. Letzteres nicht ausschließlich, aber auf eine besondere Weise innerhalb der Ehe. Wie Gott sich das genau gedacht hat, können wir nur durch eine Offenbarung von Gott selbst erfahren – durch die Bibel!


GOTTES KULTUR­ ÜBER­GREIFENDES REDEN Die Bibel? Ist das nicht ein uraltes Buch, geschrieben zu Zeiten, als die Welt noch eine ganz andere war? Richtig, aber die Bibel hat auch damals schon nicht in die Zeit gepasst. Weil sich die Bibel nicht daran anpasst, was gerade kulturell und traditionell vorgegeben wird. Die Bibel ist zeitlos. Beispielsweise berichtet das erste Buch Mose von einer Zeit, in der Polygamie selbstverständlich zur gesellschaftlichen Ordnung gehörte. Je wohlhabender ein Mann war, desto mehr Frauen „leistete“ er sich. Mitten in solche Vorstellungen hinein malt dieses Bibelbuch mit lebhaften Farben die Biografie von Abraham und Jakob. Ohne eine einzige gesetzliche Verordnung oder einen moralisierenden Kommentar wird das Elend der Polygamie für die beteiligten Frauen, für die Kinder und – ja auch – für die Ehemänner aufgezeigt.9 Hunderte Jahre später trägt ein Geläuterter, der tausend Frauen sein Eigen nannte, in Form feiner Poesie ein Liebeslied über die Beziehung zu einer einzigen Frau vor – im Bibelbuch Hohelied. Noch viel später, in den Schriften des Neuen Testaments, wird der Frau eine ganz andere Aufmerksamkeit zuteil, als sie noch 1.500 Jahre später im „christlichen Abendland“ erfahren sollte. Ganz anders, als es zu seiner Zeit angemessen war, führte Jesus Christus das Gespräch über Glaubensfragen ausdrücklich auch mit Frauen.10 Frauen, deren Aussage zur damaligen Zeit vor Gericht nicht einmal gehört wurde, gehören in den Evangelien zu den Kronzeugen der Auferstehung.11

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Nein, die Bibel bedient in keinem ihrer Teile die jeweils vorherrschende Moralvorstellung und sie beugt sich auch nicht modernen Tendenzen, das Glück in der Selbstverwirklichung zu suchen. Sie spricht mit der Autorität des Gottes, der die Ehe erfunden hat. Zeitlos. Gehaltvoll. Uns Menschen entsprechend. Die Bibel ist …

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„… voll von praktischen, realistischen Einsichten und atembeDIE FRAGE IST raubenden Verheißungen über NICHT, OB DIE die Ehe, und dies nicht nur in BIBEL IN DAS VERSTÄNDNIS Form von richtigen Aussagen, UNSERER ZEIT sondern auch durch fesselnde PASST – SIE HAT Geschichten und bewegende PoAUCH NICHT IN esie. Solange wir nicht fähig sind, DAS VERSTÄND­ die Ehe durch die Brille der Bibel NIS FRÜHERER zu betrachten (und nicht durch ZEITEN GEPASST. die Brille unserer eigenen ÄngsDIE FRAGE IST, OB te, Schwärmereien und subjektiSIE RECHT HAT. ven Erfahrungen oder durch die engen Sehschlitze unserer Kultur), werden wir nicht in der Lage sein, fundierte Entscheidungen über unsere eigene eheliche Zukunft zu treffen.“12 In der Bibel redet jener Gott zu uns, der in der Lage war, die Kräfte des Universums mit einer unvorstellbaren Genauigkeit aufeinander abzustimmen. Unser Nachdenken über Ehe, so herausfordernd sie auch sein mag, muss diesen Gott und seine Offenbarung zum Ausgangspunkt nehmen.


In der Bibel redet Gunos.tt zu 13


DIE GRUND­L AGE DER EHE 14

ZWEI ­KOMPLEMENTÄRE GESCHLECHTER

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MANN UND FRAU SIND UNTER­ SCHIEDLICH Die meisten von uns würden es als selbstverständliches Erfahrungswissen aus dem Alltag bezeichnen. Und doch, gegenwärtig wird sie stark in Abrede gestellt: die prinzipielle, angeborene UnterKOMPLEMENTÄR schiedlichkeit zwischen Frau und BEDEUTET: SICH Mann. Die eindeutige biologische WECHSELSEI­ Zuordnung eines Menschen zu eiTIG ERGÄNZEND. nem Geschlecht ist in einer überES BESCHREIBT wältigend großen Mehrheit der FälPHÄNOMENE, DIE le zweifelsfrei möglich. Heute wird SICH GEGENSEI­ in Diskussionen manchmal davon TIG ERGÄNZEN, ausgegangen, dass das Geschlecht JEDOCH SCHEIN­ eines Menschen allein eine Frage BAR UNABHÄNGIG des subjektiven Empfindens und VONEINANDER, VIELLEICHT SOGAR der sozialen Prägung sei. Biologen WIDERSPRÜCH­ halten hingegen fest: LICH ODER GEGEN­ „Diese Auffassung steht im ekSÄTZLICH SIND. latanten Widerspruch zu den Erkenntnissen der Biologie, die angesichts verschiedener Geschlechtschromosomen und hormonell unterschiedlicher Steuerung die Geschlechter auch im Tierreich meist eindeutig definiert.“13 Frauen und Männer sind biologisch in aller Regel unterscheidbar.

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Im Normalfall trägt jede der schätzungsweise 50 Billionen Zellen eines einzigen menschlichen Organismus diese Information in sich: Ich bin Zelle eines weiblichen Organismus (wir sprechen vom 23. Chromosomenpaar XX) oder eben Zelle eines männlichen Organismus (XY-Chromosomenpaar). Diese prinzipielle Unterschiedlichkeit drückt sich vielfältig in voneinander abweichenden körperlichen und auch psychischen Konstitutionen aus. „Zweifelsfrei … haben Männer und Frauen unterschiedliche Geschlechtschromosomen, die unterschiedlich ausgeprägt sind. Dass Hormone körperliche Unterschiede und psychische Veränderungen im Laufe des Lebens hervorrufen, ist unumstritten.“14

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Zugegeben, die psychologischen Merkmale eines Individuums unterliegen sehr stark den Einflüssen von Erziehung, Kultur und Gesellschaft. Aber sie entstehen nicht durch diese späteren Prägungen, sondern sind bereits im Mutterleib vorhanden. „Im zarten Alter von einer Woche können weibliche Babys die Stimme ihrer Mutter und das Weinen eines ebenfalls im Raum befindlichen Babys von anderen Geräuschen unterscheiden. Männliche Babys können das nicht.“15 Der Psychologieprofessor Simon Baron-Cohen untersuchte männliche und weibliche Gehirne und stellte grundsätzliche Unterschiede fest. Bei einigen Individuen entdeckte er eine besondere Empathiefähigkeit, bei anderen ein Denkvermögen, das stärker auf Systematisierung geeicht war. Er nannte das erste Gehirn ein „weibliches Gehirn“, weil es sich mehr bei Frauen als bei Männern zeigte und das zweite ein „männliches Gehirn“, weil es bei diesem Geschlecht mehr vorkam. Baron-Cohen, ausgewiesener „Experte in Sachen Geschlechterdifferenzierung“16, verweist auf Studien mit Einjähri-


gen und sogar Neugeborenen, die voneinander deutlich darin abwichen, wie lange sie Augenkontakt aufnahmen. Mädchen widmeten Gesichtern viel länger ihre Aufmerksamkeit, während Jungen länger ein mechanisches Mobile anschauten17. Als Beispiele für körperliche Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern, die über das hinausgehen, was äußerlich direkt wahrzunehmen ist, könnte man aufführen: Eine Frau hat durchschnittlich 20 % weniger rote Blutkörperchen. Sie ermüdet deshalb schneller. … In körperlicher Kraft ist der Mann der Frau überlegen. Die Frau erträgt hohe Temperaturen leichter als der Mann. Der weibliche Körper ist wie ein „feingestimmtes Instrument“, das viel komplizierter ist als der männliche Körper. … Der weibliche Körper folgt einem Rhythmus von vier Wochen … 18 „Von Geburt an reagieren Mädchen deutlich stärker auf Berührungen als Jungen, und im Erwachsenenalter ist die Haut einer Frau mindestens zehnmal so berührungs- und druckempfindlich wie die eines Mannes.“19 „Frauen altern wesentlich langsamer als Männer. Eine 55–jährige Frau hat 90% ihrer Körperkraft, die sie mit 25 hatte. Männer bringen es dann gerade mal auf 70%.“20 „Frauen haben ein weiteres peripheres Blickfeld, Männer ein engeres, tunnelartiges.“21

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Diese und andere körperliche Gegebenheiten haben auch seelische Unterschiede zur Konsequenz: „[Die Frau] legt größeren Wert auf Stabilität, Sicherheit und dauerhafte menschliche Beziehungen. … [Sie ist] mehr zukunftsorientiert … meist persönlicher als der Mann. Sie ist ‚personenorientiert‘. … Der Mann hingegen ist häufig unpersönlicher und ‚sachorientiert‘.“22

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„Das weibliche Geschlecht ist das konkurrierende Geschlecht. … Für die Frau ist alles persönlich. … das emotionale Klima ist für die Frau viel wichtiger, als für den Mann. … Der Mann ist beständiger in Bezug auf große Dinge. Aber er ist ungeduldig und leicht erregbar in Bezug auf kleine Dinge. Die Frau dagegen ist ‘detailorientiert‘. Einzelheiten sind für sie wichtig. … Die weibliche Logik ist anders, sie ist mehr mit den Gefühlen verbunden. … Die Frau trifft ihre Entscheidungen aufgrund ihrer Empfindungen. … Dem Mann fällt es viel schwerer als der Frau, von seinen Gefühlen zu reden und sich selbst zu offenbaren. Der Mann ist sehorientiert … für die Frau steht das emotionale Verhältnis im Vordergrund. Der Mann reift langsamer als die Frau, sowohl körperlich als auch emotional.“23 „Wenn eine Frau Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen hat, kann sie sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Wenn ein Mann an seinem Arbeitsplatz unzufrieden ist, kann er sich nicht auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen konzentrieren.“24

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Natürlich muss man nicht jeder dieser Beobachtungen zustimmen und zweifellos gibt es für jede Regel Ausnahmen. Aber insgesamt geben solche Aussagen und die zahlreichen Scherze zu dieser Thematik wieder, was sich dem wachen Beobachter zeigt. Halten wir also fest: „Frauen und Männer sind unterschiedlich. Nicht besser oder schlechter, sondern unterschiedlich.“25 Bevor wir über die Bedeutung dieser Tatsache für die Ehe nachdenken, beleuchten wir Gottes Absicht damit.


GOTT SCHUF MENSCHEN IN ZWEI EINANDER ER­GÄNZENDEN AUSFÜHRUNGEN Den Menschen gibt es also in zwei grundsätzlichen Versionen, die aber gleichwertig nebeneinanderstehen. Diesen Eindruck gewinnt auch, wer dem biblischen Bericht von der Erschaffung des Menschen in Genesis (1.Mose), Kapitel 1 und 2 folgt. Zunächst die Aussage aus Kapitel 1, Vers 27: „GOTT SCHUF DEN MENSCHEN IN SEINEM BILD, IM BILD GOTTES SCHUF ER IHN; ALS MANN UND FRAU SCHUF ER SIE.“ (ODER: ER SCHUF SIE MÄNNLICH UND WEIBLICH.) Es lohnt sich, hier genauer hinzusehen: Zunächst ist von dem Menschen (Einzahl) die Rede. Der Mensch als das Geschöpf Gottes, das sich bewusst entscheiden, auf so vielfältige Weise kommunizieren, in die Zukunft denken und die Sinnfrage stellen kann – er ist im Bild Gottes geschaffen. Er, der Mensch, spiegelt in gewissem Maße Eigenschaften Gottes wider: z. B. sein Interesse an Beziehung, seine Liebe. Doch dann ist von den Menschen in der Mehrzahl zu lesen, sie wurden in männlicher und weiblicher Form geschaffen. Insgesamt repräsentieren beide Formen zusammen die Menschheit. Das

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heißt nicht einfach, dass zwei Exemplare für die gesamte Menge der Menschen stehen. Hier ist von zwei unterschiedlichen Ausprägungen des einen Typus „Mensch“ die Rede. Würde man also nur Frauen oder nur Männer kennen, würde man nicht das ganze Spektrum des Menschseins erfasst haben. Menschen gehören zusammen betrachtet. Nicht als Einzelkämpfer, nicht jeder für sein Geschlecht, sondern als wechselseitige Ergänzung. Mann und Frau sind komplementäre Geschöpfe der einzigartigen Gattung „Mensch“. So hat Gott uns Menschen konzipiert. Theologen haben das „Einheit in Verschiedenheit“ genannt. Damit ist gemeint, dass wir Menschen wesensmäßig andersartig sind, nach diesen zwei grundsätzlichen Kategorien unterschieden werden können, aber doch zur Verwirklichung eines einzigen gemeinsamen Zieles zusammengestellt sind.

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Wie zwei gegensätzliche Kräfte ein höheres Ziel in perfekter Feinabstimmung erreichen können, kann man an unseren Körperfunktionen ablesen. Vieles in den Steuerungssystemen unseres Körpers (Nervensystem, System der hormonellen Steuerung) basiert auf dem sogenannten Gegenspieler-Prinzip. Es lässt sich auch anhand unserer Skelettmuskeln veranschaulichen: In der Regel sind zwei Muskeln oder Muskelgruppen einander gegenübergestellt. Sie wirken auf dasselbe Gelenk ein, zielen aber auf gegensätzliche Bewegungen ab. Während die einen eine Streckung bewerkstelligen („Strecker“) sind die anderen „Beuger“. Sie sind insofern voneinander abhängig, als dass der Beuger in der Verwirklichung „seiner“ Bewegungsabsicht anspannen und der Strecker entsprechend entspannen muss und umgekehrt. Jede geschmeidige Bewegung, jede fein dosierte Kraftausübung, aber auch jede eingenommene Zwischenstellung, die nicht völlige Beugung oder Streckung im Gelenk ist,


beruht auf diesem Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte. Zusammen bilden sie eine funktionale Einheit.

TRIZEPS

BIZEPS

In 1. Mose, Kapitel 2 wird der Bericht von der Erschaffung des Menschen noch einmal in Zeitlupenperspektive wiederholt. Wir lesen dort, dass der Mensch zunächst nur als Einzelperson mit männlichem Geschlecht entstand. Doch dann verkündigte Gott:

„ES IST NICHT GUT, DASS DER MENSCH ALLEIN SEI; ICH ­ WILL IHM EINE GEHILFIN MACHEN, DIE IHM ENTSPRICHT!“ (1. MOSE 2,18)

Das hier mit „Gehilfin“ übersetzte hebräische Wort „ezer“ beschreibt keineswegs eine nebensächliche Hilfsperson. Es wird in anderen Bibelversen auch gebraucht, wenn Menschen Gott als ihre große Hilfe und Rettung anrufen26. Es drückt also aus, dass die Frau dem Mann eine großartige Ergänzung und Entsprechung27 ist. Demzufolge äußert sich der Mann begeistert und nennt dieses zweite menschliche Geschöpf „weiblicher Mensch“. Sie war wie er und doch anders28. Damit ist unser Frau- oder Mannsein nicht ein Nebeneffekt unseres Menschseins, sondern sein Kern.

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Die stärkste Form, das Komplementäre von Frau und Mann auszudrücken und zu verwirklichen, ist deshalb ihre Verbindung in der Ehe. Mann und Frau in ihrer Unterschiedlichkeit vereint in der engsten aller sozialen Beziehungen, der Ehe: Das ist Gottes Modell für die Menschheit29. „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen30 , und sie werden ein Fleisch sein“ (1. Mose 2,24). Die Einheit beider Geschlechter in der Ehe basiert auf der Tatsache, dass Gott Menschen in zwei unterschiedlichen Ausführungen schuf. „Um die biblischen Aussagen über die Geschlechter korrekt wiederzugeben, müssen beide Tatsachen – Gleichwertigkeit und Rollenunterschiede – bestätigt und in einer ausgeglichenen Spannung gehalten werden.“31

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Das bekräftigte auch Jesus Christus, als man ihn in eine Diskussion über Ehescheidung verwickeln wollte: „Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang als Mann und Frau erschuf?“ (Matthäus 19,4). Nachfolgend sprach Jesus Christus dann von einer Einheit, die Gott zusammenfügt: „nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch“ (vgl. Matthäus 19,6). Mit der Ehe beabsichtigt Gott also, grundsätzEHE, DAS IST lich unterschiedliche Persönlich­U NSERE KOMPLE­ keiten zu einer neuen Einheit zu 32 MENTÄRE VERVOLL­ formen . Sie ist also weit mehr STÄNDIGUNG, DAS als die Summe der Eigenschaften HAT ETWAS VON der beiden Einzelpersonen. Sie HINZUGEWINNEN besteht auch nicht bloß aus einer UND AUCH ETWAS möglichst großen Schnittmenge VON SICH SELBST zufällig übereinstimmender PerVERLIEREN. sönlichkeitsmerkmale.


Doch darin liegt zugleich die große Schwierigkeit der Ehe: Wir heiraten nicht unser Spiegelbild, sondern unsere komplementäre Vervollständigung. Wir sollen nicht nur hinzugewinnen, sondern – wie wir noch sehen werden – auch uns selbst verlieren.

UNSERE SCHWIE­ RIGKEITEN MIT DER ANDERSARTIGKEIT Das biblische Modell der Ehe ist in Verruf geraten und bedingt ist das durchaus nachvollziehbar. Denn es gibt wohl keine soziale Beziehung unter den Menschen, in der Gottes Absichten so gründlich bis ins Gegenteil verdreht wurden wie in der Ehe. Trotz all dieser furchtbaren Verwechslungen und Widersprüche hat man sich gleichWENN ES wohl zumindest in der VergangenSTIMMT, DASS heit unseres einstmals christlichen DIE PERSON, DIE Abendlandes auf Gott berufen. Ja, WIR AM BESTEN auf Gott ist die Institution Ehe zuVERSTEHEN, rückzuführen. Aber nicht in der IMMER NOCH WIR Form, die die Menschen daraus SELBST SIND, gemacht haben. Ja, Gott ist verantDANN MUSS EHE wortlich für die unterschiedlichen SCHWIERIG SEIN. Geschlechterrollen, aber nicht für unsere falschen Umsetzungen. Wo ein Geschlecht unterdrückt oder missbraucht wird, wo Geschlechterkampf stattfindet und Machtpositionen auf Kosten des anderen

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Geschlechts erobert werden sollen, dort ist nie die ursprüngliche Absicht Gottes verwirklicht. Warum sind die Schwierigkeiten im Miteinander der unterschiedlichen Geschlechter als historische Tatsache so offenkundig? Vielleicht ist es an der Zeit einzugestehen, dass wir uns von der Andersartigkeit des Gegenübers keineswegs nur angezogen fühlen. Manchmal sind wir grundsätzlich misstrauisch gegenüber allem, was uns fremd ist. Vielleicht waren wir anfangs offener. Doch dann stellten wir fest: Was auf den ersten Blick interessant und entdeckungswürdig zu sein schien, wird auf Dauer mühsam und unbequem. Am besten kommen wir eben immer noch mit uns selbst klar. Männer und Frauen sind sich in ihrer Andersartigkeit mitunter fremd. Und daraus können Angst, der Wunsch nach Kontrolle und jegliche andere Verzerrung der göttlich-guten Absichten resultieren. Wenn wir am Menschen als Geschöpf und Bild Gottes in seinen beiden Ausprägungen, männlich und weiblich, festhalten, ist jeder Gedanke an unterschiedlichen Wert, anzustrebende Dominanz, ja von allem Gegeneinander widersinnig. Doch die Frage bleibt: Wie kann das in die Lebenspraxis umgesetzt werden?


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Gott betazblisicchhtigt, grundsä dliche unterschiechkeiten PerszuÜneiliner neuen Einheit zu formen.


DAS DESIGN DER EHE 26

GESCHÜTZTE VERTRAUTHEIT

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Wie lassen sich die Schwierigkeiten lösen, die Frauen und Männer mit dem jeweils anderen Geschlecht haben? Man könnte vorschlagen, sie sollten möglichst getrennt voneinander unter ihresgleichen bleiben. Tatsächlich ist das die Strategie einiger christlicher Ordensgemeinschaften gewesen und auch andere Religionen kennen zölibatäre Lebensformen. Doch jedem leuchtet ein: Die Menschheit hätte biologisch nicht überleben können, wäre strikte Trennung der Geschlechter praktiziert worden. Erst die technischen Möglichkeiten unseres Jahrhunderts eröffnen andere Wege der biologischen Vermehrung. Der ursprüngliche Gedanke muss also ein anderer und die Ehelosigkeit nur eine eher seltene Alternative für Einzelne gewesen sein.33 Wie aber sieht dann das in der Bibel dargestellte Konzept Gottes für die Gemeinschaft von Mann und Frau aus? Die Lösung ist nicht Trennung und Isolation voneinander, nicht Kampf gegeneinander, sondern die engste soziale Bindung aneinander, die vorstellbar ist: Ehe. „DARUM WIRD EIN MANN SEINEN VATER UND SEINE MUTTER VERLASSEN UND SEINER FRAU ANHÄNGEN, UND SIE WERDEN EIN FLEISCH SEIN.“ (1. MOSE 2,24)34 Hier haben wir es schwarz auf weiß: das Grundmuster für das komplizierte Gefüge zweier so ähnlicher und doch so unterschiedlicher Wesen wie Mann und Frau. Je detaillierter wir es uns ansehen, desto mehr wird uns aufgehen, wie göttlich-genial es ist.

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IN DER ­GESELLSCHAFT VERANKERT: ÖFFENTLICH KLARGESTELLT „DARUM WIRD EIN MANN SEINEN VATER UND SEINE MUTTER VERLASSEN …“

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Das klingt durchaus nicht nach einem beiläufigen Ereignis, das sich nahezu unbemerkt vollzieht. Nein, die Eheschließung geschieht absichtsvoll und öffentlichkeitswirksam. Erklärtermaßen vollziehen die beiden Ehepartner eine Trennung von ihrer bisher stärksten sozialen Bindung an Vater und Mutter. Sie bilden bewusst eine neue kleinste soziale Einheit mit rechtlicher und wirtschaftlicher Gleichstellung, die ihrerseits den Orientierungsrahmen für möglicherweise heranwachsende Kinder bildet. Diese neue Einheit wird von den Eltern und der übrigen Gesellschaft respektiert. Die Bibel beschreibt damit eine gesellschaftliche Ordnung, die in modernen Zeiten belächelt wird. Doch ist es die Ordnung, die den Ehepartnern und ihren möglichen Kindern die höchste Sicherheit und Orientierung über den respektvollen Umgang der Geschlechter bietet und sie dann in eine eigenverantwortliche Umsetzung entlässt.


EXKLUSIV FÜR ZWEI: EIN MANN, EINE FRAU „DARUM WIRD EIN MANN … SEINER FRAU“ Die Ehe ist exklusiv. Ein Mann, eine Frau.35 So ist es in dieser ersten Bibelstelle formuliert, die man zu Recht die „Einsetzung der Ehe“ genannt hat. Im Laufe der Menschheitsgeschichte gab und gibt es noch immer viele Abweichungen von diesem Konzept: die gesellschaftlich akzeptierte Ehe zwischen mehr als zwei Ehepartnern,36 die öffentlich ausgelebte Beziehung von Unverheirateten, die verheimlichte oder offen gelebte Beziehung neben der Ehe,37 die Prostitution38. Alles das wird schon in der Bibel erwähnt, jedoch lernt der aufmerksame Leser, dass die Beteiligten dadurch dauerhaft zu Verlierern werden. Offensichtlich braucht die Ehe einen konkurrenzfreien Raum. Der Vergleich mit einem anderen Mann, einer anderen Frau, hat hier keinen Platz. Die Entscheidung zur Ehe sollte sehr wohl sorgfältig überdacht sein. Das verdeutlichen die Bibeltexte an vielen Stellen.39 Ausdrücklich wird davor gewarnt, die Eheentscheidung vorschnell und einzig von Gefühlen geleitet zu treffen.40 Wurde jedoch die Eheverbindung einmal geschlossen, hat jedes Vergleichen die Wirkung eines Giftes, das sich mit jeder kleinen zugeführten Einzeldosis im Organismus anreichert, bis es schließlich seine zerstörerische Wirkung zeigt. Wenn aus dem einen Ehepartner eine Mehrzahl gemacht wird, entwickelt sich eine ungesunde Konkurrenz41 die dem Miteinander

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sehr schadet. Würde Ehe eine dritte oder vierte Person erlauben, wären Mann und Frau zu sehr gefährdet, nach der scheinbar reizvolleren Alternative zu suchen, sobald sich Gewöhnung oder Schwierigkeiten einstellen. In ihrer Zweisamkeit sollen Mann und Frau nach dem Plan Gottes ohne Wettstreit und Rivalität auskommen können. Die Ausschließlichkeit der Ehe schützt beide Ehepartner auch davor, sich gegen eine Mehrheit auf der anderen Seite behaupten zu müssen. Modern ausgedrückt: In der Ehe wird die Forderung nach einer gerechten Geschlechterquote überflüssig. Sie ist prinzipiell auf einem gleichen Verhältnis der Geschlechter aufgebaut: 50 % männlich und 50 % weiblich. 42

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VERLÄSSLICHE TREUE: EINANDER ANHÄNGEN „… SEINER FRAU ANHÄNGEN“ Mit dem „Anhängen“ des Mannes an seine Frau ist die Eheschließung gemeint. Das wird deutlich, wenn Jesus Christus diesen Vers im Zusammenhang der Diskussion um Ehescheidung aufgreift (vgl. Matthäus 19,5–6). Doch hier ist nicht bloß von „heiraten“ die Rede, es wird ein viel stärkeres Wort benutzt. Das hebräische Wort für „anhängen“ in diesem Vers‚ „dabaq“, bedeutet eigentlich „sich vereinigen“, „fest verkleben“, „dauerhaft zusammenfügen“. Das hat sowohl eine körperliche als auch eine emotionale Komponen-


te. Das beschreibt also in gleichem Maße „eine tiefe, von Herzen kommende Hingabe in Loyalität und Zuneigung, … die in guten und schlechten Zeiten standhält.“43 Ehe ist demnach gerade nicht als wenig verbindliche Probezeit oder als Experiment auf begrenzte Zeit angelegt. Gott möchte, dass sich zwei Menschen unwiderruflich zusammenschließen mit allen Fasern ihres Menschseins: also mit Geist, Seele und Körper. Und sie sollen sich in dieser Bindung zu lebenslanger Treue verpflichten.

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Das ist ein großartiger Schutz für beide Beteiligten. Ehe gibt ihnen den Raum, in dem sie sich dem Ehepartner ganz öffnen können. Die Intimität der Beziehung erlaubt und benötigt keine Geheimnisse voreinander. Mann und Frau sollen zu wechselseitigen Geheimnisträgern werden. Wir wissen von sogenannten Rosenkriegen, wie schmerzlich es wird, wenn einmal doch schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit gewaschen wird. Deshalb kann es in der Ehe nur um lebenslange Treue gehen. Es ist uns aus anderen Bereichen geläufig: Geheimnisträger werden auf ein Leben hin verpflichtet. Der Ingenieur, der für seine Firma an einer patentrechtlich entscheidenden Neuerung arbeitet, der Beamte, der von persönlichen Daten der Bürger umfassende Kenntnisse hat und andere, denen wichtige Geheimnisse anvertraut sind – sie alle werden, auch über ihre aktive Arbeitszeit hinaus, an lebenslange


Verschwiegenheit gebunden. Wenn Ehe nicht von Anfang an auf eine Lebensgemeinschaft ausgerichtet ist, kann es kein Vertrauen geben.

SEXUALITÄT INBEGRIFFEN: EIN FLEISCH WERDEN „… UND SIE WERDEN EIN FLEISCH SEIN. UND SIE WAREN BEIDE NACKT, DER MENSCH UND SEINE FRAU, UND SIE SCHÄMTEN SICH NICHT.“ (1. MOSE 2,24–25)

32 „Ein Fleisch sein“ spricht von der körperlichen Vereinigung. 44 Tatsächlich, die Bibel redet über Sexualität – und zwar positiv. Sexualität ist in der Bibel kein Tabuthema und nichts Schmutziges. Sexualität ist aber auch nie etwas Alltägliches. Die Formulierung „ein Fleisch sein“ reicht weit über den geschlechtlichen Aspekt hinaus. Gemeint ist die persönliche Vereinigung von Mann und Frau in sämtlichen Bereichen des Lebens, ein Einssein von Körper und Seele. Der Geschlechtsakt ist eine äußere Ausdrucksform und besiegelt die völlige Vereinigung. Er steht in untrennbarem Zusammenhang mit dem „verlassen“ und „anhängen“, symbolisiert und bekräftigt die untrennbare Beziehung. „Sexualität ist ein Versprechen der Zuneigung und Loyalität, nicht nur zueinander, sondern auch zu den Kindern, die aus dieser Beziehung hervorgehen können.“45 Die ethische Vorgabe der Bibel ist eindeutig. Sexualität soll nicht isoliert stehen, sondern einer Vereinigung auf allen Ebenen entspre-


chen: persönlich, emotional, sozial sowie auch wirtschaftlich und juristisch. Kurzum – ihr angeheftet ist das Etikett: Nur zum Gebrauch in der Ehe bestimmt. Das ist nicht nur ein eingrenzendes moralisches Korsett, es ist auch Ausdruck davon, welchen hohen Wert Gott der Sexualität beimisst. Dafür können mindestens zwei Gründe genannt werden:

SEXUALITÄT IST EINE EINZIGARTIGE SELBSTENTHÜLLUNG Sexualität hat einen sehr zentralen Platz in der Beziehung der Geschlechter zueinander. Das ist keine neue Erkenntnis, sie wird schon in der Bibel deutlich. Im Zusammenhang unseres zentralen Bibeltextes wird von der Nacktheit des Menschen und dem natürlichen Schamgefühl gesprochen. Gottes Offenbarung zeigt auf, wie überaus verletzlich wir gerade im Bereich der Sexualität sind. Wer sich körperlich und seelisch derart entblößt, wie es an diesem Punkt geschieht, dem ist ein geschützter Raum dafür sehr zu empfehlen. Das Vertrauen in allen Bereichen, die von der Ehe umfasst werden, ist Voraussetzung, um vor dem anderen – bildlich gesprochen und tatsächlich – nackt und verletzlich dastehen zu können. Viele Menschen tun so, als sei der Geschlechtstrieb ein Trieb wie jeder andere, als sei Sexualität gleichwertig neben dem Bedürfnis nach Nahrung, Schlaf oder anderem zu stellen. Dem ist nicht so. Biblisch verstandene Sexualität nimmt die ganze Persönlichkeit in Anspruch und enthüllt sie vielleicht mehr und intensiver als bei jedem anderen menschlichen Akt. 46 Sie umfasst weit mehr als mechanische Körperfunktionen und äußeres Erscheinungsbild. Wo Sexualität darauf reduziert wird, bleibt sie oberflächlich und auf Dauer unbefriedigend. Ihr fehlt die Lebensqualität, die nicht durch verschiedenste Erfahrungen, besondere Techniken oder immer wie-

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der neue Stimulationen gewonnen wird, sondern allein durch Tiefe der Bindung. Wenn wir darin nicht abstumpfen oder dieses Gefühl leugnen, verbindet uns die sexuelle Vereinigung in der Tiefe unserer Person so eng mit dem Partner, wie wir das im buchstäblichen Sinne körperlich sind. Weil die geschlechtliche Vereinigung ein einzigartiger Weg ist, auf dem sich die Ehepartner gegenseitig sagen: „So bin ich, ich gehöre ganz und gar für immer nur dir“, dürfen wir ihn nicht missbrauchen, um weniger zu sagen. Der Slogan „freie Liebe“ (gemeint war: ungehemmt ausgelebte Sexualität) aus den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts konnte deshalb die Beziehungen der Menschen nicht verbessern oder harmonischer machen. Im Gegenteil: Sexualität außerhalb der Ehe macht nicht freier, sondern vermindert am Ende die Fähigkeit, eine verbindliche, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und lässt mitunter tief verstörte und verletzte Menschen zurück.

SEXUALITÄT STÄRKT DIE EHE EINZIGARTIG Nach christlicher Lehre ist die Sexualität also ein exklusives Geschenk für die Ehe, und sie soll in diesem schützenden Rahmen gepflegt und vertieft werden. Wie das umgesetzt werden soll, wird im Neuen Testament gesagt: „DER MANN GEBE DER FRAU DIE ZUNEIGUNG, DIE ER IHR SCHULDIG IST, EBENSO ABER AUCH DIE FRAU DEM MANN. DIE FRAU VERFÜGT NICHT SELBST ÜBER IHREN LEIB, SONDERN DER MANN; GLEICHERWEISE VERFÜGT ABER AUCH DER MANN NICHT SELBST ÜBER SEINEN LEIB, SONDERN DIE FRAU. ENTZIEHT EUCH EINANDER NICHT, AUSSER NACH ÜBEREINKUNFT EINE ZEIT LANG …“ (1. KORINTHER 7,3–5)


Was Paulus hier schrieb, kannte man bis dahin nicht. Dass er dem Mann Sexualität außerhalb der Ehe verbot, war eine Sache. Aber dass er ihm im Auftrag Gottes gebot, seiner Frau sexuelle Freude und Befriedigung zu schenken, war für die damalige Zeit sensationell. Die Bibel lehrt hier, dass in der Ehe beide Partner, der Mann und die Frau, das Recht auf gegenseitige sexuelle Befriedigung haben. Sexualität wird hier als ein Mittel gesehen, das Gott erschaffen hat, um uns dem Ehepartner ganz hinzugeben. Wir werden noch sehen, wie eng das mit dem biblischen Konzept von Liebe verbunden ist. Wir werden davon sprechen, dass Liebe Hingabe bedeutet und dann ist es nur konsequent, dass Sexualität in erster Linie dem anderen dient. Das ist auch heute noch (oder wieder) eine sensationelle Erkenntnis: Sexualität soll nicht zur eigenen Befriedigung eingesetzt werden, sondern um den anderen glücklich zu machen. Das Ergebnis wird eine größere Befriedigung und Erfüllung sein als sie jeder selbstsüchtige Gebrauch bieten kann. Weil Sexualität eine so bedeutsame und sensible Sache ist, verwundert es nicht, dass sie in unseren Beziehungen zum Störfaktor werden kann. Das eigentliche Problem ist meist gar nicht auf der körperlichen Ebene zu suchen, sondern viel tiefer, in unserer Persönlichkeit und der Art unserer Beziehungsgestaltung. Die Differenzen sind deshalb wohl eher Indikator als Ursache von Schwierigkeiten in der Beziehung.47 Auf den grundsätzlichen Lösungsansatz für diese tiefer liegenden Beziehungsprobleme kommen wir deshalb in Kapitel 5 zu sprechen.

MEHR ZU BEZIEHUNGSKRISEN UNTER: HEUKELBACH.ORG/ ICH-HEIRATETE-MEINEN-EX

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DIE VER­ WIRKLICHUNG DER EHE DAS GEHEIMNIS DER SELBSTAUFGABE

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MANN UND FRAU HABEN UNTERSCHIED­ LICHE ROLLEN Zwei unterschiedliche Wesen sollen zusammen eine gut funktionierende Einheit bilden. Es leuchtet ein, dass dazu am besten jedes der beiden Individuen die ihr oder ihm speziell zugedachte Aufgabe übernimmt. Man braucht keine zwei Werkzeuge für eine Arbeit, wenn man sie doch beide gleich einsetzt. Es macht deutlich mehr Sinn, jedes Werkzeug seiner Besonderheit entsprechend zu verwenden. Als Gott also Männer und Frauen verschiedenartig ausstattete, verband er damit die Absicht, dass sie unterschiedliche, geschlechtsspezifische Rollen erfüllen sollten. 48 Auf der körperlichen Ebene liegt das auf der Hand: Nur Frauen können Kinder gebären und nur sie können Kinder stillen. Doch wir sahen schon, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind viel umfassender. Sie betreffen auch grundlegende psychische Persönlichkeitsmerkmale. Zugegeben, die Verschiedenheit der psychischen Konstitutionen von Männern und Frauen ist oft nicht so ausgeprägt wie die körperliche. Sie deshalb jedoch zu leugnen, würde dem Menschen nicht gerecht. Man darf Frauen nicht auf reine Gebär- und Stillmaschinen reduzieren und Männer nicht darauf, in der Regel über mehr Kraft zu verfügen. Die Verschiedenartigkeit der Geschlechter wird sich jeweils in einer anderen Art äußern, wie Probleme angegangen und gelöst, wie Beziehungen geknüpft und erhalten und wie Kompromisse geschlossen

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werden. Diese Verschiedenartigkeit der Geschlechter legt eine unterschiedliche Rollenverteilung von Männern und Frauen nahe. „Die Ehe, biblisch verstanden, ist die Antwort auf die Kluft zwischen den Geschlechtern. Sie ist die volle Annahme des anderen Geschlechts. Wir akzeptieren das geschlechtliche ‚Anderssein‘ unseres Partners und kämpfen doch mit ihm, und dadurch wachsen und entwickeln wir uns, wie es anders nicht möglich gewesen wäre. Weil, wie es im Schöpfungsbericht heißt, Mann und Frau ‚Gegenstücke‘ zueinander sind – beide radikal verschieden und doch unvollständig ohne den anderen.“49

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Bevor wir diese Rollenverteilung weiter ausführen, ist es vielleicht angemessen, noch einmal sehr deutlich festzuhalten: Männer und Frauen sind gleichwertig und gleichberechtigt. Was nachfolgend über Rollenverteilung gesagt werden soll, widerspricht dem nicht! Jedes Individuum ist einzigartig darin, wie es sein Mann- oder Frausein auslebt. Unser Nachdenken über „den Mann“ und „die Frau“ soll eine allgemeine Richtung aufzeigen, nicht die jeweils verschiedene persönliche Ausprägung. (Nein, es geht nicht darum, dass jeder Mann eine Vorliebe für Fußball und jede Frau eine für Hautpflege entwickeln muss.) Während die Bibel das Prinzip der Rollenverteilung klar lehrt, sagt sie fast nichts über ihre konkrete Ausgestaltung. Die Bibel hat keine Listen von Tätigkeiten, die strikt nur Männern oder nur Frauen zugewiesen werden. Wer die Wäsche macht, die Wohnung aufräumt, die Finanzen verwaltet, das Essen kocht, die Reparaturen durchführt, ja berufstätig ist, sich der Wissenschaft oder der Kunst widmet – alles das schreibt die Bibel nicht

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explizit vor. Es geht um das allgemeine Prinzip, das in jeder Zeit, Kultur und persönlichen Situation angewendet werden kann.

DIE ROLLE DES MANNES ­VERWIRKLICHEN Es bietet sich an, mit der Rolle des Mannes anzufangen, weil hier so elementare Missverständnisse vorherrschen, dass davon auch die Sicht auf die Rolle der Ehefrau geprägt wird. Die Bibel beschreibt die Rolle des Mannes so: „DER MANN IST DAS HAUPT DER FRAU, WIE AUCH DER CHRISTUS DAS HAUPT DER GEMEINDE IST; UND ER IST DER RETTER DES LEIBES. … IHR MÄNNER, LIEBT EURE FRAUEN, GLEICHWIE AUCH DER CHRISTUS DIE GEMEINDE GELIEBT HAT UND SICH SELBST FÜR SIE HINGEGEBEN HAT, … E ­ BENSO SIND DIE MÄNNER VERPFLICHTET, IHRE EIGENEN FRAUEN ZU LIEBEN WIE IHRE EIGENEN LEIBER; WER SEINE FRAU LIEBT, DER LIEBT SICH SELBST.“ (EPHESER 5,23.25.28) Der Mann, das familiäre Oberhaupt – ist das nicht die Formulierung, die nahezu immer schon die Unterdrückung der Frau rechtfertigen sollte? Doch ganz offensichtlich ist es weder hier noch an anderen Stellen der Bibel so gemeint. Unser Problem liegt in unserem falschen Verständnis davon, was es heißt, „Oberhaupt“ zu sein. Wir denken dann in Kategorien von Machtausübung und privilegiertem

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Status, von Sich-bedienen-lassen und Befehle geben. Dieses Verständnis von Führung ist nicht nur knapp an dem vorbei, was die Bibel lehrt – es ist das Gegenteil davon. Für uns ist es so selbstverständlich: Wer einem anderen übergeordnet ist, der hat die leichtere Rolle. Der Übergeordnete kann zuerst seine Interessen verwirklichen, er wird die angenehmeren Aufgaben für sich auswählen und bei alldem die größere Anerkennung erfahren. Nochmals, das läuft dem Denken Gottes diametral entgegen. Wer Führungsverantwortung übernimmt, soll zuerst die Interessen der anderen wahren, selber die unangenehmsten Aufgaben übernehmen und um WertFÜHRUNGSVER­ ANTWORTUNG schätzung und Anerkennung der BEDEUTET IN DER anderen bemüht sein. BIBEL: ZUERST DIE Immer und immer wieder stellt INTERESSEN DER uns Gott in der Bibel sein Ideal von ANDEREN WAHREN Führung und Autorität vor. In eine UND SELBER DIE griffige Formel gepresst kann man UNANGENEHM­ vom Prinzip „führen durch dienen“ EREN AUFGABEN oder „Autorität, die verzichtet“ ÜBERNEHMEN. oder „Größe, die sich in aufopfernder Hingabe beweist“ sprechen. Da reagiert Jesus Christus beispielsweise auf den Wunsch nach einem Führungsposten, der sich im Kreis seiner Jünger artikuliert. Er stellt klar: Herrschen und groß sein wird normalerweise mit unterdrücken und Gewalt ausüben verbunden. Doch: „Unter euch soll es nicht so sein, sondern wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener und wer von euch der Erste werden will, der sei aller Knecht“ (Markus 10, 43–44). Das bleibt nicht bloß graue Theorie. Jesus Christus macht es im Kreis der Jünger vor. Er, der Sohn Gottes, nimmt Waschuten-


silien zur Hand und wäscht seinen Jüngern die Füße. Das war eine Aufgabe, die üblicherweise von Sklaven erledigt wurde. Doch Jesus zeigt den Jüngern daran, was es nach seinem Verständnis bedeutet, „Meister und Herr“ zu sein und betont: „Ich habe euch ein Vorbild gegeben“ (vgl. Johannes 13,13–15). Gott gab dem Mann also das Mandat zur Leitung. Und dieses Mandat beinhaltet als wesentlichen Bestandteil die dienende Aufopferung für die Ehefrau. Man kann sich demnach nichts Besseres für eine Ehefrau vorstellen als einen solchen Leiter an ihrer Seite. Noch eines muss klargestellt werden. In unserem Denken ist eine berechtigterweise einzunehmende Führungsaufgabe immer auch mit einer höheren Qualifikation verbunden. Heißt das also, dass männliche Eigenschaften den weiblichen Eigenschaften doch in gewisser Weise überlegen sind? Nein durchaus nicht! C.S. Lewis formulierte einmal: „Männer und Frauen sind unantastbare Abbilder von Wirklichkeiten, die weit außerhalb unseres Zugriffs und unseres direkten Verständnisses liegen. … Und es ist nicht an uns, diese Wirklichkeiten zu bestimmen …; vielmehr sind sie es, die uns bestimmen und uns unseren Platz in dieser Welt zuweisen.“50 Mit anderen Worten: Die Rollenzuschreibung hat unser Schöpfer-Gott vorgenommen. Dass er die Begründung dafür nicht mitlieferte, ist unserer Begrenztheit geschuldet. Jedenfalls ist sie nicht in irgendeiner Form mangelnder weiblicher Eignung zu suchen. Nicht einmal ansatzweise findet sich in der Bibel eine Argumentation, die von einer prinzipiellen Überlegenheit des Mannes ausgeht. Zusammengefasst: Männer sollten die Rolle des dienenden Leiters annehmen und auszufüllen suchen. Damit verbinden sich keine strikten Vorschriften, was sie in dieser Rolle tun und lassen sollen. Doch werden sie, ihrem Wesen entsprechend, ihre Aufgabe eher darin sehen, die letzte Verantwortung zu übernehmen sowie Ernährer

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und Beschützer zu sein. In der Bibel ist das an der Häufigkeit und Intensität, mit der solche Aufgaben dem Mann zugewiesen werden, erkennbar.51

DIE ROLLE DER FRAU ­VERWIRKLICHEN „IHR FRAUEN, ORDNET EUCH EUREN EIGENEN MÄNNERN UNTER ALS DEM HERRN.“ (EPHESER 5,22)

42 Nicht nur unser Verständnis von Führung, auch das von Unterordnung, muss grundlegend neu an der Bibel ausgerichtet werden. Es steht auch nicht isoliert da, sondern muss im Rahmen der Erschaffung beider Geschlechter im Bild Gottes und ihrer gottgewollten Unterschiedlichkeit gesehen werden. Auch der Gedanke der wechselseitigen Ergänzung und ein Führungskonzept des liebevollen und aufopfernden Dienens des Mannes sind wesentlich. So verstanden ist die weibliche Rolle der Unterordnung nicht die der grauen Maus. Sie ist eine mutige, denn sie setzt Vertrauen voraus. Sie einzunehmen, bedeutet nicht einer Verpflichtung widerwillig nachzukommen, sondern ist eher ein Geschenk. Dieses Geschenk ist ein entscheidender Beitrag zu der Teamarbeit des Ehepaares, in der unterschiedliche Begabungen in unterschiedlichen Funktionen ausgedrückt werden.


Unterordnung ist also nicht die Folge von Zwang, der von einer höheren Autorität ausgeübt wird. Im biblischen Modell der Ehe erfolgt Unterordnung freiwillig und gerne, weil sie keine Einschränkung von Rechten, sondern ein Privileg ist. Die Frau darf sich führen lassen, sie braucht nicht selbst zu führen. Damit ist der Frau dennoch eine aktive Rolle zugeschrieben. Unterordnung ist keine passive Rolle, sondern eine Tätigkeitsbeschreibung im Rahmen von Teamarbeit. Mit dieser Rolle wird häufiger und direkter die Aufforderung verbunden, die Helfende und Ermutigende zu sein (vgl. 1. Petrus 3,1–4). Frauen haben in der Regel größere Freude daran und größeres Geschick dabei, aus einem Wohnsitz ein Zuhause zu machen. Sie verstehen das Sorgen für die Kinder meist selbstverständlicher und umfassender. Anteilig häufiger finden wir Frauen deshalb in der Bibel mit diesen Aufgaben betraut (vgl. Titus 2,4–5). Doch das sind keine Beschränkungen, sondern Beispiele. In der idealtypischen Vorstellung einer Ehefrau in Sprüche 31,10–31 ist diese selbständig, eigeninitiativ und weit über den häuslichen Rahmen hinaus aktiv. Sie ist dabei grundsätzlich auf das Wohl ihres Mannes und ihrer Familie ausgerichtet und erfährt große Wertschätzung. Weil unsere Kultur misstrauisch oder ablehnend gegenüber jeglicher Autorität ist, kann sie Unterordnung nur mit Widerwillen begegnen. Doch hat diese Kultur kein anderes tragfähiges Konzept für eine Partnerschaft von Mann und Frau in der Ehe entwickeln können. Sie weiß nichts von einer übergeordneten Autorität, deren Aufgabe hingebungsvoller Dienst ist. Deswegen ist ihr auch der Gedanke einer freiwilligen, erfüllenden Unterordnung aus Respekt und Liebe so fremd. In der Bibel verspricht Gott, dass Mann und Frau ihre Geschlechterunterschiede dann bestmöglich in die Ehe einbringen, wenn sie die Rollen des dienenden, unterstützungsbedürftigen

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Führers sowie der starken Helferin annehmen und ausfüllen. So ist Unterordnung und Hilfe, wie die selbstaufopfernde Führung, ein Zeichen der umfassenden Annahme des anderen. Man kann die wechselseitige Ergänzung von Mann und Frau in der Ehe beschreiben als Liebe und Wertschätzung, die gegenseitig erwiesen, angenommen und erwidert werden. Vielleicht stimmen Sie zu: Ja, so müssten Mann und Frau miteinander umgehen, dann wäre Ehe wirklich Ehe – aber wie kann man je auch nur in die Nähe dieses Ideals kommen?

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Unterordneung und Hilfselbst­ wie die ßhrung aufopferndeeiFchen der ist ein Zhme des Anna anderen.

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„UNTERORDNUNG IST ETWAS SCHÖNES“ Unterordnung ist ein Reizwort. Viele verstehen darunter etwas Negatives. Und das ist es auch, wenn es nicht im Sinne Gottes gelebt wird. Im Interview erzählen Claudia und Rita, wie sie als christliche Ehefrauen ihre Rolle als Gehilfin ihres Mannes verstehen, was sie über die „drei K‘s“ denken und warum Unterordnung für sie etwas Schönes ist.

WIE SEID IHR IN EURE EHEN GESTARTET? HATTET IHR DAVOR EINE VORSTELLUNG VON DEN GESCHLECHTERROLLEN?

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Rita: Wir haben vorher viel in der Bibel gelesen. Deshalb war es von uns beiden sehr durchdacht, wie unsere Rollen aussehen werden. Und ich hatte mein volles „Ja“ dazu … Claudia: … Für mich war klar: Ich bin Ehefrau und die Gehilfin meines Mannes. Das in der Ehe umzusetzen, war für mich aber auch herausfordernd.

KKK – KINDER, KÜCHE, KIRCHE: AUF DIESE KURZFORMEL BRINGEN EINIGE DIE ROLLE DER CHRISTLICHEN EHEFRAU. WAS SAGT IHR DAZU? Claudia: Die Frage ist: Wie setzte ich das um, was die Bibel vorgibt? Ich wollte nicht dieses Mäuschen sein und auf diese drei K‘s reduziert werden. Ich habe auch andere Aufgaben; zum Beispiel, dass ich die Finanzen mache, weil ich eine kaufmännische


Ausbildung gemacht hatte. Gott gibt einen Rahmen – wir dürfen gestalten. Rita: Mir hat sehr geholfen, dass mein Mann diesen Dienst als Mutter und Hausfrau unheimlich wertgeschätzt hat. Dass ich zu Hause bin, brachte in unsere Familie große Ruhe hinein. Ich habe es immer als Beruf und Berufung verstanden.

BEI UNTERORDNUNG DENKEN VIELE AN UNTERDRÜCKUNG, BEDINGUNGS­ LOSEN GEHORSAM UND ABHÄNGIGKEIT. WAS IST FÜR EUCH UNTERORDNUNG? Rita: Mir ist sehr wohl bewusst, dass es viele Frauen gibt, die unterdrückt und missbraucht werden. Das ist aber nicht das, was Gott gemeint hat. Unser Vorbild ist die Liebe Gottes. Mein Mann ist die liebende Autorität und ich ordne mich ihm liebend unter. Die Bibel zeichnet ein vollkommen neues Bild von Autorität. Autorität heißt demnach dienen. Und das kann man in einer Ehe großartig erleben. Ich vergleiche das mit einem Orchester. Es gibt nur eine erste Geige, die anderen müssen aber auch spielen. Ich denke, wir arbeiten als Team zusammen. Mein Mann und ich sind gleichwertig, aber es muss einen geben, der letztlich die Autorität übernimmt und dient und der andere, der die Autorität abgibt und auch dient. Wir als Frauen sind Gehilfinnen – nicht in dem Sinne einer Küchenhilfe, sondern in dem Sinne, dass ich von Gott meinem Mann an die Seite gestellt wurde, um ihn zu korrigieren und zu ermutigen, ihn vielleicht auch mal zu bremsen. Unterordnung heißt nicht, jede Entscheidung meines Mannes abzunicken, sondern es kann auch

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bedeuten, heftig zu diskutieren. Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres als Ehefrauen, die alles bejahen, was ihre Männer tun, aber dann für sich selber ihr eigenes Ding drehen. Wenn wir als Paar nach einer Diskussion immer noch unterschiedlicher Meinung sind, heißt Unterordnung für mich, dass ich dann meinem Mann die Entscheidung überlasse – er muss ja schließlich die Verantwortung tragen. Das bedeutet auch, wenn sich die Entscheidung im Nachhinein als falsch herausstellt, ihm das nicht vorzuhalten. Mir hilft es, dafür zu beten, dass mein Mann weise Entscheidungen trifft.

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Claudia: Ehe ist Teamarbeit. In einem Team ist es nur logisch, dass jemand die Führung übernimmt, sonst funktioniert das nicht. Ich verstehe mich von der Bibel her als Hilfe für meinen Mann, um ihn zu vervollständigen. Durch unsere Unterschiedlichkeit ergänzen wir uns. … Unterordnung ist für mich ein anderes Wort für Unterstützung und Vervollständigung.

ES KLANG SCHON EIN WENIG AN: UNTERORDNUNG IST NICHTS, DAS EUCH IM BLUT LIEGT, ODER? Claudia: Nein, gesunde Unterordnung ist eine Lernsache. Ich glaube, wer keine Probleme hat, sich unterzuordnen, ist eher unterwürfig und macht es aus einer falschen Motivation heraus, zum Beispiel aus Angst. Unterordnung hat man nicht im Blut, man muss sie lernen. Rita: Wenn Frauen denken, sie hätten es im Blut, kann es sein, dass sie sich nach außen hin unterordnen, aber innerlich rebellieren oder ihren Mann manipulieren, um doch ihren Willen zu bekommen.


WIE HABT IHR DANN UNTERORDNUNG GELERNT? Rita: Wir lernen immer noch! Jesus Christus hat uns das vorgelebt: Er war Gott gleich und hat sich doch Gott, dem Vater, untergeordnet. Jesus ist das absolute Vorbild von Unterordnung – für Frauen und Männer. Claudia: Ich glaube, dass es eine Entscheidung ist. Ich muss mich täglich entscheiden, mich unterzuordnen. Es wird einfacher mit der Zeit. Es hilft zu wissen, warum man es tut und mit welchem Ziel. Ich habe auch die Erwartungshaltung, dass Jesus mir hilft, weil er es möchte, dass ich mich unterordne. Er gibt mir keine unlösbaren Aufgaben. Klar, es ist schwer, aber ich kann es mit ihm schaffen. Deshalb rede ich mit Jesus über meine Herzenswünsche und meine Probleme, mich unterzuordnen. Das ist ein gelebter Prozess. Mir hilft es, dass Jesus Christus mein Vorbild für Unterordnung ist und dass ich mich in erster Linie ihm unterordne. Und: Durch Jesus Christus können wir Unterordnung wieder als Gottes gute Ordnung leben.

WIE DENKT IHR ÜBER DIE AUSSAGE: „UNTER­ ORDNUNG IST EIN PRIVILEG, JA EIN GESCHENK“? Claudia: Auf jeden Fall. Ich muss nicht an der Front kämpfen. Ich stehe hinter meinem Mann, versorge ihn, helfe ihm auf, ermutige ihn und diene ihm. Rita: Es ist so befreiend zu wissen, dass mein Mann letztlich die Verantwortung übernimmt. Unterordnung ist was Schönes.

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WAS BRINGT EUCH UNTERORDNUNG, WELCHEN NUTZEN HAT UNTERORDNUNG? Claudia: Wir schaffen als Team einfach mehr. Wenn jeder sein eigenes Ding machen würde, wären wir nicht so effektiv. Dadurch, dass ich meinem Mann den Rücken freihalte, kommt er besser voran und arbeitet besser. Ich spiele ihm zu – und sehe, dass er dadurch besser wird. Das beflügelt mich. Rita: Ein Team funktioniert eben nur, wenn einer den Hut aufhat.

WIE MÜSSEN DER CHARAKTER UND DAS VERHALTEN DES MANNES SEIN, DAMIT MAN SICH IHM ALS FRAU UNTERORDNEN KANN?

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Rita: Der Mann muss sich selbst hingeben. Er muss Autorität ausüben, aber in liebender und dienender Weise – wie Jesus Christus. Einem solchen Mann kann man sich leicht unterordnen. Claudia: Er muss seine von Gott gegebene Rolle als Berufung sehen und erfahren, dass Jesus ihm alle Fähigkeiten schenkt, die er dafür braucht.

WAS IST EUER RAT AN FRAUEN, DEREN MÄNNER GAR KEINE FÜHRUNGSPOSITION INNERHALB DER EHE ÜBERNEHMEN MÖCHTEN? Rita: In erster Linie rate ich einer solchen Frau, für ihren Mann zu beten, dass er Stück für Stück in seine Rolle hineinfindet. In zweiter Linie rate ich ihr zu versuchen, ihren Mann in Entscheidungen mit einzubeziehen. Das ist natürlich schwierig, wenn der Mann gar nicht gewöhnt ist, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Das klappt nicht von heute auf mor-


gen. Aber als seine Gehilfin muss sie ihn dahinführen und dazu ermutigen, Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel in Fragen der Kindererziehung. Claudia: Ja, beten ist wichtig. Und wichtig ist, dass man es nicht von dem Mann einfordert, sondern ihn ermutigt. Auch, dass man nicht vorprescht und alles alleine managt, sondern dass man sich zurücknimmt und ihm die Chance gibt, seiner Verantwortung nachzukommen.

WAS WÜRDET IHR EINER JUNGEN, EMANZI­ PIERTEN FRAU SAGEN, DIE BERUFLICH EINE FÜHRUNGSPOSITION INNEHAT UND SICH MIT DEM KONZEPT DER UNTERORDNUNG SCHWERTUT – SELBST WENN SIE MIT EINEM MANN VERHEIRATET IST, DER EIN „DIENENDES OBERHAUPT“ IST? Claudia: Die Frage ist, wie sie ihre Rolle als Frau und ihre Position versteht. Sieht sie sie als Dienst? Was füllt ihr Leben aus? Über diese Fragen würde ich mich mit ihr unterhalten. Jeder soll seine Gaben nutzen, die Gott gegeben hat. Und gleichzeitig will ich betonen, dass Gottes Modell der Unterordnung einen Sinn hat – er hat gute Ziele damit. Rita: Die Bibel bietet uns kein starres Regelwerk, indem es für alle Frauen ohne Rücksicht auf ihre Persönlichkeit, ihre Gaben und ihre Lebenssituation, nur eine einzige Möglichkeit zu handeln gibt. Im Gegenteil, sie stellt uns immer wieder auch Frauen vor, die sehr viele Führungsqualitäten aufweisen, die Zivilcourage beweisen, Aufgaben von und für Männer übernehmen und zugleich damit (ihren) Männern dienen. Trotzdem sind diese Frauen nicht

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die Regel, sondern die Ausnahme und sie handeln auch in diesem Bewusstsein. Eine Frau, die beruflich eine Führungsposition hat, muss diese nicht notwendigerweise aufgeben, um dem biblischen Frauenbild zu entsprechen. Sie benötigt allerdings viel Feingespür dafür, ihre Rolle zu leben – auch als Vorgesetzte von Männern. Zugleich hindert sie diese Position nicht daran, sich ihrem Ehemann unterzuordnen und ihm die Führung zu überlassen in den Dingen, die ihre Ehe, Familie und auch die Gemeinde betreffen.

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g n u n d or er t n U " ist was Schรถnes."


DAS GROSSE GEHEIMNIS ENTDECKEN

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Die Aussagen der Bibel zeigen also klar auf, wie Mann und Frau in der Ehe zu einer Rollenverteilung finden können, die beiden absolut entspricht, gerecht und fair ist und zum höchsten Wohl und Effektivität beider in ihrer Teamarbeit führt. Doch so einleuchtend die biblischen Anweisungen auch sind, es ist Menschen schon immer schwergefallen, sie umzusetzen. „Dieses Geheimnis ist groß …“ ist deshalb auch die Feststellung zum Abschluss des biblischen Textes über die Rollenverteilung von Mann und Frau.52 Dabei ist festzuhalten, dass Geheimnisse des Neuen Testaments nie etwas beschreiben, von dem wir nichts wissen dürfen oder können. Ganz im Gegenteil, Geheimnisse werden sogleich offengelegt – und bleiben dennoch geheimnisvoll, weil sie Wahrheiten enthüllen, die für uns unerwartet, höchst erstaunlich, ja nahezu unglaublich sind. Das Geheimnis der Ehe, so zeigt es der zum Kapitelbeginn zitierte Bibeltext auf, ist das Geheimnis echter Liebe.

WAS ES HEISST, DEN ANDEREN ZU LIEBEN An dieser Stelle sollen keine altbekannten oder neu anrührenden Zitate aus Liedern, Filmen oder sonstigen künstlerischen Werken folgen. Was könnten schöne Formulierungen nutzen, wenn es um Lebenspraxis geht? Wir stehen vor drängenden, elementaren Fragen. Wenn wir ihnen ausweichen, sie falsch oder nur mit Worthülsen beantworten, wird das zu persönlichen Katastrophen in unseren Ehen führen.


Es sind solche Fragen: Wie kann ein Mann es schaffen, seine Führungsposition nicht für eigene Zwecke zu missbrauchen? Wie bringt er es zustande, in jeder seiner Entscheidungen mehr an die InteresLIEBE IST sen seiner Ehefrau als an die eigenen VOR ALLEM DIE zu denken? Wie kann eine Frau, die KONSEQUENTE sich sehr wohl eigener Fähigkeiten UMSETZUNG DES und der Fehlerhaftigkeit ihres ManENTSCHLUSSES, nes bewusst ist, es fertigbringen, sich SICH FÜR DEN diesem Mann von ganzem Herzen ANDEREN BE­ unterzuordnen und ihn in seiner AufDINGUNGSLOS gabe zu unterstützen? AUFZUOPFERN. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Sie darauf reagieren können. Sie sagen: „Das ist unmöglich!“ Oder Sie antworten: „Das wäre echte Liebe.“ Dann wären Sie ein Stück in das Geheimnis der Liebe eingedrungen. Sie würden den Zusammenhang von Liebe und tiefen Gefühlen nicht leugnen. Doch sie wüssten, Liebe geht weit über alles hinaus, was unserer unsteten Gefühlswelt entspringt. Auch wüssten Sie den Wert der körperlichen Anziehungskraft zu schätzen, würden Schönheit, Attraktivität und Sexualität in der Ehe aber nie mit Liebe gleichsetzen. Sagen wir es also ruhig frei heraus: Liebe ist vor allem die Umsetzung des Entschlusses, sich für den anderen bedingungslos aufzuopfern.

WARUM WIR NICHT LIEBEN KÖNNEN Man könnte an dieser Stelle das Märchen von der Prinzessin oder dem Prinzen erzählen. Also über den Traum von der einen Person, von der wir meinen, sie tatsächlich wie beschrieben lieben zu können. Stanley Hauerwas sagt dazu:

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„Ein absolutes Gift für die Ehe ist, … [wenn wir glauben,] irgendwo … wartet genau der richtige Partner auf uns; wir müssen nur die Augen offenhalten. Diese ethische Annahme übersieht einen ganz zentralen Aspekt der Ehe – nämlich die Tatsache, dass wir immer die falsche Person heiraten. Wir wissen nie, wen wir heiraten; wir bilden uns das nur ein. Und selbst, wenn wir den ‚Richtigen‘ erwischt haben – man warte nur etwas ab, und er wird anfangen sich zu ändern. … Das Hauptproblem ist: Wie lerne ich es, diesen Fremden, den ich geheiratet habe, zu lieben und für ihn da zu sein?“53

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Unser Hauptproblem ist also bei uns selbst zu suchen, nicht im „falschen“ Gegenüber. Warum ist es so unsagbar schwer, sich für den anderen bedingungslos aufzuopfern? Es benötigt wohl nur wenig ehrliche Selbsterkenntnis, um die Antwort zu finden: Weil wir dafür zu sehr uns selbst lieben! Wir suchen, auch in der Partnerschaft, die Selbstbestätigung, den eigenen Vorteil und fragen immerzu: Was bringt mir das ein? Und das Gegenüber begegnet dieser Ichbezogenheit mit der eigenen Ichbezogenheit. Man sieht nicht, wo man selbst egoistisch handelt, ist aber zutiefst beleidigt und getroffen, wenn man den anderen um sich selbst kreisen sieht. So entsteht ein Teufelskreislauf aus wachsender Enttäuschung und zunehmendem Selbstmitleid, der allmählich die Beziehung immer mehr vergiftet. Immer wieder können wir es in der Bibel lesen: Liebe bedeutet, den anderen höher zu achten als sich selbst,54 um die Dinge des anderen besorgt zu sein,55 nicht den eigenen Vorteil zu suchen.56 Doch das liest sich leichter, als es umgesetzt wird. Das ist eben weit mehr als: „Ich sollte etwas mehr darauf achten, dass …“ „Ich sollte nicht so gedankenlos sein …“ „Andere sollten mir wichtiger werden …“ „Ich sollte auch einmal zurücktreten können“ „Lass uns achtsamer


miteinander umgehen“ usw. Die Aussagen der Bibel sind radikaler. Wir müssen unseren Stolz und Eigenwillen aufgeben. Wir müssen uns selbst aufgeben, aber geht das überhaupt? Als Gott in Jesus Christus in diese Welt kam, hatte er deshalb folgende Botschaft für die Menschheit: „Wenn ihr euch an euer Ich klammert, euren Lebenssinn letztlich in der Selbstverwirklichung sucht, werdet ihr Schiffbruch erleiden!“ Wie wahr diese Feststellung ist, können wir unter anderem an jeder gescheiterten Ehe ablesen. Doch Jesus Christus ist nicht bei dieser bitteren Wahrheit stehen geblieben, er zeigte auch den Ausweg: „WER SEIN LEBEN RETTEN WILL, DER WIRD ES VER­LIEREN; WER ABER SEIN LEBEN VERLIERT UM MEINETWILLEN UND UM DES EVANGELIUMS WILLEN, DER WIRD ES RETTEN.“ (MARKUS 8,35).

Können Sie den Lösungsweg erkennen? Wir müssen uns selbst aufgeben! Jedoch nicht zuerst für den Ehepartner, sondern für Gott. Der christliche Glaube lehrt, dass es die grundlegende Bestimmung des Menschen ist, für Gott zu leben. Er hat uns geschaffen, in seinem Bild.57 Mit dem Leben, das er uns geschenkt hat, sollen wir ihn ehren. Jesus Christus hat also jedes Recht zu fordern, dass wir für ihn leben sollen. Alles andere wäre Zweckentfremdung unseres Lebens. Die Lösung unserer Beziehungsprobleme in der Ehe liegt in einer grundsätzlichen Neuausrichtung unserer Beziehung zu Gott. Sonst kommen wir aus der Falle der MEHR ZU JESUS alles zerstörenden Selbstsucht nicht herCHRISTUS UNTER: HEUKELBACH.ORG/ WER-IST-JESUS

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aus! Wenn wir unser Leben für Jesus Christus führen, ist die Voraussetzung gegeben, sich dann auch für den Ehepartner aufopfern zu können. Das ist das große Geheimnis der Ehe: Der Bezugspunkt ist Gott und seine Offenbarung in seinem Sohn Jesus Christus. Deshalb kommt der große biblische Abschnitt über die Ehe in Epheser 5,21–32 auch immer wieder auf diese Basis zu sprechen. Weil oder wenn wir Gott fürchten, d. h. ihn ehren wollen, sind wir, Mann und Frau, bereit, uns einander unterzuordnen (vgl. Epheser 5,21). Weil oder wenn wir die Liebe von Jesus Christus kennen, sind Mann und Frau bereit, sich einander hinzugeben (vgl. Epheser 5,25). Sie sagen, wenn es so grundsätzlich ist, will ich jemanden sehen, der sich so aufopfert oder aufgeopfert hat. Bedingungslos. Das heißt, unabhängig davon, ob der andere es wert ist. Wenn Jesus Christus von mir verlangt, ich solle mich für ihn opfern, dann möge er sich zuerst für mich opfern. Genau das ist geschehen.

WER UNS WIRKLICH LIEBT Jesus Christus gab sein Leben für uns. In der Bibel kann man es nachlesen: Jesus Christus ist Gott.58 Doch er hat sich nicht an die damit verbundene eigene Herrlichkeit geklammert, sondern sie aufgegeben. Er nahm unsere menschliche Natur an und ordnete sich dem Rettungsplan Gottes unter. Er ging freiwillig für uns in den Tod,59 mit dem er die Strafe für unsere Sünden bezahlte. DER SOHN GOTTES HAT MICH GELIEBT UND SICH SELBST FÜR MICH AUFGEOPFERT. (NACH. GALATER 2,20) Sehen Sie, was passiert ist? Wir haben mit unserer Ichsucht, unserer Neigung, uns selbst zum Mittelpunkt zu machen, die Gemeinschaft


mit Gott zerstört. Zwischen ihm und uns steht das, was im christlichen Glauben mit „Sünde“ benannt wird. Dabei sind wir doch zu diesem Zweck von ihm erschaffen worden, um in enger Beziehung mit Gott zu leben. Doch er wartete nicht, bis wir den ersten Schritt tun, sondern bewies bedingungslose Liebe. Nicht weil wir es verdient hätten, sondern rein aus Gnade. Er opferte alles, damit wir wieder in Beziehung mit ihm leben können. Er gab sich selbst hin und starb. Diese Gnade anzunehmen, sich dieser Liebe anzuvertrauen, ist der Schlüssel zu einem Leben mit Gott. WIR KÖNNEN NICHT LIEBEN, Und mit diesem Schlüssel eröffnet ES SEI DENN, WIR sich der Weg zu einem Leben in der LEBEN FÜR JESUS Selbstaufopferung. Das Geheimnis ist CHRISTUS. DANN gelüftet: Je mehr wir uns dem Beispiel UND NUR DANN selbsthingebender Liebe Gottes in SIND WIR IN DER Jesus Christus annähern, desto mehr LAGE, UNS FÜR wird unsere Ehe gelingen. EINEN ANDEREN Selbstlose Liebe in der Ehe bedeuAUFZUOPFERN. tet, meinen Ehepartner nicht mehr daran zu messen, welchen Vorteil er mir (noch) bieten kann. Sie ist kein Aufrechnen: Wieviel gebe ich und was, im Vergleich dazu, bekomme ich? Ich bewundere Gottes Liebe in Jesus Christus und freue mich, sie nachzuahmen. Menschen, die diese Liebe praktizieren, sind sich bewusst, von Gott unverdient geliebt zu werden. Sie sind weder devot noch heucheln sie. Ihre selbstlose Liebe, das Heilmittel der Ehe, entspringt ihrer Gottesbeziehung: „ER [JESUS CHRISTUS] IST DESHALB FÜR ALLE GESTORBEN, DAMIT DIE, WELCHE LEBEN, NICHT MEHR FÜR SICH SELBST LEBEN, SONDERN FÜR DEN, DER FÜR SIE GESTORBEN UND AUFERSTANDEN IST.“ (2. KORINTHER 5,15)

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DIE EHE IN DER KRISE 60

DER KÖNIGSWEG ZUR LÖSUNG

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Wir sahen: Das göttliche Konzept der Ehe ist alternativlos. Wir werden keine guten Ergebnisse erzielen, wenn wir die Ehe in dieser Form abschaffen. Das gilt für unsere Gesellschaft, das gilt aber auch für jeden einzelnen Verheirateten. Gottes Idee von der Ehe fordert uns heraus, das haben wir schon zu Anfang festgehalten. „Die Ehe ist vieles, aber eines nicht – sentimentale Romantik. Ehe ist wunderbar, aber harte Arbeit. Ehe ist glühende Freude und Kraft, bedeutet aber auch Blut, Schweiß und Tränen, demütigende Niederlagen und anstrengende Siege.“60 Allein unsere Unterschiedlichkeit wird zu Missverständnissen, zu Rivalität, zu tiefen (weil mit intimer Kenntnis gespickten) Verletzungen führen. Früher oder später. Die Frage ist also nicht nur, wie Gottes Offenbarung uns helfen kann, den richtigen Weg zu erkennen, sondern auch, wie sie uns hilft, wieder auf ihn zurückzufinden.

SICH SELBST ERKENNEN Gott hat die Ehe so konstruiert, dass sie höchste Priorität beansprucht. Die wichtigste Beziehung der Ehepartner soll diejenige sein, die sie zueinander haben. Wird diese Absicht Gottes umgesetzt, kann wahrscheinlich kaum etwas die positive Entwicklung der eigenen Persönlichkeit mehr prägen als die Ehebeziehung. In dieser Beziehung werden dann aber auch Eigenschaften der Ehepartner enthüllt, die niemandem sonst vorher bekannt waren, vielleicht nicht einmal uns selbst. Ehe wird so ein Weg zur Selbsterkenntnis. Über den langen Prozess des Wahrnehmens, dass der andere an-

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ders ist als ich, drängen sich Fragen auf: „Warum bin ich, wie ich bin?“ Und: „Ist es richtig, wie ich bin?“ Im Bibeltext ist deshalb von einem Prozess der „Reinigung“ und der „Heiligung“ die Rede (vgl. Epheser 5,26). Demzufolge ist Ehe ein Vorgang, der zum Ziel hat, der göttlichen Norm immer mehr zu entsprechen und sich auf Gott hin auszurichten. Das ist missverstanden worden, indem Ehe als ein Sakrament bezeichnet wurde. Also ein Mittel des Heils und der Heiligung, welches schon alleine daraus wirksam wird, dass formal ein Ehebund geschlossen wird. Ein solcher Automatismus wohnt der Ehe jedoch nicht inne, wie unschwer festzustellen ist. Davon ist in der Bibel auch nicht die Rede. Es geht darum, wie der Einzelne mit den Erkenntnissen umgeht, die ihm die nahe Beziehung zu einem andersartigen Gegenüber vermittelt. Ob die Ehepartner ehrlich vor sich selbst sind. Die große Gefahr ist, die Schuld oder wenigstens hauptsächliche Anteile davon, bei dem anderen zu suchen. Die große Chance besteht darin, eigene Schuld zu erkennen und sie nicht klein zu reden. In unserer Beziehung zum Ehepartner kann uns schmerzlich bewusst werden, wie oft wir egoistisch denken und handeln. Wir werden schuldig – gegenüber dem anderen und vor Gott, dessen geniales Konzept wir so vielfältig missbrauchen. Vermutlich wird fast jeder großzügig zustimmen: „Ich habe auch meine Fehler – wer hat sie denn nicht?“ Aber das wäre zu billig. Wir müssen uns eingestehen: Es sind unsere verhängnisvollen Eigenschaften, unsere Wesensarten, an denen die Hoffnungen und Pläne des anderen genauso scheitern wie die unsrigen am Wesen des Gegenübers. Die enge Gemeinschaft einer Ehe wird unweigerlich die schlechtesten Seiten der Ehepartner aufdecken. Man mag die Schuld beispielsweise für einen Wutausbruch beim anderen oder grundsätzlich in der Idee von der Ehe suchen, aber weder die Ehe, noch der andere ist die Ur-


sache. In der intimen, engen Beziehung der Ehe können wir in einen schrecklichen Abgrund schauen. Wenn wir den Blick wagen, sehen wir in das ungeschönte, realistische Bild unseres eigenen Ichs – mit all seiner Selbstverliebtheit und Boshaftigkeit. Dieses ehrliche Eingeständnis ist noch nicht die Lösung unseres Beziehungskonflikts mit dem anderen und mit Gott, aber es ist ein entscheidender Schritt in diese Richtung. Denn die einzige Person die wir, mit Gottes Hilfe, grundsätzlich und nachhaltig wirklich ändern können, sind wir selbst.

DEM ANDEREN BEKENNEN – OHNE EINSCHRÄNKUNG Unsere Fehler sind in der Regel für unsere nähere Umgebung – wenn es sich dabei um entferntere Verwandte, unsere Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft oder gute Freunde handelt – einigermaßen leicht zu tragen. Wenn es aber eine nicht aufzukündigende, totale Verbindung in juristischer, finanzieller und sozialer Hinsicht betrifft, können sie ungeheure Sprengkraft entwickeln. Auf das Vergessen oder großzügige Übersehen zu hoffen und deshalb zu schweigen, hat hier wenig Aussicht auf Erfolg. Die einzige Lösung wird darin bestehen, das eigene Fehlverhalten offenzulegen. In der Bibel wird dafür das Wort „bekennen“ benutzt: „BEKENNT NUN EINANDER DIE SÜNDEN UND BETET ­FÜREINANDER“ (AUS JAKOBUS 5,16).

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Das klingt platt, ist aber weitaus schwerer als angenommen und wird deshalb tatsächlich selten praktiziert. „Bekennen“ heißt nicht einfach: „So bin ich, akzeptiere es oder geh.“ Es meint, sich selbst zu verurteilen, ohne dabei auf Gründe und Ursachen zu verweisen, die außerhalb der eigenen Verantwortung liegen; das Dilemma beim Namen zu nennen und ausschließlich von der eigenen Rolle als Täter zu sprechen. Unsere Zeit hat uns gelehrt, solches Denken „wegzupsychologisieren“. Meine Eltern, meine negativen Erfahrungen, meine Umgebung, meine Komplexe usw. sind schuld. Aber tief im Innern wissen wir, dass diese verschiedenen Formen des Leugnens nicht weiterhelfen. Nicht uns selbst und nicht unserer engsten Beziehung. Deshalb meint „bekennen“: „So ist es und es ist nicht zu entschuldigen.“ Auf diese Weise wird die wahre Ursache meines Konflikts mit dem anderen offengelegt, zumindest was meinen Anteil daran betrifft. Und genau in diesem Bereich bin ich unmittelbar verantwortlich. Verzichte ich darauf, laufe ich Gefahr, dass meine Schuld auf Dauer jede Gemeinschaft zerstört. Natürlich fällt uns das unendlich schwer. Weil wir auf alle unsere lieb gewonnenen Schutzschilde verzichten müssen. Wir entblößen uns. Es ist demütigend, weil die hässliche Realität hinter einer möglicherweise glänzenden Fassade sichtbar wird. Und es setzt Vertrauen in den anderen voraus. Denn schließlich zielt das ehrliche Bekenntnis nicht auf ein Echo ab: „Jetzt, wo du mir bekannt hast, bekenne auch ich dir, wo aus meiner Sicht meine Schuld liegt.“ Schön, wenn ein wechselseitiges Bekennen initiiert werden kann, aber nochmals: Das ist nicht der Beweggrund des echten Bekennens. Hier liefert sich der Bekennende dem anderen aus: „Das ist meine Schuld, das ist mein Fehlverhalten, ich benenne es vor dir und verstecke es nicht.“ Ich muss dem anderen vertrauen, dass er die offenbarte Schwäche nicht sofort oder zu einem späteren Zeit-


punkt ausschlachtet. Ich werde auch nur dann den Mut zu diesem immer wieder notwendigen Schritt haben, wenn ich gewiss bin, dass der andere unter dem Eindruck der Schwere meines Vergehens die Beziehung nicht aufkündigt, sondern stattdessen … vergibt.

DEM ANDEREN VERGEBEN – VON HERZEN Wiederum ein Wort, dessen Bedeutungstiefe uns oft nicht bewusst ist: Vergeben bedeutet nicht, die Entschuldigungen nachzuliefern, auf die der andere bei seinem Bekenntnis freundlicherweise verzichtete. Vergeben heißt auch nicht bloß: „Schwamm drüber, ist halt passiert.“ So großzügig sind wir nur, wenn die angesprochene Schuld bitter an eigene Schuld erinnert oder die Sache belanglos für uns und unsere Beziehung zu dem anderen ist. Die Schmerzgrenze unserer Großzügigkeit ist bald erreicht. Gerade dann, wenn uns die Schuldigen sehr nahestehen oder wir meinen, besonders tief in einen Abgrund des Bösen zu schauen. Nein, wenn wir wirklich vergeben wollen, müssen wir einen hohen Preis dafür bezahlen. Wenn jemand durch Ungeschicklichkeit einen Flecken auf Ihrer Lieblingshose verursacht, können Sie vielleicht fordern, dass die Reinigungskosten übernommen werden. Wenn Sie aber vergeben wollen und sagen: „Ich verzichte darauf, es dir als Schuld nachzutragen“, dann tragen eben Sie die Folgen. Entweder zahlen Sie die Reinigungskosten oder Sie leben damit, dass dieser scheußliche Fleck die Hose verunziert. So ist es auch bei einem nicht-materiel-

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len Schaden. Ihr guter Ruf wurde beschädigt, sie wurden unberechtigt benachteiligt oder man hat Sie dem öffentlichen Spott preisgegeben. Sie können die Täter, selbst wenn sie persönlich gar nicht greifbar wären, bezahlen lassen: Auch Sie lästern, übervorteilen und zahlen heim. Sie haben gelitten, deswegen müssen der oder die anderen ebenfalls leiden. Wer aber darauf verzichtet, vom Opfer zum Täter zu werden, wer die „süße Rache“ als Wiedergutmachung ablehnt – der zahlt den vollen Preis der Vergebung. Echte Vergebung kostet dem, der sie gewährt, sehr viel. In Ihnen wird möglicherweise die Frage aufsteigen: „Warum sollte ich dann vergeben?“ Und doch wissen Sie, warum: Weil es die einzige Chance ist, den Kreislauf des Bösen zu durchbrechen. Hat Ihnen der Ehepartner seine Schuld bekannt und spürt danach Ihrer Reaktion ab, dass Sie nicht wirklich zu vergeben bereit sind, wird das Bekenntnis eine Ausnahme bleiben. Wenn Sie dann selber das Fehlverhalten des anderen ansprechen wollen, haben Sie nur wenig Aussicht, auf ein offenes Ohr und Einsicht zu stoßen. Nein, die Abfolge von Vergelten und Wiedervergelten oder von Schweigen und Verschweigen wird nur von der „Wunderwaffe“ des Vergebens durchbrochen.

Und wieder fragen Sie sich vielleicht, ob es je jemanden gab, der eine große und schwere Schuld tatsächlich so wie beschrieben vergeben hat, indem er selbst den Preis der Vergebung zahlte?


SELBST VERGEBUNG ERFAHREN – BEI JESUS CHRISTUS Wahrscheinlich haben Sie schon einmal den Satz gehört: „Ich muss lernen, mir selbst zu vergeben.“ Hinter dieser Aussage könnte der alte Versuch stecken, Schuld klein zu reden. Es mag aber auch sein, dass sich darin echte Selbstkritik widerspiegelt und auch die Sehnsucht, die Selbstzerfleischung angesichts eigenen Fehlverhaltens endlich zu beenden. Doch im Grunde ist es unmöglich, sich selbst zu vergeben. Das Maß unserer Schuld können wir nicht selbst bestimmen. Würden wir es versuchen, bliebe immer eine Unsicherheit und unsere Schuld würde uns völlig im Griff haben, ein Leben lang. Dabei geht es nicht allein um unsere Schuld dem Ehepartner gegenüber, sondern um die weitaus größere und grundsätzlichere Schuld gegenüber Gott. Wie könnten wir von der Last befreit werden, Gottes Beziehungsangebot abgelehnt zu haben? Nicht nur, dass wir seine sinnvollen und vernünftigen Regelungen missachtet haben – wir haben ihm nicht die Liebe entgegengebracht, die er verdient. Wir haben Gott nicht mit allem, was wir sind, geliebt. „DU SOLLST DEN HERRN, DEINEN GOTT, LIEBEN MIT DEINEM GANZEN HERZEN UND MIT DEINER GANZEN SEELE UND MIT DEINEM GANZEN DENKEN UND MIT DEINER GANZEN KRAFT! …“ (MARKUS 12,30) Kann Gott uns vergeben? Wird er uns vergeben? Das würde ja bedeuten, dass er den hohen Preis der Vergebung bezahlt – und leidet.

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Tatsächlich, Gott wurde in Jesus Christus Mensch. Und von Beginn an stellte er klar, dass er gekommen war, um zu leiden, ja sogar zu sterben. „DER SOHN DES MENSCHEN IST NICHT GEKOMMEN, UM SICH DIENEN ZU LASSEN, SONDERN UM ZU DIENEN UND SEIN LEBEN ZU GEBEN ALS LÖSEGELD FÜR VIELE.“ (MARKUS 10,45)

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Der Theologe Timothy Keller schreibt zur Leidensankündigung von Jesus Christus im Markusevangelium:61 „Wenn wir wissen, dass Vergebung immer Leiden für den Vergebenden bedeutet und dass wir nur dann darauf hoffen können, dass das Böse in Ordnung gebracht wird, wenn wir diesen Preis des Leidens zahlen, sollte es uns nicht überraschen, wenn Gott sagt: ‚Dass ich die Sünden der Menschen vergebe, geht nur durch Leiden; entweder zahlt ihr die Strafe für die Sünde oder ich.‘ Sünde zieht immer Strafe nach sich. Schuld kann nur dadurch bereinigt werden, dass jemand zahlt. Die einzige Möglichkeit für Gott, uns zu vergeben und nicht zu verurteilen, besteht darin, dass er ans Kreuz geht und die Strafe auf sich nimmt. ‚Ich muss leiden‘, sagt Jesus.“ Und weiter: „Jesus ist am Kreuz nicht gescheitert. Indem er die Todesstrafe auf sich nahm, überwand er den Tod und hat uns für immer aus seinem Griff befreit. … Als Jesus am Kreuz für unsere Sünden starb, siegte er dadurch, dass er verlor. Er erwirkte unsere Vergebung, indem er die Werte der Welt auf den Kopf stellte. Er bekämpfte nicht Feuer mit Feuer. … Er ergriff nicht die Macht, er gab sie auf – und triumphierte. Am Kreuz hat Jesus den Machtmissbrauch und die Machtverherrlichung der Welt bloßgestellt und besiegt“62 – und


nicht nur diese Schuld, sondern alles, was wir Menschen nicht vergeben können. Das zu verstehen und anzunehmen ist die Lösung – genauer gesagt die einzige Lösung – für das Problem unserer gestörten Beziehung zu Gott. Wir brauchen nichts nötiger als Vergebung. In Jesus Christus bietet Gott sie uns an. Das ist gleichzeitig auch die Lösung für unser gegenseitiges Vergeben. Jesus Christus wurde einmal auf die Schwierigkeit angesprochen, die wir mit dem Vergeben haben. Die Frage lautete: „Wie oft muss man dem anderen vergeben?“ Wir halten diese Frage für berechtigt, weil wir empfinden, das Ertragen von Leid, das Zahlen des Preises der Vergebung muss doch eine Grenze haben. Wir wollen, dass sich die Sache für uns „rechnet“. Keinesfalls möchten wir derjenige sein, der „immer die Rechnung begleicht“, letztlich „draufzahlt“. Die Antwort von Jesus Christus ist so überraschend wie logisch. Er stellt die dem Mitmenschen gewährte Vergebung in Relation zur Vergebung Gottes, die dieser einfach aus seiner Gnade und Liebe heraus bezahlt und gewährt. Dann ist es lächerlich, überhaupt ein Maß für unsere gegenseitige Vergebung festlegen zu wollen. Anders ausgedrückt: Wem Gott vergeben hat, der weiß, was Vergebung ist und kann selbst dem anderen vergeben.63

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„VERGEBUNG KOSTET MICH ALLES“ Thomas und Claudia hatten am Anfang ihrer Ehe vor über 25 Jahren viele Konflikte. Ein entscheidender Grund, warum sie heute glücklicher denn je verheiratet sind, ist wahre Vergebung. Über die Jahre haben sie gelernt, was es heißt, dem anderen von Herzen zu vergeben. Als Seelsorger unterstützen sie andere Paare beim Aufbau einer tragfähigen Beziehung. Im Interview erzählen sie, was ihnen hilft, dem anderen zu vergeben, ob man wirklich alles vergeben muss und warum vergeben und vergessen nicht das Gleiche sind.

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WIE LANGE LIEGT EUER LETZTER STREIT ZURÜCK? WORUM GING ES DABEI? Thomas: Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht mehr. Weil wir sehr unterschiedlich sind, bewerten wir Dinge oft anders. Das fordert manchmal heraus, und früher haben wir uns deshalb oft gezofft. Aber das ist definitiv besser geworden. Claudia: Dass wir über etwas diskutiert haben, liegt eine Woche zurück. Die Frage ist, was genau Streit ist. Ich bin einfach ein Typ, der Dinge anspricht, wenn sie mich nerven. Thomas sitzt manches einfach aus oder wartet ab, wie sich etwas entwickelt.


WENN EINER VON EUCH EINEN FEHLER GEMACHT, EIN VERSPRECHEN NICHT GEHALTEN ODER DEN ANDEREN DURCH WORTE ODER TATEN VERLETZT ODER VERÄRGERT HAT – WIE REAGIERT IHR? Thomas: Im Laufe der Zeit wurde mir deutlich, wie oft ich schuldig geworden bin – indem ich schmollte, in meinem Stolz verletzt war oder schwieg. Heute ist mir klar, dass es wichtig ist, dass ich bewusst Vergebung suche. Claudia: Ich musste lernen, ruhiger zu werden, abzuwarten und dann Dinge zu klären.

ANGENOMMEN, IHR WURDET VERLETZT. IHR ERWARTET JETZT EINE ENTSCHULDIGUNG DES PARTNERS. DOCH ES PASSIERT NICHTS. WIE HANDELT IHR IN EINER SOLCHEN SITUATION? Claudia: Früher war ich sehr ungnädig und meinte, es sei mein Recht, wütend zu sein. Ich wartete darauf, dass Thomas kam und sich entschuldigte. Thomas: Man neigt dazu, „historisch“ zu werden. Damit meine ich, dass man sagt: „Du hast damals schon …“ oder „Du reagierst wie letztes Mal …“, „Das hast du schon hundert Mal gesagt …“ Mir hat geholfen, dass es Dinge gibt, wo ich einfach drüber wegsehen kann. Und dann gibt es aber auch Situationen, in denen es wichtig ist, dass ich den anderen darauf anspreche, denn sonst wird es so „historisch“. Dann holt man solche ungeklärten Situationen immer wieder hoch. Deshalb überlege ich, was meine Motivation ist, wenn ich Claudia auf etwas anspreche. Geht es um mein Recht oder will ich eine Sache zu Gottes Ehre klären,

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damit nichts mehr zwischen uns steht und Claudia daraus lernen kann?

WIE SPRECHT IHR VERLETZUNGEN IN WAHRHEIT UND LIEBE AN? Claudia: Ich frage mich: „Was will ich wirklich?“ Oft hilft es mir, mich erstmal abzureagieren und dann das Gespräch zu suchen. Mein Fokus ist: Dient es Thomas, bringt es ihn weiter?

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Thomas: Zunächst frage ich mich, ob die Verletzung so schwer ist, dass ich sie überhaupt ansprechen muss. Oder soll ich sie mit Liebe zudecken und die Sache nicht mehr auf den Tisch holen? Es ist dann vergeben. Wenn ich etwas anspreche, dann ist es entscheidend, dass ich daran denke, dass mein Gegenüber nicht so viel falsch gemacht hat wie ich gegenüber Gott. Jesus musste mir viel mehr vergeben, als ich dem anderen vergeben muss. Diese Perspektive macht mich liebevoller.

WAS IST DER UNTERSCHIED ZWISCHEN VERGESSEN UND VERGEBEN? Thomas: Vergebung ist etwas Aktives, vergessen etwas Passives. Wenn ich mir vornehme, etwas zu vergessen und doch jeden Tag daran denke, vergesse ich es nicht. Gott vergisst meine Sünde auch nicht. Er sagt in Jeremia 31,34, dass er an unsere Sünden nicht mehr denken wird. Gott entschließt sich, nicht mehr daran zu denken. Und so muss auch ich mich aktiv entscheiden, eine Sache nicht mehr hochzuholen. Claudia: Vergessen ist die einfachere Variante. Es ist schwerer zu


vergeben, weil das heißt, sich bewusst dafür zu entscheiden: Ich denke nicht mehr daran. Das ist viel schwieriger.

GIBT ES MERKMALE ECHTER ­B IBLISCHER VERGEBUNG? Thomas: Erstens, wie gesagt, heißt das, dass ich mich entscheide, nicht mehr darüber nachzudenken. Zweitens heißt echte Vergebung, dass ich es dem anderen nicht mehr vorhalte, auch wenn der andere diese Sache wieder tut. Drittens heißt biblische Vergebung, dass ich die Sache nicht anderen erzähle. Und das vierte Versprechen ist, dass ich daran arbeite, eine zerbrochene Beziehung wiederherzustellen. Vergebung heißt nicht „Schwamm drüber, lass uns nicht mehr drüber reden“. Es ist etwas Aktives. Das bedeutet Arbeit, weil man sich mit dem anderen auseinandersetzen muss und seine Sünde anspricht. Wir helfen uns gegenseitig, dass Veränderung stattfindet. Wenn ich derjenige bin, der einen Fehler gemacht hat, gehört zur Vergebung dazu, dass ich erkenne, wie weh ich dem anderen tat. Das zeigt sich dann in der Entschuldigung. Ich versuche alles, damit das nicht mehr vorkommt.

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MUSS ICH ALS CHRIST ALLES VERGEBEN? Thomas und Claudia: Ja. Thomas: Manches ist sicher schwieriger. Aber wenn ich wirklich frei sein möchte, dann muss ich vergeben. Es ist auch egal, ob der andere um Vergebung bittet. Ich darf die Sache Gott

MEHR ZUM VERGEBEN UNTER: HEUKELBACH.ORG/ VERGEWALTIGT-VERGEBEN


überlassen. Dazu fordert er mich auf. Aber ja, es ist extrem herausfordernd. Claudia: Aber wenn der Schuldige Vergebung einfordert, dann hat er wahre Vergebung nicht verstanden. Weil es um Gnade geht.

WIE KANN ICH VERGEBEN, WENN MEINE GEFÜHLE DAGEGENSPRECHEN; ICH VERLETZT, WÜTEND, GENERVT ODER ENTTÄUSCHT BIN? Claudia: Wenn ich Gott nicht hätte, wüsste ich nicht, wie es gehen sollte. Mit Jesus weiß ich: Er wird mir die Bereitschaft und die Gefühle dazu schenken.

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Thomas: Vergeben hat nichts mit Gefühlen zu tun. Wir denken, wenn wir Vergebung nicht fühlen, ist es Heuchelei, wenn ich dem anderen Vergebung zuspreche. Aber Heuchelei heißt: Ich sage: „Ich vergebe dir“, aber in meinem Herzen tue ich es nicht. Aber zu sagen „Ich vergebe dir“, auch wenn ich es nicht fühle, das ist eine Entscheidung. Weil ich durch Christus Vergebung erfahren habe, vergebe ich auch dem anderen. Gefühle schließen sich der Entscheidung an. Wichtig ist auch der Unterschied: Vergebung ist ein einmaliger Akt. Die Versöhnung ist ein Prozess, in dem Dinge oft auch geklärt werden müssen.

WIE SCHAFFT IHR ES, DEM ANDEREN FEHLER NICHT INNERLICH NACHZUTRAGEN – GERADE „LIEBLINGSMAROTTEN“, DIE NERVIG SIND? Thomas: Das ist ein Prozess. Man muss lernen, Dinge nicht wieder hochzuholen. Ich muss mich daran erinnern, dass ich anders


reagieren wollte. Das geschieht ganz bewusst und mit viel Liebe. Das ist ein bewusstes Zudecken der Fehler des anderen, weil ich weiß, dass er daran arbeitet. Claudia: Wenn ich die Lieblingssünden des anderen kenne, versuche ich, ihn zu unterstützen, damit diese Sachen gar nicht passieren. Ich will dem anderen eine Hilfe sein, damit er erkennt, dass sein Verhalten ihm und anderen schadet.

WAS KOSTET EUCH VERGEBUNG? Thomas: Manchmal alles. Je nachdem, wie schwer die Verletzungen sind (und das ist teilweise sehr subjektiv!). Es kostet mich meinen Stolz. Claudia: Mein Blick muss von mir weggehen, hin zu dem anderen.

GIBT ES ZU SCHNELLE VERGEBUNG? WIE ERKENNE ICH, DASS ICH BEREIT BIN ZU VERGEBEN? Thomas und Claudia: Die Bereitschaft zur Vergebung sollte immer da sein. Aber Vergebung zuzusprechen wäre vorschnell, wenn der andere noch gar nicht die Größe seiner Schuld verstanden hat.

HAT DIE SACHE MIT DEM VERGEBEN NICHT IRGENDWO GRENZEN? UNTREUE, ­PORNOGRAFIE, GEWALT … HABE ICH DA NICHT EIN RECHT, WÜTEND ZU SEIN? Thomas: Nein. Wir müssen unterscheiden zwischen Vergebung und den Konsequenzen des falschen Handelns, das man verge-

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ben muss. Zum Beispiel bei häuslicher Gewalt: Es ist völlig klar, dass das Opfer ausziehen muss, zum Eigenschutz. Das Handeln des Schuldigen hat manchmal auch rechtliche Konsequenzen – auch wenn ich vergebe.

WIE KANN NEUES VERTRAUEN ENTSTEHEN? Claudia: Das Schönste ist, wenn beide Seiten daran arbeiten. Mein Fokus sollte sein: Was dient dem anderen? Gebet und Zeit sind zwei wichtige Faktoren. Thomas: Das Bewusstsein, dass ich keinen Deut besser bin als der andere und das Wissen: Gott hat mir mehr vergeben, als ich dem anderen je vergeben kann und muss. Das macht mich demütiger, gnädiger und barmherziger.

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Claudia: Es hilft auch, wenn ich als Verletzter meine Erwartungen an den anderen zurückschraube. Dagegen erwarte ich alles von Christus. Er kann uns beide ändern. Die Bereitschaft zum Dienen hilft auch, dass neues Vertrauen entstehen kann.

WELCHE FOLGEN KANN ES HABEN, WENN EHEPAARE SICH NICHT VERGEBEN? KÖNNT IHR EIN BEISPIEL AUS EURER ARBEIT ALS SEELSORGER ERZÄHLEN? Thomas: Hier nicht, aber ich kann versichern, es gibt sehr schwierige und extrem traurige Situationen, in denen Lieblosigkeit und der Hass immer weiter zunehmen – sogar bis hin zu Mord- oder Suizidgedanken. Claudia: Oder man gibt auf, es kommt zur Scheidung, oder die


Ehe besteht nur noch wegen äußerer Zwänge. Eine reine Zweckgemeinschaft, mit zwei völlig isolierten Individuen, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Thomas: Vielleicht fährt man noch zusammen in Urlaub, aber weder im sexuellen noch im kommunikativen Bereich hat man noch Gemeinschaft. Es hat nichts mehr mit der Einheit zu tun, die Ehe eigentlich bedeutet.

WANN UND WO SOLLTE SICH EIN PAAR HILFE HOLEN? Claudia: Vor der Ehe! Thomas: Wer noch nicht verheiratet ist, sollte einen guten Ehekurs auf biblischer Basis machen. Dann hat man die Werkzeuge an der Hand, wenn Schwierigkeiten kommen – und die werden kommen. Während der Ehe sollte jedes Paar ein älteres Paar haben, das sie begleitet. Der Zeitpunkt für konkrete Seelsorge ist dann da, wenn man merkt, dass manche Dinge einen nicht loslassen, dass Konflikte nicht gelöst werden können. Claudia: Jedes Paar hat Probleme, jedes Paar ist auf einem Weg. Es hilft ungemein, wenn Ehepaare in eine christliche Gemeinde eingebunden sind. Diese Gemeinde sollte der Ort sein, wo einem geholfen wird.

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UND JETZT? Am Ende des Lesens stehen neue oder tiefer gehende Fragen und vor allem die Herausforderung, das, was man für wertvoll hielt, auch umzusetzen. Geht es Ihnen nach dieser Lektüre auch so?

WIR EMPFEHLEN ZU KAPITEL 1

• •

Lane, Timothy S., Tripp, Paul David: Beziehungen. Ein Weg zum geistlichen Wachstum. Waldems-Esch: 3L-Verlag, 2010. Tripp, Paul David: Eine Traumehe. Der perfekte Partner. Die kleine Seelsorgereihe, Band 9. Waldems-Esch: 3L-Verlag, 2012.

ZU KAPITEL 2 UND 4

• • • •

Hughes, R. Kent: Mann mit Profil. Das biblische Bild des Mannes. Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft, 2010. Hughes, Barbara : Frau mit Profil. Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft, 2010. Elliot, Elisabeth: Mann sein, Frau sein. Verschiedenartigkeit und Gleichberechtigung. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2012. McQuilkin, Robertson: Wenn Liebe hält, was sie verspricht. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018.

ZU KAPITEL 3

Keller, Timothy und Kathy: Ehe. Gottes Idee für das größte Versprechen des Lebens. Gießen: Brunnen Verlag, 2013.


Piper, John: Einfach himmlisch, was die Ehe über Gott zeigt. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2019.

ZU KAPITEL 5

• • • • •

Williams, Lara: Trennung oder Versöhnung. Waldems-Esch: 3LVerlag, 2014. Jones, Robert D.: Vergebung. Die kleine Seelsorgereihe, Band 8. Waldems-Esch: 3L-Verlag, 2010. Jones, Robert D.: Heilung nach Ehebruch. Die kleine Seelsorgereihe, Band 17. Waldems-Esch: 3L-Verlag, 2013. DVD: Fireproof. Gib deinen Partner nicht auf. Faith-Movies, 2008. DVD: Monica und Stefan Masi. Ja, ich will! 2018.

EHEKURS:

• •

Mack, Wayne A.: Lieblinge auf Lebenszeit. Aus der Ehe das Beste machen. Bielefeld: Christlicher Missions-Verlag, 2013. Mack, Wayne A.: Vorbereitung auf die Ehe. … damit sie ein Leben lang hält. Hünfeld: Christlicher Mediendienst, 2007.

Sehr gerne können Sie sich mit Fragen und konkreten Anliegen auch persönlich an uns wenden. Schreiben Sie uns eine Email an: Jaichwill@heukelbach.org Es ist uns ein ehrliches Anliegen, Sie zu ermutigen und nach unseren Möglichkeiten zu unterstützen. Dies ist nach der Kontaktaufnahme auch telefonisch möglich, wenn Sie das möchten. Zögern Sie nicht uns anzusprechen, denn: „Reden hilft“.


ENDNOTEN 1 monogam = die Einehe praktizierend, mit ausschließlich einem einzigen Partner. 2 Gemeint sind die Versuche, eine Gesellschaftsordnung zu etablieren, die nicht die (monogame) Ehe als Basis hat. Zitat aus: Keller, Timothy und Kathy: Ehe. Gottes Idee für das größte Versprechen des Lebens. Gießen: Brunnen Verlag, 2013, S. 258. 3 Pressemitteilung Nr. 251 vom 10.07.2018 (https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2018/07/PD18_251_12631. html, aufgerufen am 25.04.2019). Die Angabe bezog sich auf 2017 mit 153.500 amtlich registrierten Ehescheidungen. Der Rückgang betrug gegenüber dem Vorjahr 5,5 %: Niedrigere Scheidungszahlen hatte es zuletzt 1992 gegeben. Weitere statistische Daten, auch die der nachfolgenden Fußnote, von: https://www.genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabellen/12631* 4 Genauer, sie stieg sogar leicht an – von 389.591 im Jahr 2001 bis auf 400.115 im Jahr 2015. 5 Keller: Ehe, S. 42. 6 Ebd., S. 24. 7 Rougemont, Denis de: Die Liebe und das Abendland, zitiert nach: Keller: Ehe, S. 38. 8 Vgl. die Bibel: 1. Mose 1,27. Die wörtlichen Zitate sind sämtlich der Schlachter 2000-Übersetzung entnommen. 9 Vgl. die Bibel: 1. Mose 16,1–6; 1. Mose 30,1–24 u. a. 10 Vgl. die Bibel: Johannes 4,7 und 27 oder auch Lukas 10,38–42. 11 Vgl. die Bibel: Markus 16,9. 12 Keller: Ehe, S. 17. 13 https://www.faz.net/aktuell/politik/ inland/gender-studies-genderforschungauch-in-der-biologie-13603216.html, aufgerufen am 12.06.2019. 14 https://www.faz.net/aktuell/politik/ inland/gender-studies-genderforschungauch-in-der-biologie-13603216-p2.html, aufgerufen am 12.06.2019. Vgl. auch: Bri-

zendine, Louann: Das weibliche Gehirn. Warum Frauen anders sind als Männer. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2013. 15 Pease, Allen und Barbara: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Berlin: Ullstein, 2002, S. 64. 16 So bezeichnet in: Nöllke, Matthias: Small Talk. Die besten Themen: Das Ideen-Buch für Fortgeschrittene. Freiburg, Berlin, München: Haufe-Lexware, 2006, S. 85. 17 Vgl. Baron-Cohen, Simon: The Essential Difference. Male and Female Brains and the Truth about Autism. New York: Basic Books, 2003, Kapitel 1, 4 und 6. 18 Vgl. Maier, Ernst G.: Ehe nach Gottes Plan. Lichtenstein-Unterhausen: Biblischer Missionsdienst, überarb. Aufl. 2007, S. 30–33. 19 Pease: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, S. 71. 20 Nöllke: Small Talk, S. 79. 21 Pease: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, S. 51. 22 Maier: Ehe nach Gottes Plan, S. 30. 23 Ebd., S. 32–33. 24 Pease: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, S. 213. 25 Ebd., S. 20. 26 Zum Beispiel: Die Bibel: Psalm 33,20 und 70,6 sowie 115,9–11. 27 Vgl. Die Bibel: 1. Mose 2,20b: die ihm entspricht. 28 Vgl. Die Bibel: 1. Mose 2,23. 29 Was nicht heißen soll, dass zwingend jede Einzelperson nur als verheirateter Mensch zur wahren, gottgeschenkten Erfüllung kommen kann. Eindeutig nicht: vgl. Die Bibel: 1. Korinther 7,38. Aber doch ist die Ehe der Regelfall und die biblische Grundlage für die Fortpflanzung der Menschheit. 30 Dieses „anhängen“ ist ein sehr starkes Wort. Man kann es auch mit „fest“,


„untrennbar aneinanderkleben“ wie „organisch verwachsen“ übersetzen.

Seminar Pforzheim, MBS-Texte 145, 7. Jahrgang 2010, S.7.

31 Strauch, Alexander: Die Revolution der Geschlechter. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2001, S. 13.

44 Das wird besonders in 1. Korinther 6,15ff deutlich, wo dieser Vers im Neuen Testament zitiert wird.

32 Vgl. dazu auch: Die Bibel: Epheser 5,31.

45 Johnson: Warum ist Sex etwas Besonderes? S.7.

33 Wobei sich auch beim Thema Ehelosigkeit beweist, wie grundsätzlich kulturunabhängig die biblischen Aussagen sind. Während es zur Zeit des Neuen Testaments und weit darüber hinaus als Makel galt, wenn jemand ein Leben lang unverheiratet blieb, beschreibt Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther, Kapitel 7, ausdrücklich die Vorteile der Ehelosigkeit für bestimmte Personen, ohne daraus einen Zwang zur Ehelosigkeit abzuleiten. 34 Dieser Vers ist von so grundsätzlicher Bedeutung, dass er noch dreimal im Neuen Testament zitiert wird: Matthäus 19,5; Markus 10,8; Epheser 5,31.

46 Vgl. die Ausführungen in: Die Bibel: 1. Korinther 6,16–18. 47 Vgl. für den gesamten Abschnitt: Keller: Ehe, S. 228–240. 48 Vgl. Strauch: Die Revolution der Geschlechter, S. 13. 49 Keller: Ehe, S. 185. 50 Lewis, C. S.: Gott auf der Anklagebank. Gießen, Basel: Brunnen Verlag 2005, S. 106. 51 Vgl. Die Bibel: 1. Timotheus 3,4; 5,8. 52 Vgl. Die Bibel: Epheser 5,32.

35 Der griechische Text des Neuen Testaments in 1. Timotheus 3,2 und 12 und Titus 1,6 betont dieses nochmals besonders. Wörtlich heißt es dort: „eine einzige Frau-Mann“, „Mann einer einzigen Frau“.

53 Zitiert bei Keller: Ehe, S. 35–36.

36 Polygamie, Mehrehe oder Vielehe: mehr als zwei Personen, die eine Ehe schließen.

56 Vgl. Die Bibel: 1. Korinther 13,5.

37 Das Modell „Geliebte“ oder „Geliebter“, in neuerer Zeit die „offene Beziehung“. 38 Prostitution = Ausübung von Sexualität auf Basis von Entlohnung. 39 Beispielsweise: Die Bibel: 1. Mose: 24, 2–61; 25, 34–35; 27,46 oder in 1. Korinther: 7,1–9; 7,25–38 usw. 40 Vgl. Die Bibel: Hohelied 2,7; 3,4; 8,5. 41 Ein biblisches Beispiel ist in 1. Samuel 1,2–10 nachzulesen. 42 Wie wenig ratsam eine andere Quote ist, zeigt die Bibel am Beispiel Jakobs auf. Er wird zum Spielball seiner beiden Frauen, ihrer gemeinsamen Absprachen und auch ihres unschönen Konkurrenzkampfes (1. Mose 30,1–24). 43 Johnson, Thomas K.: Warum ist Sex etwas Besonderes? Institut für Lebens- und Familienwissenschaften am Martin Buber

54 Vgl. Die Bibel: Philipper 2,3. 55 Vgl. Die Bibel: Römer 15,2 und Philipper 2,20.

57 Vgl. Die Bibel: 1. Mose 1,27. 58 U. a. nachzulesen: Die Bibel: Jesaja 9,6; Johannes 1,1 und 14; Kolosser 2,9; Hebräer 1,1–3; Offenbarung 22,13. 59 Vgl. Die Bibel: Philipper 2,5–8. 60 Keller: Ehe, S.19. 61 Der Bibeltext lautet: „Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den obersten Priestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert werden; und sie werden ihn zum Tode verurteilen und ihn den Heiden ausliefern; und sie werden ihn verspotten und geißeln und anspucken und ihn töten; und am dritten Tag wird er wiederauferstehen.“ (Markus 10,33–34). 62 Keller, Timothy: Jesus. Seine Geschichte – unsere Geschichte. Gießen: Brunnen Verlag, S.115 und 117. 63 Lesen Sie diese Geschichte doch einmal in der Bibel nach: Matthäus 18,21–35.


EHE

Als Mann und Frau ein Leben lang zusammen in der Ehe – das kann wie schwindelerregende Höhen erklimmen sein, aber auch tiefe Täler durchziehen bedeuten. Ehe verlangt große Investitionsbereitschaft und stellt gleichzeitig fantastische Erträge in Aussicht. Ehe – das ist Gottes genialer und vollkommen­ er Entwurf für uns Menschen und dabei auch eine dringliche Aufforderung, bei ihm Hilfe zu suchen.

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