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Nachhaltige Quartiere Thesen f端r eine nachhaltige Quartiersentwicklung


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

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Nachhaltige Entwicklung ist hauptsächlich ein Wandlungsprozess, in dem Ressourcennutzung, Investitionsziele, Technologieentwicklung und institutionelle Veränderung zusammenwirken, um die momentanen und zukünftigen Möglichkeiten zu verbessern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Definition Nachhaltige Entwicklung Brundtland-Bericht von 1987


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Diese Arbeit entstand im Rahmen meiner Masterthesis im Wintersemester 2010|2011. Sie wurde selbstständig und ausschlieĂ&#x;lich unter Verwendung der genannten Quellen und des eigenen Wissens erstellt.


Nachhaltige Quartiere Thesen f端r eine nachhaltige Quartiersentwicklung

Eine Betrachtung am Beispiel des Gebietes Neuhegi | Winterthur | CH Masterthesis Architektur |

Sonja Moser


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Inhaltsverzeichnis

1

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Kapitel

Kapitel

Aufh채nger | Die 2000-Watt-Gesellschaft

Beispiele | Innovative Quartiere

Vorwort

7

1.1. Erl채uterung

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2.1. Vauban | D - Freiburg 

22

Aufgabenstellung

8

1.2. Perspektiven

15

2.2. Dreispitz | CH - Basel

25

Abstract

9

1.3. Pro und Contra 

17

2.3. HafenCity | D - Hamburg 29

1.4. Relevanz f체r Stadtplanung 19

2.4. Fazit der Gebietsanalysen 34


Kapitel

3

Kapitel

4

Analyse | Nachhaltige Quartiersentwicklung

Projekt | Winterthur Neuhegi

3.1. Untersuchung von Instrumen- tarien und Richtlinien  38

4.1. Stadt Winterthur

58

Quellenverzeichnis

65

4.2. Gebiet Neuhegi

59

Abbildungsverzeichnis

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Danke

70

3.2. Faktoren einer nachhaltigen Quartiersentwicklung 41

4.3 Lösungsansätze Quartier Neuhegi 

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3.3. Thesen für eine nachhaltige Quartiersplanung 52 7


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

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Vorwort Im Hinblick auf das stetig schrumpfende Neubauvolumen an Gebäuden und mit dem Wissen und den bestehenden technischen Möglichkeiten, um in eine erneuerbare Zukunft zu steuern, ist es erschreckend, wie wenig Wert immer noch auf energetische und ökologische Aspekte beim Planen gelegt wird. Und das, obwohl wir doch alle wissen, dass fossile Energien endlich sind, die Preise dafür seit geraumer Zeit steigen, Treibhausgase für den Klimawandel verantwortlich sind und wir auf Kosten unserer Nachkommen wirtschaften. Seminare wie „welt|weit|wohnen“, „Globalisierung für Architekten“ und „Nachhaltige Stadtentwicklung“, die ich während meines Masterstudiums besucht habe, haben großes Interesse in mir geweckt und mich zu der Überzeugung gebracht, dass bei der Neuplanung von Gebäuden verschärfte Regeln für den Energieverbrauch und die Nachhaltigkeit gelten sollten. Aber auch, dass dies nicht an der Grundstücksgrenze beginnen kann und wesentliche Planungsschritte bereits vorab notwendig sind. Ganze Quartiere sind hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit zu prüfen und die richtigen Schritte

einzuleiten. Stets gesehen auf eine sehr lange Zeitspanne und sich verändernde Bedingungen, Ansprüche und Notwendigkeiten. Architektur kann nicht beim Entwurf eines Gebäudes auf dem Transparentpapier beginnen. Dazu ist die soziale Verantwortung zu groß und die Ergebnisse haften zu lange kaum veränderbar im Landschaftsbild und Gefüge einer Stadt. Auch wenn aus einem sehr fokussierten Blickwinkel gehandelt wird, darf der Blick auf das gesamte Gefüge nicht verloren gehen. Eine verantwortliche Haltung und die genaue Betrachtung der Begebenheiten mit Wissen um Vergangenes und Zukunft sind notwendig. Architekt zu sein bedeutet, sich seiner Verantwortung bewusst zu sein.

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Aufgabenstellung Können die Vorstellungen der 2000-Watt-Gesellschft bereits auf Quartiersebene angegangen, Leitlinien gelegt, Visionen verwirklicht werden? Was muss über eine energetische Betrachtung hinaus bedacht werden? Welche Faktoren gilt es zu betrachten? Wie machen es bereits geplante Quartiere vor? Was kann auf Winterthur angewandt werden? Wie könnte die Zukunft des Gebiets Neuhegi aussehen?

Dieser Fragenkatalog enthält die wichtigsten Themen meiner Arbeit. Manche Fragen und Gedanken konnte ich recht früh formulieren, andere formten sich erst durch den tiefer werdenden Einblick in die Thematik und das wachsende Wissen und Gespür. Die Problematik scheint schier unerschöpflich, da viele Grenzen gar nicht gesetzt werden können und es keine absoluten Antworten gibt. Die Aktualität zeigte sich mir deutlich, da es jeden Monat neue Publikationen von unterschiedlichen Stellen mit jeweils differenziertem Fokus gab. Auch nach vier Monaten Bearbeitungszeit ist mir das Thema nicht leid geworden, sondern hat vielmehr ein bisher kaum gekanntes Interesse in mir geweckt. 10


Abstract Diese schriftliche Arbeit enthält den theoretischen Grundlagenteil der Masterarbeit zum Thema „Nachhaltige Quartiere – eine Betrachtung am Beispiel des Gebietes Neuhegi | Winterthur | CH“. Das erste Kapitel widmet sich als Aufhänger der energiepolitischen Idee der 2000-WattGesellschaft, die eine wachsende Popularität genießt und ein zukunftsträchtiges Modell zu sein scheint, um in eine nachhaltig geprägte Zukunft zu steuern. Nach einer Einführung in die Ideen und Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft wird anhand zweier Einschätzungen die Machbarkeit und die dafür erforderliche Zeitspanne kritisch betrachtet. Diese Perspektiven entstammen unterschiedlichen Betrachtern und bieten daher bereits erkennbare Anzeichen der darauffolgenden kritischen Auseinandersetzung als Für und Wider dieses Themas. Viele Leitgedanken der 2000-Watt-Gesellschaft können eine Grundlage für die Entwicklung nachhaltiger Quartiere darstellen, es zeigt sich aber, dass die bisherige Ausformulierung für die nachhaltige Stadtplanung von keiner großen Relevanz sein kann, da sie keine ganzheitliche und somit nachhaltige Entwicklung im Blick hat.

Im zweiten Kapitel werden Beispielsquartiere betrachtet, die als nachhaltig gehandelt werden oder sich selbst so bezeichnen. Vauban in Freiburg, Dreispitz in Basel und HafenCity in Hamburg sind sehr unterschiedliche Projekte, vom Schwerpunkt wie auch vom Realisierungsstand her. Dadurch lassen sich viele verschiedene Aspekte ableiten und projektzeitlich differenzierte Besonderheiten erkennen. Die Analysestruktur baut auf den Teilaspekten der Nachhaltigkeit auf und schließt mit der Benennung von Negativaspekten, die Schwerpunkte und Mangelseiten des Projekts aufzeigen. Aus der Betrachtung lassen sich viele Faktoren feststellen, die für eine nachhaltige Quartiersentwicklung notwendig sind. Zusammen mit den individuellen Anforderungen und Potenzialen eines jeweiligen Gebietes können diese zielführend sein. Der dritte Teil thematisiert eben diese Faktoren, die sich zu einer ganzheitlichen Entwicklung zusammenfügen müssen. Unterschiedliche Organisationen beschäftigen sich bereits mit diesen Kriterien. Eine Betrachtung dieser Richtlinien fügt sich mit dem vorangegangenen Kapitel zur Ausarbeitung der einzelnen relevanten Faktoren in den vier für die Quartiersentwick-

lung wichtigen Bereichen der Nachhaltigkeit zusammen. Ökologie, Ökonomie und Soziokultur sind die bekannten drei Säulen der Nachhaltigkeit. Bei Quartieren scheint es wichtig, diese um den Schwerpunkt der Infrastruktur zu erweitern. Aus den resultierenden Punkten ergeben sich aspektübergreifende Schnittstellen von besonderer Wichtigkeit. Diese sind die Schlüsselelemente für die Planung. Als Thesen für eine nachhaltige Quartiersplanung bilden sie die Aussage der Theoriearbeit und damit die Grundlage für das folgende Projekt. Dieses befindet sich, wie in Kapitel vier erläutert wird, in Winterthur in der Schweiz und ist eine teilweise Brachfläche mit bisher ausschließlich industrieller Nutzung. Der Industriestandort soll beibehalten werden, aber zudem wird die Vision eines zentrumsähnlichen Stadtgefüges verfolgt, dass einen lebendigen zweiten Pol in Winterthur entstehen lassen und Raum für viele unterschiedliche Menschen und Nutzungen bieten soll. Einige Lösungsansätze werden bereits angegangen, weitere müssen folgen. Mit der Formulierung dieser und der Ausgestaltung des Quartiers beschäftigt sich die anschließende praktische Arbeit. 11


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

1. Aufh채nger | Die 2000-Watt-Gesellschaft

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Aufhänger | Die 2000-Watt-Gesellschaft

Inhalt Kapitel 1 1.1. Erläuterung  1.2. Perspektiven Novatlantis Energieperspektive 2050 der Umweltorganisationen 1.3. Pro und Contra  1.4. Relevanz für Stadtplanung

12 15 15 16 17 19

Die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft bietet einen möglichen Lösungsansatz im Kampf gegen Klimaproblematik, Ressourcenverbrauch und soziale Ungerechtigkeit. Was sie beinhaltet, welche Punkte sie berücksichtigt und wie sie das Thema Bauen und Wohnen aufgreift, wird im folgendem Kapitel dargestellt. Mögliche Ausblicke werden aufgezeigt. Die Entwicklung und die Sichtweise werden kritisch hinterfragt. Es stellt sich schließlich die Frage, inwieweit die Vorstellungen der 2000-Watt-Gesellschaft bereits auf stadtplanerische Fragestellungen eingehen können.

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1.1. Erläuterung Ein Mensch verbraucht etwa 17.500 Kilowattstunden Primärenergie pro Jahr - dies entspricht 1750 Litern Erdöl oder einer kontinuierlichen Leistung von 2000 Watt. Jedoch handelt es sich hierbei um das globale Mittel und es gibt große Missverhältnisse im Vergleich verschiedener Länder. Ein Bürger der Schweiz verbraucht hingegen über 6300 Watt und stößt damit rund 9 Tonnen CO2-Äquivalente aus. (Website Novatlantis, Leichter Leben 7/2010: 2 ff)

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Abb. 3: Energieverbrauch im globalen Vergleich

Dass dies weder im Sinne der Umwelt, noch einer sozialen Gerechtigkeit sein kann, ist offensichtlich. Doch auch wirtschaftlich wird es enorme Konsequenzen zu tragen geben. Krisengefahr, der Kampf um Rohstoffe, Unsicherheit, Umbrüche, Armut, Hunger. «Der ökologische Fußabdruck der Menschheit übersteigt bereits seit mehr als 30 Jahren das Regenerationsvermögen unseres Planeten.» (Dr. Fritz Schiesser, Website Novatlantis, Leichter Leben 7/2010: 4) Wir sind auf dem besten Weg, unsere Erde

Quelle: Website Novatlantis

herunterzuwirtschaften. Und über kurz oder ein wenig länger fällt das auch auf unsere industrialisierten reichen Staaten zurück. An der ETH in Zürich wurde ein energiepolitisches Modell entwickelt – die 2000-WattGesellschaft. Im Rahmen des Programms Novatlantis laufen Resultate der Forschung an der ETH, weiterer Institute, Industrieunternehmen und Pilotregionen zu dieser Vision zusammen. Das Vorhaben der 2000-Watt-Gesellschaft ist es, einen nachhaltigen Umgang mit der Ressource Natur und global gesehen, eine gerechte Verteilung der Rohstoffreserven zu gewährleisten. Industrialisierte Länder, die weit mehr als ihren Anteil verbrauchen, sollen mithilfe von Technologien effizienter und sparsamer wirtschaften und auf regenerative Energien zunehmend umstellen. Den Entwicklungsländern soll somit die Chance gegeben werden, sich zu entwickeln, denn nachgewiesenermaßen hängt der Energieverbrauch mit dem Human Development Index zusammen (Website Paul Scherrer Institut, Energie-Spiegel 04/2007: 2). Nicht nur westlichen Ländern soll diese erreichte Lebensqualität auf Kosten aller zur Verfügung stehen. Zielführend soll hierbei ein Absenken des Ener-


Aufhänger | Die 2000-Watt-Gesellschaft

gieverbrauchs auf 2000 Watt sein, zurück auf den Energielevel von 1960, dem Anfang des Wirtschaftswachstums und zwar bestehend aus 1500 Watt regenerativer und 500 Watt fossiler Energie. Klar definiertes Ziel ist es, die Klimaerwärmung zu stoppen und bis 2150 bei der maximalen Empfehlung des Weltklimarates von +2°C zu stabilisieren. Es soll nicht weiter auf Kosten der nachfolgenden Generationen gelebt werden, sondern ein nachhaltiges Handeln eintreten. Dabei soll es aber zu keiner Minderung der Lebensqualität kommen, sondern im Gegenteil, es wird sogar prognostiziert, dass Komfort, Sicherheit und das Einkommen steigen. Als Leitvision ist die 2000-Watt-Gesellschaft in der schweizweiten Klima- und Energiepolitik sehr anerkannt. In anderen Ländern Europas kommt sie ebenfalls an, beispielsweise in Österreich und Deutschland. Auch hier gibt es erste Projekte. Sogar in Nordamerika und China wird das Wissen von Novatlantis nachgefragt (Website Novatlantis, Leichter Leben 7/2010: 2). Der personenbezogene Energieverbrauch wird aufgeteilt in fünf Konsumbereiche, bestehend aus Wohnen, Mobilität, Ernährung, Konsum und Infrastruktur. Die letzten drei davon

müssten jeweils auf etwa ein Drittel des bisherigen Verbrauchs gesenkt werden, Wohnen und Mobilität sogar auf knapp ein Viertel, dann beliefe sich der Verbrauch auf etwa 2000 Watt. Dies zeigt die große Notwendigkeit auf, die nur durch eine frühzeitige und ganzheitliche Planung erzielt werde kann. Es gilt «[…]Energieträger intelligenter zu er-

zeugen und sie im Alltag, in industriellen Prozessen und bei der Bereitstellung öffentlicher Infrastrukturen effizienter zu nutzen.» (Website Novatlantis, Leichter Leben 7/2010: 8) Die Umwandlung von Primärenergie in die eigentliche Endenergie, die wir verbrauchen und die Nutzenergie, die wir als eigentliches Produkt erhalten, verläuft mit so vielen Verlusten, dass schon

Abb. 4: Die Schweiz auf dem 2000-Watt-Pfad

Quelle: Website Novatlantis

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allein hier durch eine Effizienzsteigerung viel zu erreichen ist. Mindestens 47% des Energieverbrauchs und 50% der verbrauchten fossilen Energien der Schweiz werden für das Bauen und den Betrieb von Gebäuden benötigt. Das Sparpotenzial ist vorhanden und mit heutigen Technologien ist bereits vieles lösbar. Forscher bestätigen ein Einsparpotenzial im Bereich Gebäude und Personenwagen von 50% bis 90%. Die Faktoren Raumwärme, Warmwasser und Beleuchtung sind große Stellschrauben. Das Label Minergie greift im Gebäudesektor bereits und hat auch die gesetzlichen Vorschriften und Mindestanforderungen für Bauten gesteigert, bisher sind jedoch erst 1% aller schweizer Gebäude zertifiziert (Kurz, Gugerli 2010: 7f). Während Minergie und Minergie-P sich nur auf die Aspekte der Betriebsenergie beschränken, so beinhalten Minergie-P-Eco und neuerdings Minergie-A zusätzlich die Betrachtung der grauen Energie, der Systemtrennung und der Materialität, Minergie-A senkt die Betriebsenergie im Mittel sogar auf Null und bestimmt zudem auch die Effizienzklasse der Haushaltsgeräte. Mit drei verschiedenen Modellen soll der Energiebedarf rund um das Jahr selbst gedeckt werden können (Website Schweizerische

Energie-Stiftung 3/2010: 9; Website Minergie: Minergie-A; Webseite Novatlantis, Leichter Leben 7/2010: 8). Der Neubau wird zum kleinen Kraftwerk. Bezogen auf das Gesamtvolumen aller Gebäude ist dieser Bereich jedoch nur ein sehr kleiner. Deshalb ist es gerade wichtig, den Altbau zu sanieren und auf ein sinnvolles Energieniveau zu bringen. Um einen Effekt zu erzielen, muss die Erneuerungsrate stark erhöht werden. Sonne, Wasserkraft, Wind, Geothermie und Biomasse sind wichtige Energiequellen für die zukünftig vor allem regenerative Versorgung. Ihre Entwicklung und Nutzung hat begonnen, Effizienzsteigerung und Optimierung können zur Substitution der fossilen Energie führen (Website Novatlantis Leichter Leben 7/2010: 14). Es geht aber nicht einzig darum, den Energieverbrauch zu senken, sondern auch den CO2-Ausstoß auf eine Tonne pro Person und Jahr zu reduzieren. Dies ist kein Widerspruch der beiden Bewegungen 2000-WattGesellschaft und 1-Tonne-CO2-Gesellschaft, vielmehr hat erstere den wichtigen Gedanken der Senkung der Treibhausgasemissionen in die Zielverfolgung mit aufgenommen, wobei 500 Watt fossiler Energie einer Tonne CO2-

Äquivalenten entsprechen. Der Bau- und Immobiliensektor wird also zu einer Schlüsselrolle im Kampf um das Erreichen der 2000 Watt Marke und er ist das aktuellste Thema. Denn die Technologien sind bereits vorhanden, die Potenziale groß und zu überschaubaren Kosten finanzierbar. Aber auch die anderen Bereiche, gerade der, der Mobilität, müssen ausgebaut und weiter erforscht und entwickelt werden. Nur so ist die Vision zu erreichen. Innovationen im Bereich Technik und Design, aber gleichzeitig auch in der Gestaltung politisch-gesellschaftlicher Strukturen müssen zur gleichen Zeit am gleichen Strang ziehen, um eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleiten.


Aufhänger | Die 2000-Watt-Gesellschaft

1.2. Perspektiven Novatlantis Bis 2020 soll der Verbrauch fossiler Energien in der Schweiz um 20% gesenkt werden. Damit kann ein erster Beitrag gegen die Klimaerwärmung durch Förderung erneuerbarer Energien und Verbesserung der Energieeffizienz geleistet und die Abhängigkeit gegen außen verringert werden. Ein Mittel dazu wird das Gebäudesanierungsprogramm sein, welches hauptsächlich durch die CO2-Abgabe finanziert werden soll. Es wird eine geringe Stromverbrauchssteigerung geben, aber 50%

der Produktion soll aus erneuerbaren Quellen stammen. Bis 2050 ist eine Reduktion auf 3500 Watt und zwei Tonnen CO2 geplant. Forscher sehen es bis 2050 sogar technisch realisierbar, bereits die Zielvorstellungen zu erreichen. Konsum- und Nutzerverhalten müssten dafür stark angepasst werden, die Infrastruktur müsste wesentlich energieeffizienter werden und neue Technologien entwickelt und angewandt werden. Zur nächsten Jahrhundertwende sollen dann nur noch 2500 Watt verbraucht werden, bei bereits stark gesenkter Energiebereitstellung

Abb. 5: Zielwerte an Energie und CO2 pro Kopf

Abb. 6: Entwicklung Wärmebedarf von Neubauten

Quelle: TEC21 3/2010

Quelle: TEC21 3/2010

aus dem Ausland. 2150 wird momentan als Zieljahr gehandelt. Die Vision kann Realität werden. Kann dies ein Endziel sein? Ist nicht bereits abzusehen, dass es dieses Ziel gewiss noch anzupassen gilt? Die Brisanz des Themas wird zunehmen. Es muss die Aufmerksamkeit der Bürger erregt werden, Themenveranstaltungen klären auf, Kommunikation vergrößert Interesse und Wissen, Anreizsysteme fördern die Umsetzung. Die Veränderung schafft Zukunft, in vielerlei Hinsicht. Es gibt neue Chancen und Arbeitsplätze in anderen Sektoren. Der Erfolgsfaktor heißt Zusammenarbeit aller an der Planung Beteiligter mit Verwirklichung innovativer Konzepte. Die drei größten schweizer Städte Zürich, Basel, Genf und mehrere Gemeinden testen bereits in Leuchtturmprojekten mit nachhaltigen Gebäuden und emissionsarmen Mobilitätsstrukturen das Leben einer 2000-Watt-Gesellschaft. Diese Projekte testen die Umsetzbarkeit und fördern sowohl Interesse als auch Akzeptanz. Sie demonstrieren die Möglichkeiten und sind ein Praxislabor für die Nachhaltigkeitsforschung. Es sind die ersten Schritte einer Umsetzung, dessen langer Weg erst begonnen hat. (Webseite Novatlantis, Leichter Leben 7/2010: 3 - 17)

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

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Energieperspektive 2050 der Umweltorganisationen In der gleichnamigen Studie überprüft die Ellipson AG im Auftrag von vier schweizer Umweltorganisationen (Greenpeace Schweiz, Schweizerische Energiestiftung, Verkehrsclub der Schweiz und WWF Schweiz) was erreichbar wäre, wenn man mit der besten vorhandenen Technologie von 2004 und normalen Erneuerungszyklen, sowie einer schrittweisen Umstellung auf eine Stromversorgung aus erneuerbaren Energien rechnet. Fiktiver Startpunkt wäre das Jahr 2012 und bestimmte Annahmen begleiten die Kalkulation, wie beispielsweise Minergie-P als Gebäudestandard für Neubau und Sanierungen, Normen für elektrische Best-Geräte, Lenkungsabgabe auf alle Energieträger mit vollständiger Rückzahlung, zielgerichtete Einspeisevergütung von Strom, konsequenter Einsatz der Best-Technologie von 2004 bei jeder Investition. Dies ist eine sehr idealisierte Sichtweise und es werden in keinster Weise entstehende Technologien oder sich verändernde Rahmenbedingungen miteinbezogen. Trotzdem zeigt sie deutlich und greifbar auf, was momentan machbar wäre. Auch die Energieperspektive kommt zum Er-

gebnis, dass bis 2050 ein Absenken auf 3500 Watt möglich wäre, allerdings liegt der fossile Anteil immer noch bei etwa 70 %. Erfreulich ist, dass drei altersbedingt zu ersetzende Atomkraftwerke bis 2020 durch erneuerbare Quellen ersetzt werden können. Der Heizenergieverbrauch sinkt langsam aber kontinuierlich. Allerdings liegt der fossile Anteil aufgrund der langsamen Erneuerungsrate im Bestand und

Abb. 7: Verbrauchswert nach Bereichen

ohne technische Weiterentwicklung viel zu hoch. Freizeit- und Pendelverkehr verbrauchen enorm viel an fossiler und nicht-regenerativer Energie. Hier wird sich durch Effizienzsteigerung nur wenig machen lassen. Eine Raumordnungspolitik der kürzeren Wege, besseren Auslastung von Verkehrsmitteln und eine persönliche Verhaltensänderung sind notwendige Einflussnahmen.

Quelle: DETAIL Green 1/10


Aufhänger | Die 2000-Watt-Gesellschaft

Der Ansatz dieser Studie ist gewählt verhalten. Ein Zusatzbericht geht von weiteren Schritten in fünf Bereichen aus - technische Verbesserungen und zusätzliche Effizienzsteigerung, verbesserter Gebäudebestand durch forcierte Sanierungen, effizientere Transportmittel, Reduzierung der Kilometer Wegstrecken pro Kopf und intensiver Ausbau der erneuerbaren Energiequellen - die es ermöglichen könnten, schon bis zum Jahr 2050 die 2000-Watt-Marke zu erreichen. Eine Nachfragesteigerung oder sich ändernde Strukturen sind hier nicht miteinkalkuliert und es wird davon ausgegangen, dass alle Beteiligten immer aus der 2000-WattPerspektive heraus handeln. Äußerst spannend ist zudem die Erkenntnis der Studie, dass die erlaubten 500 Watt fossiler Primärenergie vollständig für die Mobilität verwendet werden müssen, wenn keine starke Einschränkung in diesem Bereich erfolgen soll. Das bedeutet für die anderen Bereiche, worunter auch Wohnen und Bauen fallen, dass sie vollständig regenerativ umgesetzt werden müssen. (Website Schweizerische Energie-Stiftung, Wegweiser in die 2000-Watt-Gesellschaft, 04/2006: 4 ff)

1.3. Pro und Contra Die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft ist in aller Munde. Schon für diese Popularität gebührt den Initiatoren Respekt. Denn obwohl die Umwelt- und Klimaproblematik bei allen Menschen ankommen sein sollte, so trifft es Peter Sloterdijk ganz richtig, wenn er sagt: «Wir haben unser ‹Recht, Dinge zu verschwenden› internalisiert und betrachten dies als festen Kern der Menschenrechte. In dieser Beziehung wird ein erhebliches Umlernen in unseren Alltagsgewohnheiten einsetzen müssen […]» (Peter Sloterdijk, DETAIL Green 1/2010: 3) Das dieses Umlernen langsam vonstatten geht, liegt offenbar in der Natur des Menschen. Wissenschaft und Politik können und vor allem müssen den aufklärenden und richtungsweisenden Teil übernehmen, aber das Thema muss auch auf Menschen mit offenen Ohren und Augen stoßen, die es annehmen und weitertragen. Genau das ist bei der 2000-WattBewegung geschehen. Verschiedene Institute, darunter vor allem die ETH und Unternehmen forschen und tragen Informationen zusammen. Dieser Wissenspool entsteht auch durch Leuchtturmprojekte, wie Gebäude und ganze Quartiere, in denen die Praxis des Lebens mit

erhöhten Anforderungen an den Energieverbrauch getestet und überprüft werden und in Pilotregionen, die sich als ganze Städte zu einem Umdenken verpflichten. Der Anklang, den dieses Modell in der Schweiz gefunden hat, ist breit und wird sich noch erweitern. Dies liegt sicherlich am großen Informationsfluss, der klaren Zielsetzung und an der Vorstellbarkeit der Werte. Das Thema wird nicht abstrakt in der Möglichkeitsform des Konjunktivs - könnte, sollte, müsste - behandelt, sondern gibt einen klaren Zielkurs voraus. Das Interesse, nicht nur in der Schweiz, ist groß und der Wille dazu scheint gegeben. Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch auch einiges zu hinterfragen. So zeigen zwar die Berichte von Novatlantis von Juli 2010 den ansteigenden Primärenergiebedarf auf bereits 6.500 Watt (Website Novatlantis, Leichter Leben 07/2010: 2) im Vergleich zu der Zahl von Januar 2005 von 5000 Watt (Website Novatlantis, Leichter leben 01/2005: 3), doch vergleicht man das mit der Aussage des Paul Scherrer Instituts in ihrem Energie-Spiegel vom April 2007 (Website Paul Scherrer Institut, Energie-Spiegel 04/2007: 1f), so wird offensichtlich, dass die Berücksichtigung der Grauen Energie,

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die laut des Instituts noch einmal knapp 80 % zusätzlich, also 4000 Watt ausmacht, in der Vorstellung der 2000-Watt-Gesellschaft gar nicht bedacht wird. Das wirft Fragen auf und lässt die Vision ein wenig zur Kampagne verkommen und die vollständige Aufklärung vermissen. Auch beim angestrebten ‹Zieljahr› gibt es unterschiedliche Aussagen. Forscher bestätigen eine theoretisch mögliche Umsetzung bis ins Jahr 2050, alle Betrachtungen beziehen sich aber auf 2150 als ‹Endziel›. Die Energieperspektive der Ellipson AG (Website 2000Watt-Gesellschaft, Energieperspektive 2050, 04/2006: 33), die zugegebenermaßen mit angenommenen optimierten Verhältnissen und lediglich der besten vorhandenen Technologie von 2004 kalkuliert, zweifelt die Erreichung gar an. Und wenn der Zielhorizont schon so weit gespannt ist, frägt man sich zum Einen, warum nicht gleich eine emissionsfreie Versorgung aus nur regenerativen Quellen angestrebt wird und dafür, vielleicht ein wenig der Philosophie Norwegens folgend, das Limit nicht bei 2000 Watt setzt, sondern darauf bedacht ist, ohne fossile Energieträger auszukommen. Und zum Anderen, ob dieses quasi persönliche Kontingent die Lösung sein kann, wenn die Weltbe-

völkerung in nicht vorhersehbarem Ausmaß wächst, also in der Gesamtsumme der Energieverbrauch drastisch steigen wird und gerade die Entwicklungsländer auf fossile Energieträger angewiesen sein werden. Oder handelt es sich nur um ein Demonstrationsmodell der elitären Weltspitze, die, egal wie die Zukunft sich formt, sowieso die besten Technologien und die meisten Möglichkeiten den Problemen entgegenstellen kann? Es fällt auch auf, dass das Hauptaugenmerk nur auf ökologischen Faktoren beruht: Verbrauch senken, Effizienz steigern, CO2-Ausstoß mindern. Dabei werden viele Punkte für eine nachhaltige Entwicklung gar nicht angeschnitten. Die Werte sollen verbessert werden aber zu welchem Preis? Es sollen ein mindestens gleichbleibender Standard und eine gleichbleibende Qualität sichergestellt sein, aber wie ist das zu vereinen? Der Standard in unserer Gesellschaft ist doch ein stetiges Wachstum an Möglichkeiten, Individualität, Konsum, Mobilität, Wohnfläche. Wie kann die Vision mit der Realität in Einklang gebracht werden? Die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft allein reichen nicht aus, es bedarf vielmehr einer Betrachtung weiterreichender Kreisläufe und aller

Punkte der Nachhaltigkeit. Und es wird nicht nur Gewinn bedeuten, sondern auch Verzicht und Verhaltensänderung.


Aufhänger | Die 2000-Watt-Gesellschaft

1.4. Relevanz für Stadtplanung «Nirgends sind die Voraussetzungen besser als in den Städten, wenn wir die Ziele der 2000Watt-Gesellschaft erreichen wollen. Kurze Wege und eine vergleichsweise dichte Bebauung mit großzügigen Grünflächen zum Ausgleich erlauben den Menschen auch mit wenig(er) Energie und Landverbrauch ein gutes Leben zu führen.» (Corine Mauch, Website Novatlantis, Leichter Leben 7/2010: 23) Auch wenn die Maxime der 2000-Watt-Gesellschaft nicht explizit auf Städte ausgelegt sind, so zeigt die Aussage von Corine Mauch doch die Chance auf. In urbanen dichten Strukturen treffen sich viele Faktoren für eine erfolgreiche Umsetzung. Eine ausgewogene und durchdachte Bebauung mit ausreichend Freiflächen, einer guten Nutzungsdurchmischung und einer ausgebauten Infrastruktur sind die Grundlagen für die Verwirklichung. Gerade hier gilt es mit Bedacht zu planen und Regeln vorzugeben, um eine gewünschte Entwicklung anzukurbeln. Der Bereich Infrastruktur bedarf hier besonderer Aufmerksamkeit, denn er liegt allein in den Händen der Stadtplaner. Sei es, den Anschluss mit öffentlichen Verkehrsmitteln aufzubauen, ein Wegenetz für Fußgänger und

Fahrradfahrer zu generieren oder den motorisierten Verkehr zu steuern, was die klassischen Infrastrukturfragen darstellt. Was aber gerade hinzukommt, ist die Planung von Wasser-, Abwasser- und Abfallkreisläufen, der Aufbau von Energie-, Kommunikations- und Wärmenetzen und neue Medien. Gerade auf Quartiersebene sind sie besonders effektiv und Weichen für eine nachhaltige Zukunft können flächiger gestellt werden. Bisher greifen die gesetzlichen Bedingungen nicht weit genug und der Aspekt der Nachhaltigkeit ist noch kaum verankert. Im Flächennutzungsplan kann zwar die Art der Nutzung, im Rahmenplan eine gewisse gewollte Entwicklung und im Bebauungsplan die Körnung vorgesehen werden, weiterreichende Verordnungen, vor allem ökologischer und energetischer Art existieren bisher weder in Winterthur noch in Konstanz. Was jedoch ausgeschöpft wird, ist die Möglichkeit mit Grundeigentümer und Bauherr zu verhandeln. Bestimmte Flächen werden nur als Bauland ausgewiesen oder in eine finanziell lukrativere Zone gehoben, wenn der Eigentümer bereit ist, bestimmte Auflagen zu erfüllen oder diese in den Kaufverträgen an die neuen Eigentümer weiterzugeben. Der

Stadt steht auch offen, durch ein gewisses Vorkaufsrecht Land zu erwerben, um dies selbst zu bebauen oder unter bestimmten Bedingungen weiter zu veräußern. Hier kann beispielsweise ein erhöhter Energiestandard, Materialien oder dezidiertere Nutzungen zwingend vorgeschrieben werden. So können auch kleinere Projekte gefördert oder wenigstens differenzierter behandelt werden. In vielen vorbildlichen Projekten wurde dies so gehandhabt. Es wird also deutlich, dass die Vorhaben der 2000-Watt-Gesellschaft bisher nicht auf eine ganzheitliche und flächige Planung abzielen. Das ist vielmehr ein Produkt des Weiterdenkens und eine Schlussfolgerung der Möglichkeiten und Chancen. Welche Faktoren müssen also bedacht und gelenkt werden, um eine nachhaltige Entwicklung auf Gebietsebene zu formen?

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

2. Beispiele | Innovative Quartiere

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Beispiele | Innovative Quartiere

Inhalt Kapitel 2 2.1. Vauban | D - Freiburg  Wahl | Gründe Städtebau | Struktur Ökologie | Umwelt Ökonomie | Wirtschaft Soziokultur | Gesellschaft Infrastruktur | Verkehr und Versorgung Negativaspekte 2.2. Dreispitz | CH - Basel Wahl | Gründe Städtebau | Struktur Ökologie | Umwelt Ökonomie | Wirtschaft Soziokultur | Gesellschaft Infrastruktur | Verkehr und Versorgung Negativaspekte 2.3. HafenCity | D - Hamburg Wahl | Gründe Städtebau | Struktur Ökologie | Umwelt Ökonomie | Wirtschaft Soziokultur | Gesellschaft Infrastruktur | Verkehr und Versorgung Negativaspekte 2.4. Fazit der Gebietsanalysen

22 22 22 23 24 24 24 24 25 26 26 26 26 27 28 28 29 29 30 30 31 31 32 33 34

Anhand der Betrachtung von Beispielsquartieren, die sich selbst als nachhaltig bezeichnen oder in der Fachliteratur als solche gehandelt werden, wird versucht, Aspekte einer nachhaltigen Quartiersentwicklung zu erkennen und zu kategorisieren. Hierbei wird vor allem hervorgehoben, was die Gebiete selbst als ihre Stärken angeben oder was sehr offensichtlich scheint. Anschließend wird kritisch hinterfragt, wie das präsentierte wirklich ankommt und welche Probleme oder Missstände sich ergeben.

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

2.1. Vauban | D - Freiburg

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Das knapp 40 Hektar große Quartier Vauban befindet sich in Freiburg, 2,5 km südlich vom Stadtzentrum entfernt, auf dem ehemaligen Kasernengelände der Schlageter Kaserne von 1938, welches nach dem zweiten Weltkrieg von der französischen Armee umbenannt und weiterhin als Kaserne genutzt wurde. Die Stadt kaufte nach dem Abzug 1992 den größten Teil des Areals, nämlich 34 Hektar, als Entwicklungsfläche, die übrigen vier Hektar gingen an das Studentenwerk und eine unabhängige Siedlungsinitiative, 1994 wurde ein Wettbewerb ausgelobt, den das Büro Kohlhoff & Kohlhoff aus Stuttgart gewann und auf Grundlage dessen der Städtebau zum heutigen Bebauungsplan weiterentwickelt wurde. Die Baugrundstücke wurden vermarktet und bereits 1998 gab es die ersten privat fertig gestellten Gebäude. Ziel war von Beginn an unter hohen ökologischen Anforderungen einen ausgewogenen und finanziell eigenständigen neuen Stadtteil zu schaffen. Das Gebiet entstand unter Einbindung der zukünftigen Bewohner und immer mit dem Blick auf die Zielvorgabe eines nachhaltigen Quartieres. Heute zählt es etwa 5100 Bewohner. (Website Freiburg)

Wahl | Gründe Die folgenden Kriterien haben zur Wahl dieses Quartiers geführt: * Großer Anteil an Wohnen * Gewerbeeinheiten * Stadt der kurzen Wege, * Bildungseinrichtungen * Energetische Anforderungen * Größe des Planungsgebietes * Militärbrache Städtebau | Struktur Die Struktur ist überwiegend aus kleinen Parzellen aufgebaut, was von der hauptsächlichen Vermarktung an Baugruppen und Einzelbauherren herrührt. Die Gebäude und ihre städtebauliche Anordnung fügen sich gut in den umgebenden Bestand ein, sowohl in der Körnung, als auch in der Ausrichtung. Dichtere Bebauungsfelder wechseln mit Grünflächen ab, so entstehen Nachbarschaften im Quartier. Einzelne Gebäude der Kasernenbebauung wurden erhalten und zeugen somit von der Geschichte des Ortes. Erschlossen wird der westliche größere Teil über eine zentrale, aber langsam gestaltete Verkehrsachse, die auch

begrenzten Raum zum Parken bietet. Von dieser zweigen die Wohnstraßen ab. Der östliche kleinere Teil, in dem sich auch die Solarsiedlung befindet, wird mit einer eigenen Schleife von der Hauptstraße aus bedient. Die Straßenbreiten wurden möglichst reduziert, um den Anteil an Erschließungsfläche und somit versiegeltem Grund zu reduzieren. Auf den alten Baumbestand und den vorhandenen Bachlauf musste bereits im städtebaulichen Entwurf eingegangen werden.

Abb. 9: Schwarzplan Freiburg Vauban Quelle: Website Freiburg


Beispiele | Innovative Quartiere

Ökologie | Umwelt Fünf teilweise neue öffentliche Grünzüge wurden angelegt, diese gliedern die einzelnen Wohnbereiche, schaffen Aufenthaltsmöglichkeiten und Plätze für die Kinder zum Spielen. Pflanzen und Tieren wird zusätzlich in geschützten Biotopen Raum geboten und dieses Mikroklima kommt auch dem Gebiet und der Luftqualität zugute. Flachdächer sind mit Begrünung auszuführen. Wichtig bei der Planung war es, den alten Baumbestand zu erhalten. Dieser macht heute auch einen großen Teil des Ambientes aus. Zusätzlich gibt es weitere nutzbare Freiflächen. Das Regenwasser wird in offenen gepflasterten Rinnen in Versickerungsgräben geleitet und somit dem natürlichen Kreislauf zugeführt. Manche Bewohner sammeln einen Teil in Zisternen für weitere Nutzungen wie Bewässerung von Pflanzen oder für die Toilettenspülung der Grundschule. (Website Freiburg) Den privaten Käufern wurden Auflagen bezüglich des Energiestandards ihrer Häuser gemacht. So musste mindestens in Niedrigenergiebauweise nach dem Freiburger Standard gebaut werden. Es entstanden aber auch 277 Wohneinheiten in Passivhausbauweise und

eine Solarsiedlung mit Plusenergiehäusern. Viele Eigentümer haben darüberhinaus Maßnahmen wie Photovoltaik und Solarthermie ergriffen. Die Wärmeversorgung des gesamten Quartiers erfolgt über ein Blockheizkraftwerk

Abb. 10: Grünflächenplanung Freiburg Vauban

mit anschließender Stromerzeugung, das mit Holzhackschnitzel betrieben wird. So können 700 Haushalte versorgt werden. (Website Freiburg)

Quelle: Website Freiburg

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Ökonomie | Wirtschaft Kleinparzellierte Grundstücke mit einer relativ hohen Dichte, die Geschossflächenzahl liegt bei 1,4 mit weitgehend drei bis fünfgeschossigen Gebäuden, machen das Projekt sehr rentabel. Misch- und Gewerbeeinheiten erhöhen Wert und Attraktivität zudem. Durch die gute Lage und die frühzeitige integrierte Planung konnten diese Effekte noch gesteigert werden. Die entstandenen 400 Arbeitsplätze und die weiteren, in den unterschiedlichsten Branchen noch entstehenden, tragen zur Wirtschaftlichkeit und zum Vorbildcharakter zudem bei. (Website Freiburg)

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Soziokultur | Gesellschaft Einzelparzellen sowie Grundstücke für verschieden große Baugruppen haben zu einer Vielfalt und gewissen Mischung geführt. Architektonische Unterschiede ließen einen lebhaften Stadtteil entstehen. Nutzermischung und städtische Dichte sind die Voraussetzungen für die entstandene Urbanität und Identifikation. Zwei Quartiersplätze, der eine als markanter Eingangspunkt, der andere, zentral gelegen mit unterschiedlichsten Nutzungen erhöhen die Qualitäten. Sie dienen auch als Treffpunkt

und für den Markt. Kindergärten, Grundschule und das Bürgerhaus sorgen zusätzlich für Integration und natürlich kurze Wege. Infrastruktur | Verkehr und Versorgung Das Gebiet ist nicht autofrei, aber doch stark autoreduziert. Die Hauptachse ist eine 30 km/h Erschließung, die eigentlichen Wohnstraßen sind verkehrsberuhigte Spielstraßen ohne Parkraum, was auch rege von den Kindern genutzt wird. Geparkt wird kostenpflichtig in einem der beiden Parkhäuser oder auf den Parkplätzen entlang der Hauptachse. Dies ist Pflicht für alle PKW Besitzer. Innerhalb der meisten Baugrundstücke dürfen keine Stellplätze erstellt werden. (Website Freiburg) Im Jahr 2003 kamen lediglich 150 PKWs auf 1000 Einwohner und es wird weiterhin stark darauf geachtet, dass dies so bleibt und das Straßenbild von spielenden Kindern, statt parkenden Autos geprägt ist. Es wird Car-Sharing angeboten, was auch rege von den autofreien Haushalten genutzt wird. Die Organisation des Alltags ohne Auto hat keine Beeinträchtigung, so äußern sich die Bewohner. Viele gaben ihr Auto erst bei Bezug der Siedlung oder kurz zu-

vor auf, eine neue Lebenssituation und -einstellung brachten sie dazu. Der gute ÖV-Anschluss an das nahe Stadtzentrum durch Busse und die Stadtbahn, die gut ausgebauten Fuß- und Radwege und allgemein das Konzept der Stadt der kurzen Wege mit vorhandenen Einrichtungen und Geschäften machen dies möglich. (Website Freiburg; Website Vauban) Negativaspekte Auch wenn beim Quartier Vauban auf viele Aspekte der Nachhaltigkeit eingegangen wurde, so muss man doch sehen, dass es sich vor allem um eine ökologische Herangehensweise handelt. Eine soziale Diskrepanz basiert auf der entstandenen Monokultur. Es sind hauptsächlich junge Familien mit einer bestimmten Haltung und gewissen finanziellen Möglichkeiten, die dieses neue Wohnangebot nutzen. So ergibt sich wenig soziale oder demografische Durchmischung. Aus den vielen Kindern des Gebiets wird eine Schar Jugendlicher, aus Erwachsenen Senioren, was bedeutet, dass das Gebiet kontinuierlich altert. Jetzt werden viele Kindergärten- und Grundschulplätze benötigt, wenn die Kinder jedoch älter werden, sind diese zum großen Teil überflüssig. Erst wenn


Beispiele | Innovative Quartiere

es eine Durchmischung zwischen der ersten Generation der Bewohner und einer neuen zweiten gibt, die wahrscheinlich wieder weitestgehend aus Familien besteht, wird das Gebiet näher an den Querschnitt der eigentlichen Bevölkerungsstruktur rücken. Erreichen kann sie ihn aber aufgrund der vorgesehen Struktur und Ausgestaltung nicht.

2.2. Dreispitz | CH - Basel Bei dem Gebiet Dreispitz handelt es sich um ein etwa 50 Hektar großes Innenentwicklungsareal der beiden Kantone Basel. Es befindet sich südöstlich der Innenstadt auf dem Gelände der Stadt und der Gemeinde Münchenstein. Das ursprüngliche Landwirtschaftsgelände wurde wegen seiner Nähe zum Zentralbahnhof um 1900 allmählich in öffentliche Materiallagerplätze umgewandelt und mit einem Schienennetz versehen. 1922 kam ein Zollfreilager hinzu und nach und nach siedelten sich immer mehr Unternehmen des Produktions- und Dienstleitungssektors, viele mit Schwerpunkt Logistik und internationalen Verbindungen. Derzeit sind etwa 380 Firmen mit über 4000 Beschäftigten auf dem Gewerbe- und Dienstleistungsgebiet ansässig. Auf Grundlage einer Entwicklungsplanung der Architekten Herzog & de Meuron soll es sich zu einem urbanen Agglomerationsteil der Stadt weiterentwickeln. Es wird eine Verdichtung mit großem Nutzungsmix angestrebt. Dienstleistungen, Gewerbe, Wohnen, Kultur, Freizeit und Verkauf sollen einhergehen mit differenzierten neuen Grünund Freiräumen. (Website Dreispitz)

Abb. 11: Struktur Basel Dreispitz Quelle: Website Dreispitz

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Wahl | Gründe Die folgenden Kriterien haben zur Wahl dieses Quartiers geführt: * Großer Anteil neuer Wohnungen * Industrie Erhalt und Ausbau * Neues Dienstleistungszentrum * Renaturierung * Größe des Planungsgebietes * Industrieareal und Brache * Infrastrukturelle Anschlüsse

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Städtebau | Struktur Nach dem Leitbild ist das in Nord-Süd-Richtung verlaufende Gebiet mit seiner linear ausgerichteten Bebauung in drei ihren Eigenarten entsprechende Teilgebiete untergliedert, die auch in ihren Charakteren weiterentwickelt werden sollen. Süd- und Nordspitze sind als Entwicklungsschwerpunkte zu sehen. Im Norden soll mit einer Hochhausbebauung ein Dienstleistungsschwerpunkt entstehen, im Süden hingegen eine eher flächige grobkörnige Baustruktur als Industriezentrum. Der mittlere Bereich hat eine eher kleinteilige Struktur und gerade den östlichen Teil, das ehemalige Zollfreilager, sahen die Architekten als Schwerpunkt für Kultur- und Bildungseinrichtungen. Hier wird als

erster Abschnitt die Hochschule für Gestaltung und Kunst entstehen. Somit soll gleichermaßen dem Prozess und der Offenheit für die Transformation, als auch der Dauerhaftigkeit der bestehenden Strukturen Rechnung getragen werden. Charakterisierend für die Vision sind die achsialen Erschließungsstraßen für den Individual- und den Transportverkehr in NordSüd respektive Ost-West Ausrichtung und der prägende begrünte Boulevard, der sich an Stelle einer bestehenden Schienenerschließung als Fußgängererschließung einmal durch das Gebiet zieht und alle Teile des Quartiers miteinander verbindet und an die benachbarten anschließt. (Website Dreispitz; Herzog & de Meuron, 2003: 33-67) Ökologie | Umwelt Dem Grundbesitzer des gesamten Gebietes, der Christoph Merian Stiftung, liegt eine nachhaltige Entwicklung sehr am Herzen. Sie ist in dieser Richtung sehr engagiert und verfolgt langfristige Ziele und auch Erfolge. Dabei wird die Schaffung von Grün- und Freiräumen mit hoher Qualität und hoher ökologischer Wertigkeit, sowie die Anbindung und Vernetzung der entstehenden Grünräume mit der Umge-

bung als sehr wichtige Grundvoraussetzung gesehen. Zukunftsweisende Maßnahmen in Bezug aus Luftqualität, Lärmentwicklung und Energieverbrauch werden angestrebt. Ein großer Fokus soll zudem auf ressourcensparendes Bauen und Betreiben von Gebäuden gelegt werden. Die Nutzung der bereits versiegelten Flächen anstatt neue zu schaffen ist dazu ein erster Schritt. Ein wichtiger Aspekt speziell in diesem Gebiet liegt im Umgang mit den Altlasten. Durch die lange Lager- und die unterschiedlichen Industrienutzungen werden sich Belastungen und Bodenverunreinigung deutlich auswirken. Mit Gewässerschutz und Niederschlagswasser sind weitere wichtige Themen verbunden, die mit der Belastung zusammen hängen, aber auch für künftige Planungen ständig zu beachten sind. (Website Dreispitz; Herzog & de Meuron, 2003: 105) Ökonomie | Wirtschaft Ziel für das Quartier Dreispitz ist es, weiterhin als attraktiver Arbeitsort für ansässige Firmen bestehen zu können, aber auch neue Unternehmen anzuziehen. Damit sollen über 8000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Es gilt höherwertige Nutzungen wie Dienstleistun-


Beispiele | Innovative Quartiere

gen neu anzusiedeln, vorhandene nachzuverdichten, im Entwicklungsgebiet Wohnraum zu schaffen und auch in den Arbeitsgebieten mit gewerblicher Nutzung weiterzudenken. Insgesamt sollen 1000 größere Wohneinheiten entstehen Hierbei wird sich sicher die frühe und gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten auszahlen. Da sich das Gebiet über die beiden Kantone Basel-Stadt und Basel-Land mit der Gemeinde Münchenstein erstreckt, ist dies besonders wichtig. Die Christoph Merian Stiftzng agiert hier als Vermittler aller Interessen, erkennt Konflikte und ist an kreativen nachhaltigen Lösungen interessiert. (Website Dreispitz; Herzog & de Meuron, 2003: 39, 65, 89-99)

Abb. 12: Einteilung in Gebiete Basel Dreispitz Quelle: Website Dreispitz

Soziokultur | Gesellschaft Die Öffnung der Quartiersgrenzen und Vernetzung mit umliegenden Quartieren wird angestrebt, dadurch entstehen neue Durchwegungen und Beziehungen und das Gebiet kann als Bindeglied fungieren. Bisher trennt es sich durch den in sich geschlossenen Charakter, herrührend von der bisherigen Funktion, vollkommen ab. Nutzungen mit regionaler Ausstrahlung und öffentlichem Interesse, wie

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

die Ansiedlung der Hochschule, sind von besonderer Bedeutung. Für die Bewohner und Beschäftigten werden öffentlich zugängliche Freiräume und Grünflächen für den persönlichen Ausgleich angeboten. Bereits die Planung wird interdisziplinär erfolgen und stellt einen Prozess des gemeinsamen Lernens, Kommunizierens und Kooperierens dar. Es wird als langfristiger Transformationsprozess gesehen bei dem planerische Festlegungen immer noch Ausformungsspielräume für die eigentliche Entwicklung lassen und sich den be- aber auch entstehenden Bedürfnissen anpassen. (Website Dreispitz; Herzog & de Meuron, 2003: 89, 105-115)

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Infrastruktur | Verkehr und Versorgung Die Gesamtverkehrsstrategie legt ihre Priorität auf den Langsamverkehr und öffentliche Mittel. Das Verkehrsaufkommen soll beeinflusst, gelenkt und somit schließlich gesenkt werden. Der motorisierte Privatverkehr soll eingedämmt werden und den schweren Nutzverkehr will man so leiten, dass sich besonders direkte Wege und schnelle Anschlüsse ergeben. In der geplanten Stadt der kurzen Wege erhalten Fahrrad- und Fußgängerverkehr einen hohen

Stellenwert, besonders durch den Ausbau des grünen Boulevards und Verbindungen, die Umwege vermeiden. Die Einführungsmöglichkeit der Tram wird gerade geprüft. (Website Dreispitz; Herzog & de Meuron, 2003: 27-29, 108-111) Negativaspekte Die Entwicklung des Dreispitzes soll umweltschonend umgesetzt werden, was bedeutet, dass trotz intensiverer Nutzung des Gebiets die Umweltbelastung gleich bleibt oder sogar abnehmen soll und es wird explizit darauf hingewiesen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden. Das klingt eher nicht nach einem besonders ambitionierten Vorhaben. Die Aussagen zeugen von einem moderaten Herangehen und das, obwohl das Gebiet ein großes Entwicklungspotenzial bietet und Basel eine der Pilotregionen der 2000-Watt-Gesellschaft ist. Sicherlich handelt es sich noch um ein frühes Stadium, indem die Planungen noch kaum konkretisiert und wenige Aussagen möglich sind. Verwunderlich ist trotzdem, dass bisher keine zusätzlichen nachhaltigen Maßnahmen, Vorgaben oder technische Einsätze vorgesehen werden. Für

die Lösung des Verkehrsaufkommens kursiert jedoch eine als optimal angesehene, alles lösen wollende Vorstellung, die bisher sicher nur als Vision gehandelt werden kann.


Beispiele | Innovative Quartiere

2.3. HafenCity | D - Hamburg Das Gesamtareal ist 157 Hektar groß, wovon 126 Hektar eigentliche Landfläche sind. HafenCity bezeichnet den Projektnamen des in elf einzelne Quartiere eingeteilten Gebietes, sowie den Namen des entstandenen Stadtteils, der zum Bezirk Hamburg-Mitte gehört und sich südlich des Zentrums befindet. Es handelt sich um eine sogenannte Waterfrontentwicklung, einem Stadtentwicklungsvorhaben in Wasserlage. Bereits im 18. Jahrhundert siedelten sich hier Schiffbauer und Hafengewerke an. Damals lag das Gebiet noch außerhalb der Stadtbefestigung Hamburgs. Nach Abbau der Stadtmauer wurde das Hafengeländer erweitert und 1868 das erste künstlich angelegte Hafenbecken gebaut. Weitere Viertel kamen hinzu und der Hafen wuchs kontinuierlich weiter. Ab 1960 wurde das Hafengebiet jedoch wegen sich verändernder Anforderungen durch immer größere Schiffe mit mehr Tiefgang und den ansteigenden Containerumschlag weiter elbabwärts verlagert. Das Gebiet wurde zusehends zur Industriebrache. In den 1990er Jahren entstanden erste Planungen für eine Bebauung von Seiten der Stadt,

woraufhin ein städtebaulicher Wettbewerb ausgelobt wurde, der den ersten Masterplan HafenCity im Jahr 2000 hervorbrachte. Dieser betont, dass es sich bei der Stadterweiterung um eine Entwicklung mit ökologischem, ökonomischem, sozialem und kulturellem Fokus handelt. Früh wurde auch bedacht, dass eine breite Akzeptanz notwendig sein würde, um einen komplett neuen Stadtteil zu erbauen. Die Bebauungspläne und die behördliche Planung entstehen seit 2004 etappenweise und arealbezogen. (Website HafenCity)

Abb. 13: Struktur und Körnung Hamburg HafenCity

Wahl | Gründe Die folgenden Kriterien haben zur Wahl dieses Quartiers geführt: * Neuer eigener Stadtteil * Brachfläche aus vorheriger Hafennutzung * Erstes Zertifizierungsverfahren für Gebäude * Großer Anteil neuer Wohnungen * Hohe Dichte * Neu angesiedelte Dienstleistungen * Große Nutzungsmischung * Parkanlage und Freizeitflächen * Größe des Planungsgebietes * Infrastrukturelle Anschlüsse * Insellage

Quelle: Website HafenCity

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

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Städtebau | Struktur Die Landfläche besteht aus mehreren Inseln zwischen Elbe und Speicherstadt, durchwegt von Kanälen. Diese sind durch Brücken untereinander und mit dem Stadtkern, sowie dem Umland verbunden. Der entstehende nachhaltige Städtebau zeichnet sich besonders durch eine dichte Bebauung mit trotzdem offener Stadtstruktur aus. Die Wegeoptionen sind vielfältig und zahlreich, insgesamt aber kurz. Durch die kompakte Organisation ist die Anbindung an das Zentrum Hamburgs eng und die Nutzungen sind durchmischt und unterschiedlich gekörnt. Parkanlagen und die ständige Nähe zum Wasser bieten einen großen Erholungsfaktor und erhöhen die Attraktivität des Gebietes. Bei den Gebäuden handelt es sich hauptsächlich um größere Blöcke, die an manchen Stellen aufgebrochen werden und somit eine Durchwegung erlauben. Sie enthalten Wohnungen, werden aber auch mit Büroflächen, Gewerbe und anderen Einrichtungen gemischt. Markante Solitäre sind oft Firmensitze, Hotels oder bestimmte Sondernutzungen. Zudem finden auch Nutzungen wie Einzelhandel, Gastronomie, Ausstellungsflächen, Bildung, Wissenschaft, Kultur, Freizeit ihren Platz. Ein funktionie-

render eigener Stadtteilkern soll entstehen. Die Hamburger City wird damit um 40% erweitert. 5800 neue Wohnungen und mehr als 45.000 Arbeitsplätze, hauptsächlich im Bürosektor, entstehen bis etwa Mitte der 2020er Jahre auf einer Bruttogeschossfläche von 2,25 Millionen Quadratmetern. 10,5 Kilometer Kanalufer und 27 Hektar öffentliche Parkanlagen, Plätze und Promenaden bieten der sehr hohen Dichte mit Geschossflächenzahlen zwischen 3,4 bis 5,2 in den einzelnen Quartieren einen Ausgleich, wodurch eine solch effiziente Bodennutzung überhaupt erst möglich wird. Bisher sind 38 Projekte gebaut, 40 befinden sich in Bau oder Planung. Quasi die gesamten bebaubaren Grundstücksflächen befinden sich vor dem Verkauf in der öffentlichen Hand und spülen somit Geld in die Kassen, aus denen zwei Milliarden wieder in die HafenCity investiert werden, weitere knapp sieben Milliarden sind privates Investitionsvolumen. Es ist das flächengrößte Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs und eines der bekanntesten in Europa. Die allgemeine Planungsgrundlage von 2000 wurde in einer Masterplanüberarbeitung 2010 den neuen Bedingungen angepasst. Der östliche, vom Zentrum entfernteste Teil konnte auf-

grund der Nachfrage und Akzeptanz zusätzlich verdichtet werden. Die Wahl der Hansestadt zur „European Green Capital“ 2011 geht auch auf die nachhaltige Entwicklung der HafenCity zurück. (Website HafenCity) Ökologie | Umwelt Der ökologische Umgang beginnt mit der Nachnutzung der Brachfläche und der dafür erforderlichen Sanierung und Beseitigung von Verunreinigungen, die durch die Hafennutzung entstanden sind. Für die Energieversorgung mit Wärme werden für den westlichen und den östlichen Teil jeweils unterschiedliche zentrale Versorgungen vorgesehen, die sich am CO2 Benchmark orientieren. Im Westen via Fernwärme, Solarthermie und Brennstoffzellen, im Osten durch ein Nahwärmenetz mit Biomethan-Brennstoffzellen, Holzverbrennung und Wärmepumpen. In der HafenCity entstand 2007 das erste Zertifizierungsverfahren für Gebäude in Deutschland. Mit dem Umweltzeichen in Silber und Gold für „Nachhaltiges Bauen in der HafenCity“ werden klima- und energiefreundliche Gebäude geprüft und ausgezeichnet. Das hat einen wichtigen Impuls ausgelöst. Die Ansprüche der Nutzer


Beispiele | Innovative Quartiere

sind gestiegen, aber auch die der Bauherren, die möchten, dass ihre Gebäude wettbewerbsfähig sind und für längere Zeit auch bleiben. Um das Umweltzeichen für besondere oder außergewöhnliche Leistungen zu bekommen müssen bestimmte Bedingungen in den fünf benannten Kategorien erfüllt werden: Nachhaltiger Umgang mit energetischen Ressourcen, Nachhaltiger Umgang mit öffentlichen Gütern, Einsatz umweltschonender Bauprodukte, Besondere Berücksichtigung von Gesundheit und Behaglichkeit und Nachhaltiger Gebäudebetrieb. 2010 wurde eine überarbeitete und erweiterte Auflage herausgegeben. Diese enthält nun auch Kriterien für gemischt genutzte Gebäude und bisher nicht zertifizierbare Nutzungen wie Hotels und Handelsnutzungen. Zudem wurde eine Anpassung an die EnEV 2009 vorgenommen und eine Abstimmung mit den Qualitätskriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit hoher Konformität erzielt. Das eigene System wurde aber beibehalten, da es genauer auf die spezifischen Möglichkeiten der HafenCity eingeht, da es vertraglich regelt, durch Messungen in der Betriebsphase den gewollten Energiestandard und die Nutzungsqualität auch nachzuweisen

und da es schneller auf neue Anforderungen der speziellen Situation der HafenCity angepasst werden kann. Das Umweltzeichen kann zu einer frühen Planungsphase beantragt und somit bereits zu Beginn für die Vermarktung eingesetzt werden. Mindestens 30 % der Gebäude in der zentralen und östlichen HafenCity sollen dem Nachhaltigkeitssiegel in Gold entsprechen, erwartet werden jedoch mehr. Wohngebäude können in Zukunft nur noch nach Goldstandard zertifiziert werden. (Website HafenCity) Ökonomie | Wirtschaft Die wirtschaftlichen Zugewinne liegen ganz klar auf der Hand: Die Stadt konnte eine Brachfläche zu großem Gewinn veräußern. Durch den Zuzug von Einwohnern wird die Stadt vergrößert und als Wirtschaftsstandort gestärkt und attraktiviert. Die Investoren profitieren ihrerseits, gerade auch durch das gute Image, das hergestellt werden konnte und die Nachfrage antreibt. Anlegende Kreuzfahrtschiffe spülen Touristen und somit Kapital in den Stadtteil. Bisher gibt es keine Probleme mit dem raschen Wachstum und das Interesse bleibt vorhanden. (Website HafenCity)

Soziokultur | Gesellschaft Um die Akzeptanz für diesen komplett neuen und reißbrettartig entworfenen Stadtteil zu erlangen, wurden schon sehr früh spezifische Maßnahmen angegangen. Ein öffentlicher Planungsdialog wurde eröffnet, um die soziale und kulturelle Einbindung in bestehende Stadtstrukturen zu erreichen. Bereits vor Baubeginn wurde ein Konzept entwickelt, das Veranstaltungen, Informations- und Kulturangebote inmitten der Großbaustelle initiiert . Ein ViewPoint wurde entworfen und erlaubt es, als 13 Meter hoher bewegbarer Aussichtsturm Einblicke und neue Perspektiven in den Bauzustand zu bekommen, ebenso wie eine weitere Aussichtsplattform den Fortschritt der U-BahnStation beobachten lässt. Zudem ist das gesamte Bauareal mit Fußwegen zugänglich, die sich jeweils den Baustellen anpassen und durch teilweise offene Bauzäune das Wachsen erleben lassen. Modelle, Broschüren und eine regelmäßig erscheinende Schriftenreihe informierend umfassend, genauso wie die Internetplattform, die allerlei Wissen und Erfahrungen bereithält. Auch außerhalb machen Ausstellungen auf die Projekte aufmerksam. 33


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Abb. 14: Städtebau und Eingliederung in die Umgebung

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Die Qualität und das Erscheinen der Gebäude werden durch viele einzelne Wettbewerbe gewährleistet. Es wird beworben, dass eine soziale und ethische Durchmischung angestrebt wird, was den Bau von unterschiedlichsten

Quelle: Website Architektur und Zeichnung

Wohnmodellen und Grundrissen voraussetzt. Differenzierte Aufenthaltsmöglichkeiten sollen den verschiedenen Ansprüchen gerecht werden. (Website HafenCity)

Infrastruktur | Verkehr und Versorgung Die infrastrukturelle Anbindung ist aufgrund der Insellage und der hohen Nutzungsintensivität ein komplexes System. Dem nachhaltigen Verkehr wird Vorfahrt geboten und so ist die HafenCity bereits jetzt per Buslinien mit Wasserstoffbussen, Fahrrad- und Fußwegen sehr gut erreichbar. Der Stadtteil wird auch als „walkable city“, also begehbare Stadt bezeichnet. In die Innenstadt sind es gerade einmal zehn Minuten. Im Stadtteil gibt es zweieinhalbmal mehr Wegkilometer für Fußgänger als für Autos und an vielen Stellen gibt es Wegeoptionen zwischen Gebäuden, durch Durchgänge und entlang den Kanälen um an ein Ziel zu kommen. Zudem sind viele Einrichtungen des täglichen Bedarfs schnell und fußläufig erreichbar. Eine neue U-Bahn-Linie befindet sich im Bau und wird Ende 2012 in Betrieb genommen. Weitere U-Bahn-Stationen befinden sich in der Nähe. Auch per Schiffslinie ist das Gebiet erreichbar und die Anlegestellen werden weiter ausgebaut. Auch ein leistungsfähiges Straßennetz mit Anschlüssen an das Zentrum und die Autobahn wurde ausgebaut. Insgesamt verbinden 25 Brücken die einzelnen Teile untereinander und mit der Umgebung. Wegen der mögli-


Beispiele | Innovative Quartiere

chen Überflutungsgefahr bei Sturmflut - denn das Gelände liegt gerademal auf einer Höhe von 4,4 bis 7,2 Metern über Normalnull - und des bewusst vermiedenen Deiches, wurde ein Warftenkonzept entwickelt. Entweder gibt es Aufschüttungen, angehobene Brücken oder Gebäude stehen auf Warftgeschossen, die Tiefgaragenplätze beinhalten. Somit kann auch ein großer Teil des ruhenden Verkehrs von Straßen und Plätzen genommen und quasi nicht sichtbar verstaut werden. Viele Straßen und Wege befinden sich ebenfalls in gesicherter Höhe, aber die Kaipromenaden und einige Plätze sind auf dem eigentlich niedrigeren Niveau und stellen somit attraktive Bezüge zum Wasser her. Dadurch wurde aber auch ein durchdachtes Wegesystem notwendig. (Website HafenCity) Negativaspekte Kritisch zu betrachten ist die Vergabepraxis der Grundstücke, die das Containerterminal Altenwerder finanzieren sollen. Da dieses einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Hansestadt darstellt, wurde befürchtet, dass die Profitabilität entscheidender wird, als das Nutzungskonzept und die entstehende Qualität. Bestätigt wird diese Sorge dadurch, dass die Stadt im

Laufe der Planungen die Anzahl der Grundstücke erhöht hat. Begründet wurde dies dadurch, dass so eine höhere Dichte entstehen könne und ein insgesamt städtischeres Gefüge. Dies macht den höheren Erlös doch eher unglaubwürdig zu einem positiven Nebeneffekt. Auch der im Bau befindliche U-Bahn-Anschluss wurde erst nach einem Regierungswechsel der kostengünstigeren Variante einer Stadtbahn vorgezogen. Begründungen dafür sind eher vage. Am Solitärcharakter der allermeisten Gebäude wird stark gezweifelt. Bilden sie doch einen starken Kontrast zur homogenen Struktur von Innenstadt und Speicherstadt. Möglicherweise ist aber auch eben dieses adressbildende Aussehen Ausdruck des Verlangens der Menschen nach Individualität. Die Gesamtwirkung kann vielleicht auch erst nach der Fertigstellung des gesamten Gebietes abschließend beurteilt werden. Das bisherige Angebot an gebauten Wohnungen ist eher für einkommensstärkere Schichten. Das ist dem Leitgedanken der sozialen und ethischen Vermischung nicht gerade zuträglich und führt hingegen eher zu einer sozialen Segregation. Dem wird häufig widersprochen

oder dadurch gerechtfertigt, dass sich das Gebiet erst entwickelt. Einige Daten und Fakten lassen aber auf jeden Fall den Schluss ziehen, dass kein Querschnitt der Bevölkerung in der Hafencity lebt. Im Vergleich sind die Wohnungen eher groß und die pro Kopf Quadratmeter üppig. Genossenschaftliche Wohnungen gibt es kaum und die wenigen können auch nur Mieten im mittleren Preissegment anbieten. Die Kosten für einen gebauten Quadratmeter sind relativ hoch, daher leben in der HafenCity kaum Arbeitslose, wenige Familien mit Kindern oder Rentner. Sozialwohnungen gibt es keine. Die Wohnungen werden aufgrund der großen Nachfrage überteuert vermietet, je nachdem nur als Zweit- oder Drittwohnung genutzt. Großprojekte mit Vorbildcharakter kommen ins Wanken, dafür laufen die Flächen für Unternehmen und allgemein als Büroflächen glänzend. Die Vision vom lebendigen Stadtteil ist gefährdet, sie droht zu einer neuen Bürostadt zu werden. Die Stadt muss sich daher mehr einbringen, Ziele klar definieren und die Preise und Projekte danach regulieren. (Website Welt Online) 35


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

2.4. Fazit der Gebietsanalysen

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Nach Analyse der Gebiete Vauban, Dreispitz und HafenCity und der Durchsicht weiterer, wie dem Ecoparc in Neuchâtel, dem Gundeldingerfeld in Basel, der Werwies in Zürich, der solarCity in Linz, der BedZED in London, dem Rieselfeld in Freiburg, dem Sihlbogen in Zürich, der Carré de Soie in Lyon, dem Europaviertel West in Frankfurt oder der Südstadt in Tübingen, die alle als nachhaltig gelten oder sich gerne selbst so betiteln, sind viele wichtige Merkmale und Betrachtungspunkte für eine ebensolche Entwicklung zu erkennen. Die Eigenschaften des Ortes und die jeweiligen Bedingungen, sowie die gewollten Nutzungen beeinflussen die Planungen stark. Viele Kriterien sind ähnlich und werden so allgemeingültig, andere sind sehr projektspezifisch und einzigartig. Eine Quartiersentwicklung kann also nur für eine bestimmte Situation mit Berücksichtigung der gegebenen Umstände und im Hinblick auf die zu erreichenden Ziele angegangen werden. Aus der Kritik der erläuterten Projekte werden aber bestimmte Punkte erkennbar, die immer wieder auftreten, aber nur unzureichend gelöst werden. Eine ganzheitliche Herangehensweise, die alle Punkte der Nachhaltigkeit

berücksichtigt, ist unabdingbar. Eine vertiefte Ausarbeitung von Einzelaspekten prägt natürlich den Charakter und das Image, aber ein Gebiet wird auch immer Schwächen haben, die es zu bedenken gilt. Ziele und Absichten müssen daher klar definiert und sich fortwährend vergegenwärtigt werden. Dabei ist aber zu bedenken, dass es sich bei einer nachhaltigen Entwicklung um einen stetigen Prozess handelt, der kein Endziel hat, sondern fortlaufend bearbeitet und angepasst werden muss. Die momentanen Planungen können sich nur aus dem bereits vorhandenen Wissen über Vergangenheit und Gegenwart und Vermutungen über die Zukunft ergeben. Potenziale sollen frühzeitig erkannt und genutzt werden, aber die Türen müssen auch offen gehalten werden für sich verändernde Rahmenbedingungen und Ansprüche. Pläne von nachhaltigen Quartiersentwicklungen sind Momentaufnahmen. Aber daran kann man nichts ändern. Deshalb gilt es, möglichst umfassend alle Kriterien und Notwendigkeiten zu bedenken und aus diesem Zustand heraus, die bestmöglichsten Schritte einzuleiten.


Beispiele | Innovative Quartiere

Abb. 15: Panorama Hamburg HafenCity

Quelle: Website Fotocommunity

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

3. Analyse | Nachhaltige Quartiersentwicklung

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Analyse | Nachhaltige Quartiersentwicklung

Inhalt Kapitel 3 3.1. Untersuchung von Instrumentarien und Richtlinien  Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) Minergie  Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (SIA) European Energy Award | Energiestadt | e5 Programm Nachhaltige Quartierentwicklung (NaQu) 3.2. Faktoren einer nachhaltigen Quartiersentwicklung 3.2.1. Ökologie | Umwelt 3.2.2. Ökonomie | Wirtschaft 3.2.3. Soziokultur | Gesellschaft 3.2.4. Infrastruktur | Verkehr und Versorgung 3.3. Thesen einer nachhaltigen Quartiersplanung

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Verschiedene Organisationen beschäftigen sich bereits mit der nachhaltigen Entwicklung von Gebäuden und Städten. Aus der Analyse unterschiedlicher Betrachtung, Herangehensweise, Kategorisierung und Fokus wurden die notwendigen Faktoren für eine nachhaltige Quartiersentwicklung erstellt. Diese sind aufgeteilt in vier übergeordnete Themen. Viele Einflüsse spielen dort hinein und werden so besonders wichtig für die nachhaltige Entwicklung. Daraus sind die Thesen als Leitlinien für das Handeln entstanden.

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

3.1. Untersuchung von Instrumentarien und Richtlinien In Anlehnung an verschiedene Zertifizierungssysteme und Richtlinien, die bisher hauptsächlich den Fokus auf das Gebäude gesetzt haben und teilweise nun beginnen, Instrumente für Stadtquartiere zu entwickeln, sind die Punkte der nachhaltigen Quartiersentwicklung entstanden. In Deutschland wie auch in der Schweiz wird von unterschiedlichen Seiten nach Kriterienkatalogen und anschließend zu verwendenden Werkzeugen gesucht, um Gebiete nachhaltig zu entwickeln und eine Bewertung zu ermöglichen. Im Folgenden werden einige Organisationen mit Zielen und Herangehensweise vorgestellt. Auf Grundlage dieser und unter Einfluss der gelesenen Literatur wurde die Betrachtung der einzelnen Faktoren zusammengestellt.

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Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen wurde 2007 von verschiedenen Akteuren der Bau- und Immobilienwirtschaft gegründet. Sie hat zum Ziel, nachhaltiges und wirtschaftlich effizientes Bauen in Zukunft noch stärker zu fördern. Dafür wurde ein Zertifizierungsverfahren erstellt. Das DGNB Zertifikat ist ein Qualitätszeichen für nachhaltige Gebäude, die Bewertung erfolgt in Gold, Silber und Bronze. Das Verfahren ist für Neubauten und sich in der Planung befindliche Projekte gedacht. Bisher gibt es erst eine Zertifizierung für Industrie- und Handelsbauten, Bildungsbauten. In der Entwicklung befinden sich Wohn- und Hotelgebäude, sowie der Bereich Modernisierung bei Büro- und Verwaltungsgebäuden. Die Bewertung deckt die Bereiche der Nachhaltigkeit ab, blickt jedoch auch auf zusätzliche Felder wie funktionale und technische Aspekte, die ablaufenden Prozesse und auch der Standort wird betrachtet. (Website DGNB: Verein) Daraus hat sich seit März 2009 die erweiterte Betrachtung auf ganze Stadtquartiere entwickelt. Das Zertifizierungssystem für diese wird noch ausgearbeitet und ist bisher nicht veröf-

fentlicht. Ein Schaubild zeigt jedoch, dass die DGNB ihrer Grundstruktur treu bleibt und die Bewertung in fünf Bereichen erfolgt. (Website DGNB: Stadtquartiere) Minergie Minergie ist ein Qualitätslabel in der Schweiz für nachhaltiges Bauen. Entstanden ist die Idee 1994 privat von zwei Ingenieuren. Seit 1997 wird die Marke von Kantonen, Bund und Wirtschaft gemeinsam getragen. Im Vordergrund steht der Komfort für den Nutzer. Da sich die Bauqualität eines Gebäudes auch über den Energieverbrauch bewerten lässt, dient diese hierfür als Schlüsselgröße. Die Klassifizierung erfolgt in verschiedenen Standards vom Niedrig- bis zum Plusenergiehaus mit besonderen ökologischen Voraussetzungen und wenig verbrauchter grauer Energie, mit den jeweiligen Bezeichnungen. Die Bewertung gilt für Neubauten und modernisierte Altbauten aller Gebäudekategorien, wie Mehrfamilienhäuser, Einfamilienhäuser, Verwaltungsgebäude, Gewerbegebäude, Schulen, Industrie- und Lagergebäude, Restaurants, Versammlungsstätten, Krankenhäuser, Sportbauten, Hallenbäder. Die Anforderungen sind verschieden definiert und


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an die jeweiligen Nutzungsbedingungen angepasst. (Website Minergie: allgemein) Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (SIA) Der Ingenieur- und Architektenverein der Schweiz agiert sehr ähnlich unserer Architektenkammer. Er stellt Normen, Energycodes, Ordnungen und Empfehlungen, sowie allgemeine Bedingungen aus. (Website SIA) Die SIAEmpfehlung 112/1 wurde speziell für nachhaltiges Bauen im Hochbau entwickelt und dient als Ergänzung. Sie ist also nicht verpflichtend. Sie ist untergliedert in die drei Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt und definiert in diesen Themen, die wiederum eigene Aspekte enthalten. Kriterien und Zielvereinbarungen ermöglichen es daraufhin, sowohl für Bauherren als auch Planende die Forderungen und Handlungsmöglichkeiten zu erfassen. Es handelt sich um Vorschläge, die objektspezifisch angewandt oder abgewandelt werden können. Die Empfehlung beschränkt sich aber nicht auf das Objekt des Gebäudes, sondern beschäftigt sich bereits mit dem Gebäude im Gefüge und mit dessen Umgebung. (Empfehlung SIA 112/1, 2004)

Momentan entsteht die SIA Empfehlung 111/1 für Nachhaltiges Planen und Beraten, die sich auf eine lokale Raumplanung bezieht, verstanden auf die Maßstabsebenen Areal, Quartier, Ortschaft und Kleinregion. Sie dient der Verständigung zwischen Auftraggebern und Planern und hilft, die relevanten Kriterien der drei Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt zu bestimmen und deren Anwendung zu klären. Sie untergliedert sich in die sechs Teile von Siedlung, Mobilität, Landschaft, Ressourcen und Umwelt, Gefahren, Ökonomie. Untergliederungen zeigen wiederum Themen und Handlungsfelder auf, die in der Zielvereinbarungen und Maßnahmen näher ausgeführt werden. (Rohentwurf Empfehlung SIA 111/1, 2010) European Energy Award | Energiestadt | e5 Programm Diese drei Labels, das erste gilt europaweit, das zweite ist das adäquate schweizer Modell, das dritte jenes für Österreich, zeichnen Städte, Gemeinden und Kreise aus, die eine besonders nachhaltige Energie- und Klimaschutzpolitik betreiben. Sie sind identisch aufgebaut, da sich das europäische Modell 2003 aus den beiden anderen gebildet hat. Schweizer und österrei-

chische Städte können deshalb eine Doppelauszeichnung haben. Es handelt sich um ein Qualitätmanagementsystem mit Zertifizierung in Edelmetallen oder Punkten, mit dem die Energie- und Klimaschutzaktivitäten der Stadt oder Kommune erfasst, bewertet, geplant, gesteuert und regelmäßig überprüft werden, um Potentiale der nachhaltigen Energiepolitik und des Klimaschutzes identifizieren und nutzen zu können. Ein Katalog umfasst sechs Maßnahmenbereiche: 1. Entwicklungsplanung und Raumordnung, 2. Kommunale Gebäude und Anlagen, 3. Versorgung und Entsorgung, 4. Mobilität, 5. Interne Organisation, 6. Kommunikation und Kooperation. Ein Berater steht dem jeweiligen Umsetzungsteam unterstützend zur Seite. Es liegt in der Eigenverpflichtung der Städte und Kommunen den Zielerreichungsgrad des Maßnahmenkatalogs zu erfüllen. Nach einer Vorbereitungsphase findet die Zertifizierung statt. Danach gibt es eine jährliche Erfolgskontrolle und alle vier Jahre eine neue Überprüfung und Auszeichnung. Ganz in einem nachhaltigen Sinne wird das erreichte Label zu einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. (Websites EEA, Energiestadt, e5 Programm)

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

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Nachhaltige Quartierentwicklung (NaQu) Das Gemeinschaftsprojekt Nachhaltige Quartierentwicklung von den schweizer Bundesämtern für Energie BFE und für Raumentwicklung ARE soll ein Bewertungs- und Entscheidungswerkzeug für die Gestaltung nachhaltiger Quartiere hervorbringen. Die Vision sieht vor, dass die Gebiete ressourcenschonend (2000Watt-Gesellschafts-kompatibel und mit kleinem ökologischem Fußabdruck) und wirtschaftlich (tragbare Finanzierung, langfristige Wirtschaftlichkeit, Nutzungsmischung) sind und eine hohe Lebensqualität (ausgewogene soziale Durchmischung, funktionierende Quartierstrukturen, Partizipation der lokalen Akteure) bieten können. Die 2000-Watt-Fähigkeit wird also auch hier nur dem Umweltbereich zugeordnet und kann nicht für die Ausformulierung des gesamten Quartiers stehen. Die Auswertung ist in zehn Themenfelder mit Unterkriterien gegliedert. Das Vorgehensmodell zeigt die Phasen der Quartierentwicklung: Bedürfnisabklärung › Ziele formulieren › Planung der Maßnahmen und des Gestaltungsplans › Umsetzung der Maßnahmen › Betrieb und Optimierung. Die Auswertung erfolgt als Spinnennetzdiagramm mit Zielerreichungsgrad und ist ähnlich dem

System des European Energy Awards. Dieses Werkzeug befindet sich momentan in der Entwicklung und Erprobung. Das Konzept soll in verschiedenen Stadien der Entwicklung angewandt werden können. (Websites Naqu) Es kann einen schon verwundern, wie viele und vor allem unterschiedliche Herangehensweisen es gibt. Deutlich zeigt sich hierbei, dass die Art und Weise der Betrachtung, der Blickwinkel und der Lösungsweg sich beeinflussend auf das Ergebnis und die Systematik verhalten. Wenn nun ohne politische Absichten oder einen verschärften Fokus auf bestimmte Teilaspekte auf das Vorhaben, ein nachhaltiges Quartier zu entwickeln, geblickt wird, welches sind die Notwendigkeiten, die eine solche herleiten? Diese Auflistung geht nicht auf eine Bewertung ein, sondern sucht nach den einzelnen notwendigen Faktoren und hat Thesen zum Ziel, die ein nachhaltiges Handeln für den Stadtplaner ermöglichen. Einzelne Punkte in den Kategorien können sich widersprechen oder zum selben Schluss kommen, sich gegenseitig aus- oder einschließen. Die Fokussierung liegt auf einer möglichen Ganzheitlichkeit.


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3.2. Faktoren einer nachhaltigen Quartiersentwicklung Im folgenderen sind die einzelnen Faktoren in den vier Schwerpunkten für die nachhaltige Quartiersentwicklung aufgelistet. 3.2.1. Ökologie | Umwelt * Lokale Umweltrisiken Bei der Planung des Quartiers und später beim Bau der Einzelelemente ist darauf zu achten, dass Risiken für die hiesige Umwelt vermieden werden und bereits begangene Verschmutzung oder Zerstörung möglichst rückgängig gemacht werden. Ansässige Pflanzen und Tiere gilt es zu schützen. Bei unvermeidlicher Zerstörung von Lebensraum sind adäquate Ausgleichsflächen zu finden und neu anzulegen. Es ist darauf zu achten, dass es zu keiner Luftverschmutzung, Boden- oder Gewässerverunreinigung kommt. Altlasten und Abfälle, die sich im oder auf dem Gelände befinden, sind abzutragen und gemäß den Bestimmungen zu deponieren. Bereits entstandene Bodenschäden sollen behoben werden und der Grund darüber hinaus vor Verschmutzung und Schadstoffeintrag, sowie vor Erosion und Verdichtung geschützt werden. Sind Industrie-

nutzungen vorgesehen, sollten besondere Anforderungen gesetzt werden und Kontrollen stattfinden. Es dürfen nicht mehr Emissionen entstehen, als gesetzliche Grenzwerten vorgeben. Allgemein gilt: Das natürliche Gefüge darf durch das Projekt nicht aus dem Gleichgewicht geraten. * Einwirkungen auf Umwelt global Die Wirkung des Vorhabens auf die weltweite Umwelt ist ebenso zu überprüfen. Das Quartier soll sich so verhalten, dass es weder zur Verstärkung des Treibhauseffekts, zur Versauerung von Böden und Gewässern, zum Ozonabbau und zu großem Ressourcenverbrauch beiträgt. Zudem soll eine Zerschneidung von Flächen, die Tieren und Pflanzen Lebensraum bieten, möglichst vermieden werden, denn das würde den allmählichen Entzug des natürlichen Lebensraumes bedeuten. Bei der Planung soll vielmehr darauf geachtet werden, was das entstehende Gebiet in puncto Nachhaltigkeit leisten kann. * Klimaveränderung des Gebietes Bei der Überplanung ist zu bedenken, zu welchen Veränderungen des Klimas es durch die

Bebauung oder Neustrukturierung kommen kann. Große versiegelte Flächen und unbegrünte Flachdächer heizen sehr stark auf. Das wirkt sich auf die Temperatur des Gebietes aus und es kann zu thermischen Verwirbelungen kommen. Smog, ungewöhnliche Luftströme, übermäßig viel Staub in der Luft können die Folgen sein. Zudem wird beim Wegfall von Pflanzen die Sauerstoffproduktion vermindert. Diesen Problemen ist entgegen zu wirken, beispielsweise in Form von Bepflanzung, Gründächern und unversiegelten Flächen. * Wechselwirkung mit Nachbargebieten Da eine isolierte Betrachtung des Plangebietes nicht zielführend sein kann, stellt sich immer die Frage, welche Wechselwirkungen und Synergieeffekte mit den umgebenden Quartieren möglich sind. Die Infrastruktur kann unter Umständen ausgeweitet werden. Darunter fallen nicht nur Straßen und Wege, sondern auch Anschlüsse, Versorgungseinrichtungen, Energie- und Wärmenetze, gemeinschaftliche Einrichtungen oder eine Vernetzung von Grünflächen. Eventuell ergeben sich daraus neue gemeinschaftliche Nutzungen oder Möglichkeiten. Wichtig ist ebenfalls, dass sich Bauten

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und Anlagen von Art der Nutzung, Größe und Körnung gut in Landschaft, Bestand und umgebende Quartiere einpassen. * Grünvernetzung | Artenvielfalt Ein wichtiges Augenmerk sollte darauf liegen, den Tier- und Pflanzenbestand zu schützen und deren Lebensraum zu erhalten, je nachdem sogar zusätzliche heimische Arten anzusiedeln Wenn dies nicht einfach möglich ist, dann müssen anderweitig Flächen angeboten werden, die die entsprechenden Bedingungen bieten. Es ist sinnvoll, Grünzüge und -flächen auch quartiersübergreifend zu verbinden. Sie werden so zu Vernetzungselementen in Landschaftsräumen und Korridore für die Fauna. Auch Waldflächen sind in Qualität, Größe und Funktion zu erhalten.

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* Flächeninanspruchnahme | Versiegelung Die Strukturen sollen eine gewisse Dichte aufweisen und dadurch nur notwendige Flächen versiegeln, denn die übermäßige Versiegelung des Bodens hat diverse negative Auswirkungen zur Folge. Der natürliche Abfluss des Wassers soll erhalten bleiben. Hierbei kann eine Dachbegrünung als natürliche Versickerungsfläche

dienen und einen Teil der Funktion der vorherigen Brachfläche zurückgeben. Eine irreversible Bodennutzung ist zu vermeiden, damit eine Nachnutzung gesichert bleibt. * Vorbereitung auf energieeffiziente Bauweise Im städtebaulichen Masterplan können bereits Faktoren berücksichtigt werden, die eine energieeffiziente Bauweise erleichtern. Dazu zählen beispielsweise die Ausrichtung von Gebäuden und ihre gegenseitige Verschattung. Solare Zugewinne und eine optimale Ausrichtung für Photovoltaik und Solarthermie können frühzeitig eingeplant werden. Aber auch ein gemeinschaftlich genutztes Nahwärmenetz kann angedacht werden. Und mit Bestimmungen können Energiestandards verpflichtend vorgeschrieben werden. * Materialwahl Die gewählten Materialien sollen ressourcenschonend hergestellt und mit wenig grauer Energie behaftet sein, also kurze Transportwege und wenig aufwändige Verarbeitung vereinen. Im besten Falle handelt es sich um regionale, gut verfügbare, langlebige, schad-

stoffarme und mit erneuerbarer Energie produzierte oder aufbereitete Materialien. * Primärenergiebedarf Der Umwandlungsfaktor von Primärenergiebedarf zu Endenergie und schließlich zur eigentlichen Nutzenergie soll durch Effizienzsteigerung, gerade bei elektrischen Geräten, stark gesenkt werden. Um das zu erreichen kann auch die Abwärme beispielsweise von Computern, genutzt werden. * Deckung Energiebedarf Die Elektrizität und Wärme, die das Quartier verbraucht, sollen zum größtmöglichen Teil vor Ort gewonnen werden. Es ist abzuklären, welche regenerativen Energien innerhalb des Gebietes gewonnen werden können. Liegen Potenziale für Wind, Wasserkraft, Biomasse, Photovoltaik, Solarthermie verborgen oder kann durch Industrieprozesse entstandene Abwärme genutzt werden. Überschuss kann in das Netz eingespeist oder, möglicherweise in Form von Elektroautos, gespeichert werden. * Rückbaubarkeit | Wiederverwertbarkeit Die eingesetzte Materialien sollen sich bei ei-


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nem späteren Rückbau wieder in ihre einzelnen Bestandteile auftrennen lassen und wiederverwendet oder anderweitig verwertet werden können. Hierbei gilt es vor allem in klar getrennten Schichten zu denken. Auch beim Bau können bereits Recyclingprodukte zum Einsatz kommen. Beispielsweise als Zuschlagstoffe. * Ressourcenschonende Infrastruktur Straßen und Wege sollen nur so breit als nötig ausgebildet werden und, wenn möglich, sollte man auch über eine alternative Belagsform zum Asphalt nachdenken. Wege können auch bekiest, Straßen gepflastert, Parkplätze können gestapelt oder unter das Gebäude verlegt werden. Im Außenbereich sind sickerfähige Beläge oft ausreichend. Allgemein gilt: Grünzüge möglichst nicht zu durchschneiden und Verkehrsverbindungen an günstigere Stellen zu legen. * Regenwassermanagement | Natürliche Wasserkreisläufe Ein überlegtes Ableiten des Regenwassers kann durch Trennung zwischen Schmutz- und Regenwasser die Kanalisation entlasten und

darüberhinaus als Nutzwasser günstige und ökologische Alternative für Garten und Toilette sein. Am besten wäre eine natürliche Versickerung, aber auch eine Retentierung über Flachdach wäre möglich und von dort aus die Einleitung in den natürlichen Wasserkreislauf. Diese Wasserrückhaltemaßnahme kann aber auch einfach nur eine temporäre Entlastung des Abwasserkanales sein, da der Niederschlag erst zeitverzögert abgegeben wird. Eine andere Möglichkeit ist das Sammeln in Zisternen oder gar einem Quartierssee, der als Überstaubecken dient, um von dort aus langsam aufgebraucht zu werden. Für die natürlichen bestehenden Wasserkreisläufe gilt: Keine Unterbrechung, nicht in Kanäle zwängen, unterirdisch umleiten und Verschmutzung vermeiden. Ein natürlicher Ablauf von Regen- und Schmelzwasser ist sicherzustellen, denn damit ist unweigerlich die Flora und Fauna des Gebietes verbunden.

3.2.2. Ökonomie | Wirtschaft * Flächenbedarf Um der Zersiedelung der Landschaft und Versiegelung von Flächen entgegen zu wirken, soll der Verbrauch an Fläche minimiert werden, was eine sehr effiziente Nutzung voraussetzt. Eine angebrachte Dichte soll geschaffen werden, die allerdings noch Freiraum im Quartier zulässt. Abtragung von Material soll nur zweckmäßig erfolgen und nur unter Rücksichtnahme auf die Umwelt. Möglichkeiten zur nahen Wiederverwendung sind zu suchen. Auch die Wohnraumfläche pro Person darf nicht weiter steigen. Kleinere Grundrisse mit sinnvoller Gestaltung und flexiblen Nutzungsmöglichkeiten werden benötigt. * Investitionskosten Die Investitionssumme soll dem entstehenden Quartier angemessen sein. Nicht die finanzielle Bereicherung für den Moment steht im Vordergrund, sondern die Dauerhaftigkeit der Struktur und Langlebigkeit der Einzelobjekte. Das Allgemeinwohl muss im Vordergrund stehen und als Rechtfertigung des Projektes für die Stadt dienen. Wichtig ist die Minimierung externenr Kosten, die Investition soll voll umfänglich in das Gebiet fließen.

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* Lebenszykluskosten Nicht nur die Kosten für die Erstellung sondern auch Projektentwicklung und Vorplanung, Unterhalt, Wartung, Sanierung bis hin zum Rückbau sind zu beachten und im Sinne einer ganzheitlichen und nachhaltigen Planung zu überprüfen. Nur wenn zu Beginn der Konzeption schon auf die Nachhaltigkeit geachtet wird und die Kosten kalkuliert werden, ist der größtmögliche Effekt zu erzielen. Bei einem Quartier ist auch zu bedenken, dass einige Lebenszyklen sehr lang werden, wie beispielsweise die der darauf errichteten Gebäude und andere kürzere Erneuerungsrhythmen haben, wie Straßen oder Leitungssysteme.

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* Öffentliche Investitionen Gelder aus der öffentlichen Hand schaffen ein Grundgerüst für das Quartier und lenken die Entwicklung in gewünschte Bahnen. Vor allem für kulturelle, bildende und gesundheitliche Einrichtungen muss die Stadt einstehen, aber auch für Anschlüsse der öffentlichen Verkehrsmittel. Hiermit besteht die Möglichkeit, das Interesse des Allgemeinwohls zu vertreten, zudem schafft es sowohl eine Attraktivität für private Investoren, als auch für Gewerbe und Industrie.

Die Rahmenbedingungen sind im öffentlichen Interesse formbar und es kann ein gewolltes Quartiersimage hergestellt werden. * Wertstabilität | Einnahmensicherheit Um den Wert des Quartiers und der Gebäude zu erhalten und sichere Einnahmen zu gewähren, ist es wichtig, dem Gebiet eine bleibende Attraktivität zu geben. Der Bevölkerungs- und Arbeitsplatzbestand muss stabil bleiben oder gar einen kontinuierlichen Zuwachs erleben. Um das zu erreichen, spielen viele Einzelfaktoren, zum Teil unabhängig voneinander, mit. Beispiele dafür sind: Einfache Umnutzbarkeit und Flexibilität bei sich verändernden Strukturen, beispielsweise im Grundriss, niedrige Betriebskosten durch einen hohen energetischen Standard, gute und gepflegte Bausubstanz mit eingehaltenen Sanierungsintervallen, sowie neue technische Investitionen, wenn diese nötig und rentabel sind, aber auch eine innovative Denkweise und Erweiterungsmöglichkeiten. * Vermarktung Eine frühe Vermarktung des Geländes bringt Planungs- und Finanzierungssicherheit. Das

gebildete Image des Gebiets und die Zukunftsaussichten können dabei helfen. Bei der Vermarktung sollte genau darauf geachtete werden, welche Investoren, Branchen und Denkweisen man sich in das Quartier holt. Sie sind zum einen der Motor, zum anderen liegen hier aber auch Gefahren, da Profitdenken und Allgemeinwohl oft nicht dieselben Ziele haben. Die Stadt muss hier ausloten können und die Rechte und Pflichten deutlich machen. * Umnutzbarkeit | Erweiterungsfähigkeit Wechselnde Nutzungen, sowie sich verändernde Lebensformen und -vorstellungen erfordern eine möglichst flexible Nutzbarkeit und eine Struktur, die Änderungen, respektive Modifikation zulässt und erweiterungsfähig ist. Dies lässt den Eigentümern Handlungsspielräume und erhöht Wert und Attraktivität. * Integrierte Planung Frühe integrierte Planung mit allen Beteiligten spart Zeit und Geld und führt zu einem qualitativ besseren Ergebnis, sowie zufriedeneren Beteiligten. Erforderlich dafür ist eine gute Koordination und der Wille, am Anfang etwas mehr zu leisten, um alles in gedachte Bahnen


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zu leiten und den Mitwirkenden einen Informationsstand zu geben. Das zu erzielende Resultat ist früh zu definieren, um alle Planungsschritte darauf auslegen zu können. * Standortqualitäten Die Qualitäten und Besonderheiten, die der betreffende Standort mit sich bringt, sollten analysiert und herausgearbeitet werden. So lässt sich das Quartier optimal nutzen und Entwicklungspotenziale können ausgeschöpft werden. Darüberhinaus sollten die nötigen Bedingungen für die gewünschte Wirtschaftsentwicklung geschaffen und die jeweils geeigneten Standorte dafür generiert werden. Arbeitskräfte vor Ort anzusiedeln bedeutet zum Einen, die Möglichkeit zu bieten, Wohnen und Arbeiten durch kurze Wege miteinander zu verbinden und zum Anderen bleibt die Kaufkraft im Quartier selbst, was eine weitere nachhaltige Auswirkung hat. * Risiken am Mikrostandort Mögliche Risiken sind zu berücksichtigen und adäquate Maßnahmen, wie beispielsweise gegen starke Wettereinflüsse, Erdbeben, Strahlung und Überschwemmungen, zu ergreifen.

Sicherheit und finanzieller Mehraufwand müssen im Verhältnis zu dem gewünschten Ergebnis und dessen Wert stehen. * Wirtschaftsförderung Eine wirtschaftliche Förderung, unter dem Vorbehalt von Auflagen, wie Umweltverträglichkeit, Emissionsminimierung oder erhöhtem Gebäudestandard, kann gewollt und mehrfach dienlich sein. Das Ziel liegt hierbei auch auf der Rückfinanzierung durch das Ankurbeln der Standortentwicklung mit neuen Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen. Aber auch das Prestige und der Vorbildcharakter des Gebiets sind förderlich.

3.2.3. Soziokultur | Gesellschaft * Soziale Vielfalt | Durchmischung | Integration Durch eine Durchmischung sozialer und finanziell unterschiedlich gestellter Schichten und der Integration von ethnischen, religiösen und demografischen Gruppen entsteht ein stabiles Gefüge, welches die Akzeptanz und den gegenseitigen Respekt fördern. Der Aufbau der Gesellschaft zeichnet sich im kleinen Maßstab ab. Es entstehen keine Monokulturen mit deren bekannten Problemen, wie: Ghettoisierung, Segregation, Isolation, Gentrifizierung. Vielmehr wächst ein ganzheitlicher Lebensraum, der allen differenzierten Ansprüchen von Bewohnern, Beschäftigten und Besuchern gerecht werden kann. * Nutzungsvielfalt | Bedürfnisanalyse Um eine optimale Funktion des Quartiers zu gewährleisten, ist es notwendig, die entstehenden Bedürfnisse zu erkennen und die entsprechenden Nutzungen vorzusehen. Dies gilt sowohl für die Art, als auch die Menge an diesbezüglichen Einrichtungen. Maßgeblich dafür ist zudem die vorgesehene Ausrichtung des zu entwickelnden Gebietes. Bei einem Wohn-

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gebiet sollen unterschiedliche Wohntypen die erwähnte Durchmischung ermöglichen, aber auch an den Bedarf und die Versorgung der Menschen ist zu denken. Benötigt werden Geschäfte, Bildungseinrichtungen, Freiraum und vieles mehr. Vielfalt und eine gewisse Flexibilität ermöglichen es, sich bei verändernden Rahmenbedingungen der eigenen Verhältnisse im gleichen Gebiet neu zu orientieren, privat als auch geschäftlich. * Aufenthaltsqualität | Räumliche Identität Die Qualitäten des gemeinschaftlichen wie auch privaten Aufenthaltes sollen differenziert sein und allen unterschiedlichen Ansprüchen etwas bieten können. Ziel ist die Schaffung unterschiedlicher Orte im Quartier. Die öffentlichen Flächen sollen allen zugänglich sein, um hierdurch Akzeptanz wie auch Sicherheit zu fördern, aber verschiedene Charaktere besitzen und dadurch bestimmte Gruppen eventuell eher ansprechen. Die Ausformulierung kann sehr unterschiedlich sein, soll aber Identität schaffen.

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* Kommunikation | Kontakt Um die Begegnung zu fördern, sind Gemein-

schaftsräume, Kommunikationsorte oder andere Möglichkeiten des geplanten und zufälligen Kontaktes vorzusehen. Diese soll in unterschiedlichen Größenordnungen geschehen. Was in einer Wohnung der öffentliche Bereich des Kochens und Wohnens ist, kann in einem Gebäude die Ausformung der Erschließung sein oder die Gestaltung des Zugangs, für das Gebiet gesehen Freiflächen, Einrichtungen für die Gemeinschaft, Institutionen. Diese Orte sollen möglichst prägnant sein. * Soziokulturelle Strukturen Zur Organisation des Quartiers gehört auch die Planung der benötigten, respektive gewünschten sozialen und kulturellen Einrichtungen und Angebote. Darunter fallen einige unter staatliche Trägerschaften und müssen besonders berücksichtigt werden, wie beisspielsweise Einrichtungen für Bildung, Gesundheitsversorgung und allgemeine Förderung. Andere entwickeln sich allmählich durch Angebot und Nachfrage. Um den Charakter eines Quartiers nicht zu gefährden, sollte sich die Stadtplanung herausnehmen können, gegebenenfalls Nutzungen oder Einrichtungen abzulehnen, sollten diese der gewünschten Entwicklung nicht zuträglich sein.

* Sicherheit Beim Planen des Quartiers sollte Sicherheitsaspekte berücksichtigt werden. Diese beginnen bei der Organisation des Gebietes in seiner Struktur, Durchwegung, Publikumsmenge und vor allem der Beleuchtung. Diese stellt einen großen Faktor dar, ob man sich bei Dunkelheit sicher fühlt und sich frei bewegen kann. Dazu tragen aber auch übersichtliche Straßenfluchten und Plätze bei, sowie Abstandsflächen zu höherer Vegetation, Gebäudeversprüngen oder Wasserläufen. Bereits bei den Bauphasen muss auf diesen Aspekt Rücksicht genommen werden. Auch die Auswahl der Materialien trägt zur körperlichen Sicherheit bei. * Sauberkeit | Lärmbelastung Auf die Bedürfnisse der jeweiligen Quartiersnutzungen ist einzugehen. Während Sauberkeit und geminderte Lärmimmission in einem Wohnbereich die Lebensqualität enorm erhöhen, ist dies in anderen Bereichen nicht so nötig und je nachdem auch gar nicht möglich. Es gilt also, Nutzungen mit ähnlichen Ansprüchen an bestimmten Punkten zusammen zu fassen und die Auswirkungen der einzelnen Bereiche aufeinander zu überprüfen. Störende


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Einflüsse sollten aus Wohnbereichen möglichst fern gehalten werden. * Gesundheitsrisiken Auftretende Einflüsse aus Umwelt oder menschlicher Einwirkung sollen so gering als möglich gehalten werden, besonders wenn sie als Gesundheitsrisiko gelten. Durch nahe Industrie kann es beispielsweise zu Luftverschmutzung, durch Natureinwirkung zu Erschütterung, Strahlung, Überschwemmung kommen. Die Nutzung ist an die Gefahren anzupassen und mögliche Maßnahmen sind zu treffen. Der Schutz von Menschen steht immer über dem Interesse einzelner. * Freiflächen | Naherholungsmöglichkeit Für Bewohner, Besucher und Beschäftigte ist es wichtig, neben Gebäuden und Einrichtungen auch Freiflächen vorzufinden, die zu Erholung und Abwechslung beitragen. Dabei kann es sich sowohl um Grünflächen oder Parks als auch um befestigte Flächen für Gastronomiebetrieb, sportliche Aktivitäten oder als Platzgestaltung handeln. Gerade naturnahe bepflanzte Bereiche bieten einen besonderen Erholungsfaktor und können schnell und auf kurzem

Wege zum Wohlbefinden erheblich beitragen. Wichtig dabei ist es, geeignete Bodenflächen zu erhalten, aus mehr als nur praktischer Sicht, und sich an einer langfristigen Entwicklung orientieren. Kleine Bäume werden eines Tages groß, angelegte Flächen werde, langsam von der Natur zurückerobert. Bei Möglichkeit und Interesse ist es auch immer eine Überlegung wert, Fläche für landwirtschaftlichen Anbau oder Gartenbau bereit zu stellen. * Barrierefreiheit | Zugänglichkeit Zu Beginn der Planungen ist zu definieren, wie viel öffentliche Fläche, vor allem wie viel Freifläche ausgewiesen werden soll. Diese sollte möglichst allen Bewohner zur Verfügung stehen. Alle öffentlichen Räume und Flächen, sowie ein festzusetzender Prozentsatz an privatem Raum müssen barrierefrei erreicht werden können. Dies bedeutet auch, dass Belagsmaterialien besonders rollstuhlfreundlich ausgesucht und glatte Oberflächen im Außenbereich vermieden werden. Der demografische Alterungsprozess fordert dies immer mehr. Und da jetzt für die Zukunft geplant wird, gewinnen solche Aspekte zunehmend an Bedeutung. Öffentliche Bereiche sollten auch besonders als solche wahrgenommen werden.

* Zwischennutzungen Um das Gebiet nach außen zu tragen, gleichzeitig Menschen hineinzuziehen und Übergänge zu überbrücken, sind temporäre als auch längerfristige Zwischennutzungen eine gute Möglichkeit. Das Quartier erhält einen Bekanntheitsgrad nach außen, es kann abgetastet werden, was einmal gebraucht wird oder einfach was ankommt. Es gibt den Menschen die Chance, etwas auszutesten. Hierbei kann es sich um fast jede denkbare Nutzung handeln, die mit den bestehenden oder übergangsweisen Verhältnissen auskommt. * Ausrichtung | Anordnung Die städtebauliche Planung entwickelt den Charakter des Quartiers. Die Anordnung der Gebäude, ihre Nutzung und die Höhe unterliegen dieser genauso, wie ihre Ausrichtung, die später im Optimalfall passiv oder aktiv solar ausgenutzt werden kann. Und auch das Verhältnis von Bebauung und Freifläche, wo sich letztere befinden und zu einem gewissen Grad bereits wie sie ausgeformt werden, beinhaltet die Masterplanung. Hier können bereits in einem sehr frühen Stadium Weichen gestellt werden. 49


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* Städtebauliche Ausmaße und Einbindung Die anzustrebende Dichte und Bebauungsart bestimmen die Maßstäblichkeit. Es sollte grundsätzlich am menschlichen Maßstab gemessen und eine moderate Dichte angestrebt werden. Gebäudehöhen und Abstandsbreiten sollen keinen beengenden Eindruck erwecken. Offene Flächen sollen auch zur Entspannung für das Auge beitragen. Das ist gewiss ein sehr subjektives Empfinden. Oft kann auch eine bestimmte Harmonie und Einbindung mit den umgebenden Quartieren eine Annäherung sein. Zumindest an den Rändern ist ein gewähltes Eingehen auf den Bestand von Bedeutung.

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* Zustand | Image Der Charakter des Gebiets prägt sein Image nach außen hin. Es sind viele Faktoren, die diesen zu einem Ganzen fügen und er wird auch von unterschiedlichen Menschen anders empfunden. Es ist wichtig, sich vorher im Klaren darüber zu sein, wie sich das Quartier präsentieren soll, welche Besonderheiten es aufweist, wo es prägnante Stellen gibt, die hervorgehoben werden können. Die Menschen, die das Gebiet beleben, machen einen großen Teil aus.

Aber auch Einrichtungen, Grünflächen oder Bestand, der erhalten wird und die Geschichte des Ortes erzählt. * Weiterverwendung von Bestand Bereits im Quartier existente Dinge, wahrgenommen werden hier hauptsächlich Gebäude, können Identität stiftend sein und es ist immer eine Überlegung wert, sie weiterzuverwenden. Wichtig ist ist es, bestehende Gebäude oder andere Zeitzeugen in das neue Ganze einzubinden, ihren Charme zu wahren, sie jedoch nutzungs- wie sanierungstechnisch zu überholen. Hierfür können Gebäude auch unter Denkmalschutz gestellt werden. Da Sanierungen meist aufwendiger und teurer sind, ist dies im Vorhinein zu beachten. * Partizipation Die Beteiligung betreffender Gruppen an der Planung, kann die Akzeptanz für das Entstehende ganz erheblich fördern. Die Identifikation wächst stark, wenn Beteiligung stattfindet und mitgestaltet werden kann. Die Wertschätzung für ein Produkt, dessen Entstehungsprozess begleitet wird, steigt genauso wie der Wille zu Erhalt und Pflege. Eine angemessene Einbin-

dung im Umfang der Möglichkeiten kann alle Seiten zufrieden stellen. Der Mitwirkende kann seine individuellen Vorstellungen mit einfließen lassen, Knüpft Kontakte, versteht Entwicklungsgänge. Der Planende fertigt ein Ergebnis, das funktioniert und angenommen wird. Der Investierende kann von der Benutzung und dem schonenderen Umgang sogar finanziell profitieren. * Politische Anreize Um eine gewünschte Entwicklung zu fördern und anzukurbeln, können von politischer Seite aus verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Transparenz und eine systematische Aufklärung der Bürger fördern Interesse, Akzeptanz und Bewusstsein. Kleine Aktionen können ein Angebot der Stadt für ihre Einwohner und Interessierte von außen sein. Dabei kann auch untersucht werden, welche Wünsche und Vorstellungen bestehen. Um gezielt zu fördern, können Subventionen ins Spiel kommen. Diese können ein Motor für eine bestimmte Entwicklung sein, sollten aber nie auf Dauer eingesetzt werden. Sobald der angestrebte Prozess beginnt, sich zu verselbständigen und rentabel zu werden, sind Subventionsmaßnahmen über-


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flüssig und können anderweitig eingesetzt werden. Eine zielorientierte Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren, inländischen Quellen kann das Angebot lenken und passt sich an die momentan herrschenden Notwendigkeiten an. Forschungsförderung kann zusätzlich richtungsweisend eingesetzt werden. * Politische Eingriffe Es gibt ebenso Möglichkeiten, eine gewollte Entwicklung vorzugeben und Beteiligte dazu zu bringen, diese nachzuvollziehen. Am schwierigsten neu zu gestalten, aber auch am effektivsten, sind Gesetze. Aber auch finanzielle Abgaben, wie Steuern oder Umweltabgaben, beispielsweise eine Lenkungsabgabe, tragen zur Regulierung und Steuerung in gewollte Richtungen bei. Wirtschaftliche Belastungen greifen hier meist sehr schnell. Technische Richtlinien können ebenfalls die gewollte Entwicklung ankurbeln. Es können aber auch bestimmte festgeschriebene Forderungen sein, wie die Umsetzung eines ausgearbeiteten Masterplans oder der energetische Standard der Gebäude.

* Konzepte überprüfen | Vergleiche Um Möglichkeiten auszuloten und verschieden Entwicklungsszenarien zu überprüfen, lohnt sich immer eine kritische Hinterfragung der Konzepte von unterschiedlichen Fachleuten. Vergleiche können durch ein Wettbewerbsverfahren gezogen werden. Unterschiedliche Planungen zeigen nicht nur die Machbarkeit und die Chancen auf, sonder auch Probleme oder bisher nicht bedachte Punkte. * Geforderte Qualität überprüfen Die nach der Vorplanung festgesetzten Ziele müssen ständig auf Einhaltung überprüft werden. Sich verändernde Rahmenbedingungen müssen immer auf das laufende Planungsergebnis überprüft werden und gegebenenfalls sind Anpassungen vorzunehmen. Wichtig ist die langfristige Sicht, denn ein geformtes Quartier wird für einen langen Zeitraum existieren. Der Stadt an sich, wie auch ihren Bürgern ist eine Qualität geschuldet und deren Umsetzung ist zu kontrollieren.

3.2.4. Infrastruktur | Verkehr und Versorgung * ÖV-Infrastruktur Ein gut ausgebautes Netz öffentlicher Verkehrsmittel mit ausreichend Haltestellen und einer angemessenen Taktung, vor allem zu Stoßzeiten und bei großen Dichten, ist unverzichtbar. Damit wird eine verkehrsbewusste Lebensweise ermöglicht und Zwangsmobilität, in Form von Pendeln mit Individualkraftfahrzeugen, größtenteils vermieden. Gerade für Familien mit Kindern ist dies auch eine große Entlastung und für die Jugendlichen selbst ein gewisser Grad persönlicher Freiheit. Das Verkehrsnetz, es kann aus verschiedenen Mitteln, wie Bus, Bahn, S-Bahn, Tram, bestehen, muss entweder wirtschaftlich tragbar oder städtisch subventioniert sein. Letzteres kann beispielsweise durch Parkierungsgebühren teilweise gegenfinanziert werden. * Individuelle Infrastruktur Fahrzeuge Ein funktionsgerechtes Straßennetz wird in jedem Fall benötigt, denn die Erreichbarkeit und Anfahrbarkeit der Wohn- und Arbeitsstätten muss gewährleitet sein. Jedoch kann dies mit minimalem Flächenverbrauch und unter

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Einsatz möglichst umweltfreundlicher, wiederverwertbarer Materialien und sparsamem Umgang mit Ressourcen erfolgen. Es soll also funktional, aber so reduziert wie möglich sein. So können mehr Menschen dazu bewegt werden, auf öffentliche Verkehrsmitte oder Fahrrad, respektive Fuß und Fahrgemeinschaften umzusteigen. Ein Fortschritt in dieser Beziehung sind auch Car-Sharing Modelle. Nicht besitzen sondern benutzen ist hier das Motto. Das Parkplatzangebot sollte abgestimmt werden, auf das prognostizierte, wie auch auf das erwünschte Verkehrsaufkommen und die Notwendigkeit von Stellplätzen muss überprüft werden. Bei funktionierenden öffentlichen Verkehrsmittel, benötigt nicht jede Wohnung einen Stellplatz und autofreie Siedlungen können so gefördert werden.

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* Langsam- und Veloverkehr Das Wegenetz für den Fahrrad- und Fußgängerverkehr muss gut ausgebaut, funktional, sicher und attraktiv sein. Zudem sollte es an die umgebenden Quartiere und die wichtigsten Knotenpunkte und Zentren angeschlossen werden. Die Sicherheit an Kreuzungen ist sehr wichtig, gerade auch um Kindern einen

gefahrlosen Verkehrsweg zu bieten. Eine persönliche Grundversorgung sollte auch via Rad oder per Fuß erreichbar sein. Anstatt das eigene Rad überall dabei zu haben und für die Reparaturen zuständig zu sein, könnte auch ein Fahrrad-Leih-System nach Vorbild großer Städte angedacht werden. Hier kann man an vielen verschiedenen Punkten ein Fahrrad leihen und es an anderen Stellen wieder zurückgeben. Man wird Mitglied und legitimiert sich und kann dann dieses System nutzen, was sehr attraktiv wird, wenn man zum Beispiel erst Fahrten über einer halben Stunde bezahlen muss. * Verkehrssicherheit Egal um welches Fortbewegungsmittel es sich handelt, die Sicherheit steht an oberster Stelle. Gerade an Punkten wo sich einzelne oder mehrere Verkehrsmittel kreuzen, ist auf eine Trennung oder gegebenenfalls auf eine eindeutige Regelung zu achten. Aber auch die Wege und Straßen selbst müssen sicher ausgeführt sein. * Beleuchtung Die Beleuchtung eines Quartiers ermöglicht

die nächtliche Orientierung und trägt somit auch zur Sicherheit bei. Sie kann Orte hervorheben und prägt Raumeindrücke und Empfindungen. Sie ist genau zu planen und möglichst über regenerative Energiezufuhr zu versorgen. Als Gestaltungselement kann Licht selbst zur Kunst werden. * Erschließung Erholungs- und Freizeitangebote Öffentliche Flächen sollen mit minimalem Landschaftsverbrauch und schonend erschlossen werden, was auch beinhaltet, dass sich eine Haltestelle des ÖV in unmittelbarer Nähe befindet und der Fahrrad- wie auch Fußgängerverkehr direkt angeschlossen ist. Verkehrsintensive Einrichtungen sollen sich auf geeignete Standorte außerhalb der Erholungszonen beschränken. Somit kann das Bewusstsein für Umwelt und Natur gestärkt werden. * Verkehrsanbindung an Netz der Stadt Nicht nur die innerquartierliche Erschließung ist von Bedeutung, sondern auch die Verkersanbindung an das Netz der Stadt und über die Stadtgrenzen hinaus an den Regionalverkehr, sowie zu wichtigen regionalen und überregi-


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onalen Zentren. Diese Verbindungen tragen maßgeblich dazu bei, dass auf ein eigenes Fahrzeug ohne Qualitätseinbußen verzichtet werden kann. * Technische Versorgungsinfrastruktur Zu- und Ableitungen der notwendigen Versorgunginfrastruktur sind so zu planen und bereit zu stellen, dass sie von jedem Grundstück aus einfach angeschlossen werden können und bei der Maximalauslastung des vorhersehbaren Zustandes noch gut funktionieren. Sicher benötigt werden: Trinkwasserzuleitung, Abwasserableitung, Stromversorgung, Telefonnetzanschluss. Je nach Gebiet angeboten werden zudem: Gasanschluss, Kabelfernsehen, getrennte Ableitung nicht verschmutzten Niederschlagwassers, Wärmenetze, Kommunikationsnetze. Das Angebot kann hierbei auch die Absichten lenken, indem man die Abnahme anbietet oder zwingend vorschreibt. * Abfallmanagement Eine effiziente Abfallwirtschaft in der stark auf die Trennung geachtet wird und Wertstoffe herausgefiltert werden, ist unumgänglich. Die kostenpflichtige Bereitstellung von Behältnissen

und der organisierte Abtransport sind nicht ausreichend. Eine umfassende Aufklärung der Bürger über die richtige Trennung und das Fördern eines sich entwickelnden Bewusstseins für die selbstverursachte Menge und Qualität an Müll und die Aufteilung in Recyclingklassen sind notwendig. Auch die Abfallentsorgung auf öffentlichen Flächen im Gebiet ist zu regeln. * Wasserkreisläufe Verschiedene Wasserkreisläufe sind zu koordinieren und ökologisch abzuhandeln. Eine umweltgerechte Entnahme, Aufbereitung und schließlich die gesicherte Versorgung an gesundem Trinkwasser ist zu gewährleisten. Das anfallende Abwasser ist zu sammeln, eventuell unter Gewinnung von Abwärme abzuleiten und so wiederaufzubereiten, dass es rückstands- und gefahrlos in natürliche Gewässer wiedereingeleitet werden kann. Die Grundwasserqualität soll erhalten oder gar verbessert werden. Der Grundwasserspiegel und die Wassermenge von fließenden oder stehenden Gewässern sind auf ihrem natürlichen Niveau zu halten. Eine Systemtrennung von Schmutzund Regenwasser und eine dadurch mögliche natürliche Versickerung können ein Schritt sein.

Bei starker Versiegelung und viel anfallendem Niederschlagswasser ist es lohnenswert, Rückhalte- und Sammelmöglichkeiten für Regenwasser zur Nutzung in Toiletten, im Garten und für die Wäsche anzudenken. * Energieversorgung Eine ausreichende und sichere Gewinnung sowie Verteilung von Energie ist zu gewährleisten. Das Netzt soll möglichst dezentral, regional und ökologisch versorgt werden. Dabei sind Effizienz und erneuerbare Energien zu bevorzugen und zu fördern. Verschiedene Energiemixe geben Wahlmöglichkeit, fördern die Auseinandersetzung mit dem Thema und können eine finanziell wie ökologisch maßgeschneiderte Versorgung bieten. * Energietechnik | Möglichkeiten Zusätzliche Potenziale zur Energiegewinnung innerhalb des Quartiers oder gebietsnah in Form von Wärme oder Strom müssen erkannt und ausgenutzt werden. Diese können sein: Windkraft, Wasserkraft in umgebenden Gewässern, Geothermie, Solarpotenzialflächen, Abwärme der Kanalisation, Abwärme aus produzierendem Gewerbe, Biomasseanlage

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und notwendige Nutzflächen. Zudem können Elektroautos flexibel als Batterien für momentan überschüssigen Strom genutzt werden und Beispielsweise in einem Car-Sharing Projekt angeboten werden. * Versorgungsinfrastruktur täglicher Bedarf Das Quartier soll möglichst alles bereithalten können, was Dinge des täglichen Bedarfs sind. Die Wege können so kurz gehalten werden, was verschiedene positive Effekte mit sich bringt: Reduzierung von Verkehr, Zeitersparnis, Zufriedenheit, soziale Durchmischung, Förderung von Kleingewerbe, Quartiersaktivierung und verbleibende Kaufkraft. Entsprechende Gewerbeeinheiten sind verpflichtend vorzusehen und die Mieten, respektive Steuern anzupassen.

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3.3. Thesen einer nachhaltigen Quartiersplanung Aus der Betrachtung der differenzierten Faktoren ergeben sich neun Thesen, die für eine nachhaltige Quartiersentwicklung unabdingbar sind. Sie greifen in mehrere Schwerpunkte gleichzeitig ein und verknüpfen diese somit auch. Denn weder eine besondere Entwicklung der Ökologie, noch Ökonomie, Soziokultur oder Infrastruktur kann isoliert angegangen erfolgreich sein. Wichtig ist es, Ziele bereits zu Beginn zu formulieren und auch zu hierarchisieren, um im Konflikt einen klaren Leitfaden zu besitzen. Diese Ziele müssen während der Planung stets im Blick behalten werden, denn eine Weichenstellung erfolgt sehr früh und einmal angefangen, können viele Dinge nicht mehr revidiert werden. Dies bedeutet, dass alle Grundgedanken der Planung nachhaltig ausgerichtet sein müssen und ein ganzheitlicher Prozess entwickelt werden muss.

1. Partizipation und Kommunikation schaffen Akzeptanz und erhöhen die langfristigen Erfolgsaussichten. Eine frühe Einbeziehung aller Beteiligten in den Planungsprozess und eine aktive Transparenz führen zu Beteiligung, mehr Engagement und größerer Akzeptanz. Eine breitere Ideenentwicklung durch verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Perspektiven erweitert Horizonte und gibt jedem das Gefühl, ein ernst genommenes Mitglied und ein wichtiger Teil der Planung zu sein. Ein solches Mitwirken schafft Zufriedenheit und führt zu einer erfolgreichen Entwicklung. Ein ganz eigenes Image kann geprägt werden, dass eine in allen Punkten durchdachte Entwicklung erfährt. Beispiele möglicher Maßnahmen: * Planungsschritte offen legen * regelmäßige Information über Tagespresse und Stadtblatt * Homepage mit Interaktion und grafisch pas sendem Image, übersichtlich und regelmä ßig aktualisiert * runder Tisch und Aktionstreffen I nteressierter * öffentliche Stadtratssitzungen


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* Aufnahme von Meinungen und Ideen * Anlaufstellen bilden * Aktivitäten um Menschen das Quartier näher zu bringen * klären welche Einrichtungen benötigt und gewünscht werden * Beteiligung bei der Gestaltung von Straßen, Plätzen und Grünflächen * Mitsprache bei der Architektur, wie gewünschter Grundrissorganisation oder Materialwahl 2. Besondere Qualitäten im Quartier führen zu Identifikation. Ein qualitätvolles Gebiet mit ansprechenden Bauten, differenzierten Außenräumen und einer vielfältigen Ausgestaltung birgt eine hohe Qualität. Diese führt zur Zufriedenheit der Bewohner und Benutzer und ist imagefördernd über die Grenzen des Quartiers hinaus. Eine auf Langlebigkeit und gute Umnutzbarkeit angelegte Struktur schafft es, sich verändernden Ansprüchen anzupassen. Diese Struktur darf kein Zufallsprodukt werden oder durch Spekulation beeinflusst sein. Sie ist das Ergebnis einer geplanten vorausschauenden Entwicklung. Eine soziale und ethische Durchmischung sind

hierbei unbedingt anzustreben. Beispiele möglicher Maßnahmen: * Qualitätsvolle und individuelle Architektur fördern * Differenzierte Freiräume gestalten 3. Angepasste Dichte statt hohem Flächenverbrauch. Der Anteil an versiegelter Fläche ist möglichst gering zu halten. Die Dichte der entstehenden Struktur soll sich dem geplanten Charakter anpassen, aber eine Zersiedelung der Landschaft verhindern. Eine erhöhte Dichte und dafür mehr begrünte Fläche soll angestrebt werden. Auch die Infrastruktur oder Platzbeläge sollen nur so viel Fläche als nötig versiegeln. Beispiele möglicher Maßnahmen: * Vertretbare Dichte ausreizen * Möglichst viel unversiegelte Fläche schaffen * In größeren Strukturen denken und keine kleinteiligen Baukörper wie Einfamilienoder Doppelhäuser erstellen

4. Grünvernetzung ist ein elementarer Bestandteil. Das ökologische Gleichgewicht ist zu erhalten und zu fördern. Der Lebensraum für Pflanzen und Tiere muss geschützt werden. Dafür sind Grünflächen anzudenken, die miteinander und über das Quartier hinaus mit Flächen der Umgebung vernetzt werden. Dies bietet einen großen Naherholungswert für alle Bewohner, kann zur Gesundheit beitragen, schützt Lebensraum und somit einheimische Arten, trägt zur Reinigung der Luft bei und schafft eine weitgehend verlorene Verbundenheit mit der Natur. Gerade für Kinder ist es wichtig, Zyklen der Natur hautnah zu erfahren, zu verstehen und daraus zu lernen. Beispiele möglicher Maßnahmen: * Bestehende Grünflächen erhalten oder umsiedeln, neue planen und mit der Umgebung vernetzen * Heimische Pflanzen verwenden * Tieren Lebensraum bieten * Fuß- und Fahrradwege attraktiv an oder in Grünflächen legen und ebenfalls vernetzen 55


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

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5. Verkehrsstrukturen überdenken und Strategien für funktionierende Netze entwickeln. Das weitgehend auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtete Verhalten muss grundlegend überdacht werden. Nachhaltigen Verkehrsmitteln ist immer Vorrang zu gewähren. Dies bedeutet, dass das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel gut ausgebaut werden muss, Haltestellen sollen sich in einfach erreichbarer Nähe befinden und eine annehmbare Taktung haben. Zudem müssen gut angeschlossene sichere Fahrradwege entstehen, die eine persönliche Erschließung, vor allem wichtiger Knotenpunkte und Einrichtungen, zulassen. Ebenso ist daran zu denken, sichere und attraktive Fußwege auszubilden. Diese sollen zum einen vielfältig sein, um der Erholung zu dienen, zum anderen aber auch direkt und kurz, um Knotenpunkte wie S-Bahn-Stationen oder Supermärkte zu erreichen. Fuß- und Fahrradwege können teilweise zusammen geführt werden. Für das gesamte Quartier ist eine Strategie zu entwickeln, die den motorisierten Verkehr drosselt und unbequemer werden lässt. Innovative Konzepte, wie zum Beispiel Car-Sharing, sollen ebenfalls gefördert werden.

Beispiele möglicher Maßnahmen: * Öffentliche Verkehrsmittel fördern, Haltestellen und Taktung erhöhen * Direkte Fahrradwege mit guter Verbindung anbieten * Attraktives Fuß- + Radwegenetz ausbauen * Motorisierten Individualverkehr begrenzen 6. Alle Ressourcen so effizient als möglich einsetzen. Alle einzusetzenden Ressourcen wie Material, Energie, Boden und Geld oder auch technische Möglichkeiten sollen effizient ausgeschöpft werden. Intelligente Lösungen sind dabei vor allem diejenigen, die naheliegende Möglichkeiten ausschöpfen, wenig Eingriff vornehmen und kurze Wege bevorzugen. An Recyclingprozesse ist zu denken. Verunreinigte Flächen sind zu säubern und kontaminierter Boden abzutragen. Beispiele möglicher Maßnahmen: * Abwärme nutzen * Wärmenetze erstellen * Abfälle weiterverwenden * Recyceltes und heimisches Material bevorzu gen

* Wenig Bodenaushub * Kontaminierten Boden austauschen * Effizienter Einsatz aller Geräte und Maschinen von Baubeginn bis Benutzung 7. Nachhaltige Entwicklung ist ein langer Prozess und kein Endzustand. Nachhaltigkeit beschreibt keinen zu erreichenden Zustand, sondern ein geschlossenes System, dass natürlich regeneriert werden kann, ohne grundsätzliche Wesensmerkmale zu verändern und so Bestand hat. Bei einem Quartier bedeutet dies, nicht in der Momentaufnahme eines vermeintlich fertigen Gebietes zu denken, sondern in Kreisläufen für einen langfristigen Nutzen. Erst eine durchdachte Planung, die Lebenszyklen beachtet und die Entwicklung auf lange Zeit versucht zu sehen, kann wirklich nachhaltig sein. Beispiele möglicher Maßnahmen: * Entwicklungsrichtung klären und unter dem Wissen aller bereits bekannter Faktoren und zu erwartender Veränderungen auf Richtigkeit und Langlebigkeit überprüfen


Analyse | Nachhaltige Quartiersentwicklung

* Bekannte Veränderungen frühzeitig einplanen * Demografischen Wandel beachten 8. Maßstabsgerechte Versorgungsstruktur ausbilden. Die Versorgungseinrichtungen müssen an die Größe und Kapazitäten des Quartiers angepasst werden. Grundsätzlich sind Einrichtungen des täglichen Bedarfs vorzusehen und gut anzubinden, um unnötige Wege zu vermeiden. Des Weiteren sind ab einer adäquaten Größe und Nachfrage diverse Bildungs- und Kultureinrichtungen, Ärzte, verschiedene Dienstleistungen und Gewerbe vorzusehen. Die Menge richtet sich nach der Nachfrage im Quartier und dem Zufluss von Außenliegenden, die aber das Angebot nutzen möchten. Dieser setzt eine hohe Attraktivität voraus und ist sehr gewollt, solange er keinen zusätzlichen Durchgangsverkehr auslöst und mit öffentlichen Mitteln gut bewältigt werden kann. Beispiele möglicher Maßnahmen: * Wichtige Einrichtungen und notwendige Institutionen vorsehen

* Gewerbeflächen anbieten zur Regulierung von Angebot und Nachfrage * Umfang mitwachsend am enstehenden Gebiet

* Rentable Strukturen, aber nicht um den Preis der Vernachlässigung anderer Punkte

9. Rentabilität als Motor der Umsetzung. Rentabilität ist, gerade für private Investoren, der Grund in die Entwicklung einzusteigen. Aber sie darf nicht zum entscheidenden Kriterium über die Qualität des Quartiers werden. Man soll sie als Motor sehen, um das Projekt zu realisieren. Aber wenn nur finanzieller Gewinn im Vordergrund steht, werden die anderen Punkte vernachlässigt und von einer nachhaltigen Entwicklung kann nicht mehr gesprochen werden. Der wirtschaftliche Aspekt gerät meist in Konflikt mir den sozialen und ökologischen Faktoren. Es ist aber wichtig, alle zu betrachten und möglichst viele zu erreichen. Ein Gleichgewicht zwischen den Schwerpunkten wäre das Ziel. Nur so kann ein qualitätsvolles Quartier mit lang anhaltender Attraktivität und angemessener Flexibilität entstehen.

Diese neun Thesen dienen als Grundlage für eine nachhaltige Quartiersentwicklung. Anhand des Beispielgebietes in Winterthur werden sie im Projektteil überprüft.

Beispiele möglicher Maßnahmen: * Wirtschaftlichkeit überprüfen * Grundstücke mit Auflagen versehen

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

4. Projekt | Winterthur Neuhegi

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Projekt | Winterthur Neuhegi

Inhalt Kapitel 4 4.1. Stadt Winterthur  4.2. Gebiet Neuhegi 4.3. Lösungsansätze Quartier Neuhegi

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Eine Einführung in den Kontext des zu beplanenden Gebietes gewährt einen ersten Eindruck und steckt die Rahmenbedingungen für das Projekt ab. Das Potenzial des gewählten Gebietes, sowie bereits angegangene Planungsschritte werden aufgezeigt und weitere Lösungsansätze genannt. Aus diesen entsteht im Anschluss die Masterplanung als Projektteil dieser Arbeit.

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

4.1. Stadt Winterthur

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Die Stadt Winterthur liegt in der Nordostschweiz im Kanton Zürich. Sie ist die sechstgrößte Stadt des Landes und hat im Juli 2008 die Marke der 100.000 Einwohner erreicht und wurde somit zur Großstadt. Das Wachstum ist anhaltend, was zum Einen Probleme aufwirft, zum Anderen aber große Chancen für die Zukunft der Stadt und der Agglomeration bietet. Bestimmt wird diese Anziehungskraft zum großen Teil durch die Nähe und gute Anbindung der Stadt Zürich, weshalb Winterthur auch des Öfteren als Schlafstadt Zürichs bezeichnet wird. So trist wie sich das anhört, ist es keineswegs. Winterthur selbst ist eine sehr lebenswerte Stadt, die auch oft als Gartenstadt tituliert wird. Mit ihrem schönen Altstadtkern und dem vielen Grün bietet sie Qualitäten, die längst nicht jede Großstadt mehr aufweisen kann. Auch eine ethnische und soziale Durchmischung, gerade auch durch den Ausbau als Hochschulstandort, machen sie sehr lebendig. Die Stadt ist für ihr großes Kulturangebot bekannt, was ebenfalls zur Attraktivität beiträgt. Was man sicherlich eindeutig erkennen kann, ist die wesentlich höhere Anzahl an Einwohnern im Verhältnis zu Arbeitsplätzen, was das

hohe Pendleraufkommen noch verdeutlicht. Dies liegt an der Qualität der Stadt als Wohnort und den guten Verbindungen an den Agglomerationsraum Zürich. Diese Stellung soll als Besonderheit erkannt und die entstehenden Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Denn die Größe ist noch so überschaubar, dass ein gut

funktionierendes soziales Gefüge vorherrscht, wo man Bekannten auf der Straße begegnet, sich kennt und mit der Stadt verbunden fühlt. Genau dies scheint aus persönlicher Betrachtung in Winterthur zu funktionieren und bietet deshalb eine ausgezeichnete Grundlage.

Winterthur

Abb. 18: Landkarte Schweiz

Quelle: eigene Darstellung


Projekt | Winterthur Neuhegi

«In Städten zeigt sich die Umweltbelastung deutlicher als im ländlichen Raum. Sie sind aber auch [gerade] Orte des Aufbruchs für eine nachhaltige Entwicklung». (Humm 2010: 16) In Bezug auf eine ökologische und in Bereichen auch auf eine ganzheitlich nachhaltige Entwicklung hat Winterthur die Notwendigkeit des Handelns erkannt. Bereits seit 1999 trägt Winterthur den Award „Energiestadt“ und seit 2007 den European Energy Award in Gold. Bei der Auszeichnung Energiestadt handelt es sich um ein Schweiz weites Label, das es seit 1990 gibt und das Vorbildcharakter von Städten mit nachhaltiger kommunaler Energiepolitik auszeichnet. Etwa 200 Städte und Gemeinden haben dieses Label mittlerweile erreicht. Der Maßnahmenkatalog gleicht dem des European Energy Awards. Bei diesem erreichte Winterthur über 77% Zielerreichungsgrad und war unter den ersten fünf Städten der Schweiz. Im Bereich der Kommunikation und Kooperation haben sie außerordentlich gut abgeschnitten. Was jedoch die kommunalen Gebäude und Anlagen betrifft, haben sie noch ein großes Defizit. (Seminar Nachhaltige Stadtentwicklung SS 2010)

Nun gilt es, die Motivation, die in das kommunale Ansehen fließt, auch auf weniger prestigeträchtige Vorhaben zu übertragen und im Bereich der Quartiersentwicklung auf eine ganzheitliche Betrachtungsweise auszuweiten. Die Voraussetzungen sind gegeben, jetzt geht es darum, diese in allen Belangen umzusetzen.

4.2. Gebiet Neuhegi Das eigens benannte Gebiet Neuhegi in Winterthur ist ein zukunftsträchtiges Entwicklungsge-biet östlich der Altstadt, an der Schnittstelle zwischen Winterthur und dem eingegliederten Oberwinterthur. Entstanden ist die Brachfläche durch den Wegzug des größten Teils der Firma Sulzer in den 90er Jahren, einem großen in Winterthur gegründeten Industrieunternehmen,. Das 78 Hektar große Gebiet mit einer Nord-Süd Ausdehnung von 1800 Metern und einer in Ost-West Richtung von bis zu 600 Metern war zu Zeiten seiner vollständigen Industrienutzung vom Stadtgebiet durch die umgebenden Bahngleise und die Absperrung durch Zäune ab- oder besser aus dem Gesamtgefüge Winterthurs herausgeschnitten. Diese Insellage konnte auch durch die Öffnung der Zäune kaum verändert werden, da Gleise immer eine sehr abgrenzende Hürde darstellen und die Weiterentwicklung der Stadt nun um dieses Gebiet herum erfolgte. Der westliche Teil wird nach wie vor hauptsächlich industriell genutzt. Zudem entstand ein Zuzug verschiedener Gewerbe in die Bestandsgebäude von Sulzer. Viele Gebäude sind veraltet und ihren Nutzungen nur noch

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Abb. 19: Vernetzung Winterthur: Altstadt - Neuhegi

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bedingt angepasst. Außerdem gibt es noch große schlecht erschlossene Flächen, die Potenziale für den Ausbau des Industriestandortes bieten. Der östliche Teil ist zum größten Teil unbebaut. Einige umgenutzte Gebäude von Sulzer, sowie zwei neue Wohnbauprojekte stehen

Quelle: eigene Darstellung

eher verloren auf der riesigen Brachfläche. Hier soll ein neues Stadtquartier entstehen, das einen eigenen Zentrumscharakter aufweist und mit der Altstadt als bipolare Stadt agiert. Was jedoch bisher geplant wird, sind reine Wohnmaschinen; als Vorzeigeprojekt der schweizweit ersten Nullenergieüberbau-

ung oder als investorenfreundliche Blöcke, die wenig auf die gewünschte und erst recht nicht auf eine nachhaltige Planung eingehen. Dass dies nicht zielführend sein kann, hat nun auch die Stadt Winterthur erkannt und eine dreijährige Planungszone festgesetzt. Die Planungszone dient dazu, eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Gebietsentwicklung unter Berücksichtigung der öffentlichen Interessen sicher zu stellen und einen ungeplanten Weiterbau zu verhindern. Die Bedingungen für eine nachhaltige Quartiersentwicklung sind vorhanden. Eine sehr gute Anbindung an den öffentlichen Schienenverkehr erfolgt durch drei das Gebiet umgebende Stationen, eine davon entstand erst kürzlich und mit Bedacht auf die Entwicklung des Gebietes. Mit dem gerade fertig gestellten Eulachpark gibt es eine direkt angeschlossene Grünfläche als Naherholungsgebiet, bei dem auf Renaturierung und vielfältigen Nutzen Wert gelegt wurde. Durch die Umgestaltung einer Industriehalle entsteht eine öffentliche und auch kulturelle Nutzung für die neuen Bewohner des Gebietes, aber auch über dessen Grenzen hinaus.


Projekt | Winterthur Neuhegi

Die Chance für eine Brachennutzung und Stadterweiterung in solch zentraler Lage sind selten und eine große Herausforderung. Nun gilt es, die Potenziale auszuschöpfen und eine nachhaltige Quartiersentwicklung einzuleiten.

4.3. Lösungsansätze Quartier Neuhegi Bei der bisherigen Planung wurden schon einige konkrete Planungen umgesetzt, sowie weitere Schritte angedacht. Welche weiteren Lösungsansätze sind von Nöten, um das Quartier den Thesen zufolge nachhaltige zu entwickeln und zu gestalten? Die Antworten daraus sind die Grundlage für die Planung.

* Mehr Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel vor Ort in der Halle 710 * Eigene Homepage, die vor allem auf die Gestaltung und Entwicklung eingeht, Baugruppen zusammen finden lässt, interessierten Firmen ihre Möglichkeiten und Vorteile aufzeigt * Werbung der Industrie Richtung Bahn und Grün, was gleichzeitig den Aussenraum belebt

1. Partizipation und Kommunikation schaffen Akzeptanz und erhöhen die langfristigen Erfolgsaussichten. Was wurde|wird bereits getan? * Übersicht über bisher getätigte Planungsschritte auf der Stadtentwicklungsseite * Informationen zum aktuellen Stand über Tagespresse und Radio * Einmalige Großveranstaltung auf der Brachfläche

2. Besondere Qualitäten im Quartier führen zu Identifikation. Was wurde|wird bereits getan? * Erste Etappen des Eulachpark mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten sind umgesetzt * Planungszone zur Vertiefung der Planung und Gewährleistung der gewollten Entwicklung und Qualität

Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Mehr Einbezug der Bürger und möglicher Investoren oder Baugruppen und ihrer Ideen in Bezug auf Gesamtimage, Freiflächengestaltung, Nutzung und Organisation der Gebäude

Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Spannende Architektur ermöglichen, die abwechslungsreich und erlebbar ist und zur Adressbildung beiträgt * Unterschiedliche Wohnungstypologien für alle Lebenssituationen

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

* Erlebbare Grünfläche schaffen * Plätze mit unterschiedlichen Charakteren ausbilden * Kein Handel mir Grundbesitzern oder Investoren, der das nachhaltige Konzept oder die Qualität schwächt 3. Angepasste Dichte statt hohem Flächenverbrauch. Was wurde|wird bereits getan? * Zusammenhängende dichte Wohn- und Geschäftsüberbauungen werden bereits realisiert * Eulachpark als große Grünfläche zum Ausgleich Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Adäquat dichtes Stadtgebiet herstellen * Dichtenentwicklung an Nutzungen und Lage anpassen * Viel unversiegelte Grünfläche erhalten und Ausgleichsflächen erstellen

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4. Grünvernetzung ist ein elementarer Bestandteil. Was wurde|wird bereits getan? * Renaturierung der Eulach

* Eulachpark * Fuß- und Fahrradwege im und entlang des Parks Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Grünfläche erweitern, vernetzen und Insellage als Vorteil nutzen und gestalten * Vernetzung über Tiefstraße legen * Wegenetz ausweiten und mit der Umgebung vernetzen, vor allem mit Feldern und dem Wald * Pocket Parks vernetzen innerhalb der Straßenfluchten und bieten Grünbuchten als spezielle Aufenthaltsmöglichkeiten 5. Verkehrsstrukturen überdenken und Strategien für funktionierende Netze entwickeln. Was wurde|wird bereits getan? * S-Bahn-Station Neuhegi * Fußweg im Park mit ersten Anknüpfpunkten * einige Busverbindungen sind vorhanden Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Unterführung mit Anschluss für Bus und eventuell Fahrrad an den direkten

Verbindungskorridor zur Innenstadt * Bushaltestellen an adäquaten Stellen anbringen * Wege an Verkehrsknotenpunkten direkt ausführen * Fußwegevernetzung mit der Umgebung * Motorisierten Individualverkehr und vor allem Industrieverkehr nach Süden an bestehendes Industriegebiet anschließen und ableiten * Parkhäuser und Tiefgaragen an zentralen Stellen, gerade auch für Car-Sharing und Elektroautos, als zentrale Ladestelle für eventuell überschüssigen selbstproduzierten Strom * Durch weniger direkt erreichbare Stellplätze wird der Weg zum Auto unbequemer 6. Alle Ressourcen so effizient als möglich einsetzen. Was wurde|wird bereits getan? * Null-Energie-Überbauung Eulachhof Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Nahwärmenetz aus der Abwärme der Müllverbrennungsanlage, des Presswerkes und des Abwassers


Projekt | Winterthur Neuhegi

* Recyceltes und heimisches Material beim Bauen bevorzugen * Aktives und passives Solarpotenzial ausnutzen * Wenig Bodenaushub durch verstärkt überirdisches Bauen und Tiefgaragen nur unter flächigen Gebäuden * Energieeffiziensklasse für alle Elektrogeräte vorgeben * Pflanzenschnitt als Biomasse verwenden * Geothermie fördern * Verunreinigten Grund säubern 7. Nachhaltige Entwicklung ist ein langer Prozess und kein Endzustand. Was wurde|wird bereits getan? * Planungszone zur genauen Überarbeitung der einzuleitenden Entwicklung, die bisher kaum vorhanden war Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Klare Richtungspunkte erstellen, Hierarchie klären und alles in die Umsetzung investieren * Gebäudestrukturen, die einfache Veränderungen ermöglichen, beispielsweise flexible Grundrisse oder die Möglichkeit, einzelne

Gebäude abzubrechen und die Flächen wiederzuverwenden * Gebäude und Architekturen fördern, die ein soziales Gefüge ermöglichen und stärken * Unterschiedliche Grundrisstypologien fördern, um differenzierten Ansprüchen gerecht zu werden 8. Maßstabsgerechte Versorgungsstruktur ausbilden. Was wurde|wird bereits getan? * Erste Gewerbeeinheiten sind bezogen * Umnutzung der Halle 710 zur variablen kulturellen Verwendung Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Wichtige Einrichtungen und notwendige Dienstleistungen vorsehen * Gewerbeflächen mitwachsend vorsehen * Eigene Stadtteilverwaltung mit passenden Strukturen andenken * Räumlichkeiten für Veranstaltungen unterschiedlichen Charakters schaffen * Bildungs- und Kultureinrichtungen erweitern und vielfältiges Angebot bieten * Sport- und Freizeitangebot anbieten

9. Rentabilität als Motor der Umsetzung. Was wurde|wird bereits getan? * Vorzeigeprojekt Eulachhof * Große Wohnüberbauungen Welche Schritte müssen zukünftig erfolgen? * Planungsgrundlagen festlegen und auf Wirtschaftlichkeit überprüfen * Den nachhaltigen Gedanken beim Aushandeln bewahren und nicht auf alle Wünsche des Grundbesitzers oder Käufers eingehen, sondern das Allgemeinwohl im Blick haben * Verschiedenen Akteuren die Möglichkeit und Bedingungen zum Bauen gewähren beispielsweise Baugruppen, kleineren Investoren oder sozialen Einrichtungen

Anhand dieser theoretischen Arbeit und des gesammelten Wissens über nachhaltige Entwicklung und das Planungsgebiet Winterthur Neuhegi wird eine Masterplanung entwickelt.

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

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Quellenverzeichnis Bücher und Zeitschriften DETAIL Green 1/10: Die 2000-Watt-Gesellschaft: Vision und Realität, Sonderausgabe zu DETAIL, Chefredakteur: Christian Schittich, München, Verlag: Institut für internationale ArchitekturDokumentation GmbH & Co. KG Empfehlung SIA 112/1, 2004: Nachhaltiges Bauen - Hochbau, Ergänzungen zum Leistungsmodell SIA 112, Zürich, Herausgeber: Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein Herzog, Jacques & de Meuron, Pierre 2003: Vision Dreispitz – Eine städtebauliche Studie, Überarbeitung der Studie von November 2001 bis April 2002, Basel-Stadt: Christoph Merian Verlag Humm, Othmar 2010: Die Rolle der Städte, In: TEC21 3/2010, S. 16-22, Sonderheft, Chefredakteurin: Judit Solt, Zürich, Herausgeber: Stadt Zürich und Novatlantis Kurz, Daniel und Gugerli, Heinrich 2010: Drei Wochen für 2000 Watt, In: TEC21 3/2010, S. 6-11, Sonderheft, Chefredakteurin: Judit Solt, Zürich, Herausgeber: Stadt Zürich und Novatlantis Rohentwurf Empfehlung SIA 111/1, 2010: Nachhaltiges Planen und Beraten – Ergänzungen zum Leistungsmodell SIA 111, Zürich, Herausgeber: Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, nicht veröffentlichter Vorentwurf des Instituts für Raumentwicklung Rapperswil TEC21 3/2010: Bauen für die 2000-Watt-Gesellschaft, Sonderheft, Chefredakteurin: Judit Solt, Zürich, Herausgeber: Stadt Zürich und Novatlantis 67


Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Websites Website 2000-Watt-Gesellschaft: Energieperspektive 2050 der Umweltorganisationen, Ellipson AG, April 2006: http://www.2000watt-gesellschaft.org/downloads/energieperspektive2050langellepson.pdf (zugegriffen am 14.10.2010) Website Architektur und Zeichnung: architektur & zeichnung: Wolfram Gothe and Paul Trakies http://www.architektur-zeichnung.de/cities/ (zugegriffen am 08.02.2011) Websites Deutsche Gesellschaft f端r nachhaltiges Bauen (DGNB): Verein: http://www.dgnb.de/_de/verein/index.php (zugegriffen am 07.12.2010) Stadtquartiere: http://issuu.com/manufaktur/docs/dgnb10h_stadtquartiere_komplett (zugegriffen am 01.11.2010) Websites Dreispitz: http://www.dreispitz.ch (zugegriffen am 10.12.2010) http://upload.sitesystem.ch/B2DBB48B7E/1CB75AC977/86BE97598C.pdf (zugegriffen am 10.12.2010) Websites European Energy Award (EEA), Energiestadt, e5 Programm http://www.european-energy-award.de/eea-Home http://www.energiestadt.ch/d/index.php

(zugegriffen am 12.12.2010)

(zugegriffen am 12.12.2010)

http://www.e5-gemeinden.at/index.php?id=26 (zugegriffen am 12.12.2010) Website Freiburg: 68

http://www.freiburg.de/servlet/PB/menu/1160662_l1/index.html (zugegriffen am 09.12.2010)


Website Fotocommunity: Bild von Petra Wittfoth: http://img.fotocommunity.com/Hamburg/HafenCity/Hamburg-HafenCity-a20937038.jpg (zugegriffen am 07.02.2011) Websites HafenCity: http://www.hafencity.com (zugegriffen am 18.12.2010) http://www.hafencity.com/upload/files/files/Umweltzeichen_2010.pdf (zugegriffen am 18.12.2010) Websites Minergie: allgemein: http://www.minergie.ch/was-ist-minergie-105.html (zugegriffen am 09.11.2010) Minergie-A: http://www.minergie.ch/tl_files/download/MINERGIE_A_Vernehmlassung_Herbst_2010_101027.pdf (zugegriffen am 09.11.2010) Websites Nachhaltige Quartierentwicklung (NaQu): http://www.naqu.ch/index.php (zugegriffen am 09.11.2010) http://www.naqu.ch/data/downloads/Dokumente/11_Projet-Projekt-Juni2009.pdf (zugegriffen am 09.11.2010) Website Novatlantis: Leichter Leben, Juli 2010: http://www.novatlantis.ch/fileadmin/downloads/2000watt/LeichterLeben_Juli2010.pdf (zugegriffen am 18.10.2010) Leichter Leben, Januar 2005: http://www.novatlantis.ch/fileadmin/downloads/2000watt/leichterleben_dt.pdf (zugegriffen am 14.10.2010) Website Paul Scherrer Institut: Energie-Spiegel Nr.18, April 2007: http://www.psi.ch/media/MediaBoard/Energiespiegel_Nr18_04_2007_d.pdf (zugegriffen am 19.10.2010)

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

Website Schweizerische Energie-Stiftung: Wegweiser in die 2000-Watt-Gesellschaft, Kurzfassung der Energieperspektive 2050, Ellipson AG, April 2006: http://www.energiestiftung.ch/files/textdateien/aktuell/publikationen/kurzfassung-ellipson_web.pdf (zugegriffen am 14.10.2010) Website Schweizer Ingenieur- und Architektenverein: http://www.sia.ch/d/praxis/normen/normenwerk.cfm (zugegriffen am 09.11.2010) Website Vauban: http://www.vauban.de/info/verkehrsprojekt/k1.html (zugegriffen am 09.12.2010) Website Welt Online: http://www.welt.de/die-welt/vermischtes/hamburg/article6286319/Hafencity-Ein-Konzept-geht-nicht-auf.html (zugegriffen am 04.01.2011)

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Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Energiesparlampe

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Abb. 11: Struktur Basel Dreispitz

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Abb. 12: Einteilung in Gebiete Basel Dreispitz

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http://www.lwl.org/pressemitteilungen/daten/bilder/22151.jpg

Abb. 13: Struktur und Körnung Hamburg HafenCity

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Abb. 3: Energieverbrauch im globalen Vergleich

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Abb. 14: Städtebau und Eingliederung in die Umgebung

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Abb. 4: Die Schweiz auf dem 2000-Watt-Pfad

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Abb. 15: Panorama Hamburg HafenCity

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Abb. 5: Zielwerte an Energie und CO2 pro Kopf

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Abb. 16: Baumschatten

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Abb. 6: Entwicklung Wärmebedarf von Neubauten

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per/_thumbs/800x600-Baumschatten.jpg

Abb. 7: Verbrauchswert nach Bereichen

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Abb. 17: Gebiet Neuhegi von oben

Abb. 8: Nachhaltiges Modell von Melbourne

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Abb. 18: Landkarte Schweiz 60

http://hoklife.com/wp-content/uploads/2008/12/hok-bulb.jpg Abb. 2: Strommasten

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http://gallery.dralzheimer.stylesyndication.de/galleries/wallpa-

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http://www.sustainablemelbourne.com/wp-content/ uploads/2008/09/greensortplastics.jpg Abb. 9: Schwarzplan Freiburg Vauban

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Abb. 19: Vernetzung Winterthur: Altstadt - Neuhegi

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Abb. 20: Research

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http://www.ndrf.org/images/j04065762.jpg Abb. 10: Grünflächenplanung Freiburg Vauban

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Nachhaltige Quartiersentwicklung am Beispiel Neuhegi in Winterthur

DANKE sagen möchte ich...

meiner Familie: die mich nimmt wie ich bin, mich unterstützt wie sie kann, mir nie Steine in den Entwicklungsweg gelegt hat Prof. Dr. Stark: für seine Betreuung während meiner Masterzeit, für Anregungen, Kritik und Hilfestellung bei der Stadt Winterthur: Frau Dr. Roschewitz, Herrn Zollinger, Herrn Baki, Herrn Gafner für die Idee zu meiner Thesis und das notwendige Hintergrundwissen meinen kleinen Helferchen: für Hölzchen schnitzen, Füllworte und Unsinnigkeiten beseitigen, und das wunderbare Gefühl, auf Freundschaft zurückzufallen meinen Freunden: fürs Aushalten, kritisches Hinterfragen, aufmunternde Worte, Antrieb, manche Ablenkung und die vielen kleinen Dinge, die das Leben auch in anstrengenden Zeiten so unbeschreiblich schön machen

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Masterthesis Architektur | HTWG Konstanz | WS 2010/11 | Sonja Moser

Nachhaltige Quartiere  

Thesen für eine nachhaltige Quartiersentwicklung Eine Betrachtung am Beispiel des Gebietes Neuhegi | Winterthur | CH

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