Nicht jede Schriftidee schafft es dann auch zu einem fertigen, finalen Entwurf und wird veröffentlicht. � Das heißt, es gibt noch viele Schriften im Entwurf? Ja, viel zu viele (Lachen). Ich könnte mich eigentlich nur mit Schriften beschäftigen. � Wie kam es überhaupt zu deinen ersten Schriftentwürfen? Ich habe Grafikdesign an der Gerrit Rietveld Academie studiert, auch schon mit dem Hintergedanken, bei Gerard Unger in die Klasse gehen zu wollen. Und so ist es dann auch geschehen – ich war drei Jahre lange bei ihm im Unterricht. In der Klasse habe ich meine ersten Versuche unternommen. Schriftgestaltung habe ich damals noch nicht als professionelle Option verstanden und mich mehr auf Grafikdesign konzentriert. Natürlich kam mit der Gründung unseres Schriftenlabels MilieuGrotesque der Punkt, an dem man sich dann verstärkt mit dem Thema auseinandersetzt. Das war dann der Wendepunkt, hin zur Schriftgestaltung. Nun arbeiten wir daran, einen zeitgenössischen Fundus an verschiedensten, vielseitig ausgebauten Schriften in der Bibliothek zu haben, die qualitativ wertvoll sind. Das ist natürlich ein langwieriger Prozess, denn man muss sich in der heutigen Zeit auch verstärkt mit der sich permanent ändernden Technik auseinandersetzen, z. B. in Bezug auf Webfonts. � MilieuGrotesque hast du zusammen mit Alexander Meyer 2010 gegründet. Wie kam es eigentlich dazu? Wir haben uns damals auf der Rietveld Academie kennengelernt. Ich hatte ein kleines Zimmer, welches ich zu dem Zeitpunkt räumen musste. Alex kam zur gleichen Zeit wegen eines Praktikums nach Amsterdam. Als ich kein neues Zimmer fand, bot mir Alex an, in seine 1-Zimmer-Wohnung mit einzuziehen. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, die seitdem besteht. Er war auch einer der wenigen Kollegen, die sich ernsthaft mit Schriftgestaltung beschäftigt haben. Ich wollte ursprünglich mit einem anderen Kollegen ein Label gründen, aber nachdem dies sich aus privaten Gründen zerschlagen hatte und Alex auch interessiert war, kam eins zum anderen. � 2010 hast du die Schrift Maison veröffentlicht, mit der wir auch in diesem Magazin arbeiten. Wie bist du zum Design der Maison gekommen? Sie ist ja fast eine Monoline-Schrift – hat bei der Gestaltung die DIN 1451 eine Rolle gespielt? Nein, auf gar keinen Fall (Lachen). Die ursprüngliche Intention zur Maison war, eine Bold-Monospace zu gestalten, die sehr konstruiert sein sollte und möglichst wenig optische Korrekturen enthält. Ich hatte dann das Glück, ein Erscheinungsbild für den Architekten Thomas Bendel machen zu dürfen. Bei dieser Gelegenheit habe ich die ersten Entwürfe der Schrift ins Layout geschmuggelt. Das war gar nicht so einfach, denn wir haben sehr, sehr lange über die Schrift- wahl diskutiert. Es ging dabei immer um die Wortmarke, die aus einer recht schwierigen Buchstabenkombination besteht. So sind wir relativ schnell bei Monospace-Schriften gelandet, wie z. B. der Monospaced 821, eine Variante der Helvetica. Eine tolle Schrift, keine Frage, aber für meinen Geschmack hat sie zu viele optische Korrek- turen, und dadurch fehlt mir das zusammenhängende Prinzip. Und so kam die Idee zur Maison: ein simples Kontruktionsprinzip, das auf alle Buchstaben anwendbar ist und einen groben, industriellen Charakter vermittelt. Der erste Schnitt der Maison ist daraufhin in einer Nachtaktion und mit dem Feedback des Kunden entstanden. 2005 entstand eine erste Headlinevariante, im Anschluss dann die Monospace-Schnitte und final die proportional zugerichteten. Aus dieser Reihenfolge ergaben sich auch eine Reihe formaler Aspekte, und man spürt noch deutlich den Monospaced Einfluss in der proportional zugerichteten. Die 5 Jahre andauernde Arbeit an der Maison war ein sehr wichtiger Lernprozess und hat auch endgültig den Ehrgeiz in mir geweckt, Schriften professioneller gestalten zu wollen. Während und kurz nach meines Studiums habe ich mich eher mit illustrativen Entwürfen auseinandergesetzt – eine Grotesk zu gestalten bedarf viel mehr Überlegungen und Anstrengungen. � Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, einen Schriftentwurf zu veröffentlichen? Das Abschließen eines Projektes ist ein schwieriger Zeitpunkt, und ist natürlich abhängig vom Anspruch. Für einen Perfektionisten wie mich ist das schwierig, und daher ist das Thema Maison für mich noch immer nicht abgeschlossen. Ich arbeite gerade wieder an neuen Entwürfen bzw. einer Überarbeitung. Aber nach fünf Jahren musste ich sie einfach einmal veröffentlichen, und es hat natürlich auch gut zum Launch von MilieuGrotesque gepasst. Mittlerweile sind schon recht viele Interpretationen der Schrift entstanden. Eine der Interpretation z. B. kann man sich auch auf dem iPhone ansehen, wo das Berliner Start-up Amen, eine Art Social Network, die angepasste Maison prominent eingesetzt hat.
� Das heißt, ihr seid durchaus in der Lage, eure Schriften auch abseits von Print einzusetzen, z. B. auf Mobile Devices etc? Ja, absolut, und das ist definitiv auch mein persönlicher Anspruch. Es sollten nicht nur die formalen Aspekte geklärt und sauber ausformuliert sein, sondern auch die technischen Anforderungen genau in Augenschein genommen werden. � Nebenbei unterrichtest Du als Gastdozent an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Warum bist du hier und nicht in Berlin? Gute Frage. Vielleicht wäre der Weg in Berlin zu kurz zwischen Hochschule und Büro (Lachen). Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr genau, wie das zustande kam. Ich kenne Urs Lehni und Chris Rehberger, die dort beide seit zwei Jahren Professoren sind, und ich glaube, meine Stelle kam über eine Empfehlung. � Was genau lehrst du in deinem Unterricht? Am Anfang habe ich Grundlagen unterrichtet, seit letztem Semester nun Schriftgestaltung. Ich unterrichte aber keine klassische Schriftgestaltunglehre, wie man es z. B. aus den Niederlanden kennt. Ich lehre kein Dogma und diktiere niemandem, welches Medium er zu benutzen bzw. zu bearbeiten hat, z. B. drei Wochen mit der Feder schreiben üben, etc. – jeder soll arbeiten, wie er möchte. Es geht mir vielmehr um die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Schrift im weitesten Sinne. Ein interessanter, konzeptioneller Ansatz ist mir dabei viel wichtiger, als die Erfüllung und Einhaltung von Regeln und Dogmen. Die Studenten sollen selbständig eine passenden Ansatz für sich erarbeiten und dabei die nötige Leidenschaft entwickeln. � An welchen Projekten arbeitest du aktuell? Wie schon gesagt, arbeite ich momentan an der Maison Neue, die im Gegensatz zur alten mehr optische Feinheiten beinhalten wird, die einer klassischen Grotesk entsprechen. Die Buchstaben sind in sich harmonischer, weniger konstruiert. Natürlich verliert sie dadurch ein wenig Charakter – man wird sehen, ob das positiv oder eher negativ ist. Vor allem wird sie in sehr vielen Schnitten erhältlich sein: fünf stehende Schnitte, dazugehörige Italics, und zusätzliche stilistische Optionen wie Monospaced und Schulbuch. � Wie geht es sonst so mit Deinem Leben weiter? Mit dem Büro bin ich nach wie vor sehr selektiv, was Gestaltungs aufträge angeht – selektiv vor allem im Sinne der Wirtschaftlichkeit. Ich möchte weiterhin den Fokus auf Schriftgestaltung und MilieuGrotesque legen und hoffentlich weiter unterrichten. Diese Kombination macht mir sehr viel Spaß und passt auch gut zu meinem Leben. Wobei ich in Zukunft auch gerne weniger arbeiten würde – wie Alle (Lachen). Ich habe erst in den letzten Jahren gelernt, mich zu entspannen und auch mal Abends genussvoll nach Hause gehen zu dürfen, ohne mich mit Gestaltung zu beschäftigen. Ich schätze, irgendwann begreift man, dass Freizeit ein sehr wichtiger Teil der Arbeit ist. � Dem hab’ ich nichts hinzuzufügen! Vielen Dank für deinen Besuch.
Slanted 18 — Interviews
SALT / Kraliçe, Istanbul, Januar 2011
Timo Gaessner, P 156
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