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Slanted Magazine #18 ­ Signage / Orientation

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Frank Abele Schlechte Beispiele gibt es leider viele, aber eines, wo sie überhaupt nicht funktioniert, fällt mir im Moment nicht ein.

Man wird von der Maschine geführt, der Orientierungssinn wird an die Maschine delegiert. Dies kann zeitweise praktisch sein, kann aber auch zur Desorientierung führen, wenn nicht aktiv angewendet. Ich bin gestern Abend in eine Verfolgungsjagd zwischen Polizisten und Studenten in der Stadt Montreal geraten. Dabei wurden diese Maschinen so strategisch und kreativ angewandt, dass die Polizei total überfordert war. Also stellt sich die Frage, ob aktiv oder passiv, was in der räumlichen Orientierung auch der Fall ist.

Frank Abele Die Jugendlichen eher nicht, die finden und fanden sich hier immer erstaunlich schnell und scheinbar intuitiv zurecht. Vielleicht, weil ihr Zugang auch eher ein spielerischer ist. Das gilt auch bei neuen Entwicklungen, z. B. den sozialen Netzwerken. Wichtig ist aus unserer Erfahrung, bei Lernthemen o. ä. eine zusätzliche, eher spielerische Navigation – wir nennen es narrative Exploration – anzubieten. Inhalte nicht anhand vorgegebenen Navigationsstrukturen zu ent­ decken, sondern Animieren und Überraschendes zuzulassen. Die Entwicklung im Internet scheint mir ansonsten zudem weg von den etwas nebulösen, zu sehr designverliebten Spielereien, hin zu einfachen, schnell und intuitiv zu verstehenden Nutzerführungen und Informationsangeboten zu gehen. Eine Entwicklung, die ich positiv sehe. �

7 Ein Beispiel, wo Orientierung im Alltag nicht funktioniert?

Andreas Uebele Soll ich das Schokotörtchen mit meiner Partnerin teilen oder esse ich es ganz auf? Die Wegeführung in Flughäfen zum Gate durch die Shop-Bereiche ist Oberaffenscheiße. »Wenn sie mit einem unserer Mitarbeiter sprechen wollen, drücken sie die 2«, »Wollen sie abkotzen, wählen sie die 1«.

8 Ein Leitsystem, das Sie für beispielhaft oder originell halten?

Andreas Uebele Die Arbeiten von Hiromura Design Office, Japan, sind sehr gut. Da gibt es eine Arbeit für ein Krankenhaus, die ist sehr schön. Joachim Sauter Schnitzeljagden. Berthold Weidner & Luisa Händle Markierungen auf Wanderwegen. Erwin K. Bauer Der Begriff Orientierungssystem impliziert im Gegensatz zum Leit­ system die Option zur eigenen Entscheidung und die Aufforderung zur Partizipation. Die BenutzerInnen erobern sich die Welt aktiv, denken mit und merken sich wesentliche Informationen besser und länger. Alle Systeme, die Menschen auffordern, sich aktiv und selbständig einzubringen, damit mitzudenken und mitzugestalten, sind am richtigen Weg. Nathanaël Gourdin & Katy Müller Das Leitsystem von Integral Ruedi Baur für die BUGA München verbindet Funktionalität, Identitätsstiftung, Leichtigkeit und Spaß.

Joachim Sauter Auf der Dauerbaustelle Frankfurter Flughafen.

Ingeborg Kumpfmüller Als gelungen habe ich die Wegeführung am Flughafen Peking (Architektur Norman Foster) empfunden – trotz der immensen räumlichen Ausmaße kann aufgrund der Architektur immer gut der Überblick gewahrt werden, das Zusammenwirken mit der schriftlichen Wege­ führung erfolgt in selbstverständlicher Weise.

Berthold Weidner & Luisa Händle Oft sind Kaufhäuser unübersichtlich und schlecht orientiert.

Sascha Lobe So alt wie gültig: maniacworld.com/horse-carrot-theorem.html

Erwin K. Bauer In der Lebensorientierung. Sich selbst stabil zu verorten, fällt vielen heute nicht leicht.

Stefan Nowak Diese Frage würde ich gerne unter Pos. 7. aufnehmen.

Nathanaël Gourdin & Katy Müller Der Hauptbahnhof in Berlin als Ort des Transits, des Nah- und Fernverkehrs für Einheimische und Touristen belegt den ersten Platz an Unübersichtlichkeit. Sein symmetrischer Aufbau gibt dem Benutzer keine Anhaltspunkte nach einer kognitiven Ausrichtung, so dass eine intuitive Bewegung unmöglich wird. Die Beschilderung kann da auch nur begrenzt optimieren. Ingeborg Kumpfmüller In manchen, speziellen Situationen ist die persönliche Auskunft nach Wegen die bevorzugte gegenüber schriftlichen Systemen, in Krankenhäusern beispielsweise oder großen Ämtern – hier sollten nach meiner Meinung immer beide Systeme (die menschliche Auskunft und die schriftliche Auskunft) angeboten werden.

Frank Abele Mit den Piktogrammen für die Olympischen Spiele 72 in München wurde ein weltweit gültiger Standard für bildhafte Zeichen geschaffen, der noch heute als Maßgabe vieler Neuentwicklungen dient. �

9 Farbe?

Andreas Uebele Ja! Joachim Sauter 01100011 00110101 00110111 00100000 01101101 00110000 00100000 01111001 00110011 00100000 01101011 00110000 00100000 00001101 00001010 00001101 00001010

Sascha Lobe Navigationssysteme im Auto. Die leiten einen, aber Orientierung in einer selbstbestimmten Art bekommt man damit eigentlich nicht. Ich kann mir den Weg, den ich gefahren bin, bei längeren Strecken zumindest nie merken. Es bleibt nichts hängen. Stefan Nowak Tausend Beispiele jeden Tag – Welchen Film schaue ich heute, mit wem gehe ich heute ins Bett, wo soll ich in den Urlaub hinfahren, welche neue Jacke soll ich mir kaufen, an wen und an was soll ich noch glauben, wie erziehe ich meine Kinder, wen soll ich wählen? Dafür bräuchten wir Orientierungssystem ganz anderer Art – würd ich auch gern mal mitgestalten, Prämisse: Weniger ist mehr – wie nie zuvor! Ruedi Baur Liberale Gesellschaften in Krisenzeiten. Der Bürger hat keine Zukunftssicherheit mehr. Heutzutage herrscht nur das Geld.

Ruedi Baur Die Signalisierung von Wander- und Bergwegen. »Strichmarkierungen an Steinen« mag ich besonders. Deren Anwendung passt sich immer dem Umgebungskontext an.

Berthold Weidner & Luisa Händle Farben sind Signale. Erwin K. Bauer Braucht es. Farbe ist emotional. Viele ArchitektInnen haben Bedenken, wenn Farbe intensiv auftritt, sie haben lieber die Kontrolle über alle (formalen) Aspekte. Auch hier gilt: Wenn Mitbestimmung kontrolliert zugelassen wird, identifizieren sich viele mit dem Ergebnis. Vorausgesetzt, die Erfahrungen zur Farbwirkung werden fundiert berücksichtigt. Hier ist unsere Expertise in formaler und moderatorischer Qualität gefragt.

Slanted 18 — Interviews

10 × 10, P 153–156

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