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Slanted Magazine #18 ­ Signage / Orientation

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Berthold Weidner & Luisa Händle Dort wo Menschen massenweise geleitet werden müssen, etwa im öffentlichen Verkehr, spielt dieser Aspekt eine wichtige Rolle. In intimeren Umgebungen kann dagegen etwas Freieres passender sein. Erwin K. Bauer Während die Leitung zum Notfall in Krankenhäusern funktional aus­gerichtet sein muss, weil sie Leben rettet (oder auch nicht), so können für ein Museum oder ein Headquarter mit einigen wenigen Räumen viel freiere, illustrative Schriften ausgewählt werden. Die Lesbarkeit rückt in den Hintergrund. Da aber Schrift als gestalterischer Baustein immer nur Visualisierung eines Inhalts oder einer komplexen Informationsarchitektur ist, spielen viele andere Bedingungen eine ebenso große Rolle. Schrift sollte schlüssig zur Gestaltungshaltung und Aufgabenstellung seine volle Bandbreite an Artikulationsmöglichkeiten ausnutzen. Expression ist da ebenso wichtig wie Funktion, aber immer passend zur Gestaltungsaufgabe. Nathanaël Gourdin & Katy Müller Optimale Lesbarkeit ist selbstverständlich ein wesentlicher Punkt bei der Planung von Orientierungssystemen. Die Herausforderung besteht in der Verbindung von Funktionalität mit einer ansprechenden Gestaltung. Eine ausschließlich funktional begründete Ästhetik ist genau so wenig spannend wie eine rein gestalterisch geplante Lösung sinnvoll erscheint. Ingeborg Kumpfmüller Optimale Lesbarkeit schließt eine eigenständige / künstlerische Gestaltung nicht aus. Sascha Lobe Lesbarkeit ist ein wichtiger Parameter für ein gutes System, aber lange nicht der einzige. Wie oft diskutiert man über die richtige Schriftgröße, gut lesbare Schriften, die richtige Zeilenlänge, Durchschuss usw., usw., um dann zu erkennen, dass Raum, Licht, Material mindestens den gleichen Einfluss auf Lesbarkeit haben wie die Schriftgröße. Das Gleiche gilt auch eine Ebene drüber: die Funktion eines Leitsystems hängt nicht immer an der Lesbarkeit von Schrift. Die Mutter aller Leitsysteme ist die Verkehrsbeschriftung – sowohl bei Straßen-, Bahnhof- oder Flughafenorientierung, ganz klar ist hier die Adressierung innerhalb des Systems das wichtigste Element. Wie heißt mein Ziel, wo ist es? Alle diese Räume sind Transferräume, man will eigentlich so schnell wie möglich von A nach B, wie es dazwischen aussieht ist nicht unbedingt so wichtig, man hat den »Tunnelblick«. Die meisten anderen Aufgaben fordern vielschichtigere Lösungen, bei denen die Lesbarkeit von Schrift immer weiter relativiert wird. Es geht um die sinnvolle Kombination von Eindrücken, Erinnerungspunkten, Raumwirkungen, Außenbezügen, dies alles schafft Orientierung, Atmosphäre, Identifikation. Stefan Nowak Die sog. optimale Lesbarkeit ist immer relativ. Optimal für den normal sehenden Menschen? Was ist denn normal? Für alte Menschen? Für Sehbehinderte? Sind die pseudo-wissenschaftlichen Auflagen der sog. Barrierefreiheit mit denen sich gerne die öffentliche Hand eine breite politische Akzeptanz verschaffen will, tatsächlich optimal? Neben der »richtigen« Schriftart, dem Schnitt, Lesegröße und Kontrast gibt es ja noch ganz andere Parameter: Wie und für welchen Zweck, für welchen Ort wird das Leitsystem geplant? In welchem Kontext tritt das Leitsystem auf, welche Parameter stehen schon fest, wie z. B. ein Corporate Design? Wieviel Fernwirkung benötigt es und mit welcher Schrift ist diese Ziel zu erreichen? Wie haben sich die Sehgewohnheiten verändert? Wie lang darf ein erläuternder Text auf einer Zielbeschriftung sein, wie verständlich ist dieser geschrieben? Ruedi Baur Ich antworte ungern allgemein. Wenn man die Orientierungsfrage und nicht die reine Signaletik ins Zentrum der Problematik stellt kann man feststellen, dass sich der Mensch in einem urbanen Park, einem Kulturzentrum oder in einem Flughafen anders orientiert. In einem Park möchte man sich zum Beispiel manchmal ein wenig desorientieren dürfen. Neues entdecken. Dies ist innerhalb eines Flughafens sicherlich nicht der Fall, wo jede Ungewissheit, jeder Irrtum unan­ genehme Folgen haben kann. Innerhalb eines Kulturzentrums befindet man sich in einer Entdeckungshaltung und möchte dabei nicht so

geführt werden, als ob jede Wegentscheidung eine Gefahrenquelle darstelle. Unser Gehirn hat eine große Kapazität, um herauszufiltern, was als störend empfunden wird. Die Informationsgestaltung, welche in einen Flughafen adäquat erscheinen mag, kann im Kontext eines Parks im Gegensatz als zu offensichtlich und autoritär empfunden werden. Nochmals, auch jeder Park soll nicht identisch aussehen. Es gibt den offiziellen Park, den poetischen Park, den historischen oder den gegenwärtigen Park. Jeder besitzt seine Logik und einen eigenen Charakter. Die Detailgestaltung und die Auswahl der Schrift sollten diesen kulturellen Unterschied unterstreichen. Ich bin gegen jede Haltung, die sich auf sogenannte universelle Regeln setzt. Darauf basiert der heutige Kulturozid, wie es Agamben nennt. Die Konfrontation mit der Eigenschaft des Kontextes soll zur richtigen Lösung führen und nicht als allgemein Bestrebung enden. In gewissen Situationen ziehen wir es also vor, mit subtilen Codes anstelle von Evidenzen zu arbeiten, in anderen Situationen suchen wir nach der größtmöglichen Einfachheit. Also keine Anwendung allgemeiner Rezepte, sondern individuelle Problemstellungen, welche es zu analysieren gilt, um eine adäquate, typografische Antwort bzw. Haltung zu formulieren. Glücklicherweise ist dem so, weil unsere Umgebung ansonsten trostlos wäre, mit einer Omni­ präsenz der Helvetica, der theoretisch am besten lesbaren Schrift. Die Lust am Lesen würde dabei schnell vergehen. Frank Abele Die Frage erscheint mir etwas theoretisch. Gute Lesbarkeit sollte bei Leit- und Orientierungssystemen eine Selbstverständlichkeit sein, gute Gestaltung ebenso. Es gilt dabei vielleicht dasselbe wie für eine gute Akrobatiknummer: Man darf dem Ergebnis die Anstrengung nicht anmerken. Die Anforderungen an die Lesbarkeit sind bei verschiedenen Projekten auch sehr unterschiedlich. Man denke an einen Flughafen, einen Bahnhof im Vergleich zu einem Museum, einem Verwaltungsbau. 2 � Gibt es eine Schrift für oder in Leitsysteme(n), die Sie besonders schätzen? Andreas Uebele Nein, denn die Wahl einer Schrift für ein Orientierungssystem hängt vom Ort und seinen Gegebenheiten ab, sie muss zur Konstruktion, zu Formaten, zu grafischen Elementen, zu Farbe, zur Kultur und zum Raum passen. Sie kann auch auf das Unternehmen, die Landschaft oder die Geschichte des Ortes oder des Unternehmens bezogen sein. Die Auswahl einer geeigneten Schrift ist Teil des Gestaltfindungs­ prozesses, der so lang und manchmal so holperig ist wie das ihn beschreibende Wort. Eine aus gestalterischen und funktionalen Gründen gewählte Satzart, z. B. Versalsatz, oder auch Satz über Mittelachse, kann die Wahl einer Type bestimmen. Joachim Sauter Architektur, Raumlayout, Zielgruppe, Art und Menge der Informationen – es gibt zu viele Faktoren, die in die Gestaltung von Orientierungssystemen reinspielen, als dass ich mich auf ein typografisches Allheilmittel festlegen könnte. Berthold Weidner & Luisa Händle Dies hängt doch stark von der Situation ab. Oft gibt es Vorgaben von einer bestehenden CI. Generell eignen sich schmal laufende Groteskschriften mit guten Qualitäten in den fetteren Schnitten. Erwin K. Bauer Groteskschriften mit Eigenständigkeit, wie die neue Schrift für die Autobahnen in Europa – TERN, die zur Zeit schon auf Österreichs Autobahnen und Straßen eingesetzt wird. Nathanaël Gourdin & Katy Müller Wir haben noch nie eine Schrift zweimal verwendet. Es gibt für uns weder eine bevorzugte »Leitsystem-Schrift« noch Vorurteile gegen bestimmte Schriftarten. Für jedes Projekt überlegen wir, welche Schrift sich besonders aus konzeptionellen und identitätsstiftenden Gründen eignet; es sei denn, sie ist aus Corporate-Design-Richtlinien vorgegeben. Eine Fraktur-Schrift würden wir vermutlich jedoch nicht einsetzen … Ingeborg Kumpfmüller Frutiger NEXT in der Condensed Variante.

Slanted 18 — Interviews

10 × 10, P 153–156

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