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Slanted Magazine #18 ­ Signage / Orientation

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Durch ihre stark geometrischen Grundformen und die geringe x-Höhe kann die Futura von Paul Renner bei gleicher Versalhöhe mit den anderen getesteten Groteskschriften nicht mithalten. Erwartungsgemäß konnten auch die getesteten Antiqua-Schriften Garamond und Swift keine überzeugenden Ergebnisse liefern. Obwohl sie einige Merkmale aufweisen, die der Unterscheidbarkeit einzelner Buchstaben dienen, erschwert der hohe Strichstärken­ kontrast die Leserlichkeit deutlich. Allerdings fallen die Unterschiede um so geringer aus, je kleiner die getesteten Lesedistanzen sind.

Wer sich heute in der Öffentlichkeit bewegt, wird mit einer allgegen­ wärtigen Vielfalt von Schriften konfrontiert. Im Straßenverkehr, auf Flughäfen oder in öffentlichen Gebäuden ist es unerlässlich, dass Informationen schnellstmöglich erkannt, gelesen und verstanden werden. Mit seiner Bachelorarbeit, die er im Sommer 2011 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin vorlegte, wollte Sven Neumann auf der Grundlage von DIN-Normen, Fachliteratur und eigenen empirischen Untersuchungen herausfinden, welche Faktoren zur Leserlichkeit von Schriften beitragen. In dieser Untersuchung, die von Prof. Florian Adler angeregt und betreut wurde, lag ein beson­derer Augenmerk auf den Auswirkungen der unterschiedlichen Schriftgrößendefinitionen in Punkt (Kegelhöhe), Versal- und x-Höhe (Höhe der Groß- und Kleinbuchstaben).

Schriftgrößen

Versuchsaufbau Es wurde die Leserlichkeit aus drei Leseentfernungen von 15,6 und 1,5 Metern getestet, für die nach der entsprechenden DIN-Norm 1450 die Versalhöhen von 49, 20 bzw. 5 Millimetern empfohlen werden. Die über 100 Testpersonen aller Altersstufen näherten sich in vorgegebenen Abständen den Schriftmustern. Bei einer als gut emp­ fundenen Leserlichkeit wurde die jeweilige Leseentfernung notiert. Getestet wurden neun verschiedene Schriften: Linotype Frutiger, P22 Johnston Underground, Wayfinding Sans, Arial, DIN 1451 Mittel­ schrift, Franklin Gothic Medium, Futura, Garamond Premier Pro und Swift. Um bei den Schriftmustern ein Erraten der zu lesenden Wörter auszuschließen, wurden Anagramme des Wortes Romburgshafen und für die geringe Distanz kurze Fließtexte verwendet. Im Versuch wurden alle Schriften in zwei Anordnungen getestet. Zum einen wurden die Größenempfehlungen berücksichtigt, die in der aktuell noch gültigen DIN 1450 zur Leserlichkeit von Schriften definiert sind und sich auf die Versalhöhe beziehen. In einer zwei­ten Anordnung wurden alle Schriftmuster auf die durchschnittliche x-Höhe der neun Schriften skaliert, um die Bedeutung der x-Höhe für die Leserlichkeit aus größerer Entfernung zu untersuchen. Schriftformen Die Studie zeigt im Hinblick auf die erzielten Leseentfernun­gen eindeutige Ergebnisse. So ging die derzeit noch unveröffentlichte Wayfinding Sans von Ralf Hermann, welche in einer Beta-Version getestet wurde, als klarer »Sieger« hervor. Die speziell für den Ein­ satz in Leitsystemen entwickelte dynamische Grotesk konnte im Vergleich zu den anderen getesteten Schriften bereits aus größeren Entfernungen gelesen werden. So verfügt die Wayfinding Sans über einige Eigenschaften, die zur besseren Leserlichkeit offensicht­ lich beitragen. Hermann geht davon aus, dass die idealen Buchsta­ benformen einer gut lesbaren Schrift den neuronal gespeicherten Grundformen entsprechen und gleichzeitig charakteristische Eigen­ schaften aufweisen sollten, um sich deutlich von einander zu unterscheiden. Ausgehend von einem möglichst generischen Grund­ modell wurden Details herausgearbeitet, die eine Verwechslungs­ gefahr bestimmter Buchstaben vermindern. So besitzt sie leicht verlängerte Ober- und Unterlängen, um einzelne Buchstaben wie d und q, welche zu Ähnlichkeiten mit einem einstöckigen a neigen, deutlicher zu unterscheiden; offene Einzelformen erleichtern die Differenzierung beispielsweise zwischen c und o. Erwartungsgemäß konnte auch die Frutiger, welche sehr häufig für Beschilderungen verwendet wird, mit ihren klaren humanistischen Grotesk-Formen gute Ergebnisse erzielen. Für eine Überraschung sorgte hingegen die Johnsten Underground, die vor fast 100 Jahren für die Londoner U-Bahn entworfen wurde und ebenfalls sehr gut abschneiden konnte. Sie besitzt besondere Merkmale wie das kreis­ runde O oder das auf die Spitze gestellte Quadrat als Punkt und vereint geometrisierte Formen mit humanistischen Zügen, welche sich beispielsweise im zweistöckigen a und dem dreistöckigen g zeigen. Schriften welche einem statischen Formprinzip folgen wie die Arial, die DIN 1451 Mittelschrift oder die Franklin Gothic Medium, gelten als ursprüngliche Groteske und entstammen den klassizisti­ schen Schriften. Die geschlossenen Formen sowie eine relativ große x-Höhe erschweren die Unterscheidbarkeit der Buchstaben. Auch die mittelmäßigen Ergebnisse im Test sprechen eher gegen eine Eig­ nung dieser Schriftklasse für den Einsatz auf Schildern. Umso erstaunlicher, dass auf allen deutschen Orts-, Autobahn- und Ver­ kehrs­hinweisschildern die DIN 1451 Mittelschrift zu finden ist.

Die empfohlenen Schriftgrößen der DIN 1450 liegen zwar weit über den durchschnittlich ermittelten Ergebnissen dieser Untersuchung, die gemessenen Minimalwerte belegen aber, dass diese Richtwerte auch Personen mit Sehschwächen berücksichtigen. Die vergleichende Untersuchung von Versal- und x-Höhe in Be­ zug auf die Leseentfernung zeigt jedoch deutlich, dass das Verhältnis von Versal- zu x-Höhe entscheidend die Leserlichkeit beeinflusst. Schriften wie die Wayfinding Sans und die Johnston Underground verfügen mit ihrer x-Höhe zwischen 67 und 69 Prozent über ein offenbar sehr günstiges Verhältnis und weisen daher in beiden Versu­ chen fast identisch gute Werte auf. Bei gleichbleibender Versalhöhe sind die getesteten Schriften, deren x-Höhe größer als 69 Prozent ist, bereits aus weiterer Entfernung lesbar, als Schriften deren x-Höhe kleiner als 67 Prozent ist. Bei gleicher x-Höhe sind hingegen Schriften mit einer größeren Versalhöhe aus weiteren Entfernungen lesbar. Schriften wie Garamond und Futura weisen dann sogar bessere Ergebnisse auf, als die DIN 1451, die Arial oder die Frutiger. Allerdings geht dies mit einer deutlichen Anhebung des Schriftgrades – und somit des vertikalen Raumbedarfs – einher. Leser Nicht nur die typografischen Eigenschaften einer Schrift beeinflussen die Leserlichkeit. Auch die persönlichen Fähigkeiten der Probanden, ihr Alter, ihre Sehstärke und die äußeren Bedingungen beeinflussen das Ergebnis. Im Vergleich der einzelnen Altersgruppen zeigt sich beispielsweise eine eindeutige Tendenz. So haben die Teilnehmer aus der Altersgruppe bis 15 Jahre am besten und die Gruppe über 60 am schlechtesten abgeschnitten. Eine Besonderheit im Altersvergleich bildete die Gruppe der bis 40-Jährigen, diese konnte alle Schriften früher lesen, als die bis 25-Jährigen. Man kann hier darüber speku­ lieren, ob bei den Jüngeren eventuelle Sehschwächen noch nicht er­ kannt worden sind. 68 % dieser Gruppe kamen ohne Sehhilfe aus, bei den Älteren hingegen sind es lediglich 37 %. Die Gruppenstärke dieser Teilnehmer war in beiden Fällen ungefähr gleich groß. Durchschnittlich wurde eine Differenz von 4,95 Metern zwischen höchster und gerings­ ter Leseentfernung bei der Versalhöhe von 49 Millimetern gemessen. Schlussfolgerung Die Untersuchungsergebnisse können auf Grund der Rahmenbedin­ gungen nur die Erkenntnisse des Versuches widerspiegeln und erheben keinen Anspruch auf absolute Wissenschaftlichkeit. Jedoch zeigen sie klare Tendenzen hinsichtlich der Bedeutung von Buch­ stabenform und x-Höhe für die Leserlichkeit von Schriften. Deutlich wurde, dass Schriftgröße nicht gleich Schriftgröße ist: während die Punktgröße die ungenaueste Angabe darstellt, ist die Versalhöhe nur unter Berücksichtigung der jeweiligen x-Höhe aussagekräftig. Den vergleichsweise sichersten Rückschluss auf die maximale Leseentfernung einer Schrift erlaubt hingegen ihre x-Höhe. Diese Erkenntnis findet übrigens auch in der aktuellen Überarbeitung der DIN Norm 1450 Berücksichtigung. Bachelorarbeit von Sven Neumann, 2011, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Fachbereich Gestaltung, Studiengang Kommunikationsdesign: kd.htw-berlin.de/studienprojekte/ abschlussarbeiten/leserlichkeit-von-schriften Der Text erscheint in der Publikation Schrift und Identität – Die Gestaltung von Beschilderungen im öffentlichen Verkehr, heraus­ gegeben von Christian Fischer, Johannes Henseler, Indra Kupferschmid, Ilona Pfeifer, Philipp Schäfer, Andreas Uebele. 2012 im Niggli Verlag. schrift-und-identitaet.de.

Slanted 18 — Essays and Reports

Florian Adler, Sven Neumann, P 153

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