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VERGESSEN

NIEMALS

DER FEBRUARAUFSTAND IN DER STEIERMARK

EINE GEDENK-BROSCHÜRE DER SOZIALISTISCHEN JUGEND STEIERMARK


EINE ZUSAMMENFASSUNG DER SOZIALISTISCHEN JUGEND STEIERMARK

EGGENBERGER ALLEE 49 // 8020 GRAZ // 0316-702632 // OFFICE@SJ-STMK.AT IMPRESSUM Fotos: Privatbestände (Michael Pay), „Koloman Wallisch – Erinnerungen“ (SPÖ Bruck), „Alles vergessen“ (RI Steiermark) Texte: „Koloman Wallisch – Erinnerungen“ (SPÖ Bruck), „Alles vergessen“ (RI Steiermark)


SEID WACHSAM! VERNEHMT DAS EWIGE MAHNEN. DER SINN DIESES TAGES DARF NIEMALS VERGEHEN. SEID KÜHN! HEBT EMPOR EURE LEUCHTENDEN FAHNEN. WIR WAREN, WIR SIND UND WIR WERDEN BESTEHEN. Max Lercher Landesvorsitzender der SJ Steiermark 

NIEMALS VERGESSEN!

Der 12. Februar ist jedes Jahr aufs Neue Anlass für Gedenkveranstaltungen, Diskussionen und Gespräche mit ZeitzeugInnen des austrofaschistischen Regimes. Kurz gesagt: Anlass für die Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Bewegung, der auch diese Broschüre dienen soll. Am 12. Februar 1934 widersetzte sich die österreichische ArbeiterInnenbewegung in einem verzweifelten Kampf ein letztes Mal ihrer Zerschlagung durch die bürgerlichen Kräfte. Dieser Kampf wurde nicht nur ums eigene Überleben geführt, sondern im gleichen Maße für die Verteidigung der demokratischen Republik gegen den Faschismus. Dieser Kampf kam nicht aus heiterem Himmel – er war nur der vorläufig letzte Meilenstein einer permanenten Auseinandersetzung zwischen Herrschenden und Beherrschten. Dieser Hintergrund und die Tatsache, dass viele SozialdemokratInnen an diesem Tag ihre Freiheit für ihre Ideale verloren, soll uns Anlass sein, innezuhalten und uns bewusst zu machen, wie wichtig es ist, NIEMALS zu VERGESSEN! Unser Gedenken an die Ereignisse des Februar 1934 soll uns ermutigen, aus der Geschichte zu lernen und uns Mut geben angesichts des Wissens, was unsere GenossInnen damals für ihre Ideale und ihre Gesinnung geleistet und geopfert haben.


Die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) in Leoben – kurz vor Beginn des Feberaufstandes


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„IM FEBRUAR VIERUNDDREISSIG DER MENSCHLICHKEIT ZUM HOHN HÄNGTEN SIE DEN KÄMPFER GEGEN HUNGER UND FRON KOLOMAN WALLISCH ZIMMERMANNSSOHN.“ BERTOLD BRECHT

koloman wallisch EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON HERMANN LACKNER


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oloman Wallisch wurde am 28. Februar 1889 in Lugos (Königreich Ungarn) geboren. Er entstammte einer kinderreichen schwäbischen Familie. Die Familie hatte zehn Kinder, er war das letzte und damit jüngste Kind. Durch den frühen Tod seines Vaters musste Koloman die Schule verlassen und eine Lehre annehmen. Er wurde ein Maurerlehrling und hat den Maurerberuf bis zu seiner Militärdienstzeit ausgeübt. Wie damals üblich ging auch Koloman vor seinem Einrücken auf die Walz. Er arbeitete in verschiedenen Städten Ungarns, Österreichs und Deutschlands. 1910 musste er einrücken, 1913 rüstete er ab. Von 1914 bis Kriegsende 1918 war Koloman wie Millionen andere im Kriegseinsatz. Seine Rückkehr in die Heimat schildert seine Frau in ihrem Buch „Ein Held stirbt“ wie folgt: „Kaum hatte er sich gewaschen und umgekleidet, als er auch schon fortging ins Arbeiterheim!“ Am 31. März 1919 wurde in Budapest unter Bela Kun die Räterepublik ausgerufen. Aber schon am 1. August 1919 musste die Regierung zurücktreten. Die Feinde waren zu viele – die reaktionären Kräfte unter Führung ungarischer Adeliger im eigenen Land, sowie tschechische, rumänische und französische Truppenverbände, die aktiv in das Geschehen eingriffen. In der Räteregierung arbeiteten Kommunisten und Sozialdemokraten zusammen. Wallisch war als Sozialdemokrat Rätefunktionär. Nach dem Zusammenbruch der Räteherrschaft wüteten, wie wir damals sagten, die Hejjas-Banden, geführt von Offizieren der weißen Garden. Die Revolution wurde im Blut zehntausender Arbeiter und Angestellter ertränkt. Koloman und Paula flüchteten zu ihren Eltern nach Marburg – damals im SHS-Staat gelegen. Marburg war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt der Südbahn. Die Eisenbahner waren in ihrer überwältigenden Mehrheit Sozialdemokraten. Wallisch, wie konnte es auch anders sein, war auch in Marburg aktiver Mitarbeiter von Partei und Gewerkschaft. Ein verlorener Streik zwang Wallisch, Marburg zu verlassen. Er kam in die Steiermark und wurde Ende Juni 1920 Bezirkssekretär der Sozialdemokratischen Partei Fürstenfeld. Knapp ein halbes Jahr später, im Februar 1921, kam Wallisch als Parteisekretär nach Bruck. Das Tätigkeitsgebiet in Bruck war grundverschieden vom Tätigkeitsbereich in Fürstenfeld: Bruck war ein Industriebezirk mit einer starken Arbeiterbewegung, Fürstenfeld ein Agrarbezirk mit einer sehr geringen Zahl von Industriearbeitern.

Koloman Wallisch kurz vor seiner Hinrichtung im Leobner Landesgericht.


Die Sozialdemokraten konnten im Wahlkreis Oststeiermark in der 1. Republik nie ein Nationalratsmandat erreichen. Am 1. Oktober 1928 kam ich als sogenannter gemischter Sekretär (Partei und freie Gewerkschaften) zu Wallisch ins Bezirkssekretariat. Ich habe mit ihm fünf Jahre zusammengearbeitet. Wallisch war ein hervorragender Organisator und ein überaus geschickter Verhandlungspartner. Er wurde zwar auch vielfach, allerdings von Leuten, die ihn persönlich nicht kannten, als Diktator bezeichnet, der innerhalb der Organisation keinen Widerspruch duldete. Für ihn galt aber der Grundsatz: Nicht diktieren, sondern überzeugen. Auch hatte er eine Art, mit Menschen zu verkehren, die nur bewundert werden konnte. Nicht jedem Hilfesuchenden konnte Wallisch helfen. Aber er hörte auch die an, denen er nicht helfen konnte.

Für die bürgerlichen Politiker, die bürgerlichen Zeitungen, war er der Bolschewik, der Terrorist, der Mann, der während der Rätediktatur in Ungarn eine Unzahl von Menschen zu Tode foltern oder hinrichten ließ. Er war ein-

KOLOMAN WALLISCH /// EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON HERMANN LACKNER

Die Ausflucht „Ich hab ka Zeit“, nur um Leute loszukriegen, gab es bei ihm nicht. Hatte er wirklich keine Zeit, weil er zum Beispiel zum Zug musste, dann wurde mit dem Vorsprechenden ein Termin vereinbart. Von ihm ist niemand mit dem Gefühl weggegangen, er wolle ihm nicht helfen. Er war ein überaus wirkungsvoller Versammlungsredner, der es verstand, das gerade Aktuelle in leicht verständlichen Sätzen darzulegen. Wallisch konnte auch Harmonika spielen. Oft wurde er nach Beendigung einer Versammlung gebeten, zum Tanz aufzuspielen. Die Harmonika war zumeist schon in einem Nebenraum bereitgestellt. Was soll noch über ihn gesagt werden? Vielleicht etwas ganz entscheidendes: Die Arbeiter und Angestellten, sowie sie nicht politische Gegner waren, haben ihn sehr, sehr gern gehabt. Er war eben unser Koloman.

fach ein Buhmann. In Wahrheit war Wallisch nie im Leben gewalttätig. Das lag ihm nicht. Ich kannte ihn als einen der gutmütigsten und liebevollsten Menschen. In der Frage der Ideologie gab es für ihn keinen Kompromiss, die Partei war ihm alles. Für sein Ideal, den Sozialismus, hatte er das Wertvollste, was ein Mensch besitzt, sein Leben, geopfert. Schon am 18. November 1929 erfolgte von drei Heimatschützlern auf Wallisch ein Pistolenattentat, das allerdings erfolglos blieb. Das Todesurteil gegen Koloman und die Hinrichtung haben mich schwer getroffen. Das Standgerichtsurteil erfolgte, weil vor allem Dollfuß und Schuschnigg entschlossen waren, „den Wallisch“ zur Strecke zu bringen. Die Standgerichtsverhandlung war eine Farce, das Urteil wurde nicht in Leoben entschieden, sondern im Bundeskanzleramt. Ein persönliches Erlebnis kann verdeutlichen, wie es damals im Gericht aussah. Nach meiner Verurteilung (zwei Jahre schwerer Kerker) sagte ich zum Vorsitzenden des Schöffensenats: „ich möchte gerne mit Ihnen reden.“ Der Vorsitzende war dazu bereit. Ich fragte ihn, ob das Urteil über mich seiner Meinung nach in Ordnung sei oder ob es von den anderen Schöffen überstimmt worden sein. Seine, für die damaligen Verhältnisse bezeichnende, Antwort: „Was sollen wir uns darüber lange unterhalten? Die Unabhängigkeit der Gerichte gibt es nicht mehr. Ich erhielt von Wien den Auftrag, alles Notwendige zu veranlassen, damit ein Schulspruch zustande kommt.“ Wallisch wurde in der Nacht nach seiner Hinrichtung auf dem Leobner Friedhof begraben und das Grab eingeebnet, denn die Grabstätte sollte unbekannt bleiben. Die Grabstätte wurde aber immer wieder mit Blumen bedeckt und wenn diese im Auftrag der Behörde weggeräumt wurden, waren am nächsten Tag neue da. Koloman war für Tausende im obersteirischen Raum ein Märtyrer, ein Blutzeuge dieser tragischen Zeit. ‹‹‹


Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! Das Recht wie Glut im Kraterherde, nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit den Bedrängern! Heer der Sklaven wache auf! Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger alles zu werden strömt zuhauf! Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!

Eines Morgens, in aller Frühe, o bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao, eines Morgens in aller Frühe trafen wir auf unser’n Feind.

Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun! Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun! Leeres Wort: des Armen Rechte, leeres Wort: des Reichen Pflicht! Unmündig nennt man uns und Knechte, duldet die Scham nun länger nicht! Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!

Partisanen, kommt, nehmt mich mit euch, o bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao, Partisanen, kommt, nehmt mich mit euch, denn ich fühl‘ der Tod ist nah.

BELLA CIAO

In den Schatten der kleinen Blume, o bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao, einer kleinen, ganz zarten Blume, in die Berge bringt mich dann! Und die Leute, die geh’n vorüber, o bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao, und die Leute, die geh’n vorüber, seh’n die kleine Blume steh’n. Diese Blume, so sagen alle, o bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao, ist die Blume des Partisanen, der für uns’re Freiheit starb.

DIE INTERNATIONALE

Wenn ich sterbe, oh ihr Genossen, o bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao, wenn ich sterbe, oh ihr Genossen, bringt mich dann zur letzten Ruh‘!

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Parteien. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein! Unser Blut sein nicht mehr der Raben, nicht der mächt’gen Geier Fraß! Erst, wenn wir sie vertrieben haben, dann scheint die Sonn‘ ohne Unterlass! Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!


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MICHAEL PAY WAR SAJ- UND SCHUTZBUND-AKTIVIST. ER WURDE ZWISCHEN 1934 UND 1938 DREIMAL WEGEN ILLEGALEM WIDERSTANDS GEGEN DEN STÄNDESTAAT VOR GERICHT GESTELLT UND VERURTEILT UND WIDMETE SEIN LEBEN NACH 1945 DER ERINNERUNGSARBEIT AN DIE VERBRECHEN DES FASCHISMUS.

den richtigen zeitpunkt versäumt EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON MICHAEL PAY


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ir jungen Menschen wurden damals um unsere Zukunft betrogen – in dieser Zeit, in der es keine Arbeit gab, nur Hoffnungslosigkeit. Viele von uns haben damals in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) ihren Halt gefunden und ich bin stolz darauf, dass ich in dieser Bewegung mittun konnte und sehr viel erlebt habe, was ich nicht missen möchte – sowie auch die schlechten Zeiten nicht. Ich bin im Dezember 1914 geboren, habe neben dem Puchwerk in Graz gewohnt und wollte gern den Beruf eines Drehers erlernen. Das war aber nicht möglich, nur jugendlicher Maschinenarbeiter. Da war ich eineinhalb Jahre lang, dann sind 600 von uns auf einmal gekündigt – „abgebaut“ – worden, und niemand hat sich damals um uns gekümmert. Ich bin im Dezember 1931 durch ein Werbeschreiben zur Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) gekommen, im Grazer 5. Bezirk (Gries). Wir hatten damals allein in diesem Bezirk 250 Mitglieder der SAJ – mehr, als wahrscheinlich heute in der ganzen Stadt Graz vorhanden sind. Am 11. Februar 1934 hatten wir eine Landeskonferenz der Sozialistischen Arbeiterjugend auf der Tollinghöhe bei Leoben. Gesprochen hat der Genosse Paul Blaus aus Wien, anwesend war unter anderem Sepp Linhart, der 24 Stunden später tot war, gefallen in Bruck. Anwesend war auch Erwin Linhart, der dann zu einer hohen Kerkerstrafe verurteilt worden ist. Und anwesend war, unsichtbar für uns alle, das Gefühl, dass wir den richtigen Zeitpunkt versäumt haben. Denn der 15. März 1933 war der entscheidende Tag gewesen, da waren wir noch aktiv, da war der Schutzbund noch nicht verboten. Da war noch eine Bewegung vorhanden, die bereit gewesen wäre, auf die Straße zu gehen. Am 12. Feburaur 1934 ist niemand mehr auf die Straße gegangen, es hat nur kämpfende Schutzbündler gegeben, der Generalstreik hat nicht funktioniert. Und bei dieser Konferenz haben wir das Gefühl gehabt: Wir werden natürlich alles tun, was notwendig ist, aber es hat sich auch Hoffnungslosigkeit breit gemacht. Und als am Abend dann im Radio berichtet wurde, wie der Heimwehrführer Fey bei einer großen Kundgebung erklärt hat, sie würden nächste Woche ganze Arbeit leisten, da haben wir das Gefühl gehabt: Jetzt ist die Stunde da.


Am 12. Februar war ich eingeteilt als Melder im Grazer Parteihaus. Wir hatten eine Bereitschaftstruppe, in der ruhigen Zeit haben wir dort Schach gespielt und Kaffee und weißes Brot gekriegt, was auch eine Seltenheit war. Vormittag, es dürfte um halb neun Uhr gewesen sein, ist dann die Nachricht davon gekommen, was in Linz passiert ist. Daraufhin wurde dann in Graz der „Arbeiterwille“ mit dem bekannten Aufruf zum Generalstreik gedruckt. Den haben wir bekommen. Wir als Jugendordner in diesem Bereitschaftsraum haben die Aufgabe gehabt, die Schutzbundkommandanten im 5. und 6. Bezirk zu verständigen. Und dabei haben wir bereits die erste Enttäuschung erlebt. Ich glaube, mehr als die Hälfte dieser Kommandanten hat sich mit irgendeiner Ausrede entschuldigt und war nicht vorhanden. Ein Teil war verhaftet, das muss man auch sagen. Es war hier also schon zu sehen, wie schwierig alles werden würde. Wir haben also diese Meldungen und Alarmierungen durchgeführt und ein Erlebnis war für mich ganz besonders wichtig: Wie sich der Genosse Wallisch vor dem Parteihaus in der Hans-Resel-Gasse, damals Mariengasse, von uns mit den Worten verabschiedet hat: „Liebe Genossen, ich fahre jetzt nach Bruck. Nachdem ich elf Jahre oben Bezirkssekretär war, habe ich den Genossen versprochen: In der Stunde der Gefahr werde ich bei ihnen sein!“ Er hat jedem von uns die Hand gegeben und ist dann weg. Wir sind dann in losen Gruppen Richtung Gösting zum „Brettelschlager-Hof“, das war ein Personalhaus, hinauf marschiert. Bei der Kreuzung, wo man heute zum Humanic fährt, ist die Hirtenschule und da waren unsere Leute drin. Ein Überfallskommando ist angefahren von der Kalvarienbrücke und wollte das Gebäude stürmen, aber sie sind auf so viel Feuer gestoßen, dass sie umgedreht haben. Ich habe noch niemals

so viele Polizisten flüchten gesehen, wie damals in dieser Stunde. Wir sind dann weiter zum Brettelschlager-Hof. Dort haben wir auch die erste Bewaffnung erhalten: Ein Gewehr und fünf Patronen, das war nicht viel. Deprimierend bei diesem Treffpunkt war, dass bereits Bundesheerkolonnen Richtung Bruck gefahren sind. Wir wollten auf sie hinunterschießen, da hat es aber geheißen: Nein, die Kolonne wird bei der „Badlwand“, wo der Engpass war, aufgehalten werden. Das ist aber nicht passiert, sie sind ungehindert bis Bruck gekommen. Der zweite Schlag: Die Eisenbahn ist gefahren. Wir haben eine Lok aufgehalten, sind am Gleis gestanden: Generalstreik ist! „Wir haben keine Weisung“ – das war das berühmte Wort, das es damals schon vor dem 12. Februar 1934 gegeben hat. Wir sind dann runter zum Schienenwalzwerk. Dort war die Waffenausgabe und im Gegensatz zu dem, was der Genosse Kramer aus St. Michael berichtet hat, waren unsere Waffen sehr gut verwahrt. Sie waren eingefettet, wir haben die Waffen herausgegeben. Ich war bei der Waffenausgabe dabei und habe dann ausgeschaut wie ein Kaminfeger, weil alles ölig war. Zu diesem Zeitpunkt, so gegen Abend, hat das Bundesheer versucht – das steht in der Anklageschrift gegen „Pay Michael und Genossen“, die ich noch in meinen Händen habe – in Richtung Fröbelschule, wo noch immer unsere Leute waren, vorzurücken. Dieses Vorrücken ist dreimal verhindert worden. Dabei hat es auf Seiten des Bundesheeres einen Toten und vier Schwerverletzte gegeben und bei uns auch. Zwischendurch sind sogar Frauen gekommen und haben uns etwas zu essen gebracht. Und wir Jungen – ich war damals 19 Jahre alt – wir hatten die Idee, einen LKW zu requirieren. Da hat der Pototschnig gesagt, der spätere kommunistische Führer: Wir fahren in die Stadt, wir besetzen das


Und dann haben wir gesehen, es gibt keine Befehle, es gibt nichts. Das Bundesheer hat wieder erfolglos versucht, anzugreifen. Dann sind sie dazu übergegangen, eine Alarmbatterie bereitzustellen. In die Mauer des alten Walzwerkes wurden im Direktbeschuss Löcher geschossen und dort konnten sie dann rein, sie haben auch Minenwerfer eingesetzt. Aber da hatten wir das Gelände bereits geräumt. Ich bin dann am Frachtenbahnhof verhaftet worden. Ich wollte mich in einem Arbeitsraum der Eisenbahner waschen und herrichten. Ein Eisenbahner hatte Angst und sagte „Gehens raus, da kommt eh niemand“. Hinaus gekommen bin ich aber nirgends mehr. Es wurde eine größere Zah von uns dort am Bahnhof verhaftet, wir wurden in Postpaketwagen befördert – die hatten ja ein Gitter. Zuerst sind wir dann auf die Polizeidirektion, dort haben sie uns ziemlich grob behandelt und dann später ins Landesgericht. Wir waren alle sehr bedrückt, als wir am 14. und 15. Februar beim Spaziergang im Landesgericht hunderte Genossinnen und Genossen getroffen haben, Freunde, Bekannte, von Landeshauptmann-Stellvertreter Reinhold Machold angefangen bis zum letzten kleinen Funktionär. Wir waren damals deprimiert und verunsichert, wie wir gehört haben im Gefängnis: „Partei verboten, Gewerkschaft verboten, Heime besetzt“ Alles, alles weg, was wir gehabt haben. Wir waren tagelang wirklich bedrückt. Die Zellen waren alle überbesetzt, vier waren in einer Einzelzelle drin. Das hat den Vorteil gehabt, dass man die Matratze benutzen konnte. Und am 17. Feburaur vormittags geht die Zellentür auf, was sonst vormittags nie passiert ist. In meiner Zelle war der Sohn vom Genossen Stanek, er war schon vorher verhaftet worden. Der junge Stanek kommt nach einer Stunde zurück. Er setzte sich nieder, konnte kaum reden. „Ich war bei meinem Vater. Ich konnte Abschied nehmen, er ist zum Tode verurteilt, er wird hingerichtet.“ Das hat sich natürlich wie ein Lauffeuer im Gefängnis verbreitet, überall, in allen Trakten, in allen Zellen. Und als die Stunde der Hinrichtung gekommen ist – man erfährt ja im Gefängnis alles durch das Klopfen – haben wir uns auf die Fenster hinausgesetzt und haben die „Internationale“ gesungen und „Freundschaft“ gerufen. Wir waren maßlos empört und haben dieser Empörung Ausdruck verliehen. Das war ein Erlebnis, das mir ebenso wie die Begegnung mit dem Genossen Wallisch unvergesslich geblieben ist. ‹‹‹

DEN RICHTIGEN ZEITPUNKT VERSÄUMT /// EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON MICHAEL PAY

Postamt, wir besetzen das Radio. Nichts ist daraus geworden – wir haben uns nur verteidigt.


HENRIETTE HAIL

FEBRUARKÄMPFER Im unvergessenen Februar als die Geduld zu Ende war da griffen wir zu den Waffen. Wir wollten keine Knechte sein, wir standen für das Letzte ein und hatten’s nicht geschafft. Wir ließen uns zu lange Zeit, die Macht der Feinde war zu breit, wir gingen ins Verderben. Als uns die schwere Stunde rief im Hass der Feinde Kugel pfiff, da hieß es steh’n und sterben. Als man uns tief zu Boden schlug, weil wir nicht einig, stark genug, da mussten wir es büßen. Die rote Fahne lag im Kot, sie häuften auf uns Leid und Spott und traten uns mit Füßen. Nur keine Milde war ihr Sinn, auf unser’m Blut stand ihr Gewinn, sie waren nicht bescheiden. Sie labten sich an unser’m Schmerz und zielten froh auf unser Herz und hängten uns mit Freuden. Auf Leichen stiegen sie empor

und öffneten gar weit das Tor der eigenen Not im Lande. Und Schlag auf Schlag und Trug auf Trug, das war kein böser Funkenflug zum großen Weltenbrande. Und was auch alles kam und war, der blutige zwölfte Februar hat uns ins Herz getroffen. Wir halten noch die Faust geballt, die Rechnung ist noch nicht bezahlt, die Wunden steh’n noch offen.

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12. februar in der

obersteiermark EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON FRANZ KRAMER

Als junger Lehrer in St. Michael erlebte ich die politisch gespannte Zeit vor 1934. Ich war Organisator einer Jungsozialistengruppe und Mitglied des Republikanischen Schutzbundes und erlebte große politische Aktivität von Jung und Alt, von Eisenbahnern, sonstigen Berufstätigen und von Arbeitslosen. Die Entschlossenheit zur Verteidigung der Arbeiterbewegung und Demokratie war allgemein merkbar, die Sozialdemokratische Partei sehr aktiv, die Mitglieder des Schutzbundes und ihre Führung ein entschlossener Kampfbund. Die Bekämpfung der Heimwehr und des aufkommenden Nazitums war insbesondere in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) sehr lebhaft. Wir Roten dominierten den Eisenbahnervorort.

Ab 1932 wurden die ruhigeren, konservativeren Männer in der Regierung vom durch die Heimwehr getriebenen und von der Nazigefahr radikalisierten Flügel der Scharfmacher,

an der Spitze Bauernbundsekretär Dollfuß, verdrängt und eine scharfmacherische Politik gegen die Sozialdemokratische Partei betrieben. Ich erlebte in St. Michael, wie diese Bedrohung die Vertrauensmänner und Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei zusammenschweißte und kampfentschlossen machte. Ich war in einer politischen Situation bei jungen Männern tätig, erlebte aber auch taktische Beratungen der Schutzbundfunktionäre, insbesondere bei einem Besuch des österreichischen Führers des Schutzbundes, Major Eiflee. Als Dollfuß am 15. März 1933 in Wien das Parlament ausschaltete und darauf die Abgeordneten durch die Polizei aus dem Parlament vertreiben ließ, also putschte und einen schweren Verfassungsbruch beging, hat in St. Michael der Schutzbund Ort und Bahnhof unter Kontrolle gehabt. Die Enttäuschung war stark, als von Wien die Gegenwehr „vor-


läufig“ abgeblasen wurde. Damals hätte nach Meinung vieler eine gewisse Aussicht für den Sieg der fortschrittlichen, demokratischen Kräfte in Österreich bestanden. Denn die sozialistische Landesorganisation war voller Leben und aktiv, der Schutzbund durchorganisiert und kampfentschlossen, für einen Generalstreik der Eisenbahner bestand gute Aussicht. Nicht unrecht allerdings hatte Otto Bauer damit, dass das Risiko angesichts der Entschlossenheit Mussolinis und Hitlers zum militärischen Einmarsch in Österreich groß gewesen wäre. Vor allem, dass Hitler von der deutschen Rüstungsindustrie und dem reaktionären Rittergutsklüngel an die Macht gehoben worden war, hat die politische Lage der österreichischen Arbeiterbewegung sehr gefährdet. Das Jahr bis zum Februar 1934 brachte eine sich steigernde Angriffslust der österreichischen Reaktionäre gegen die Organisationen der Arbeiterbewegung. Und in dieser verbreitete sich Missmut über das vorsichtige Taktieren der Parteiführung, Pessimismus und Ängstlichkeit. So war die Arbeiterschaft weitgehend geschwächt, als es zum Verzweiflungsausbruch des 12. Februar kam. Diesen 12. Februar erlebte ich in Leoben, wohin ich im Herbst 1933 als Turnfachlehrer an die Hauptschule versetzt worden war. Wie alle Jusos fand ich mich beim Sammelplatz der Leobner Schutzbündler auf dem Windischberg bei Göß ein. Wir waren ungefähr 500 Mann. Und der Nationalrat und führende Genosse hat uns erklärt: Wir dürfen nicht als erste losschlagen. Wer weiß, ob sich die anderen auch rühren werden, wir würden allein gelassen sein. Das hat sich hingezogen bis gegen Mitternacht, obwohl inzwischen bekannt geworden ist, dass in Bruck der Schutzbund mit Ausnahme der Gendarmerie und der Forstschule die ganze Stadt in der Hand hatte.

Um Mitternacht haben sich von den 500 schon mehrere hundert heim begeben. Sie haben gesehen, dass man nicht die Absicht hat, Ernst zu machen mit dem, was bisher immer gepredigt worden ist und was wir beraten haben. Und in der Früh beim Morgengrauen waren wir keine hundert Männer mehr, die dann ebenfalls nach Hause gegangen sind. Anders verliefen die Ereignisse im Eisenbahnerort St. Michael. Obwohl dort in den Schutzbundreihen großteils Eisenbahner waren, die eine Stelle zu verlieren hatten, war dort die Führung kampfentschlossen. Sie hatten Schwierigkeiten, weil die vergrabenen Gewehre stark angerostet gewesen sind und konnten deshalb erst in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar aktiv werden. In St. Michael waren, weil es ja ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt war, viel Gendarmerie- und Hilfskorpsleute zusammengezogen worden, insbesondere in der Nähe des Bahnhofes. Die Schutzbündler von St. Michael haben diese kasernierten Hilfswilligen angegriffen und hatten anfangs Erfolg, diese wurden vertreiben. Es ist allerdings geschossen worden, drei auf der Seite der bewaffneten Söldner sind ums Leben gekommen. Aber einem massierten Gegenstoß der Gendarmerie war man nicht gewachsen, und die 40 Schutzbündler zogen sich über die Bahnhofsgleise auf den nächsten Berg zurück. Mit den Waffen und wenig Lebensmitteln versehen erstiegen sie dann das Kraubatheck und besetzten die Schafferalm. Von dort dachten sie an einen Vorstoß auf die enttäuschender weise ungestört rollenden Eisenbahnzüge. Ich habe ein oder zwei Tage später zwei Schutzbündlerfrauen in Leoben getroffen und die erzählten mir, dass sich ihre Männer auf die Schafferalm in Verzweiflung zurückgezogen hätten und die Absicht hatten,


Durch genau geplante, getrennte Abstiege und Meldungsstellen in Knittelfeld, St. Veit an der Glan und Trofaiach konnten die von langer Haft bedrohten Männer das Ausland oder entfernt wohnende Verwandte erreichen. Alle kamen gut durch, nur der Schutzbundobmann, der langjährige, allseits hoch geachtete Bürgermeister Klingenbacher, wurde von einer Patrouille bei der Nächtigung in einer Heuhütte im Tal gestellt und ins Kreisgericht Leoben eingeliefert. Es drohten ihm das Standgericht und der Tod; nach der Füsilierung des Genossen Wallisch wurde glücklicherweise das Standrecht aufgehoben und Klingenbacher bekam einen normalen Schwurgerichtsprozess, in welchem er zu 12 Jahren schweren Kerker verurteilt wurde. In Leoben sind also 500 Leute kampfbereit gestanden und es ist zu keinen Kämpfen gekommen, und auf der anderen Seite haben die 40 Schutzbündler von St. Michael, die von einer kampfwilligen Führung geführt wurden, einen ersten Kampf durchgeführt. Es war wahrscheinlich aussichtslos, aber die Ehre der sozialistischen Idee und der sozialdemokratischen Bewegung ist mit diesem 12. Februar gerettet worden. ‹‹‹

12. FEBRUAR IN DER OBERSTEIERMARK /// EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON FRANZ KRAMER

die Eisenbahn zu sprengen, weil der Generalstreik noch immer nicht funktionierte. Es war die Angst der Frauen um ihre Männer und es war das Bewusstsein der Aussichtslosigkeit, was mich dazu gedrängt hat, am selben Abend als Schitourist nach Kraubath zu fahren – mit Seehundfellen auf den Schiern und abseits der Wege, denn die hätten ja von der Gendarmerie bewacht oder besetzt sein können. Ich bin durch den Wald aufgestiegen und im Morgengrauen war ich bei der Zufluchtsunterkunft der Schutzbündler. Als ich ihnen jetzt berichtete, wie aussichtslos die Situation war, da waren viele tief erschüttert und die Männer haben geweint.


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der kampf in bruck an der mur EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON FRANZ ZECHNER

In Wien, Steyr, Amstetten, Graz-Eggenberg, Bruck an der Mur und Kapfenberg, sowie in Thörl, Turnau und in Pernegg griffen die Arbeiter an diesem denkwürdigen 12. Februar 1934 zu den Waffen. Nach 11 Uhr 30 mittags trafen die ersten Schutzbündler auch in Bruck am vereinbarten Alarmplatz, dem Sägewerksgelände der Städtischen Betriebe, ein. Wenige Minutenvor 12 Uhr mittags eilten die ersten bewaffneten Schutzbündler vom Alarmplatz in zwei Gruppen auf verschiedenen Strecken zur Gendarmeriekaserne und kurz danach auch hinaus zur Höheren Forstlehranstalt, nahe der Leobner-Brücke, um diese zu besetzen. Sepp Linhart, Kommandant der 1. Kompanie des Alarmbatalloins in Bruck, der die erste Gruppe anführte, eilte mit seinen Kampfge-

fährten über die Bismarckstraße, den Hauptplatz zur Wiener Straße und zum Tor der Gendarmeriekaserne, in der nicht nur das Abteilungs-, Bezirks- und Postkommando mit circa 50 Gendarmeriebeamten, sondern auch ebenso viele Gendarmerieschüler schon seit einigen Tagen streng kaserniert zusammengezogen waren. Nach der Sprengung des Torflügels stürmte er als erster hinein. Durch mehrere Schüsse tödlich getroffen, stürzte Sepp in der Toreinfahrt vor den spanischen Reitern nieder. Sepp Linhart war der erste, der sein Leben für die Verteidigung der Freiheit in Bruck gab. Bis zur letzten Stunde war er als Mensch und Funktionär stets ein Vorbild. Durch den schnellen Vorstoß konnten sämtliche Gendarmeriekasernen genauso ein-


geschlossen werden, wie der heimatschützerische Sturmkorps, der in der Forstschule stationiert war. Die „roten“ Städte Kapfenberg und Bruck waren an diesem Tag in der Steiermark zum Zentrum des Aufstandes gegen die verfassungsbrechende faschistische Regierung geworden. Genosse Koloman Wallisch war mit seiner Frau Paula kurz nach Mittag mit dem Auto von Graz nach Bruck gekommen. Als er sich im Oktober 1933 wegen seiner Berufung zum neuen Landesparteisekretär Steiermarks ab 1. November schweren Herzens von den Brucker Vertrauenspersonen im damaligen Kinderfreundeheim verabschiedet hatte, gab er das Versprechen: „In der Stunde der Gefahr werde ich bei euch sein!“ Schon am frühen Nachmittag fuhr er nach Kapfenberg und in einige andere Orte des Bezirks, um mit den Schutzbündlern Verbindung aufzunehmen, obwohl er nicht der militärische Leiter des Republikanischen Schutzbundes war. Ständig peitschten Gewehrschüsse durch die Stadt. Des Öfteren vom Knattern von Maschinengewehrsalven verstärkt. Draußen bei der Leobner-Brücke und rund um die Höhere Forstlehranstalt gab es zuweilen heftige Kämpfe. Es gab einige Tote und mehrere schwerverletzte Schutzbündler. In den städtischen Betrieben bereiteten Paula Wallisch, Maria Fertner und einige Genossinnen heißen Tee, Kaffee und Schmalzbrote, um damit die kämpfenden Schutzbündler zu unterstützen. Schnell brach an diesem nasskalten Nachmittag die Dunkelheit herein. Das städtische Elektrizitätswerk hatte schon vor 13 Uhr den Strom abgeschaltet. Nur das Landeskrankenhaus war davon ausgenommen. Am späten Nachmittag verkehrte wieder die Eisenbahn. Der Generalstreik war also unvollständig geblieben. Die Stille

der Nacht wurde durch einzelne Gewehrschüsse und durch gelegentlichen heftigen Feuerwechsel unterbrochen. Wieder explodierte irgendwo mit großem Krach eine Schmierbüchse. Den größten Widerstand bereiteten die Pernegger Schutzbündler dem motorisiert aus Graz anrückenden Bundesheer durch einige Straßensperren und Hindernisse, die zwischen Zlatten und der Stauseewehr errichtet worden waren. Zwei mutige Funktionärinnen wurden in den späten Abendstunden ausgeschickt, um zu erkunden, ob die motorisierten Abteilungen des Militärs schon die Brucker Vorstadt erreicht und wo sie ihre Stellungen bezogen hatten. Die Genossinnen Lintschi Haubenwallner und Luise Gabler konnten sehr geschickt in Erfahrung bringen, dass bereits eine Kompanie Alpenjäger und ein Zug mit zwei Gebirgsschützen das Gelände um das Landeskrankenhaus bis zum rechten Murufer und den Grazer-Brückenkopf besetzt hatten. Nach einer Beratung, die Koloman Wallisch

Sepp Linhart, der Bezirksobmann der Brucker SAJ – als erster Brucker gefallen beim Sturm auf die Gendarmerie-Kaserne.


Acht Tage später stand ich am frühen Vormittag am eigeebneten Grab von Koloman Wallisch am Leobner Friedhof. Der Friedhofswärter hatte gerade einige Blumenbuketts von der ebenen Grabstätte Wallischs, den der faschistische Ständestaat hingerichtet hatte, weggenommen. Sein Grab in Leoben war monatelang für die obersteirische Arbeiterbewegung eine Wallfahrtsstätte. Es lagen Tag für Tag frische Blumenbinden und Kränze auf seiner Grabstätte. Der beachtenswerte Aufstand der Arbeiterbewegung Österreichs im Februar 1934 gegen die faschistischen Verfassungsbrecher hat größtes internationales Ansehen erreicht. Für uns gilt heute noch das Vermächtnis: „IMMER DARAN DANKEN – NIEMALS VERGESSEN!“ ‹‹‹

Gefangene und inhaftierte Schutzbündler im Wäschehof vor dem Stadttheater in Bruck an der Mur.

DER KAMPF IN BRUCK AN DER MUR /// EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON FRANZ ZECHNER

mit dem technischen Leiter des Republikanischen Schutzbundes, Hubert Ruhs, und Albert Klanert nach Mitternacht führte, wurde, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, der Entschluss gefasst, bis zum Morgen des 13. Februar die Stadt Bruck an der Mur zu räumen. Als mehr als 400 Schutzbündler bereitwillig mit dem Genossen Wallisch in den frühen Morgenstunden des Dienstages die Stadt in westliche Richtung verließen, begleitete sie Kanonendonner, mit dem das Bundesheer den Angriff auf den Brucker Schlossberg vorbereitete, den die Schutzbündler jedoch kurz vorher verlassen hatten. Das war wohl der Anfang vom Ende des heldenmütigen Kampfes in Bruck an der Mur.


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der abschied EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON OTTO LINHART

18. Februar. Es war im Kreisgericht Leoben. Alle Zellen vollgestopft mit Sozialisten, Schutzbündlern. Da, auf einmal, man merkt sogar in den Zellen, dass etwas Besonderes geschehen sein musste. Ein Gerenne und eine unnatürliche Eile haben auf den Gängen eingesetzt. Man hört genagelte Stiefel in den Gängen hin und her eilen und dabei Waffen klirren. Was hat man vor? Was ist los? Doch bald erfahren wir die traurige Nachricht: Unser Genosse Koloman Wallisch ist die Ursache dieser Aufregung. Gefangen, gefesselt war er soeben ins Gefängnis eingeliefert worden. Obwohl jeder einzelne von uns selbst genug schweres zu tragen hatte, so erfüllte uns diese Nachricht mit tiefem Schmerz und machte uns niedergeschlagen. Vor wenigen Tagen waren wir noch in Bruck, auf der Hochalm, im Laufnitzgraben beisammen gewesen. Der Rückzug mit seinen Kämpfern hat uns auch noch gemeinsam gesehen. Seine letzte Rede an uns Schutzbündler, getragen von echter Verantwortung eines Arbeiterführers, das Auflösen

der großen Einheit und der Weg zurück in die Berge, die Suche nach einem Weg in die Freiheit stehen neu in uns auf. Die Trennung auch, der Schwur unverbrüchlicher Treue, der letzte Händedruck, Abschied und nun das bittere Ende. Ein Ende war es auf jeden Fall. Ein Wiedersehen im Kerker. Und dabei das Wissen, dass dies sein Ende sein musste. Eine Gerichtsverhandlung wäre überflüssig gewesen, denn zu sehr wurde Wallisch von den Verfassungsbrechern gehasst. Umso größer aber war die Liebe, mit der die Arbeiterschaft an Wallisch glaubte. Je größer aber die Erfolge waren, die er für die arbeitenden Menschen erkämpfte, umso größer wurde der Hass, mit dem unser Wallisch von seinen Gegnern verfolgte wurde. Gemeinste Namen wie Bluthund wurden ihm gegeben, ihm, der ein einfacher, herzensguter Mensch war und nur ein treuer Helfer der Arbeiterschaft sein wollte. Er war ein Rebell, jawohl, aber ein Rebell des Guten, ein Rebell, dem die Zuneigung der Arbeiterschaft zuflog. Und nun war er wieder bei uns im Gefängnis. Der Mann, der sein ganzes Leben der Arbeiterschaft


Und so kam es dann zum 19. Februar 1934. Genosse Wallisch vor dem Standgericht! Wie nicht anders zu erwarten, lautete das Urteil Tod durch den Strang. Obwohl wir alle wussten, dass der Hass, der unserem Genossen Wallisch entgegenschlug, größer als alle Vernunft war und daher mit dem schlimmsten zu rechnen war, hatte man doch noch im Stillen auf ein Wunder gehofft. Tiefste Niedergeschlagenheit breitete sich im Gefängnis aus. Wussten wir doch, dass wir in einigen Stunden einen Mann, dem unser aller Liebe galt, verlieren würden. Die Niedergeschlagenheit über unsere Niederlage am 12. Februar war nicht so groß. Wussten wir doch „Wir kommen wieder!“. Doch einen Wallisch zu verlieren, bedeutete Abschied zu nehmen für immer von diesem Vorbild eines Sozialisten. In den Zellen des Gefängnisses wurde bekannt, dass Genosse Wallisch noch vor Mitternacht sein Leben der Arbeiterschaft opfern sollte. Keiner der Genossen in den Zellen dachte an schlafen. Ein jeder hoffte, noch einmal Wallisch sehen zu können. Bald gab es wieder Leben in den Gängen des Gefängnisses. Man hörte Militär und dann - einige Genossen hatten noch das Glück, von Genossen Wallisch persönlich Abschied nehmen zu dürfen - hörte man Wallisch ruhig und gefasst, festen Schrittes seinen letzten Weg gehen. Von den Türen und Zellenfenstern wurden wir verjagt und doch konnten wir seinen letzten Ruf, den er uns Überlebenden dieses Kampfes und trotzig seinen Gegnern zurief, hören: „Es lebe die Sozialdemokratie, Freiheit!“ Seinen Freiheitsruf würgte die Schlinge des Henkers ab. Mit dem Absingen der „Internationale“ nahmen wir in den Zellen Abschied von einem großen Freiheitskämpfer. ‹‹‹

DER ABSCHIED /// EIN ZEITZEUGEN-BERICHT VON OTTO LINHART

gewidmet hat, war von einem Arbeiter verraten, verkauft worden. Wie verlogen waren doch die Nachrichten, die von diesem mit einem christlichen Mäntelchen getarnten Austrofaschisten durchgegeben worden waren. Man sprach von großen Beträgen, die bei Wallisch gefunden worden seien. Dabei hat nur der Umstand, dass Wallisch mittellos war, dazu beigetragen, dass seine Flucht misslungen war.


WILHELM ADAMETZ

12. FEBRUAR Gebietet den brausenden Rädern zu halten, den stampfenden, lärmenden Hämmern zu schweigen, wie damals. Wir wollen die Hände nun falten und uns vor den Gräbern der Kühnen verneigen. Die Ehrfurcht lässt schweigen, Nicht laut sei die Klage. Zu viel des Entsetzlichen konnte geschehen seit jenem so schicksalsentscheidenen Tage. Doch nie wird der Ruhm dieser Toten vergehen. Sie wollten den schrecklichen Dammbruch vermeiden und gaben der Freiheit zuliebe ihr Leben. Sie ahnten die Jahre der kommenden Leiden und opferten sich, um ein Beispiel zu geben. Wir haben ein großes Vermächtnis empfangen und stärken aus ihm unseren heiligen Glauben. Wir werden schon morgen zum Ziele gelangen und lassen uns niemals die Freiheit mehr rauben. Seid wachsam! Vernehmt das ewige Mahnen. Der Sinn dieses Tages darf niemals vergehen. Seid kühn! Hebt empor eure leuchtenden Fahnen. Wir waren, wir sind und wir werden bestehen.


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