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WOJ 17. Jg. - 3/2011

Juli/August/September 2011

„Niemand hat die Absicht ...!“ 50 Jahre Mauerbau

ISSN 0947-5273


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Inhalt Von der „Entstalinisierung“ zum Massenexodus 3 Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Geschichtsbetrachtung – Das Collegium Bohemicum 5 Ein Ort zum Lernen und (Ge)Denken 

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Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand 7 In Waldkraiburg und anderswo – Vertriebenensiedlungen in der Bundesrepublik Deutschland 

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Jan Karski – Mein Bericht an die Welt. Ein Buch und seine Geschichte 9 In Böhmen und Mähren geboren –  bei uns (un)bekannt?

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Eine Welt der Kontraste: Michael Disterheft/Alexander Stroh

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In memoriam Alfred Kittner (1906-1991)

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Kontrapunkt SCHULHAUSROMAN – was heißt das? 

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Wer war Leonhard Wittmann?

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Era Freidzon zeigt „Gloomy Reflections“

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Dem Bauhaus anverwandt

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Sehen und erkennen

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„Der Tunnel“ – Die Geschichte einer dramatischen Flucht in Berlin 17 „Rote Handschuhe“ In den Mühlen der Securitate

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„Im blauen Mond September“

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Eine Stimme der Vernunft im Zeitalter der Extreme - Jorge Semprún

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Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit – Last oder Verpflichtung? 22 Bibliothek 

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I mpressum

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am 28. Juli 2011 wird die Genfer Flüchtlingskonvention 60 Jahre alt. Sie wurde 1951 auf einer Sonderkonferenz der Vereinten Nationen verabschiedet. Der Zeitpunkt war selbstverständlich kein Zufall; der Zweite Weltkrieg und die sich an ihn anschließenden Konflikte brachten – neben ihren sonstigen Wirkungen – auch gewaltige Menschenströme in Bewegung. Nie zuvor wurden so viele Menschen gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Das Problem von Flucht und Vertreibung wurde dadurch noch dringlicher auf die Tagesordnung der internationalen Staatengemeinschaft gesetzt als dies zuvor schon der Fall gewesen war. Es war ferner natürlich auch kein Zufall, dass die junge Bundesrepublik Deutschland unter den ersten Unterzeichnerstaaten der Konvention war – die somit zu den ersten internationalen Selbstverpflichtungen gehörte, welche unser Land übernahm. Die Bundesrepublik war damals noch damit beschäftigt, die wichtigsten eigenen Probleme bei der Integration von rund acht Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen Lösungen zuzuführen. Gleichwohl stand die junge westdeutsche Demokratie zu ihrer besonderen Verpflichtung auch gegenüber Flüchtlingen und Vertriebenen anderer Nationalität. Neben dem unverändert kontroversen historischen Umgang mit Flucht und Vertreibung von Deutschen aus dem ehemals deutschen Osten ist das Flüchtlingsproblem aktueller denn je – dies sollte bei aller Unverzichtbarkeit der historischen Debatte nicht vergessen werden. Soeben hat das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) seinen aktuellen Bericht veröffentlicht. Zum Zeitpunkt seiner Gründung (1950) übernahm das UNHCR die Interessenvertretung und die Betreuung von rund 2,1 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in Europa, die ohne unmittelbaren staatlichen Rückhalt waren. Für das Jahr 2010 geht das Hochkommissariat von weltweit 43,7 Millionen Menschen aus, die ihre Heimatregionen unfreiwillig verlassen mussten. Rund 80 Prozent davon leben in Entwicklungsländern. Bezogen auf das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt ist die daraus resultierende Belastung etwa für Pakistan (1,9 Millionen Flüchtlinge) etwa 40 Mal höher als für die Bundesrepublik (594.000 aufgenommene Personen, damit mehr als jede andere Industrienation). An derartige Relationen sollte von Zeit zu Zeit erinnert werden. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Problematik setzen wir unsere Tätigkeit fort – auch um zu zeigen, wie langfristig Vertreibungen wirken und dass sie nicht zuletzt deswegen wirksam geächtet werden sollten. Vor Ihnen liegt unser vielfältiges Angebot für das dritte Quartal 2011. Besonders möchte ich darauf hinweisen, dass das vor kurzem eröffnete Tschechische Zentrum in Düsseldorf jetzt gleich zwei Mal als neuer Veranstaltungspartner bei uns firmiert – was mehr als nur zu begrüßen ist. Wir hoffen, dass sich die Zusammenarbeit so eng und vertrauensvoll entwickelt wie im Falle des Polnischen Instituts Düsseldorf. Alle näheren Informationen wollen Sie bitte dem vorliegenden Heft entnehmen. Ein besonderes Erinnerungsdatum sei noch erwähnt: Am 13. August 2011 jährt sich der Beginn des Baus der Berliner „Mauer“ zum 50. Mal. Mitten in der Urlaubszeit wird dieser herausragenden Etappe in der Geschichte der deutschen Teilung zu gedenken sein. Mindestens 136 Menschen starben an der Sperrlinie, die die SED-Diktatur mit sowjetischer Rückendeckung selbst um ihre Bevölkerung zog. Gerade weil die „Mauer“ seit mehr als 20 Jahren – gottlob – Geschichte ist, muss an ihre Realität erinnert werden. Wir tun dies in diesem Quartal mit einem sehenswerten Spielfilm, der auf einer realen Begebenheit beruht, und im nächsten Quartal durch einen wissenschaftlichen Vortrag. Ich hoffe, Sie bald wieder im Gerhart-Hauptmann-Haus begrüßen zu dürfen – und zwischendurch sammeln Sie bitte Kraft, damit Sie möglichst wenig von unserem Programm auslassen müssen. Einen wunderbaren Sommer 2011 wünscht Ihnen Ihr

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Vortrag

Mi, 06.07. | 19.15 Uhr

Von der „Entstalinisierung“ zum Massenexodus: Die Geschichte der Deutschen in der Sowjetunion/in Russland seit 1956 Vortrag von Dr. Alfred Eisfeld, Nord-Ost-Institut an der Universität Hamburg Was ist „normal“? Eine Frage, deren Beantwortung natürlich nur auf den ersten Blick einfach ist. Jedenfalls dürfte kaum ein heutiger Bundesbürger die Verhältnisse, die sich seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in den Regionen der Sowjetunion einstellten, in denen deutschstämmige Menschen leben mußten, als „normal“ empfinden. Gewiss, nachdem der blutrünstige Diktator Josef Stalin Anfang März 1953 verstorben war, nachdem der Kampf zwischen seinen bisherigen Helfern um die Macht für’s erste zugunsten Nikita Chruschtschows entschieden war, besserten sich auch die Lebensbedingungen der Deutschen in der Sowjetunion – freilich besserten sich die Verhältnisse von einem sehr niedrigen Niveau aus. Die „Entstalinisierung“ brachte indessen keine wirkliche Korrektur des Unrechts, das vor allem seit 1941 den Deutschen in der Sowjetunion auf Geheiß Stalins angetan worden war. Bezeichnend ist, dass Chruschtschow in seiner berühmten, zunächst geheim gehaltenen Rede vor dem XX. Parteitag der Sowjetischen Kommunistischen Partei am 25. Februar 1956 – also fast genau drei Jahre nach Stalins Tod – den „Personenkult“ um den Diktator zu demontieren bestrebt war und in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe von Verbrechen aufzählte, für die er Stalin verantwortlich machte. Im Vordergrund standen dabei allerdings die „Säuberungen“ in den 1930er Jahren, in deren Verlauf sich Stalin praktisch der gesamten Parteielite und somit aller möglichen Konkurrenten um die Macht entledigt hatte. So gut wie alle einstigen Mitstreiter Wladimir I. Lenins, des schon 1924 verstorbenen Gründers der UdSSR, der in seinem Testament vergeblich vor Stalin gewarnt hatte, waren ermordet worden, teils mit, teils ohne vorausgehende Schauprozesse in grobschlächtiger, ihren

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Willkürcharakter kaum verhehlender Inszenierung. Lew Trotzki, der intellektuell wohl bedeutendste Gegenspieler Stalins, der ins Ausland hatte entkommen können, fiel im August 1940 im mexikanischen Coyoacan einem von Stalin beauftragten Mörder zum Opfer. Mit Stalins blutigem Terror gegen die eigenen Genossen also setzte sich sein Nachfolger Chruschtschow in erster Linie auseinander – und ließ zugleich den noch weitaus monströseren Teil der Verbrechen, die während Stalins Herrschaft begangen wurden, unerwähnt. Noch immer sind sich die Historiker uneins über die Gesamtzahl der Opfer der Stalinschen Politik – die Schätzungen reichen von rund drei bis zu über 20 Millionen Menschen –, klar ist aber, dass diejenige Opfergruppe, die Chruschtschow in den Vordergrund rückte, zwar politisch besonderen Stellenwert

hatte, zahlenmäßig jedoch nur einen sehr geringen Bruchteil aller Betroffenen ausmachte. Etwa der direkte und indirekte Massenmord an Teilen der bäuerlichen Bevölkerung der Sowjetunion im Rahmen der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft (mit vermutlich allein mehreren Millionen Opfern) schon seit Ende der 1920er Jahre fand keinerlei Erwähnung. Chruschtschow ging es eben nicht um eine Gesamtabrechnung mit dem mörderischen System der totalitären Diktatur, die unumschränkte Herrschaft der in unbedingtem Gehorsam gegenüber Stalin nachgewachsenen kommunistischen Parteikader sollte unangetastet bleiben. Er wollte lediglich Stalin vom Denkmalssockel stürzen, um die Macht von dessen Nachfolgern besser abzusichern. So verwundert es auch nicht, dass der Umgang mit den Deutschen in der Sowjetunion für Chruschtschow kein Thema war. Noch vor dem trotz der Geheimhaltungsversuche rasch weltweites Aufsehen erregenden XX. Parteitag war ein Teil der scharfen Restriktionen, die über die Deutschen in der UdSSR seit ihrer Deportation verhängt worden waren, aufgehoben worden. Seit 1955 war es den Überlebenden – geschätzte zwei Millionen Menschen – erlaubt, ihren Wohnsitz wieder frei zu wählen – mit der schwerwiegenden Einschränkung Fortsetzung auf Seite 4

Eine russlanddeutsche Aussiedlerfamilie in der nordrhein-westfälischen Aufnahmestelle Unna-Massen 1991

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Vortrag Fortsetzung von Seite 3 allerdings, dass diese „Freizügigkeit“ nur bedingt galt. Denn eine Heimkehr in die Heimatregionen vor der Vertreibung von 1941 blieb kategorisch ausgeschlossen. Es hat nach dem XX. Parteitag auch noch einmal acht Jahre gedauert, bis die Führung der KPdSU 1964 förmlich eingestand, dass die pauschale Verfemung der Deutschen in der Sowjetunion als angebliche „Faschisten“ und vermeintliche Helfer der vorrückenden Wehrmacht des NS-Staates ohne reale Grundlage erfolgt war. Bezeichnend ist allerdings wiederum, dass der entsprechende Beschluss des Obersten Sowjets nicht veröffentlicht und vielen Betroffenen erst auf Umwegen bekannt wurde. Eine wirkliche Heimkehr blieb weiterhin ausgeschlossen, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem erzwungenen Heimatverlust. Eine Wiederherstellung der Autonomierechte aus der Zeit vor 1941 oder gar eine Vermögensrestitution standen gleichermaßen weiterhin außer Frage. Und auch eine freie und offen zutage tretende Bewahrung der eigenen kulturellen und sprachlichen Identität wurde den Deutschen in der Sowjetunion noch immer erschwert. Der Assimilierungsdruck wurde aufrecht erhalten, außerdem die faktische Diskriminierung sehr vieler Angehöriger der deutschen Bevölkerungsgruppe im Bildungsbereich. So erscheint es nicht verwunderlich, dass sich vor allem seit Ende der 1960er Jahre bei vielen Deutschen in der Sowjetunion der Wunsch zu regen begann, diesem Staat dauerhaft den Rücken zu kehren und nach Deutschland zu ziehen – möglichst in die Bundesrepublik, die naturgemäß ungleich attraktiver erschien als die von der UdSSR abhängige DDR. Die Gelegenheit zur Ausreise erhielten allerdings vorerst nur sehr wenige Menschen; ein Ergebnis der „Neuen Ostpolitik“ der Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt seit 1969/70 bestand allerdings auch darin, dass seither mehr Menschen die UdSSR verlassen durften. Erst mit dem Aufstieg Michail Gorbatschows zum Partei- und Staatschef im Jahre 1985 jedoch wurden deren Grenzen wirklich durchlässig. Zugleich scheiterten Bemühungen, jetzt doch noch eine Wiederherstellung der früheren Autonomierechte zu erlangen, weitgehend. Mit dem fortschreitenden Niedergang des kommunistischen Staatensystems seither brandete dann eine gewaltige Welle von deutschen Aussiedlern (seit 1993 formell

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Spätaussiedler genannt) in die Heimat der Vorfahren, die einst im 18. oder 19. Jahrhundert nach Russland ausgewandert waren. Bei der ersten zahlenmäßig größeren Auswanderungswelle von Deutschen aus der Sowjetunion in den 1970er Jahren waren jährlich weniger als 10.000 Menschen in die Bundesrepublik gekommen. Zu Beginn der 1980er Jahre ging ihre Zahl vorübergehend noch einmal stark zurück. Erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre stieg die Zahl der Zuwanderer aus der bereits in Agonie verfallenden Sowjetunion dramatisch an, um nach dem Ende des kommunistischen Regimes und dem Zerbrechen der UdSSR ihren Höhepunkt zu erreichen. Allein im Jahre 1994 kamen mehr als 213.000 Menschen mit russlandWeitere Veranstaltungstermine zum 70. Jahrestag des Beginns der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion: 23. Juli 2011 Wiedereröffnung des Museums für russlanddeutschen Kulturgeschichte in Detmold (siehe Seite 6) 17. September 2011, 11 Uhr Zentrale Erinnerungsveranstaltung von Vira e. V., Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Landesgruppe NRW und Bund der Vertriebenen NRW e.V. im Gerhart-HauptmannHaus mit Frau Ministerin Angelica Schwall-Düren. Details S. 26 in der Chronologie. 04. Oktober 2011 Diskussion und Gespräch mit Dr. Christoph Bergner (Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium und Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten) (Näheres in WOJ 04/2011)

deutschen Wurzeln in die Bundesrepublik. Nach dem Jahr 2000 ging die Zahl der jährlich neu Hinzukommenden dann stark zurück. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums kamen insgesamt seit 1950 rund 2,3 Millionen Aussiedler aus der Sowjetunion beziehungsweise deren Nachfolgestaaten in die Bundesrepublik Deutschland. Geschätzte 600.000 davon leben heute in unserem Bundesland Nordrhein-Westfalen. Grundsätzlich ist es immer noch von hoher integrationspolitischer Bedeutung – auch wenn die Zahl der jährlich neu hinzukommenden Spätaussiedler inzwischen vergleichsweise verschwindend gering ist – möglichst viele Menschen mit der Geschichte der Deutschen in Russland beziehungsweise der Sowjetunion bekannt zu machen. Denn nur wenn die Tatsachen der Vertreibung und Enteignung, der Verfolgung und Unterdrückung sowie der langjährigen Diskriminierung dieser Deutschen ins Bewusstsein der Zeitgenossen von heute gerückt werden, kann eine überzeugende Grundlage zum Verständnis der bereits erreichten Erfolge und der noch wünschenswerten Verbesserungen bei deren Integration gelegt werden. Wir setzen daher unsere gemeinsam mit Vira e. V. und der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Landesgruppe NRW, organisierte Vortragsreihe fort. Referent wird neuerlich Dr. Alfred Eisfeld vom Institut für Geschichte und Kultur der Deutschen in Nordosteuropa an der Universität Hamburg (Nord-Ost-Institut) sein. Herr Dr. Eisfeld hat in seinem präzisen Vortrag im vergangenen Quartal einmal mehr gezeigt, welch ein intimer Kenner insbesondere des einschlägigen Archivmaterials in den Nachfolgestaaten der UdSSR er ist. Er hat dies bereits auch in einer Vielzahl von Veröffentlichungen getan. Seine wissenschaftlichen Leistungen wurden im West-Ost-Journal 02/2011 gewürdigt, dies zu wiederholen erübrigt sich folglich an dieser Stelle. Winfrid Halder

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Vortrag

Do, 15.09. | 19.15 Uhr

Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Geschichtsbetrachtung – Das Collegium Bohemicum in Aussig/Ústí nad Labem Vortrag von Mgr. Blanka Mouralová und Mgr. Jan Sicha, Ústí nad Labem Diese Stadt ist wie ein Brennglas – Aussig, heute Ústí nad Labem, nur wenige Kilometer von der deutsch-tschechischen Grenze entfernt an der Elbe gelegen, spiegelt in seiner Geschichte gewissermaßen gebündelt zugleich die Geschichte der Deutschen in Böhmen wider. Die Ursprünge der Stadt liegen im späten 10. Jahrhundert, von Beginn an war sie durch ihre Lage an uralten Handelswegen über den sächsisch-böhmischen Gebirgszug begünstigt. Offenbar sind schon bald nachdem das böhmische Fürstengeschlecht der Přzemysliden um die Mitte des 12. Jahrhunderts begonnen hatte, deutsche Siedler in seinen Herrschaftsbereich zu holen, auch schon einige davon nach Aussig gekommen. 1228 erfolgte die Erhebung zur Stadt, 1248 wurde Aussig ein deutsches Stadtrecht verliehen. Aus dem Jahr 1328 stammt die älteste bekannte in deutscher Sprache verfasste Urkunde aus Aussig, welche den Namen des Bürgermeisters – Niklas Petermann – und zahlreiche andere deutsche Namen nennt. Fortan blieben die Geschicke der Stadt vom deutsch-tschechischen Spannungsfeld bestimmt. Eine erste Katastrophe brachten die Hussitenkriege mit sich; Aussig wurde 1426 vom hussitischen Heer besetzt. Danach erfolgte der Versuch, das deutsche Element in der Stadt zurückzudrängen. Nach dem Ende der konfessionell bestimmten Auseinandersetzungen gewann der deutschsprachige Bevölkerungsteil vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts neuerlich verstärkte Bedeutung. Er dürfte damals bereits mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung umfasst haben. Der Dreißigjährige Krieg bildete den nächsten tiefen Einschnitt, mehrfach zogen unterschiedliche Heere durch die Stadt, plünderten und trieben Kontributionen ein. Die daraus resultierende Verarmung Aussigs wirkte lange nach. Erst die einsetzende Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte dazu, dass die Stadt wieder kräftig wuchs und an wirtschaftlicher Bedeutung gewann. Begünstigt durch

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ihre von jeher verkehrsgünstige Lage und die Nähe zu wichtigen Lagerstätten des Bergbaus, wuchs Aussig zu einem wichtigen industriellen Produktionsstandort und Verkehrsknotenpunkt heran. Bezeichnend ist, dass es schon 1850 Anschluss an die Eisenbahnlinie Dresden-Prag erhielt. Zwischen 1840 und 1860 stieg die Zahl der Einwohner auf knapp 8.000 und vervierfachte sich damit binnen nur zweier Jahrzehnte. Es folgten weitere Arbeitsplätze schaffende Industrieansiedlungen, so dass

Collegium Bohemicum in Aussig Aussig zu einer der bedeutendsten Städte in Böhmen heranwuchs. Bei der Volkszählung von 1890 lebten 22.388 Menschen in der Stadt, 21.821 davon gaben Deutsch als ihre Muttersprache an, 567 Tschechisch. Mit dem Untergang der Habsburgermonarchie 1918 fiel Aussig an den neu gegründeten tschechoslowakischen Staat – obwohl viele seiner Bürger eine Angliederung an das Deutsche Reich bevorzugt hätten. Aussig blieb von den folgenden Konflikten im Zusammenhang mit der Minderheitenpolitik der Prager Regierungen nicht verschont – vielmehr hatten diese gerade in der von den deutschen Bewohnern dominierten

Stadt besonderen Stellenwert. Konrad Henleins „Sudentendeutsche Partei“ gewann hier in den 1930er Jahren eine ihrer Hochburgen. Allerdings war inzwischen auch der Anteil der tschechischsprachigen Aussiger erheblich gestiegen. Nach der Angliederung des Sudetenlandes an den NS-Staat 1938 wurde die bedeutende jüdische Gemeinde Aussigs vernichtet. Im April 1945 waren zwei amerikanische Luftangriffe, die zu erheblichen Zerstörungen in der Stadt führten, Vorboten des Untergangs Aussigs als deutsche Stadt. Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der Wiedergründung der Tschechoslowakei brach die Vertreibung der Sudentendeutschen auch über Aussig herein. Etwa 53.000 Menschen wurden gezwungen, die Stadt zu verlassen. Vorausgegangen war am 31. Juli 1945 ein vermutlich von tschechischer Seite bewusst als spontane „Rache“ für eine angebliche Sabotageaktion mit deutschen Urhebern inszenierter Pogrom. Noch heute ist die Zahl der Todesopfer des „Massakers von Aussig“ umstritten. Die Angaben von deutscher Seite mit bis zu 2.700 Toten waren vermutlich ebenso überhöht, wie die von tschechischer Seite genannten Zahlen (weniger als 100 Tote) deutlich zu niedrig waren. Eine abschließende Klärung wird kaum noch möglich sein. Otfried Pustejovsky, der deutsche Autor, der sich in den letzten Jahren wohl am intensivsten wissenschaftlich mit den Gewalttaten am 31. Juli 1945 in Aussig auseinandergesetzt hat, geht von 220 nachweisbaren Opfern aus. Unabhängig von der Zahlenproblematik steht gleichwohl fest, dass mit der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen seit dem Frühsommer 1945 auch die deutsche Geschichte Aussigs endete. Die Stadt wurde endgültig Ústí nad Labem. Es handelt sich in Anbetracht des besonders schrecklichen Endes der Existenz eines deutschen Bevölkerungsteils in Fortsetzung auf Seite 6

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Vortrag/Museumseröffnung Fortsetzung von Seite 5 Aussig um einen überaus bemerkenswerten Umstand, dass gerade in Ústí nad Labem derzeit ein Projekt verwirklicht wird, das für die gegenseitige, historische fundierte deutsch-tschechische Verständigung gewiss herausragende Bedeutung hat. Das Collegium Bohemicum wurde als gemeinnützige Kultur-, Bildungs- und Forschungseinrichtung Ende 2006 begründet. Der Aufbaustab nahm im Sommer 2007 seine Tätigkeit auf. Grundlegendes Ziel des Collegium Bohemicum ist es, „die Geschichte des Zusammenlebens von Deutschen und Tschechen in den böhmischen Ländern eingehend zu erforschen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.“ Es ist eng mit dem Stadtmuseum von Ústí nad Labem verbunden, dessen Gebäude seit 2009 mit beträchtlichen Fördermitteln der Europäischen Union grundlegend saniert wurde und das im Herbst 2011 neu eröffnet werden soll. Künftig soll dort auch eine noch im Aufbau befindliche Dauerausstellung zur Geschichte der Deutschen in Böhmen zu sehen sein. Bisher wurden bereits verschiedene Ausstellungs- und Schulprojekte sowie wissenschaftliche Tagungen durchgeführt. Das Collegium Bohemicum wird auch von der tschechischen Regierung gefördert und hat einen international besetzten wissenschaftlichen Beirat. Diesem gehören von deutscher Seite unter anderem Dr. Peter Becher (Geschäftsführer des Adalbert-Stifter-Vereins in München) und Prof. Dr. Detlef Brandes (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) an, der unserem Haus seit vielen Jahren verbunden ist. Die Entstehung, die Arbeit und das Ausstellungskonzept des Collegium Bohemicum werden in unserer Veranstaltung von dessen Direktorin, Frau Mgr. Blanka Mouralová, vorgestellt, die von ihrem Kollegen Mgr. Jan Sicha unterstützt wird. Frau Mouralová ist seit Juli 2007 Direktorin des Collegium Bohemicum, zuvor war sie mehrere Jahre lang Leiterin des Tschechischen Zentrums in Berlin. Ihr politikwissenschaftliches Studium absolvierte sie an der Prager Karls-Universität, gefolgt von Forschungsaufenthalten in den USA, Großbritannien, Österreich und Deutschland. Frau Mouralová hat vor ihrer Tätigkeit für das Tschechische Zentrum ihrerseits an der Karls-Universität gelehrt und für den Tschechischen Senat gearbeitet. Winfrid Halder

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Sa, 23.07. | 11 Uhr

Ein Ort zum Lernen und (Ge)Denken Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold wird wiedereröffnet Pünktlich zum Gedenkjahr 2011 – 70 Jahre nach dem Beginn der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion – öffnet das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold wieder seine Pforten. In der neu gestalteten und vergrößerten Dauerausstellung, die auch neue Räumlichkeiten bezogen hat, finden sich künftig noch ungleich mehr Anknüpfungspunkte als zuvor. Mit ihrer Hilfe können die Museumsbesucher in anschaulicher Form die Geschichte der Deutschen in Russland beziehungsweise der Sowjetunion in den letzten mehr als 200 Jahren nachvollziehen. Das Museum stellt aber auch die Ankunft der russlanddeutschen Aussiedler und Spätaussiedler in der Bundesrepublik Deutschland sowie die folgenden Integrationsleistungen dar. Folgerichtig lautet das Museums-Motto: „Ausgepackt. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland.“ Das Museum hat sich mit der Neugestaltung endgültig zu einem modernen, professionell geführten Lernort der historischen und kulturellen Bildung gemausert – so bescheiden seine Anfänge einst auch waren. Ohne den Enthusiasmus des Lehrers Otto Hertel wäre der Anfang vielleicht nicht gemacht worden – dank Hertel konnte jedoch 1996 die erste Eröffnung des Museums stattfinden. Es trug zunächst den Namen „Museum zur Geschichte der Deutschen in/aus Russland“. Bemerkenswert ist, dass das Museum von vornherein neben einer historischen auch eine künstlerische Dimension hatte. Denn frühzeitig hatte sich zu Otto Hertel der Bildhauer Jakob Wedel gesellt, der das Schicksal der Russlanddeutschen in einer Vielzahl ausdrucksstarker Werke verarbeitet hat. Teile davon sind in die Sammlung des Museums eingegangen. Daneben gibt es in dem inzwischen zu beachtlichem Umfang angewachsenen Exponatbestand eine ganze Reihe weiterer bedeutender Kunstgegenstände, meist ebenfalls von Künstlern russlanddeutscher Herkunft. Einen Einschnitt in der Entwicklung des Museums bedeutete es, als im Jahre 1999

Dr. Katharina Neufeld die Leitung übernahm. Damit trat eine studierte Historikerin an die Spitze des Hauses. Seither hat das Museum auch mit einer beträchtlichen Zahl von (Wander-)Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht. Noch immer spielt jedoch auch das ehrenamtliche Engagement für das Museum eine große Rolle. Der heutige Träger der Einrichtung ist der 2002 gegründete „Museumsverein für russlanddeutsche Kultur und Volkskunde e. V.“, ohne dessen Mithilfe auch die Umgestaltung nicht möglich gewesen wäre. Mit der bevorstehende Wiedereröffnung steht der Öffentlichkeit wieder ein Museum zur Verfügung, das sich anschaulich und ausgewogen mit der Geschichte und Vorgeschichte von weit über 2 Millionen Menschen auseinandersetzt, die heute fest zur Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland gehören. Als solches ist das Museum in Deutschland nach wie vor einzigartig. Ein Besuch dort sollte Pflicht sein für alle, die bezüglich der Herkunft und Rolle der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger mit russlanddeutschen Wurzeln mitreden wollen. Die Schirmherrschaft über die Wiedereröffnung hat Dr. Christoph Bergner übernommen, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium und Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung. Samstag, 23. Juli 2011 11 Uhr Einweihungsgottesdienst mit Musikbeiträgen von Künstlern des Musikcollege OWL, Grußworten von Kirchenvertretern, Einweihungspredigt, Gedenkgebet Ab 12.30 Uhr Mittagessen an unterschiedlichen Ständen mit internationalen Gerichten Ab 13 Uhr Besichtigung der Ausstellung (Kulturvereine, Buchverlage, Kirchengemeinden, parallel dazu Sport- und Kinderaktionen, Führungen durch das Museum und Filmvorführungen) 15 Uhr Konzert mit Kindern und Jugendlichen (gestaltet vom Musikcollege OWL) 17 Uhr Theateraufführung vom RusslandDeutschen Theater Niederstetten Winfrid Halder

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Buchvorstellung

Di, 05.07. | 19 Uhr

„Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand“ Buchvorstellung mit Dr. Antje Vollmer, Berlin Seit einigen Jahren gibt es Bestrebungen, Schloss Steinort in Masuren umfassend zu renovieren. Die Lage des Schlosses ist immer noch unvergleichlich, von einer leichten Anhöhe blickt es hinab auf den Mauersee, unmittelbar hinter ihm beginnt ein schattenspendender, in sattem Grün schimmernder Eichenwald. Das Schloss selbst freilich befindet sich in beklagenswertem Zustand. Immerhin: Es ist noch da, anders als so viele andere frühere Herrensitze in Ostpreußen, die gleich 1945 ein Raub der Flammen wurden. Dennoch wünscht man sich einen würdigeren Erinnerungsort, an dem des letzten deutschen Eigentümers von Steinort gedacht werden kann. Heinrich Graf von Lehndorff war der letzte aus einer langen Reihe derer von Lehndorff, die Steinort ihr Eigen nennen konnten. Die Familie besaß den Herrensitz schon seit dem frühen 17. Jahrhundert. Gegen dessen Ende wurde der noch heute existierende Schlossbau errichtet. Heinrich von Lehndorff war erst 27 Jahre alt, als Steinort 1936 in seine Hände gelangte. Eine gewaltige Aufgabe für den jungen Mann, der sein wirtschaftswissenschaftliches Studium offenbar nicht sehr intensiv betrieben hatte, denn das Gut gehörte zu den größten in Ostpreußen. Er heiratete bald darauf Gottliebe Gräfin von Kalnein, getraut wurden die beiden von Martin Niemöller. Dies zeigt die Nähe der Familie zur Bekennenden Kirche innerhalb des deutschen Protestantismus. Heinrich von Lehndorff hatte noch drei Mal Gelegenheit, der Lehndorffschen Familientradition folgend hinter dem Schloss eine Eiche zu pflanzen – so wie es Brauch war für jedes dort geborene Kind der Familie. Dies auch noch für seine vierte Tochter zu tun, blieb ihm verwehrt. Denn als diese geboren wurde, waren Heinrich und Gottliebe von Lehndorff schon getrennt voneinander inhaftiert. Letztere brachte das Kind in einem Kerker des NS-Staates zur Welt, nur wenige Tage danach wurde Heinrich von Lehndorff ermordet. Die drei älteren Töchter – damals zwei, fünf und sieben Jahre alt – waren indessen in ein Kinderheim gesteckt

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worden. Ihr Vater war als Angehöriger des Widerstandskreises um Klaus Schenk Graf von Stauffenberg unmittelbar nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 verhaftet worden. Kurzzeitig gelang ihm die Flucht, dann stellte sich Lehndorff den NS-Verfolgungsbehörden in der irrigen Annahme, damit seine Familie wirksam schützen zu können. Im Prozess vor dem „Volksgerichtshof“ am 3. September 1944 stand er mutig und unumwunden zu seiner Widerstandstätigkeit. Bereits am folgenden Tag wurde Heinrich von Lehndorff in Berlin-Plötzensee ermordet. Den letzten Anstoß, sich dem militärischen Widerstand anzuschließen, hatte der ostpreußische Gutsherr erhalten, als er – als Reserveoffizier einberufen – im Oktober 1941 in der Nähe des weißrussischen Borissow Zeuge eines Massakers einer der berüchtigten „Einsatzgruppen“ an mehreren Tausend jüdischer Menschen wurde. Danach wurde Lehndorff ein wichtiger Helfer Generalmajor Henning von Tresckows, der im militärischen Widerstand eine zentrale Rolle spielte. Heinrich von Lehndorffs Ehefrau Gottliebe überlebte ihren Mann um fast 50 Jahre. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes kam sie wieder frei und fand ihre drei älteren Töchter wieder. Um diese hatte sich zwischenzeitlich auch Marion Gräfin Dönhoff bemüht, die eine Cousine Heinrich von Lehndorffs und mit diesem seit Kindertagen eng befreundet war. Marion Gräfin Dönhoff hat ihm ein erstes literarisches Denkmal in ihrem Buch „Um der Ehre willen. Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli“ (zuerst 1994 veröffentlicht) gesetzt. Nunmehr liegt seit wenigen Monaten eine Doppelbiographie vor, die das Leben von Heinrich und Gottliebe von Lehndorff umfassend würdigt. Autorin dieses Buches ist Dr. Antje Vollmer. Sie stellt es in unserer gemeinsamen Veranstaltung mit der Volkshochschule Düsseldorf und der Evangelischen Stadtakademie vor. Antje Voller hat seit 1962 in Berlin, Heidelberg, Tübingen und Paris Evangelische Theologie studiert. 1973 wurde sie promoviert. Sie hat als Wissenschaftlerin an der Kirchlichen

Hochschule in Berlin gearbeitet, aber auch als Pastorin in Berlin-Wedding. Seit 1976 war sie in der Erwachsenenbildung der Evangelischen Heimvolkshochschule in Bielefeld-Bethel tätig. Im Jahre 1983 wurde sie – noch ohne Parteimitglied zu sein – für Die Grünen erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Sie gehörte damit der ersten Grünen-Bundestagsfraktion überhaupt an und fungierte zeitweilig als deren Sprecherin. Im Jahre 1994 wurde Antje Vollmer zur ersten von den Grünen gestellten Bundestagsvizepräsidentin gewählt. Dieses Amt behielt sie bis 2005. In diesem Jahr schied sie auch aus dem Bundestag aus. Antje Vollmer ist seither unverändert für zahlreiche politische und soziale Initiativen tätig. Zugleich hat sie ihre Arbeit als Autorin wieder verstärkt aufgenommen. Das Buch über das Ehepaar Lehndorff ist ihr jüngstes Werk. Den Anstoß hierzu erhielt sie von Veruschka von Lehndorff, einer der Töchter des Ehepaares, die mit Antje Vollmer persönlich bekannt ist. Der in Breslau geborene amerikanische Historiker Fritz Stern sagte über „Doppelleben“: „Ein fantastisches Buch, ein Buch, das mich tief bewegt.“ In den zahlreichen positiven Rezensionen wurde nicht zuletzt die Fähigkeit der Autorin hervorgehoben, sich in die ostpreußische Lebenswelt hineinzudenken. Winfrid Halder In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Düsseldorf und der Evangelischen Stadtakademie Düsseldorf

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Tagung

Fr, 09.09. | 15 Uhr

In Waldkraiburg und anderswo – Vertriebenensiedlungen in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Stück deutscher Zeitgeschichte Öffentliche historische Tagung in Zusammenarbeit mit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (Berlin) und dem Haus des Deutschen Ostens (München) In Waldkraiburg – etwa 60 Kilometer südöstlich von München gelegen – war es ähnlich wie anderwärts auch: Ein verlassener, weitläufiger und nur teilweise zerstörter Rüstungsbetrieb bot nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst notdürftige Unterbringungsmöglichkeiten. In Anbetracht des unfreiwilligen Zuzuges von Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen auch nach Bayern konnte dies nicht ungenutzt bleiben, auch wenn es sich zunächst gar nicht um eine Ortschaft, sondern lediglich um ein Betriebsgelände mit Eisenbahnanschluss handelte. Nicht einmal einen richtigen Namen gab es – dafür aber 1950 schon fast 2.000 Einwohner. In einem Waldstück unweit von Kraiburg gelegen, erhielt die neue Ortschaft demzufolge den Namen Waldkraiburg und wurde als erste Vertriebenensiedlung in der jungen Bundesrepublik überhaupt zur Gemeinde erhoben. In den folgenden nur zehn Jahren hat sich die Bevölkerungszahl dann mehr als vervierfacht, so dass Waldkraiburg schon 1960 das Stadtrecht erhielt. Der Fleiß und der Aufbauwille der Zuzügler – zunächst für Bayern charakteristisch in der Mehrzahl Sudetendeutsche – verlieh dem noch kurz zuvor namenlosen Ort Anziehungskraft. Nicht von ungefähr entstanden frühzeitig besonders Betriebe der Glasherstellungs- und -veredelungsbranche, an böhmische Traditionen und böhmisches „Know-how“ anknüpfend. Später kamen auch Neuankömmlinge aus anderen Regionen in bedeutender Zahl, etwa aus Siebenbürgen. Der bekannteste zeitweilige Einwohner Waldkraiburgs dürfte der Sänger Peter Maffay sein, der 1949 im siebenbürgischen Kronstadt geboren wurde und der mit seinen Eltern als 13-Jähriger nach Waldkraiburg kam. Kennzeichnend ist auch, dass Waldkraiburg seit seiner Entstehung lediglich vier Erste Bürgermeister hatte, von denen nur

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der derzeitige in Bayern geboren wurde. Einer seiner Vorgänger stammte aus dem Sudetenland, zwei aus Schlesien – wo auch die Eltern des derzeitigen Amtsinhabers herkamen. Jenseits dergleichen leicht sichtbarer Kennzeichen haben Vertriebenensiedlungen jedoch für ihr näheres und weiteres Umfeld mehr bedeutet. Sie haben die Regionen, in denen sie zunächst meist als Notbehelf entstanden sind, wirtschaftlich, kulturell und nicht selten auch politisch verändert. Die ganze Palette der Auswirkungen harrt freilich zumeist noch näherer Untersuchungen. Tatsächlich hat sich die Geschichtswissenschaft bislang nur wenig mit diesen Ortschaften, ihrer Entwicklung und ihren Ausstrahlungen beschäftigt. Dies gilt nicht allein für Waldkraiburg, sondern auch für vergleichbare „Vertriebenenstädte“ in Nordrhein-Westfalen. Zu nennen sind hier natürlich in erster Linie Drabenderhöhe und Espelkamp. Die hier angezeigte Tagung – ein gemeinsames Projekt der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin (SFVV), des Hauses des Deutschen Ostens in München (HDO) und der Stiftung Gerhart-HauptmannHaus – versucht zunächst den bisherigen Kenntnisstand zu resümieren. Darüber hinaus sollen Anstöße zu dringend erforderlichen weiteren Forschungen gegeben werden. Interessierte sind herzlich willkommen! Nähere Informationen bei PD Dr. Winfrid Halder (e-mail: halder@g-h-h. de; Tel. 0211/1699114)

Stephan Mayer, MdB und Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (angefragt) 15.15 Uhr Prof. Dr. Manfred Kittel (Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin): Begrüßung und Vorstellung der Arbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung 15.45 Uhr Barbara Würnstl (Doktorandin an der Universität Leipzig): „Rüstungswerke zu neuen Städten: Die bayrischen Vertriebenengemeinden im Spiegel der (Stadt-)Planungstheorien des 20. Jahrhunderts“ Daniel Schönwald (Doktorand an der Ludwig-Maximilians-Universität München): „Auffälligkeiten im Parteiensystem der bayerischen Flüchtlingsgemeinden und die besondere Rolle des BHE“ Kommentar von Bastian Vergnon (Doktorand an der Universität Regensburg): „Die Rolle der SPD in den Vertriebenengemeinden“ Pause 17.30 Uhr Vertriebenengemeinden in der Bundesrepublik: Forschungsstand und Forschungsperspektiven Impulsreferate: Dr. Ortfried Kotzian (Direktor des Haus des Deutschen Ostens, München): „Von Bubenreuth bis Waldkraiburg – die bayrischen Vertriebenengemeinden in der Forschung“ PD Dr. Winfrid Halder (Direktor der Stiftung Gehart-Hauptmann-Haus): „Drabenderhöhe-Espelkamp-Unna-Massen – geschichtslose Orte in NordrheinWestfalen?“ anschließend Podiumsgespräch mit Barbara Würnstl, Daniel Schönwald und Gerhard A. Meinl, 2. Bürgermeister von Geretsried 18.30 Uhr Ende der Veranstaltung

Vorgesehenes Programm: 15 Uhr Grußworte Siegfried Klika, 1. Bürgermeister von Waldkraiburg und Mitglied der kommunalen Arbeitsgemeinschaft der bayrischen Vertriebenengemeinden

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Vortrag

Di, 13.09. | 19 Uhr

„Jan Karski – Mein Bericht an die Welt“ Ein Buch und seine Geschichte Mit Prof. Jerzy Halberstadt (Warschau) und Prof. Dr. Wolfgang Benz (Berlin) Eine erstaunliche Tatsache ist, dass dieses Buch erst seit wenigen Monaten erstmals in deutscher Sprache vorliegt. Die amerikanische Erstausgabe erschien bereits 1944, rasch wurden mehrere Hunderttausend Exemplare davon verkauft. Der Autor, der sich im Untergrundkampf gegen die deutschen Besatzer in Polen den Decknamen Jan Karski zugelegt hatte, an dem er später festhielt, war erst im Jahr zuvor in die USA gelangt. Seine Absicht war freilich nicht, als Schriftsteller Erfolg einzuheimsen. Im Grunde versuchte er auch mit diesem Buch seine Aufgabe zu erfüllen, nämlich die westliche Staatenwelt mit dem ganzen Ausmaß der Verbrechen, die von deutscher Seite in Polen begangen wurden, zu konfrontieren und möglichst weitgehende Reaktionen darauf hervorzurufen. Jan Karski war der erste Augenzeuge, der ausführlich über den Holocaust berichtete und der Zugang zu den Regierungen in London und Washington fand. Insbesondere US-Präsident Franklin D. Roosevelt persönlich legte er dar, was geschehen war und weiter geschah. Der Weg ins Weiße Haus war lang und gefährlich gewesen. Jan Kozielewski – so Karskis richtiger Name – wurde 1914 in Łódź geboren. Der begabte Sohn aus der großen Familie eines Sattlermeisters schaffte es, in den frühen 1930er Jahren in Lemberg Jura zu studieren. Nach dem Studienabschluß bereitete er sich auf den Eintritt in den polnischen diplomatischen Dienst vor und sammelte erste Auslandserfahrungen unter anderem in Deutschland und in Großbritannien. Bevor seine Diplomatenkarriere jedoch wirklich beginnen konnte, wurde Karski als Reserveoffizier unmittelbar vor dem Beginn des deutschen Angriffs auf Polen im August 1939 einberufen. Wenige Wochen später geriet er im Zeichen der raschen Niederlage Polens in sowjetische Kriegsgefangenschaft, da die Rote Armee auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes in Ostpolen einmarschierte. Karski gelang es, seinen Offiziersdienstgrad zu verheimlichen, so dass er den Massenmordaktionen des sowjetischen Geheimdienstes entging und

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später als vermeintlich einfacher Soldat mit anderen Gefangenen der Wehrmacht übergeben wurde. Er floh aus dem Gefangenenlager und ging sofort im Anschluß daran in den polnischen Untergrundkampf. Karski sprach mehrere Sprachen und hatte Auslandserfahrung, daher war er besonders geeignet, gefährliche Kurierdienste zwischen der Widerstandsbewegung und der polnischen Exilregierung, die zunächst in Frankreich und später in London residierte, zu versehen. 1942 ging Karski – der zwischenzeitlich von der Gestapo verhaftet und gefoltert worden war, jedoch unter dramatischen Umständen fliehen konnte – ein noch größeres Risiko ein. Er ließ sich mehrfach in das Warschauer Ghetto einschleusen. Jüdische Widerstandskämpfer ermöglichten ihm dies, damit er aus erster Hand über die dort herrschenden grauenvollen Zustände berichten konnte. Darüber hinaus drang Karski – getarnt als ukrainischer Wachmann – in ein Außenlager des Vernichtungslagers Belzec ein und wurde so unmittelbar Zeuge des systematischen Massenmords an den europäischen Juden. Mit diesem Wissen ausgestattet begab sich Karski neuerlich auf die riskante Reise quer durch das zum größten Teil von der Wehrmacht besetzte Europa und nahm in Großbritannien Kontakt zur Regierung auf. Im Anschluss daran reiste er in die USA, wo er Präsident Roosevelt Bericht erstattete. Von der aus seiner Sicht mangelnden Reaktion der westlichen Alliierten war Karski tief enttäuscht. Da eine Rückkehr nach Polen für ihn zu gefährlich geworden wäre, blieb er in den USA, wo er zunächst das vorliegende Buch schrieb. Nach Kriegsende und der faktischen Einverleibung Polens in den Machtbereich der Sowjetunion wollte Karski nicht

mehr zurück in die Heimat. Er wurde Hochschullehrer und starb im Juli 2000 in Washington D. C. Zuvor konnte er noch hochrangige Auszeichnungen durch den vom Kommunismus befreiten polnischen Staat entgegennehmen. Über Jan Karskis Leben und die Bedeutung seines Wirkens sprechen und diskutieren Prof. Jerzy Halberstadt und Prof. Dr. Wolfgang Benz. Jerzy Halberstadt war viele Jahre lang Mitarbeiter des Holocaust Museum in Washington D. C. 2005 übernahm er die Leitung des Projektes zur Errichtung des Museums der Geschichte der polnischen Juden in Warschau, das im kommenden Jahr eröffnet werden soll. Jerzy Halberstadt hat die Museumsleitung allerdings soeben abgegeben. Prof. Dr. Wolfgang Benz zählt zu den profiliertesten deutschen Zeithistorikern. Er gilt als einer der führenden Experten für die Geschichte des Holocaust. Wolfgang Benz war von 1969 bis 1990 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. 1990 wurde er zum Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin berufen, wo er seither auch als Hochschullehrer tätig war. Im März 2011 ist Prof. Benz in den Ruhestand getreten. Er hat für sein umfangreiches wissenschaftliches Werk diverse Auszeichnungen erhalten, darunter den Geschwister-Scholl-Preis (1992). Winfrid Halder Eintritt: 8/6 Euro Vorverkauf/Information durch Literaturhandlung Müller & Böhm, Tel. 0211/3112522; e-mail: muellerundboehm@heinehaus.de In Zusammenarbeit mit:

Veranstaltungsort: Literaturhandlung Müller & Böhm, Bolkerstraße 53, 40213 Düsseldorf (Heine-Haus)

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Ausstellung

Vom 01.07. bis 30.07.

In Böhmen und Mähren geboren – bei uns (un)bekannt? Zwölf ausgewählte Lebensbilder Unsere Besten – so lautete einst der Titel einer Fernsehsendung des ZDF, in der Zuschauer per Abstimmung eine Rangliste der bekanntesten und verdienstvollsten Persönlichkeiten der Nation erstellten. Největší Čech (Der größte Tscheche) im tschechischen Fernsehen war ähnlich konzipiert. Konrad Adenauer und Kaiser Karl IV., der wichtigen Teilen des heutigen Prager historischen Zentrums sein Gesicht verliehen hat, hießen die Sieger der beiden Wettbewerbe. Die im Jahre 2009 entstandene, vom Kulturreferenten für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein, Dr. Wolfgang Schwarz erarbeitete Ausstellung „In Böhmen und Mähren geboren – bei uns (un) bekannt“ verfolgt ein anderes Ziel. Sie präsentiert zwölf in Böhmen und Mähren geborene Persönlichkeiten, die dem dortigen deutschen Sprach- und Kulturkreis des 19. und 20. Jahrhunderts entstammen und dem Namen nach bekannt sind. Diese sollen dabei jedoch gerade nicht zu nationalem deutschem, österreichischem (bis 1918 gehörten die böhmischen Länder zur k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn) oder tschechischem „Eigentum“ erklärt werden. Die Zusammenstellung von biografischen Texten und Fotografien möchte im Gegenteil dazu beitragen, auf Gemeinsamkeiten, Zusammenhänge und Wechselwirkungen in der Kulturgeschichte dieser Länder hinzuweisen. In Böhmen, Mähren und Mährisch-Schlesien, also der heutigen Tschechischen Republik, haben über Jahrhunderte hinweg Tschechen, Deutsche und Juden (beiderlei Nationalität) zusammengelebt. Nationalismus, Krieg, Holocaust und Vertreibung setzten diesem Zusammenleben im 20. Jahrhundert schließlich ein gewaltsames Ende. Wie im Untertitel der Ausstellung auch erwähnt, handelt es sich um eine Auswahl von Lebensbildern bekannter Persönlichkeiten. Eines der Kriterien war dabei, dass von vielen der ausgewählten Persönlichkeiten wie etwa bei Ferdinand Porsche oder Sigmund Freud gar nicht bekannt ist, dass sie auf dem Gebiet des heutigen Tschechien geboren wurden und auch mehrere Jahre ihres Lebens in

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den böhmischen Ländern verbrachten. Die Auswahl gestaltete sich dabei nicht einfach, erschwert wurde sie bei der durchgängig zweisprachigen Ausstellung u. a. dadurch, dass der Bekanntheitsgrad einiger Persönlichkeiten in Deutschland bzw. Tschechien wiederum ganz unterschiedlich ist. Viele weitere Namen hätte man ergänzen können. Die Bindung an ihre böhmisch-mährische Heimat war bei den Persönlichkeiten natürlich unterschiedlich stark. Manche verbrachten ihr ganzes Leben dort, einige nur wenige Jahre, da sie – wie etwa im Falle Ferdinand Porsches – nach Höherem als einer Zukunft im kleinen Maffersdorf (Vratislavice nad Nisou) bei Reichenberg (Liberec) strebten oder ihre Familien auf Grund ihrer sozialen Notlage dazu gezwungen waren, z. B. nach Wien überzusiedeln. Prägende Eindrücke haben diese Kindheitsjahre jedoch bei jedem/ jeder von ihnen hinterlassen. Adalbert Stifters Werk hat uns die schöne Natur des Böhmerwalds vor Augen geführt, wobei seine Reduzierung auf einen Heimatdichter schon lange Vergangenheit ist und es nicht übertrieben ist, ihn zur Weltliteratur zu zählen. Otfried Preußlers beliebte Kinder- und Jugendliteratur, mit der Generationen von Kindern hierzulande aufgewachsen sind bzw. aufwachsen, wäre ohne die ihm von seiner Großmutter vermittelte, spannende Sagenwelt des nordböhmischen Isergebirges bei seiner Geburtsstadt Reichenberg (Liberec) undenkbar. Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, bekannt vor allem durch ihre beliebten Aphorismen, die fast in jedem deutschen Spruchkalender zu finden sind, hatte ein besonders inniges Verhältnis zu ihrer südmährischen Heimat in Zdislawitz (Zdislavice), das breiten Eingang in ihre Literatur fand. Im heutigen Tschechien ist sie – mit Ausnahme einiger germanistischer Kreise – weitgehend unbekannt. Wer weiß schon, dass der bekannte Retter zahlreicher, vom Tod im Konzentrationslager bedrohter Juden, nämlich Oskar Schindler, seine Jugend im malerischen Städtchen Zwittau (Svitavy) verbrachte?

Fotografien aus den letzten Jahren von Denkmälern und Bauten, von Geburtshäusern und -orten, Stadt- und Landschaftsbildern u. Ä. ausschließlich aus der heutigen Tschechischen Republik zeigen uns, wo diese Menschen geboren wurden, wo sie ihr Leben bzw. einige ihrer Lebensjahre verbracht haben und wie man ihrer heute an Ort und Stelle gedenkt. Gerade das Gedenken an diese Menschen in Tschechien hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschub erfahren. Gedenktafeln, Museen, deutsch-tschechische Begegnungszentren, Ausstellungen und Symposien direkt vor Ort lassen sie nicht in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung, die zunächst für Schulen im deutsch-tschechischen Grenzraum konzipiert war, fand bald das Interesse weiterer Institutionen. So präsentierten Universitäten in Tschechien und Deutschland sie ebenso wie das Tschechische Zentrum Berlin oder das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Insbesondere Angehörige der jungen Generation sollen durch sie angeregt werden, sich intensiver mit der Kultur und Geschichte der Deutschen in Böhmen und Mähren zu Wolfgang Schwarz beschäftigen. Eröffnung: Freitag, 01. Juli 2011 - 19.15 Uhr Es sprechen: PD Dr. Winfrid Halder Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses Dr. Wolfgang Schwarz Kulturreferent für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein e.V.

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Ausstellung

Vom 09.09. bis 06.10.

Eine Welt der Kontraste Werke von Michael Disterheft und Alexander Stroh im Gerhart-Hauptmann-Haus „Gegen das Vergessen“ – unter diesem Motto erinnern derzeit zahlreiche Veranstaltungen an den 70. Jahrestag der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion. Das Herrschafts- und Terrorsystem Stalins forderte Hunderttausende Opfer und prägte eine Generation, der auch der Maler Michael Disterheft angehörte. Sein Vater, der Fabrikarbeiter Wilhelm Disterheft, deutscher Nationalität, wurde bereits 1937 im Zuge der stalinistischen „Säuberungen“ verschleppt und ermordet. Für seinen Sohn Michael, am 26. April 1921 unweit von Leningrad geboren, eröffnete sich zunächst ein vielversprechender Weg hin zu seiner angestrebten künstlerischen Laufbahn: Er erhielt Unterricht im Leningrader „Haus für Kunsterziehung der Kinder“, später besuchte er das Atelier von A. D. Saizew, Professor an der Leningrader Akademie der Künste, wo er sich auf das Studium an der Kunstakademie vorbereitete. Jäh unterbrach der 2. Weltkrieg die weitere Lebensplanung. Am 8. Mai 1941 wurde Michael Disterheft in die Rote Armee einberufen und zur Verteidigung Moskaus eingeteilt, danach in ein Baubataillon versetzt. Schon im Juli 1941 erhielt er –

wie viele andere Russlanddeutsche – den Mobilisierungsbefehl zum Dienst in der Kohleindustrie des Urals. Dies bedeutete seine Internierung in das Lager der Bogoslowsker Kohlengrube. Michael Disterheft überlebte die Zwangsarbeit hinter Stacheldraht und dokumentierte Erniedrigungen, Hunger, Leid und Tod in seinem Werk. Seine Arbeiten, Steinschnitte, Radierungen, Bleistift- und Kohlezeichnungen, Öl- und Pastellmalerei, sind zutiefst persönlich geprägt, vermitteln aber zugleich eine universelle, humanistische Botschaft. Der Künstler siedelte 2004 in die Bundesrepublik Deutschland über und verstarb nach schwerer Krankheit im August 2005. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Oranienburger Friedhof in Berlin. 1953, im Todesjahr Stalins, wurde der Künstler Alexander Stroh im russischen Nizhnyi Tagil geboren. Er studierte Grafik und Malerei an der Pädagogischen Hochschule seiner Heimatstadt, einem Ort, an dem sich ein neues Kunstbewusstsein entwickelte, das zunehmend Anerkennung und nationale Förderung fand. Schon damals zeigte sich die Hochschule von Nizhnyi Tagil freier und experimentier-

Michael Disterheft: „Deportation“ freudiger als die konservativen Kunstakademien. Alexander Stroh unterrichtete von 1985 bis 1988 als Dozent für Malerei und Grafik an der „Uraler Schule der angewandten Künste“ und ist seither als freischaffender Künstler tätig. 1993 schloss er sich dem „Künstlerbund Russland“ an und entschied sich im folgenden Jahr zur Umsiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. Der Künstler widmet sich bevorzugt der Landschaftsmalerei. Seine Gemälde sind expressiv und kulminieren in einer temperamentvollen Schichtung der Farben. Daneben überrascht er in anderen Werken mit einer unglaublich detaillierten und realistischen Gestaltung, experimentiert zudem in Anlehnung an den Kubismus mit Fläche und Räumlichkeit. Alexander Stroh präsentierte seine Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland. Die Werke befinden sich in öffentlichem und privatem Besitz. Dirk Urland Gemeinsame Veranstaltung mit VIRA e. V. – Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler e. V. Eröffnung: Fr, 09. 09. 2011 – 19.15 Uhr Es sprechen: PD Dr. Winfrid Halder Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses Alexander Kühl Vorsitzender der VIRA e. V. – Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler e. V. Igor Disterheft

Alexander Stroh: „Im Wald“

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Musikalische Umrahmung: Anja Gier, Violine Marina Stricker, Klavier

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Ausstellung

Vom 21.09. bis 14.10.

In memoriam Alfred Kittner (1906-1991) Dokumentarausstellung und Vortrag zu Leben und Werk des Bukowiner Dichters Mit einer dokumentarischen Ausstellung und einem Vortrag erinnert das GerhartHauptmann-Haus an den Dichter, Übersetzer und Herausgeber Alfred Kittner, der vor zwanzig Jahren, am 14. August 1991, in Düsseldorf verstorben ist. Wie die weithin bekannte Lyrikerin Rose Ausländer (1901-1988) wurde Alfred Kittner in Czernowitz geboren und verbrachte seinen letzten Lebensabschnitt in Düsseldorf. Er entstammte einer deutsch-jüdischen Beamtenfamilie. Wer noch wenige Wochen vor seinem Tod im Sommer 1991 mit Alfred Kittner gesprochen hat – der Dichter war damals zum deutsch-rumänischen Literaturforum eingeladen – konnte die ihm eigene heitere Gelassenheit, seine Freude am Gespräch, die ihm trotz der Erkrankung erhalten geblieben war, und sein waches Interesse an literarischen Projekten erfahren. Literatur war Alfred Kittners Lebensinhalt, entscheidend geprägt von der Atmosphäre seiner Heimatstadt Czernowitz, dem geistigen Zentrum der einst österreichischen Vielvölkerregion Bukowina, wo Deutsche, Juden, Rumänen, Ukrainer, Polen und andere Nationalitäten zusammenlebten. Sein Bildungsweg begann in Wien. Nach Czernowitz heimgekehrt, besuchte er zwar das deutsche Gymnasium, lebte aber in einem anderen Land. Die Bukowina war 1918 an Rumänien gefallen. Alfred Kittners Versuch, in Breslau Literaturwissenschaft zu studieren, scheiterte 1932. Er kehrte wieder nach Czernowitz zurück, wo er einige Jahre seinen Lebensunterhalt schlecht und recht als Kritiker und Feuilletonredakteur beim Czernowitzer Tagblatt verdiente. Alfred Margul-Sperber (1898-1967), gleichfalls Bukowiner Dichter sowie Dreh- und Angelpunkt des deutschsprachigen Literaturbetriebs in Czernowitz vor 1940, schrieb im Vorwort zum Gedichtband „Hungermarsch und Stacheldraht“ (Bukarest, 1956), dass Kittner sich schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg als Dichter und Publizist in Rumänien und im Ausland einen ausgezeichneten Namen gemacht habe. Sein erstes Buch „Der Wolkenreiter. Gedichte 1928-1938“ war

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1938 im Czernowitzer Verlag „Literaria“ erschienen. 1942 wurde Alfred Kittner von den Machthabern des Bukarester AntonescuRegimes, das sich mit Deutschland verbündet hatte, in die Vernichtungslager am Bug in der Südukraine/Transnistrien deportiert. Dieser Lebensabschnitt in Todesnähe sollte in seiner Lyrik tiefe Spuren hinterlassen und neben seiner umfassenden literarischen Bildung und Mein Haus Glaubt mir, es ist nicht auf Sand gebaut, das Haus, in dem ich hocke, in dem ich die Worte wie fügsame Tiere um mich sammle, mich selbst wiederzufinden in Blicktausch, Abwehr und Spiel; auf Schuttgeröll ruhen die Bohlen, ein Grundstein aus Schweiß, aus Träne und Blut; durch die Ritzen, hör, poltert der Tritt der Verfolger, stöhnt verhaltener Schrei der Opfer, dringt Rauch und Lohe und Äsergestank; aufrecht wach ich im Haus des Gehenkten, im Blut des Geschändeten, in der Haut des Gepfählten. Fort aus dem Werwolfsgeheul folg ich, Gazelle, dir zu Pardel und Weih der Wolf ist dem Wolf ein Mensch. (1977)

dem Erlebnis der geistigen Landschaft Bukowina seine dichterische Weltbegegnung bestimmen, bis hin zum Alterswerk im Auswahl-Band „Schattenschrift“ (Rimbaud Verlag Aachen, 1988). In diesen Band, der Gedichte aus sechs Jahtrzehnten (1925-1987) enthält, hat der Dichter auch einen Teil seiner Lager-Gedichte aufgenommen. Von 1945 bis 1981 lebte Alfred Kittner in Bukarest. Dort hielten sich unmittelbar

nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Bukowiner Dichter Paul Celan (19201970), Rose Ausländer (1901-1988) und Alfred Gong (1920-1981) auf, die nach wenigen Jahren gegen Westen weiter zogen. Alfred Kittner blieb. Zunächst war er als Bibliothekar und wissenschaftlicher Direktor des Rumänischen Instituts für Auslandsbeziehungen und zeitweilig als Sprecher und Übersetzer für die deutsche Sendung des rumänischen Rundfunks tätig, danach bis zu seiner Übersiedlung nach Deutschland als freischaffender Dichter, Übersetzer und Herausgeber. Dass er in seiner Bukarester Zeit ins zerstörerische Räderwerk des rumänischen Geheimdienstes geraten war, wurde erst vor wenigen Monaten bekannt. In der Düsseldorfer Literaturszene der achtziger Jahre knüpfte Alfred Kittner bald Kontakte zu Autorenkollegen und beteiligte sich durch Lesungen u.a. am literarischen Geschehen der Stadt, etwa im Literaturbüro oder im Gerhart-Hauptmann-Haus. Kurze Zeit vor seinem Tod diktierte er seiner Lebensgefährtin Edith Silbermann seine Lebenserinnerungen, die zunächst auf Tonkassetten aufgenommen wurden, dann im Rimbaud Verlag unter dem Titel „Erinnerungen 19061991“ erschienen sind. Um die Popularisierung von Alfred Kittners Werk haben sich zuletzt Helmut Braun mit dem Band „Alfred Kittner. Briefe mit Rose Ausländer“ (Rimbaud, 2006) und Elisabeth Axmann mit dem Beitrag „Alfred Kittner oder das Menschenrecht auf Poesie“ in ihrer Essay-Sammlung „Fünf Dichter aus der Bukowina“ (Rimbaud, 2007) verdient gemacht. Die noch in Zusammenarbeit mit Edith Silbermann erstellte und nun ergänzte Präsentation „Alfred Kittner (1906-1991)“ sie wurde bereits einmal in Düsseldorf und in Augsburg gezeigt - bietet auf Schautafeln und in Vitrinen einen Überblick über Leben und Werk des Bukowiner Dichters. Im Mittelpunkt des einführenden Vortrags steht Alfred Kittners lyrische Dichtung. Walter Engel Eröffnung: Mittwoch, 21. September - 19.15 Uhr Einleitung: PD Dr. Winfrid Halder Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses Vortrag: Dr. Walter Engel

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kontrapunkt Horsthardi Semrau NACHGLUT Auch dieser Sommer, er kann ungeschönt berückend sein, ist willens wer, ihm Nachglut beizugeben aus einem abendlich entkrampften Leben, das überglühen mag noch Herbst gleich rotem Wein. Blick auf entwölkten Himmel! Ehe er verblaut, lässt er dich ungeahnte Kräfte fühlen. Kaum dass die Stirn Gedankenschatten kühlen, verfängt im Eibengrün sich Vogellaut.

Ulla Dretzler DAS SANDKORN Ach, das Reisen ist beschwerlich durch die Lüfte immerzu. Manchmal ist die Aussicht herrlich, doch wie gern hätt’ ich jetzt Ruh. Sagt, wo bin ich hier gelandet? In den Dünen? Welche Freud! Heute bin ich nicht gestrandet, hab’ das Wasser sehr gescheut. Grüß Euch Distel, edle Dame, bin das Sandkorn Eins-Null-Acht, Billionen ist mein Name, ich gehör’ zur Westwindfracht.

SCHULHAUSROMAN – was heißt das?

Erfahrungsbericht von Michael Zeller über literarisches Schreiben mit Schülern

Seit mehreren Jahren arbeite ich in Nordrhein-Westfalen literarisch mit Schülern verschiedenen Alters und unterschiedlicher Schultypen, im Rahmen ihres Deutschunterrichts. Aufgabe ist es, gemeinsam eine Geschichte zu schreiben, den sogenannten Schulhausroman. Am Ende wird das Manuskript gedruckt und gelangt, schön gestaltet, in den Buchhandel. Aus meiner Hand kommen bisher vier Erzähltexte zusammen mit Schülern: DIE SCHWARZE SCHACHTEL (2007), SASKIA LEUCHTET (2009), WIR MACHEN DEN POTT VOLL (2010) und zuletzt, 2011, EIN SCHUSS JUGENDLIEBE: Diesmal war es eine neunte Klasse der Realschule Neue Friedrichstraße in Wuppertal. I. Mein Gepäck war leicht, mit dem ich zum ersten Mal vor der Schulklasse stand, zu ungewöhnlich früher Stunde (für mich, nicht für sie). Es war ein verregneter Herbsttag. Vor mir saßen achtundzwanzig Schülerinnen und Schüler einer siebten Klasse, zwölf und dreizehn Jahre alt. Kinder, keine Jugendlichen. Gemeinsam wollten wir auf die Reise gehen, einen kleinen Roman zu erfinden und niederzuschreiben. Das Gepäck bestand aus einem handgroßen Zettel. Seine wenigen Zeilen schrieb ich an die Tafel. „Es war noch früh am Morgen, und es regnete ein bisschen. Mit großen Schritten ging eine Frau mittleren Alters auf die Eingangstür einer Schule zu. Sie hatte es eilig. Ihre Haare waren leicht rot getönt. Innen auf der Treppe kam ihr ein Junge entgegen. Auffällig an ihm waren seine großen dunklen Augen. Zwölf Jahre war er vielleicht.“

So könnte unser Roman beginnen, schlug ich vor. Rascher und direkter, als ich es mir vorher ausgemalt hatte, griffen die Schüler zu. Sie fingen gleich an zu fabulieren, was es mit dem Jungen auf sich haben könnte (die Erwachsene, in der die uns begleitende Deutschlehrerin Jutta S. kaum zu verkennen war, interessierte sie nicht). Nicht alle, aber weitaus die meisten Kinder plauderten drauflos, frisch von der Leber. Da es keine Zensuren darauf gab – wie soll man Phantasie benoten?, – hatten sie nichts zu verlieren. Wir alle konnten nur gewinnen. (Auch die Lehrer. Oft erzählten sie mir hinterher, dass die originellsten Ideen von Schülern kamen, die im normalen Unterricht sonst eher als Mauerblümchen am Rande blühten.) Als sich genug Erzählstoff angesammelt hatte, bat ich die Jungen und Mädchen, ihre Version der Geschichte aufzuschreiFortsetzung auf Seite 14

Möchte gern ein wenig pausen, meine Reise war sehr lang, doch der Wind muß weiterbrausen, mir wird fast ein wenig bang. Lebet wohl, Ihr edle Dame, und vergesst nicht, Eins-Null-Acht Billionen war mein Name, von der schnellen Westwindfracht.

Horsthardi Semrau (Duisburg) und Ulla Dretzler (Dortmund) sind zugleich als bildende Künstler und Literaten an die Öffentlichkeit getreten. – Näheres dazu im WOJ 3/2010 und WOJ 2/2008.

WOJ 3-2011

Die Schüler der Klasse 9b, Realschule „Neue Friedrichstraße“, Wuppertal

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kontrapunkt Fortsetzung von Seite 13 ben, einzeln oder in kleinen Gruppen. Zuhause auf dem Schreibtisch lag dann ein Packen von mehr als fünfundzwanzig Blättern vor mir, in DIN A 4-Format, mit Füller beschrieben, in einer erfreulich lesbaren Schrift. Auf einem Blatt ertranken fünf Zeilen, andere Schüler schrieben es voll, zwei oder drei brauchten ein zweites. Die Lektüre machte mir Spaß. Was diesen Kindern alles im Kopf saß an überraschenden Einfällen! Ich las ihre Texte gründlich, mehrmals. Wie empfindlich und fein, wie frech auch und witzig sie auf ihre Umgebung eingingen – Schule, Elternhaus, Freunde, Freizeit. Nicht leicht, daraus den Faden einer einzigen Fortsetzung zu knüpfen. So manche schöne Idee, um die es wirklich schade war, konnte ich nicht unterbringen. Ich musste mich entscheiden, wo ich die größten Entwicklungsmöglichkeiten für unsere Geschichte sah. Wie sie sich entwickeln, gar wo sie enden würde – das wusste ich so wenig wie die Schüler. Meine Arbeit war es nun, aus den fünfundzwanzig unterschiedlichen Niederschriften am Schreibtisch die jeweilige Fortsetzung zu bauen. Das schwierigste war, den vielen Erzählversionen eine einheitliche sprachliche Fassung zu geben. Das hat mich wesentlich stärker gefordert, als eine eigene Geschichte zu schreiben. Die neue Fortsetzung wurde der Klasse auf Fotokopien ausgeteilt, und die Schülerinnen und Schüler lasen sie zu Beginn der nächsten Sitzung laut vor. Jede Schülerin und jeder Schüler hatte also immer den Stand der Geschichte sowohl vor Augen wie im Ohr. Nach dem Verlesen unterhielten wir uns zusammen darüber, wie die Handlung weitergehen könnte. Im zweiten Teil der Doppelstunde schrieb jede/r die eigene Wunschfassung nieder. II. Da sitzt er dann, der Schriftsteller, mit fünfundzwanzig unterschiedlichen Fortsetzungen, aus der eine einzige werden soll. Es holt ihn die Einsamkeit des Schreibtischs wieder ein. Da ist die Verantwortung gegenüber einer Geschichte. Denn das Projekt heißt ja nicht „Literarisches Schreiben an der Schule“. Es heißt ausdrücklich: Die Schüler sollen einen Roman erzählen, etwas bescheidener ausgedrückt: eine Geschichte. Eine gute Geschichte muss aussehen, als erzähle sie sich von selbst. Aber das tut sie leider nicht. Man muss gehörig nachhelfen. Da sind bestimmte Regeln einzuhal-

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ten: Die Geschichte braucht einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende. Es ist ein Bogen zu spannen, der die berechtigten Erwartungen eines Lesers erfüllt. Personen sind aufzubauen und zu führen – mit Phantasie genauso wie nach den Regeln der Logik. Die Worte einer Erzählung sind nicht endlos geduldig. Einmal gesetzt, verlangen sie Folgerichtigkeit. Das Vertrauen, das der Leser dem Erzähler gratis einräumt, sollte gedeckt sein, vom Ende aus. Das hat der Schriftsteller im Kopf, wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und die Blätter der Schüler liest, immer wieder. Das alles muss aufgehen. Das alles muss auf ein Ende hinführen. Und Geschichten werden aus Worten gemacht, aus Sprache. Auch der Sprache gegenüber hat der Schriftsteller eine Verantwortung, eine besondere sogar – als seinem Handwerksgerät und Material. Er – wer sonst? – hat dafür zu sorgen, dass die Worte für alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft – für alle – verständlich bleiben, und das über den heutigen Tag hinaus. Möglichst noch in zehn und zwanzig Jahren und mehr. Jargon und Modewörter, so sehr sie zur sprachlichen Lebendigkeit beitragen, wollen klug eingesetzt sein – der Schriftsteller denkt

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Nachrichten

ie Internationale Kunstakademie Heimbach/Eifel bietet vom 4. bis 8. Juli einen Meisterkurs für (Farb-) Holzschnitt an, der von der Künstlerin Marie-Luise Salden geleitet wird. Es werden alle Schritte der Holzschnitt-Technik, ihre Verfeinerungen und Mehrfarbigkeit vermittelt. Für Fortgeschrittene und zur Mappenvorbereitung.- Tel. 02446-809700 oder info@kunstakademie-heimbach.de Am 23. und 24. Juli findet unter der Leitung der Künstlerin ein Holzschnitt-Workshop im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg statt.- Tel. 04131-7599515 oder kern@ol-lg.de

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auch daran, dass die Schüler ihr Werk ja vielleicht der Großmutter zum Lesen geben möchten, oder ihren eigenen Kindern, gar Enkeln, eines fernen Tages: Schau, das habe ich geschrieben, als ich fünfzehn war, mit meiner Klasse. Willst du’s mal lesen? Ob diese Kinder des Jahres 2030 oder 2050 noch wissen werden, was ihr Vater, Großvater damals, anno 2010, mit „chillen“ meinte? Der Schriftsteller hat seinem Metier gegenüber besondere Verantwortungen, und die lassen sich nicht abgeben, wenn er eine Schule betritt, um junge Menschen zum Erzählen zu verlocken. Gerade in dieser Situation. Weil er die Schülerinnen und Schüler ernst nimmt als junge Kollegen auf Zeit. Leicht ist diese Aufgabe nicht. Eine große Herausforderung. Und immer eine Freude, voller Überraschungen. Da fragte ich eine Schülerin, in der meines Erachtens wirklich Talent zum Erzählen schlummert, ob sie schon mal daran gedacht habe, Schriftstellerin zu werden. Ja, gab sie mir zur Antwort. Früher mal. Früher mal. Ein großes Wort für eine Fünfzehnjährige. Vielleicht überlegt sie es sich jetzt doch noch anders. Später mal.

as Centrum Sztuki Galeria EL in Elblag (Elbing)/ Polen bereitet mit Marie-Luise Salden zwei HolzschnittKurse für August 2011 vor. Marie-Luise Salden stammt aus Elbing und lebt heute in Troisdorf bei Bonn. Sie ist in der Technik des Holzschnitts eine international anerkannte Expertin.

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ie serbische Stadt Vrsac/Werschetz hat dem österreichischen Künstler Robert Hammerstiel die Ehrenbürgerschaft verliehen. Im Haus seiner Großeltern wurde ein Museum eröffnet, das über Leben und Werk des Künstlers berichtet. Robert Hammerstiel wurde im Herbst 1944 gemeinsam mit seinen Eltern aus Werschetz vertrieben und verbrachte drei Jahre in jugoslawischen Internierungslagern. Er gilt heute als künstlerischer Einzelgänger von Rang, der sich auch mit der Verhüllung des Ring-Turmes in Wien mit einer über 4000 Quadratmeter großen Netzfolie einen Namen gemacht hat.

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lumen wachsen in der Hölle“.- Unter diesem Titel hat der Künstler Michael Richter einen Katalog mit neuen Arbeiten herausgebracht. Seine Bilder greifen gesellschaftspolitische Themen auf und stellen sie provokativ dar. „Inhaltlich werden“, schreibt Andrea Voth einführend in den Katalog, „die Ambivalenz zwischen Tod, Desaster und ‚Schönheit’ zu einer zentralen Bedeutung der Arbeiten.

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kontrapunkt Wer war Leonhard Wittmann? Auszug aus dem Schulhausroman „Ein Schuss Jugendliebe“ Von November 2010 bis Januar 2011 ist der Schriftsteller Michael Zeller in die Klasse 9b der Realschule Neue Friedrichstraße gegangen, um mit den Jugendlichen eine Geschichte zu schreiben, einen „Schulhausroman“. Diese Sitzungen fanden während des Deutschunterrichts statt, jeweils zwei Schulstunden lang. Ziel war es, dass die Schülerinnen und Schüler „ihre“ Geschichte erfinden und schreiben sollten – unter professioneller Anleitung. Brigitte Comolli, Deutschlehrerin, und Julia Nübel, Referendarin, haben die mehrwöchige Schreibarbeit begleitet. Der Schulhausroman „Ein Schuss Jugendliebe“ ist 2011 im Verlag HP Nacke Wuppertal erschienen. Leon lief, so schnell er konnte, durch die Gänge. Er war auf der Flucht. Eine Gruppe Jungen wollte ihn verprügeln. Er riss an mehreren Türen. Verschlossen. Nur eine ging auf: Eine schmale, steile Treppe nach oben, aus Holz. Gleich rannte er hoch und kam in einen Raum, den er noch nie gesehen hatte. Es war dunkel und roch muffig. Das musste wohl der Dachboden der Schule sein. Leon horchte nach draußen und war froh, dass seine Verfolger an der Tür vorbeigelaufen waren. Eigentlich wollte er zurückkehren, erleichtert wie er war. Doch gleichzeitig machte ihn dieser Dachboden neugierig. Allmählich erkannte er Regale, eins neben dem anderen. Sie standen voller Bücher. Eines zog er heraus. Sofort waren seine Hände schmutzig. Das alte Ding bestand fast nur aus Staub. Ein Schulbuch, uralt. Von wann, konnte Leon nicht erkennen. Dazu war es zu dunkel hier. Wenn er doch wenigstens seine Taschenlampe dabei hätte! Die könnte er jetzt gut brauchen. Vorsichtig ging er die Treppe runter. Immer noch reine Luft. Er konnte zurück. Aber er wusste, dass er hierher wiederkommen würde. Mit seiner Taschenlampe. Und vielleicht mit seinem Freund Selim… Leon war wieder gekommen, allein. Selim hatte sich nicht getraut, der Feigling. Er stieg die Treppe zum Dachboden der Schule hoch. Diesmal, mit seiner Taschenlampe, würde er hier mehr entdecken. Als Erstes suchte er nach dem Buch, in den vielen Regalen, die hier herumstanden. Das hatte er ja vor drei Tagen nicht lesen können, wegen der Dunkelheit. Endlich hatte er es gefunden. Eine alte Schrift sah er, die er nur mühsam entziffern konnte,

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Buchstabe für Buchstabe. Aber so schnell gab er nicht auf. „Heute war wieder ein schrecklicher Tag“, las er in einer eckigen Schrift. „Erst hatte ich Krach mit meinem Freund Friedrich, und dann haben mich die Jungen von der 9e gejagt.“ Darüber stand ein Datum. „11.11.1886.“ Donnerwetter! Leon war wie vom Blitz gerührt. Genau das war ihm ja passiert, vor drei Tagen, aber über hundert Jahre später. Wer konnte das geschrieben haben? Er schaute auf den Deckel. „Leonhard Wittmann“ stand darauf. Sein Vorname! Vor über hundert Jahren hatte es ihn schon gegeben! In welches Spiel war er hineingeraten? Da! Ein Knacken! Verdammt! Sofort löschte Leon seine Taschenlampe. Da kam jemand die Treppe hoch und betrat

den Raum, langsam, vorsichtig, unsicher. Ein Junge. Christian? War das nicht Christian?... Leon tastete sich im Dunklen vorsichtig auf Christian zu. „Was machst du denn hier oben auf dem Dachboden?“, fragte er ihn. „Da kann ich dich wohl dasselbe fragen, oder“, gab der zurück. Leon wollte etwas antworten, da hörte er, wie jemand hinter ihm wegrannte, die Treppe runter eilte und unten die Tür zuwarf, dass es dröhnte. „War da noch jemand?“, wunderte sich Christian. „Woher soll denn ich das wissen?“, meinte der bloß. Leon vermutete, dass es Marie gewesen war. Aber das musste er dem anderen ja nicht verraten. Er steckte sich noch schnell das Tagebuch des Leonhard Wittmann in die Tasche, ohne dass es Christian merken sollte, und gemeinsam kehrten sie in die Klasse zurück. Kein Wort bekam Leon mit, was die Lehrerin an diesem Vormittag noch zu sagen hatte. Dann, endlich! Ding Dong Ding! Das war alles, was er verstand. Für heute war es erst mal wieder vorbei. „Treffen wir uns nachmittags bei Johnny?“, fragte ihn Christian beim Hinausgehen. Leon war mit seinen Gedanken ganz woanders. „Weiß nicht. Mal sehen“, gab der bloß zurück. Zuhause rannte er sofort hoch in sein Zimmer und zog das alte Buch aus der Tasche. Seine Hände zitterten, als er es aufschlug, und sein Atem ging heftig. Er musste sich erst wieder an diese steile Schrift gewöhnen. „Heute Mittag sah ich zwei Männer, wie sie einer alten Frau die Handtasche wegrissen und davonliefen. Sie drehten sich um und sahen, dass ich sie dabei beobachtet hatte. Sie drohten mir, ich dürfe keinem etwas sagen, sonst würden sie… Dann liefen sie weiter. So eine Angst habe ich noch nie gehabt!“ Darunter stand „17.11.1886.“ Leon zuckte zusammen. Er schlug das Buch zu. Von unten rief die Mutter: „Essen fertig, Leon!“ Er setzte sich an den Tisch. Die Hände zitterten ihm immer noch. „Was hast du denn?“, fragte ihn die Mutter. Doch er schwieg. Was hätte er ihr sagen sollen?

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kontrapunkt Künstler

stellen aus

Era Freidzon zeigt „Gloomy Reflections“ Bei der Ausstellung von Era Freidzon „Gloomy Reflections“ handelte es sich um die Auftaktveranstaltung der Jüdischen Kulturtage in NRW 2011 in Dortmund, die offiziell festlich für ganz NRW ebenfalls in Dortmund am 20. März im Opernhaus eröffnet wurden unter Anwesenheit der Ministerpräsidentin des Landes NRW, Frau Hannelore Kraft, und des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Herrn Dr. Dieter Graumann. Era Freidzon stellte diese Ausstellung unter die Überschrift „Gloomy Reflections“, was man übersetzen könnte mit dunkle, trübe, düstere Reflektionen, Spiegelungen, Betrachtungen, aber auch mit melancholischen Überlegungen oder hoffnungslosem Nachdenken. In ihren Arbeiten zeigt sich eine Suche nach dem Sinn des Seins, die immer offen bleiben wird und nur bruchstückhafte Antworten gibt. Es ist eine verschlüsselte, malerische Befragung der Wirklichkeit, eine Suche nach gewachsener Geborgenheit. Era Freidzon schreibt zum Thema dieser Ausstellung: „… mich beschäftigt … eine Zeitreise auf den Spuren der Erinnerungen und Sehnsüchte, ich versuche, den Sinn zu begreifen, wohl wissend, dass es mir nicht gelingen wird.“ Sie zitiert Georg Steiner, 1929 als Sohn österreichischer Eltern in Paris geboren, 1940 mit seinen Eltern nach New York emigriert – Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Philosoph, Kulturkritiker und Professor an verschiedenen Universitäten: „Wir waren, wir bleiben Nomaden durch die Zeit.“ Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur und eine zurückgenommene Farbigkeit, die jedoch in sich stark differenziert ist, sind in ihren Bildern dominant. Era Freidzons gestische Malweise erspürt und baut die eigenen gedanklichen und bildhaften Assoziationen auf der Fläche mit spontanen, jedoch gesteuerten Pinselstrichen. Die magisch-poetische Ausdruckskraft wird durch sich widersprechende Größenverhältnisse noch gesteigert. Ein Grundton verhaltener Melancholie beherrscht die

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Bildwelten. Eine beklemmende Stimmung geht von dem dunklen Hintergrund auf den Bildern aus. Era Freidzons Bilder sind Erzählungen, Mitteilungen, Fragen ohne Worte. Sie versucht, das Dasein, unsere Existenz, die Verirrungen und Verwirrungen, das Unverständliche und dennoch Reale, das Woher und Wohin, die Fragen des Lebens, des Sinns zu ergründen. Es sind bildnerisch sichtbar gemachte Gedanken. In die Ausstellung führte die Künstlerin Ulla Dretzler ein. Eva Freidzon: Metamorphosen einer Existenz II“

Dem Bauhaus anverwandt IERI-OGGI-DOMANI – unter diesem Titel zeigte der aus dem Banat stammende, in Hildesheim ansässige Künstler, Professor Franz Kumher, in der Fagus-Galerie Alfeld 50 Arbeiten aus seinem Gesamtwerk. Die Ausstellung stand im Zeichen des Jubiläums der Fagus-Werke, dessen Industriegebäude 1911 nach Entwürfen von Walter Gropius errichtet wurde. Franz Kumher verbindet sowohl mit Alfeld, wo er studierte und lehrte, wie auch mit der Bauhaustradition eine enge Beziehung.

Professor Klaus Sliwka, Universität Osnabrück, sieht in Kumhers künstlerischem Werk „die Weiterentwicklung der Bildsprache mit neuen Chiffren,… die den Betrachter zum Suchen und Nachdenken anregen“. Die Bildaussagen stehen, so Professor Sliwka, „in einem inhaltsbezogenen Kontext, in den der Betrachter einbezogen wird“. (Ein ausführlicher Bericht von Dr. Walter Engel zur Ausstellung Franz Kumhers ist in der Zeitschrift „Spiegelungen“, Heft 1, 2011 erschienen.)

Sehen und erkennen Das FotoTeam Lyrografik, unter Leitung von Helga von Berg-Harder zeigte im Medienzentrum Ratingen die Ausstellung „Formen - Farben - Visionen“ mit Arbeiten von 17 Fotokünstlern. Das seit

mehr als zehn Jahren bestehende Team von Fotoamateuren aller Altersstufen aus Hilden und Umgebung ist seit 2005 Jahr für Jahr mit erfolgreichen Ausstellungen an die Öffentlichkeit getreten. Wesen und Ausdruck der Arbeiten reichen von der experimentellen Fotografie bis hin zu bildhaften Umdeutungen, lyrische Blätter stehen neben grafischen Darstellungen.

Redaktion der Beilage: Franz Heinz

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Kinemathek

Di, 20.09. | 15 Uhr

„Der Tunnel“ – Die Geschichte einer dramatischen Flucht in Berlin Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961 Am 13. August 2011 – auch wenn sehr viele Menschen dann ihren verdienten Urlaub genießen – sollte nicht vergessen werden, an ein wichtiges historisches Datum zu erinnern. Wir tun dies – leicht zeitversetzt – zunächst im Rahmen einer Filmvorführung. Am 13. August wird der Beginn des Baus der Berliner Mauer genau 50 Jahre zurückliegen. In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 begannen bewaffnete Kräfte der „Nationalen Volksarmee“, der „Volkspolizei“ und verschiedener „Betriebskampfgruppen“ auf Geheiß der SED-Führung unter Walter Ulbricht die Westsektoren Berlins nach dem Ostsektor und der DDR hin abzusperren. Ulbricht hatte noch wenige Wochen zuvor öffentlich behauptet, dass „niemand die Absicht habe eine Mauer zu bauen“. Im Hintergrund indessen drängten die SEDGenossen ihre sowjetischen Schutzherren längst, West-Berlin endlich für ihre eigenen Bürger unerreichbar zu machen. Die Grenze zur Bundesrepublik war schon seit Beginn der 1950er Jahre immer perfekter „gesichert“, das heißt abgesperrt worden. Dadurch wurde ihre Überschreitung bereits äußerst gefährlich – dies wiederum veranlasste Zehntausende von Menschen, die dem angeblichen „Arbeiter- und Bauernstaat“ mit seinem kommunistischen Unterdrückungssystem den Rücken kehren wollten, den vorläufig relativ gefahrlosen Weg nach West-Berlin zu wählen. Dies wurde mit dem 13. August 1961 beendet. Den zunächst provisorischen Stacheldrahtsperren folgte unmittelbar der Bau eines immer ausgeklügelteren Sperrsystems quer durch die geteilte Stadt. Wer nach „drüben“ wollte, riskierte fortan auch in Berlin grundsätzlich sein Leben. Am 24. August 1961, also nicht einmal zwei Wochen nach Beginn des Mauerbaus, wurde erstmals ein Mensch beim Versuch von Ost- nach West-Berlin zu gelangen, erschossen. Es handelte sich um den 24-jährigen Günter Litfin. Litfin war jedoch nicht das erste Todesopfer an der Mauer. Bereits zwei Tage zuvor war die aus dem westpreußischen Marienwerder stammende, 59 Jahre alte Ida Siekmann

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ums Leben gekommen. Sie starb nach einem Sprung aus dem dritten Stock des Hauses in der Bernauer Straße, in dem sie wohnte. Dieses lag unmittelbar östlich der Sektorengrenze und die Ausgänge in Richtung West-Berlin waren von den Sicherheitskräften der DDR bereits verbarrikadiert worden. Das brutale Grenzregime des SED-Staates zwang Fluchtwillige im Osten und ihre Helfer im Westen rasch zu immer gewagteren Fluchtmethoden. Bereits im September 1961 hatte es den ersten Tunnelbau unter den Sperranlagen hindurch gegeben, der zu einer erfolgreichen Flucht diente. Bis zum Sommer 1962 hatte es 16 weitere Tunnelbauten gegeben, von denen 10 tatsächlich Flüchtlingen den Weg nach West-Berlin öffneten. Es hatte jedoch im Zusammenhang mit Tunnelprojekten auch schon eine ganze Reihe von Verhaftungen gegeben (meist in Folge von Denunziationen durch „IM“ des Ministeriums für Staatssicherheit) sowie mindestens zwei Todesopfer. Dennoch begann eine Gruppe von jungen Männern, die sich zunächst um zwei italienische Studenten sammelte, im Frühsommer 1962 von einem Fabrikgelände aus unter der Bernauer Straße hindurch einen weiteren Tunnelbau. Zu der Gruppe stieß auch Hasso Herschel, der selbst nach mehreren Jahren politisch bedingter Haft erst 1961 aus der DDR geflohen war. Zur Finanzierung des aufwendigen Unternehmens, an dem schließlich rund 30 Personen beteiligt waren, trug der amerikanische Fernsehsender NBC bei, der sich dafür die Exklusivrechte zur Berichterstattung sicherte. In Anbetracht der Gegenwart eines Kamerateams von NBC existieren von Teilen des Fluchtunternehmens Originalaufnahmen. Am

14. September 1962 gelang es durch den Tunnel insgesamt 29 Personen nach WestBerlin zu holen, darunter Hasso Herschels Schwester. Bei der Aktion wurde niemand verletzt oder verhaftet. Nach der Zahl der Flüchtlinge erhielt der Tunnel die Bezeichnung „Tunnel 29“. Die reale Geschichte von „Tunnel 29“ diente als allerdings in mancher Beziehung abgewandelte Vorlage für den 2001 gedrehten Spielfilm „Der Tunnel“. Unter der Regie von Roland Suso Richter spielte ein Star-Ensemble, zu dem unter anderen Heino Ferch, Sebastian Koch, Alexandra Maria Lara, Karin Baal und Uwe Kockisch gehörten. Das Lexikon des Internationalen Films vermerkt

dazu: „Ein ebenso überzeugendes wie beklemmendes Zeitporträt, das von guten Darstellern getragen wird und die Mittel des Spannungskinos wirkungsvoll zum Zwecke seiner engagierten Geschichte nutzt.“ Heino Ferch und Roland Suso Richter erhielten 2001 für den Film den Bayerischen Filmpreis. Das Thema Mauerbau wird auch im nächsten Quartal noch einmal aufgenommen. Am 17. November 2011 referiert Prof. Dr. Manfred Wilke, bis zu seiner Emeritierung 2006 einer der beiden Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, zur Vorgeschichte und den Hintergründen des Mauerbaus. Winfrid Halder

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Kinemathek

Di, 27.09. | 19.15 Uhr

In den Mühlen der Securitate Der rumänische Spielfilm „Rote Handschuhe“ von Radu Gabrea - nach dem Roman von Eginald Schlattner Einführung durch Wolfgang J. Ruf Rumänien im Jahre 1957, nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands im benachbarten Ungarn: Gerade in Siebenbürgen, wo Ungarn, Deutsche und Rumänen miteinander leben, fürchten die kommunistischen Machthaber den Ruf nach Demokratie und Freiheit. Die gefürchtete rumänische Geheimpolizei, die Securitate, erstickt brutal jeden Anschein einer oppositionellen Regung. So gerät auch der deutschstämmige Felix Goldschmidt, Student an der Universität Cluj/Klausenburg und Organisator eines deutschen Literaturzirkels, in die Mühlen der Securitate. Dass er seine Verhaftung zunächst noch für einen Irrtum hält, ist nur seine erste Fehleinschätzung. Denn es geht in diesem System der stalinistischen Unterdrückung überhaupt nicht um die Frage, ob ein Einzelner schuldig oder nicht schuldig ist, sondern um die bedingungslose Unterwerfung des Individuums und seine Bereitschaft, sich vom repressiven Unrechtsregime willkürlich benutzen zu lassen. Radu Gabreas Film entstand nach Motiven des autobiographischen Romans des rumäniendeutschen Autors Eginald Schlattner. Der Film und der ihm zugrundeliegende Roman beziehen sich auf den Schauprozess, der 1959 im siebenbürgischen Braşov/Kronstadt, damals Stalinstadt genannt, stattfand und in dem die fünf rumäniendeutschen Schriftsteller Hans Bergel, Andreas Birkner, Georg Scherg, Harald Siegmund und Wolf von

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Aichelburg zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Eginald Schlattner fungierte in diesem Prozess als Zeuge der Anklage. Dieser zeitgeschichtliche Bezug führte immer wieder zu Kontroversen um Schlattner und seinen Roman. Der Film „Rote Handschuhe“ veranschaulicht die Mechanismen der stalinistischen Unterdrückung Mittel- und Südosteuropas an der weithin unbekannten Wirklichkeit des damaligen Siebenbürgens. Radu Gabrea, geb. 1937 in Bukarest, absolvierte die Theater- und Filmhochschule in der rumänischen Hauptstadt. Mit seinen ersten beiden Spielfilmen „Zu klein für einen so grossen Krieg“ und „Jenseits des Sandes“, die beide auch auf dem Festival von Cannes gezeigt wurden, war Gabrea ein wichtiger Vertreter des Neuaufbruchs im rumänischen Film nach 1968. Als „Jenseits des Sandes“ in Rumänien verboten wurde, ging er 1974 ins Exil und lebte bis 1997 in der Bundesrepublik Deutschland. Im Jahr 1986 promovierte er sich über „Werner Herzog und die rheinische Mystik“. Seit 1998 lebt und arbeitet Gabrea wieder in Bukarest. Der Produzent, Regisseur und Autor lehrt auch an der Hochschule für Theater und Film in Bukarest und ist so auch ein Anreger des jungen rumänischen Films von heute. Eginald Schlattner, geb. 1930 in Arad/ Rumänien, zeichnet in seiner autobiographisch getönten Romantrilogie „Der geköpfte Hahn“ (1998), „Rote Handschuhe“ (2000) und „Das Klavier im Nebel“ (2005)

Radu Gabrea ein vielfältiges und spannungsreiches Panorama menschlicher Schicksale im Rumänien der 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, wobei vor allem Siebenbürgen und seine deutschsprachige Bevölkerung im Mittelpunkt stehen. Schlattner wurde 1957 festgenommen und nach mehrjähriger Untersuchungshaft wegen „Nichtanzeige von Hochverrat“ verurteilt. Nach der Entlassung arbeitete er als Tagelöhner und später als Ingenieur. 1973 nahm Schlattner noch einmal das theologische Studium auf und wurde evangelischer Pfarrer. Schlattner lebt heute in einem Dorf bei Sibiu/Hermannstadt in Rumänien und ist auch noch als Gefängnispfarrer tätig. Wolfgang J. Ruf, geb. 1943 in München, war für renommierte Zeitungen und Zeitschriften als freier Publizist zu Kulturpolitik, Theater, Film, Fernsehen und Literatur tätig. Von 1975 bis 1985 war er Leiter des Internationalen Festivals Westdeutsche Kurzfilmtage in Oberhausen, von 1985 bis 1995 Chefredakteur der Zeitschrift Die deutsche Bühne und Referent des Deutschen Bühnenvereins. Zahlreiche Jurytätigkeiten und Vortragsreisen im Inund Ausland, u. a. für das Goethe-Institut. Ruf lebt als freier Autor im Wasgau; er ist Ko-Autor des Films „Rote Handschuhe“. Wolfgang J. Ruf Einleitung:PD Dr. Winfrid Halder Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses Einführung: Wolfgang J. Ruf

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Theater

Fr, 23.09. | 19 Uhr

„Im blauen Mond September“ Ein musikalisch-literarischer Abend Es ist spät in der Nacht. Drei Frauen kommen nach einer rauschenden Party zusammen, und es entsteht eine besondere Atmosphäre, in der Gedichte, Briefe und Musik miteinander verwoben werden. Um große Liebe, Verzweiflung, Eifersucht, Abschied, aber auch um Politik und Gesellschaft geht es in diesen Texten und Kompositionen von Lorca, Jimenez, Brecht, Villa-Lobos, Cordero, Dessau und Eisler. Ein Abend voller Poesie, der eine besondere Vielfalt der Literatur und Musik des 20. Jahrhunderts zeigt. Im Zentrum stehen dabei Gedichte und Briefe von Bertolt Brecht und deren Vertonungen. Von und mit Alexandra Lachmann (Sopran), Elke Jahn (Gitarre) und Helene Grass (Lesung). Eintritt ist frei. Karten unter: 0211 - 1699118.

wo sie sich intensiv mit spanischer Gitarrenmusik beschäftigte. Sie erhielt ein zweijähriges Graduiertenförderstipendium des Freistaats Thüringen und war Stipendiatin der Yehudi-Menuhin-Stiftung „LIVE MUSIC NOW“. Seit Abschluss ihres Studiums lebt sie in Dresden und ist hier freischaffend tätig. Neben ihren Lehraufträgen am Heinrich-Schütz-Konservatorium und am Dresdner Kreuzchor konzertiert sie als Liedbegleiterin und in verschiedenen Kammermusikbesetzungen, u. a. als Solistin der Camerata Europaea, als Gast an der Sächsischen Staatsoper und in diversen Orchestern.

am Deutschen Theater. Außerdem sang sie mehrfach bei den Händelfestspielen und beim internationalen Musikfest Stuttgart. Eine enge Zusammenarbeit in internationalen Opernproduktionen, Konzertreisen und diversen CD-Produktionen (harmonia mundi, chrismon) verbinden sie mit der Lauttencompagney und dem Vocalconsort Berlin, wo sie z. B. unter Leitung von R. Jacobs, M. Creed, O. Dantone und C. Moulds gesungen hat. Sie zählt zu den Mitbegründern des A-cappella-Ensembles „Weiberconsort - Berlin“.

Alexandra Lachmann wurde in Berlin geboren und studierte an der dortigen Musikhochschule „Hanns Eisler“ Gesang. Zu ihren Lehrern gehörten Kammersängerin Carola Nossek und Julia Varady. Außerdem besuchte sie die Liedklassen von Dietrich Fischer-Dieskau und Wolfram Rieger. Wichtige Impulse erhielt sie in Meisterkursen von Christoph Prégardien und Ruth Ziesak. Während ihres Studiums erhielt sie zahlreiche Stipendien, u. a. das Richard-Wagner-Stipendium, und wurde über Jahre von der Yehudi- Menuhin-Stiftung „Live music now“ gefördert. Sie lebt freischaffend in Berlin und gastierte bisher am Opernhaus Halle, an der Berliner Staatsoper und

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Elke Jahn, in Weimar geboren, besuchte die dortige Spezialschule für Musik und studierte dann bei Prof. Christiane Spannhof und im Aufbaustudium bei Prof. Thomas Müller-Pering an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar. Dazwischen lebte sie ein Jahr in Sevilla,

Helene Grass wurde 1974 in Hamburg geboren und wuchs in Berlin auf. Nach der Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München folgten Engagements am Staatstheater Braunschweig, am Theater Neumarkt in Zürich, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Theater Freiburg. Seit mehreren Jahren arbeitet sie freiberuflich sowohl am Theater wie auch für Film und Fernsehen (u. a. in der Serie „Stubbe“ als Kommissarin), für verschiedene Radiosender (u. a. WDR, RBB, SWR) und Hörbuchverlage (u. a. „Corpus Delicti“. „Rheinsberg“). Die Künstlerin ist die Tochter des 1927 in Danzig-Langfuhr geborenen, bedeutenden deutschsprachigen Autors und Nobelpreisträgers für Literatur Günter Grass.

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Nachruf

Eine Stimme der Vernunft im Zeitalter der Extreme Zum Tod von Jorge Semprún (1923-2011) Ein Schloß in Böhmen war eine wichtige Station im Leben Jorge Semprúns. Dort weilte er freilich nicht als Gast des einst mächtigen böhmischen Adels, wenn er auch als Angehöriger einer einflussreichen, in den Adelsstand erhobenen spanischen Familie – sein voller Name lautete Jorge Semprún y Maura – standesgemäß gewesen wäre. Der böhmische Adel war längst entmachtet, zumeist aus dem Land getrieben, jedenfalls enteignet. Das Semprún „kafkaesk“ anmutende Schloß gehörte dem tschechoslowakischen Staat, Gastgeber war die Tschechoslowakische Kommunistische Partei KSČ. Versammelt war dort die Exilführung der Spanischen Kommunistischen Partei PCE. Und Semprún, Mitglied des Zentralkomitees des PCE, war nicht unter seinem richtigen Namen zugegen, sondern als Frederico Sanchez – eine der diversen falschen Identitäten, die er sich für die illegale Parteiarbeit im von Diktator Francisco Franco beherrschten Spanien zugelegt hatte. Sanchez-Semprún hatte sich bei jener Versammlung im Frühjahr 1964 vor der Parteispitze zu rechtfertigen – er stand Generalsekretär Santiago Carillo und der Parteivorsitzenden, der längst von Legenden umrankten Leitfigur des PCE Dolores Ibàrruri – genannt „La Pasionaria“ – gegenüber. Semprún hatte zuvor Kritik am Kurs der Partei geübt, der Bruch mit dem Stalinismus ging ihm nicht weit genug. Zwar hatte der PCE – im Kielwasser des XX. Parteitages der KPdSU, auf dem Nikita Chruschtschow Anfang 1956 die „Entstalinisierung“ verkündet hatte – äußerlich auch die Abkehr vom einst belobhudelten „großen Führer der Arbeiterklasse“ vollzogen. Semprún war jedoch keineswegs der Einzige, der seither bei der Parteiführung keinen wirklichen Sinneswandel auszumachen vermochte. Bezeichnend ist, dass Carillo und Ibàrruri seit Jahrzehnten Führungspositionen in der Partei bekleideten und dass sich daran nach dem XX. Parteitag nichts geändert hatte. Semprúns Drängen auf einen tatsächlichen Wandel endete mit seinem Ausschluß aus der Partei, da er nicht bereit war, sich

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dem kommunistischen Ritual der bußfertigen Unterwerfung („Selbstkritik“) zu unterziehen. Santigo Carillo dagegen fungierte noch bis 1982 als Generalsekretär und „La Pasionaria“ blieb im PCE bis zu ihrem Tod 1989 unangefochten. Nach dem Bruch mit der Partei lag auf der Hand, dass Semprún nicht mehr wie bisher eine wichtige Rolle in der illegalen Parteiarbeit im Spanien Francos spielen konnte. Also kehrte er nicht nach Madrid, sondern nach Paris zurück. Politisch hat er sich auch nach dem Ende seiner Parteizugehörigkeit immer als Sozialist verstanden. Die französische Hauptstadt kannte Jorge Semprún seit er 16 Jahre alt war, denn nach dem Ende des Spanischen Bürgerkrieges und der Errichtung der Diktatur war sein Vater – zuvor Botschafter der Republik in den Niederlanden – 1939 mit seiner Familie nach Paris in die Emigration gegangen. Jetzt, mehr als 20 Jahre später, wurde die Stadt wieder zum Zufluchtsort Semprúns, und hier hatte er Gelegenheit, einer Berufung nachzugehen, die zu seiner Inkognito-Existenz als immer wieder unter falschen Namen zwischen Frankreich und Spanien hin- und herwechselnder, hochrangiger PCE-Funktionär im Grunde denkbar schlecht passte: der Berufung des zwangsläufig auf die Öffentlichkeit hin orientierten Schriftstellers. Dabei hatte 1961 gerade seine geheime Existenz Semprún zum Schreiben gebracht, wenngleich fast gegen seinen Willen. Nach der Verhaftung eines in der Illegalität eng mit ihm zusammenarbeitenden „Genossen“, bestand die Gefahr, dass auch Semprúns Madrider Deckadressen von der spanischen Geheimpolizei aufgespürt werden würden. Er war genötigt sich mehrere Wochen lang bei einem kommunistischen Ehepaar versteckt zu halten, ohne dessen Wohnung verlassen zu können. Die dadurch erzwungene fast völlige Untätigkeit ließ geradezu eruptiv Semprúns Erinnerungen an die Zeit zu Beginn der 1940er Jahre zum Ausbruch kommen. Damals war der noch nicht Zwanzigjährige Angehöriger der Résistance im von der Wehrmacht besetzten Frankreich und an Anschlägen gegen diese

beteiligt gewesen. Im Oktober 1943 war Semprún der Gestapo in die Hände gefallen, wurde schwer gefoltert und Anfang 1944 ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar überstellt. Semprún überlebte dort bis zur Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen im April 1945. Die Erinnerung daran und insbesondere das Erlebnis der Deportation in einer mehrtägigen Reise im Viehwaggon von Frankreich ins thüringische KZ brachte Semprún während der Zwangspause von 1961 zu Papier. Semprún tat nun, was er bis dahin sorgfältig vermieden hatte, nämlich sich der Erinnerung stellen. Zuvor hatte er das deutliche Gefühl gehabt, dass es für ihn nur zwei Möglichkeiten gab: Schreiben oder Leben – so der Titel eines späteren Buches. Vielleicht hatte sich Semprún zu Beginn der 1950er Jahre in das atemlose, stets gefährliche Leben als illegaler PCE-Repräsentant in Spanien auch deswegen gestürzt, weil ihn dies gerade vor dem Innehalten und Zurückdenkenmüssen bewahrte. Das unverhofft entstandene Erstlingswerk, 1963 im französischen Verlag Gallimard unter dem Titel „Le grand voyage“ (Die große Reise) veröffentlicht, erhielt im Folgejahr prompt den wichtigen internationalen Verlegerpreis Prix Formentor. Kurz nach seinem Parteiausschluss konnte Semprún diesen entgegennehmen. Dies erleichterte ihm den Start in eine legale Schriftsteller-Existenz. Buchenwald blieb sein Lebensthema, daneben allerdings auch der Kommunismus, seine Anziehungskraft und die Gründe für die Trennung von dem was Semprún einmal für „die Religion des Guten“ gehalten hatte, bevor er von der politischen Praxis des real existierenden Stalinismus abgestoßen wurde. Eine erste Etappe dahin stellte der berüchtigte Slánský-Prozess in der Tschechoslowakei dar. Im November 1951 war der vormalige Generalsekretär der KSČ Rudolf Slánský in Prag verhaftet worden. Wenig später saß Slánský mit 12 weiteren Angeklagten, allesamt altgediente kommunistische Funktionäre, auf der Anklagebank eines Schauprozesses, der dem entsprechenden Vorbild aus Stalins Sowjetunion Ende der 1930er Jahre übereifrig nachempfunden war. Slánský und die anderen Angeklagten bezichtigten sich selbst diverser hochverräterischer Handlungen, die angeblich weit zurück

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Nachruf in ihre Funktionärvergangenheit reichten. die kommunistischen Funktionsträger Das ganze war ein absurdes Schauspiel, unter den Häftlingen dafür, dass der junge das Kafka kaum besser hätte erfinden spanische Genosse in vergleichsweise können, und das mit dem Todesurteil und harmlose Verwendungen kam. Bezeichder Hinrichtung der meisten Angeklagten nend ist, dass bereits der deutsche Komendet. Jorge Semprún aber kannte einen munist, der Semprún als Neuzugang in von Slánskýs Mitangeklagten, nämlich Jo- der Häftlingskartei registrierte, nicht wie sef Frank. Frank war ihm in Buchenwald dieser wahrheitsgemäß angab, „Student“ begegnet, wo er der geheimen kommunis- als Beruf eintrug, sondern „Stukkateur“. tischen Lagerleitung angehörte und mit Davon hatte Semprún keine Ahnung, der dazu beitrug, dass der junge Genosse aus Spanien mit einem vergleichsweise ungefährlichen Arbeitsplatz versehen wurde, was seine Überlebenschancen entscheidend steigerte. Jetzt, in Prag 1951/52, gab Frank an, in Buchenwald andere Kommunisten denunziert und damit der Ermordung durch die SS ausgeliefert zu haben. Semprún wusste, dass das nicht die Wahrheit war. In Wirklichkeit ging es um einen brutalen innerparteilichen Machtkampf, wie in der spätstalinistischen Sowjetunion gepaart mit freilich nicht offen geäußerten antisemitischen Tendenzen. Sein Überleben in Buchenwald hat Semprún immer wieder beschäftigt; insbesondere der Umstand, dass er dieses, wie schon angedeutet, wesentlich seinen kommunistischen Jorge Semprún Genossen zu verdanken hatte, während Andere zugrundegingen. Die geheime kommu- erfahrene Lagerfunktionär wusste jedoch, nistische Lagerleitung hatte es in den dass die Häftlinge, die nicht über der SS Jahren zuvor vermocht, wichtige Funk- „brauchbar“ erscheinende besondere, tionsstellen, für welche die SS Häftlinge vor allem handwerkliche Fertigkeiten benötigte, in ihre Hand zu bringen. Fak- verfügten, zumeist unterschiedslos in tisch existierte dadurch eine Art zweite die besonders harten und gefährlichen Lagerhierachie, deren Existenz von der Arbeitskommandos eingeteilt wurden. Wachmannschaft vielleicht nicht im vol- Der 20-jährige Semprún wurde bald in lem Umfang realisiert, womöglich aber die „Arbeitsstatistik“ beordert, eine Art um der Funktionsfähigkeit des Lagers Bürotätigkeit, auch im Winter in geheizten willen auch ein Stück weit stillschweigend Räumlichkeiten, was ungemein wichtig toleriert wurde (was nicht bedeutete, dass war. die kommunistischen Häftlinge nicht Als eines Tages aus Spanien bei der ihrerseits jederzeit zum Ziel willkürli- Lagerleitung eine Anfrage nach dem cher Gewalt werden konnten). Schon Verbleib des Häftlings Semprún eintraf, bei seinem Eintreffen im Lager sorgten befürchteten seine Parteifreunde, dass

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dem eine Auslieferung an die FrancoDiktatur folgen könnte. Kurzerhand wurde Semprún in der Lagerkartei als verstorben verzeichnet, während er die Identität eines gleichaltrigen, tatsächlich aufgrund der erbärmlichen Lebensbedingungen umgekommenen Mithäftlings annahm. Semprún hat dies später in dem eindrücklichen Buch „Der Tote mit meinem Namen“ verarbeitet. Neben der Unterstützung durch seine Genossen kam Semprún in Buchenwald sicher zugute, dass er gut Deutsch sprach. Als Kind einer – vor der Emigration nach Frankreich – wohlhabenden Familie hatte er frühzeitig durch die aus der Schweiz kommenden Kindermädchen Deutsch gelernt – weil sein Vater der Meinung war, so könne er später zu einigen Hauptwerken der europäischen Philosophie unmittelbar Zugang gewinnen. Tatsächlich hat Semprún später unter anderem Hegels „Phänomenologie des Geistes“ gelesen – allerdings ein aus der Buchenwalder Häftlingsbibliothek (die gab es wirklich) entliehenes Exemplar. Auch wenn Jorge Semprún im Konzentrationslager dank seiner kommunistischen Genossen zu den Privilegierten zählte, war das Lager natürlich auch für ihn mit der unausgesetzten Gefahr für Leib und Leben verbunden. Und das Grauen stand ihm nur allzu deutlich vor Augen. So hat er Anfang 1945 mit ansehen müssen, wie die SS einen Kindertransport in Empfang nahm und diejenigen kleinen Menschen, die die winterliche Bahnfahrt im ungeheizten Waggon überlebt hatten, an Ort und Stelle brutal ermordete. Zeit seines Lebens blieb Semprún Deutschland kritisch verbunden – ohne Ressentiments gegen „die Deutschen“ im Allgemeinen. Denn er war überzeugt, „schuldig sind nur die Schuldigen“. Im Jahre 1994 erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jorge Semprúns Leben wird auch in Zukunft exemplarisch stehen für die Kraft des humanen Widerstehens im 20. Jahrhundert, das der britische Historiker Eric Hobsbawm treffend das „Zeitalter der Extreme“ genannt hat. Winfrid Halder

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Dokumentation

Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit – Last oder Verpflichtung? Von Hans Mommsen Im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung der Volkshochschule und des Gerhart-Hauptmann-Hauses war der renommierte Historiker Prof. Dr. Hans Mommsen im März d. J. zu Gast in Düsseldorf. Nachfolgend dokumentieren wir Auszüge aus seinem Vortrag. Nach dem 9./10. Mai 1945, der deutschen Kapitulation, hofften viele Deutsche, nach einer Karenzzeit der Buße und Einkehr und der Abrechnung mit den für die im deutschen Namen begangenen Verbrechen Schuldigen zur historischen Normalität zurückzukehren. So glaubte auch Martin Walser, dem niemand Sympathien mit dem Nationalsozialismus hat nachsagen können, an eine Rückkehr in eine heile Welt deutscher Geschichte, wie er 1998 in der berühmten Auseinandersetzung mit Ignaz Bubis äußerte. Er stand mit der Hoffnung nicht allein, den tiefen Zivilisationsbruch überbrücken zu können, den die NS-Herrschaft und der Zweite Weltkrieg für Deutschland und große Teile Europas herbeigeführt haben. Doch reichen die Auswirkungen der NS-Gewaltpolitik über die äußeren und die moralischen Verwüstungen, die sie hinterließen, weit hinaus. Mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches waren auch die deutsche Nationalstaatsidee und die Tradition des deutschen Machtstaatsgedankens, wie sich zeigen sollte, endgültig ausgehöhlt, wenngleich Spuren davon noch die ersten Nachkriegsjahrzehnte prägten. Stattdessen setzte sich in der entstehenden Bundesrepublik Deutschland ein weit verbreitetes Gefühl nationaler Indifferenz, das sich in der Hinwendung sowohl zum Europagedanken wie zu föderalistisch-partikularen Bestrebungen niederschlug. Als Kompensation bemühte sich die DDR darum, ihre mangelnde politische Legitimität ausgerechnet durch Anleihen bei der deutschen nationalen Überlieferung zu kaschieren. Die Auflösung des traditionalen Geschichtsbilds rief bei der älteren Generation eine Orientierungskrise hervor, die auch im Versuch zum Ausdruck kam, in Anknüpfung an die Tradition des deutschen Idealismus und das Vermächtnis von Kant, Goethe und Schiller ein neues Nationalbewusstsein zu schaffen. Für die

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nachwachsende Generation rückte hingegen das Bewusstsein in den Vordergrund, nach der Überwindung des NS-Regimes einen radikalen Neuanfang zu wagen. Es bildete die Keimzelle eines neuen politischen Gemeingefühls, das es gleichsam nicht wagte, sich das Etikett des Nationalismus beizulegen. Tatsächlich waren 1945 die bislang zentralen Bestandteile des national geprägten deutschen Geschichtsbilds für die nachwachsende Generation weitgehend blind geworden, ob es sich dabei um die Erinnerung an den Reichsfreiherrn vom Stein, an Otto von Bismarck oder an Gustav Stresemann handelte. Was an der historisch-politischen Überlieferung der Zwischenkriegszeit noch lebendig war, wurde durch die Inhalte der alliierten Reeducation in den Hintergrund gedrängt. Zwar konnte der Historiker Hans Rothfels 1965 noch einmal im Deutschen Bundestag eine Gedenkrede auf den Reichsgründer halten, aber aus heutiger Sicht wirkt dieser wie viele parallele Versuche, an die historische Tradition anzuknüpfen, als antiquarisch. Mit dem partiellen Verlust der angestammten Nationalgeschichte ging eine Serie von Verdrängungsprozessen einher, die die Nation daran hinderten, das ganze Ausmaß der Niederlage zu ermessen. Erst nach und nach nahm die deutsche Bevölkerung die einschneidenden Verheerungen des Zweiten Weltkriegs, darunter millionenfache Flucht und Vertreibung und das unvorstellbare Massensterben von unbeteiligten Zivilisten wie Waffenträgern wahr. Die Schwierigkeit von Flüchtlingen und Nachfahren des Widerstandes, gesellschaftlich anerkannt zu werden, ist ein Indikator dafür. Vor diesem Hintergrund ist die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik zu sehen. Sie begann mit dem zweifelhaften Versuch, die Abrechnung mit den Kriegs- und NS-Verbrechern

den Alliierten zu überlassen, und es verwundert nicht, dass die zu schematisch vorgenommene und dann oberflächliche Entnazifizierung enttäuschend ausfiel. Die lückenhafte Aufdeckung der schließlich zur Verantwortung gezogenen Täter steht außer Frage, zumal die Bemühungen zur Selbstreinigung von der Indifferenz großer Teile der deutschen Bevölkerung erfolgreich blockiert wurden. Die Öffentlichkeit forderte regelmäßig einen möglichst umfassenden „Schlussstrich“ unter die Verfolgung von Naziverbrechern, und das galt auch noch beim Ende des Auschwitz-Prozesses von 1963/64 in Frankfurt. Bezeichnend war, dass das Stuttgarter Schuldbekenntnis der Deutschen Evangelischen Kirchen von 1965 nur zögernd auf die Pression der Nachbarkirchen erfolgte, und es entwickelte sich zunächst ein „Schweigekonsens“ über die NS-Verbrechen oder, wie das Rainer Lepsius formulierte, „eine schrittweise Internalisierung“ der Vergangenheit in einer Gesellschaft, die glaubte, sich nichts vorzuwerfen zu haben. Was weithin unterblieb und erst in den folgenden Jahrzehnten nachgeholt wurde, war eine tiefer gehende gesellschaftliche Analyse, die vor allem die Frage beantwortete, warum es so wenig erklärten Widerstand gegen das Vorgehen der Nationalsozialisten gab bzw. geben konnte. In den frühen Nachkriegsjahren überwog die Neigung, den Aufstieg des Nationalsozialismus auf externe Gründe zurückzuführen, ganz im Sinne der defensiven Äußerung Friedrich Meineckes: „Deutschland ist ein vom Nationalsozialismus besetztes Land.“ Daraus entwickelte sich ein eigentümlich bipolares Geschichtsbild. Einerseits wurde die Rolle Hitlers als unumschränkter und entscheidungswilliger Diktator herausgestellt. Dafür war es bezeichnend, dass Studien über die Geschichte der NSDAP nach 1933 unterblieben. Sie wurde als williges und passives Instrument in der Hand des Diktators und der ihn umgebenden Kamarilla wie Himmler, Goebels und Robert Ley hingestellt. Dieser extrem Hitleristischen Perzeption wurde, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Hans Rothfels, die repräsentative Rolle der deutschen Opposition gegenübergestellt, die allerdings auf lange Jahre auf den Widerstand „aus den Kommandohöhen“ beschränkt blieb, während Kommunisten und Sozialdemokraten die Legitimation dazu zunehmend verweigert wurde. Diese apologetische und bipolare

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Dokumentation Sicht, die Widerstand und „SS-Staat“ gegenüberstellte, fand gerade in der Phase der Entnazifizierung viele Sympathien. Die aus den USA importierte „Theorie der totalitären Diktatur“ stützte die Lebenslüge, der zufolge die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung nur ein passives Werkzeug der NS-Propaganda und des Polizeistaates gewesen war. Seit den 60er Jahren wurde diese defensive Sicht der Geschichte der NS-Zeit schrittweise überwunden, sowohl durch die Ausweitung des Widerstandsbegriffs als auch durch den Rekurs auf die seit 1967 zugänglichen, zuvor in alliierter Hand befindlichen Akten. Deren Studium ergab allenthalben ein weit diffuseres Bild als die Lehre vom voll durchorganisierten Führerstaat, der sich durch die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft eine unbegrenzte Steuerungsfunktion verschaffte. Zugleich öffnete sich mit den nun eingehenderen Studien über die Phase der Machtergreifung das Fenster zum Studium der aktiven Rolle der konservativen Eliten bei der Ausschaltung der letzten übrig gebliebenen demokratischen Bastionen, vor allem auf Kosten der Arbeiterbewegung. Aber bis zu der Erkenntnis, dass erst die Kollaboration der konservativen Eliten den Ausbau der Diktatur Hitlers möglich gemacht hatte, geschweige denn dazu, die Konsequenzen daraus zu ziehen, war es noch ein weiter Weg. ... Zwei markante Vorgänge haben die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nachhaltig beeinflusst. Der erste große Einschnitt bestand in der öffentlichen Auseinandersetzung über die „Historisierung“ des Nationalsozialismus. Diese Debatte nahm 1985 ihren Ausgang mit einem Essay des damaligen Direktors des Instituts für Zeitgeschichte, Martin Broszat, in dem er sich für eine „Historisierung“ des Nationalsozialismus einsetzte und die epochenübergreifenden Elemente historischer Kontinuität hervorhob. Er stieß damit aber sogleich auf prominente Kritik, zu deren Sprecher sich der angesehene Holocaust-Historiker Saul Friedländer machte. Die sich daran anschließende Debatte, in der es an Missverständnissen nicht fehlte, spiegelte die Schwierigkeit der Deutschen, einen normalen Zugang zur NS-Zeit zu finden. Der Ausgangspunkt von Broszat bestand in der Beobachtung einer zunehmenden „Verinselung des Nationalsozialismus“ also die Befürchtung, dass die Geschichte des Dritten Reiches von den vorausgehenden und

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nachfolgenden historisch-sozialen Prozessen abgekapselt und damit gleichsam politisch „neutralisiert“ wurde. Er forderte ihre „Re-Integration in den Gesamtverlauf der deutschen Geschichte“, ohne damit die besondere Natur des NS-Gewaltregimes zu verkennen. Sein prominenter Opponent Saul Friedländer wandte sich gegen die Vernachlässigung der grundlegenden historischer Zäsuren von 1933 und 1945 und gegen eine „moralische Einebnung“ der NS-Zeit. Dahinter stand eine unterschiedliche Einschätzung des ideologischen Faktors, aber auch eine Fehldeutung der Intentionen Broszats, dem leichtfertig der ungerecht-

Prof. Dr. Hans Mommsen fertigte Vorwurf gemacht wurde, einer Relativierung des NS-Regimes das Wort zu reden. 1985 bereitete sich mit der Zusammenkunft Präsident Ronald Reagans mit der Bundesregierung im pfälzischen Bitburg ein politischer Klimawandel vor. Reagans Besuch war von der Absicht geleitet, die Einbindung der Bundesrepublik in das westliche Bündnis gegen die Sowjetunion mit einer offensiven Ostpolitik zu verknüpfen. Der zum 40. Jahrestag aufbrechende Konflikt, der von dem Tatbestand ausging, dass auf dem dortigen Kriegerfriedhof auch SS-Angehörige bestattet waren, löste eine breite historischpolitische Reaktion im linken politischen Spektrum der Bundesrepublik aus und richtete sich gegen die stillschweigend

vorangetragene Bestrebung der konservativen Rechten, den Nationalsozialismus als Ausfluss der „Massendemokratie“ und Reaktion auf die Gefahr einer Linksdiktatur hinzustellen und den Vertrag von Versailles als Ursache des für das Scheiterns von Weimar zu beschwören. Sie fand beredten Ausdruck am 11. November 1986 in einer anlässlich des Volkstrauertages von Alfred Dregger, dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion, gehaltenen Rede, in der er die Wehrmacht von jeglicher Mitschuld für die verbrecherische Politik des NS-Regimes ausnahm und das NS-System als eine dem deutschen Volk aufgezwungene Herrschaft Hitlers und einer kleinen Gruppe von Kriminellen hinstellte. Ähnliche Bestrebungen zur Revision des deutschen Geschichtsbildes verfolgten die Pläne für das „Deutsche Historische Museum“, die das Schlagwort einer „Verführung“ der Deutschen in den Mittelpunkt stellten. Vor diesem Hintergrund ereignete sich der sogenannte „Historikerstreit“. Den Auslöser bildete ein für die Frankfurter Römergespräche bestimmten, aber dann ungehaltener Vortrag des Marburger Historikers Ernst Nolte, der den Titel trug „Die Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Darin argumentierte er, dass „der ‚Archipel Gulag’ ursprünglicher sei als Auschwitz“ und dass „der Klassenmord“ ein „Prius gegenüber dem Rassenmord“ besitze. Dahinter verbarg sich die These, dass der Nationalsozialismus, damit auch der Judenmord, als bloße Reaktion und Gegenbewegung auf den Bolschewismus zu betrachten seien. Nicht genug damit, Nolte argumentierte zugleich, die Juden seien nach der Washingtoner „Kriegserklärung“ Chaim Weizmanns in Wahrheit Kriegsgegner Hitlers gewesen und hätten damit dessen Gefangene dargestellt. Diese schamlose Apologetik rief Jürgen Habermas und zahlreiche liberale Intellektuelle auf den Plan, die gegen diese Geschichtsklitterung protestierten und auf der originären Judengegnerschaft Hitler beharrten. Zugleich kritisierten sie den Historiker Andreas Hillgruber, der mit seinem Buchtitel „Zweierlei Untergang“ eine Teilrechtfertigung des Ostkriegs vorgenommen hatte. Hinter diesem sogenannten „Historikerstreit“ standen jedoch Versuche von konservativer Seite, darunter die FAZ mit Michael Stürmer an der Spitze, die sich abzeichnende CDU-Krise angesichts der für 1986 anberaumten Bundestagswahlen

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Dokumentation durch eine Regenerierung des deutschen Nationalbewusstseins abzuwenden. So kommentierte er die Pläne der Bundesregierung zur Schaffung des DHM mit der Parole, dass demjenigen die Zukunft gehöre, der über die Geschichte verfüge, und erhob die Forderung nach einem „balancierten Geschichtsbild“. Indessen scheiterte der von der FAZ und Stürmer unternommene Versuch, die historischpolitische Entwicklung umzukehren, spätestens mit den Bundestagswahlen von 1986. Die Wahlniederlage der CDU/ CSU beendete den vergeblichen Versuch, an den historischen Nationalgedanken anzuknüpfen zu wollen. Zwar verstummten die Parteigänger Ernst Noltes nicht gänzlich, mehrheitlich aber setzte sich in der Geschichtswissenschaft die Überzeugung durch, dass die klassische Gleichsetzung von Bolschewismus und Nationalsozialismus, die in der Totalitarismustheorie kulminiert hatte, von den charakteristischen faschistischen Zügen der NS-Herrschaft abstrahierte. Einen weiteren Höhepunkt in der Kontroverse über die NS-Vergangenheitsbewältigung brachte 1996 die Auseinandersetzung mit Daniel Jonah Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker, die Deutschen und der Holocaust“. Der darin unternommene Versuch, eine neue Kollektivschuld zu begründen, stieß zwar bei Teilen der Nachkriegsgeneration auf Sympathien, die in Abkehr von der politischen Vorstellungswelt ihrer Väter Goldhagen als eine Art neuen Propheten begrüßten. Die inzwischen intensivierte HolocaustForschung, die sich auch dem Schicksal der osteuropäischen Juden zuwandte und die späten Aktionen Eichmanns in Ungarn aufklärten, schob jedoch die irrtümlichen Unterstellungen Goldhagens beiseite, ohne die nationale Gesamtverantwortung an der Shoah zu verdecken. Die zeitgeschichtliche Forschung, die seit der Gründung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte von 1951 sich zu einer selbstständigen Disziplin entwickelte, hat inzwischen einen festen Platz in den deutschen Hochschulen eingenommen, und daneben ist ein umfassendes Netz von historischen Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen entstanden. Zugleich hat sich das Interesse der Medien an der Geschichte des Dritten Reiches vervielfacht, und in vielen Fällen haben sie sich in den Dienst der Aufdeckung nationalsozialistischer Unrechtshandlungen und -verbrechen gestellt. Auch in den

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Schulen wird diesem Abschnitt deutscher Geschichte besondere Aufmerksamkeit geschenkt, und man kann, was die mediale Öffentlichkeit angeht, geradezu von einer Überfrachtung mit zeithistorischen Themen und Gegenständen sprechen. ... Gleichzeitig vollzieht sich in der historischen Fachwissenschaft ein schleichender Paradigmenwechsel, der im Rückgriff auf die 50er Jahre die ideologischen Triebkräfte, insbesondere den Rassenantisemitismus, in den Vordergrund stellt. Dazu gehört auch die Tendenz entgegenzutreten, den Nationalsozialismus ausschließlich aus der Perspektive der „Endlösung“ zu behandeln. Unter dem Einfluss der Medien hat sich in den letzten Jahren eine Tendenz zu einer primär moralisierenden Interpretation des NS-Regimes durchgesetzt. Sie scheint mittlerweile auch die offizielle Geschichtswissenschaft zu erfassen und verknüpft sich mit einer ausgeprägt personalisierenden Betrachtung. Im Zusammenhang damit überwiegt eine ideengeschichtliche Betrachtungsweise, die tendenziell eher verurteilt, statt zu erklären. Namentlich bei den Historikern, die nicht mehr der Flakhelfergeneration angehören, findet sich die Neigung, das Ausmaß der ideologischen und terroristischen Manipulation der deutschen Gesellschaft zu unterschätzen und geradenwegs von einer „Zustimmungsdiktatur“ zu sprechen, wobei der Grad von verhaltener passiver Opposition oder partieller Verweigerung unterschätzt wird. So zeigen genauere Feldstudien, dass spätestens seit dem Überfall auf die Sowjetunion die Zustimmung der Bevölkerung zum Regime, die nicht mit dem Führerkult gleichgesetzt werden darf, schrittweise zurückging. Andererseits sinkt die Bereitschaft, ehemalige Parteigänger des Regimes, sofern sie sich keine kriminellen Handlungen zu Schulden kommen ließen, zu tolerieren. Die Bundesrepublik befindet sich in dieser Beziehung gewissermaßen in einer neuen Phase der „Entnazifizierung“, die just zu einem Zeitpunkt einsetzt, in dem die ältere Generation abtritt, die während des NS-Regimes Verantwortung getragen hat. Es handelt sich - so bei der jüngsten Analyse der Rolle des „Auswärtigen Amtes“ - gleichsam um eine „nachgeholte Entnazifizierung“, die sich an den seinerzeitig maßgebenden Entscheidungsträgern festmacht. Das unerwartet starke Interesse der deutschen Öffentlichkeit an der Darstellung der Geschichte des „Auswärtigen

Amtes“, die von 1933 bis in die Ära Willy Brandt reicht, aber auch die propagandistische Ausschlachtung des 900 Seiten umfassendes Werks durch das Außenministerium gehen in diese Richtung. Die große öffentliche Aufmerksamkeit für dieses schwer lesbare und wissenschaftliche Ansprüche erhebende Buch steht in offenkundigen Gegensatz zu der gleichzeitig von der Fachwissenschaft vorgetragenen methodischen Kritik. Die vier Herausgeber erblicken ihr Hauptverdienst darin, endlich den Mythos vom „Auswärtigen Amt“ als Hort des Widerstandes gegen Hitler ausgeräumt zu haben. In dieser Form war er allenfalls auf die frühen Nachkriegsjahre beschränkt und wurde von der deutschen und internationalen Fachwissenschaft niemals vertreten. ... Den Anlass für die Beauftragung einer „unabhängigen Historikerkommission“ durch das Ministerium hatte das Aufbegehren einer Reihe von früheren Beamten des auswärtigen Diensts gegen die Entscheidung Joschka Fischer gebildet, nur denjenigen verstorbenen Mitgliedern des Amtes eine posthume Ehrung zukommen zu lassen, die über eine „weiße Weste“ verfügten. Daraus ging ein hastig abgefasstes historiographisches Vademecum hervor, das dem unausgesprochenen Bedürfnis der Nation oder derjenigen, die sie vertreten, entspricht, mit einer gegen „das Amt“ gerichteten Schuldig-Erklärung von der Verantwortung der Gesamtnation von der Duldung oder passiven Mitwirkung an der verbrecherischen Politik des NSRegimes abzulenken. Die moralisierende Einfärbung der Rolle des Auswärtigen Amtes schlägt sich auch darin nieder, dass für den Zeitraum von 1933 bis 1945 nicht etwa die Außenpolitik und die Einschaltung des Amtes in die Kriegführung, sondern ausschließlich die Beteiligung am „Holocaust“ in den Mittelpunkt der Untersuchung gerückt werden, was notwendig zu einem extrem einsseitigen Bild der Tätigkeit des Amtes im Dritten Reich führen muss. Zwar war es immer wieder an der Verschärfung und Implementierung der Judenverfolgung vor allem in Westeuropa beteiligt. Aber es stand nicht im Zentrum des Entscheidungshandelns.... Es ist mehr als zweifelhaft, dass derlei schematisch angesetzte Untersuchungen zu einem präzisieren Verständnis der Wirkungsweise des NS-Systems beitragen. Stattdessen wäre anzuraten, die Initiative dazu der freien Forschung zu überlassen.

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Bibliothek

Die Memel

Kulturgeschichte eines europäischen Stromes Man kennt sie aus der ersten Strophe des Deutschlandlieds oder als vergessenen Strom Ostpreußens. Die Memel ist den meisten Deutschen fremd, ein weit entfernter Erinnerungsort, eine verblichene Hinterlassenschaft der Geschichte. Doch es gibt auch eine andere Memel. Deutsche und Litauer, Polen und Weißrussen, Juden und Russen lebten über Jahrhunderte friedlich an ihren Ufern – eine Geschichte, an die heute in Weißrussland, Litauen und der russischen Exklave Kaliningrad wieder erinnert wird. Die Menschen an diesem 937 Kilometer langen Strom, der bei Minsk entspringt und ins Kurische Haff mündet, wissen, dass die Memel nur als europäischer Fluss eine Zukunft hat. Dazu gehört auch die kulturelle und wirtschaftliche Überwindung von Grenzen. Gleich zweimal verläuft an der Memel die Außengrenze der Europäischen Union. Uwe Rada folgt dem historisch-geographischen Lauf dieses magischen Flusses von Minsk bis ins Kurische Haff und lässt die Städte und Landschaften beiderseits des Flusses lebendig werden. Er begegnet Kaufleuten, Fischern und Flößern, berichtet von der Nationalisierung der Memel, von Flucht, Vertreibung und Neubeginn, und er zitiert Gedichte und Romane, die entlang der Memel spielen. Eine bildreiche Reise entlang dieses faszinierenden Stromes. Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. München, Siedler 2010.

Danzig

Wenig Idylle, viel Odyssee

Stolze Hansestadt, Zentrum des Ostseehandels, Freie Stadt in der Ordnung von Versailles, Ort des Kriegsausbruchs von 1939, Schauplatz eines beispiellosen Wiederaufbaus, Stadt der „Blechtrommel“ und der Solidarność: Danzigs Geschichte zwischen Deutschland und Polen ist spannend und faszinierend. Von den prähistorischen Bernsteinsammlern über den Missionsbischof Adalbert und die slawischen Herzöge von Danzig, über die folgenschwere Eroberung durch den Deutschen Orden und die Unterwerfung unter den polnischen König führte Danzigs Entwicklung zu einer bemerkenswerten Blüte. Um 1650 war zwischen Moskau und Amsterdam keine Stadt größer und reicher als die Hafenstadt an der Weichsel. Es folgte ein langer Niedergang. 1945 wurde das alte Danzig zerstört, die deutschen Einwohner vertrieben. Aber etwas Unerwartetes geschah: Die neue polnische Bevölkerung baute das historische Zentrum wieder auf und entdeckte nach vielen Jahrzehnten die vielschichtige Vergangenheit dieser Stadt. Gestützt auf neueste Erkenntnisse deutscher und polnischer Historiker, schildert Peter Oliver Loew das politische Geschehen um Danzig, aber auch dessen Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Alltag. Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. München, C. H. Beck, 2011.

Ein deutsches Schicksal wird hier geschildert; es steht stellvertretend für das Schicksal vieler Jugendlicher, die in der NS-Zeit im Schatten des Krieges heranwuchsen. Und doch ist etwas Besonderes daran: Im Winter 1945 beginnt eine abenteuerliche Flucht aus der Heimatstadt Breslau, der sich im Frühjahr darauf eine ebenso abenteuerliche Heimkehr ins inzwischen polnisch besetzte Schlesien anschließt. Im Frühjahr 1946 setzt die Vertreibung der verbliebenen Deutschen ein und ihre Verladung in Viehwaggons; der Entrechtung in der Heimat folgt die „Zwangsarbeit“ auf einem westfälischen Bauernhof. Erst langsam, sehr mühsam gelingt der Prozess der Befreiung. Johannes Sziborsky schildert in seinem Buch sehr persönlich sein eigenes Schicksal und liefert damit einen anschaulichen Beitrag zum Thema „Flucht, Vertreibung, Integration“.

Biographie einer Stadt

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Eine Jugend, die in Schlesien begann

Johannes Sziborsky: Wenig Idylle, viel Odyssee. Eine Jugend, die in Schlesien begann. Berlin, Westkreuz-Verl., 2010. Von Enten, Tigern und Bären Buchausstellung zu Janoschs 80. Geburtstag 17.10. – 24.11.2011

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Chronologie Mi jeweils 18.10 bis 20.30 Uhr Probe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft Ostpreußen-Westpreußen- Sudetenland Leitung: Radostina Hristova 01.07. | 19.15 Uhr Ausstellungseröffnung „In Böhmen und Mähren geboren – bei uns (un)bekannt?“ Konferenzraum (Siehe S. 10)

Wir wünschen alles Lesern des West-OstJournals und allen Freunden der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus einen erholsamen Sommerurlaub!

Di 05.07. | 19 Uhr „Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und Ribbentrop“ Buchvorstellung mit Dr. Antje Vollmer Eichendorff-Saal (Siehe S. 7) Mi 06.07., 07.09. | jeweils 15 Uhr Ostdeutsche Stickerei mit Helga Lehmann und Christel Knackstädt Raum 311 Mi 06.07. | 19.15 Uhr „Von der ‚Entstalinisierung’ zum Massenexodus: Die Geschichte der Deutschen in der Sowjetunion / in Russland seit 1956“ Vortrag von Dr. Alfred Eisfeld, Nord-OstInstitut an der Universität Hamburg Raum 412 (Siehe S. 3) Do 21.07., 01.09.| jeweils 19.30 Uhr Offenes Singen mit Barbara Schoch Raum 312

Zentrale Erinnerungsveranstaltung am

17. September 2011, 11 Uhr von Vira e. V., der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Landesgruppe NRW und dem Bund der Vertriebenen NRW e.V., im Gerhart-Hauptmann-Haus mit Frau Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren Einlaß nur mit Einladung und nach vorheriger Anmeldung!

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Sa 23.07. | 11 Uhr Wiedereröffnung des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold (Siehe S. 6) Sa 03.09. | 10 Uhr Heimatkreistreffen der Treuburger Rückschau auf die Jubiläumsfahrt Eichendorff-Saal, Konferenzraum Fr 09.09. | 15 Uhr „In Waldkraiburg und anderswo – Vertriebenensiedlungen in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Stück deutscher Zeitgeschichte“ in Waldkraiburg (Siehe S. 8) Fr 09.09. | 19.15 Uhr Ausstellungseröffnung Michael Disterheft und Alexander Stroh Ausstellungsraum (Siehe S. 11) Di 13.09. | 19.30 Uhr Literaturhandlung Müller & Böhm, Düsseldorf „Jan Karski – Mein Bericht an die Welt.“ Ein Buch und seine Geschichte (Siehe S. 9) Do 15.09. | 19.15 Uhr „Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Geschichtsbetrachtung – Das Collegium Bohemicum in Aussig / Ústí nad Labem“ Vortrag von Mgr. Blanka Mouralová und Mgr. Jan Sicha, Ústí nad Labem Konferenzraum (Siehe S. 5) Di 20.09. | 15 Uhr Kinemathek „Der Tunnel“ Deutschland 2000 / 2001 Raum 312 (Siehe S. 17)

Mi 21.09. | 19.15 Uhr Ausstellungseröffnung „In memoriam Alfred Kittner (1906 - 1991) Dokumentarausstellung und Vortrag zu Leben und Werk des Bukowiner Dichters“ Konferenzraum (Siehe S. 12) Fr 23.09. | 19 Uhr „Im blauen Mond September“ – Ein musikalisch-literarischer Abend Eichendorff-Saal (Siehe S. 19) Di 27.09 | 19.15 Uhr Kinemathek „Rote Handschuhe“ nach dem Roman von Eginald Schlattner Rumänien 2010 Raum 312 (Siehe S. 18)

Vortragsveranstaltung zum

Tag der Heimat beim BdV-Kreisverband Bonn 06. September 2011, 19 Uhr, Rathaus Bonn-Beuel. Vor 70 Jahren: Die Vertreibung der Deutschen in der Sowjetunion 1941 – Voraussetzungen und Folgen Es spricht: PD Dr. Winfrid Halder

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WOJ 16. Jg. - 3/2010

Juli/August/September 2010

ISSN 0947-5273

Sommer, Sonne, Sand, Meer und mehr ...

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Oktober/November/Dezember 2010

ISSN 0947-5273

Von Brandt zur europäischen Einigung Welche Wirkung hatte die Neue Ostpolitik?

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ie Betreiber und Leiter schlesischer Heimatsammlungen erhalten weitere Unterstützung: Im Rahmen des Projekts zur Beratung schlesischer Heimatsammlungen, angesiedelt am HAUS SCHLESIEN, Königswinter, und gefördert durch den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM), ist eine umfangreiche Broschüre erschienen. Sie enthält wichtige Informationen und Anregungen zu den Themen Inventarisierung und Dokumentation, Präsentation und Öffentlichkeitsarbeit und berichtet über aktuelle Maßnahmen zur Unterstützung der Heimatsammlungen in Deutschland. Ergänzt wird die Handreichung durch eine umfangreiche Liste mit Adressen relevanter Institutionen, Bibliotheken und Museen. Das Projekt wird am HAUS SCHLESIEN mit Unterstützung des BKM weitergeführt, so dass die Betreiber der Heimatsammlungen auch künftig das umfassende Informations- und Beratungsangebot in Anspruch nehmen können. Bei Interesse an der Handreichung oder Beratungswünschen wenden Sie sich bitte an HAUS SCHLESIEN, Frau Dorothee Herbert, Tel.: 02244/886-234 bzw. herbert@ hausschlesien.de.

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Datum und 28Unterschrift

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 begannen die NVA, 5000 Angehörige der Deutschen Grenzpolizei, 5000 Angehörige der Schutz- und Kasernierten Volkspolizei und 4500 Angehörige der Betriebskampfgruppen die Straßen und Gleiswege nach West-Berlin abzuriegeln. Wasserwerfer vor dem Brandenburger Tor während des Mauerbaus. Quelle: BArch (173-1282)/cc-by-sa

WOJ 3-2011


West-Ost-Journal 3-2011  

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