Wie in anderen Städten Deutschlands durchlebten und durchlitten die jüdischen Menschen in Magdeburg eine wechselvolle Geschichte. Erstmalig wurde die damals relativ große jüdische Gemeinde während des Ersten Kreuzzuges am Ende des 11. Jahrhunderts vernichtet. Dieser Kreuzzug wurde vom Papst mit den Satz „Gott will es so“ befeuert und erinnert damit sehr an das „Gott ist groß“ unserer Tage. Weitere Verwüstungen und Plünderungen folgten und führten vor allem im 13. Jahrhundert zur mehrfachen Zerstörung des „Judendorfes“, dass sich zu dieser Zeit im heutigen Stadtteil Sudenburg befand. Im Judendorf gab es auch eine Synagoge, und es ist eine Thora-Rolle der Magdeburger Juden aus dem 14.Jahrhundert erhalten, die sich heute in der Bibliothek in Wolfenbüttel befindet. Gegen Ende des 15.Jahrhunderts mussten die Juden fluchtartig die Stadt verlassen womit die große jüdische Gemeinde Magdeburgs für die nächsten Jahrhunderte erlosch. Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts bildete sich wieder eine Gemeinde, die zur Mitte des Jahrhunderts wieder ca. 800 Mitglieder zählte und die 1851 ihre Synagoge in der Alten Schulstraße (heute Julius-Bremer-Straße) einweihen konnte. Dies führte zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl von Mitgliedern der Gemeinde, der im Jahr 1925 mehr als 2300 Personen angehörten. Boykotte und Hetzkampagnen veranlassten in der Zeit des Nationalsozialismus viele Magdeburger Juden, ihre Heimatstadt zu verlassen. Wer nicht fliehen konnte, bezahlte dies meist mit seinem Leben – mehr als 1.500 Menschen wurden Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Obwohl sich unmittelbar nach Kriegsende erneut eine jüdische Gemeinde in Magdeburg gründete, konnte sich zu Zeiten der DDR kein wirkliches neues jüdisches Leben etablieren – Anfang der 1980er Jahre waren es nur noch etwa 20 Mitglieder. Erst in den 1990er Jahren wuchs die Gemeinde wieder an. Dieser kurze Blick in die wechselvolle über 1000 Jahre währende Geschichte des Zusammenlebens von Menschen jüdischen und christlichen Glaubens in Magdeburg zeigt in seinen auch positiven Ausprägungen – neben all den Schrecknissen der Zerstörung und Verfolgung - dass die Stadt „ihre“ Juden in verschiedenen Zeiten schätzte und dass auch jüdische Menschen immer wieder die Stadt als Heimat, in der sie sich angenommen und akzeptiert fühlen konnten, annahmen. Ohne relativierende oder gar verharmlosende Vergleiche ziehen zu wollen, sehe ich im Schicksal unserer Stadt, die sich mehrfach aus totaler Zerstörung herauskämpfen musste, einen Grund dafür, dass die heutigen Bürger Magdeburgs dem Staat Israel, der unter unvorstellbaren Opfern und mit großer Energie als Heimstatt für alle Juden geschaffen wurde, mit Interesse und Sympathie begegnen. Sichtbares Zeichen dafür, dass jüdisches Leben wieder in den Mauern der Stadt Einzug hält, könnte in einigen Jahren die neuerrichtete Synagoge in der Straße sein, in der das von den Nazis in der Pogromnacht 1938 zerstörte Gotteshaus stand. Die Verlegung der „Stolpersteine“, eines mahnenden Kunstprojektes zur Erinnerung an dieses Leben (an denen immer wieder auch israelische Staatsbürger teilnehmen, und die gerade heute wieder erfolgte) und die (seit Jahren stattfindenden und momentan noch andauernden) „Tage der jüdischen Kultur und Geschichte“ im Forum Gestaltung, die die Vielfalt jüdischer Musik, Literatur und Theatertradition feiern, verbinden die Stadt von heute mit diesem spezifischen Teil ihrer Vergangenheit und kulturellen Identität. Anzustreben wäre auch die Partnerschaft einer Stadt in Israel mit Magdeburg. Schließlich trägt auch die heutige Festveranstaltung zum 50. Jahrestag der Gründung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, zu deren Programm ja auch der Bericht über Studienreise junger Studierender aus Magdeburg nach Israel gehört, ihren Teil dazu bei, dass Magdeburger Bürgerinnen und Bürger – egal ob jüdischen, christlichen, muslimischen Glaubens oder konfessionslos – auch in Zukunft das Verbindende über das Trennende stellen und Magdeburg weiterhin zu einem kulturell aufgeschlossenen Ort machen. Lassen Sie mich noch hinzufügen, dass wir nicht nur Aufgeschlossenheit brauchen, gerade heute müssen wir wieder den Toleranzgedanken in die Mitte unseres Denkens und Fühlens stellen. Wenn es europäische Werte gibt, die wir ohne Kompromisse leben wollen, dann sind es die in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts geborenen Werte „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“.
10