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sensor 07-08/17
sensor 07-08/17
Stadtraum
Gelebte Utopie Der Kulturpark ist zu einem einzigartigen Treffpunkt herangewachsen. Nach einer Zeit des Stillstands geht es nun auch mit dem weiteren Ausbau voran. Mehr Platz für noch mehr Gestaltung und Entfaltung. Text: Tamara Winter Fotos: Samira Schulz
Auf einer temporären Bühne rockt die Grungerock-Band Skuff. „Eine Mischung aus Nirvana und Queens of the Stone Age“, meint einer im Publikum. Direkt hinter dem Schlagzeug spielt eine Gruppe unbeeindruckt von den harten Sounds Beachvolleyball. Geht der Blick nach rechts, lässt sich beobachten, wie sich Jungs und auch Mädels an den Stangen des neuen Calisthenics-Parks verausgaben. Im Rücken wird derweil das „Currywurst Bankett“ vorbereitet, bei dem der beliebte Snack in Kürze an einer Tafel mit weißen Tischdecken serviert werden wird. Das FKK-Gelände nutzt gerade niemand, dafür chillt eine Gruppe Geflüchteter neben den Containern, die auch ein Bienenhotel beherbergen. Immer mitten drin im Geschehen: „Hans“, gute Seele mit Legendenstatus, der Pfandflaschen sammelt und den besten Draht hat zu den vielen völlig unterschiedlichen Menschen, die hier zusammenkommen. Was erleben wir hier? Einen total typischen Abend im Kulturpark. Ein total entspanntes und gleichzeitig äußerst spannendes, Neben- und Miteinander, das einzigartig sein dürfte in Wiesbaden. Eine gelebte Utopie? Konzerte, DJs, Graffiti, Straßentheater, Sport … Das Angebot an Kultur- und Freizeitgestaltung auf dem Gelände an der Murnaustraße ist groß und lockt Menschen aller Generationen an. Für Kulturdezernent Axel Imholz ist es gar „als Gesamtensemble ein kultureller Ort, der deutschlandweit seinesgleichen sucht.“ Es wird im Kern von fünf Akteursgruppen auf dem großflächigen Grundstück im Salzbachtal gestaltet. Neben dem Schlachthof, der 2015 gemeinsam mit dem angeschlossenem Lokal 60/40 den restaurierten Wasserturm bezogen hat, beteiligen sich auch die Kreativfabrik und das Murnau Filmtheater an der eindrucksvollen Nutzungsvielfalt des Parks. Zusammen mit den Betreibern des beim städtischen Amt für soziale Arbeit angesiedelten
((( An alles gedacht. Auch für Abkühlung ist im Kulturpark gesorgt. )))
Drängendes Problem. Auch die Toilettenfrage soll nun endlich gelöst werden.
Erlaubt ist, was gefällt. Wer in den Kulturpark geht, kann dort sehr aktiv werden. Oder auch einfach nur abhängen.
Projekts Kultur im Park (KiP) werden die Aktivitäten koordiniert und abgestimmt. Die Besonderheit liegt in der möglichst freien Nutzung des Parks, an der sich jeder beteiligen kann. Aber nicht muss: Man kann hier auch einfach jenseits der Angebote tun, wonach einem ist. Oder auch einfach gar nichts tun. KiP regt vieles an – und lässt alles zu Das Projekt KiP wurde im April 2012 ins Leben gerufen. Koordiniert wird es unter der Leitung von Dietmar Krah vom Amt für Soziale Arbeit. Neben ihm besteht das Projekt aus zwei weiteren festen Mitarbeitern, Peter Beck und Bartholomäus Wischnewski. Gemeinsam kümmern sie sich um alles Organisatorische und sind von April bis Oktober fast täglich vor Ort – zu erkennen an der bei ihrer Anwesenheit gehissten Flagge. Ihre Aufgabe ist es, die vielfältige und friedliche Nutzung des Kulturparks zu fördern. Zu diesem Zweck initiieren sie verschiedenste Veranstaltungen, Aktionen, Workshops und Musikevents. Immer freitags gibt es ab 18 Uhr ein Theater- oder Konzertevent, und jeden Samstag legen wechselnde DJs im Park auf. Selbstverständlich ohne Eintrittspreise oder Absperrungen des Geländes. Die Musikveranstaltungen werden technisch von der Kreativfabrik unterstützt. Außerdem regen Krah und sein Team zur Selbstorganisation der Nutzerinnen und Nutzer an. So können auch Einzelpersonen und Gruppen das kulturelle Potenzial des Parks voll auszuschöpfen. Gruppierungen wie der Wiesbadener Jongliertreff haben hier einen geeigneten Ort für ihre wöchentlichen Treffen gefunden. Fast jeden Montag in den sommerlichen Abendstunden wird Diabolo gespielt oder Partnerakrobatik betrieben. Eine derartige Nutzung ist unkompliziert, bedarf keinerlei Absprache mit den Anliegern. Bartholomäus Wischnewski beschreibt, was sein Team mo-
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