DAV Panorama 2/2015

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Udo Neumann

Trainiere lieber ungewöhnlich Mit Büchern wie „Lizenz zum Klettern“ und Youtube-Videos von ungewöhnlichen TrainingsSessions oder Weltcup-Finales ist Udo Neumann zur Kultfigur der Kletterszene avanciert. Ein Porträt von Eva Hammächer.

Wilde Locken umrahmen den Kopf, der randvoll

Angefangen hat alles 2009: Da fuhr der Kölner

Collagen aus Fotos, Skizzen, Mindmaps, Anek-

ist mit verrückten Ideen. Den scharfen Augen

zunächst als Stützpunkttrainer von Juliane Wurm

doten und Trainingstipps als herkömmliche

hinter der Hornbrille entgeht nicht die kleinste

und Jonas Baumann nach Wuppertal – „mit dem

Lehrbücher. Ähnlich unkonventionell sind auch

Bewegung. Sein Elefantengedächtnis umfasst

Kopf voller Flausen und dem Selbstbewusstsein,

Neumanns Trainingsmethoden, die stark von

über 30 Jahre Klettergeschichte. Udo Neumann,

völlig neue Sachen auszuprobieren“. Seine Ideen

anderen Sportarten inspiriert werden: Parkour,

seit 2009 Nationaltrainer des deutschen Boul-

fielen auf fruchtbaren Boden: „Es war nichts ver-

Crossfit, Calisthenics. In seiner neuen Boulder-

Fotos: Vertical-Axis

halle, dem Kölner Stuntwerk, gibt es das „Boulderlab“: Da wird an mobilen Elementen gehangelt, auf Volumen gesprungen oder einfach die senkrechte Wand hochgelaufen. „Ständig neue Bewegungsmuster sind der Schlüssel zu neuen Schwierigkeitsgraden; wir werden in den Boulderhallen viel mehr Bewegungskopplungen in größerer Schnelligkeit sehen.“

Handstand macht Weltmeister Nach anfänglichem Augenrollen akzeptieren seine Kaderathleten die Methoden. In der Breite Für „climbers against cancer“ gab Udo den Wilden; beim Training ist er kreativer Schrägdenker.

sind Aspekte wie Beweglichkeit oder Körperkontrolle aber noch nicht wirklich angekommen: „Vom Training her ist das Klettern noch in der Steinzeit. Die Leute arbeiten lieber an einer

derkaders, ist Sportwissenschaftler, Buchautor,

rückt genug, als dass es von den beiden und der

prestigeträchtigen 8a als an einer einbeinigen

Visionär und inoffizieller Youtube-Chefdoku-

ganzen Trainingsgruppe nicht aufgegriffen wor-

Kniebeuge.“ Die Arbeit an den Grundlagen sei je-

mentator der Boulderweltcups. Wohl kaum je-

den wäre. Das wäre zu dem Zeitpunkt an keinem

doch unverzichtbar: „Wenn du Schwierigkeiten

mand hat das Klettertraining so durchdrungen

anderen Ort in Deutschland möglich gewesen“,

hast, dir einen Handstand anzueignen, wirst du

und dabei so ungewöhnliche – und nicht immer

resümiert Neumann. Kurz darauf machte ihn der

nicht Boulder-Weltmeister.“ Neumann hofft auf

ganz unumstrittene Wege – beschritten.

DAV zum Boulder-Nationaltrainer. Als ehemali-

Events wie die HardMoves oder offene Camps

ger Leistungssportler (zweimal Deutscher Junio-

in kommerziellen Hallen, um mehr gute, junge

renmeister Wildwasserabfahrt) arbeitete Neu-

Leute kennenzulernen. Verbesserungsbedarf

Klettertraining ist immer und überall möglich.

mann am Thema mentale Stärke im Wettkampf:

sieht er noch für politische Vernetzung und Mit-

Den Beweis liefern die Trainingsvideos von Udo

„Die Verbesserungen der letzten Jahre waren vor

spracherechte des DAV im internationalen Ver-

Neumann: Darin sieht man seine Kaderathle­ten

allem psychischer Natur – ein Wettkampf ent-

band. „Um Dinge zu verändern, braucht es

bei Hangelübungen auf Spielplätzen, bei Trep-

scheidet sich immer im Kopf. Nur ein Moment

manchmal Flausen im Kopf und das Selbstbe-

pen­sprints in asiatischen Großstädten oder beim

des Zögerns entscheidet, ob ich eine Bewegung

wusstsein, neue Wege zu beschreiten. Das gilt

Yoga auf der Hotelterrasse. Kreativität und spie-

mache oder nicht.“

auch für die Wettkampforganisatoren, nicht nur

lerisches Lernen sind für den Nationaltrainer der

Als Fotograf und Multimedia-Freak arbeitet

für Trainer und Athleten.“

Schlüssel zum Erfolg beim Bouldern. „Wir müs-

Neumann viel mit Video-Analysen; seine Trai-

sen entspannt sein, um kreativ zu sein“, so Neu-

ningsfilme und Weltcup-Dokumentationen ver-

mann. Über die Jahre hat sein unorthodoxer Weg

zeichnen sechsstellige Zugriffszahlen. Seine

Früchte getragen. 2014 wurde er gekrönt von

Buchklassiker wie „Der XI. Grad“, „Lizenz zum

den großartigen Erfolgen von Juliane Wurm und

Klettern“ oder das jüngst erschienene E-Book

Jan Hojer.

„The Art of Bouldering“ sind eher aufwendige

Entspanntheit bringt Kreativität

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Eva Hammächer bouldert und klettert selbst und schreibt als freie Texterin am liebsten über Bergsportthemen. An der einbeinigen Kniebeuge arbeitet sie noch.


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