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Magazin zum Richard Strauss Schwerpunkt 2013/14

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23 Ballett ist, so sei behauptet, nicht das Genre, an das man bei Richard Strauss zu allererst denken mag. »Unser« Hausgott, der Dresden neun bedeutende Uraufführungen von Bühnenwerken, darunter »Salome«, »Elektra« und »Der Rosenkavalier«, schenkte, sitzt unverrückbar auf dem Opernthron. Innerhalb seines umfangreichen und vielschichtigen Œuvres nehmen zudem sicherlich die Tondichtungen, Lieder, vielleicht sogar die Chöre einen bedeutenden Platz ein – aber Ballett? Der Zahl nach nimmt sich Strauss’ Schaffen für diese Gattung gering aus: Nur »Josephs Legende«, »Schlagobers« und »Verklungene Feste« lassen sich als genuine Ballette seiner Feder bezeichnen – obwohl das letztgenannte die Bearbeitung einzelner Werke von François Couperin, also einen Rückgriff auf Vorhandenes darstellt, ist die Musik doch eigenständig und geht weit über eine Bearbeitung hinaus. »Nur« drei Ballette, und doch ist festzustellen, dass sich Richard Strauss über Jahrzehnte mit dieser Gattung beschäftigte. Bereits ab den 1890er Jahren arbeitete er an ersten Projekten, wenngleich er sie nicht beendete. Über den Rahmen des in sich geschlossenen Balletts hinausblickend, ist es umso bezeichnender, dass Strauss offenbar grundsätzlich eine Affinität zum Tanz hegte. Hingewiesen sei auf die Tanzeinlage in »Capriccio«, bedeutungsschwerer der Tanz der sieben Schleier in »Salome« oder die Schlussszene der »Elektra«, die in einem mänadischen Tanz der Protagonistin gipfelt. Die inhaltliche wie musikalische Zentralität dieser Szenen offenbart den hohen Stellenwert, den Strauss dem Tanz innerhalb der Oper als Darstellungsform einräumte – ein vertrauensvoller Schritt auf dem Weg zu eigenen Balletten.

Aller Anfang … Frank Wedekind schlug Richard Strauss das Ballett »Die Flöhe oder Der Schmerzenstanz« vor, ein Projekt, welches er 1896 anging; Richard Dehmel wollte mit dem Komponisten das Ballett »Lucifer« kreieren – Skizzen zwischen 1900 und 1901 sind erhalten; mit Paul Scheerbart versuchte sich Strauss im Jahre 1900 an »Kometentanz«, an dem sogar Gustav Mahler Interesse für die Uraufführung in der Wiener Hofoper zeigte. Etwa in die gleiche Zeit fiel die Idee, mit Hugo von Hofmannsthal »Der Triumph der Zeit« zu schaffen – doch dieses, wie auch alle vorangegangenen Tanz-Projekte, blieb in den Anfängen stecken. Dann, auf einer Reise im Jahre 1900 nach Paris, wo Strauss eigene Konzerte dirigierte, führte ihn sein Weg in den Louvre. Dort wurde er inspiriert von den Malern des französischen Rokoko, ins­besondere von Jean-Antoine Watteau, dessen Bild »Einschiffung nach Kythera« von 1717 zur Initialzündung für sein eigenes Ballett wurde: Strauss schrieb das dreiaktiges Libretto »Die Insel Kythera«, eine Mischung aus ländlichem Reigen, Theaterwelt der commedia dell’arte und mythologischen Szenen. Sein Skizzenbuch enthält zahlreiche Tänze wie Gavotte, Menuett, auch den Rundtanz »Das Melken der Kühe«, doch auch diese Komposition sollte nicht vollendet werden. Befragt nach dem Grund, äußert Strauss 1939 rückblickend: »Kythere ist viel zu umfangreich. Füllt drei Szenenbild aus dem Ballett Ballettabende.« Strauss schien offenbar den Teilen dieser bereits »Josephs Legende«, u.a. komponierten Musik zu vertrauen, denn erstaunlich viel fand mit Iril Gadesco als Joseph und Ellen Petz als Potiphars daraus Einzug in spätere Kompositionen wie »Feuersnot«, Weib, 1924 »Rosenkavalier« und »Ariadne auf Naxos«. Auch profitierte ein Strauss


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