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Schnüss 2017/06

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23.05.2017

10:53 Uhr

jazzlegende

Born to be Blue Man nannte ihn den »James Dean des Jazz«. Der begnadete Trompeter Chet Baker verband, genau wie sein Schauspielerkollege, gutes Aussehen, künstlerisches Genie und eine entschieden melancholische Aura miteinander. Seine Fragilität war mehr als ein Markenzeichen. Sie gehörte zur Persönlichkeit des Musikers, der bis zu seinem Tod 1988 vom Heroin nicht weggekommen ist. Aus Bakers Leben hätte man ein klassisches Biopic drehen können über ein Genie, dem die Drogensucht zum Verhängnis wurde. Aber Robert Budreaus Born to be Blue pickt sich nur einen kleinen Ausschnitt aus Bakers Leben heraus, um mit dem Material frei zu improvisieren. Nicht mit dem Aufstieg, sondern mit dem tiefen Fall beginnt die Erzählung. Ein paar Dealer schlagen Chet alle Vorderzähne aus und die Ärzte sind sich sicher, dass er nie wieder Trom-

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pete spielen kann. Zudem macht ihm der Bewährungshelfer unmissverständlich klar, dass er wieder im Knast landen wird, sollte er nicht endlich clean werden. Es ist die Zeit des erzwungenen Ausstiegs, aus der heraus Born to be Blue von der Jazz-Legende erzählt. Das gibt dem Film nach einem dramatischen Anfang Raum für einen freieren Umgang mit der Künstlerpersönlichkeit. Dazu gehört vor allem Jane (Carmen Ejogo) – eine fiktive Frauenfigur, die Baker zur Seite gestellt wird. Die beiden rutschen in eine Beziehung, die wenig Zukunft zu haben scheint, während Chet mit einem künstlichen Gebiss das Trompetenspiel von Grund auf neu erlernen muss. Ethan Hawke verbindet die Zerbrechlichkeit und Selbstbezogenheit der Figur mit einer unbeschwerten Sexyness und lässt Bakers fragile Persönlichkeit mit dessen zarten Jazz-Improvisationen verschmelzen. Vollkommen organisch fügt sich hier auch die Liebesbeziehung zu Jane ein, die dem kriselnden Musikgenie auf Augenhöhe begegnet. Carmen Ejego (Selma) verleiht der Figur Wärme und emotionale Klarheit fernab aller Musenklischees, bis hin zu einer herzzereißenden Schluss-Sequenz, die wohl zu den schönsten Unhappy-Endings der Filmgeschichte gehört. [ M A RT I N S C H W I C K E RT ] Kanada/GB 2016; Regie: Robert Budreau; mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo; 97 min (ab 8.6. Filmbühne, Rex)

geordnet

Der wunderbare Garten der Bella Brown Eine Eigenbrötlerin war Bella Brown (Jessica Brown Findlay) eigentlich schon als kleines Mädchen. Das Wichtigste: Alles muss seine Ordnung haben, entsprechend akkurat ist Bellas Wohnung eingerichtet. Mit allem, was lebt, kann sie allerdings nicht so gut umgehen, das trifft auf Menschen ebenso zu wie auf Pflanzen. Kein Wunder also, dass ihr typisch englischer Hinterhof-Garten völlig verwildert ist – zum Unmut ihres Nachbarn Alfie Stephenson (Tom Wilkinson), eines alten Misanthropen und Witwers, der seinem Koch Vernon (Andrew Scott) das Leben

zur Hölle macht und auch sonst jeden mit seinen zynischen Bemerkungen zur Weißglut bringt. Vernon nutzt die erste Möglichkeit, Alfie zu entfliehen und stattdessen Bella zu unterstützen. Doch ohne seinen Koch ist der alte Mann hilflos, also lässt er sich widerwillig auf einen Deal ein: Er wird Bella helfen, ihren Garten auf Vordermann zu bringen, wenn Vernon weiterhin für ihn kocht. Und dann ist da ja noch diese verpeilte Type namens Billy (Jeremy Irvine), ein Dauergast in der Bibliothek, in der Bella arbeitet. Kann er Bellas Unsicherheit durchbrechen? Zuallererst erzählt Autor und Regisseur Simon Aboud eine schöne, mit einem leisen Humor durchsetzte Geschichte über einige Außenseiter, die über diverse Schatten springen müssen, um einander näherzukommen. Doch was die Komödie wirklich sehenswert macht: Hier wird der typische Lebensstil der Briten gekonnt vorgeführt – die Figuren mit all den Spleens, dem staubtrockenen Humor und der gedrechselten Sprache lassen einen den Brexit wirklich mal bedauern. Es wäre schon schade, wenn dieses merkwürdige Volk Europa den Rücken kehren würde. [ M A RT I N S C H WA R Z ] GB 2017; Regie: Simon Aboud; mit Jessica Brown Findlay, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jeremy Irvine; 92 min (ab 15.6. Filmbühne, Rex, Sternlichtspiele)

2017 | 06 · SCHNÜSS

behutsam

Loving »Ich bin schwanger«, sagt Mildred zu Richard eines Abends auf der Veranda – und sucht in seinem Gesicht nach Anzeichen der Zurückweisung. Sie ist schwarz. Er ist weiß. Man schreibt das Jahr 1958, und im US-Bundesstaat Virginia ist eine Eheschließung über die Rassenschranken hinweg gesetzlich verboten. Es gäbe eine Menge zu besprechen, aber nach wenigen gedankenverlorenen Sekunden lächelt Richard sie an und murmelt nur: »Gut«. Mehr gibt es nicht zu sagen, und mit dieser leisen Einverständniserklärung ist nicht nur das Fundament einer Liebesbeziehung gesetzt, sondern auch der Ton, in dem Jeff Nichols in Loving von einem der wichtigsten Präzedenzfälle der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erzählt. Neun Jahre haben Mildred und Richard Loving für die rechtmäßige Anerkennung ihrer Ehe gekämpft. Der Fall ging bis zum US-Supreme Court, der 1967 in einer Grundsatzentscheidung alle Beschränkungen aufgrund der Hautfarbe bei Eheschließungen für verfassungswidrig erklärte. Man kann sich vorstellen, wie Hollywood so etwas in Szene setzt: große Gefühle, kämpferisches Pathos, flammende Plädoyers, triumphale Verkündung des Urteils, grandioses Happy End. Nichts davon tut dieser Film, dem es nicht um historische Meilensteine geht, sondern um zwei Menschen, die sich lieben und in Ruhe gelassen werden wollen. Mildred (Ruth Negga) und Richard (Joel Edgerton) kommen aus einfachen, ländlichen Verhältnissen. Im Film geht es nicht um das Erwachen politischen Bewusstseins, es geht vielmehr um die Würde einer Liebesbeziehung – und eine gewisse Sturheit, sich für das Selbstverständliche einzusetzen. Die Art, wie sich Nichols auf das einfache Gemüt und die Wortkargheit seiner Figuren einlässt, ist zunächst gewöhnungsbedürftig, aber auf eine vollkommen unaufdringliche Art sehr berührend. Loving ist cineastisches Slow-Food im besten Sinne. Behutsam und ohne ›Geschmacksverstärker‹ entfaltet der Film langsam sein Aroma, das noch lange nachwirkt. [ M A RT I N S C H W I C K E RT ] USA 2016; Regie: Jeff Nichols; mit Joel Edgerton, Ruth Negga; 124 min (ab 15.6. Filmbühne, Rex, Stern)

Hinweis: Der Erscheinungstermin des hier bereits einmal besprochenen Films wurde in den Juni verschoben!

KINO

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