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Schnüss 2017/06

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23.05.2017

12:33 Uhr

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Gerade jetzt kommt es darauf an, der Gesinnungskontrolle subtil die Stirn zu bieten – das Publikum, das so zahlreich in die Off-Theater strömt wie nie, weiß es zu schätzen.

schlag (im Juni 2016) in unmittelbarer Nähe der Galata-Unterkunft, »quasi vor der Haustür« geschah – ein Schock, der Heuel selbstverständlich in die Knochen gefahren ist. Die Nähe zum Taksim-Platz, Ort der Proteste und Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden, ihren Gegnern und Polizeikräften, bedeutet nicht nur, mittenmang zu sein, sie ist auch nicht ungefährlich. Gleichwohl berichtet Heuel, der seit vielen Jahren rege Kontakte in die europäische Theaterszene unterhält, von den Umständen vor Ort (»fast bin ich während einer Polizeikontrolle einmal verhaftet worden«) mit einer gewissen couragierten Unaufgeregtheit – ihm ist klar, worauf er sich einlässt, »mein persönliches Risiko«, sagt er und zuckt die Achseln. Eine App des Auswärtigen Amtes, die ihn beispielsweise darüber unterrichtet, welchen Gastspielort zu wählen gerade nicht ratsam ist, hat er, und ›im Falle eines Falles‹ wird ja wohl auf die Unterstützung durch deutsche Institutionen Verlass sein. Im Großen und Ganzen hat er unbehelligt arbeiten können, wie seine türkischen Künstlerkollegen legt auch er es im Übrigen nicht auf unklug überzogene Provokation an: Was und wem nützt schließlich ein Stück, das verboten, eine Bühne, die allzu offensiver Aufmüpfigkeit wegen geschlossen wird? Gerade jetzt kommt es vielmehr darauf an, der Gesinnungskontrolle subtil die Stirn zu bieten – das Publikum, das so zahlreich in die Off-Theater strömt wie nie, weiß es zu schätzen. Es sind vor allem Intellektuelle und jüngere Leute, die die Vorstellungen besuchen, auch unter den Künstlern selbst ist der Anteil Jüngerer hoch. Die Solidarität unter ihnen ist ebenfalls groß – wobei es manche/n irritiert, dass ein international renommierter und immerhin mit dem Literaturnobelpreis geehrter Autor wie Orhan Pamuk sich dieser Tage praktisch gar nicht zu den Entwick-

2017 | 06 · SCHNÜSS

lungen äußert, die das Land, das er so wortgewaltig beschrieben hat, gespalten haben. Das Gefälle zwischen Intellektualität und Aufgeschlossenheit einerseits und Erdogan-/AKPAnhängerschaft andererseits ist in der internationalen, multikulturellen, europäisch-asiatischen Millionenstadt Istanbul, auch in Zentren wie Izmir und Ankara präsent – auf dem Land aber noch ungleich stärker; das Klischee vom der Aufklärung so fernen anatolischen Hinterland hat einen realen Ursprung. Der Putschversuch, wie immer man seine Hintergründe bewerten und was immer man darüber spekulieren mag, hat dem Regime Erdogan auf jeden Fall gerade dort in die Hände gespielt, wo man sich ›dem Westen‹ nicht nur wenig verbunden, sondern sich von ihm auch seit Jahren schnöde abgewiesen fühlt, ein Desaster, an dem europäische Politik einen nicht geringen Anteil hat. Umso wichtiger ist nun die Kontinuität der Kontakte auf anderer als auf der direkten politischen Ebene, sind Begegnungen und Kooperationen, wie Frank Heuel und seine türkischen/kurdischen Theaterkollegen sie wider alle ›ungünstigen Umstände‹ pflegen. Wodurch, welch ironische Dialektik, das Theater zugleich doch wieder zum politischen Ort wird. Ausgerechnet da, wo sich diktatorische Allmacht beweisen will, trifft sie auf Strategien, die ›schwejks genug‹ sind, ihr Schnippchen zu schlagen – noch. Einige von den an den Produktionen beteiligten türkischen/kurdischen Künstlern werden, wenn ›die Umstände‹ nicht zu widrig sind, im Herbst qua Gegeneinladung im Rahmen des Programms der Kunststiftung NRW hier ins Rheinland kommen, dann sind u.a. in Bonn und Köln Aufführungen aller Produktionen geplant. Frank Heuel plant eine Fortsetzung seiner Theaterarbeit in Istanbul. Good luck dafür. [ G I T TA L I S T ]

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