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Ein Projekt von RUSSIA BEYOND THE HEADLINES

Saddam und sie.

Er und TUI.

Ein Sängerpaar aus Russland am Rhein

Die Amerikaner haben im Irak ihre Ziele verfehlt, aber die UN zurück ins Spiel gebracht, meint Fjodor Lukjanow.

Stahlmagnat Mordaschow sucht kein schnelles Geld.

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ITAR-TASS

Er und sie.

Russland HEUTE erscheint exklusiv als Beilage in: Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Russia Beyond the Headlines, Moskau, verantwortlich.

Mittwoch, 3. April 2013

Beresowskij – Ende einer Ära

Harter Brocken Zypern

Am 23. März verstarb im britischen Exil mit 67 Jahren der ehemalige Oligarch Boris Beresowskij. In den 1990ern war er der erfolgreichste Strippenzieher zwischen Politik und Wirtschaft und galt als Prototyp des machthungrigen Oligarchen. Beresowskij gehörte zu denjenigen, die Wladimir Putin in den Präsidentensessel hievten. Dieser trieb ihn später ins britische Exil. Seine letzte Niederlage erlitt er 2012 vor Gericht gegen seinen ehemaligen Partner Roman Abramowitsch. SEITE 8

Dunkle Materie in Sicht

kau kam der zypriotische Finanzminister Michalis Sarris (auf dem Foto) mit leeren Händen zurück. Warum Russland der Tat zunächst einen Dialog vorgezogen hätte.

AFP/EASTNEWS

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THEMA DES MONATS

INTERNETPORTAL RUSSLAND-HEUTE.DE

Forscher im ewigen Eis Was machen sieben russische Forscher von der Universität Jakutsk und sechs deutsche Geologen vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung bei – 30 Grad im äußersten Südosten der russischen Provinz Jakutien? Sie entnehmen dem tiefsten See

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der Region Bohrkerne, um aus seinen Bestandteilen Rückschlüsse über den Klimawandel zu ziehen. Wie genau das geht, erklärt Klimaforscher Bernhard Diekmann in seinem Gastbeitrag. SEITE 5

KOMMERSANT

Rettet die EU in Zypern mit Steuergeldern russische Oligarchen? Die Frage geistert durch die westlichen Medien, und die Schätzungen der auf der Geldinsel angeblich „gebunkerten“ Milliarden kennen keine Obergrenze. Aus Mos-

Derzeit wird in Russland und Deutschland emsig an zwei Teleskopen gearbeitet. Sie gehören zum Observatorium „Spektr-RG“, das 2014 in Betrieb gehen soll. Allein sein Flug zum LagrangePunkt L2 wird drei Monate in Anspruch nehmen. Die Teleskope erforschen Galaxien, in deren Zentren schwarze Löcher liegen.

Putinsatire für das Wohnzimmer

Die Russen beißen an – auf den Bioköder. In Moskau entstehen erste Bioläden, deren Regale aber mit überteuerten Importprodukten gefüllt sind. Denn es mangelt an lizenzierten Produzenten. Bio ist deshalb Luxus. Und was macht der Normalo? Der kauft lieber auf den Märkten ein. SEITEN 6 UND 7

Unterm roten Stern PRESSEBILD

ÖKOPRODUKTE BIOQUALITÄT NUR FÜR DIE OBEREN ZEHNTAUSEND?

Einsam und vergessen starb Heinrich Vogeler vor 71 Jahren in der kasachischen Steppe. In die Sowjetunion war der in Bremen aufgewachsene Künstler auf der Flucht vor den Nazis und auf der Suche nach einer besseren Welt

RUSSLAND-HEUTE.DE/22569

gekommen. Rainer Maria Rilke hatte ihm 1900 die Augen für Russland geöffnet. Und Vogeler glaubte fest an das kommunistische Experiment.

Neuer Trend – Skifahren in Tschetschenien

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Politik

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INTERVIEW IGOR IWANOW

„Vor zehn Jahren herrschte noch Enthusiasmus“

AP

März 2013: José Manuel Barroso und Dmitri Medwedew hatten sich in Moskau nur wenig zu sagen.

Zypern Das Vorgehen der EU löst Debatten in Russland aus

Die Zypernkrise zieht weitere Kreise Am 24. März einigte sich die zyprische Regierung mit der Eurogruppe auf einen Fahrplan zur Bankenrettung. Erstmals sollen deren Gläubiger an ihrer Rettung beteiligt werden. ALEXANDER SOTIN, NADESCHDA PETROWA, MAXIM KWASCHA KOMMERSANT DENGI

Präsident Wladimir Putin nannte diese Lösung ungerecht, unprofessionell und gefährlich, Premierminister Dmitri Medwedew erklärte, die Pläne der Zyprioten schienen auf eine „Beschlagnahmung fremden Vermögens“ hinauszulaufen. Die Ursache darf darin vermutet werden, dass auf Zypern eine große Menge „russischen“ Geldes angelegt ist. Und ein sowohl in Russland als auch in ausländischen Medien fest verankertes Gerücht besagt: Vor ihrem Volk verstecken nicht nur Tausende korrupte Beamte ihre Millionen, sondern vor Letzteren auch nicht sonderlich gesetzestreue Unternehmer.

Dollars aus Russland Nach Schätzung der Agentur Moody’s haben russische Banken auf Zypern zwölf Milliarden USDollar angelegt, die Einlagen russischer Unternehmen bei zyprischen Banken betragen 19 Milliarden Dollar. Genannt wurden auch bedeutend höhere Beträge, die sich auf bis zu 40 Milliarden Euro belaufen, diese Schätzungen können jedoch kaum der Realität entsprechen. Schließlich leben und agieren auf Zypern nicht nur russische Staatsbürger und Unternehmen. Der Chef von Zyperns Zentralbank Panikos Demetriades nannte in einem Interview mit der Zeitung Wedemosti eine wesentlich kleinere Größenordnung von fünf bis 10 Milliarden Euro. Premier Medwedew erklärte, warum Russland so indigniert reagiert: „Eine große Zahl unserer öffentlichen Strukturen funktioniert über Zypern, ihre Gelder

sind derzeit aus unerfi ndlichen Gründen eingefroren.“ Auch viele große russische Unternehmen wie Rosneft oder Nornikel wickeln ihre Geschäfte mit ihren Bankkunden und Partnern über das zyprische Finanzwesen ab. Wozu hat die EU-Troika eine Bankenkrise auf Zypern und möglicherweise mittelfristig in ganz Südeuropa provoziert? Denn selbst im Falle eines Inkrafttretens des ersten Rettungspakets musste mit einem Bank-Run gerechnet werden. Jetzt ist er unvermeidlich. Wozu riskiert man vernichtende öffentliche Kritik und lässt sich von Kommentatoren „Borniertheit“ und „Dummheit“ vorwerfen?

ZAHLEN

5 bis 10 Milliarden US-Dollar betragen die Einlagen russischer Banken und Unternehmen auf Zypern, schätzt der zyprische Zentralbankchef Demetriades.

10 Milliarden Euro wird das EU-Hilfspaket für Zypern beinhalten. Für die Bankenrettung sollen die Spareinlagen der Bürger angetastet werden.

Zypern als ideales Opfer Es gibt mehrere Antworten: Erstens liegt der Eurozone und insbesondere Deutschland viel daran, der Welt zu demonstrieren, was einem Land geschieht, das über seine Verhältnisse lebt und dabei auf die Hilfe der Starken setzt. Zypern ist das ideale Opfer: ein kleines und nicht systemrelevantes Land, dessen Kollaps die deutsche Wirtschaft kaum ernsthaft erschüttern dürfte. Wie die Verwerfungen des Finanzsystems sich auf den Lebensstandard der Zyprioten auswirken, interessiert die Deutschen nicht. Aber Zypern eignet sich besonders dafür, die Lektion für Griechenland, Portugal, Spanien und Italien zu veranschaulichen. Setzt Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen durch und folgt den Anweisungen aus Berlin! Zweitens wählen die Deutschen im September. Angela Merkel muss der Bevölkerung Härte und Konsequenz demonstrieren. Sie hat den schlechten Ruf, Steuergelder für die Rettung schwacher und peripherer Länder zu verschleudern, die nicht gewillt sind, ihren hohen Lebensstandard zu drosseln und ihre Schulden zu zahlen. Mögliche Verluste russischen Vermögens spielen für Merkel keine Rolle. Sollen für die

Bewältigung der Zypernkrise zypriotische Faulpelze, mafiose Russen oder sonst wer zur Ader gelassen werden, aber bitte keine rechtschaffenen deutschen Bürger. Zum Dritten ist ein Schlag gegen Zypern ein wirtschaftliches Experiment. Was passiert, wenn Steueroasen zerstört werden? In Zeiten, in denen Haushalte aus den Fugen geraten und jeder Cent dreimal umgedreht wird, bekommen Offshore-Geschäfte als zusätzliche Einnahmequelle für Politiker ein immer größeres Gewicht. Der Krieg gegen OffshoreFinanzplätze eröffnet den Staatskassen neue Einnahmequellen. Man schreckt jedoch davor zurück, „Vorzeigeländern“ wie Irland oder Luxemburg an den Kragen zu gehen. Das wäre schwer zu legitimieren. Eine überschaubare Offshore-Zone wie Zypern, die noch dazu de facto bankrott ist und „Vermögen der russischen Mafia und Gelder aus korrupten Geschäften“ beherbergt, wie es unlängst in einem Bericht des BND hieß, ist dagegen die ideale Zielscheibe eines Angriffs. Dieser Text erschien im Magazin Kommersant Dengi

Zuweilen fühlen sich die Beziehungen zwischen Russland und der EU an wie im Kalten Krieg. Täuscht der Eindruck? Ich erinnere mich sehr gut, dass vor zehn Jahren beim ersten Gipfeltreffen der EU mit Russland kolossaler Enthusiasmus herrschte. Viele gewannen den Eindruck, wir hätten den Kalten Krieg wirklich hinter uns gelassen. Damals erfolgte die Festlegung, dass Russland nicht EU-Mitglied sein kann. Deshalb wurde ein ausgesprochen rationaler Weg gewählt: die Schaffung gemeinsamer Räume. Ein gemeinsamer Raum bedeutet in erster Linie gemeinsame Gesetze, Rechtsnormen, gemeinsame Regeln des Geschäftsverkehrs und für Kapitalbewegungen, für die Mobilität der Menschen. Damals haben wir zum ersten Mal die Visafreiheit zur Sprache gebracht. Doch anstatt an Kraft zu gewinnen, kam der Prozess allmählich zum Stillstand. Wo lagen die Ursachen dafür? Europäische und russische Unternehmer suchen heute mehr und mehr nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Für uns ist Europa der wichtigste Handelspartner, und zwar mit einem derartigen Abstand, dass in absehbarer Zukunft niemand Europa in dieser Rolle ersetzen kann. Die Wirtschaftsbeziehungen sind also weit entwickelt – die Politik ist jedoch dahinter zurückgeblieben. Woher kommt das Misstrauen? In den Jahren des Kalten Krieges resultierte das Misstrauen aus der ideologischen Unvereinbarkeit. Heute rührt es daher, dass die eine Seite nicht weiß, was die andere tun wird. Warum ist das Beispiel Zypern so exemplarisch? Weil den Europäern klar war, dass Russland auf Zypern eigene Interessen hat. Und wenn in Bezug auf das dortige Bankensystem derart stringente Entscheidungen gefällt

REUTERS

Igor Iwanow, ehemaliger Außenminister und Präsident des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten (RIAC) erklärt, wie Russland und die EU ihr gegenseitiges Misstrauen überwinden können.

werden, sollte man in der EU nur zu gut begreifen, dass das die russischen Interessen tangiert. Man hätte uns zumindest vorab informieren sollen. Bei einer solchen Unvorhersehbarkeit des Handelns entstehen Überraschungsmomente, in denen die erste Reaktion ist: Das richtet sich gezielt gegen uns, man will uns eins auswischen, dann werden wir eben Gleiches mit Gleichem vergelten. Und so sind wir, statt nach konstruktiven Lösungen zu suchen, mit Ping-Pong in diese Dynamik hineingeraten. Für die Zukunft brauchen wir stattdessen den Dialog. Was kann ein Dialog bewirken? Er löst die Probleme nicht, aber er zeigt sie auf, und danach sind weiterführende Verhandlungen notwendig. Aus strategischer Sicht sehe ich für die Beziehungen zwischen Russland und Europa keine ernsthaften oder unüberwindbaren Probleme, die uns zu einer Verschärfung der Konfrontation drängen würden. Wir können durchaus unterschiedliche Standpunkte vertreten. Heute entwickelt sich die Lage weltweit so dynamisch und unvorhersehbar, dass es keine Patentrezepte gibt. Man muss nach Lösungen suchen. Auf dieser Suche können natürlich verschiedene Ansichten und Ansätze aufeinandertreffen, wie sie ja auch zwischen den Ländern der EU oder den Bündnispartnern USA und EU existieren. Das Interview erschien bei der Nachrichtenagentur RIA Novosti

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Wirtschaft

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Transport Russland erneuert Schienenverkehr

ALEXEJ POPOWITSCH FÜR RUSSLAND HEUTE

Russland ist in diesem Jahr Partnerland der weltweit größten Industriemesse. Prominent vertreten sein wird dort auch UralVagonZavod (UVZ), eines der größten russischen Maschinenbauunternehmen. Gemeinsam mit dem kanadischen Konzern Bombardier Transportation mit Sitz in Berlin wird UVZ auf der Messe ein 1 : 1-Modell der Straßenbahnwagen Bombardier Flexity Outlook sowie verkleinerte Modelle von Straßenbahnen und U-Bahnwaggons ausstellen. Den Startschuss für die enge Kooperation des russischen und kanadischen Konzerns setzte eine im Juli 2012 in Jekaterinburg unterzeichnete Vereinbarung. Der Vertrag regelt die Nutzungsrechte der russischen Seite an modernen Produktionstechnologien, Personalschulungen in europäischen Bombardier-Werken und gemeinsame Entwicklungen. Bereits in der ersten Phase der Zusammenarbeit soll ein Lokalisierungrad von 50 Prozent erreicht werden. Die modernen Straßenbahnwagen und bald möglicher-

weise auch U-Bahnwaggons werden in einem der UVZ-Werke gefertigt. „Wir sind überaus erfreut, eine Vereinbarung mit einem Unternehmen wie UVZ unterzeichnet zu haben“, sagt Germar Wacker, Präsident des Bereichs Straßenund Stadtbahnen bei Bombardier Transportation. „Das Unternehmen ist Russlands größter Waggonhersteller. Wir sind sehr zuversichtlich, mit einem Partner diesen Formats unser Projekt zum Erfolg zu führen. Und wir stellen uns auf eine langfristige Zusammenarbeit ein.“

Die modernen Trams für die russische Hauptstadt werden auf Basis von Flexity 2 produziert. Dmitri Medwedew (rechts) und der Generaldirektor von UralVagonZavod Oleg Sijenko bei der Unterzeichnung des Abkommens zwischen UVZ und dem Konzern Bombardier Transportation

Ein Bedarf von 6500 Wagen Hans-Peter Engel, Verkaufsleiter bei Bombardier Transportation für Mitteleuropa und Russland, erläutert die Entscheidung für einen Eintritt auf den russischen Markt: „Gemeinsam mit den Experten von UVZ haben wir den russischen Markt eingehend erforscht und uns davon überzeugt, dass er für uns ein wichtiger strategischer Absatzmarkt ist. Als weltweit führender Hersteller im Segment Straßen- und Stadtbahnen sind wir sehr daran interessiert, unsere modernen Technologien in Russland auf den Markt zu bringen. Etwa 6500 Wagen sind erforderlich, um den bestehenden Fahrzeugpark zu erneuern.“ Alle Großstädte seien auf effiziente, ökologische und bequeme

PRESSEBILD

Auf der am 8. April beginnenden HANNOVER MESSE präsentiert sich mit UralVagonZavod auch eines der größten und traditionsreichsten Maschinenbauunternehmen Russlands.

PRESSEBILD

Eine Supertram für Moskau

Transportmittel angewiesen, so Wacker. Diese Merkmale erfüllen seiner Auffassung nach ideal die Straßen- und U-Bahn. Moskau bildet da keine Ausnahme – vor allem angesichts der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2018. Nach den Worten von Maxim Liksutow, stellvertretender Bürgermeister Moskaus und

Leiter des Verkehrsdepartements, ist in den letzten beiden Jahren bereits die Hälfte des Fahrzeugparks auf Schienen modernisiert worden. Nun kommen auch Straßenbahnzüge von Bombardier nach Moskau: Im Dezember vergangenen Jahres gewannen UVZ und Bombardier eine Ausschreibung über

120 moderne Straßenbahnen mit einem Volumen von 200 Millionen Euro.

Perspektive GUS UVZ stellte die breit gefächerte Produktlinie der Niederflurstraßenbahnen von Bombardier vor, die bereits in vielen europäischen Städten eingesetzt werden. Sie zeichnen sich durch hohen Komfort und Sicherheit aus und sind zudem dank geringer Wartungsund Energiekosten im Unterhalt günstig. Der Generaldirektor von UVZ Oleg Sijenko ist überzeugt, dass Bombardier Transportation heute die weltweit besten und modernsten Straßenbahnzüge herstellt. „Entsprechend des Vertrags mit Bombardier werden wir uns auch an allen zukünftigen Ausschreibungen in den GUS-Staaten beteiligen“, so Sijenko.

IM GESPRÄCH

Wir haben die einfallsreichsten Hacker

Ihr Ministerium will die Exportzahlen der IT-Branche an die Zahlen der Rüstungsindustrie angleichen. Wann ist es so weit? Anfang der 2000er-Jahre exportierte Russland Software in einem Wert von 200 bis 300 Millionen US-Dollar jährlich, 2012 lag der Export schon bei vier Milliarden.

WIRTSCHAFTSKALENDER

Seit einigen Jahren steigt er jährlich um etwa 20 Prozent. 2012 hat Russland Rüstungsgüter in einem Umfang von 15 Milliarden USDollar an andere Länder verkauft. Demnach ist es realistisch, davon auszugehen, dass wir in ein paar Jahren den Rüstungsexport eingeholt haben. Haben auch mittelständische Unternehmen und Start-ups eine Chance auf dem Markt? Projekte wie Ecwid (E-Commerce-Plattform), Prognos (analytische Systeme für Unternehmen), Diasoft (Automatisierung von Banken- und Versicherungssystemen) und andere haben be-

MESSE RUSSLAND PRÄSENTIERT SICH AUF DER HANNOVER MESSE

reits wettbewerbsfähige Produkte auf den Weltmarkt gebracht. Und alle haben mal als Start-ups begonnen. Die Frage ist, ob sie in Russland bleiben und nicht ins Ausland abwandern, wo die Bedingungen für IT-Unternehmen häufig günstiger sind. Wie kann man diese Unternehmen in Russland halten? Die wichtigsten Voraussetzungen sind ein attraktives Steuersystem und die Verfügbarkeit von Fachkräften. Bis 2017 gelten in Russland Vergünstigungen bei der Sozialversicherungspflicht für Unternehmen, die 90 Prozent ihrer Gesamteinkünfte durch IT-Leis-

KONFERENZ RECHTSKONFERENZ RUSSLAND

tungen erzielen. Deren Abgaben betragen 14 statt 30 Prozent. Russische Programmierer genießen den Ruf, geschickter zu sein als chinesische, indische und selbst amerikanische Kollegen ... Sie können bei uns durchaus noch an Einfallsreichtum dazulernen. Wir bilden recht gute Ingenieure aus, aber deutlich zu wenig. Heute ist in Russland weniger als ein Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung im IT-Bereich beschäftigt. In den USA sind es vier Prozent, in Europa über drei. Auf dem Krasnojarsker Wirtschaftsforum im Februar gab es einen runden Tisch zum Thema Fachkräfte-

KONFERENZ LOGISTIKKONFERENZ MIT DER IHK RUSSLANDS

8. BIS 12. APRIL, HANNOVER

15. APRIL, FRANKFURT/MAIN, ZENTRALE DER DEUTSCHEN BANK AG

LESEN SIE MEHR ÜBER DIE RUSSISCHE WIRTSCHAFT AUF

Die Russische Föderation ist in diesem Jahr Partnerland der wichtigsten Technologiemesse der Welt. Mit seiner Ausstellung wird das Land die globalen Interessen und die Ausrichtung seiner Hauptindustriezweige und Konzerne darstellen.

Zum 1. März hat sich das russische Zivilgesetzbuch gravierend geändert. Rechtsexperten namhafter Kanzleien informieren umfassend und praxisnah über diese Neuerungen sowie über Compliance-Risiken in den Bereichen Korruption und Kartellrecht.

Über Möglichkeiten zur Verbesserung der „Integration von Logistikprozessen im Eurasischen Korridor“ diskutieren Vertreter verschiedener russischer Ministerien sowie internationale Aussteller und Besucher der Messe Trans Russia.

RUSSLAND-HEUTE.DE

› hannovermesse.de

› ost-ausschuss.de

› wirtschaftsclubrussland.com

25. APRIL, MOSKAU, GOSTINY DWOR

PRESSEBILD

Der stellvertretende Minister für Kommunikation und Medien Mark Schmulewitsch spricht mit Elena Schipilowa von Russland HEUTE über die Entwicklung der Informationstechnik zum führenden nicht-rohstoffbasierten Exportsektor und über die junge Generation russischer „IT-niki“.

mangel im IT-Sektor. Unter den Teilnehmern waren zahlreiche Vertreter der IT-Wirtschaft – von Start-ups bis Yandex und Microsoft – sowie große IT-Nutzer wie die Sberbank oder die Weltbank. Einige in diesem Forum formulierte Grundsätze beginnen wir bereits umzusetzen, etwa eine stärkere Gewichtung von Programmier-Olympiaden.

SYMPOSIUM MODERNE TELEKOMMUNIKATION IN DEUTSCHLAND UND RUSSLAND 3. BIS 5. MAI, TÜBINGEN, EBERHARD KARLS UNIVERSITÄT

Was sind die Potenziale moderner Kommunikationstechnologie für Wirtschaft und Gesellschaft? Was bedeutet sie für die Demokratie? Darüber diskutieren Experten beider Länder. › dialog-ev.org


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Wirtschaft

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Investitionen Ein russischer Milliardär hat langfristige Pläne mit dem Touristikkonzern TUI

AKTUELL

Was der Stahlmagnat mit dem Tourismusriesen vorhat

Kirow-Werke kaufen Göppel

DPA / VOSTOCK-PHOTO

25 Prozent schwächte er gleichzeitig die Position des Großaktionärs John Fredriksen. Der Norweger soll eine andere Vision der Entwicklung von TUI haben und mit dem im Februar ausgeschiedenen TUI-Chef Michael Frenzel nicht d’accord gewesen sein. Frenzel galt als Reformer, der den Konzern umbauen und flexibler gestalten wollte – was Mordaschows Plänen entsprach.

Russische Investoren gelten im Westen als gewinnsüchtig und wenig vertrauenswürdig. Die Investition von Alexej Mordaschow in die TUI AG zeigt, dass es auch anders geht. SERGEJ SUMLENNY FÜR RUSSLAND HEUTE

Wehende Fahnen vor den Messehallen in Berlin. Die Tourismusbranche feierte im März in der deutschen Hauptstadt ihren Siegeszug: Bei der Branchenmesse ITB signalisierten über 10 000 Aussteller aus 188 Ländern ihre positive Stimmung. Schon jetzt sind 25 bis 30 Prozent der Sommerreisen der größten Reiseanbieter für 2013 verkauft. Die Branche floriert: Die Ausgaben der Deutschen für Auslandsreisen sollen 2013 um vier Prozent steigen und einen neuen Rekordwert von 66 Milliarden Euro erreichen.

Davon profitiert auch ein Riese des Tourismusmarkts, die TUI AG. Das Unternehmen ist mit 18,3 Milliarden Euro Umsatz und über 73 000 Mitarbeitern ein Beispiel für erfolgreiche Investitionen russischer Unternehmer in westliche Firmen. Seit 2007 erwirbt der russische Milliardär Alexej Mordaschow Schritt für Schritt TUI-Anteile, aktuell hält er 25 Prozent. Der 47-Jährige besitzt ein geschätztes Vermögen von 15 Milliarden Euro und machte sein Geld im Metallgeschäft. Seine Severstal-Gruppe produziert unter anderem in den USA, Italien und Frankreich Stahl.

Norwegische und russische Investoren Nicht nur westliche Beobachter reagierten 2007 mit Skepsis auf Mordaschows Initiative. Russische Analytiker wunderten sich damals, dass das Kerngeschäft des

ITAR-TASS

Ping-Pong-Effekt für Russland

Alexej Mordaschow gilt als höchst zuverlässiger Investor.

Investors nur wenig mit der Tourismusbranche zu tun hatte. Das einflussreiche Wirtschaftsmagazin Expert vermutete, Mordaschow wolle mithilfe der TUI nur die Kontrolle über das ContainerGeschäft ihrer Tochter HapagLloyd erlangen. Doch es kam anders. 2011 betonte Mordaschow noch einmal sein „langfristiges Interesse am Geschäft der TUI AG“. Mit der Erhöhung seiner Anteile auf über

Allen Vorurteilen gegenüber russischen Investoren trotzend, stellte sich Alexej Mordaschow als kluger Ökonom, der lieber langfristig plant, heraus. Die deutschen Partner lernten den russischen Investor schnell zu schätzen: „Herr Mordaschow ist für mich einer der wichtigsten russischen Unternehmer, mit hoher Seriosität und vor allem Handschlagfähigkeit“, sagt Klaus Mangold, langjähriger Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und Aufsichtsratschef der TUI. Seit 2009 baut der Konzern sein Geschäft auch in Russland und der Ukraine massiv aus. Im Frühjahr 2010 wurde bekannt, dass das Unternehmen über die nächsten Jahre 40 Millionen Euro investieren wolle, unter anderem in den Ausbau von 200 eigenen und Franchise-Reisebüros. Außerdem will TUI die in Russland bisher wenig bekannte „Geld-zurück-Garantie“ einführen. 2011 übernahm TUI Russia das große russische Reiseunternehmen Mostravel. Außerdem kündigte der Reisekonzern vor wenigen Monaten an, eine eigene Billigfluglinie in Russland zu gründen. Für den russischen Markt, der wegen der überhöhten Flugpreise seit Jahren leidet und keine echten Billigflüge kennt, wäre die Discount-Airline ein großer Schub. – Auf diese Weise zeigen die russischen Investitionen in Westeuropa auch für den heimischen Markt eine positive Wirkung.

© RIA NOVOSTI

Die russische Unternehmensgruppe Kirovsky Zavod (KirowWerke) hat im März den Bushersteller Göppel gekauft. Das Thüringer Traditionsunternehmen mit 120 Mitarbeitern war nach einem Insolvenzverfahren auf der Suche nach einem finanzkräftigen Investor. Kirovsky Zavod ist der größte russische Produzent von Traktoren und Baumaschinen und hat 2012 mit 6500 Mitarbeitern einen Umsatz von 550 Millionen Euro erwirtschaftet.

Russischer Automarkt wächst Während im Februar in der EU so wenige Autos verkauft wurden wie zuletzt 1990, wächst der russische Automarkt stetig. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug der Zuwachs bei Neuzulassungen 1,6 Prozent. Laut europäischem Branchenverband ACEA lag der Rückgang EU-weit bei 9,5 Prozent, in Deutschland sogar bei 10,5 Prozent.

Die USA führen Waffenexporte an Die USA sind mit 30 Prozent weltweit größter Waffenexporteur. Das schreibt das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) in seiner aktuellen Studie. Dahinter liegen Russland mit 26 Prozent, Deutschland (7 Prozent), Frankreich (6 Prozent) und China (5 Prozent). Zum ersten Mal seit 1950 ist Großbritannien nicht mehr unter den ersten fünf der Liste zu finden.


Wissenschaft

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Forschung Ein deutsch-russisches Team sinniert in Jakutien über das Wetter der letzten Jahrtausende

Erkenntnisse aus dem Urschlamm Was über die Jahrtausende in die Seen Sibiriens gespült wurde, lässt Aussagen darüber zu, wie sich das Klima verändert hat – und was wir in Zukunft zu erwarten haben.

nächsten zwei Wochen vom anderthalb Meter dicken Eis aus verschiedene Schlammschichten vom Seegrund bergen. Daraus lassen sich das Klima und der Landschaftswandel der letzten Eiszeit und der laufenden Warmzeit ablesen.

FÜR RUSSLAND HEUTE

Wie war gestern das Wetter?

Jakutsk im März 2013. Die Frühlingssonne macht sich bemerkbar bei ostsibirischer Kälte. Es ist für hiesige Verhältnisse nicht mehr extrem kalt (-40 bis -50 °C), sondern nur noch sehr kalt. Sieben russische Forscher unter Leitung der Professorin Ljudmila Pestrjakowa von der Universität Jakutsk und sechs deutsche Geologen von der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung brechen auf zum Bolschoje-Toko-See im äußersten Südosten der Provinz Jakutien. Der Weg der beiden vollbepackten Lastwagen führt zunächst über den vereisten Fluss Lena und weiter 600 Kilometer nach Süden. Bei Nerjungri geht es auf die Winterpiste Richtung Osten, 350 Kilometer am Fuß des 2400 Meter hohen Stanowoi-Gebirges. Der 14 mal sieben Kilometer große Bolschoje Toko ist mit seinen 70 Metern Tiefe einer der wenigen tiefen Seen Jakutiens. Hier werden die Wissenschaftler für die

Derartige limnogeologische Untersuchungen an Seesedimenten werden seit mehreren Jahren an verschiedenen Seen Ostsibiriens durchgeführt. Die Arbeitsgebiete reichen von der arktischen Tundra im Lenadelta bis nach Kamtschatka am Pazifischen Ozean. Ähnlich wie die heutigen Wettervorhersagen auf einem breiten Netz von meteorologischen Stationen fußen, basieren derartige geologische Untersuchungen auf einer möglichst weiten räumlichen Ausdehnung, um die ganze zeitlich-räumliche Dimension des Umweltwandels in Sibirien erfassbar zu machen. Die Forscher interessiert besonders die Periode seit der letzten Eiszeit vor 20 000 Jahren, die von wiederholten Klimaveränderungen gekennzeichnet war und nun in die vom Menschen mitbeeinflusste Klimaerwärmung mündet.

BERNHARD DIECKMANN

BERNHARD DIEKMANN

Die Expedition des Alfred-Wegener-Instituts am Billjach-See im Werchojansker Gebirge, April 2005

sich am Grunde des Sees angesammelt haben, hinsichtlich der Schwankungen in ihrer Zusammensetzung untersucht: In Hohlformen findet sich verblasener Verwitterungschutt des Umlands, dazu gesellen sich abgestorbene Reste von Flora und Fauna sowie Mikroalgen und Pollen verschiedener Pflanzen. Derartige Faulschlammablagerungen mit den darin enthaltenen Mikrofossilien werden systematisch ausgewertet und erlauben Rückschlüsse auf klimatisch bedingte Schwankungen des Wasserstands, Temperaturschwankungen, Änderungen der ökologischen Rahmenbedingungen und der Dynamik im Permafrost. Am

Schlammige Angelegenheit Dabei werden die unterschiedlichen Schlammablagerungen, die

Bolschoje-Toko-See macht sich zudem der Einfluss vorstoßender und rückschreitender Gletscher bemerkbar, die in den Hochlagen des Einzugsgebiets vorkommen. Bisherige Untersuchungen zeigen, dass die wärmste Phase der Nacheiszeit vor 7000 bis 8000 Jahren war. Damals hatte die Taiga weit in die Tundragebiete des Nordens geragt.

Zehn Meter lange Bohrkerne Gewonnen wird das Untersuchungsmaterial mit einem Stechrohr, das über ein Dreibein von der Eisdecke über lange Seile und ein Hammergewicht in den Grund des Sees getrieben wird. Dann werden bis zu zehn Meter lange

Sedimentkerne geborgen, die im oberen Teil die jungen und ganz jungen Ablagerungen und nach unten die fossilen Schlämme der Vorzeit beinhalten. Gearbeitet wird bis Sonnenuntergang, gefolgt von abendlichen Beprobungsaktionen in der engen, jedoch behaglich beheizten Hütte am Seeufer. Dabei kommen schöne Erinnerungen an die Expedition zum Billjach-See im Werchojansker Gebirge im Frühjahr 2005 hoch. Die meisten Expeditionen während der letzten zehn Jahre fanden jedoch im Sommer statt. Dann wird von Booten und Flößen aus operiert und die Polarkleidung durch die Mückenjacke ersetzt.

Astrophysik Ein neues Weltraumobservatorium soll ab 2014 mehr Klarheit über dunkle Materie und Energie bringen

Die Suche nach den schwarzen Löchern

ALEXEJ KARELSKY RUSSLAND HEUTE

Die Gespräche über das Weltraumobservatorium „Spektr-RG“ (Spektrum-Röntgen-Gamma) zwischen russischen und deutschen Wissenschaftlern begannen im Frühjahr 2005. Drei Jahre später war man sich über die Position der Teleskopplattform einig. Diese soll an einen der fünf sogenannten Lagrange-Punkte geschickt werden, wo sich die Anziehungskräfte der Erde und der Sonne gegenseitig aufheben. 2009 wurde die Kooperationsvereinbarung zwischen der russischen Raumfah r tbehörde Roskosmos und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR unterzeichnet. Die Hauptinstrumente auf dem Satelliten werden einerseits das russische Röntgenteleskop ARTXC sein, das im Kernzentrum in Sarow entwickelt wurde, ande-

rerseits das Teleskop eROSITA aus dem Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik. Die Basis des Observatoriums bildet die von der russischen Firma NPO Lawotschkin entwickelte Plattform „Navigator“. Das Weltraumobservatorium soll dazu dienen, eine umfassende Himmelskarte im Röntgen- und Gammawellenlängenbereich zu erstellen. Mithilfe des Teleskops eROSITA ist es möglich, bis zu 100000 Galaxienhaufen zu erkunden. Außerdem erhoffen sich die Wissenschaftler, bis zu drei Millionen neue Kerne aktiver Galaxien zu entdecken, in deren Zentrum sich ein supermassives schwarzes Loch befindet, und bis zu 500 000 Sterne unserer Galaxie zu erforschen. Im Herbst 2014 soll das russischdeutsche Observatorium in Betrieb genommen werden. Der eigentliche Start war für November 2013 geplant, doch aufgrund von Verzögerungen in der Herstellung der Instrumente musste der Abschuss um ein Jahr verschoben werden. Dies ist vor allem auf die missglückte „Fobos-GruntMission“ Ende 2011 zurückzufüh-

Wo der Lagrange-Punkt L2 liegt

ALEKSANDR KISLOW

Dunkle Materie und Energie machen 96 Prozent des Universums aus, aber Astrophysiker rätseln über ihre Eigenschaften. Röntgenteleskope könnten zu neuen Erkenntnissen führen.

Mithilfe des Teleskops eROSITA können Wissenschaftler bis zu 100000 Galaxienhaufen erforschen.

ren. Die Raumsonde „FobosGrunt“ hätte Bodenproben vom Marsmond Phobos nehmen und zur Erde schicken sollen, doch der Einschuss der Raumsonde in die Umlaufbahn des Mars war nicht geglückt.

Die fehlgeschlagene „FobosGr unt-Mission“ führ te laut Michail Pawlinskij, stellvertretender Direktor des Instituts für Weltraumforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften, dazu, „dass die technische Ausstattung des russischen OrbitTeleskops ‚Spektr-RG‘ komplett überarbeitet wurde, unter anderem im Hinblick auf die Empfangseinheiten, die im Röntgenund Gammaspektrum arbeiten. Diese werden so umgebaut, dass sie mit ausländischen Bodenkontrollstationen kompatibel sind.“ Die SRG-Mission soll sieben Jahre dauern. Drei Monate allein wird der Flug des Observatoriums zum Lagrange-Punkt L2 in Anspruch nehmen. Über vier Jahre hinweg soll das Observatorium dann acht Himmelsdurchmusterungen vornehmen, die verbleibenden drei Jahre wird es als klassisches Observatorium fungieren. Wissenschaftler erhoffen sich aus dieser Mission mehrere Dutzend Terabyte an Daten. Ursprünglich waren für das Projekt 120 Millionen Euro geplant, allerdings sei es derzeit noch zu früh, über die endgültigen Kosten zu sprechen, so Pawlinskij. Doch eines steht für den Wissenschaftler bereits fest: Die Mission ist in jeder Hinsicht einmalig.


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Thema des Monats

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TREND BIOPRODUKTE DIE RUSSEN ENTDECKEN DIE WEITE BIO- UND ÖKOWELT. VIELE WAREN WERDEN ABER IMPORTIERT, WEIL EIGENE PRODUZENTEN FEHLEN. DAS MACHT DIE SACHE TEUER.

KEINE LANGEN SCHLANGEN MEHR VOR MCDONALD’S Der russische Biomarkt wartet auf seine gesetzliche Ordnung. Zertifizierte Bioproduzenten gibt es bisher kaum. Gleichzeitig treiben andere mit „Bio“ und „Öko“ viel Schindluder. WIKTORIA ANDREJEWA RBK-TV

Mit dem Prädikat „Öko“ schmücken sich heute in Russland etliche Lebensmittel. Was sich aber hinter dieser Bezeichnung verbirgt, wissen nur wenige Verbraucher. „Ein Bioprodukt ist ein Erzeugnis, das auf ökologisch unbelastetem Boden ohne Einsatz von mineralischen Düngemitteln und Pestiziden angebaut wurde. Bei der Verarbeitung wird auf Konservierungsmittel, Emulgatoren und Stimulatoren verzichtet. Milch- und Fleischkühen werden keine Antibiotika und Wachstumshormone verabreicht“, erläutert Alexander Konowalow, Eigentümer des Ökobetriebs Konowalowo unweit von Moskau und Begründer der ersten russischen Vereinigung von Bioproduzenten und -lieferanten Ecocluster. Aber solche Lebensmittel sind in den Regalen schwer zu finden, denn es fehlt die eindeutige Kennzeichnung. „Man müsste in den Supermärkten Bereiche abgrenzen und die Ware dort mit dem Zusatz ‚Produkte aus ökologischem Landbau des Betriebs xy‘ ausweisen, damit die Kunden sich sofort orientieren können“, sagt Konowalow. Das Problem der Ökokennzeichnung hat noch eine andere Facette. Viele Erzeuger, die die grünen Zeichen der Zeit erkannt haben, bringen Lebensmittel auf den Markt, die nur auf der Verpackung „biologisch“ sind. „Bezeichnungen wie ‚bio‘ oder ‚ökologisch‘ sind noch lange keine Garantie, dass der Inhalt den Standards der biologisch-organischen Landwirtschaft entspricht“, warnt der Koordinator des Deutsch-Russischen agrarpolitischen Dialogs Florian Amersdorffer. Die Schicht der Wohlhabenden, die das nötige Kleingeld für Bioprodukte aufbringen kann, ist bislang klein, zumal „Bio“ in Russland teurer ist als in Europa. Während man im Westen zehn bis 40 Prozent mehr dafür berappen muss, seien die Preise auf dem russischen Markt durchschnittlich doppelt so hoch, erläutert Oleg Mironenko vom Unternehmerverband Organic. Das liegt auch

Weitreichende Veränderungen Im Moment noch lässt sich die Zahl der Biobetriebe jedoch an einer Hand abzählen. Nach Angaben von Konowalow gibt es derzeit in der gesamten Russischen Föderation nicht mehr als zehn bis 15 nach dem internationalen Standard „organic“ zertifizierte Unternehmen. Immerhin haben weitere 30 bis 40 Betriebe eine Zertifizierung beantragt. Der Erwerb einer solchen Lizenz ist allerdings nicht billig. Etwa 2700 Euro muss ein Landwirt zahlen, um „organic“ produzieren zu dürfen. „Es rechnet sich noch

ZAHLEN

120

Millionen US-Dollar werden auf dem russischen Biomarkt 2013 umgesetzt. Der Anteil heimischer Produzenten ist jedoch gering. NATALIA MICHAJLENKO

40

Millionen Hektar Ackerland liegen seit dem Ende der Sowjetunion brach. Hier könnte ohne Weiteres Bioackerbau betrieben werden.

100

Prozent müssen Russen draufzahlen, wenn sie statt eines konventionellen Lebensmittels ein Bioprodukt kaufen wollen.

Derzeit liegt der Entwurf für ein Gesetz über ökologische Produktion vor. Es könnte noch 2013 in Kraft treten.

nicht, gesunde Produkte zu erzeugen. Ihre Herstellung ist zeitintensiv und kompliziert, sie sind daher teurer als die herkömmlichen und werden nicht massenhaft nachgefragt“, meint Alexej Djumulen, Leiter des Getreidekonzerns Unigrain. Die Hersteller von Bioprodukten hoffen deshalb auf Hilfe „von oben“. Und eine neue Gesetzesinitiative könnte tatsächlich noch in diesem Jahr in Kraft treten: Das russische Landwirtschaftsministerium hat den Entwurf eines Gesetzes über die „organische Produktion“ von Lebensmitteln vorgestellt. Gleichzeitig werden ein technisches Reglement

und Parameter für einen nationalen Standard zur ökologischen Landwirtschaft ausgearbeitet.

Ökologische Zukunft Das Inkrafttreten dieser neuen Rahmenbedingungen wird allen Marktteilnehmern transparentere Grundlagen verschaffen. „Wenn der gesetzliche Rahmen erst einmal feststeht, werden Akteure auf den Markt treten, die sich an den Bestimmungen orientieren und unrechtmäßig handelnde landwirtschaftliche Betriebe verdrängen. Das belebt den Biomarkt“, hofft Konowalow. Laut Ecocluster werden im Jahr 2013 importierte und heimische

Subsistenzbauern Auf russischen Märkten gibt es Bioprodukte ohne jegliches Siegel

Kartoffeln aus dem Kofferraum Datschenbesitzer und Kleinbauern verkaufen in Russland köstliches Gemüse, Obst und Milchprodukte. Das ist teurer als im Supermarkt, aber an Abnehmern mangelt es nicht. MORITZ GATHMANN RUSSLAND HEUTE

Der russische Winter zeigt nochmal seine Zähne an diesem Tag Ende März: Über den zentralen Markt der Stadt Kaluga, zwei Stunden südwestlich von Moskau, pfeift ein kalter Wind, die Käufer stapfen durch Neuschnee. Nur ein paar der Marktstände unter freiem Himmel sind besetzt. Die 58-jährige Wera Michajlowna steht dick eingemummelt hinter einem Metalltisch, auf dem sie Eingemachtes aller Art anbietet: das Glas Sauerampfer für 70 Rubel (2 Euro), Himbeeren für 100 Rubel (2,50 Euro), in Tüten abgepackte, getrocknete Äpfel. Das alles stammt aus ihrem Garten im Dorf, ein paar Kilometer außerhalb. Dort baut sie von April

bis Dezember Himbeeren, Gurken, Kohl und Tomaten an. „Wir verbrauchen viel selbst. Doch was übrig bleibt, mache ich ein und verkaufe es auf dem Markt“, erzählt sie. Andere schicken einfach den Sohn oder die Schwiegermutter, und deshalb ist hier und auf allen anderen Märkten des Landes ab dem Frühsommer kein Durchkommen mehr: Aus Tüten, Körben und Kofferräumen verkaufen die Kleinanbieter Tomaten, Gurken, Topinambur, Kartoffeln, Pilze und alle möglichen Beeren. Ob die Produkte westlichen Biostandards genügen, ist dabei nicht immer klar. Das Aroma der Tomaten und Gurken spricht allerdings dafür und auch die Tatsache, dass die meisten Verkäufer ja das, was sie anbieten, selber anbauen und essen. Wera Michajlowna etwa verwendet keinen Kunstdünger, auch aus Kostengründen: „Ich setze Brennnesseln und anderes Grünzeug in der Wassertonne an, und das kommt dann auf die Beete.“

KOMMERSANT

Eine Frage des Geldbeutels

daran, dass der Löwenanteil der ökologisch erzeugten Lebensmittel aus dem Ausland eingeführt wird. In den Preisen schlagen sich neben Transport und Zoll auch Aufwendungen für die zusätzliche Zertifi zierung nieder. Nach Mironenkos Auffassung können Erzeugnisse aus dem Ökolandbau nur dann breitere Verbraucherschichten erreichen, wenn mehr heimische Produkte angeboten werden.

Gartentomaten: im Sommer essen, für den Winter einmachen

Ein bisschen weniger als Wera Michajlowna, nämlich sechs Ar Land, nennt fast jeder Russe sein Eigen. Ein Grundstück dieser Größe stand zu Sowjetzeiten praktisch jedem zu, und die Menschen

setzten eine Datscha darauf und legten Beete an. Die Idee, einen Großteil der benötigtenLebensmittel selbst anzubauen, ist heute lebendiger denn je, weil auch die Russen verstanden haben, dass die glänzenden Tomaten aus dem Supermarkt nicht die schmackhaftesten sind. Aus manchen Datschenbesitzern werden mit der Zeit Subsistenzbauern. Walentina Sujewa verkauft im geschlossenen Teil des Marktes. Vor ihr ausgebreitet liegen verschiedene Quarksorten, Smetana, der fette russische Schmand, und ein paar Flaschen Milch. Drei Kühe haben sie und ihr Mann, und zwei-, dreimal pro Woche verkauft sie auf dem Markt. Und alles Bio? „Zweimal im Jahr überprüft der Verbraucherschutz das Wasser, das unsere Kühe trinken, und das Heu, das sie essen“, sagt sie. Ihre Milch kostet fast doppelt so viel wie im Supermarkt, aber wie immer wird bis zum Abend alles weg sein. Weil’s einfach besser schmeckt.


Thema des Monats

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Interaktives Gärtnern Das iGartenbeet vor den Toren Moskaus

Tomaten und Kohl auf dem Bildschirm Beim Projekt iGarten schauen Moskauer per Internet den „eigenen“ Tomaten beim Wachsen zu. Das hat aber seinen Preis. ZWETELINA MITJEWA

Bioprodukte in einem Gesamtwert von 120 Millionen Dollar auf dem russischen Markt abgesetzt. Das sind 20 Prozent mehr als im Vorjahr, und auch für die kommenden Jahre wird mit einem jährlichen Wachstum in Höhe von 20 bis 30 Prozent gerechnet. Trotz des so geringen Anteils russischer Biobauern ist das Potenzial, ökologisch zu produzieren, beachtlich. Laut Konowalow liegen noch immer 40 Millionen Hektar Land seit dem Ende der Sowjetunion brach, die sich über die Jahre in „ökologisch absolut unbelastete und für den Ökolandbau geeignete Ackerböden“ verwandelt hätten.

In Moskau wandelt sich der eigene Garten langsam von einem lebensnotwendigen Nahrungsmittellieferanten zu einem Eliteservice für Anhänger gesunder Lebensweise. Der Gewächshauskomplex des Projekts „iGarten“ im Dorf Ostrowzy nahe Moskau ermöglicht es jedem, ein Stück Erde zu mieten und dann via Webcam auf dem Bildschirm zu verfolgen, wie erfahrene Gärtner das selbst ausgesuchte Saatgut pflegen und gedeihen lassen. Von Tomaten und Erdbeeren bis hin zu Rucola und Petersilie wächst alles und wird bei Bedarf per Kurier direkt nach Hause geliefert. Die Idee für den halb interaktiven Garten hatte der Vorsitzende des Venture Fonds Synergy Innovations Wadim Lobow. 2011 investierte der Fonds 750 000 Euro, mietete ein Gewächshaus an, bestellte den Boden und installierte Videokameras. Der „iGarten“ war geboren.

Doch zurzeit gilt noch: Wer keine teuren und dazu noch „falsche“ Biokartoffeln kaufen möchte, für den bleibt immer noch „Marke Eigenanbau“: „In Russland ist die Sphäre der privaten Nebenerwerbsbetriebe etwa in Datschen sehr entwickelt. In der Regel arbeiten diese und auch Kleinbauern ökologisch-organisch. Wir brauchen ein Gesetz, das es ihnen ermöglicht, sich nach internationalen Standards zertifizieren zu lassen“, so der Direktor von Eko Kultura Jakow Ljubowedskij. Wer eine Belebung des Biomarkts durch regional erzeugte Produkte forderte: Hier wären sie zu finden, die Biobauern.

30000 iGärtner

© VALERIJ SCHUSTOV / RIA NOVOSTI

Bereits zu Beginn trafen die Initiatoren eine wichtige Entscheidung. Sie wollten ausschließlich ökologischen Landbau betreiben und statt chemischer Herbizide und Pestizide nur Brunnenwasser zum Gießen und natürliche Düngemittel verwenden. Dieses Gaumenvergnügen hat jedoch seinen Preis und braucht Zeit. Die monatliche Miete für ein sechs Quadratmeter großes Beet beläuft sich auf stolze 150 Euro. In den Genuss der selbst angebauten Tomaten oder Gurken kommt man dann erst nach sechs Monaten. Bereits 30 000 gut situierte Moskauer haben sich schon ein Stückchen Erde gesichert. „Unsere Kunden sind Menschen, denen es nicht egal ist, was sie essen“, sagt Gennadij Medezkij, Geschäftsführer von Synergy Innovations. „Das Gemüse in den Supermärkten halten sie für nicht authentisch. Ich würde es eher als ‚FrankensteinNahrung‘ bezeichnen. Wer keine industriell produzierten Nahrungsmittel möchte und genügend Geld hat, kommt zu uns.“ Im Sommer 2012 wurden in dem Gewächshaus iGarten mehr als 5000 Beete bewirtschaftet, doch mit Herbstbeginn und dem ersten Frost ging die Nachfrage stark

PRESSEBILD (2)

MOSKOWSKIJE NOWOSTI

Teuer aber gut – der iGarten in Zahlen Die monatliche Miete für einen Quadratmeter Erde beläuft sich auf 25 Euro, wobei ein Beet sechs Quadratmeter misst. Pro Quadratmeter kann man in einer Saison etwa 20 bis 25 Kilogramm Tomaten, 15 bis 20 Kilo Gurken oder insgesamt ein Kilo Petersilie ernten. Ein Kilogramm Tomaten

kostet den Gartenbesitzer also sechs bis acht Euro, ein Kilo Gurken acht bis zehn Euro und ein Kilo Petersilie 25 Euro. Zum Vergleich: In den Moskauer Supermärkten kostet das Kilo Tomaten 0,75 bis 2,50 Euro, Gurken ein bis 2,50 Euro und Petersilie zwei bis 2,50 Euro.

zurück. Derzeit werden nur einige Dutzend Beete genutzt. „Die neue Saison hat noch nicht begonnen. Viele Saatkulturen wie beispielsweise Erdbeeren, Paprika, Gurken und Tomaten kann man im Winter nicht ansetzen. Doch die russische Mentalität erachtet Gurken und Tomaten als die bei Weitem wichtigsten Gemüsesorten, ohne die man nicht leben kann“, erklärt Medezkij.

den aus. „Einmal hat uns ein gut betuchter Vater angerufen und um Rat gebeten: Sein Sohn esse nur Chips und Schokoriegel, da sei nichts zu machen“, erzählt Medezkij. „Ich habe den Jungen gefragt, ob er Obst und Gemüse essen würde, wenn es aus dem eigenen Garten stamme und er sich selbst drum kümmern müsste. Da der Junge gerne das Computerspiel ‚Farm‘ spielt, antwortete er sofort: ‚Ja.‘. Wir haben ihm dann ein Beet gegeben, auf dem er Karotten anpflanzte. Die hat er mit Genuss verspeist.“ Momentan verdient der Fonds mit dem iGarten allerdings kein Geld, sucht aber neue Investoren. „Wir bräuchten noch k napp v ier Millionen Euro, damit wir zusätzliche Gewächshäuser mieten und die Produktion ankurbeln könnten. Vielleicht verlegen wir einige der iGärten auch ins Gebiet Wladimir, denn dort ist alles viel günstiger. Einzig die Kosten für die Logistik würden um einiges steigen“, erklärt Medezkij. In einem Punkt ist er sich sicher: Ökolebensmittel haben in Moskau eine große Zukunft.

Karotten aus dem iGarten In seinem Büro zeigen zwei Monitore eine Live-Übertragung aus dem Gewächshaus. Gegen Mittag kommen die ersten Kunden. Eine Frau und ihr Sohn hatten sich bereits angekündigt: Sie wollen ihre Beete gerne selbst bepflanzen. Schon bald darauf sieht man, wie Mutter und Sohn gemeinsam zwar etwas unbeholfen, aber recht eifrig die Erde durchwühlen und die Samen in ordentliche Reihen drücken. So sieht es also in modernen Zeiten aus, wen n städtische Familien „zurück zur Natur kehren“. Solche Familien m it K i nde r n machen den wesentlichen Teil der iGarten-Kun-

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Gesellschaft

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Nachruf In England starb Boris Beresowskij

VON DER REDAKTION VEDOMOSTI

Boris Beresowskij war ein Spieler und Manipulator, der sich an Einflussnahme, Netzwerken und den verschiedenen Rollen, die er innehatte und die ihm zugeschrieben wurden, ergötzte. Er wurde zum Prototypen eines Buch- oder Filmhelden und mal mit Faust, mal mit Frankenstein verglichen. Am Ende verwandelte er sich in den unglücklichen König Lear. Der Schachspieler hatte seine eigene Endspieltaktik nicht gut genug durchdacht. Doch sein Nachlass ist absolut real. Und Beresowskij hat dies erkannt. Ein Jahr vor seinem Tod,

am russischen „Sonntag des Verzeihens“, postete er auf Facebook eine Beichte, in der er jene Besonderheiten seines Nachlasses ansprach: Er bereue, dass er zu einem der Urheber informeller Regeln in der postsowjetischen Politik und Geschäftswelt geworden sei. Wie die meisten Oligarchen der ersten Welle trieb er die Herausbildung allgemeingültiger Spielregeln voran, die den Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte in Abhängigkeit zu allmächtigen Führungspersonen stellten. In den 90ern war er selbst eine solche Führungsperson, später führte eben diese Technik zu seinem Niedergang: Die Sichtweise politischer und geschäftlicher Prozesse als Schaltkreise, bedient von einem „Meister“, überlebte zwar die 90er-Jahre, wurde Beresowskij aber zum Verhängnis.

Für ihn war Politik ein Geschäft, in dem die Player und das Resultat käuflich waren. Geschäfte waren für ihn Mittel zur Gelderzeugung, die wiederum für gezielte Einflussnahme nötig war. Das Ausmaß an Beresowskijs Einfluss wird allerdings oft überschätzt. Sein großes Selbstvertrauen führte bereits in den 90ern zu Niederlagen. Er scheiterte damit, 1997 den Einzug von Boris Nemzow und Sergej Kirijenko in die Regierung zu verhindern, er

unterlag bei der Privatisierung des Telekomriesen Swjasinwest, und er versuchte vergeblich, Wiktor Tschernomyrdin nach dem Finanzkollaps 1998 wieder auf den Sessel des Premiers zu hieven. Auch überschätzte er seine Rolle bei der Auswahl des Jelzin-Nachfolgers, bei der Gründung des Parteienbündnisses Jedinstwo (später Einiges Russland); er hatte beschlossen, dass die Ereignisse nach seinem Drehbuch abzulaufen hatten. Er hielt sich weiterhin für

Das Vermögen von Beresowskij

NATALIA MICHAJLENKO

In seinem Haus bei London verstarb am 23. März Boris Beresowskij. Er war es, der in den 90ern die Spielregeln russischer Wirtschaft und Politik schuf.

REUTERS

Ende eines großen Manipulators

CHRONIK

Vom allmächtigen Oligarchen zum verarmten Exilanten 1946. Boris Beresowskij wird in Moskau geboren. Die Mutter ist Laborantin, der Vater Ingenieur. Beresowskij studiert Elektrotechnik und mathematische Mechanik. Zwischen 1975 und 1989 arbeitet er als Wissenschaftler im Institut für Steuerungsprobleme der Akademie der Wissenschaften. Erste Kontakte zum Autoriesen AwtoWAZ. 1989. Beresowskij gründet den Autohändler LogoWAZ, der innerhalb von vier Jahren zu einem der wichtigsten Unternehmen Russlands wird. 1993. LogoWAZ schließt einen Vertrag mit der Daimler AG und eröffnet eine Devisenstelle für Wartungsarbeiten an Mercedes-Fahrzeugen. Beresowskij wird in die Familie Jelzin eingeführt. 1994. Bombenattentat auf Beresowskij im Zentrum Moskaus. Beresowskijs Fahrer wird durch die Explosion getötet, er selbst und sein Leibwächter werden verletzt.

einen Strippenzieher und bemerkte nicht, dass sich die durch seine finanzielle Hilfe und mediale Unterstützung siegreichen „Marionetten“ zwangsläufig aus seiner Bevormundung herauslösen und seine Waffen gegen ihn selbst richten würden. Er versuchte, die Funktionen eines Spin Doctors – eines in der Öffentlichkeit stehenden Politikers mit ungeheuren Befugnissen, eines Mannes, der die Schicksale von Ministern und Gouverneuren lenkt sowie eines Verfügungsberechtigten über Haushaltsmittel – in einer Hand zu konzentrieren. Die Ironie besteht darin, dass Beresowskij, der seinem eigenen Prinzip treu blieb, keinerlei Prinzipien zu dulden und sich statt auf Regeln nur auf persönliche Kontakte zu verlassen, schlechte Vorsorge für seine eigene finanzielle Situation getroffen hat – ganz im Gegensatz zu seinen Mitstreitern, die er für seine Anhänger und Freunde hielt. Er hat das Spiel, das er sich selbst ausgedacht und gespielt hat, verloren.

verkauft seinen Anteil an Sibneft für 1,3 Milliarden Dollar an Abramowitsch und verlässt Russland. 2003. Großbritannien gewährt Beresowskij politisches Asyl.

1995. Der Geschäftsmann beteiligt sich an dem Sender ORT (heute 1. Kanal) und tritt in den Aufsichtsrat ein. Beresowskij gründet mit Roman Abramowitsch das Ölunternehmen Sibneft.

2005. In den Medien tauchen Informationen auf, der Oligarch habe die „orange Revolution“ in der Ukraine mit 15 Milliarden Dollar gesponsert. Beresowskij verkauft den Kommersant.

1996. Beresowskij vereint die wichtigsten Wirtschaftsbosse und verhilft mit deren finanzieller und medialer Unterstützung dem höchst unpopulären Jelzin zur Wiederwahl. Nach der Wahl dankt Jelzin ihm „für die aktive Beteiligung bei der Organisation und Durchführung der Wahlkampagne“. Er ernennt Beresowskij zum stellvertretenden Sekretär des Russischen Sicherheitsrats. Beresowskij kauft den Fernsehsender TW-6 und das Verlagshaus Kommersant. Im Dezember zieht er als parteiloser Abgeordneter in die Duma ein.

2007. Ein Moskauer Gericht verurteilt ihn wegen Unterschlagung von 215 Millionen Rubel der Fluggesellschaft Aeroflot in Abwesenheit zu sechs Jahren Haft.

2000. Beresowskij gibt seinen Abgeordnetensitz vorzeitig ab und erklärt, er wolle sich nicht „am Verfall Russlands und der Etablierung eines autoritären Machtsystems beteiligen“. Er übergibt die ORT-Aktien an einen Miteigentümer,

2012. In London verliert Beresowskij den „Jahrhundertprozess“ gegen Abramowitsch. Er hatte 5,6 Milliarden Dollar gefordert, konnte das Gericht jedoch nicht davon überzeugen, dass ihm Anteile von Sibneft und Rusal gehören. Die Richterin bezeichnet seine Aussagen als „widersprüchlich und nicht vertrauenswürdig“ im Gegensatz zu den „genauen und detaillierten“ Antworten von Abramowitsch. 2013. Boris Beresowskij stirbt am 23. März in seinem Haus in der Nähe der englischen Ortschaft Ascot.


Meinung

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DER IRAKKRIEG UND SEINE FOLGEN Fjodor Lukjanow POLITOLOGE

I

m März vor zehn Jahren begannen die USA im Irak einen Krieg ohne UN-Mandat. Die Intervention sollte demonstrieren, dass Amerika die globalen Prozesse kontrollieren und ihren Verlauf ändern kann. Und führte zu gegenteiligen Ergebnissen. Mehrere tausend Amerikaner starben, ganz zu schweigen von den Opfern auf irakischer Seite, deren Zahl in die Hunderttausend gehen dürfte. Der Sturz Saddam Husseins führte dazu, dass der Iran, Erzfeind der USA, den größten Einfluss in Bagdad erlangte. Die Hunderte Milliarden Dollar für den Irakeinsatz haben die ökonomischen Probleme des Landes nur vertieft. Und das Vertrauen in Amerika ist verloren, ganz gleich, ob die offiziellen Vertreter mit ihrer Behauptung, Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen, die Unwahrheit sagten oder daran glaubten. Der Krieg hat auch im Hinblick auf die Eindämmung von Massenvernichtungswaffen versagt. Denn jene, die an der Entwicklung solcher Waffen arbeiten, gelangten zur Überzeugung, es sei Eile geboten. Für sie ist die „Bombe“ Gewähr, ihre Tage nicht am Galgen zu beschließen. Die im Irak gewaltsam begonnene und zum spontanen „arabi-

NIJAZ KARIMOW

In Russland zerstörte der Krieg den Glauben, die westliche Politik sei weitsichtig, bedacht und rational. schen Frühling“ mutierte Demokratisierung des Nahen Ostens entmutigt. Die neuen, von der Bevölkerungsmehrheit gewählten Regierungen sind antiwestlich eingestellt. Doch hat der Irakkrieg der Welt auch Nutzen gebracht? In erster Linie hat er dem Selbstbewusstsein der USA, die sich nach der auf den 11. September

folgenden Mobilisierung als Weltmacht zu positionieren begann, einen Schlag versetzt. Ein Ergebnis davon ist die relative, für einen amerikanischen Präsidenten jedoch starke Zurückhaltung, die Obama heute an den Tag legt. Und der Krieg hat den UN-Sicherheitsrat in die internationale Politik zurückgebracht. Als die USA ihn begannen, schienen die Vereinten Nationen überflüssig zu sein. Doch schnell wurde klar: Anstelle der Nato lässt sich zwar eine „Koalition der Willigen“ rekrutieren, auch ohne UN-Mandat lässt sich ein Regime stürzen, nicht aber danach etwas Dauerhaftes aufbauen. Unter George W. Bush musste Washington einsehen, dass die UN-Strukturen

nicht so nutzlos sind, wie sie ihm schienen. Der Irakkrieg hat die politischen Unterschiede zwischen der Alten und der Neuen Welt verdeutlicht. Führende europäische Staaten verweigerten ihre Teilnahme. Die transatlantische Einigkeit hat freilich keinen bleibenden Schaden genommen. Die damalige Brisanz der Unstimmigkeiten – in Amerika gab es sogar Aufrufe, alle französischen Waren zu boykottieren – ist verflogen. Klar zutage trat, dass die Nato nicht als „Weltpolizei“ geeignet ist. Die Suche nach einer neuen Aufgabe für die Allianz hält an, derzeit gewinnt sie Kontur als eine regionale Militärorganisation, die Aufgaben in unmittelbarer Nähe der euroatlantischen Verantwortungszone löst. Für Russland war der Irakkrieg aus zweierlei Gründen richtungsweisend. Einerseits zerstörte er den Glauben, die westliche Politik sei weitsichtig, bedacht und rational. Moskau betonte von Anfang an, dass das „Abenteuer“ nichts Gutes bringen würde, und behielt damit recht. Zum anderen begann Russland, sich auf seine eigenen Stärken zu konzentrieren. Denn wie wir sehen konnten, tun einige, was sie wollen, und lassen sich von keinerlei Völkerrecht aufhalten. Seitdem ist Moskau auf die verschiedensten Szenarien eingestellt. Man müsse besonnen, aber gefechtsbereit sein. Das ist noch keine Strategie, sondern lediglich Taktik – aber für einige Zeit wird sie funktionieren. Fjodor Lukjanow ist Vorsitzender des Think Tanks „Rat für Außen- und Verteidigungspolitik“.

GESCHICHTE ÜBER GESCHICHTE Semjon Nowoprudskij JOURNALIST

I

n einen länger andauernden Disput um Russlands Geschichte hat sich jetzt Präsident Wladimir Putin eingeschaltet. Er vertrat die Idee, „richtige“, einheitliche Schulbücher zu dem Thema auszuarbeiten, um damit Toleranz und Einvernehmen zwischen den Nationalitäten zu fördern. Allerdings ist die russische Geschichte keine, die alle versöhnen würde. Und eine Geschichtsschreibung, die der jetzigen Führung gefällt, wird garantiert nicht ehrlich sein, sondern könnte die Konflikte bei der „Völkerverständigung“ nur verschärfen. Putin erklärte, die Lehrbücher sollten „im Rahmen einer einheitlichen Konzeption, im Rahmen einer Logik der historischen Kon-

tinuität und eines Zusammenhangs der unterschiedlichen Etappen sowie des Respektierens aller Kapitel der wechselhaften Vergangenheit“ gestaltet sein. Was der Präsident da über den „Zusammenhang der Zeiten“ sagt, ist sehr richtig. In Russland sprang man bisweilen mit der Geschichte um wie Jack the Ripper mit seinen Opfern. Was dazu führte, dass das historische Bewusstsein der Nation zerrissen und bruchstückhaft ist, dass wir nicht verstehen, wer wir sind und wohin wir gehen. Bezüglich des Respektierens aller Seiten unserer Vergangenheit liegen die Dinge noch schwieriger. Ein normaler Mensch tut sich schwer damit, die Zarenmorde, die Deportation der Tschetschenen, die Stalin’schen Repressionen, die grausame Vergeltung Iwans des Schrecklichen an seinen Untertanen oder die Besetzung der balti-

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schen Länder zu respektieren: Es gibt zahlreiche Kapitel in unserer Geschichte, die man kennen, jedoch nicht respektieren muss. Putin zufolge soll an konkreten Beispielen gezeigt werden, „dass das Schicksal Russlands durch die Einigkeit verschiedener Völker, Traditionen und Kulturen geprägt wurde.“ Dagegen kann man nichts einwenden. Nur finden sich zahllose Beispiele dafür, dass diese „Einigkeit“, gelinde gesagt, keine freiwillige war. „Die Schulbücher müssen in gepflegtem Russisch abgefasst und frei von inneren Widersprüchen sowie Doppeldeutigkeiten sein.“ Mit der Vermeidung innerer Widersprüche gerät man erst recht in einen Hinterhalt. Jedes Lehrbuch, das die „einzig richtige“ Version der Ereignisse anbieten will, wird zwangsläufig andere verzerren. Dafür ist Russland zu komplex strukturiert: Die

Einnahme der Stadt Kasan durch Iwan den Schrecklichen wird für die Tataren stets eine andere Bedeutung haben als für das imperiale Bewusstsein, mit dem sich Putin offenkundig geistesverwandt fühlt. Ein fundamentales Hindernis für ein allgemein gültiges Schulbuch zur Geschichte Russlands ist auch das Fehlen klarer, allenthalben anerkannter Grundwerte. Wir sind außerstande zu formulieren, wozu unsere Geschichte gut ist. Putin schlägt im Grunde vor, das neue Lehrbuch zu erdichten. Dabei wäre es besser, die historischen Ereignisse einfach nur darzustellen ohne irgendwelche erfundene Zutaten und ohne eindeutige Wertungen.

Russland HEUTE: Die deutsche Ausgabe von Russia Beyond the Headlines erscheint als Beilage in der Süddeutschen Zeitung. Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Russia Beyond the Headlines, Moskau, verantwortlich. Rossijskaja Gaseta Verlag, Ul. Prawdy 24 Str. 4, 125993 Moskau, Russische Föderation Tel. +7 495 775-3114 Fax +7 495 988-9213 E-Mail redaktion@russland-heute.de Herausgeber: Jewgenij Abow, Chefredakteur deutsche Ausgabe: Alexej Karelsky Gastredakteur: Moritz Gathmann Proofreading: Dr. Barbara Münch-Kienast, Redaktionsassistenz: Jekaterina Iwanowa Commercial Director: Julia Golikova, Anzeigen: sales@rbth.ru Artdirector: Andrej Schimarskiy, Produktionsleitung: Milla Domogatskaja, Layout: Maria Oschepkowa

Dieser Beitrag erschien auf dem Internetportal gazeta.ru

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REFLEKTIERT

Zyprische Gedanken Der Ulenspiegel ZEITZEUGE

S

ollen EU-Bürger mit ihren Steuern das Schwarzgeld russischer Oligarchen retten? Schon Rettungsaktionen für Griechenland und Spanien sind höchst unpopulär. Aber Zypern? Wer sein Land zur Geldwaschanlage für dubiose Unternehmer macht, denkt sich der brave Sparer in der Nord-EU, der muss sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann das Wasser bis zum Hals steht. Auch die Klage des russischen Premiers, einige Behörden seien betroffen, weil sie Konten auf Zypern hätten, stößt auf Verwunderung. Behörden mit Konten auf Zypern? Warum nicht auf den Cayman-Inseln? Letztere gehören übrigens zu Großbritannien, wo man ebenfalls nicht auf die Vorteile von Offshore-Zonen verzichtet. Darum hält man sich auch gleich mehrere davon. Aber das nur am Rande. Das Pokern um Zypern macht die Schwäche der EU deutlich, die zu einer Stärke Russlands werden könnte. Wollen die Europäer ein Land retten, heißt das vor allem: sparen. Es ist die Stunde der Populisten. Demonstranten gehen auf die Straße und recken Plakate mit antideutschen Parolen in die Höhe: Brüssel ist schuld und die bösen Deutschen, die wieder alle nach ihrer Pfeife tanzen lassen wollen. Die Bürger der wohlhabenden EU-Länder jedoch sind wütend, weil sie hart arbeiten und Faulpelze aushalten müssen. Für Russland ist schon die Tatsache, dass man als möglicher Retter gesehen wird, ein kleiner Erfolg. Ein Retter noch dazu, der nicht ständig ermahnt, den Gürtel enger zu schnallen. Was Russland von einem Land wie Zypern als Gegenleistung verlangen könnte, schreckt dessen Bürger nicht: ein paar Anteile an Energiekonzernen, eine Anwartschaft auf die Gasvorkommen. Was soll’s! Das halbe Land gehört ohnehin schon den Russen. Und die werfen derart mit Geld um sich, dass auch für die kleinen Leute etwas abfällt. Dieselbe Strategie fährt China in Afrika: Hol dir, was du brauchst, bezahle so viel wie nötig und rede nicht über Demokratie und Verantwortung. So macht man sich Freunde in der Welt, vor allem als Gegenbild zum Westen, der zunehmend als heuchelnder Lehrmeister wahrgenommen wird. Dass auch die unaufdringlichen Onkel mit dem Geldsack irgendwann eine Gegenrechnung präsentieren, ist eine andere Frage.

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Feuilleton

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KUNST HEINRICH VOGELER EINE VERZWEIFELTE SUCHE, EIN TRAGISCHES ENDE: ZUM 71. TODESTAG DES WORPSWEDER KÜNSTLERS

Auf der Suche nach einer besseren Welt kam der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler in die Sowjetunion. Was voll Hoffnung begann, fand sein Ende in der kasachischen Steppe. SIEGFRIED BRESLER FÜR RUSSLAND HEUTE

Das Leben des Künstlers Heinrich Vogeler ist geprägt von einem Kindheitserlebnis: Nach einer Überschwemmung sah er vom Bremer Elternhaus am Horizont eine in der Sonne golden scheinende Insel. Das war der von Wasser umschlossene Weyerberg in Worpswede, an dessen Fuße er Jahre später seinen Lebensmittelpunkt und sein Gesamtkunstwerk, den Barkenhoff (plattdeutsch für Birkenhof), schaffen sollte. Diese goldene Insel blieb lebenslang das Sinnbild seiner Suche nach einer besseren Welt.

Vogeler als Gesamtkunstwerk Johann Heinrich Vogeler kam am 12. Dezember 1872 in einer gutbürgerlichen Bremer Familie zur Welt. Seine Eltern ermöglichten ihm ein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf. Dort fühlte er sich schnell beim Kopieren antiker Gipsvorlagen vom klassischen Akademiebetrieb gelangweilt. Auf Reisen in die Kunstmetropolen Belgiens, Frankreichs und Italiens entwickelte er seinen ei-

genen Stil. 1894 ließ er sich in der neu entstandenen Künstlerkolonie Worpswede nieder und erwarb eine alte Bauernkate. Als Jüngster der Künstlergruppe nahm er von Beginn an eine Sonderstellung ein. Vogeler malte Märchenbilder, versetzte seine Figuren ins Mittelalter und schmückte seine Grafiken mit floralen Ornamenten. Sein Bauernhaus baute er zu einer Villa, den Barkenhoff, um und richtete ihn mit selbst entworfenen Gebrauchsgegenständen ein. Diesem Gesamtkunstwerk fügte er seine Frau Martha hinzu, die in von ihm entworfenen Kleidern und Schmuck Modell stehen musste. Als Maler, Designer und Jugendstilgrafi ker erlangte Vogeler große Anerkennung. Er beschickte Ausstellungen in vielen deutschen Städten, illustrierte Bücher renommierter Verlage und gestaltete einen Jugendstilsaal im Bremer Rathaus, die heute noch erhaltene Güldenkammer. Bald kamen ihm Zweifel an der Welt, in der er sich eingerichtet hatte: „Ich schuf mir aus meinem privaten Leben eine Abkehr von der Außenwelt, die mir einmal zum Verhängnis werden musste.“ Vogeler lebte auf seiner goldenen Insel, abgeschlossen vom wirklichen Leben durch Hecken, Mauern und die Rahmen seiner Bilder. Rainer Maria Rilke, der 1900 auf dem Barkenhoff lebte, öffnete

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FÜR EINE BESSERE WELT

„Die Erwartung“ (oben) von 1912 ist einer der Höhepunkte der Jugendstilphase Heinrich Vogelers.

ihm die Augen mit Erzählungen von seinen Russlandreisen und seinen Begegnungen mit Leo Tolstoi. In Vogeler entstand eine tiefe Zuneigung und ein dauerhaftes Interesse an dem unbekannten Land. War dort seine neue Insel?

Er lebte auf seiner goldenen Insel, abgeschlossen vom wirklichen Leben durch Hecken und die Rahmen seiner Bilder. Zunächst widmete er sich den sozialen Realitäten im eigenen Land und begann die Ungerechtigkeiten des Kaiserreichs wahrzunehmen. Vogeler engagierte sich sozial, gründete 1908 mit seinem Bruder eine Möbelfabrik, entwarf preiswerte, stilvolle Serienmöbel und konzipierte auch für Arbeiter und Bauern erschwingliche Wohnhäuser.

Freiwillig an die Front Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachte eine Wende in Vogelers Leben. Seine Ehe mit Martha war gescheitert, seine Jugendstilkunst nicht mehr gefragt, und sein soziales Engagement wurde belächelt. Aus dieser Erstarrung entkam er mit seiner Meldung als Kriegsfreiwilliger. In einem Brief an seine Frau schrieb er: „Ich ziehe nun aus, um […] zu leben. Ich suche das Leben, das an anderer Stelle ungewertet verkümmert.“ Er fand das Leben an der Ostfront, wo er Flugblätter russischer Soldaten zu lesen bekam, und er erkannte, dass in Russland Veränderungen begonnen hatten, die seinen Vorstellungen einer menschlicheren Gesellschaft nahekamen. Er entlarvte den Krieg als Unterdrückung der freiheitsliebenden Völker und verfasste im Januar 1918 einen Friedensappell an den Kaiser:

„Sei F r ieden sf ü r st, setze an die Stelle des Wortes die Tat, Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens! Kaiser!“ Der Aufruf brachte Vogeler einen Aufenthalt in einer Bremer Irrenanstalt ein. Voller Lebensmut kehrte er im Frühjahr 1918 auf den Barkenhoff zurück. Hier wollte er sich einer neuen Gesellschaftsordnung zuwenden, die sozialistisch und der christlichen Ethik ver-


Feuilleton

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LESENSWERT

In Moskau ist die Hölle los

PRESSEBILD PRESSEBILD

Der Rote Stern überstrahlt Karelia und Murmansk (links). Das Tyrnyaus-Kombinat in Kabardino Balkarien (rechts)

ULL STE IN B ILD / V OST OC K-P HO TO

pflichtet sein sollte. Mit Gleichgesinnten gründete er eine Kommune und Arbeitsschule, die sich der Erziehung des Neuen Menschen widmete und sich an den vom Anarchisten Pjotr Kropotkin verbreiteten Idealen der gegenseitigen Hilfe orientierte.

„Rote Hilfe“ im Barkenhoff Auch Heinrich Vogeler verbreitete seine politischen und pädagogischen Ideen in Schriften, die den Barkenhoff im ganzen Land bekannt machten. Die Barkenhoff-Gemeinschaft bekannte sich zur Russischen Revolution und sah sich als „Aufbauzelle der klassenlosen menschlichen Gesellschaft“. Trotz ideologischer Streitigkeiten, behördlicher Einflussnahmen und großer finanzieller Probleme konnte das sozialistische Experiment am Weyerberg bis 1923 bestehen. Danach wurde der Barkenhoff ein Kinderheim der Roten Hilfe, in dem Arbeiterkinder Erholung finden konnten.

Aufbruch nach Russland Vogeler brach im Juni 1923 gemeinsam mit seiner zweiten Frau Sonja Marchlewska zu neuen Ufern auf und reiste nach Moskau. Als Schwiegersohn des Lenin-Freundes Julian Marchlewski hatte Vogeler in Russland gleich eine hohe Reputation. Er

KULTURKALENDER

Nach Russland kam er mit der Hoffnung, am Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft teilzunehmen.

che wandte er sich an deutsche Künstler: „Ich lebe in SowjetRussland und habe hier die Möglichkeit, meine Kunst treu auszuüben. […] Deutscher Künstler, für dich gibt es nur eins [...]: Entfalte deine ganze Kraft, um den Hitler-Faschismus zu vernichten.“ Seine intensive Schaffensperiode endete mit dem Überfall der Wehrmacht auf Russland.

montageartige Maltechnik. Sein erstes Gemälde als Komplexbild nannte er „Die Geburt des Neuen Menschen“ und widmete es seinem Sohn Jan, der im Oktober 1923 in Moskau zur Welt kam. Im selben Jahr entstand das Komplexbild „Rote Metropole“. Der Kreml ist überstrahlt von einem überdimensionalen Sowjetstern, der an den Stern von Bethlehem erinnert. Bis 1931 pendelte Vogeler zwischen Berlin und Russland. Volle Skizzenbücher und Reisetagebücher zeugen von einer kreativen Zeit, doch private Zerwürfnisse und politische Auseinandersetzungen raubten ihm auch Kraft.

kam mit der Hoffnung, dort den Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft zu erleben, für die er selbst tätig werden wollte. Seine russischen Reiseberichte aus dem Jahr 1925 sprühen vor Optimismus: „Wie viel schöner und ruhiger sind hier die Menschen, denen man ins Antlitz sieht, im Vergleich zu den Menschen des Westens. [...] Freie Menschen, die das Schlimmste getragen haben, um ihren Kindern den Zukunftsweg zu sichern.“ Vogeler scheint hier seine neue goldene Insel gefunden zu haben und war von ih r geblendet. Künstlerisch veränderte er sich und entwickelte eine moderne,

Kampf dem Hitlerfaschismus

FILM FESTIVAL DES MITTEL- UND OSTEUROPÄISCHEN FILMS

KUNST PETER DER GROSSE – DER BEFLÜGELNDE ZAR

10. BIS 16. APRIL, WIESBADEN

BIS 13. SEPT., HERMITAGE AMSTERDAM

Tod in der Steppe Im September 1941 brachte man Vogeler mit anderen Exilanten nach Kasachstan. In primitiven Verhältnissen lebte er in einer Kolchose in der Steppe. Die harte Arbeit, eine schwache Gesundheit und mangelnde Ernährung hielt er nur wenige Monate aus. Seinen Freunden in Moskau klagte er sein Leid: „Wir sind weit weg von der Bahn. Steppe ohne Baum und Strauch. Wind, Wind, Sturm. Sehr schlecht für meine verknöcherte Brust. […] Ich hatte mir das Ende meines Lebens anders gedacht, hatte gedacht, man könnte aktiv sein bis an das Ende.“ Am 14. Juni 1942 starb Vogeler im Krankenhaus der Kolchose Budjonny. Die Suche nach der goldenen Insel, einer Welt, in der alle Menschen friedvoll und glücklich miteinander leben, endete in der trostlosen Steppe, ohne dass er das neue Utopia gefunden hatte.

Vor seiner letzten Moskaureise im Juni 1931 schrieb er seiner ersten Frau Martha nach Worpswede: „Was aus mir in nächster Zeit wird, weiß ich noch nicht, da ich viel drangesetzt habe, nach Rußland zu kommen. Wenn das nichts wird, was naheliegt, komme ich dann gern etwas zur Arbeit zu Euch.“ Heinrich Vogeler kam nach Russland und kehrte nie wieder nach Deutschland zurück, denn bei den Nazis stand er auf der Fahndungsliste. Aus Moskau engagierte er sich gegen Hitler und entwarf antifaschistische Plakate und Flugblätter. In einer Rundfunkanspra-

27. APRIL, BADEN-BADEN

© STATE HERMITAGE MUSEUM, ST PETERSBURG

Zum 13. Mal präsentiert das Festival Filme, die auf deutschen Leinwänden sonst nicht zu sehen sind. Filme aus Ungarn, Georgien, Russland und anderen Ländern des ehemaligen „Ostblocks“ geben einen Eindruck von der vielfältigen Wirklichkeit dieser Region.

MUSIK JAZZ MIT IGOR BUTMAN

› filmfestival-goeast.de

LESUNG „MEINE RUSSISCHE SCHWIEGERMUTTER“

Der herausragende russische JazzSaxophonist Igor Butman und das Moskauer Staatliche Jazzorchester geben um 19 Uhr ein Konzert im Weinbrennersaal des Kurhauses. Infos und Karten zu den Veranstaltungen im Rahmen der II. Russischen Kulturtage in Baden-Baden unter › art-baden.com

DISKUSSION „WOHIN STÜRMST DU, RUSSLAND?“ 18. APRIL, 19 UHR, UNIVERSITÄT DER KÜNSTE, BERLIN

ERFAHREN SIE MEHR ÜBER RUSSISCHE KULTUR AUF

Amüsant beschreibt die Hamburger Autorin und Journalistin Alexandra Fröhlich die Unwägbarkeiten einer deutsch-russischen Ehe.

2013 ist „Niederlande-Russland-Jahr“, das mit einer Ausstellung über Peter den Großen in der Amsterdamer Heremitage eröffnet wird. Sie beschäftigt sich mit dem besonderen Einfluss, den die Niederlande auf den großen russischen Reformator hatten.

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› lehmanns.de/page/verhannover

› hermitage.nl

› adk.de

11. APRIL, 20.30 UHR, LEHMANNS, HANNOVER

Teufel auch! Beinahe hätte Alexander Nitzberg den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse erhalten. Aber die Zeit, als ein Spezialist für schwarze Magie namens Woland für Trubel und Gerechtigkeit sorgte, ist vorbei, ist – russische Literatur! Michail Bulgakow, Arzt, Dramatiker und Schriftsteller, schrieb „Meister und Margarita“ in schlimmer Zeit. Geächtet und verboten starb er 1940 mit nur 49 Jahren. Aber vorher schickte er in seinem Roman, der ab den 1960er-Jahren zum Kultbuch wurde, den Teufel, sprich Woland, mit seinem Gefolge als Teil des ewig Guten ins Moskau der Stalinzeit. Woland mischt die atheistische Sowjetgesellschaft mächtig auf. Denn wo ein Teufel, da auch Gott! Wer das nicht anerkennt, dem geht es an den Kragen. Erstmals arbeitet der Übersetzer die poetischen Kostbarkeiten des Romans heraus und verleiht ihm damit den gebührenden Rang eines Schlüsselwerks der Moderne. Die sprachliche Vielfalt und Schönheit, die Nitzberg bei Bulgakow fand, übertrug er in ein aufgerautes Deutsch, das oft kühn gegriffen ist und dialektale Färbungen kräftig nutzt. Rhythmen, Klänge, Reime und starke Bildlichkeiten haben Vorrang vor glatten deutschen Lösungen. Eine stark rhythmisierte Sprache verwendet Bulgakow besonders da, wo er als auktorialer Erzähler in Erscheinung tritt. Endlich ist nicht nur die berühmte Szene an den Patriarchenteichen, sondern auch die Eröffnung des Pilatus-Romans in der Dynamik zum finalen Punkt hin im Deutschen da: „Im weißen Gewand, blutig umbordet, trat mit schlurfendem Reiterschritt am frühen Morgen des vierzehnten Tages im Frühlingsmonat Nisan …“ Und bitte laut weiterlesen! Die umfangreichen Kommentare, die Nitzberg im Anhang an die Kapitel gibt, versetzen jeden neugierigen Leser in Entzücken. Die Zeit der übergebügelten Übersetzungen ist für Bulgakow endlich vorbei. Manuskripte brennen nicht! Ruth Wyneken

Ljudmila Ulitzkaja, Sachar Prilepin, Ingo Schulze und andere diskutieren über Rolle und Macht des Wortes in ihren Gesellschaften.

Michail Bulgakow: „Meister und Margarita“, 608 Seiten, erschienen bei Galiani, Berlin 2012, 29,99 Euro


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Porträt

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Musik Ein russisches Sängerpaar erobert die Deutsche Oper am Rhein

Von der Wolga an den Rhein 1

riton und engagierte ihn. Ein Jahr später folgte Maria ihrem Mann. Die Leitung der Rheinoper war von der jungen Sängerin so begeistert, dass sie noch vor dem Abschluss des Konservatoriums für das Opernstudio engagiert wurde. „Dabei wusste die Jury bei meinem Vorsingen nicht, dass wir verheiratet sind“, sagt sie.

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Der Rhein? „Eher niedlich ...“ Das Engagement am Rhein sehen sie als große Chance. „In Russland gibt es keine richtige Talentförderung“, erzählt Lavrov, „deshalb ist es sehr schwer, nach oben zu kommen.“ Russische Opernstars wie Anna Netrebko hätten sich erst im Westen einen Namen gemacht, sagt er. Aber sie wollen hier auch viel lernen. „Die russische Gesangsschule ist zwar eine der besten der Welt, aber wir haben leider keine Tradition, ein Musikstück in der jeweiligen Sprache zu singen“, erzählt Lavrov. Stattdessen werde alles auf Russisch einstudiert. Die Sänger haben sich sofort in die Düsseldorfer Altstadt verliebt. Den Rhein haben sie sich allerdings anders vorgestellt: „Im Vergleich zur Wolga oder zu sibirischen Flüssen ist er eher niedlich.“ Besonders gut gefällt ihnen der ungezwungene Umgang der Menschen. „Es ist hier ganz üblich, dass sich der Intendant in der Kantine zu dir setzt und mit dir wie mit einem Kollegen spricht. In Russland würde eine Berühmtheit nicht mal deine Begrüßung erwidern“, erzählen sie.

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PRIVAT (3)

1. Maria Kataeva im Kostüm der Rosina aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ zusammen mit ihrem Mann Dmitry Lavrov; 2. Maria Kataeva im Großen Saal der Petersburger Philharmonie; 3. Der Bariton Dmitry Lavrov: 2011 hat er den Emmerich Smola Förderpreis gewonnen.

Figaro von der Wolga, Rosina aus Sibirien: In der Düsseldorfer Inszenierung des „Barbier von Sevilla“ stehen Maria Kataeva und ihr Mann Dmitry erstmals gemeinsam auf der Bühne. DARIA BOLL-PALIEVSKAYA FÜR RUSSLAND HEUTE

Eine wunderschöne Baritonstimme übertönt den Chor der russischen Maria-Obhut-Kirche in Düsseldorf. Wieso kommt sie mir so bekannt vor? Das ist doch der Silvio aus Leoncavallos „Pagliacci“, den ich neulich in der Deutschen Oper am Rhein sah!

Russkij Rock oder Mathe? Dass ich den 31-jährigen Opernsänger Dmitry Lavrov in der Kirche kennenlerne, ist kein Zufall. Lange Zeit konnte sich der Junge aus Jaroslawl an der Wolga nicht zwischen Mathematik, Priesteramt und einer Karriere als Opernsänger entscheiden. Alles begann mit der Musikschule, wo der kleine Dima im Chor sang. „Seit meinem dreizehnten Lebensjahr sang

ich auch in einem Kirchenchor. Mein Vorbild war unser Oberdiakon Vater Georgij – ein ganz hervorragender Bariton. Jedes Mal, wenn ich ihn singen hörte, dachte ich: ‚So will ich es auch können.‘“ Doch seine große Leidenschaft gehörte der Mathematik, und so schrieb sich Dmitry in diesem Fach an der Uni ein. Als Student entdeckte er dann den „Russkij Rock“ und gründete eine eigene Band. „Manchmal haben wir abends ein Rockkonzert gegeben, und am nächsten Morgen sang ich in der Kirche.“ Am Ende siegte die Musik. Zur Entrüstung der Professoren schmiss Dmitry die Mathematik und begann ein Gesangsstudium.

Maria setzt alles auf eine Karte Für seine Frau Maria Kataeva war von Anfang an klar: „Ich werde Sängerin.“ Schon mit vier Jahren stand die Tochter einer Musikerin auf der Bühne: „Ich sang nicht nur im Kinderchor, ich erledigte auch ‚Verwaltungsaufgaben‘. Meine Freundin drehte sich vor

lauter Angst ständig weg vom Mikrofon, also nahm ich ihren Kopf in die Hände und drehte ihn zur großen Belustigung des Publikums zurück. Ich verstand nicht, wie man Lampenfieber haben kann“, erzählt die zierliche 26-Jährige,

fährt ins 400 Kilometer entfernte Nowosibirsk. Aber ihr Wunsch, Opernsängerin zu werden, war so stark, dass sie mit 19 alles auf eine Karte setzte: Sie flog die 4000 Kilometer nach St. Petersburg, um ihr Glück am besten Konservato-

In ihrer Heimatstadt Nowokusnezk gibt es zwar viel Industrie, aber bis zur nächsten Oper sind es 400 Kilometer.

Leider sind im Westen nur zwei russische Opern richtig bekannt: „Eugen Onegin“ und „Boris Godunow“.

die eher wie eine Ballerina als eine Mezzosopranistin aussieht. Wir sitzen in der Wohnung des Sängerpaares im Düsseldorfer Zentrum. „Wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, du wirst auf einer der besten Bühnen Deutschlands singen, hätte ich es nicht geglaubt“, sagt Maria. Sie stammt aus dem sibirischen Nowokusnezk, einer Großstadt mit viel Industrie, aber ohne Oper. Wer trotzdem Opern sehen will, schaltet den Fernseher ein oder

rium Russlands zu versuchen. Im ersten Jahr scheiterte sie, dann klappte es. Und hier traf sie ihre große Liebe. „Kennengelernt haben wir uns beim ‚Barbier von Sevilla‘, aber nicht auf der Bühne, sondern im Publikum“, erinnert sich Dmitry, der damals ebenfalls in Petersburg studierte. Der Umzug nach Deutschland kam zufällig: Bei einem Casting hörte der Intendant der Deutschen Oper am Rhein den russischen Ba-

Familie vor Erfolg Das deutsche Publikum ist begeistert von dem Sängerpaar. „Die Deutschen reagieren sehr emotional und haben keine Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Vielleicht hat dies mit einer lockeren Lebenseinstellung des westlichen Menschen zu tun.“ Allerdings vermissen sie das russische Repertoire. „Leider sind im Westen nur zwei russische Opern richtig bekannt: ‚Eugen Onegin‘ und ‚Boris Godunow‘“, beklagt Dmitry. Deswegen hatten sie sich gefreut, im Sommer 2012 bei einem russischen Liederabend im Foyer der Rheinoper Werke von Tschaikowski und Rachmaninow vorstellen zu dürfen. Träumen sie davon, irgendwann berühmt nach Russland zurückzukehren? „Der große Traum ist, unser Leben lang zu singen“, sagt Maria lachend. „Und wir wollen eine Familie sein. Was nützt eine große Karriere, wenn die Liebe daran scheitert?“, sagt Dmitry und schaut seine Frau zärtlich an. Im Juli geht ein großer Traum des „singenden Ehepaares“ in Erfüllung: Dann stehen sie als Rosina und Figaro in Rossinis „Barbier von Sevilla“ zusammen auf der Bühne, jener Oper, bei der ihre Liebe begann.

PAULINE TILLMANN

Ein Leben für das Gold des Meeres Über den Rekonstrukteur des Bernsteinzimmers Alexander Krylow

8. Mai

Russland HEUTE  

Die Ausgabe vom 3. April 2013

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