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Interview

„Hausbesuche sind effektivstes Wahlkampfmittel überhaupt“ „Das persönliche Gespräch ist mit Abstand das erfolgreichste Werbemittel“, sagt die Polit-Strategin Quendolin Jungblut. Dass damit nicht nur das Werben um Wählerstimmen sondern auch um MitarbeiterInnen gemeint ist, verdeutlicht sie im Interview mit Annemarie Obermüller. Bildungskurier: Was sind deiner Erfahrung nach die drei „No-Gos“ im Wahlkampf und die drei „Must-Haves“ bei erfolgreichen Wahlkämpfen? Quendolin Jungblut: Fangen wir mit dem Positiven an: Ein erfolgreicher Wahlkampf braucht vor allem glaubwürdige Personen, Gewinnerthemen und Emotionen. Emotionen können zum Beispiel durch eine wünschenswerte Vision für die Heimatgemeinde geweckt werden. Wenn keine Vision da sein sollte, können auch konkrete Projekte Emotionen hervorrufen; zumindest dann, wenn sie Menschen persönlich berühren und aktivieren. Die fatalsten „No-Gos“ sind aus meiner Sicht rigoroses Von Tür zu Tür:

„Grundsätzlich empfehle ich, Hausbesuche an Werktagen zwischen 17 und 19 Uhr durchzuführen, in Sommerwahlkämpfen gerne auch bis 20 Uhr. Wenn man zum ersten Mal auf einen Menschen trifft, zählt der erste Eindruck, daher mein Tipp: Einen Schritt zurückgehen, sobald die Tür aufgeht. So vermittelt man dem Gegenüber, dass man nicht in seine Privatsphäre eindringen will und schafft Vertrauen. Anschließend kann man sich kurz vorstellen, Infomaterial überreichen und auf den Wahltermin hinweisen. Sofern konkrete Nachfragen kommen, sollte man sich Notizen machen und eventuell einen gesonderten Gesprächstermin zu einem konkreten Anliegen vereinbaren. Grundsätzlich rate ich davon ab, mit ins Haus oder in die Wohnung zu gehen. Dort, wo KandidatInnen gut bekannt sind, wird man das nicht immer konsequent durchhalten können. Doch auch in solchen Situationen kann man die Gespräche wertschätzend beenden, indem man auf die Notwendigkeit verweist, weitere Haushalte zu erreichen.“

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Bildungskurier / Juni 2015

Beharrungsvermögen („Wir machen seit 30 Jahren Wahlkampf und wissen wie das geht“), Realitätsferne beziehungsweise Überheblichkeit („Die Wähler haben doch eh‘ keine Ahnung“; „Wir wissen, was gut für die Menschen ist und zwar besser als sie selbst“) und der unerschütterliche Glaube in bedrucktes Papier („Wenn wir nur genügend Broschüren verteilen, dann brauchen wir keinen persönlichen Kontakt“). Bildungskurier: Im oö Wahlkampf setzen wir stark auf direkten Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. Wie siehst du das? Worauf kommt es bei Hausbesuchen im städtischen Gebiet an und worauf in ländlichen Regionen? Quendolin Jungblut: Egal ob im städtischen Gebiet oder in ländlichen Regionen – Hausbesuche dienen dazu, in kurzer Zeit Sympathie aufzubauen und Aufmerksamkeit für den Wahltermin zu schaffen. Gerade in dichter besiedelten Gebieten erweist es sich aber als Herausforderung, alle Haushalte zu erreichen, deshalb sollte man sich vorab überlegen, in welchen Wahlsprengeln Hausbesuche besonders effektiv sind. Hier kann ein Blick auf vorherige Wahlergebnisse Klarheit verschaffen. Bildungskurier: Mit der BürgermeisterInnendirektwahl hat sich in der oberösterreichischen Kommunalpolitik die Persönlichkeitswahl durchgesetzt. Die Bedeutung der politischen Inhalte der Parteien als wahlentscheidendes Kriterium nimmt dadurch ab. Was bedeutet das auf lange Sicht für unser demokratisches System? Quendolin Jungblut: Gerne zitiere ich den Satz „Menschen wählen eher Personen als Programme“. Parteien und deren Programme gelten für sich betrachtet leider nicht als besonders glaubwürdig, das war auch vor der Einführung der BürgermeisterInnendirektwahl schon so. Die Bür-

germeisterInnendirektwahl bietet meiner Meinung nach sogar die Möglichkeit, dass auch eher parteienverdrossene Menschen zur Wahl kommen. Diesen Mechanismus können sich die Parteien auch für den Gemeinderatswahlkampf zu Nutze machen, wenn vielleicht auch in etwas abgeschwächter Form. Kluge Ideen und wichtige Themen lassen sich vor allem dann platzieren, wenn sie von glaubwürdigen KandidatInnen nach außen getragen und gelebt werden. Bildungskurier: „Wir brauchen Frauen und Junge!“ Wer kennt diesen Wunsch von altgedienten Funktionären nicht? Wie kommen wir nun zu „Frauen und Jungen“? Quendolin Jungblut: Indem wir uns mit den Lebenswelten dieser Menschen auseinandersetzen und sie gezielt ansprechen. „Junge“ oder „Frauen“ lassen sich nicht pauschal als Zielgruppen darstellen. Es ist allerdings sinnvoll, sich zu fragen, welchen unterschiedlichen Herausforderungen Menschen in einer bestimmten Altersgruppe ausgesetzt sind. Anschließend sollten wir uns überlegen, wen aus dem konkreten Personenkreis wir mit welchem individuellen Mitmachangebot gewinnen können und die jeweiligen Personen direkt ansprechen. Bildungskurier: Abend- und Wochenendtermine machen eine Teilhabe an der Kommunalpolitik oft schwer. Sind unsere Gremialstrukturen überhaupt noch passend? Quendolin Jungblut: Strukturen sind grundsätzlich zu hinterfragen, wenn sie keine Flexibilität (mehr) zulassen. Das bemisst sich unter anderem an folgenden Fragen: Haben wir bei der Arbeits- und Aufgabenverteilung auf die unterschiedlichen Zeitbudgets der Fraktionsmitglieder Rücksicht genommen? Sind unsere Mitglieder im Hinblick auf

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Biku juni 2015  

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