Dokumentation von schuelerarbeiten zu gedenkstaettenfahrten

Page 1

dokumentation vonschĂźlerarbeiten zu studienfahrten nach auschwitz 2011-2013

1


impressum

texte monika junge-wentrup fotos monika junge-wentrup, sofern nicht anders gekennzeichnet graphische gestaltung mit.milch designbĂźro herausgeber peter junge-wentrup internationales bildungsund begegnungswerk (IBB), dortmund, april 2017 2


inhalt

vorwort

5

einleitung

6

auswahl der dokumentationen

7

01 vorbereitung der studienreise

8

02 durchführung der studienreise 2.1 reisedauer und anreise 2.2 verweildauer vor ort und führungen in auschwitz 2.3 jahreszeit 2.4 wichtige eindrücke 2.5 reaktionen der teilnehmer 2.6 abendliche reflexionsrunden 2.7 zeitzeugengespräche 2.8 abschied von auschwitz

9 9 10 11 12 15 16 17 18

03 nachbereitung und dokumentation

19

04 lerneffekte 4.1 warum diese studienreise? 4.2 was habe ich gelernt? 4.3 einfluss auf das handeln

24 24 24 25

05 fazit

26

06 der besuch von gedenkstätten in deutschland

27

07 der rote faden

28

08 fördermittel für gedenkstättenfahrten

30

09 literaturauswahl

31

3


„Wir liefen auf ihrer Asche… Dieser Gedanke ist unfassbar.“ 16-jähriger Realschüler

4


vorwort

Das IBB begleitet und unterstützt seit Jahren Lehrer und Schulklassen bei der Planung, Vorbereitung und Durchführung von Studienfahrten nach Auschwitz und Theresienstadt. Diese Fahrten wurden seit 2010 durch die Stiftung „Erinnern ermöglichen“ finanziell gefördert, heute geschieht die Förderung durch Zuschüsse der Bethe-Stiftung und durch Mittel des Kinder- und Jugendplans des Bundes. Die Förderung durch „Erinnern ermöglichen“ war auf NRW beschränkt und verlangte eine anschließende Dokumentation der Fahrt. So sind etliche Materialien, Filme und Dokumentationen entstanden, die zurzeit im IBB lagern und nicht in Vergessenheit geraten sollen, da sie gute Beispiele für die Durchführung einer solchen Studienfahrt und der anschließenden Rückbesinnung durch die Schüler sind. Das Material ist vielfältig, es reicht von durch Schülerhand beschriebene Lose-Blätter-Sammlungen über Fotobücher mit mehr oder weniger Text, über gebundene Werke mit Schülertexten, Videos von der Fahrt bis zu anschließenden Ausstellungen in der Schule. Es sind alle Schulformen vertreten: Hauptschulen, Förderschulen, Realschulen, Gesamtschulen, Gymnasien und Berufskollegs. Wir möchten mit dieser Dokumentation Schulen Mut machen, eine Studienfahrt zu einer Gedenkstätte in Polen zu unternehmen. Die folgenden Beispiele sollen dabei Ansporn und Anregung sein.

Münster, April 2017 Monika Junge-Wentrup Peter Junge-Wentrup 5


einleitung

übersättigung,schlussstrich oder „wider das vergessen“? Mit einer Schulklasse ein Konzentrationslager in Polen zu besuchen ist zeitlich und logistisch aufwendig. Reicht es nicht, den Holocaust im Geschichtsunterricht zu behandeln, immerhin liegt das Geschehen über 70 Jahre zurück? Hat es für heutige junge Menschen überhaupt noch Relevanz? Es gibt Menschen in Deutschland, die das verneinen und das Gedenken an den Judenmord und die Kriegsverbrechen der Deutschen am liebsten abschaffen würden. Der Forderung „Es wird Zeit, dass unter die nationalsozialistische Vergangenheit ein Schlussstrich gezogen wird“ stimmten 2006 65% der Befragten zu 1. Gleichzeitig bejahten 76% den Satz: Mich beschämt, dass Deutsche so viele Verbrechen an Juden begangen haben 2.“ Resultiert die Schlussstrichforderung aus einer medialen Übersättigung mit dem Thema oder dem Wunsch, sich nicht weiter dem dunklen Kapitel unserer Vergangenheit stellen zu müssen? Auch bei Schülern gibt es Unwillen und das Gefühl einer ständigen Wiederholung des Themas in allen Jahrgängen und Unterrichtsfächern, in Deutsch, Religion, Ethik, Geschichte, Politik, Gesellschaftskunde. Dagegen kam 2010 eine repräsentative Befragung von Jugendlichen ab 14 Jahren im Auftrag der ZEIT 3 zu dem Ergebnis, dass mehr als zwei Drittel der Befragten sich für die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust interessieren, ja ihre eigene Generation in der Pflicht sehen, die nationalsozialistischen Verbrechen nicht zu vergessen. Ein Drittel meinte, in der Schule zu wenig über das Thema zu lernen. Ein scheinbarer Widerspruch zu dem Übersättigungsgefühl, es gibt eben beides, je nachdem, wen man fragt und wer fragt. ist es überhaupt sinnvoll mit einer schülergruppe ein konzentrationslager in polen zu besuchen? Schüler/innen, die einmal in Auschwitz waren, würden das bejahen, wie ihre Rückmeldungen zeigen. Für fast alle hat sich die Sicht auf den Holocaust geändert, der Besuch hat das Grauen lebendig werden lassen, der Abstand zum Geschichtsthema ist geschmolzen, die Fakten sind nachvollziehbar und nachempfindbar geworden, nicht nur gehört, gele-

sen, gesehen, sondern am historischen Ort quasi „erlebt“. Es sind aber nicht alle Schüler gleichermaßen „betroffen“, die Betroffenheit zeigt sich unterschiedlich oder ist manchmal gar nicht vorhanden. Auf keinen Fall sollte sie vorausgesetzt oder erwartet werden, denn jeder Schüler hat individuelle Gründe für seine Reaktion. Diese Gründe kann man vorsichtig thematisieren oder sie einfach stehen lassen. „Holocaust-Erziehung“ ist von Beginn an auch als Prävention gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit gesehen worden, als Demokratie- und Menschenrechtserziehung. Kognitive in Verbindung mit affektiven Zugängen zu diesem Thema können sicher Bewusstwerdungsprozesse anregen und zur kritischen Auseinandersetzung mit Staatsmacht, Gesellschaft und Menschenrechten führen. Das geschieht aber nicht zwangsläufig und auch nicht nach dem Besuch einer Gedenkstätte. Es ist ein Prozess, in dem die augenblickliche gesellschaftliche Wirklichkeit kritisch betrachtet und analysiert werden muss. Wo finden wir antisemitische, xenophobe und rassistische Haltungen, auch bei uns selber? Wodurch wird eine freie, tolerante Gesellschaft bedroht? Wie frei und tolerant sind wir denn wirklich? Welche Handlungsmöglichkeiten haben wir, um Menschen- und Bürgerrechte durchzusetzen und zu schützen? Der Impetus dazu sollte im Idealfall vom Schüler ausgehen und nicht vom Lehrer. Heute ist die Auseinandersetzung mit einem Gewaltherrschaftssystem wie dem Nationalsozialismus notwendiger denn je. Überall in Europa und in Amerika ist die demokratische Grundordnung durch aufstrebende Nationalisten gefährdet, denen Gewaltenteilung, demokratische Kontrollsysteme und Bürgerrechte nichts mehr gelten und die ein autoritäres Weltbild vertreten. Die Mechanismen einer schleichenden Deformation demokratischer Staatsform in ein autoritäres Regime bzw. eine Einparteiendiktatur, die von weiten Teilen der Bevölkerung getragen wird, lassen sich nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler beispielhaft analysieren. Die Deformation „normaler“ Bürger in antisemitische Rassisten durch ideologische Berieselung in den damaligen Massenmedien und die Unterdrückung jeglichen

Zitiert nach: Dr. Juliane Wetzel, Holocaust-Erziehung, 2008, S. 4,

1

http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39843/holocaust-erziehung 2 3

6

ebenda, S. 3 Zitiert nach: Harald Welzer, Für eine Modernisierung der Erinnerungs- und Gedenkkultur, 2011, S.1


Mitgefühls durch die Vorteilsnahme bei Arisierungen wird deutlich. Wir erleben gerade heute, dass eine freiheitliche, an Menschen- und Bürgerrechten orientierte Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, sie ist angreifbar und muss in unserem eigenen Interesse verteidigt werden. Oft lernt man am ehesten aus dem Kontrast oder den Gegenkonzepten zu dem Bekannten, das erst dadurch sichtbar und schätzenswert wird. Eine solche Haltung vertrat z.B. Montaigne unter dem Eindruck der schrecklichen Religionskriege seiner Zeit: „Ich (…) lerne von Gegenbeispielen mehr als von Beispielen, und weniger durch Nachvollziehen als durch Fliehen. (…) Meine Abscheu vor Grausamkeit zieht mich stärker zur Barmherzigkeit hin, als es deren leuchtendste Vorbilder je bewirken könnten. Was sticht, berührt uns tiefer und macht uns wacher, als was uns streichelt.“4 was spricht für eine solche studienfahrt? Für eine Studienfahrt zu einer Gedenkstätte in Polen spricht, dass sie sich durch ihren Erlebnischarakter von den Lernsituationen in der Schule abhebt. Wichtig ist dabei aber, dass ein Vorwissen bei den Schülern vorhanden ist, an das die neue Erfahrung anknüpfen kann und so zu einer Erweiterung des Wissens auf kognitiver und emotionaler Basis führt. Christian Saehrendt formuliert es so: „Der Erlebnischarakter des Besuchs formt ein Lernen, das von nicht-kognitiven Erfahrungen ausgeht: Man nimmt einen historischen Ort in Augenschein, erwandert die Topographie, sensibilisiert sein Raumgefühl und lernt durch Einfühlung und Imagination, etwa beim Betreten feuchtkalter Gefängniszellen.“5 was sollte bei einer studienfahrt beachtet werden? Eine gut vorbereitete Reise z. B. mit dem Zug nach Auschwitz, · Majdanek oder in die Todeslager Bełzec, Chełmno, Sobibór und Treblinka spürt dem Weg nach, den deutsche und europäische Juden auf Geheiß der Nationalsozialisten nehmen mussten, diese allerdings eingepfercht in Viehwagen. Während der Fahrt könnten von Schülern Auszüge aus Berichten von Betroffenen

4

Michel de Montaigne, Essais. Zitiert nach: Volkhard Knigge, Zur Zukunft der

als Vorbereitung vorgelesen werden. Nach der Führung durch die Gedenkstätte, die gleichzeitig ein Friedhof nicht nur für Juden, sondern auch für sowjetische Kriegsgefangene, polnische Widerständler und Sinti und Roma ist, sollten die Schüler die Möglichkeit haben, selbständig den Ort zu erkunden und auf sich wirken zu lassen. Mir erscheint das unerlässlich, da jeder Mensch unterschiedlich reagiert, sich von unterschiedlichen Eindrücken berühren lässt und seine eigene Zeit braucht, um Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten. Abends ist eine Auswertung in der Großgruppe oder zunächst in Kleingruppen und dann im Plenum notwendig. Eindrücke müssen nicht verbal geäußert werden, sondern können in Form von Bildern, Fotos, Skizzen dargestellt werden. Einige Schüler haben ihre Eindrücke, Gedanken und Gefühle auch in Form von Tagebüchern festgehalten. auswahl der dokumentationen Das IBB und die Stiftung „Erinnern ermöglichen“ beherbergen seit 2016 einen Schatz an Dokumentationen von Studienreisen aus Nordrhein-Westfalen nach Auschwitz, die von Schulklassen und Jugendgruppen durchgeführt und von der Stiftung bezuschusst wurden. Für diese Übersicht wurde ein Sample von 26 Beispielen aus den Jahren 2011-2013 relativ willkürlich herausgegriffen und soll so der Vergessenheit entrissen werden. Die Mühe, die sich Schüler/-innen und Lehrer/-innen gemacht haben, die klugen Gedanken und Emotionen der Betroffenen sind es wert, erinnert zu werden. Zusätzlich könnte das eine oder andere Beispiel der Vor- und Nachbereitung oder auch der Durchführung der Fahrt Anreiz für die Planung einer solchen Studienreise durch Lehrer/-innen sein. Da die Auswahl willkürlich erfolgte, können keine allgemeinen Aussagen und Rückschlüsse aus dem Material gezogen werden. Aber die vorgefundenen Ergebnisse sind interessant genug. im sample sind alle schulformen vertreten • Förderschule 1 • Hauptschule 1 • Realschule 7 • Gesamtschule 4 • Gymnasium 8 • Berufskolleg/Berufsschule 5

Erinnerung, bpb, Dossier, Geschichte und Erinnerung, 21.06.2010 5

Christian Saehrendt, Gedenkstätten als Lernorte? http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/gedenkstaetten-als-lernorte/

7


01

vorbereitung der studienreise

Die Vorbereitung geschah natürlich zunächst im Geschichtsunterricht, orientiert an den für alle Schulen verbindlichen Lehrplänen. Zusätzlich wurden oft geeignete Lektüren und Filme zu den Themen der nationalsozialistischen Herrschaft und ihrem Einfluss auf die Gesellschaft im Deutschunterricht behandelt und zwar in unterschiedlichen Klassenstufen. Im Fokus des Religionsunterrichts standen eher ethische Fragen wie Schuld und Verantwortung. In 11 Schulen haben sich die Schüler/-innen, die an der Fahrt teilnehmen wollten, zusätzlich in einer AG inhaltlich darauf vorbereitet und auch eigene Schwerpunkte für die Erkundung festgelegt. An einem Gymnasium in Unna trafen sich z.B. die Schüler/-innen vor der Fahrt, um sich arbeitsteilig auf folgende Themen vorzubereiten, die sie während der Fahrt bearbeiteten und am anschließenden Projekttag zur Präsentation zusammenzustellten: • Jüdische Kultur • Entrechtung und Verdrängung der Juden aus der Volksgemeinschaft • Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs • Deportation in Arbeits- und Vernichtungslager, Massenexekutionen und Vergasungen • Selektion am Beispiel Auschwitz • Selbstbild der Täter • Das heutige Leben der Juden am Beispiel Budapest6 und Krakau

6

Die Schülergruppe war 2 Tage auf den Spuren jüdischen Lebens in Budapest und traf sich dann für die nächsten 8 Tage mit Vertretern ihrer polnischen und slowakischen Partnerschulen in Polen.

8

Einige Schüler/-innen haben Bewerbungsschreiben verfasst, in denen sie begründeten, warum sie an der Studienreise teilnehmen wollten; so konnten sie sich ihrer Motivation besser bewusst werden und nicht einfach „blind“ der Gruppe folgen. Besonders erwähnenswert scheint mir, dass zwölf Gruppen sich an außerschulischen Lernorten auf ihre Exkursion vorbereitet haben. Dazu gehören: • • • • • • • • •

Die NS-Ordensburg Vogelsang IP in der Eifel Die Steinwache Dortmund Das Haus der Geschichte in Bonn Die Gedenkstätte Wewelsburg Die Alte Synagoge in Essen Die Villa ten Hompel in Münster Das EL-DE-Haus in Köln Die „Judenrampe“ im Deutzer Bahnhof Das Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück

Vier Gruppen begaben sich auf Spurensuche jüdischen Lebens an ihrem Heimatort, sei es anhand von Stolpersteinen oder dem Besuch im Ortsarchiv oder Heimatmuseum. In zwei Schulen waren auch Zeitzeugen zu Besuch: Esther Bejarano, Erna de Vries und Hans Kaufmann. Alle drei sind als Deutsche jüdischen Glaubens hochbetagte Überlebende der Shoa, wobei der aus Münster stammende Hans Kaufmann leider im Oktober 2016 schon verstorben ist. Drei Schulgruppen sind durch einen außerschulischen Träger (in diesem Fall das IBB e.V. Dortmund) auf die Fahrt vorbereitet und auch später in Auschwitz begleitet worden.


02

durchführung der studienreise

02.1 reisedauer und anreise die reisedauer betrug zwischen 3 und 10 tagen. die meisten gruppen reisten mit dem bus oder dem zug an, einige auch mit dem flugzeug über kattowitz oder krakau. die zugfahrt wurde von einigen teilnehmern als belastend, aber auch lehrreich empfunden: „Allein die Tatsache, dass wir als Gruppe mit dem Zug gefahren sind, war eine Erfahrung, da man einen Bezug herstellen konnte zu der Anreise der deportierten Juden.“

Der Marktplatz in O

cim (Auschwitz)

„Die Zugfahrt, die über 21 Stunden dauerte, bis wir Auschwitz erreichten, zehrte sehr an unseren Kräften, dass wir uns trotz der Nacht im Schlafwagen auf eine erfrischende Dusche und ein Bett freuten. Doch schon am Nachmittag bei der ersten Besichtigung der Stadt und des Stammlagers wurde mir klar, dass die Juden, die damals nach Auschwitz deportiert wurden, mehrere Tage ununterbrochen unterwegs waren ohne jeglichen Schlaf und ohne Sanitäreinrichtungen. Also bekamen unsere Zugfahrten eine ganz andere Bedeutung…“

9


02

durchführung der studienreise

02.2 verweildauer vor Ort und Führungen in Auschwitz 16 gruppen verbrachten je einen halben tag im stammlager, auschwitz I, und in birkenau, auschwitz II. 10 gruppen ließen sich mehr zeit, nämlich je einen vollen tag in beiden lagern. dabei nahmen sie zunächst an einer 3-4-stündigen führung teil und konnten nachmittags oder am nächsten tag noch einmal einen halben tag individuell oder in kleingruppen das gelände erkunden oder sich einzelne ausstellungen ansehen. die führungen im stammlager und in birkenau wurden meist positiv bewertet. „Wir bekamen Kopfhörer. (…) Irgendwie war durch die Kopfhörer jeder ganz für sich. Wir konnten uns auf die Informationen konzentrieren und wirklich jeder aus unserer Gruppe hörte konzentriert zu.“ Aber es gibt auch Schüler/-innen, denen die Informationen zu schnell und zu komprimiert waren und die sich mehr Zeit gewünscht hätten, um im eigenen Tempo den Ort zu erkunden und ihn auf sich wirken zu lassen. „Zuerst war ich verärgert über seine Art uns zu führen, die darin bestand, uns mit einer rasenden Geschwindigkeit von Block zu Block und von Raum zu Raum zu treiben. Man war nicht lange genug an einem Ort, um seinen Worten zu folgen und sich Gedanken dazu zu machen. (…) Wir hörten jedes seiner Worte durch Kopfhörer, doch ab einem gewissen Zeitpunkt, wenn man nur noch halb so viel aufnehmen kann, wie man hört, stellt man den Ton unbewusst ab. Ich begann mir die Räume genauer anzusehen und für mich Uninteressantes unbeachtet zu lassen. Ich blieb länger an bestimmten Orten stehen und ging schneller an anderen vorüber.“ „Die beiden Lager sind ein Sammelhort an Informationen und ich hätte mir mehr Zeit gewünscht, um mich auch mit den ausgestellten Dokumenten befassen zu können.“

„Natürlich muss man sich von vornherein klar sein, dass das meiste von dem, was man bei der Besichtigung vom KZ Auschwitz sieht und empfindet, sich nur schwer in Worte fassen lässt. Fast die ganze Zeit ist man von seinen Eindrücken überwältigt. Ich selbst hatte die meiste Zeit das Bedürfnis, etwas abseits zu gehen und in Frieden und Ruhe über all das nachzudenken. An bestimmten Punkten dann jagte mir ein Schauer über den Rücken und meine Augen wurden feucht. Auschwitz ist kein Ort, den man verlässt wie man ihn betritt.“ manchmal waren die eindrücke der schüler/-innen noch intensiver, wenn sie allein oder in kleingruppen ein zweites mal die lager besuchten. „Wenn man mit der Gruppe durch die Blöcke geht, ist es nicht so schlimm, als wenn man nur mit drei Personen da langgeht. Denn dann bekommt man richtig Angst, dann sieht man die ausgestellten Sachen und die Bilder mit anderen Augen. Es ist weitaus bedrückender. Die Stille und dazu noch die Bilder der Menschen. Als würden sie einen angucken. Nicht nur mir ging das so, die anderen in der Gruppe hatten dasselbe Empfinden. (…) Neben der Angst war auch die Wut ein ständiger Begleiter bei mir.“ „Als wir durch einen Flur in einem der Blöcke gelaufen sind, wurde ich von den Bildern erdrückt. Ich verspürte Platzangst, als ich die vielen nebeneinanderstehenden Bilder sah, von Menschen, die abgemagert, krank und leblos aussahen. Alle Häftlinge hatten fast denselben Gesichtsausdruck. Einen verzweifelten, ängstlichen und hoffnungslosen Blick. Man konnte ihnen ansehen, dass sie sehr viel Schlimmes durchlebt hatten. Als ich genauer auf die Bilder einging und mir die Namen und Geburtsdaten durchlas, fiel mir plötzlich auf, dass es sehr viele polnische Häftlinge waren. Ich als gebürtige Polin fühlte Mitleid, aber auch zugleich Hass, da polnische Bürger in ihrem eigenen Land ohne Grund verhaftet und zur Arbeit versklavt wurden.“ Hier wird deutlich, dass auf jeden Fall in der Vorbereitung auf die Fahrt die Geschichte Polens nicht vergessen werden darf.

10


02

durchführung der studienreise

02.3 jahreszeit der erste eindruck vom stammlager hängt stark von der jahreszeit und dem damit verbundenen besucherandrang ab. in den sommermonaten ist das museum stark frequentiert, die menge und das verhalten der besucher können ebenso irritieren wie die frischen farben der natur und die soliden backsteinbauten im sonnenlicht. das blau des himmels, die grüne vegetation, die ordentlichen gebäude, die schar der besucher lassen sich nur schwer mit einem ort der qual und des todes verbinden. einige schüler/-innen sprechen sogar von einem idyllischen bild. „Der erste Blick auf das Stammlager bzw. die ersten Bilder des KZ haben ein komisches Gefühl in mir erweckt. Trotz der Umzäunung kamen mir die Gebäude nicht wirklich negativ vor. Ich habe mit grauen Gebäuden und flachen Dächern gerechnet, doch die farbigen Gebäude passten überhaupt nicht in meine Vorstellungen.“ „Mir war der teilweise massenhafte Andrang zu viel, es wirkte teilweise sehr touristisch, so dass sich die eigentlich bedrückende Atmosphäre veränderte.“ „Obwohl bereits sehr viel zerstört wurde, ist es immer noch sehr heftig! Ich finde es sehr schade, dass aus einer so schrecklichen Sache eine Touristenattraktion gemacht wird!“

Auschwitz, Stammlager, Kasernen mit Wachturm

Die Hälfte der dokumentierten Gruppenfahrten fand in den Wintermonaten Januar bis März statt. Die frostige Kälte ließ die Schüler/-innen eher erahnen, wie die Lebenssituation der Gefangenen in den zugigen, schlecht beheizten Baracken Birkenaus war. „Dass aus diesem Zentrum des Bösen auf Erden eine Tourismusmaschine gemacht wurde, die man bei den ersten Schritten noch genauso wie eine römische Ruine oder eine ägyptische Pyramide besichtigt, verharmlost den ersten Eindruck. Aber wenn man seine Zeit hatte, all das, was von außen auf einen einströmt, zu sortieren und zu realisieren, wird einem das Gewicht dieses Ortes klar, an dem man sich befindet. Es gibt diesen Moment, wo aus der Erkundung von Auschwitz etwas ganz Anderes wurde als eine Besichtigung. Mehr als eine Berieselung mit Fakten und ein paar Blicke auf alte Mauern. Es wurde etwas daraus, was den Kopf beschäftigt und einen nie mehr loslässt…“ „Genauso tief berührt hat mich der Gedanke, dass die wunderschöne, weite Wiese im Nebenlager Auschwitz Birkenau eigentlich ein riesiger Friedhof ist, aber nicht mit Gräbern, sondern mit der Asche der Ermordeten…“

Auschwitz Stammlager, Eingangsbereich

11


02

durchführung der studienreise

02.4 wichtige eindrücke 16 gruppen verbrachten je einen halben tag im stammlager, viele teilnehmer ließen sich durch die sammlungen von häftlingsgegenständen, die kindersachen, die kinderzeichnungen oder die fotos im stammlager und birkenau stark beeindrucken. erschüttert waren sie beim besuch der gaskammern, dem anblick der verbrennungsöfen und der penibel geführten listen getöteter. „Ich persönlich fand die Bilder von den abgemagerten Kindern und die ganzen Schuhe und Kleider etc. am schlimmsten.“ „Am meisten in Erinnerung sind mir die Bilder von der Gaskammer geblieben.“ „Am meisten beeindruckt hat mich die Todesmauer im Stammlager. Dort ist mir zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, dass auf dem Boden, auf dem wir stehen, Menschen gestorben sind.“

„Unter den vielen Ausstellungen, die ich gesehen habe, hat sich ein ganz besonders schockierender Eindruck tief in meine Seele gebrannt: In der Länderausstellung von Israel war ein Raum mit Kinderzeichnungen an der Wand, dessen Inhalte mir immer wieder in den Sinn kommen, wenn ich z.B. einen Kindergarten sehe. (…) diese Bilder an der Wand jedoch vermitteln einem, dass kleine jüdische Kinder schon mit der Todesangst konfrontiert wurden und nur zu den grausamen Taten der Nationalsozialisten verschiedene Szenen malten,…“ „Vieles kann man sich einfach nicht vorstellen, auch wenn so viele Gegenstände dort gezeigt werden. Nur bei den Kindersachen / bei der Babykleidung habe ich ein sehr starkes Trauergefühl bekommen.“ „Am meisten haben mich an diesem Tag [Stammlager] die riesigen Stacheldrahtzäune beängstigt, denn diese sehen nicht aus wie ein herkömmlicher Zaun. Ich finde, in ihnen spiegelt sich das Leid aus diesem Konzentrationslager wieder.“

Der Eingangsbereich vom KL Birkenau

12


02

durchführung der studienreise

„Ein besonderer Anhaltspunkt war für mich der Augenblick, als man die Fotografien aus den früheren Leben der Opfer gesehen hat. Zusammen mit den Fotos der Häftlinge, die man am Tag davor gesehen hatte, bildeten sie eine Brücke zu konkreten, sichtbaren Menschen, die durch Statistiken u.a. nicht errichtet werden könnte. Auch der Kontrast zwischen den Gesichtern auf den beiden Fotogruppen war gravierend. Insgesamt half es mir irgendwie, die Distanz, die anfangs noch präsent war, zu überwinden.“ „In Auschwitz haben wir viele Bilder gesehen. Diese Bilder sind mir besonders in Erinnerung geblieben, wo man die abgemagerte Frau gesehen hat und daneben das Tagesessen. Das hat einen sehr berührt, weil man daran gesehen hat, wie die Menschen gelitten haben.“ „Am schlimmsten waren die Bilder der ganzen Gefangenen, die in einem langen Flur reihenweise an der Wand hingen, die ganzen Bilder der Frauen und Männer, wann diese geboren waren, wann diese ins Lager kamen und wann sie dort starben. Genauso schlimm die Bilder der Kinder, wie sie die Sträflingsanzüge anhatten…total abgemagert und unglücklich.“ „Mir wurde erst wieder übel, als ich die ganzen Fotos in dem einen Raum [‚Sauna‘, Birkenau] gesehen habe. Die Toten hatten wieder Gesichter und das berührte mich.“ einen sehr starken eindruck machten die fotos der gefangenen auf die teilnehmer, vor allem die fotos aus ihrem leben vor der deportation. hier ergab sich für den betrachter eine direkte konfrontation mit einer oder mit mehreren realen personen. aus der abstrakten zahl getöteter wurden menschen, die nicht nur opfer waren, sondern vorher ein „normales leben“ geführt hatten. „Ein Moment, in dem ich mir das Leid in Auschwitz in Ansätzen vor Augen führen konnte, war, als ich der Menge an gesammelten Fotos der Häftlinge vor dem Krieg gegenüberstand. Es waren Fotos von ganz normalen, glücklichen Menschen mit ihren Verwandten, zusammen posierend oder Schnappschüsse aus ihrem Leben, das sich offensichtlich kein bisschen von unserem unterschied. In dem Moment dachte ich, wieviel Leben sinnlos verschwendet worden war…“

„In einem großen Raum des Duschhauses [in Birkenau] waren Bilder ausgestellt, die in den Koffern einiger Opfer gefunden wurden. Ich begann zu verstehen, dass es normale Menschen waren. Man erfuhr von Träumen, von Sehnsüchten, von Frohem und Traurigem, man erfuhr vor allem, dass es wirklich überhaupt KEINEN Grund zur Vernichtung dieser Menschen gab, da sie wie du und ich lebten und in keinster Weise schlechter waren als der Rest der Menschen. Immer wieder hörten wir von Beispielen, die genau das Gegenteil bewiesen.“ „Als ich in einem der Schaukästen Listen mit den verstorbenen Häftlingen sah, suchte ich rein aus Interesse nach meinem Nachnamen. Plötzlich sah ich ihn und war geschockt. Der Gedanke, dass dieser Mann mit mir verwandt ist oder sogar ein Vorfahre von mir sein könnte, machte mich sprachlos. Ich stand mehrere Minuten vor der Liste und starrte diesen einen Namen an.“

13


02

durchführung der studienreise

der stärkste eindruck vom lager birkenau auf die schüler/-innen war der der größe und der damit verbundenen unvorstellbar hohen zahl der opfer und der perfiden planung, das lager noch einmal zu erweitern, um weitere menschen zu versklaven und bis zum tode auszubeuten.

„Der Tag, wo wir in Birkenau waren, war der schlimmste. (…) Bei der Führung durch das Vernichtungslager Birkenau wurden mir die Dimensionen dieses Lagers erst richtig bewusst und mir wurde klar, wie schlecht die Lebensbedingungen für die Juden gewesen sein müssen.“ die schülergruppe eines berufskollegs für hörgeschädigte verbrachte 5 tage ihrer 10-tägigen studienreise vor ort in auschwitz. am dritten tag führten sie erhaltungsarbeiten in birkenau und auf dem kleinen friedhof am stammlager durch. einigen teilnehmern wurde dadurch die situation, in der sich die gefangenen damals befanden, deutlicher bewusst.

Schülergruppe in Birkenau

„Der bewegendste und ergreifendste Moment war für mich, als ich im KZ Birkenau auf den Schienen durch das Tor gegangen bin, wo damals die Transporte ankamen. Erst einmal hat mich dabei die Weite des Lagers erschlagen. Ich wusste zwar, dass es sehr viel größer sein würde als das Stammlager Auschwitz, aber damit habe ich nicht gerechnet. Ich kam mir so klein und verloren vor, und dann kam mir noch der Gedanke an die Massen von Menschen, die dort hinein passen. Einfach grausam…“

„Am nächsten Tag haben wir Erhaltungsarbeiten in AuschwitzBirkenau gemacht. (…) Wir hatten keine Zeit zum Nachdenken und haben unter dem Motto „Arbeit macht frei“ den Graben von einem Wachturm 400 m weiter bis zum nächsten Zaun mit einfachen Hilfsmitteln (Harke und Mistgabel) von den übrig gebliebenen Resten vom Rasenmähen befreit. An dem Tag war es sehr heiß und wir haben somit nur langsam arbeiten können und viel Wasser (…) gebraucht und getrunken. Die Größe des Konzentrationslagers wurde mir während der Arbeit bewusst… Erst dadurch, dass ich selbst die Ärmel hochkrempeln musste und für ein paar Stunden !!! (nicht mehr) dort mitangepackt habe, konnte ich es auch erstmals BEGREIFEN, was es damals für sie bedeutet haben muss, in einer langen Gefangenenkleidung, die man nicht ausziehen durfte, und unter Tempo und ständiger Angst, in der nächsten Sekunde erschossen zu werden, zu arbeiten. Zudem haben sie nicht nur ein paar Stunden dort gearbeitet wie wir, sondern 12 Stunden am Tag und sie hatten auch keine Wasserflasche dort stehen, sondern GAR NICHTS…“

„Als wir das Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau sahen, verschlug es uns die Sprache, die Größe ist unbeschreiblich…“ „Erst am nächsten Tag bei der Führung durch Birkenau habe ich einen Bezug zu dem schieren Ausmaß und der Größe des Konzentrationslagers bekommen. Ich fand es erschreckend, wie viele jüdische Menschen hierhin deportiert worden sind oder noch sollten. Ich war entsetzt über die Art der Planung, man hatte ein riesiges Areal umgebaut, um so viele Juden wie möglich umzubringen. Danach brauchte ich erst einmal eine Pause, um meine Gedanken zu sortieren, denn man kann sich nicht vorstellen, wie viele Menschen hier getötet wurden, werden sollten oder unter welchen Umständen sie hier leben mussten…“

14

„Mich hat die Größe von Birkenau überwältigt.“


02

durchführung der studienreise

02.5 reaktionen der teilnehmer die teilnehmer reagierten unterschiedlich, bei einigen bestand erst einmal eine distanz, eine scheinbare unberührtheit oder auch die erwartung, auf eine bestimmte art reagieren zu müssen, betroffenheit zu zeigen. „…fühlte ich mich beobachtet. Als ob ich bei der Ausübung einer Pflicht kontrolliert würde. Die Pflicht, sich ergriffen zu zeigen.“ „Nichts hat mich so wirklich getroffen, weil ich es mir anders vorgestellt habe. Es herrschte aber eine so bedrückende Stimmung, obwohl am Abend davor und am Morgen danach so viel gelacht wurde.“ „Es war komisch für mich im Stammlager, weil es ein so ruhiger Ort ist, was es schwierig macht, sich die Verbrechen vorzustellen.“ „Im Großen und Ganzen fand ich die Fahrt nach Auschwitz sehr interessant und ereignisreich. Als ich dort war, konnte ich mir das gar nicht so vorstellen und es hat mich nicht so berührt. Aber jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, muss ich immer wieder an die Erlebnisse denken und an das, was ich dort gesehen habe, wie z.B. die Haarberge und die anderen sehr persönlichen Dinge der Menschen, die dort umgekommen sind.“ andere zeigten starke gefühle wie trauer, angst, wut oder reagierten mit fassungslosigkeit, sprachlosigkeit, übelkeit und dem gefühl der leere. „Nach dem Besuch fühle ich eine Angst vor dem, wozu Menschen fähig sind, wenn sie ihre Ziele verfolgen. Die Lager haben mich emotional berührt, denn dort war der Holocaust erwartungsgemäß sehr gegenwärtig. Ich dachte an die Tyrannei, die die Insassen erfahren mussten. Ich dachte an die Trennung der Familien und die Verzweiflung der Insassen…“ „Bevor ich das Gelände von Auschwitz betrat, war mir nicht bewusst, welche Wucht von Gefühlen mich überrumpeln würde. Bei der Führung durch das Lager (…) fühlte ich derartiges Mitgefühl für die ermordeten, verstorbenen Insassen dieses Lagers und ihre Schicksale wie sonst noch nie. (…) Vor allem aber, dass die Grausamkeit der SS-Leute nicht vor Kindern Halt machte. Beim Anblick der dargestellten Photographien und Artefakte

in der Ausstellung fragte ich mich, wie man nur so fürchterlich handeln konnte. Oft standen mir Tränen in den Augen und ein paar Mal brachen sie auch aus. Dass ich weinte, war nicht schlimm (…) Dies geschah auch vielen Menschen in meiner Gruppe, denen ich es nicht zugetraut hatte (…)“ „Ich habe Eindrücke bekommen, die ich absolut nicht erwartet habe. Allein die Vorstellung, was dort passiert ist, war schrecklich. Doch wenn man an diesem Ort steht, ist es ein Gefühl der Sprach- und Fassungslosigkeit.“ „Ich war den ganzen Tag etwas bedrückt und fühlte starke Trauer in mir und diese Unfassbarkeit, wozu Menschen überhaupt in der Lage sein können.“ „…fühlte ich mich immer unwohler, ich wollte einfach weg von diesem Ort. Es bedrängte mich förmlich, diese Abschlachtung von Menschen, es machte mich gefühlsmäßig so fertig, dass ich bis heute noch eine Lehre daraus trage, diese Taten nicht zu vergessen und andere Menschen zu achten.“ Eine Lehrerin: „Vollkommen beeindruckt hat mich das Verhalten der SchülerInnen vor Ort. Nie hätte ich es gewagt, mir vorher so eine Empfindsamkeit und Offenheit zu wünschen. Nicht im Ansatz konnte ich mir vor Beginn der Fahrt vorstellen, dass diese historischen Stätten bei den SchülerInnen derartige Gefühle auslösen und dass eine solche Auseinandersetzung mit den Gräueltaten stattfand. Diese Fahrt war nach über 20 Dienstjahren und sehr vielen In- und Auslandsfahrten mit SchülerInnen die wertvollste Erfahrung als Lehrerin.“

„Neben der Angst war auch die Wut ein

ständiger Begleiter bei mir.“

15


02

durchführung der studienreise

02.6 abendliche reflexionsrunden mit ihren starken gefühlen und ängsten sollten die schüler/-innen natürlich nicht allein gelassen werden. dafür bietet sich die abendliche gesprächsrunde mit den begleitenden lehrern und teamern an. niemand darf dabei aber zu einer äußerung genötigt werden. Einige schüler/-innen brauchen mehr zeit, um das erlebte zu „verdauen“ und sind deshalb erst einmal sprachlos. wenn möglich überlässt man am ersten abend die moderation den polnischen teamern, damit keine schulsituation entsteht und schüler/-innen unbefangen ihre eindrücke schildern können, auch wenn sie den vermuteten „erwartungen“ nicht entsprechen. durch teilung der gruppe in kleinere gruppen, durch nonverbale äußerungen in form von bildern, skizzen, durch assoziationsketten, kreative Arbeitsformen lässt sich die atmosphäre auflockern. vielen schüler/-innen waren gerade die abendlichen reflexionsrunden und die spätere nachbereitung in der schule wichtig.

„Die Gesprächsrunde hat mir sehr weitergeholfen, das Geschehene besser zu verarbeiten. Dennoch hätte ich es besser gefunden, wenn jeder für sich selber hätte entscheiden dürfen, ob er etwas zu bestimmten Fragen sagen wollte, da jeder so etwas unterschiedlich verarbeitet.“

„Am Abend konnte ich kaum etwas essen und hatte gar keinen Hunger, stattdessen tauschten wir uns über unsere Eindrücke aus und es half mir , das Gesehene und Gehörte und auch die Gedanken dazu somit ein wenig zu verarbeiten. Die Stimmung lockerte sich ein wenig auf…“ „Abends trafen wir uns in zwei verschiedenen Reflexionsgruppen mit jeweils zwei Lehrpersonen und einem Betreuer, um uns über die Geschehnisse des Tages auszutauschen. Die Reflexionen waren sehr hilfreich für uns, um das Geschehene zu verarbeiten und Unsicherheiten aus der Welt zu schaffen. Es waren unseren Gedanken und Anmerkungen keine Grenzen gesetzt und so stand es uns frei zu entscheiden, wie wir unsere Gefühle äußern und darstellen konnten. So konnten die persönlich wichtigsten Eindrücke mit Bildern, Gedichten und Texten festgehalten werden. Anschließend stand es uns offen, zu entscheiden, ob wir unsere Meinungen, Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse den anderen mitteilen wollten oder sie für uns behalten wollten, um sie alleine zu verarbeiten.“ „Es war uns wichtig, dass alle Meinungen toleriert und akzeptiert wurden, denn nur so konnten alle ohne Hemmungen sprechen und die anderen an ihren Gefühlen teilhaben lassen und ohne Kommentare anderer ihre Gedanken aussprechen.“

16

Synagoge im Jüdischen Museum, O

cim


02

durchführung der studienreise

02.7 zeitzeugengespräche solange die möglichkeit zu zeitzeugengesprächen noch besteht, sollte man sie auf alle fälle nutzen. in kaum einer anderen situation hören schüler/-innen so intensiv zu, als wenn ein älterer Mensch aus seinem leben erzählt. 10 schulgruppen haben an einem solchen gespräch teilgenommen. einigesSchüler/-innen haben erst dabei begriffen, was in auschwitz wirklich passiert ist. „Das Zeitzeugengespräch mit Herrn Paczkowski hat mich während des Aufenthalts in Auschwitz am meisten beeindruckt. Vor allem Herr Paczkowskis persönliche und subjektive Schilderungen von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager Auschwitz haben dazu beigetragen, wenigstens teilweise nachvollziehen und verstehen zu können, wie schlimm die Lage dort war.“ „Am weitaus beeindruckendsten war für mich, hautnah und live einem Überlebenden des KZs Auschwitz zuzuhören. (…) Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, all das durchgemacht zu haben, aber wenigstens ist mir klar geworden, mit was für Gefühlen die Menschen in den KZs klarkommen mussten…“ „Jeder von uns wusste schon lange, was damals in der NS-Zeit passiert war. (…) Doch noch nie zuvor war es so real für mich, wie es bei dem Gespräch mit Herrn Paczkowski war. Die Lebensgeschichte eines mittlerweile alten Mannes zu hören, der damals noch ein Kind war, war einer der bewegendsten Momente, die ich auf dieser Fahrt erlebt habe und der so viele Emotionen gleichzeitig ausgelöst hat, dass ich gar nicht wüsste, wie ich diesen Moment beschreiben könnte.“ „Am nächsten Tag kam Herr Ignacy Krasnokucki zum Zeitzeugengespräch ins Zentrum für Dialog. Es war für mich einer der bewegenden Momente in meinem Leben. Jede Lehrkraft kann mir noch so viele Fakten erzählen und überbringen, das, was sie alle gemeinsam nicht können, sind die Gefühle und Gedanken während der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Zeitzeuge kann es viel besser schildern und überbringen, wenn er die Geschehnisse und Dinge am eigenen Leibe erlebt hat. Es ist auf einer persönlichen Ebene und nicht wie in einer Schule auf einer sachlichen Ebene. Die Aussagen von Herrn Krasnokucki hatten dadurch für mich eine ganz andere Qualität – eine viel höhere – als z.B. die ganzen Zahlen und Fakten der ermordeten Juden, die auf einer großen Tafel stehen…“

„[Der Zeitzeuge] Herr Dlugoborski begann chronologisch von seinem Leben zu berichten, was uns als Zuhörer gebannt fesselte, aber auch sehr schockierte. Durch die schockierenden Erzählungen entstand öfters ein Moment der Stille und Fassungslosigkeit. (…) Besonders nah ging uns sein Bericht über seine jüdische Freundin aus dem Lager, die er sehr liebte und die in der Gaskammer den Tod fand. (…) Wir sind sehr dankbar, dass wir diese seltene Möglichkeit zu einem Gespräch mit einem Zeitzeugen erhielten.“

„Heute war für mich definitiv der Höhe-

punkt unserer Reise. Jedes Mal, wenn ich

etwas über Auschwitz

höre, werde ich an den Zeitzeugen denken. Er

(…) machte mir erstmal klar, wie schrecklich es in Auschwitz zuging.“

17


02

Durchführung der studienreise

02.8 abschied von auschwitz zur würdigung des ortes und für einen entsprechenden abschied ist es notwendig, sich dazu in der gruppe gedanken zu machen: wo soll das gedenken stattfinden? was wollen wir tun? was bringen wir mit? wer besorgt z.b. die blumen, die steine o.a.? beispiele für abschiede, die von den schüler/-innen organisiert wurden, sind:

• Eine Andacht an der Stelle, wo die Deportierten aussteigen mussten, um zu Fuß weiter nach Birkenau und zu ihrer Vernichtung zu gehen. Jüdische, christliche und muslimische Gebete werden von Schüler/-innen verlesen. • Von Schüler/-innen beschriebene Zettel werden an der Stelle, wo der ehemalige Brunnen der Synagoge in Auschwitz stand und der ein beliebter Treffpunkt war, niedergelegt und mit einem Stein beschwert. • An der Rampe in Birkenau werden Texte von jüdischen Opfern verlesen. • Steine werden mit den Namen von Opfern beschrieben und auf einer Wiese in Birkenau niedergelegt. „Wir entschieden uns nach kurzer Diskussion dafür, Steine zu beschriften und diese an einen alten Waggon an der Judenrampe zu legen, da es im Judentum zum Gedenken an die Toten Brauch ist, Steine statt Blumen an das Grab zu bringen. (…) Zusätzlich zu den Steinen wollten wir Kerzen anzünden, Gedichte vorlesen und eine Schweigeminute halten. (…) Wir alle fanden die Gedenkfeier sehr gut, da wir so mit dem Ort und dessen Geschichte einen ‚Abschluss‘ fanden. Wir hatten alle nochmals Zeit über diesen Ort und die Geschehnisse nachzudenken und auch alle Gefühle zuzulassen und sich gegenseitig zu stärken.“

18

Ein kleines Denkmal am Ende der Gleise in Birkenau (Schülerfoto)

Selbst beschriebene und bemalte Steineals Zeichen des Abschiedes und der Trauer (Schülerfoto)


03

nachbereitung und dokumentation

„Wichtig war uns, dass wir in der Schule Zeit

hatten, die Studienfahrt gut nachzubereiten. Wir schrieben Erinnerungsbücher und konnten in

vielen Gesprächen unsere Erlebnisse gemeinsam verarbeiten. Ich weiß nicht warum, aber viel darüber sprechen kann oder will ich nicht.“ Die Nachbereitung der Studienreise in der Schule ist für die emotionale und die kognitive Verarbeitung wichtig. Ängste lassen sich durch den historischen Bezug und durch Handlungsperspektiven reduzieren, Wut und Trauer können die Basis bilden für eine Auseinandersetzung mit Rassismus, Intoleranz, Islam- und Fremdenfeindlichkeit heute. Die Fassungslosigkeit darüber, was Menschen anderen Menschen antun können, wozu „normale“ Menschen unter bestimmten Bedingungen überhaupt fähig sind, macht es notwendig die Handlungsweise der Täter, der Profiteure und der Zuschauer soziologisch und sozialpsychologisch vor ihrem historischen Hintergrund zu analysieren, aber auch die Gefahren aufzuzeigen, die jederzeit durch autoritäre Machtanmaßung, Einschüchterung, Korruption und Bequemlichkeit demokratische Strukturen und Menschenrechte einschränken können bis zu deren Zerstörung. Die Nachbereitung in den Schulen fand vielfach in der Weiterführung der AG, in Projekttagen oder einer Projektwoche statt. In acht Fällen wurden Ausstellungen in der Schule und in drei Fällen außerhalb der Schule in öffentlichen Gebäuden durchgeführt. Die Ausstellung sollte zum einen die Eindrücke der mitgereisten Schüler/-innen wiedergeben und über den Gedenkort informieren, zum anderen die Mitschüler animieren, ebenfalls an einer solchen Fahrt teilzunehmen. Berichte über die Studienfahrt entstanden aus den Reisetagebüchern der Teilnehmer, aus fragengeleiteten schriftlichen Äußerungen und in projektbezo-

gener Kleingruppenarbeit. Berichte wurden auf der Website/ Homepage der Schule vorgestellt, im Jahrbuch, im Rundbrief, in der Schülerzeitung und in der örtlichen Presse veröffentlicht. Es wurden viele Videos aufgenommen und zu Filmen, teils mit Ton oder mit Musik unterlegt, zusammengeschnitten. Die schriftlichen Dokumentationen reichen von Lose-Blatt-Sammlungen in Schülerhandschrift über Fotobücher mit wenig Text zu Hochglanzbroschüren mit umfangreichen Schülerbeiträgen. Für die Nachbereitung konnten sich die Schüler/-innen einer Realschule z.B. an folgenden Fragen orientieren: • • • • • • • •

Welche Bilder sind dir besonders in Erinnerung geblieben? Welche Fragen stellst du dir? Welche Hoffnungen hast du nun? Wie war die Fahrt nach Auschwitz? Wofür wirst du dich jetzt einsetzen? Welche positiven Aspekte hatte der Besuch? Würdest du die Fahrt empfehlen? Warum? Was möchtest du den anderen Schülern mitteilen?

In der Nachbereitung sind etliche künstlerische Arbeiten entstanden, Skulpturen, Bilder, Zeichnungen, Linoldrucke und Gedichte. 19


20


wo wo sind wo sind die wo sind die gefĂźhle wo sind die gefĂźhle hin?

kälte alles grau eine schreckliche zeit viel kummer und leid nationalsozialismus

21


ANGST UMS LEBEN UNSCHULD DER GEFANGENEN RASSISMUS SCHMERZ DURCH FOLTER UND HUNGER HOFFNUNG AUF RETTUNG WUNDEN ERINNERUNG TOD VIELER MENSCHEN KONZENTRATIONSLAGER

22

GEDENKSTÄTTE KREMATORIUM SCHMERZ MORD TRAUER GEDANKEN UNSCHULD NOT ANGST


VERLOREN IN AUSCHWITZ VERLOREN IM ENDLOSEN NICHTS VON ERINNERUNGEN, EURE SCHMERZEN VERBLASSEN NICHT. MAN SIEHT DIE ANGST IN DEN TRÜMMERN, DIE VERZWEIFLUNG IN DEN BILDERN, DIE SO LEBENDIG SIND. KÄLTE UMHÜLLT DEN ORT, EURE TRÄNEN SIND ERFROREN, UNTERGEGANGEN MIT DER ZEIT. LIEBE UND WÄRME SIND TOT, VERSCHWUNDEN IN DER UNENDLICHKEIT. OFFENE FRAGEN BLEIBEN – FÜR IMMER! ÜBERWÄLTIGT VON MILLIONEN EMOTIONEN SCHREIB ICH DIES FÜR ALLE, DIE NUR HASS ERFAHREN HABEN UND GRUNDLOS STARBEN.

23


04 lerneffekte 04.1 warum diese studienreise?

04.2 was habe ich gelernt?

„Wenn man diese Fahrt mit Filmen und Büchern vergleicht, die dasselbe beinhalten, ist diese Fahrt viel belehrender, weil die eigenen Gefühle ins Spiel kommen.“

„[Die Studienfahrt] hat mir nochmal bestätigt, dass die Demokratie mit dem Einsatz für Menschenrechte, Toleranz, Freiheit, Leben und Eigentum die richtige Regierungsform ist und diese auch bleiben muss…“

„…Ich finde, was früher passiert ist, darf nicht noch einmal passieren, da so viele Menschen dadurch gestorben sind und so viel Hass herrschte, dass am Ende keiner gewann, sondern alle verloren haben…“ „Viele Dinge kennen wir aus Büchern, aber wenn man wirklich vor Ort ist, bekommt man ganz andere Eindrücke. Diese Eindrücke werden wir unser ganzes Leben nicht vergessen. Heute leben noch Zeitzeugen von früher, aber wenn wir eigene Kinder haben, werden diese Zeugen vielleicht nicht mehr leben, dann ist es unsere Aufgabe, unseren Kindern davon zu erzählen, denn so etwas darf nie wieder passieren!!!!“

„Ich bin mir der Taten der vergangenen Zeit bewusst und werde darauf achten, die gleichen Fehler nicht zu begehen. Ich bin mir sicher, dass es nicht nur mir so geht, sondern allen Schülern, die mit mir, vor mir und hoffentlich auch nach mir die Erfahrung machen dürfen.“

„Durch den Besuch des Stammlagers Auschwitz und des Vernichtungslagers Birkenau ist für mich die Geschichte greifbarer geworden und nicht mehr bloß eine Abfolge von Fakten und Daten. Ich verstehe jetzt und kann ein bisschen nachfühlen, warum so viele Zeitzeugen Jugendliche dazu aufrufen, alles dafür zu tun, damit so etwas Unfassbares nie wieder passiert.“

„Mir ist auf der Studienreise etwas klar geworden und ich habe etwas BEGREIFEN können: In jedem von uns gibt es etwas Gutes und etwas Böses. In der NS-Zeit wurde das „Böse“ als etwas „Positives“ angesehen und durch die Masse der Gesamtbevölkerung sogar verstärkt. Es ist meiner Meinung nach – leider – auch menschlich, dass der Mensch bequem ist und dann ohne groß über die Hintergründe und die Folgen nachzudenken. In dem Moment zählte das Hier und Jetzt. – Nur die Juden waren oftmals aus gehobenen Schichten und konnten sehr gut mit Geld umgehen. Wenn ein Mensch in der Gesellschaft weiter unten ist, ist es wieder menschlich, dass er einen Sündenbock für seine Umstände sucht…“

„…Ich weiß noch, als ich damals dort war, wie erschrocken und sprachlos ich war. Wenn ich heute mit diesem Thema in Berührung komme, bin ich viel emotionaler als vorher, da ich gesehen habe, unter welchen Umständen die Menschen damals gelebt haben, wenn man das überhaupt Leben nennen kann. Erschreckend ist auch, dass Menschen sich so manipulieren ließen, um solche Gräueltaten überhaupt zu begehen. Die Fahrt diente auch dazu, nicht die gleichen Fehler zu begehen und darauf zu achten, dass man nicht in gleichen Maßen manipuliert wird.

„Natürlich ist es kein Vergleich, aber in dem Moment wurde mir klar, dass ich so etwas schon in einem kleineren Ausmaß erlebt habe – genau dies machte mir Angst. Im Fußballstadion auf der Südtribühne sind alle für denselben Verein, man ist derselben Meinung und alle singen mit, egal ob groß oder klein. Es ist ein Zusammenhalt, der dich stärkt und das Denken ausschaltet. Auch wenn man sieht und weiß, dass der eigene Verein ein Foul gemacht hat, schiebt man es auf die gegnerische Mannschaft (= Sündenbock). So entsteht erstmals ein Missfallen der geg-

24


04 lerneffekte 04.3 einfluss auf das handeln nerischen Mannschaft und über Jahre und Jahrzehnte hinweg entwickelt sich und entsteht ein Hass auf die gegnerische Mannschaft. Letztendlich tut man viel dafür, dass diese Mannschaft den Bach hinuntergeht. Ich gehe selbst gerne ins Stadion und bin leidenschaftlicher BVB-Fan. Trotzdem beängstigt einen dieser enorm starke Zusammenhalt und er ist für mich ein kleines bisschen vergleichbar mit der NS-Zeit.“ „Was ich gesehen habe, werde ich nicht mehr vergessen. Es darf nicht vergessen werden. Die Menschen und deren Leid darf nicht in Vergessenheit geraten. Denn wenn man etwas vergisst, dann ist es ein Leichtes, dass so etwas wieder geschieht.“ „Dieser Ort ist für uns ein Mahnmal. Wir gedenken der getöteten Menschen und müssen mit aller Macht versuchen, ein System, wie es im Nationalsozialismus gegeben hat, zu verhindern. Nie wieder darf es so etwas geben, wo die Würde der Menschen mit Füßen getreten (im wahrsten Sinne des Wortes) wird und die Menschen behandelt werden als wären sie keine Lebewesen, sondern Gegenstände!" Ein 41-jähriger Techniker, der an der Studienfahrt eines Berufskollegs teilgenommen hat, war zu Beginn der Meinung, dass man die Geschichte ruhen lassen sollte: „Man schmiert uns Deutschen das bei jeder Gelegenheit aufs Butterbrot“, man erlebe ja eine regelrechte „Gehirnwäsche“. Nach dem Besuch von Auschwitz sagt er: „Ich bin froh darüber.“ Die Dimensionen des Lagers, die Berge von Haaren, Brillen, Schuhen, das habe ihn überrannt. Auch die Sichtweise eines Kollegen auf die Shoa hat sich verändert. Er sagt über die Technik des Massenmords: „Da sind Leute wie wir an Projekte rangegangen. Es ging um Stückzahlen, Kapazitätserhöhungen. Das waren Vorgänge wie in einer Firma.“

„Wer heute Auschwitz gesehen, erlebt und erspürt hat, weiß, was er zu tun hat. Ich weiß es auch.“ „Wir sind die junge Generation und wir müssen aus den Fehlern der Alten lernen, um diese Fehler zu verhindern und sie nie zu wiederholen.“ „Dafür will ich mich einsetzen: für mehr Recht und Freiheit, dass jeder so leben kann, wie er will, dass jeder akzeptiert wird.“ „…Ich möchte jetzt etwas in meinem Leben ändern, ich möchte versuchen, niemanden mehr auszugrenzen. Ich möchte zufriedener mit allem werden, auch mit mir selber. Ich möchte außerdem mein Leben, meine Familie und meine Freunde mehr schätzen lernen.“ „Was wir daraus mitgenommen haben? Wir sind alle gleich. Egal welchen Glauben oder welche Konfession wir vertreten, wir haben alle die gleiche Verantwortung, dass so etwas Schreckliches nie mehr passiert. Wir sind alle Menschen und alle sind wir das gleiche wert. (…) daran ändert weder unser Glaube noch unsere Hautfarbe oder unsere sexuelle Gesinnung etwas. Wenn wir uns das immer wieder vor Augen führen und wir dafür einstehen und dagegen aufstehen, sobald jemand anfängt jemand anderen wegen dieser Dinge zu diskriminieren, dann bin ich überzeugt, dass wir so etwas Schreckliches nie wieder geschehen lassen.“

25


05 fazit Es lassen sich natürlich keine Aussagen über eine langfristige Nachwirkung der Eindrücke von Auschwitz auf die späteren jungen Erwachsenen machen. Die Aussagen der Schüler/-innen lassen aber erkennen, dass eine Grundsensibilisierung für Diskriminierung und Ausgrenzung bei den meisten entstanden ist oder verstärkt wurde. Ob diese Sensibilisierung auch Auswirkungen auf das Handeln des Einzelnen hat, lässt sich nicht vorhersagen, man kann es bestenfalls vorsichtig vermuten. Eine spätere Befragung ehemaliger Teilnehmer wäre deshalb sinnvoll und könnte genauere Ergebnisse ermitteln. Feststellen lässt sich aber, dass die Teilnehmer einer gut vorbereiteten und sorgsam durchgeführten Studienfahrt tiefe Eindrücke von dem Umgang der Nationalsozialisten mit Minderheiten und diskriminierten Volksgruppen erhalten, die sie so durch keinen Film und erst recht nicht durch ein Geschichtsbuch bekämen. Die Brutalität eines Regimes, das sich nicht an Menschenrechten orientiert, sondern aus Machtinteressen und Wirtschaftlichkeitsdenken Menschen aussondert und der Vernichtung zuführt, lässt sich wohl nur da erfahren, wo noch reale Spuren des Unwesens zu finden sind. Hier lässt sich nichts mehr verleugnen. Der Schauder über die Untaten kann noch einmal verdeutlichen, warum eine demokratische Gesellschaftsordnung, die die Grundrechte jedes Einzelnen achtet, ein so wichtiger Schutz vor der Barbarei ist. Warum eine solche Ordnung gegen Angriffe mittels „fake news“ durch selbst ernannte Heilsbringer, Ordnungshüter, Rassisten, rückwärtsgewandte Nostalgiker oder Autokraten zu verteidigen ist. Das Schlusswort gehört einem Schüler:

„Auschwitz hat mir gezeigt, wie wichtig Toleranz im Leben ist.“ 26


06

der besuch von gedenkstätten in deutschland

Der Besuch einer Gedenkstätte als Lernort in der Nähe der jeweiligen Schule eignet sich sehr gut zur Vorbereitung der Studienfahrt nach Polen. In fast allen Gedenkstätten gibt es gute Programme für Jugendliche. Unter folgendem Link können Sie eine Gedenkstätte in der Nähe Ihres Ortes finden: www.ns-gedenkstaetten.de/gedenkstaetten-bundesweit.html

27


07

der rote faden

„Qualitätsmerkmale von Studienfahrten zu Gedenkstätten, das Konzept der „Spurensuche Nationalsozialismus“ der rote Faden (von Agata Grzenia, IBB e.V. )

ziele einer solchen studienfahrt • Vermittlung von geschichtlichem Wissen • Gedenken an die Opfer • Sensibilisierung • Perspektivenwechsel • Verantwortungsbewusstsein • Verständnis der Grundlagen von Demokratie • und Menschenrechten • Gegenwartsbezug gedenkstätte erfahren durch • sehen der authentische Ort, die historische Substanz, Zeuge sein (visuell) • hören Führung, historische Fakten, Aufklärung (akustisch, kognitiv) • reflektieren bewerten, in Bezug setzen, verarbeiten, empfinden (kognitiv und emotional) • sprechen Worte finden, Austausch mit anderen, Perspektivenwechsel (verbal, kognitiv) • handeln fassen von Vorsätzen und diese umsetzen vorbereitung des programms einer studienfahrt • Welches Profil hat die Schule? • Was ist das Ziel der Studienfahrt? • In welchem Alter ist die Zielgruppe? • Wie setzt sich die Zielgruppe zusammen? • Mit welcher Motivation fährt die Gruppe? • Welchen Fachunterricht betrifft die Fahrt? • Wie verläuft die Vor- und Nachbereitung? • Welche thematischen Schwerpunkte werden in der Vorbereitung erarbeitet? • Welche besonderen Aktivitäten dienen der Vorbereitung?

28

durchführung einer studienfahrt • Wie ist das Programm logisch aufgebaut (Annäherung, Vertiefung)? • Welche Unterkunft mit welcher Infrastruktur? • Wer begleitet die Studienfahrt und wie ist die Rollenverteilung (Zuständigkeiten)? • Welche Programmpunkte passen zu den Themenschwerpunkten und Aktivitäten aus der Vorbereitung? • Welche alternativen Programmpunkte? • Welchen Raum haben die Jugendlichen, sich zu äußern und auszutauschen? • Wird ein Gegenwartsbezug hergestellt? nachbereitung einer studienfahrt • Wann findet die Nachbereitung statt? • In welcher Form findet sie statt? • Wie wird der rote Faden bei der Nachbereitung weitergeführt: Werden Fragestellungen wieder aufgenommen? • Wie werden die Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken aus der Studienfahrt festgehalten und weitergegeben? An wen?


07

der rote faden

Beispielprogramm Janusz-Korczak-Gesamtschule Kinder und Jugendliche hinter Stacheldraht

1. Tag: O cim Vormittags Was war Auschwitz bevor es „Auschwitz“ wurde? - Die Geschichte einer Kleinstadt bis heute Nachmittags Das ehemalige Stammlager Auschwitz: Geführte Besichtigung entlang der Spuren von Kindern und jugendlichen Lagerhäftlingen Abends Tagesrückblick, Formulierung von Fragen für die Folgetage 2. Tag: O cim Vormittags Das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz Birkenau: Geführte Besichtigung entlang der Spuren der Kinder und Jugendlichen von Auschwitz Nachmittags Möglichkeit zum nochmaligen Besuch des Stammlagers und Birkenaus inKleingruppen Empfehlung: die Sonderausstellungen im ehemaligen Stammlager (besonders jüdische und französische Ausstellung) Abends Tagesrückblick

3. Tag: O cim Vormittags Verlorene Jugend: Zeitzeugengespräch mit einem ehemaligen polnischen Gefangenen in Auschwitz Nachmittags Kinder und Jugendliche im Konzentrationslager Auschwitz: Workshop Abends Abschied von Auschwitz, Tagesrückblick 4. Tag Krakau Vormittags Krakau - die schönste polnische Stadt und ehemaliger Sitz des Generalgouvernements Nachmittags Freie Zeit Abends Abendessen nach jüdischen Rezepten mit Live-Klezmer-Musik 5. Tag Krakau Vormittags Auf den Spuren jüdischer Bürger von Krakau: der Stadtteil Kazimierz Auswertung der Studienfahrt Nachmittags Antritt der Rückreise

29


08

fördermittel für gedenkstättenfahrten

förderung über den kinder- und jugendplan des bundes (kjp)

gefördert werden

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat das IBB Dortmund im Dezember 2015 als Zentralstelle für Gedenkstättenfahrten anerkannt.

• Unterkunft und Verpflegung pro Teilnehmendem und Programmtag mit 40,- € • Reisekostenzuschuss pro Person bis 60,- € • nachgewiesene Honorarkosten für die pädagogische Begleitung bis zu einer Höhe von 305,- € pro Tag

Das IBB erhält Mittel aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes, die zur Förderung von Fahrten außerschulischer Bildungsträger aus dem gesamten Bundesgebiet zu Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus im In- und Ausland nach den Vorgaben des Kinder- und Jugendplans (KJP) verwendet werden können. Anträge können ab sofort an das IBB Dortmund gerichtet werden. Bitte beachten Sie die Förderrichtlinien für nicht-schulische Gedenkstättenfahrten und das gesonderte Antragsformular unter dem folgenden Link: www.ibb-d.de/erinnern/foerderung-gedenkstaettenfahrten Das Alter der Teilnehmenden soll zwischen 14 und 26 Jahren liegen. Die Gruppengröße ist auf maximal 30 Teilnehmende beschränkt. Die Dauer der Gedenkstättenfahrt soll mindestens 4 und höchstens 8 Tage umfassen, wobei 80% des Programms am Ort der Gedenkstätte stattfinden muss.

30

Sofern eine Kooperation zwischen einem nicht-schulischen Träger und einer Schule besteht und die Leitung beim nicht-schulischen Träger liegt, kann auch diese Fahrt aus Mitteln des Bundesministeriums gefördert werden. Partner der nicht-schulischen Bildung, die über Erfahrungen bei Gedenkstättenfahrten verfügen und bereit sind, mit Ihnen diese Fahrten vorzubereiten und durchzuführen finden Sie nach Bundesländern geordnet auf der Homepage des IBB Dortmund. Diese Partner können auch die Fördermittel beantragen.


09 literaturauswahl fachliteratur zu auschwitz

augenzeugeberichte

• „Auschwitz“, herausgegeben von Hans G. Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1984

• Gideon Greif: „Wir weinten tränenlos…“ Augenzeugenberichte des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, Januar 1999

• Götz Aly, Susanne Heim: „Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung“. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1991

• Tadeusz Sobolewicz: „Aus der Hölle zurück - Bericht eines ehemaligen Auschwitz-Häftlings“. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005

• Götz Aly: „Endlösung. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995

• Shlomo Venezia: „Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz. Das erste umfassende Zeugnis eines Überlebenden“. Vorwort von Simone Veil. Blessing Verlag, München 2008

• Götz Aly: „Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 19311943“. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, Mai 2004 • Raul Hilberg: „Die Vernichtung der europäischen Juden“. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, November 1999 • Raul Hilberg: „Sonderzüge nach Auschwitz“. Ullstein Verlag, Frankfurt a.M./Berlin 1987 • Eugen Kogon: „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“. Heyne Verlag, München 1998 • Laurence Rees: „Auschwitz. Geschichte eines Verbrechens“. List Verlag, Berlin 2007 • Sybille Steinbach: „Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte“. C. H. Beck Verlag, München 2004 • Irmtrud Wojak (Hg.), „Auschwitz-Prozess 4 Ks 2/ 63 Frankfurt am Main“. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus Gallus Frankfurt 2004 und weiteren Stationen. Snoeck Verlagsgesellschaft, Köln 2004

31


32


Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.