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1 Entstehung und Grundlagen 08 12 16 26 34 38 42 50 63 66 77 80 86 92 96 106 112 124

276 281

Vorwort Einführung   Die Gothic-Szene gibt es nicht Schwarz als Farbe jugendlicher Subkulturen  Arvid Dittmann Lucifer Rising – Die Geschichte eines Soundtracks  Michael Moynihan Wie ich zur Schwarzen Szene stieß  Andréa Nebel Aus alten Tagen  Holger Karas I.C. Water – Erinnerungen an Ian Curtis  Genesis Breyer P-Orridge Schlüsselmerkmale des frühen Gothic-Milieus  Peter Webb Das G-Wort  Martin Bowes Erinnerungen an das Equinox-Festival  John Murphy Schritte aus der Kinderstube  Klive Humberstone Neu Konservatiw – Die Rückkehr eines Mythos  Alexei Monroe Galerie   Laibach Der König mag kein Sauerkraut  Oliver St. Lingam Gerechtigkeits Liga  Alexei Monroe und Till Brüggemann Schwarzhören im Osten - Die Szene in der DDR  DJ Ørlög Tränen auf der Tanzfläche  Myk Jung, Klaus Märkert, Thomas Thyssen, Michael Zöller im Gespräch Galerie   Salt

2 Genres und Subgenres schwarzer Musik und Kultur

142 144 182 189 200 204 225 239 242 247

Einführung   Die Wiedergänger Schwarze Subgenres und Stilrichtungen  Judith Platz, Megan Balanck, Alexander Nym Post-Punk – Wut, Optimismus und Apathie  Nicholas Padellaro Gothic Metal – Eine Betrachtung  Stefan Gnad Lovecrafts Cthulhu-Mythos in der Musik  Mike Browning Was ist Okkultur?  Dominik Tischleder: Galerie   Silent View The only thing to fear is fear itself – Ritualmusik und akustische Innenraumfahrten  Alexander Nym Industrial und andere populäre Irrtümer  Stefan Lederer: Voraus in die Vergangenheit   Ein Gespräch mit Front 242

286

4 Mode, Ästhetik und Lebenskultur 292 294 296 306 310 322 330 331 332

338 340 345 345 355 359 366

373 380 386 390 398

254 256 258 263

418

Einführung   Too old to die young – Mutationen einer Jugendkultur, die keine mehr ist Once Upon A Time  Sven Ericksen Bekenntnis  Stephan Pockrandt For Those who go Beyond – Ein persönlicher Rückblick  Gernot Musch 6

Einführung   Jenseits der Musik Faszination Friedhof  Marcus Rietzsch Postromantische Schwärze  Giulio DiMauro Flügel für die Seele  Tatjana Warnecke Fetisch und Tabu in der postindustriellen Gesellschaft  Marcus Stiglegger: Songtexte und Lyrik in der Gothic-Szene – Eine Annäherung  Christian Walther A Dream  Anne Clark Gothic  Andréa Nebel Liber Incarnadine  Amodali

5 Themen und Diskurse

401

3 Entwicklungen seit 1990

Das Wave-Gotik-Treffen – Geschichte, Anekdoten, Fakten  Cornelius Brach Verbindungen der Dreiheit – Wave /Gothic, Mittelalter, Live Rollenspiel  Philipp Kollmar Woher und Wohin?   Ein Gespräch mit Oswald Henke

422 424 427 428

Einführung   Wer lacht, verliert –Was die Szene beschäftigt Schwarze Musik heute  Claudia Grui, Klaus Neumann-Braun und Axel Schmidt: Galerie  Gerd Lehmann Gothic-Konsum  Jennifer Hoffert Was ist nur aus unserer Szene geworden?  Andréa Nebel Schatten im Spiegel – Gothic und die Medien  Megan Balanck Falsche und doch nie gegebene Versprechen? Lieben, Hassen und Versöhnen mit unserer Subkultur  Andreas Plöger Vom Rüschenhemd zur Uniform  Martin Lichtmesz Galerie   Nik Fiend Das Diktat der Langeweile – Die standardisierte Welt der Dunklen Unterhaltungsmusik  Myk Jung Gothic – eine konservative Kulturbewegung? Leben aus dem, was immer gilt  Peter Matzke Nachwort Kollektion Die Kunst der Schwarzen Szene  Butow Maler, Laetitia Mantis, Gitane Demone, Alexander Geppert, Dirk Baumert, Joachim E. Wagner, Nightshadow, Andrew King, Ceridena-Art, Remo Sorge, Matthias Korb, Holger Karas, Mrs. Hyde, Robert Schalinski, Jochen Schmidt Index Bibliografie Kurzbiografien Bildnachweise Autorenportraits 7


1 Entstehung und Grundlagen 08 12 16 26 34 38 42 50 63 66 77 80 86 92 96 106 112 124

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Vorwort Einführung   Die Gothic-Szene gibt es nicht Schwarz als Farbe jugendlicher Subkulturen  Arvid Dittmann Lucifer Rising – Die Geschichte eines Soundtracks  Michael Moynihan Wie ich zur Schwarzen Szene stieß  Andréa Nebel Aus alten Tagen  Holger Karas I.C. Water – Erinnerungen an Ian Curtis  Genesis Breyer P-Orridge Schlüsselmerkmale des frühen Gothic-Milieus  Peter Webb Das G-Wort  Martin Bowes Erinnerungen an das Equinox-Festival  John Murphy Schritte aus der Kinderstube  Klive Humberstone Neu Konservatiw – Die Rückkehr eines Mythos  Alexei Monroe Galerie   Laibach Der König mag kein Sauerkraut  Oliver St. Lingam Gerechtigkeits Liga  Alexei Monroe und Till Brüggemann Schwarzhören im Osten - Die Szene in der DDR  DJ Ørlög Tränen auf der Tanzfläche  Myk Jung, Klaus Märkert, Thomas Thyssen, Michael Zöller im Gespräch Galerie   Salt

2 Genres und Subgenres schwarzer Musik und Kultur

142 144 182 189 200 204 225 239 242 247

Einführung   Die Wiedergänger Schwarze Subgenres und Stilrichtungen  Judith Platz, Megan Balanck, Alexander Nym Post-Punk – Wut, Optimismus und Apathie  Nicholas Padellaro Gothic Metal – Eine Betrachtung  Stefan Gnad Lovecrafts Cthulhu-Mythos in der Musik  Mike Browning Was ist Okkultur?  Dominik Tischleder: Galerie   Silent View The only thing to fear is fear itself – Ritualmusik und akustische Innenraumfahrten  Alexander Nym Industrial und andere populäre Irrtümer  Stefan Lederer: Voraus in die Vergangenheit   Ein Gespräch mit Front 242

286

4 Mode, Ästhetik und Lebenskultur 292 294 296 306 310 322 330 331 332

338 340 345 345 355 359 366

373 380 386 390 398

254 256 258 263

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Einführung   Too old to die young – Mutationen einer Jugendkultur, die keine mehr ist Once Upon A Time  Sven Ericksen Bekenntnis  Stephan Pockrandt For Those who go Beyond – Ein persönlicher Rückblick  Gernot Musch 6

Einführung   Jenseits der Musik Faszination Friedhof  Marcus Rietzsch Postromantische Schwärze  Giulio DiMauro Flügel für die Seele  Tatjana Warnecke Fetisch und Tabu in der postindustriellen Gesellschaft  Marcus Stiglegger: Songtexte und Lyrik in der Gothic-Szene – Eine Annäherung  Christian Walther A Dream  Anne Clark Gothic  Andréa Nebel Liber Incarnadine  Amodali

5 Themen und Diskurse

401

3 Entwicklungen seit 1990

Das Wave-Gotik-Treffen – Geschichte, Anekdoten, Fakten  Cornelius Brach Verbindungen der Dreiheit – Wave /Gothic, Mittelalter, Live Rollenspiel  Philipp Kollmar Woher und Wohin?   Ein Gespräch mit Oswald Henke

422 424 427 428

Einführung   Wer lacht, verliert –Was die Szene beschäftigt Schwarze Musik heute  Claudia Grui, Klaus Neumann-Braun und Axel Schmidt: Galerie  Gerd Lehmann Gothic-Konsum  Jennifer Hoffert Was ist nur aus unserer Szene geworden?  Andréa Nebel Schatten im Spiegel – Gothic und die Medien  Megan Balanck Falsche und doch nie gegebene Versprechen? Lieben, Hassen und Versöhnen mit unserer Subkultur  Andreas Plöger Vom Rüschenhemd zur Uniform  Martin Lichtmesz Galerie   Nik Fiend Das Diktat der Langeweile – Die standardisierte Welt der Dunklen Unterhaltungsmusik  Myk Jung Gothic – eine konservative Kulturbewegung? Leben aus dem, was immer gilt  Peter Matzke Nachwort Kollektion Die Kunst der Schwarzen Szene  Butow Maler, Laetitia Mantis, Gitane Demone, Alexander Geppert, Dirk Baumert, Joachim E. Wagner, Nightshadow, Andrew King, Ceridena-Art, Remo Sorge, Matthias Korb, Holger Karas, Mrs. Hyde, Robert Schalinski, Jochen Schmidt Index Bibliografie Kurzbiografien Bildnachweise Autorenportraits 7


Vorwort

Szene vorhandenen Aspekten sich auf eine vergleichsweise Minderheit von Enthusiasten beschränkt und die überwältigende Mehrheit der »Gruftis« besseres zu tun hat, als nachts Gräber zu schänden, Beschwörungen abzuhalten oder sich in die überdrehte Esoterik eines Wiligut zu vertiefen. Dennoch sind dies Themen, die für manche Musiker (und damit deren interessierte Fans) als Rohmaterial für die künstlerische Arbeit dienen. Da ich als DJ in den frühen 90ern meinen Teil dazu beigetragen habe, dass Gruppen wie Death In June und Co. von Süddeutschland aus in der Szene beachtliche Popularität erringen konnten, bin ich der Mittäterschaft schuldig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Auseinandersetzung mit umstrittenen Künstlern wie Laibach, Boyd Rice oder den bereits erwähnten Death In June aus mir keinen Nazi gemacht, wohl aber mein Interesse an der Geschichte des Dritten Reichs, dessen Propagandastrategien und der Manipulierbarkeit der Menschen durch Ideologie, Religion und Massenmedien gesteigert, wenn nicht geweckt haben. Heute kläre ich am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg Schulklassen über diese psychischen Mechanismen auf und halte sie dazu an, eigenständig und kritisch über diese Themen zu reflektieren in der Annahme, dass einem unabhängig denkenden Menschen nicht erklärt werden muss, dass Intoleranz, Diskriminierung, Gewalt und Rassismus dem friedvollen Miteinander nicht gerade förderlich sind. Dass Künstler als Überbringer unangenehmer Botschaften nicht mit diesen gleichzusetzen sind, sollte auch klar sein. Im Gegenteil ist es Aufgabe der Kunst, gerade solche neuralgischen und nur zu gerne verdrängten Themen zu inszenieren. Dass es trotzdem einige braune Schafe in der Schwarzen Szene gibt, darf angesichts ihrer heutigen Größe und der Gaußschen Normalverteilung nicht überraschen. Inwieweit politische Positionen, religiöse Ansichten oder kulturelle Differenzen in Relation zur Gesamtbevölkerung wirk-

Das Buch, welches Sie in Händen halten, ist gleichermaßen das spontan entstandene Resultat aus glücklichen Umständen wie auch das Substrat aus 23 Jahren Szeneaktivität und Feldforschung. In diesem Zeitraum habe ich viele Trends, Bands und Musikrichtungen kommen und gehen sehen, und es ist unmöglich, sie alle in einem einzigen Band ausführlich darzustellen. Mithin wird man diesem Buch den Vorwurf der Kanonisierung machen, und es wird die unvermeidlichen Beschwerden geben nach dem Motto »Warum ist meine Lieblingsband nicht erwähnt worden« etc. Vieles musste aus Platzgründen weggelassen werden, anderes konnten wir nicht berücksichtigen, weil schlicht keine Beiträge vorhanden waren, sei es, dass die betreffenden Autoren nicht fertig geworden sind (oder gar nicht erst angefangen hatten), oder weil manche der Angefragten einfach keine Zeit hatten, weil sie mit den Aufnahmen zu neuen Alben oder Konzerttourneen beschäftigt waren. Ebenso wäre es wünschenswert gewesen, Betrachtungen junger Szenegänger stärker zu berücksichtigen, aber leider kam aus dem Alterssegment der 15- bis 25-jährigen so gut wie gar nichts (außer ein paar nicht gehaltenen Zusagen)  – von einer Interpretation dieses Sachverhalts möchte ich jedoch Abstand nehmen. Tatsache ist, dass die hier versammelten Autoren und Künstler aufgefordert wurden, über das zu schreiben, was sie am besten kennen, bzw. relevant finden. Aus diesen sehr unterschiedlichen Beiträgen ergibt sich ein Sammelsurium, aus dem sich jede/r ein eigenes Bild über den wohl facettenreichsten Bereich der Popkultur zimmern kann, das zwar eigene Erfahrungen in (bzw. mit) der Szene nicht ersetzen, aber ergänzen kann. Dass gewisse Diskurse häufiger angesprochen werden, reflektiert die Themenschwerpunkte, mit denen sich viele Szenegänger über die Jahre hinweg konfrontiert sahen und sehen, wie etwa den leidigen Themen Okkultismus, Satanismus und Rechtsextremismus. Selbstverständlich gilt, dass die intensivere Auseinandersetzung mit diesen in der 8

Portrait of the editor as a young man, 1992

lich signifikant vorhanden sind, kann jedoch nur eine längst überfällige empirische Studie klären, was natürlich extrem kosten- und zeitaufwendig ist, erst recht in Bezug auf eine derart ausdifferenzierte Gruppe wie die der »Schwarzen«. Mein persönliches Resümee aus den vergangenen Jahren ist, dass es sich bei den Leuten, die ich durch die Szene kennen lernen konnte, durchwegs um gedankenvolle, bedachte und auf ihre Weise idealistische Menschen handelt, deren Unzufriedenheit mit den allgemeinen Gegebenheiten sie in Interessenbereiche geführt hat, die vom Standpunkt der »Durchschnittsbevölkerung« aus absonderlich, bizarr oder gar pervers anmuten mögen. Dazu sei gesagt, dass eine sogenannte Zivilisation, deren Werte auf systematischer Ausbeutung, Ressourcenverschwendung, Umweltzerstörung und ungehemmtem Materialismus bzw. Konsumismus basieren, und dabei behauptet, zu allgemeinem Glück, Wohlstand und Freiheit zu führen, die eigentliche Perversion darstellt  – und nicht jene einzelnen Exponenten, die diese Tatsache erkennen und in jedem Sinne des Wortes reflektieren. Throbbing Gristle, die Begründer der Industrial Music, fragten einst »Can the world be as sad as it seems?«  – Die Antwort gibt nicht zu Freudentaumeln Anlass, und diese grundlegende Unzufriedenheit mit den Verhältnissen dürfte der kleinste gemeinsame Nenner sein, von dem aus jede/r einzelne Szenegänger/in zu eigenen Antworten aufbricht.

Die Szene bietet Möglichkeiten, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die diese Fundamentalkritik teilen, sie weiter zu entwickeln und ohne dogmatische Weltverbesserungsattitüden im eigenen persönlichen Wirkungsfeld aktiv zu werden, ganz im Geiste der »Do it yourself«-Ethik des Punk, dem die Szene ihre Existenz verdankt. Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh und dankbar, durch die geteilten ästhetischen und intellektuellen Interessen mit sensiblen und wahrhaftigen Menschen in Berührung gekommen zu sein, von denen mir viele über die Jahre liebe Freunde geworden sind. Es mag elitär klingen, aber ich bin stolz, meine eigene Existenz mit solch wertvollen Leuten bereichern zu können und hoffe, mit diesem Werk auch ein wenig an sie zurückgeben zu können. Mein tiefer Dank gilt daher allen, die dieses Projekt ermöglicht und passiv oder aktiv unterstützt haben; die ihre Zeit, Arbeit und Idealismus dieser Manifestation einer Epoche gewidmet haben, die von neuen digitalen Abenteuern und hippen Jugendkulturen abgelöst worden ist  – und nicht zuletzt meinen Eltern, die trotz aller Eskapaden nie den Glauben daran aufgegeben haben, dass aus ihrem Sprössling eines Tages vielleicht doch noch was Anständiges wird  – was natürlich Ansichtssache ist! Alexander Nym, Leipzig, 21. April 2010 9


Vorwort

Szene vorhandenen Aspekten sich auf eine vergleichsweise Minderheit von Enthusiasten beschränkt und die überwältigende Mehrheit der »Gruftis« besseres zu tun hat, als nachts Gräber zu schänden, Beschwörungen abzuhalten oder sich in die überdrehte Esoterik eines Wiligut zu vertiefen. Dennoch sind dies Themen, die für manche Musiker (und damit deren interessierte Fans) als Rohmaterial für die künstlerische Arbeit dienen. Da ich als DJ in den frühen 90ern meinen Teil dazu beigetragen habe, dass Gruppen wie Death In June und Co. von Süddeutschland aus in der Szene beachtliche Popularität erringen konnten, bin ich der Mittäterschaft schuldig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Auseinandersetzung mit umstrittenen Künstlern wie Laibach, Boyd Rice oder den bereits erwähnten Death In June aus mir keinen Nazi gemacht, wohl aber mein Interesse an der Geschichte des Dritten Reichs, dessen Propagandastrategien und der Manipulierbarkeit der Menschen durch Ideologie, Religion und Massenmedien gesteigert, wenn nicht geweckt haben. Heute kläre ich am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg Schulklassen über diese psychischen Mechanismen auf und halte sie dazu an, eigenständig und kritisch über diese Themen zu reflektieren in der Annahme, dass einem unabhängig denkenden Menschen nicht erklärt werden muss, dass Intoleranz, Diskriminierung, Gewalt und Rassismus dem friedvollen Miteinander nicht gerade förderlich sind. Dass Künstler als Überbringer unangenehmer Botschaften nicht mit diesen gleichzusetzen sind, sollte auch klar sein. Im Gegenteil ist es Aufgabe der Kunst, gerade solche neuralgischen und nur zu gerne verdrängten Themen zu inszenieren. Dass es trotzdem einige braune Schafe in der Schwarzen Szene gibt, darf angesichts ihrer heutigen Größe und der Gaußschen Normalverteilung nicht überraschen. Inwieweit politische Positionen, religiöse Ansichten oder kulturelle Differenzen in Relation zur Gesamtbevölkerung wirk-

Das Buch, welches Sie in Händen halten, ist gleichermaßen das spontan entstandene Resultat aus glücklichen Umständen wie auch das Substrat aus 23 Jahren Szeneaktivität und Feldforschung. In diesem Zeitraum habe ich viele Trends, Bands und Musikrichtungen kommen und gehen sehen, und es ist unmöglich, sie alle in einem einzigen Band ausführlich darzustellen. Mithin wird man diesem Buch den Vorwurf der Kanonisierung machen, und es wird die unvermeidlichen Beschwerden geben nach dem Motto »Warum ist meine Lieblingsband nicht erwähnt worden« etc. Vieles musste aus Platzgründen weggelassen werden, anderes konnten wir nicht berücksichtigen, weil schlicht keine Beiträge vorhanden waren, sei es, dass die betreffenden Autoren nicht fertig geworden sind (oder gar nicht erst angefangen hatten), oder weil manche der Angefragten einfach keine Zeit hatten, weil sie mit den Aufnahmen zu neuen Alben oder Konzerttourneen beschäftigt waren. Ebenso wäre es wünschenswert gewesen, Betrachtungen junger Szenegänger stärker zu berücksichtigen, aber leider kam aus dem Alterssegment der 15- bis 25-jährigen so gut wie gar nichts (außer ein paar nicht gehaltenen Zusagen)  – von einer Interpretation dieses Sachverhalts möchte ich jedoch Abstand nehmen. Tatsache ist, dass die hier versammelten Autoren und Künstler aufgefordert wurden, über das zu schreiben, was sie am besten kennen, bzw. relevant finden. Aus diesen sehr unterschiedlichen Beiträgen ergibt sich ein Sammelsurium, aus dem sich jede/r ein eigenes Bild über den wohl facettenreichsten Bereich der Popkultur zimmern kann, das zwar eigene Erfahrungen in (bzw. mit) der Szene nicht ersetzen, aber ergänzen kann. Dass gewisse Diskurse häufiger angesprochen werden, reflektiert die Themenschwerpunkte, mit denen sich viele Szenegänger über die Jahre hinweg konfrontiert sahen und sehen, wie etwa den leidigen Themen Okkultismus, Satanismus und Rechtsextremismus. Selbstverständlich gilt, dass die intensivere Auseinandersetzung mit diesen in der 8

Portrait of the editor as a young man, 1992

lich signifikant vorhanden sind, kann jedoch nur eine längst überfällige empirische Studie klären, was natürlich extrem kosten- und zeitaufwendig ist, erst recht in Bezug auf eine derart ausdifferenzierte Gruppe wie die der »Schwarzen«. Mein persönliches Resümee aus den vergangenen Jahren ist, dass es sich bei den Leuten, die ich durch die Szene kennen lernen konnte, durchwegs um gedankenvolle, bedachte und auf ihre Weise idealistische Menschen handelt, deren Unzufriedenheit mit den allgemeinen Gegebenheiten sie in Interessenbereiche geführt hat, die vom Standpunkt der »Durchschnittsbevölkerung« aus absonderlich, bizarr oder gar pervers anmuten mögen. Dazu sei gesagt, dass eine sogenannte Zivilisation, deren Werte auf systematischer Ausbeutung, Ressourcenverschwendung, Umweltzerstörung und ungehemmtem Materialismus bzw. Konsumismus basieren, und dabei behauptet, zu allgemeinem Glück, Wohlstand und Freiheit zu führen, die eigentliche Perversion darstellt  – und nicht jene einzelnen Exponenten, die diese Tatsache erkennen und in jedem Sinne des Wortes reflektieren. Throbbing Gristle, die Begründer der Industrial Music, fragten einst »Can the world be as sad as it seems?«  – Die Antwort gibt nicht zu Freudentaumeln Anlass, und diese grundlegende Unzufriedenheit mit den Verhältnissen dürfte der kleinste gemeinsame Nenner sein, von dem aus jede/r einzelne Szenegänger/in zu eigenen Antworten aufbricht.

Die Szene bietet Möglichkeiten, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die diese Fundamentalkritik teilen, sie weiter zu entwickeln und ohne dogmatische Weltverbesserungsattitüden im eigenen persönlichen Wirkungsfeld aktiv zu werden, ganz im Geiste der »Do it yourself«-Ethik des Punk, dem die Szene ihre Existenz verdankt. Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh und dankbar, durch die geteilten ästhetischen und intellektuellen Interessen mit sensiblen und wahrhaftigen Menschen in Berührung gekommen zu sein, von denen mir viele über die Jahre liebe Freunde geworden sind. Es mag elitär klingen, aber ich bin stolz, meine eigene Existenz mit solch wertvollen Leuten bereichern zu können und hoffe, mit diesem Werk auch ein wenig an sie zurückgeben zu können. Mein tiefer Dank gilt daher allen, die dieses Projekt ermöglicht und passiv oder aktiv unterstützt haben; die ihre Zeit, Arbeit und Idealismus dieser Manifestation einer Epoche gewidmet haben, die von neuen digitalen Abenteuern und hippen Jugendkulturen abgelöst worden ist  – und nicht zuletzt meinen Eltern, die trotz aller Eskapaden nie den Glauben daran aufgegeben haben, dass aus ihrem Sprössling eines Tages vielleicht doch noch was Anständiges wird  – was natürlich Ansichtssache ist! Alexander Nym, Leipzig, 21. April 2010 9


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Die Gothic-Szene gibt es nicht Alexander Nym

teter Akt der ästhetisierten Hinterfragung gewesen sein mag. Nicht nur als Geste, sondern als Haltung. Gelebte Verweigerung, gezeigter Zweifel und betonte Distanz, akzentuiert durch Klänge, die ebenso sehnsüchtig wie wütend sein konnten, aber der suchenden (und oft genug am gefundenen verzweifelnden) Seele, Pathos und Qual, Intensität, Sturm und Drang Ausdruck verliehen: Diese Attribute sind keine neuartige Erscheinung in der Geschichte der Jugendkulturen, sondern ein Lebensgefühl, das nicht auf Alter oder Herkunft beschränkt werden kann. Dass ausgerechnet der Archetypus des »Gothic« sich in der Breitenwahrnehmung der Schwarzen Szene als Stereotyp etabliert hat, und nicht die zeitweilig verwendeten Synonyme Düster- bzw. Edelpunk, (Dark-)Waver, Death-Rocker, Ghoul, Grufti usw., ist dem semantischen Brückenschlag zur Literaturgattung des »Gothic Horror« (bzw. Gothic Fiction) zu verdanken, die dem Klischee zufolge in der Szene große Beliebtheit genießt, aber gerne auch von Außenstehenden geschätzt wird. Der »Gothic«-Begriff hat als Bezeichnung für eine Hunderttausende Menschen weltweit umfassende schwarze Gemeinschaft längst seine Definitionsmacht verloren (wenn es die je gegeben haben sollte) – in der Tat ist die Schwarze Szene geprägt von heterogenem Eklektizismus, einem Stilmischmasch, der das Spektrum von avantgardistischem Bruitismus über elektronische Popmusik, alte Musik (sowohl sakral wie weltlich), (Neo-)Klassik und Folk bis (Punk)Rock, Techno und Ambient abdeckt. Wenige Szenegänger haben über diese Vielfalt noch wirklichen Überblick; die Szene gliedert sich in verschiedene Unterströmungen, die sich sowohl in Kleidungsfragen wie auch musikalischen Präferenzen mitunter diametral gegenüber stehen. Denn nicht alles ist Gothic, was Schwarz trägt: Insbesondere die spezifische Adjektivierung »Gothic Rock« stand und steht als musikologischer Genrebegriff für die Musik von gewissen Gitarrenbands (vgl. Teil 2), die sich jedoch, wenn danach gefragt, vom »Gothic«-Label und der damit assoziierten Kultur

In der Soziologie, der Jugendkulturforschung und in der Szene selbst wird der Begriff Schwarze Szene dem Adjektiv »gothic«, unter dem die dunkle Alternativkultur in den Medien meist firmiert, vorgezogen – mit gutem Grund: zwar bezeichnet man im Englischen mit »gothic« traditionellerweise nahezu alles, was mit Dunkelheit, Grusel, quietschenden Türen und verfallenen Gemäuern zu tun hatte, aber im Zusammenhang mit Musik wurde das »Gothic«-Etikett (verschiedenen Legenden zufolge) erst den Doors, später Joy Division, dann Bauhaus, den Sex Gang Children usw. angehängt, bevor in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Blüte kommen sollte, was bei den Ahnen des Stils angelegt war: Eine Vorliebe für das Morbide, Abseitige und Makabre, die der neonbunten Plastikwelt der Popmusik demonstrativ den in schwarzes Tuch gehüllten Rücken zuwandte. Die vom Geist des Aufbegehrens geprägte Schock-Ästhetik des Punk, der Mut zur Hässlichkeit und zum rebellischen Anders-Sein wurden mit der schwarzromantischen Komponente der Schönheit des Verfalls ergänzt; der aggressive Frust der Sex Pistols vereinte sich mit der totenbleichen Eleganz eines Edgar Allen Poe zu einer Melange aus Norm-Verweigerung, rückwärtsgewandter Innenschau, Antimaterialismus und juveniler Identitätssuche: Von den kurzlebigen Modewellen, die London in den 80ern heimsuchten (Post-Punk, New Romantic, Batcave, New Wave, Indie und Gothic Rock usw. usf.) wurde das dunkle Substrat der heutigen schwarzen Kultur an die Ufer Kontinentaleuropas gespült, wo es v. a. in Deutschland in den 90er Jahren zu einem Revival des 80er-Jahre-»Gothic« kam, das bis heute anhält. Als Referenz- und Identitätsmuster diente (oft extravagante oder experimentelle) Musik, die von jungen, »unabhängigen« Plattenfirmen in den Nachwehen des Punk veröffentlicht wurde, die der Jugend Alternativen zum Angebot des Mainstream-Pop verschaffte – oft genug von enthusiastischen Abenteurern aus eigener Tasche produzierte Platten, deren kleinster gemeinsamer Nenner rückblickend ein mit desillusioniertem Phlegma behaf13


Die Gothic-Szene gibt es nicht Alexander Nym

teter Akt der ästhetisierten Hinterfragung gewesen sein mag. Nicht nur als Geste, sondern als Haltung. Gelebte Verweigerung, gezeigter Zweifel und betonte Distanz, akzentuiert durch Klänge, die ebenso sehnsüchtig wie wütend sein konnten, aber der suchenden (und oft genug am gefundenen verzweifelnden) Seele, Pathos und Qual, Intensität, Sturm und Drang Ausdruck verliehen: Diese Attribute sind keine neuartige Erscheinung in der Geschichte der Jugendkulturen, sondern ein Lebensgefühl, das nicht auf Alter oder Herkunft beschränkt werden kann. Dass ausgerechnet der Archetypus des »Gothic« sich in der Breitenwahrnehmung der Schwarzen Szene als Stereotyp etabliert hat, und nicht die zeitweilig verwendeten Synonyme Düster- bzw. Edelpunk, (Dark-)Waver, Death-Rocker, Ghoul, Grufti usw., ist dem semantischen Brückenschlag zur Literaturgattung des »Gothic Horror« (bzw. Gothic Fiction) zu verdanken, die dem Klischee zufolge in der Szene große Beliebtheit genießt, aber gerne auch von Außenstehenden geschätzt wird. Der »Gothic«-Begriff hat als Bezeichnung für eine Hunderttausende Menschen weltweit umfassende schwarze Gemeinschaft längst seine Definitionsmacht verloren (wenn es die je gegeben haben sollte) – in der Tat ist die Schwarze Szene geprägt von heterogenem Eklektizismus, einem Stilmischmasch, der das Spektrum von avantgardistischem Bruitismus über elektronische Popmusik, alte Musik (sowohl sakral wie weltlich), (Neo-)Klassik und Folk bis (Punk)Rock, Techno und Ambient abdeckt. Wenige Szenegänger haben über diese Vielfalt noch wirklichen Überblick; die Szene gliedert sich in verschiedene Unterströmungen, die sich sowohl in Kleidungsfragen wie auch musikalischen Präferenzen mitunter diametral gegenüber stehen. Denn nicht alles ist Gothic, was Schwarz trägt: Insbesondere die spezifische Adjektivierung »Gothic Rock« stand und steht als musikologischer Genrebegriff für die Musik von gewissen Gitarrenbands (vgl. Teil 2), die sich jedoch, wenn danach gefragt, vom »Gothic«-Label und der damit assoziierten Kultur

In der Soziologie, der Jugendkulturforschung und in der Szene selbst wird der Begriff Schwarze Szene dem Adjektiv »gothic«, unter dem die dunkle Alternativkultur in den Medien meist firmiert, vorgezogen – mit gutem Grund: zwar bezeichnet man im Englischen mit »gothic« traditionellerweise nahezu alles, was mit Dunkelheit, Grusel, quietschenden Türen und verfallenen Gemäuern zu tun hatte, aber im Zusammenhang mit Musik wurde das »Gothic«-Etikett (verschiedenen Legenden zufolge) erst den Doors, später Joy Division, dann Bauhaus, den Sex Gang Children usw. angehängt, bevor in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Blüte kommen sollte, was bei den Ahnen des Stils angelegt war: Eine Vorliebe für das Morbide, Abseitige und Makabre, die der neonbunten Plastikwelt der Popmusik demonstrativ den in schwarzes Tuch gehüllten Rücken zuwandte. Die vom Geist des Aufbegehrens geprägte Schock-Ästhetik des Punk, der Mut zur Hässlichkeit und zum rebellischen Anders-Sein wurden mit der schwarzromantischen Komponente der Schönheit des Verfalls ergänzt; der aggressive Frust der Sex Pistols vereinte sich mit der totenbleichen Eleganz eines Edgar Allen Poe zu einer Melange aus Norm-Verweigerung, rückwärtsgewandter Innenschau, Antimaterialismus und juveniler Identitätssuche: Von den kurzlebigen Modewellen, die London in den 80ern heimsuchten (Post-Punk, New Romantic, Batcave, New Wave, Indie und Gothic Rock usw. usf.) wurde das dunkle Substrat der heutigen schwarzen Kultur an die Ufer Kontinentaleuropas gespült, wo es v. a. in Deutschland in den 90er Jahren zu einem Revival des 80er-Jahre-»Gothic« kam, das bis heute anhält. Als Referenz- und Identitätsmuster diente (oft extravagante oder experimentelle) Musik, die von jungen, »unabhängigen« Plattenfirmen in den Nachwehen des Punk veröffentlicht wurde, die der Jugend Alternativen zum Angebot des Mainstream-Pop verschaffte – oft genug von enthusiastischen Abenteurern aus eigener Tasche produzierte Platten, deren kleinster gemeinsamer Nenner rückblickend ein mit desillusioniertem Phlegma behaf13


Sharon Tate, ihren Freunden und dem Ehepaar LaBianca, schockierten 1969 die ganze Welt und setzten der optimistisch-revolutionären Attitüde der 60er ein abruptes Ende, und sollten den folgenden Generationen kultureller Untergrundströmungen bis in die Gegenwart als Stichwort- und Impulsgeber dienen. In diesem ersten Kapitel werden die Relevanz der Farbe schwarz im Verlauf der (europäischen) Kulturgeschichte diskutiert (Arvid Dittmann) und die okkulten Verwicklungen des berühmten Filmemachers Kenneth Anger mit Bobby BeauSoleil (dem Current 93 auf »Swastikas For Noddy« 1986 ein akustisches Denkmal setzten) und den Manson-Morden am Beispiel der Entstehungsgeschichte der Filmmusik zu »Lucifer Rising« erläutert (Michael Moynihan), danach erzählen die Künstlerin Andrea Haugen (auch bekannt als Andréa Nebel) und der Fotograf Holger Karas von ihren frühen Szenetagen in England und Deutschland, gefolgt von einem ergreifenden Bericht des Genre- und Geschlechtergrenzen sprengenden Allroundkünstlers Genesis Breyer P-Orridge über seine Freundschaft mit Ian Curtis, dem Sänger von Joy Division, der grundlegenden »Gothic«-Band schlechthin. In Breyer P-Orridges Text findet sich ein schmerzhaft ehrlicher und gnadenloser Blick auf die Empfindungen junger Künstler im England der späten 1970er Jahre, als gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Frust, Perspektivlosigkeit und wirtschaftlicher Niedergang im Punk ihre musikalische Entsprechung und Kristallisation erfuhren. Aus dieser Implosion heraus entwickelten sich in den frühen 80er Jahren die diversen Post-Punk-Szenen (Positive Punk, New Romantic, New Wave etc.), die das Rohmaterial für die spätere Inkarnation des Gothic bereitstellten, wie der Soziologe Peter Webb sie beschreibt. Obwohl in diesen frühen Tagen keine klaren Genre- und Szenegrenzen existierten, entwickelte sich dennoch eine Dichotomie zwischen gitarrenlastiger Musik (Gothic Rock & Co.) und allem, was elektronischer Natur war. Die experimentelle Untergrundparallele zur Gothic- und (New‑)Wave-Musik war und ist der Industrial, eine Kunstrichtung, die zuvorderst dank Genesis Breyer P-Orridges Gruppen Throbbing Gristle und Psychic TV (und deren »Fanclub« Temple Ov Psychick Youth, kurz topy; eine ernsthafte Nachahmung und gleichzeitig Satire auf okkulte Orden und Logen) den Sprung aus den Kunstgalerien in die Welt der Popmusik geschafft hatte. Der legendäre Industrial-Pionier John Murphy beschreibt ausführlich den Equinox-Event, einen frühen Kristallisationspunkt der Industrial-Kultur. Danach geht es weiter mit den Erinnerungen von Klive Humberstone (In The Nursery) und dessen Weg in die »independent music«; der Kulturtheoretiker und nsk-Experte Alexei Monroe lässt

und ihren Erscheinungsformen häufig mit Nachdruck distanzieren. So etwa die Sisters Of Mercy, die als eine der genreprägenden Bands schlechthin bekannt sind: Auf ihrer Homepage amüsieren sie sich über geschminkte und schlecht frisierte Kids, die sich alle Mühe geben würden, zu ignorieren, was die Sisters in den letzten 15 Jahren veröffentlichten (was nicht viel ist). Sie selbst bezeichnen sich als »Industrial Groove Machine« – was dem bereits überstrapazierten Industrial-Begriff eine weitere Bedeutungskomponente hinzu fügt. Bei den Recherchen für dieses Buch stieß ich häufiger auf Widerstreben bei (ehedem) richtungsweisenden Szene-Künstlern, die Probleme damit hatten, in einem »Gothic«-Buch vertreten zu sein, obwohl sie maßgeblich zur Ausformung der Ästhetik und kulturellen, spirituellen und gesellschaftskritischen Themenfindung der Szene beitrugen und mittlerweile international als einflussreiche Avantgardekünstler weit über die Szene hinaus geschätzt werden (wie z. B. Diamanda Galás oder David Tibet). Auch von vielen hier vertretenen Künstlern wird die Bezeichnung »Gothic« nicht nur als beschränkend empfunden, sondern mitunter als geradewegs unzutreffend, was nicht zuletzt mit den sprachlichen Konventionen der (englischsprachigen) Musikpresse zu tun hat, die gerne alles Mögliche als »gothic« bezeichnet, was dem ersten Anschein nach der Schwarzen Szene zuzuordnen ist. Abseits der einschlägigen Künstler findet die Debatte um Begriffe und Bezeichnungen in der Szene selbst ihre Fortsetzung: Ob es um die Bedeutungen und Assoziationsbereiche der Termini Gothic, Electronic Body Music (EBM) oder Industrial geht, stets scheiden sich die Geister an den jeweils vorgenommenen Zuschreibungen, was mitunter zur Herausbildung neuer Sub-Szenen führt, wie in den Folgekapiteln beschrieben wird. Zu Beginn aber drehen wir die Zeit zurück in die Ära der Beatniks, Hippies und Blumenkinder. Denn wenn es sich bei »den« Gothics um die introvertierte und desillusionierte Tochtergeneration der Gegenkultur der 1960er Jahre handelt (wie DJ-Legende und Szene-Veteran Michael Zöller im Gespräch am Ende dieses Kapitels bemerkt), dann macht es Sinn, zurückzuschauen auf die frühen Impulsgeber einer Szene, die erst dreißig Jahre später zu voller Blüte kommen sollte. Viele Themen und Referenzpunkte der »apokalyptischen« Kultur der Gegenwart sind in den dunklen Schattenseiten der hanfseligen Flower-PowerEpoche angelegt, insbesondere was das Interesse am Abgründigen, an Magie und die morbiden Seiten der Existenz betrifft, die in der rückblickend verträumten Wahrnehmung jener Ära oft unter den Teppich gekehrt werden. Aber die von der »Family« des Charles Manson begangenen Morde an der Filmschauspielerin (und damaligen Ehefrau von Regisseur Roman Polanski) 14

Szene führen. Die thematisch und ästhetisch über das Buch verteilten Bildergalerien und Gedichte ergänzen diesen Band um visuelle und bildende Kunst, die in der Szene ebenfalls eine Heimat hat – denn die Musik mag am Anfang all dieses Treibens gestanden haben, aber die Strategie des »cultural engineering« (P-Orridge) macht auch vor der bildenden Kunst nicht Halt, weshalb sie hier zu ihrem Recht kommt. Denn die Schwarze Szene hat als selbstständiger Kulturraum und »Lifestyle choice« längst ihr Dasein als musikbezogene Jugendsubkultur transzendiert.

die frühen Kontroversen um die slowenischen Künstler von Laibach wieder auferstehen, und die Musiker Oliver St. Lingam und Till Brüggemann teilen ihre Reminiszenzen an die 80er Jahre, ebenso wie DJ Ørlög, der von der Szene in der ddr berichtet. Den Abschluss bildet ein unterhaltsames (und gehaltvolles) Gespräch der »alten Ruhrpott-Hasen« Michael Zöller, Klaus Märkert, Thomas Thyssen und Myk Jung, das die Szenegeschichte mit aktuellen Entwicklungen kontrastiert, kommentiert und zur Diskussion stellt, bevor die weiteren Kapitel tiefer in die Entwicklung und Motivik der Schwarzen

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Sharon Tate, ihren Freunden und dem Ehepaar LaBianca, schockierten 1969 die ganze Welt und setzten der optimistisch-revolutionären Attitüde der 60er ein abruptes Ende, und sollten den folgenden Generationen kultureller Untergrundströmungen bis in die Gegenwart als Stichwort- und Impulsgeber dienen. In diesem ersten Kapitel werden die Relevanz der Farbe schwarz im Verlauf der (europäischen) Kulturgeschichte diskutiert (Arvid Dittmann) und die okkulten Verwicklungen des berühmten Filmemachers Kenneth Anger mit Bobby BeauSoleil (dem Current 93 auf »Swastikas For Noddy« 1986 ein akustisches Denkmal setzten) und den Manson-Morden am Beispiel der Entstehungsgeschichte der Filmmusik zu »Lucifer Rising« erläutert (Michael Moynihan), danach erzählen die Künstlerin Andrea Haugen (auch bekannt als Andréa Nebel) und der Fotograf Holger Karas von ihren frühen Szenetagen in England und Deutschland, gefolgt von einem ergreifenden Bericht des Genre- und Geschlechtergrenzen sprengenden Allroundkünstlers Genesis Breyer P-Orridge über seine Freundschaft mit Ian Curtis, dem Sänger von Joy Division, der grundlegenden »Gothic«-Band schlechthin. In Breyer P-Orridges Text findet sich ein schmerzhaft ehrlicher und gnadenloser Blick auf die Empfindungen junger Künstler im England der späten 1970er Jahre, als gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Frust, Perspektivlosigkeit und wirtschaftlicher Niedergang im Punk ihre musikalische Entsprechung und Kristallisation erfuhren. Aus dieser Implosion heraus entwickelten sich in den frühen 80er Jahren die diversen Post-Punk-Szenen (Positive Punk, New Romantic, New Wave etc.), die das Rohmaterial für die spätere Inkarnation des Gothic bereitstellten, wie der Soziologe Peter Webb sie beschreibt. Obwohl in diesen frühen Tagen keine klaren Genre- und Szenegrenzen existierten, entwickelte sich dennoch eine Dichotomie zwischen gitarrenlastiger Musik (Gothic Rock & Co.) und allem, was elektronischer Natur war. Die experimentelle Untergrundparallele zur Gothic- und (New‑)Wave-Musik war und ist der Industrial, eine Kunstrichtung, die zuvorderst dank Genesis Breyer P-Orridges Gruppen Throbbing Gristle und Psychic TV (und deren »Fanclub« Temple Ov Psychick Youth, kurz topy; eine ernsthafte Nachahmung und gleichzeitig Satire auf okkulte Orden und Logen) den Sprung aus den Kunstgalerien in die Welt der Popmusik geschafft hatte. Der legendäre Industrial-Pionier John Murphy beschreibt ausführlich den Equinox-Event, einen frühen Kristallisationspunkt der Industrial-Kultur. Danach geht es weiter mit den Erinnerungen von Klive Humberstone (In The Nursery) und dessen Weg in die »independent music«; der Kulturtheoretiker und nsk-Experte Alexei Monroe lässt

und ihren Erscheinungsformen häufig mit Nachdruck distanzieren. So etwa die Sisters Of Mercy, die als eine der genreprägenden Bands schlechthin bekannt sind: Auf ihrer Homepage amüsieren sie sich über geschminkte und schlecht frisierte Kids, die sich alle Mühe geben würden, zu ignorieren, was die Sisters in den letzten 15 Jahren veröffentlichten (was nicht viel ist). Sie selbst bezeichnen sich als »Industrial Groove Machine« – was dem bereits überstrapazierten Industrial-Begriff eine weitere Bedeutungskomponente hinzu fügt. Bei den Recherchen für dieses Buch stieß ich häufiger auf Widerstreben bei (ehedem) richtungsweisenden Szene-Künstlern, die Probleme damit hatten, in einem »Gothic«-Buch vertreten zu sein, obwohl sie maßgeblich zur Ausformung der Ästhetik und kulturellen, spirituellen und gesellschaftskritischen Themenfindung der Szene beitrugen und mittlerweile international als einflussreiche Avantgardekünstler weit über die Szene hinaus geschätzt werden (wie z. B. Diamanda Galás oder David Tibet). Auch von vielen hier vertretenen Künstlern wird die Bezeichnung »Gothic« nicht nur als beschränkend empfunden, sondern mitunter als geradewegs unzutreffend, was nicht zuletzt mit den sprachlichen Konventionen der (englischsprachigen) Musikpresse zu tun hat, die gerne alles Mögliche als »gothic« bezeichnet, was dem ersten Anschein nach der Schwarzen Szene zuzuordnen ist. Abseits der einschlägigen Künstler findet die Debatte um Begriffe und Bezeichnungen in der Szene selbst ihre Fortsetzung: Ob es um die Bedeutungen und Assoziationsbereiche der Termini Gothic, Electronic Body Music (EBM) oder Industrial geht, stets scheiden sich die Geister an den jeweils vorgenommenen Zuschreibungen, was mitunter zur Herausbildung neuer Sub-Szenen führt, wie in den Folgekapiteln beschrieben wird. Zu Beginn aber drehen wir die Zeit zurück in die Ära der Beatniks, Hippies und Blumenkinder. Denn wenn es sich bei »den« Gothics um die introvertierte und desillusionierte Tochtergeneration der Gegenkultur der 1960er Jahre handelt (wie DJ-Legende und Szene-Veteran Michael Zöller im Gespräch am Ende dieses Kapitels bemerkt), dann macht es Sinn, zurückzuschauen auf die frühen Impulsgeber einer Szene, die erst dreißig Jahre später zu voller Blüte kommen sollte. Viele Themen und Referenzpunkte der »apokalyptischen« Kultur der Gegenwart sind in den dunklen Schattenseiten der hanfseligen Flower-PowerEpoche angelegt, insbesondere was das Interesse am Abgründigen, an Magie und die morbiden Seiten der Existenz betrifft, die in der rückblickend verträumten Wahrnehmung jener Ära oft unter den Teppich gekehrt werden. Aber die von der »Family« des Charles Manson begangenen Morde an der Filmschauspielerin (und damaligen Ehefrau von Regisseur Roman Polanski) 14

Szene führen. Die thematisch und ästhetisch über das Buch verteilten Bildergalerien und Gedichte ergänzen diesen Band um visuelle und bildende Kunst, die in der Szene ebenfalls eine Heimat hat – denn die Musik mag am Anfang all dieses Treibens gestanden haben, aber die Strategie des »cultural engineering« (P-Orridge) macht auch vor der bildenden Kunst nicht Halt, weshalb sie hier zu ihrem Recht kommt. Denn die Schwarze Szene hat als selbstständiger Kulturraum und »Lifestyle choice« längst ihr Dasein als musikbezogene Jugendsubkultur transzendiert.

die frühen Kontroversen um die slowenischen Künstler von Laibach wieder auferstehen, und die Musiker Oliver St. Lingam und Till Brüggemann teilen ihre Reminiszenzen an die 80er Jahre, ebenso wie DJ Ørlög, der von der Szene in der ddr berichtet. Den Abschluss bildet ein unterhaltsames (und gehaltvolles) Gespräch der »alten Ruhrpott-Hasen« Michael Zöller, Klaus Märkert, Thomas Thyssen und Myk Jung, das die Szenegeschichte mit aktuellen Entwicklungen kontrastiert, kommentiert und zur Diskussion stellt, bevor die weiteren Kapitel tiefer in die Entwicklung und Motivik der Schwarzen

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C C – E Zwischen jungen und altgewordenen Szenegängern gibt es geschmackliche Divergenzen nicht nur in Sachen Musik

Gerd Lehmann

len: So werden heute auf den Flyern grundsätzlich die gespielten Musikstile angegeben, damit jeder potentielle Besucher von Anfang an Bescheid weiß. Zudem werden immer häufiger »Normalos« zur Party zugelassen, was das klassische schwarze Gate-Keeping aufweicht, manches Mal bis hin zu einem vom Veranstalter erlaubten »Special Interest« à la SM/Fetisch, was sie andere Kundenkreise erschließen lässt. Aber was ist aus den »Alten«, den Goths der ersten Stunde, geworden? Wie haben sich diese im tendenziellen Generationenkonflikt geschlagen? Sind sie ihrer alten Musik treu geblieben? Es hat offenbar eine räumliche Segregation hin zur »Closed Society«-Rahmung stattgefunden. Dieser Trend äußert sich in vermehrten »Underground«-Veranstaltungen, bei welchen entweder die Flyer mit Absicht nur noch an bestimmte meist altbekannte Gothics abgegeben werden, oder gar nur noch über Mund-zu-Mund-Propaganda beworben werden, sodass jüngeren Szenegängern oder gar »Normalos« der Weg zu diesen Partys mit einiger Garantie verschlossen bleibt. Auf der anderen Seite sieht man die älteren Szenegänger entsprechend weniger oder nur noch selten bei »normalen« (schwarzen Party-)Veranstaltungen. Dadurch entfällt die Begegnung von Jung und Alt bei Großanlässen, nachdem diejenigen Gothics, welche bis zu einem gewissen Grad gleichsam das kulturelle Gedächtnis der GothicSzene repräsentieren, nicht mehr auf solche Partys gehen und sich so nicht mehr im Guten austauschen und gegenseitig updaten können. Aber warum kommt es nicht mehr zu einem solchen Austausch zwischen den Generationen? Die Antwort auf diese Frage geben die SzeneGänger selbst  – weil das Klima rauer geworden sei, heißt es. Im O-Ton: »Die Jungen nehmen von uns Alten nichts mehr an!« (gemeint sind z. B. Zurechtweisungen etwa wegen aggressiven (!) Fehlverhaltens auf der Tanzfläche)  – Edda (45 Jahre); oder: »Es ist untereinander nicht mehr so freundlich wie früher. Neuerdings gibt es sogar Schlägereien auf Partys! Das gab's früher nicht!«  – Heidi (42 Jahre); oder: »Wer will schon (gerade bei den Gothics!), dass ihm auf einer Party eine reingehauen wird? Das wäre ein ganz neuer Ton!«  – Gerd (43 Jahre). »Quo vadis, Goth-Music?« Noch bevor es zu einem »Clash of Cultures« kommen könnte, könnten Absplittungstendenzen obsiegen. Ähnlich wie in den 1980er Jahren beim Punk, als sich bekanntlich die Gruftis separierten, könnte man erwarten, dass sich gewisse Teile der Schwarzen Szene abspalten und neu (zu)ordnen werden. Welche Rolle insbesondere die Musik dabei spielen darf, wird allein die Zukunft weisen.

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C C – E Zwischen jungen und altgewordenen Szenegängern gibt es geschmackliche Divergenzen nicht nur in Sachen Musik

Gerd Lehmann

len: So werden heute auf den Flyern grundsätzlich die gespielten Musikstile angegeben, damit jeder potentielle Besucher von Anfang an Bescheid weiß. Zudem werden immer häufiger »Normalos« zur Party zugelassen, was das klassische schwarze Gate-Keeping aufweicht, manches Mal bis hin zu einem vom Veranstalter erlaubten »Special Interest« à la SM/Fetisch, was sie andere Kundenkreise erschließen lässt. Aber was ist aus den »Alten«, den Goths der ersten Stunde, geworden? Wie haben sich diese im tendenziellen Generationenkonflikt geschlagen? Sind sie ihrer alten Musik treu geblieben? Es hat offenbar eine räumliche Segregation hin zur »Closed Society«-Rahmung stattgefunden. Dieser Trend äußert sich in vermehrten »Underground«-Veranstaltungen, bei welchen entweder die Flyer mit Absicht nur noch an bestimmte meist altbekannte Gothics abgegeben werden, oder gar nur noch über Mund-zu-Mund-Propaganda beworben werden, sodass jüngeren Szenegängern oder gar »Normalos« der Weg zu diesen Partys mit einiger Garantie verschlossen bleibt. Auf der anderen Seite sieht man die älteren Szenegänger entsprechend weniger oder nur noch selten bei »normalen« (schwarzen Party-)Veranstaltungen. Dadurch entfällt die Begegnung von Jung und Alt bei Großanlässen, nachdem diejenigen Gothics, welche bis zu einem gewissen Grad gleichsam das kulturelle Gedächtnis der GothicSzene repräsentieren, nicht mehr auf solche Partys gehen und sich so nicht mehr im Guten austauschen und gegenseitig updaten können. Aber warum kommt es nicht mehr zu einem solchen Austausch zwischen den Generationen? Die Antwort auf diese Frage geben die SzeneGänger selbst  – weil das Klima rauer geworden sei, heißt es. Im O-Ton: »Die Jungen nehmen von uns Alten nichts mehr an!« (gemeint sind z. B. Zurechtweisungen etwa wegen aggressiven (!) Fehlverhaltens auf der Tanzfläche)  – Edda (45 Jahre); oder: »Es ist untereinander nicht mehr so freundlich wie früher. Neuerdings gibt es sogar Schlägereien auf Partys! Das gab's früher nicht!«  – Heidi (42 Jahre); oder: »Wer will schon (gerade bei den Gothics!), dass ihm auf einer Party eine reingehauen wird? Das wäre ein ganz neuer Ton!«  – Gerd (43 Jahre). »Quo vadis, Goth-Music?« Noch bevor es zu einem »Clash of Cultures« kommen könnte, könnten Absplittungstendenzen obsiegen. Ähnlich wie in den 1980er Jahren beim Punk, als sich bekanntlich die Gruftis separierten, könnte man erwarten, dass sich gewisse Teile der Schwarzen Szene abspalten und neu (zu)ordnen werden. Welche Rolle insbesondere die Musik dabei spielen darf, wird allein die Zukunft weisen.

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Gothic-Konsum Jennifer Hoffert

A

1 »Trainspotting« (dito, Danny Boyle 1996), Verfilmung des gleichnamigen Buches von Irvine Welsh

A Konzerte kosten: Auch CyberGoths benötigen Geld B Indie-Ikone der 80er Jahre: Winona Ryder als Lydia in Tim Burton’s »Beetlejuice« (Geffen Company/Warner Bros. 1988)

Der Ursprung der Gothic-Subkultur als Abspaltung der ohnehin schon grenzwertigen PunkSzene in den späten 70ern ist in Anbetracht der momentanen Integration in den kulturellen Mainstream nur noch schwer vorstellbar. In amerikanischen Malls bekommt man GothicMode aus Massenanfertigung. Nine Inch Nails, Rammstein und Marilyn Manson füllen Stadien. Manche der wohl bekanntesten Romane und Filme der letzten Jahre, die auf Jugendliche oder jüngeres Publikum abzielten, waren unter anderem. die thematisch düsteren »Harry Potter«- und »Twilight«-Reihen. Das Wort »Gothic« ist nicht mehr zwingend mit Assoziationen der Kathedralen des 12. und 13. Jahrhunderts oder den britischen Schauerromanen des 18. Jahrhunderts verbunden, stattdessen mit der Vorstellung junger schwarzgewandeter Menschen mit komischen Frisuren und dunklem Make-up. Jedoch würden viele Menschen, die sich als Goth(ic)s identifizieren, argumentieren, dass diese Ladenketten, Pop-Bands, und die trendigen Vampir- und Zauberromane Nicht Gothic sind, sondern schlichtweg eine zweitrangige Mainstream-Imitation dessen. Ist das ein allein amerikanisches Phänomen? Möglicherweise nicht, wenn man sich die Popularität von Gothic-Musik und -Mode in Europa vor Augen führt, obwohl man sich sicher leicht darüber streiten kann, ob der gesellschaftliche Auftrieb des Konsumismus in den USA die Kommerzialisierung der Szene dort besonders vorangetrieben hat.

B

Der amerikanische Konsum-Kult »Sag ja zu einem Job. Sag ja zur Karriere. Sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher, zu Waschmaschine, Autos, CD-Playern und elektronischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, zu einem niedrigen Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung, zur Bausparkasse, zu Eigentumswohnung und den richtigen Freunden. Sag ja zu Freizeitbekleidung mit passenden Koffern, einem dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung.«1 Wenn der Aufstieg der Industrialisierung Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts den Konsumismus in die Mittelschicht getragen hat, dann war es der Nachkriegsboom, der ihn in die Arbeiterklasse brachte. Zum ersten Mal in der Geschichte war beinahe jeder dazu in der Lage, Waren aus der Massenanfertigung zu konsumieren. In den Köpfen vieler Amerikaner sind Mittelschicht und Arbeiterklasse miteinander verschmolzen. Laut dem Pew Research Center nahmen sich 53 % der Amerikaner 2008 als Angehörige der Mittelschicht wahr, obwohl sich die Jahreseinkommen dieser Gruppe zwischen 351


Gothic-Konsum Jennifer Hoffert

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1 »Trainspotting« (dito, Danny Boyle 1996), Verfilmung des gleichnamigen Buches von Irvine Welsh

A Konzerte kosten: Auch CyberGoths benötigen Geld B Indie-Ikone der 80er Jahre: Winona Ryder als Lydia in Tim Burton’s »Beetlejuice« (Geffen Company/Warner Bros. 1988)

Der Ursprung der Gothic-Subkultur als Abspaltung der ohnehin schon grenzwertigen PunkSzene in den späten 70ern ist in Anbetracht der momentanen Integration in den kulturellen Mainstream nur noch schwer vorstellbar. In amerikanischen Malls bekommt man GothicMode aus Massenanfertigung. Nine Inch Nails, Rammstein und Marilyn Manson füllen Stadien. Manche der wohl bekanntesten Romane und Filme der letzten Jahre, die auf Jugendliche oder jüngeres Publikum abzielten, waren unter anderem. die thematisch düsteren »Harry Potter«- und »Twilight«-Reihen. Das Wort »Gothic« ist nicht mehr zwingend mit Assoziationen der Kathedralen des 12. und 13. Jahrhunderts oder den britischen Schauerromanen des 18. Jahrhunderts verbunden, stattdessen mit der Vorstellung junger schwarzgewandeter Menschen mit komischen Frisuren und dunklem Make-up. Jedoch würden viele Menschen, die sich als Goth(ic)s identifizieren, argumentieren, dass diese Ladenketten, Pop-Bands, und die trendigen Vampir- und Zauberromane Nicht Gothic sind, sondern schlichtweg eine zweitrangige Mainstream-Imitation dessen. Ist das ein allein amerikanisches Phänomen? Möglicherweise nicht, wenn man sich die Popularität von Gothic-Musik und -Mode in Europa vor Augen führt, obwohl man sich sicher leicht darüber streiten kann, ob der gesellschaftliche Auftrieb des Konsumismus in den USA die Kommerzialisierung der Szene dort besonders vorangetrieben hat.

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Der amerikanische Konsum-Kult »Sag ja zu einem Job. Sag ja zur Karriere. Sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher, zu Waschmaschine, Autos, CD-Playern und elektronischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, zu einem niedrigen Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung, zur Bausparkasse, zu Eigentumswohnung und den richtigen Freunden. Sag ja zu Freizeitbekleidung mit passenden Koffern, einem dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung.«1 Wenn der Aufstieg der Industrialisierung Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts den Konsumismus in die Mittelschicht getragen hat, dann war es der Nachkriegsboom, der ihn in die Arbeiterklasse brachte. Zum ersten Mal in der Geschichte war beinahe jeder dazu in der Lage, Waren aus der Massenanfertigung zu konsumieren. In den Köpfen vieler Amerikaner sind Mittelschicht und Arbeiterklasse miteinander verschmolzen. Laut dem Pew Research Center nahmen sich 53 % der Amerikaner 2008 als Angehörige der Mittelschicht wahr, obwohl sich die Jahreseinkommen dieser Gruppe zwischen 351


2 In Congress 4. July 1776. The unanimous Declara-

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tion of the thirteen United States of America, »…We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness...«; Die erste deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte einen Tag nach ihrer Verabschiedung die deutschsprachige Zeitung Pennsylvanischer Staatsbote in Philadelphia: »…Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind…« Merry Scary Christmas: Geisterwelt-Flyer aus Griechenland mit einem von »Nightmare Before Christmas« inspirierten Motiv. Dieser Film ist besonders bei europäischen Gruftis sehr beliebt Wednesday Addams auf einem Flyer für eine Mittwoch abends stattfindende Grufti-Party-Reihe in den frühen 90er Jahren, Boston (USA) Alternative zu Klamotten von der Stange: selbst entworfenes und hergestelltes Kleid (Bettina Tita 1999) »In Goth we trust«: In amerikanischen HalloweenGeschäften und deutschen Allround-Ladenketten bekommt man alles, was das schwarze Herz begehrt

unter 20.000 Dollar und über 150.000 Dollar bewegten. Was für diese Selbstdefinition am wichtigsten erscheint, ist, inwieweit man sich mit seinen Nachbarn auf gleicher Linie fühlt, oder nicht. Dieses Verlangen nach Gleichheit ist vor allem in einem Land besonders stark, in dem »alle Menschen gleich erschaffen wurden« und »mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind«2 und wo theoretisch jedermann die Chance hat, sich zu verbessern und seinen eigenen Reichtum aufzubauen. Wir wollen alle glauben (können), dass wir faktisch mit unseren Mitbürgern gleichgestellt sind. Wir möchten die gleichen Besitztümer, und wir wollen an den gleichen Freizeitaktivitäten teilhaben. Wie wir uns behaupten, scheint sich über unseren Erfolg im gelobten Streben nach Glück zu definieren. Aber auf unserer Suche nach Gleichbehandlung und Gerechtigkeit werden wir homogenisiert. Wir sind zu den Vereinigten Staaten von Allgemeinika geworden, einem Land der großen Einkaufszentren, Ladenketten und popkultureller Unterhaltung. Aus diesem zunehmenden Anpassungsdruck folgt ein gesteigertes Interesse der jungen Leute, sich von der von ihren Eltern aufgebauten Gesellschaft zu lösen: Die Beatniks, Hippies, Punks, New Ager und Goths. Jedoch ist die US-amerikanische Unterhaltungs- und Konsumgüterindustrie extrem effizient geworden, wenn es darum geht, aufstrebende Subkulturen zu identifizieren und zu kooptieren, um sie dann im Mainstream als konsumierbare Trends zu vermarkten.

Gothic oberhalb der Ladentheke Grundsätzlich war die erste Welle der Gothic-Subkultur der 1980er in den USA ein kommerzieller Fehlschlag. In einer großen Stadt mit einer lebendigen Underground-Musikszene konnte man mit Glück ein paar Independent-Läden finden, die okkultistischen Bedarf, BDSM-Ausrüstung oder Armeeklamotten feilboten. Goths, die sich durch ihre Kleidung ausdrücken wollten, fanden hier und dort einzelne Kleidungsstücke und griffen dabei oft auf Second-Hand-Läden oder handgemachte Outfits und Accessoires zurück. Selbstproduzierte, per Post vertriebene Fanzines gingen von Hand zu Hand und verbreiteten Reviews und Konzertberichte von Mensch zu Mensch. Da es nur ein paar wenige Nachtclubs gab, die sich einzig und allein düsterer Musik annahmen, organisierten Szeneanhänger Veranstaltungen überall dann und dort, wo sie sich die Raummiete leisten konnten. Als die Gothic-Subkultur in den 1990er Jahren ein Comeback erlebte, lag es im gemeinsamen Interesse der Mode- und Unterhaltungsindustrie, sich ein Stück des Kuchens zu sichern. Mainstream-Marken von Haute Couture bis zu Discounter-Ketten produzierten Kollektionen größtenteils schwarzer Frauenmode mit Lack- und Samt-Elementen in der Gothic-Tradition. Bands mit düsterem Look wurden als »Goth« beworben, selbst wenn ihr Sound und die Texte nicht wirklich den Geschmack tatsächlicher Goths berührten. Diese MainstreamAngebote tauchten in der Gothic-Szene auf und beeinflussten Playlisten sowie Kleiderordnung bei Clubs und auf Partys. Special-Interest-Ketten wie Hot Topic oder Torrid sind feste Bestandteile vieler Malls quer durch Amerika, die typische Gothic-Modeklischees und Produkte an den Mann bringen, und die heute als dem Genre zugehörig wahrgenommen werden. Da können die VorstadtTeens einfach reinspazieren und alles was »Goth« ist kriegen: Fake-Korsetts von Morbid Threads, obergeile Superhosen mit baumelnden Bondage-Riemen von TrippNYC, alles und zwar wirklich alles mit »Emily The Strange«-Aufdruck oder Figuren aus »Nightmare Before Christmas«.

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Das Dunkel zieht auf Hollywoods Interesse an düsteren und makabren Themen ist nichts Neues. Der Vampirfilm »Nosferatu« (1922) führte zu unzähligen anderen Leinwandadaptionen, die im losen Bezug zum Stoker-Klassiker standen. Die TV-Serien »The Munsters« und »The Addams Family« aus den 1960ern gab es lange vor der Herausbildung einer nennenswerten Gothic-Szene. Selbst Filme wie »The Hunger« (dt. »Begierde«, Tony Scott 1983), »Beetlejuice« (dito, Tim Burton 1988), »Tim Burton's Nightmare Before Christmas« (Nightmare Before Christmas, Tim Burton 1993) und »Interview With A Vampire« (dt. »Interview mit einem Vampir«, Neil Jordan 1994), die nach der Entstehung der Gothic-Subkultur entstanden, waren sicherlich nicht einzig und allein auf ein Gothic-Publikum zugeschnitten. Was sich aber über die Jahre verändert hat, ist die Marketingmaschinerie Hollywoods, die Spin-Off-Serien, Modekollektionen, Spielzeuge, Bücher und unzähligen andere Produkte nutzt, um Filme und TV-Serien zu bewerben und deren Popularität zu steigern. TV-Serien wie »Buffy  – Die Vampirjägerin« und »Charmed« benutzten düstere Bildwelten und stereotype Charaktere, und wurden oft als »Gothic« vermarktet, obwohl ihre Handlung meist eher konservativ war und wenig bis gar nichts mit der Gothic-Subkultur zu tun hatte. US-Serien wie »South Park«, »NCIS« und »Venture Brothers« haben regelmäßig auftretende »Goth«-Charaktere. Andere Serien wie »CSI« hatten einzelne Episoden, in denen GothicCharaktere auftauchten. Diese TV-Porträtierungen von Goths weisen oft die von den Medien völlig überzogenen Stereotypen auf, die diese in den Köpfen der jungen Leute, die die Szene zum ersten Mal entdecken, noch weiter verfestigen.

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Ist das Goth? Umso mehr Hollywood-Figuren und eingetragene Modemarken sich immer tiefer und tiefer in die Gothic-Szene einbetten, wird dem Argument, sie gehörten gar nicht dazu, die Grundlage entzogen. Die Fragen »Was ist Goth?« und »Ist xy Goth?« machen einen Großteil der Diskussionen in Gothic-Foren im Internet aus, die in einem so weitläufigen Land mit einer derartigen Ausbreitung von Vorstädten wichtig sind und bleiben werden, da diese Situation junge Leute davon abhält, sich regelmäßig persönlich zu treffen. Das wohlbekannte Sprichwort »Niemand im Internet weiß, dass du ein Hund bist« aus Peter Steiners Cartoon im New Yorker vom 05. Juni 1993 hat hier volle Gültigkeit, denn es gibt keine ernstzunehmende Qualitätskontrolle auf diesen Webseiten. Jeder kann einen User-Account anlegen und seine vermeintliche Expertise in der Gothic-Subkultur behaupten, was Neuankömmlinge oder die Medien jedoch nicht davon abhält, die dort gefundenen Posts zu zitieren und bei der Berichterstattung über die Gothic-Szene zu verwenden. Mit der der Kommerzialisierung ging eine Zunahme der medialen Berichterstattung einher, vor allem in den USA, wo die Medien von wirtschaftlichen Interessen besonders beeinflusst

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2 In Congress 4. July 1776. The unanimous Declara-

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tion of the thirteen United States of America, »…We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness...«; Die erste deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte einen Tag nach ihrer Verabschiedung die deutschsprachige Zeitung Pennsylvanischer Staatsbote in Philadelphia: »…Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind…« Merry Scary Christmas: Geisterwelt-Flyer aus Griechenland mit einem von »Nightmare Before Christmas« inspirierten Motiv. Dieser Film ist besonders bei europäischen Gruftis sehr beliebt Wednesday Addams auf einem Flyer für eine Mittwoch abends stattfindende Grufti-Party-Reihe in den frühen 90er Jahren, Boston (USA) Alternative zu Klamotten von der Stange: selbst entworfenes und hergestelltes Kleid (Bettina Tita 1999) »In Goth we trust«: In amerikanischen HalloweenGeschäften und deutschen Allround-Ladenketten bekommt man alles, was das schwarze Herz begehrt

unter 20.000 Dollar und über 150.000 Dollar bewegten. Was für diese Selbstdefinition am wichtigsten erscheint, ist, inwieweit man sich mit seinen Nachbarn auf gleicher Linie fühlt, oder nicht. Dieses Verlangen nach Gleichheit ist vor allem in einem Land besonders stark, in dem »alle Menschen gleich erschaffen wurden« und »mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind«2 und wo theoretisch jedermann die Chance hat, sich zu verbessern und seinen eigenen Reichtum aufzubauen. Wir wollen alle glauben (können), dass wir faktisch mit unseren Mitbürgern gleichgestellt sind. Wir möchten die gleichen Besitztümer, und wir wollen an den gleichen Freizeitaktivitäten teilhaben. Wie wir uns behaupten, scheint sich über unseren Erfolg im gelobten Streben nach Glück zu definieren. Aber auf unserer Suche nach Gleichbehandlung und Gerechtigkeit werden wir homogenisiert. Wir sind zu den Vereinigten Staaten von Allgemeinika geworden, einem Land der großen Einkaufszentren, Ladenketten und popkultureller Unterhaltung. Aus diesem zunehmenden Anpassungsdruck folgt ein gesteigertes Interesse der jungen Leute, sich von der von ihren Eltern aufgebauten Gesellschaft zu lösen: Die Beatniks, Hippies, Punks, New Ager und Goths. Jedoch ist die US-amerikanische Unterhaltungs- und Konsumgüterindustrie extrem effizient geworden, wenn es darum geht, aufstrebende Subkulturen zu identifizieren und zu kooptieren, um sie dann im Mainstream als konsumierbare Trends zu vermarkten.

Gothic oberhalb der Ladentheke Grundsätzlich war die erste Welle der Gothic-Subkultur der 1980er in den USA ein kommerzieller Fehlschlag. In einer großen Stadt mit einer lebendigen Underground-Musikszene konnte man mit Glück ein paar Independent-Läden finden, die okkultistischen Bedarf, BDSM-Ausrüstung oder Armeeklamotten feilboten. Goths, die sich durch ihre Kleidung ausdrücken wollten, fanden hier und dort einzelne Kleidungsstücke und griffen dabei oft auf Second-Hand-Läden oder handgemachte Outfits und Accessoires zurück. Selbstproduzierte, per Post vertriebene Fanzines gingen von Hand zu Hand und verbreiteten Reviews und Konzertberichte von Mensch zu Mensch. Da es nur ein paar wenige Nachtclubs gab, die sich einzig und allein düsterer Musik annahmen, organisierten Szeneanhänger Veranstaltungen überall dann und dort, wo sie sich die Raummiete leisten konnten. Als die Gothic-Subkultur in den 1990er Jahren ein Comeback erlebte, lag es im gemeinsamen Interesse der Mode- und Unterhaltungsindustrie, sich ein Stück des Kuchens zu sichern. Mainstream-Marken von Haute Couture bis zu Discounter-Ketten produzierten Kollektionen größtenteils schwarzer Frauenmode mit Lack- und Samt-Elementen in der Gothic-Tradition. Bands mit düsterem Look wurden als »Goth« beworben, selbst wenn ihr Sound und die Texte nicht wirklich den Geschmack tatsächlicher Goths berührten. Diese MainstreamAngebote tauchten in der Gothic-Szene auf und beeinflussten Playlisten sowie Kleiderordnung bei Clubs und auf Partys. Special-Interest-Ketten wie Hot Topic oder Torrid sind feste Bestandteile vieler Malls quer durch Amerika, die typische Gothic-Modeklischees und Produkte an den Mann bringen, und die heute als dem Genre zugehörig wahrgenommen werden. Da können die VorstadtTeens einfach reinspazieren und alles was »Goth« ist kriegen: Fake-Korsetts von Morbid Threads, obergeile Superhosen mit baumelnden Bondage-Riemen von TrippNYC, alles und zwar wirklich alles mit »Emily The Strange«-Aufdruck oder Figuren aus »Nightmare Before Christmas«.

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Das Dunkel zieht auf Hollywoods Interesse an düsteren und makabren Themen ist nichts Neues. Der Vampirfilm »Nosferatu« (1922) führte zu unzähligen anderen Leinwandadaptionen, die im losen Bezug zum Stoker-Klassiker standen. Die TV-Serien »The Munsters« und »The Addams Family« aus den 1960ern gab es lange vor der Herausbildung einer nennenswerten Gothic-Szene. Selbst Filme wie »The Hunger« (dt. »Begierde«, Tony Scott 1983), »Beetlejuice« (dito, Tim Burton 1988), »Tim Burton's Nightmare Before Christmas« (Nightmare Before Christmas, Tim Burton 1993) und »Interview With A Vampire« (dt. »Interview mit einem Vampir«, Neil Jordan 1994), die nach der Entstehung der Gothic-Subkultur entstanden, waren sicherlich nicht einzig und allein auf ein Gothic-Publikum zugeschnitten. Was sich aber über die Jahre verändert hat, ist die Marketingmaschinerie Hollywoods, die Spin-Off-Serien, Modekollektionen, Spielzeuge, Bücher und unzähligen andere Produkte nutzt, um Filme und TV-Serien zu bewerben und deren Popularität zu steigern. TV-Serien wie »Buffy  – Die Vampirjägerin« und »Charmed« benutzten düstere Bildwelten und stereotype Charaktere, und wurden oft als »Gothic« vermarktet, obwohl ihre Handlung meist eher konservativ war und wenig bis gar nichts mit der Gothic-Subkultur zu tun hatte. US-Serien wie »South Park«, »NCIS« und »Venture Brothers« haben regelmäßig auftretende »Goth«-Charaktere. Andere Serien wie »CSI« hatten einzelne Episoden, in denen GothicCharaktere auftauchten. Diese TV-Porträtierungen von Goths weisen oft die von den Medien völlig überzogenen Stereotypen auf, die diese in den Köpfen der jungen Leute, die die Szene zum ersten Mal entdecken, noch weiter verfestigen.

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Ist das Goth? Umso mehr Hollywood-Figuren und eingetragene Modemarken sich immer tiefer und tiefer in die Gothic-Szene einbetten, wird dem Argument, sie gehörten gar nicht dazu, die Grundlage entzogen. Die Fragen »Was ist Goth?« und »Ist xy Goth?« machen einen Großteil der Diskussionen in Gothic-Foren im Internet aus, die in einem so weitläufigen Land mit einer derartigen Ausbreitung von Vorstädten wichtig sind und bleiben werden, da diese Situation junge Leute davon abhält, sich regelmäßig persönlich zu treffen. Das wohlbekannte Sprichwort »Niemand im Internet weiß, dass du ein Hund bist« aus Peter Steiners Cartoon im New Yorker vom 05. Juni 1993 hat hier volle Gültigkeit, denn es gibt keine ernstzunehmende Qualitätskontrolle auf diesen Webseiten. Jeder kann einen User-Account anlegen und seine vermeintliche Expertise in der Gothic-Subkultur behaupten, was Neuankömmlinge oder die Medien jedoch nicht davon abhält, die dort gefundenen Posts zu zitieren und bei der Berichterstattung über die Gothic-Szene zu verwenden. Mit der der Kommerzialisierung ging eine Zunahme der medialen Berichterstattung einher, vor allem in den USA, wo die Medien von wirtschaftlichen Interessen besonders beeinflusst

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H 3 Riesman, David (1950): Listening to popular music,

in: American Quarterly, Nr. 2, S. 359–71, zitiert nach Middleton, Richard: Studying Popular Music, S.155. Philadelphia: Open University Press 1990/2002 H, K Gothic- und Punk-Mode aus dem japanische SzeneMagazin/Katalog KERA L, M Werbung für Szenemode von Savage Wear und XtraX, der größten deutschen Ladenkette, gegründet 1991

werden, was von unschuldig klingenden Pressemitteilungen bis zu im Grunde vorgefertigten Artikeln und vorproduzierten Berichten über Produkte oder mit Produkten verwandten Themen reicht. Noch heimtückischer und schwerer nachvollziehbar ist der Einfluss der Besitzverhältnisse zwischen Konzernen und Medienfirmen. Zum Beispiel: Disney gehört das ABC Television Network und hält große Anteile von Lifetime Entertainment und A&E Television; Time Warner kontrolliert neben ihren Film- und TV-Studios auch CNN. Es ist schwer vorstellbar, dass die Interessen von Anteilseignern keinen Einfluss auf die von ihrer Firma kontrollierten Medien ausüben. Ungeachtet der Glaubwürdigkeit ihrer Quellen: Je mehr Berichte über die Popularität der Gothic-Subkultur erscheinen, um so mehr Neulinge tauchen in der Szene auf, die das nachahmen, was ihnen die Medien als »Gothic« verkauft haben und umso mehr beginnt die Szene, sich der keimfreien Mainstream-tauglichen Version ihres früheren Selbst anzugleichen, einer Version, die nicht länger geschaffen werden muss, sondern einfach konsumiert werden kann.

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Wo endet die Subkultur – und wo beginnt die Demografie?

Der Soziologe David Riesman unterscheidet zwischen einer Mehrheit, »die passiv kommerziell angebotene Stile und Bedeutungen akzeptiert, und einer ›Subkultur‹, die aktiv einen Minderheitenstil sucht […] und diesen anhand subversiver Werte interpretiert.«3 Wenn Mainstream-Kultur sich die Erkennungsmerkmale (Musik, Mode, Literatur, etc.) einer Subkultur aneignet, dann wird die Subkultur als solche unkenntlich und kann ihren Status nur durch eine weitere Abkehr vom Mainstream beibehalten, indem sie neuere Stile, die noch mehr abseits des Mainstream liegen, aufgreift. Die sichtbaren Veränderungen in der Musik, den Clubs und der Mode der Gothic-Szene in den letzten fünfzehn Jahren sind keine Entwicklung hin zum Extremen, sondern vielmehr in Richtung Mainstream, wodurch die Grenze zwischen Subkultur und Szene verschwimmt.

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H 3 Riesman, David (1950): Listening to popular music,

in: American Quarterly, Nr. 2, S. 359–71, zitiert nach Middleton, Richard: Studying Popular Music, S.155. Philadelphia: Open University Press 1990/2002 H, K Gothic- und Punk-Mode aus dem japanische SzeneMagazin/Katalog KERA L, M Werbung für Szenemode von Savage Wear und XtraX, der größten deutschen Ladenkette, gegründet 1991

werden, was von unschuldig klingenden Pressemitteilungen bis zu im Grunde vorgefertigten Artikeln und vorproduzierten Berichten über Produkte oder mit Produkten verwandten Themen reicht. Noch heimtückischer und schwerer nachvollziehbar ist der Einfluss der Besitzverhältnisse zwischen Konzernen und Medienfirmen. Zum Beispiel: Disney gehört das ABC Television Network und hält große Anteile von Lifetime Entertainment und A&E Television; Time Warner kontrolliert neben ihren Film- und TV-Studios auch CNN. Es ist schwer vorstellbar, dass die Interessen von Anteilseignern keinen Einfluss auf die von ihrer Firma kontrollierten Medien ausüben. Ungeachtet der Glaubwürdigkeit ihrer Quellen: Je mehr Berichte über die Popularität der Gothic-Subkultur erscheinen, um so mehr Neulinge tauchen in der Szene auf, die das nachahmen, was ihnen die Medien als »Gothic« verkauft haben und umso mehr beginnt die Szene, sich der keimfreien Mainstream-tauglichen Version ihres früheren Selbst anzugleichen, einer Version, die nicht länger geschaffen werden muss, sondern einfach konsumiert werden kann.

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Wo endet die Subkultur – und wo beginnt die Demografie?

Der Soziologe David Riesman unterscheidet zwischen einer Mehrheit, »die passiv kommerziell angebotene Stile und Bedeutungen akzeptiert, und einer ›Subkultur‹, die aktiv einen Minderheitenstil sucht […] und diesen anhand subversiver Werte interpretiert.«3 Wenn Mainstream-Kultur sich die Erkennungsmerkmale (Musik, Mode, Literatur, etc.) einer Subkultur aneignet, dann wird die Subkultur als solche unkenntlich und kann ihren Status nur durch eine weitere Abkehr vom Mainstream beibehalten, indem sie neuere Stile, die noch mehr abseits des Mainstream liegen, aufgreift. Die sichtbaren Veränderungen in der Musik, den Clubs und der Mode der Gothic-Szene in den letzten fünfzehn Jahren sind keine Entwicklung hin zum Extremen, sondern vielmehr in Richtung Mainstream, wodurch die Grenze zwischen Subkultur und Szene verschwimmt.

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Alexander Nym "Schillerndes Dunkel" (Leseprobe)