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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Plöttner Verlag GmbH & Co. KG 2011, Leipzig 1. Auflage ISBN 978-3-86211-025-4 Satz: Plöttner Verlag Umschlaggestaltung: Walter Melzner Lektorat: Julia Vaje Druck: Inprint GmbH, Erlangen www.ploettner-verlag.de 4


Inhaltsverzeichnis

Am Anfang

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Kirschen holen

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Unter dieser Nummer

35

Zwischen Sauriern

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Wiedersehen

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Und was hast du heute noch so vor?

57

Besuche von Phil

65

Antarktis

71

Zugfahrt mit Lisa

75

Die Glücksbringerin

79

Für gewöhnlich nach neun

95

Stillleben

103

Der Sammler

107

Dank

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6


Für gewöhnlich nach neun

Sie sagt nicht, dass sie es ist. Das hat sie noch nie gemacht, am Telefon ihren Namen genannt. Stattdessen wiederholt sie meinen. Er hat drei Silben – meinen Spitznamen benutzt sie nicht – und bei der letzten Silbe angekommen, senkt sie die Stimme. So, als hätte sie bereits einen ganzen Satz gesagt. In meinem Ohr werden Hammer, Amboss und Steigbügel in Schwingungen versetzt, die sich schnell ausbreiten. Etwa in Brusthöhe treffen die Schwingungen auf jene aus meinem Schoß, gemeinsam erzeugen sie ein eigenes Muster. Natürlich weiß ich immer sofort, dass sie es ist. Ich erkenne sie schon an der Art des Luftholens, kurz bevor sie mich beim Namen nennt. Eigentlich erahne ich sie schon, bevor ich überhaupt ans Telefon gehe. Denn das Klingeln verfällt in ein nervöses Stakkato, wenn sie es ist, die am anderen Ende der Leitung, irgendwo auf der anderen Seite des Kanals, wartet. Übrigens telefoniert sie nicht im Sitzen, das weiß ich noch. Sie muss beim Reden im Zimmer herumlaufen. Ihre Bewegungen verleihen ihren Worten Nachdruck. Ich lege mich am liebsten auf den Rücken, wenn ich mit ihr spreche. Hätte ich Spinnweben an der Decke 95


würde ich sie zählen, so bleiben mir nur die Meilen. 39.457 Luftlinie. Früher habe ich mir bei ihren Anrufen vorgestellt, das Telefonkabel sei eine ausgehungerte, beinahe lächerlich dünne Boa, die sich ungeduldig über den Holzfußboden windet. Erst mit dem Abheben beruhigte sich das Kabeltier, das mittlerweile fest umschlungen im Schrank liegt. Denn sie hat gesagt, ich solle mir ein tragbares Telefon anschaffen, sodass sie mich überall hin begleiten kann. Manchmal gehe ich nicht sofort ran, wenn ich höre, dass sie anruft. Nicht, weil ich ihre Stimme nicht hören möchte. Sondern weil ich möchte, dass sie meine nicht hört. Zumindest nicht gleich. Ich lege mich dann mit etwas Abstand neben das Telefon und schaue ihm seitlich beim Klingeln zu. Wenn es verstummt, hänge ich Wäsche auf oder spüle ein bisschen. Nach etwa einer halben Stunde ruft sie wieder an und ich muss in der Nähe sein, will das Klingeln nicht verpassen. Wenn ich guter Laune bin, lasse ich sie auch ein drittes Mal anrufen. Dann erst darf sie bei mir ankommen. Ein einziges Mal erst, das war kurz vor Weihnachten, als es dieses Blitzeis gab, ließ ich ab dem ersten Klingelton ganze zwei Stunden verstreichen. Dann erst eilte ich ans Telefon um ihr meinen Namen und ein Hello zu 96


überlassen. Sie spricht meinen Namen immer härter aus, als es ihr deutscher Akzent sowieso verlangt. Mit wenig Gepäck, viel Verspätung und noch mehr Akzent stand sie vor einigen Jahren vor unserer Haustür. Sie hatte über ihre Universität in Frankfurt einen Job als Sprachassistentin auf der städtischen Oberschule vermittelt bekommen und das freie Zimmer in unserem Haus gemietet. May I come in? Of course. Damals sprach sie jeden Satz so hart aus, wie sie es jetzt nur noch mit einzelnen Wörtern tut. Sie schlief und arbeitete im Zimmer über meinem, Bett und Schreibtisch an gleicher Stelle, nur zwei oder drei Meter höher. Peter hatte das Zimmer neben ihr. Einmal behauptete er, er sei nachts durch ihr Schnarchen wach geworden. Ich ließ mir nicht anmerken, dass mich das ärgerte. Bald fand ich heraus, dass ich sie wegen der dünnen Wand zum Bad, das neben meinem Zimmer lag, pinkeln hören konnte. Peter erzählte ich erst davon, als wir sie nach acht Monaten gemeinsam zum Flughafen brachten. Sie musste nach Frankfurt, um ihr Examen zu machen. Der neue Mitbewohner war ein Franzose, dessen Namen wir nie richtig aussprechen lernten.

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Seitdem ruft sie an. Wir haben jetzt eine Katze, erzähle ich ihr. What’s its name?, will sie wissen. Amber. Amber, sagt sie, das wächst doch auf Bäumen. Ich blicke zu dem Nussbaum vor meinem Fenster. Hm? Na, das wächst doch im Holz der Bäume. Amber, sagt sie ungeduldig. Dann fragt sie, ob ich Leonard Bernstein denn nicht kenne? Bernstein sei doch das deutsche Wort für Amber. Ich klemme sie unter mein Kinn und klappe meinen Laptop auf, tippe amber in die Tastatur. Dann drücke ich Enter und bekomme eine Definition. Amber. Fossiles Harz von Nadelbäumen, das zu über 70 Prozent aus Kohlenstoff besteht. Sie hat recht. Ist das kein schöner Name für einen Komponisten, Bernstein?, fragt sie. Genau wie Rosenblatt. Ob das jüdische Namen sind, will sie wissen. Ich zucke mit den Schultern, dann nicke ich mit dem Kopf, sie spricht weiter. Schöne Namen, so poetisch. Do you know what Rosenblatt means?

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Ich zucke mit den Schultern. Sie erklärt es mir ja eh. That means leaf of a rose. Ist das kein schöner Name? Wenn du es sagst, klingt es wie ein Befehl, sage ich ihr. Ich ahme sie nach: Rozen-blatt. Dabei senke ich bei der letzten Silbe meine Stimme unnatürlich tief. Sie lacht meinen Angriff weg. Dann fährt sie sich mit der Hand richtend über ihren kurz geschnittenen Pony. Das weiß ich bestimmt. Sie hat das immer so gemacht, nach jeder unkontrollierten Regung und Berührung. Nach dem Lachen, nach dem Streicheln, ja, auch danach. Und ich weiß auch, was jetzt kommt. Sag mal lovely, bittet sie mich. Und sag mal thorough. Ich sage die zwei Wörter, die sie zum Kichern bringen. Dann seufzt sie, obwohl sie es schon oft geseufzt hat: Das klingt so english. Trinkst du gerade Tee?, fragt sie. Und eigentlich will ich sie fragen, ob sie gerade ein Würstchen isst oder Sauerkraut. Aber ich traue mich nicht. Für die Witze war immer sie zuständig. Oder Peter. Also sage ich, Ja, ich habe mir gerade eine Tasse gekocht. 99


Und ich ärgere mich, denn es ist die Wahrheit. Die weiße Tasse steht vor mir, zwischen meinen Beinen, die ich in den Schneidersitz geklappt habe. Ich mache mir jetzt auch einen Tee, erklärt sie. Was trinkst du? Earl Grey, sage ich und freue mich, dass ich doch noch zu meiner Lüge komme. Auf dem Teebeutel, der in meiner Tasse hängt, steht Darjeeling. Ich habe erst vor Kurzem erkannt, dass mir der Geschmack von Earl Grey zu stark ist. Ich bekomme davon Magenschmerzen. Eine halbvolle Packung Tee habe ich weggeschmissen. Vor einem Jahr noch habe ich nichts anderes getrunken. As always, freut sie sich. Sie wird sich jetzt einen Earl Grey aufgießen. Weil ich ihn trinke. Weil sie denkt, dass ich ihn trinke. Dabei mag sie eigentlich auch lieber milde Sorten. Das freut mich und macht mich ganz aufgeregt und ich nehme einen zu großen Schluck Tee. Weil ich die Milch vergessen habe, ist er zu heiß, meine Zunge brennt. Sie will wissen, ob alles in Ordnung ist. Klar ist es das, immer. Einmal habe ich mir beim gemeinsamen Abendessen, zu dem ich den teuersten Wein aus dem Billig-Supermarkt servierte, mit voller Wucht in die 100


Wange gebissen. Der Schmerz fuhr mir beide Schläfen hoch, ich verschluckte mich und rannte ins Bad. Dort spuckte ich Gemüsebrei und Blut ins Waschbecken und spülte mit kaltem Wasser nach. Als ich zum Tisch zurückkam, war schon alles abgeräumt. Nur die Kerze brannte noch. Im Wohnzimmer saß sie neben Peter. Sie sahen Sitcom-Folgen, die wir eigentlich schon kannten. Ich ging in mein Zimmer und legte mich ins Bett. Mit der Zunge tastete ich um die Wunde in meinem Mund und bildete mir ein, dass mein Magen knurrte. Als jemand ins Bad ging, um zu pinkeln, war ich mir nicht sicher, ob sie es war. Erzähl mir noch was, bittet sie mich. Wir haben im Laden eine falsche CD-Lieferung bekommen, lasse ich sie wissen. Zurückschicken ging irgendwie nicht, also durfte sich jeder eine mitnehmen. Peter hat sich Hits of the 80s rausgesucht, lüge ich und weiß nicht warum. Vielleicht, weil es sie zum Lachen bringt und ich mir gerne vorstelle, wie sie mit ihrer Hand über ihre Stirn fährt, um zu kontrollieren, ob der Pony noch sitzt. Peter is so funny. Yes, he is. Ich gebe ihr recht. Just like you.

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Als sie wissen will, welche CD ich mir rausgesucht habe, wechsle ich das Thema. Geht es dir gut, will ich wissen. Sie erzählt mir was von einem linken Stiefel, dessen Reißverschluss klemmt. Erst fällt ihr das Wort nicht ein, sie lautmalt etwas in die Luft, das wie ritschratsch klingt und ich weiß sofort, was sie meint. Zipper. Jaja, the zipper. It’s broken. Maybe you can fix it. Klar kann ich das. I know you can. Dann muss sie auflegen, weil ihr Handy klingelt oder das Kind schreit. Sonntag wird sie vielleicht wieder anrufen. Spätestens Montag gegen neun, wenn der Vater sich auf den Weg gemacht hat, ihr Kind in den Kindergarten zu bringen. Dann muss ich ihr die Schlagzeilen des Observer vorlesen, bis sie einkaufen fährt. Sie hat Angst, meine Sprache zu verlieren. Sie meint, es sei auch einmal ihre gewesen.

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Foto: Juliane Henrich Lena Hach, geboren im Sommer 1982, besuchte nach dem Abitur zunächst eine Schule für Clowns, entschied sich dann für ein Studium der Anglistik und Germanistik in Frankfurt/Main und Berlin. Nach einem Zwischenstopp am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, lebt sie jetzt wieder in Berlin und schreibt – neben Kurzgeschichten und Hörspielen – gelegentlich für den Tagesspiegel und die zitty.

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Lena Hach "Neue Leute" Leseprobe