Auf die Plätze - Platz des Zusammensitzens - Die Zeitschrift

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Platz des Zusammensitzens Die Zeitschrift


Bevor du dich setzt Diese Zeitschrift ist eine Momentaufnahme des Prozesses zu einem Platz des Zusammensitzens. Du kannst hier einiges über den Prozess und über die vielen Aspekte des Zusammensitzens erfahren. Als Redaktion möchten wir transparent machen, dass die Autor*innenschaft dieser Zeitschrift keineswegs die Diversität unserer Stadtgesellschaft zeigt. Wenn du als Leser*in, diesen Umstand kritisch siehst, möchten wir dich wissen lassen, dass es uns auch so geht. In den Workshops, der Ausstellung und den anderen Stationen des Prozesses, sind Menschen unterschiedlichster Herkünfte zusammengekommen. Hannoveraner*innen, die in diesen Angeboten ihren Sitzplatz hinterfragt haben und dabei die Hürden und Chancen des Zusammensitzens aufgedeckt haben. Diese Zeitschrift ist allerdings nicht so barrierefrei und leicht verständlich, wie es der Zugang zu einem Platz des Zusammensitzens sein soll. Bitte schreibe uns deine Gedanken. Wir sind uns sicher, dass deine Kritik, deine Gefühle, deine Perspektive die weiteren Prozesse des Zusammensitzens bereichern wird. pdz@cameo-kollektiv.de


Setz dich, In einer Zeit, in der verschiedene Kräfte die Stadt neugestalten, in der viele Veränderungen spürbar sind und in der viele Menschen von Spaltung reden, wollen wir innehalten und uns zusammensetzen. Wir möchten in Zukunft Menschen aus der ganzen Stadt, die unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven auf das Leben besitzen, auf einem Platz des Zusammensitzens kennenlernen. Ohne Barrieren, Hürden, Konsumgebot, Ängsten oder Misstrauen. Wir möchten deshalb keine Innenstadt, die zum bloßen Sitzen einlädt. Wir erkennen im Zentrum Hannovers die Möglichkeit, als Stadtgesellschaft einen oder mehrere Orte zu schaffen, an denen wir real und mental zusammensitzen, weil es uns als Gesellschaft guttut. Wie wäre es, wenn wir damit beginnen den Theodor-Lessing-Platz als einen dieser besonderen Orte zu begreifen? Schließlich hat dieser, wie du in dieser Zeitschrift erfahren wirst, schon eine besondere Geschichte, wenn es um das Zusammensitzen geht.

Wie kann man sich den Platz des Zusammensitzens vorstellen? Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, die in unterschiedlichen Positionen der Gesellschaft sitzen – und solch einen Platz haben alle Menschen: zum Beispiel in der ersten Reihe oder auf der Ersatzbank, im Vorstand oder im Gefängnis. Manche Menschen sitzen auch fest, sitzen etwas aus oder setzen sich mit etwas auseinander. Auf

dem Platz des Zusammensitzens begegnen sich diese Perspektiven bewusst. In Zukunft werden in Hannover lebende Menschen dorthin gehen, weil sie begreifen, dass wir als eine plurale Gesellschaft mehr Empathie füreinander entwickeln müssen und weil es ihnen möglich sein wird, genau das auf diesem Platz zu erlernen. Es wird ein beliebter Ort sein, weil die Menschen als Stadtgesellschaft wissen werden, dass der Platz des Zusammensitzens ein sicherer und lebendiger Ort mit Raum für Austausch, Begegnung und Spaß sein wird.

Wieso benötigen wir einen Platz des Zusammensitzens? Unsere Gesellschaft ist so schnelllebig wie noch nie. Das führt dazu, dass sich die Menschen als Gesellschaft in verschiedenen Punkten voneinander entfernen. Das fällt in vielen alltäglichen Situationen auf. Die Transformation der Gesellschaft ist als Ausdruck in aller Munde. Damit wir die damit verbunden Veränderungen gemeinsam besprechen können, haben wir digitale Diskursräume geschaffen: digitale Orte, die theoretisch für alle Menschen zugänglich sind. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass wir dort selten Empathie erleben, beziehungsweise praktizieren. Zudem ist der digitale Raum nicht barrierefrei.


Daher vernetzen wir uns auf Veranstaltungen aller Art. Wir begegnen dort Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen oder eines teilen sowie Menschen, die uns in unserem Vorhaben unterstützen können oder die wir für eben dieses begeistern wollen. Netzwerken könnte damit als eine strategische Form des Zusammensitzens beschrieben werden. Ein Zusammensitzen im Sinne einer Win-Win-Situation. Auch um den Platz des Zusammensitzens hat sich ein Netzwerk gebildet: eine Allianz, die das gemeinsame Ziel verfolgt, einen Ort zu schaffen, der für alle Communities einladend und sicher ist, um dort Empathie und ernsthafte Diskurse zu erleben. Es geht dabei um das Zusammensitzen als Kultur des Zuhörens und der Auseinandersetzung, ein Zusammensitzen, das anerkennend und ermutigend ist, das sich durch Teilhabe und Teilgabe auszeichnet.

Was ist die Allianz ? Die Allianz ist ein Netzwerk aus Organisationen und deren Ansprechpartner*innen. Sie steht allen offen, die sich ebenfalls einen Platz des Zusammensitzens wünschen und für die Realisierung einen Beitrag leisten wollen. Alle sind eingeladen, sich mit eigenen Inhalten und Ideen einzubringen.

Was macht die Allianz? Anfang 2020 sprach das Cameo Kollektiv über die Idee vom Platz des Zusammensitzens mit unterschiedlichen Organisationen aus Hannover. Ziel war es, ein Netzwerk aufzubauen, das Menschen aus den unterschiedlichen Sitzpositionen der Ge-

sellschaft erreicht. Bisher wurden die Menschen, die die Allianz erreicht, eingeladen, sich in Get Togethers, Workshops und anderen Veranstaltungsformaten auszutauschen und zusammenzuarbeiten. Dabei ging es häufig um die Reflexion der eigenen Sitzposition, aber auch um die Herausforderungen, die durch das Zusammensitzen entstehen. In einer Ausstellung haben wir die zuvor entstandenen Ideen, Beobachtungen und Fragen gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vereinfacht gesagt: Die Allianz hat sich in den letzten Monaten in verschiedenen Formaten getroffen, um das Zusammensitzen gemeinsam zu verstehen und zu erproben − eine Praxis, die wir weiterverfolgen werden.

Wieso gibt es diese Zeitschrift? Der Platz des Zusammensitzens ist ein Prozess, der nun an einem Punkt angekommen ist, der dich als Einwohner*in, Stadtrat sowie Stadträtin oder als Unternehmer*in mit Sitz in Hannover einladen will, Teil unserer Allianz des Zusammensitzens zu werden. Wir wollen mit dir gemeinsam an der Verwirklichung dieses besonderen Ortes arbeiten und das Zusammensitzen auf allen Ebenen erforschen. Die Botschaft des Projekts ist, dass wir das Zusammensitzen nicht aussitzen sollten. Denn nur im Zusammenkommen finden wir Lösungen für Probleme, die nicht alle gleichermaßen betreffen, deren Ursache und Weiterbestehen aber in der Verantwortung aller liegt.

Bist du bereit? Dann auf die Plätze …

nimm Platz.



Allianz des Zusammensitzens

Diese Organisationen, Initiativen, Unternehmen und Gruppen, haben den ersten Schritt gemacht. Sie möchten, dass ein Platz des Zusammensitzens Wirklichkeit wird. Mit ihren Mitarbeiter*innen und Communities haben wir als Allianz den Prozess Platz des Zusammensitzens gestaltet.

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ALLIANZ DES ZUSAMMENSITZENS Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.


Agentur für kreative ZwischenRaumNutzung Hannover e.V. AG Stolperfrei (Lebenshilfe e.V.) Andersraum e.V. AWO Region Hannover e.V. Büro für Eskapismus Cameo Kollektiv e.V. Deisterkiez e.V. Die Lounge Hannover Freundeskreis Hannover e.V. Galerie BOHAI e.V. Gesellschaft für außerordentliche Zusammenarbeit e.V. Hannover United e.V. Haus der Religionen - Zentrum für interreligiöse und interkulturelle Bildung e.V. Hochschule Hannover kreHtiv Netzwerk Hannover e.V. Kulturbüro Hannover mensch und region GbR MISO Netzwerk Hannover e.V. Staatstheater Hannover | X-Change Türkische Gemeinde in Niedersachsen e.V. VHS Hannover weMake GbR ZeitZentrum Zivilcourage ALLIANZ DES ZUSAMMENSITZENS

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Abbildung 1

Das Zusammensitzen als Prozess Der Platz des Zusammensitzens ist ein Prozess in mehreren Phasen. Die Herausforderungen des Zusammensitzens besser zu verstehen, markiert den Beginn. Ausgehend von diesen Erkenntnissen gilt es, Ideen zu entwerfen, die dann getestet und verbessert werden. Wenn es notwendig ist, wiederholen sich Phasen, bevor der gemeinsame Ort Wirklichkeit wird. Von Beginn an musste der Prozess mit einer der größten Herausforderung des Zusammensitzens umgehen: Einer Pandemie, die den physischen Kontakt und damit das Zusammensitzen weitestgehend verhinderte und auch jetzt zum Teil noch unterbindet. Ein für das menschliche Auge nicht sichtbare Virus zeigt uns, wie verletzlich wir als Gesellschaft nach wie vor sind und wie wichtig es ist zusammenzuhalten. Covid-19 macht uns bewusst, dass wir im Prozess niemals vergessen dürfen, die Herausforderungen des Zusammensitzens immer wieder verstehen zu wollen. Auf den Platz des Zusammensitzens übertragen bedeutet das, dass der Prozess für seine Entstehung niemals abgeschlossen sein wird.

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KANN MAN DAS ZUSAMMENSITZEN PLANEN?


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Die ALLIANZ DES ZUSAMMENSITZENS und ihre Rollen Die Communities erhalten die Angebote zur Zusammenarbeit von den Parter*innen der Allianz. Die Partner*innen kommunizieren die Angebote zur Zusammenarbeit an Mitglieder- und Mitarbeiter*innen.

Das Cameo Kollektiv ist Initiator des Projekts, Angebote zur Zusammenarbeit werden an die Ansprechpartner*innen der Allianz des Zusammensitzens kommuniziert.

Abbildung 2

DAS ZUSAMMENSITZEN ALS PROZESS

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Der Kern des Prozesses ist in den verschiedenen Phasen zunächst individuell zu denken, um eigene Erfahrungen und Impulse mitzuteilen und danach gemeinsam zu handeln (siehe Abbildung 1). Den Ausdruck der ersten gemeinsamen Handlung hältst du nun in den Händen. Auf die Plätze ... In Abbildung 2 siehst du die bisherige Organisationsstruktur der Allianz des Zusammensitzens. Die Prozesssteuerung liegt bei den Projektverantwortlichen, dem Cameo Kollektiv. Sowohl die inhaltlichen Impulse und Erkenntnisse als auch die vielfältigen Sichtweisen liegen bei der Allianz, den verschiedenen Organisationen sowie den Multiplikatoren und Multiplikatorinnen. In Abbildung 3 siehst du den Weg, den eine Einladung zu verschiedenen Angeboten des Projekts genommen hat. Alle Einladungen richteten sich an alle Menschen, die durch die Allianz des Zusammensitzens erreicht werden konnten.

Workshops Get Togethers Stammtische Ausstellungen schaffen Impulse und Erkenntnisse.

Vorformulierte Einladung zur Zusammenarbeit wird an Partner*innen weitergeleitet.

Die Einladung wird individuell an Personen aus der Organisation weitergeleitet.

Die Einladung kann bei Interesse an die eigene Community kommuniziert werden. Abbildung 3

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KANN MAN DAS ZUSAMMENSITZEN PLANEN?


In Abbildung 4 siehst du, welche Angebote zur Beteiligung bisher durchgeführt wurden. Im Folgenden werden diese einzeln skizziert:

Verstehen

Zusammenführen

Beobachten

Abbildung 4

A Kennenlerngespräch: Vor Beginn des Projekts wurden individuelle Gespräche mit Geschäftsführer*innen sowie Vorständen der Mitglieder der Allianz des Zusammensitzens geführt, um das Vorhaben zu erklären. Vereinbarungen der Zusammenarbeit wurden getroffen und interne Ansprechpersonen benannt. B Haltung der Zusammenarbeit formulieren : Die Ansprechpersonen haben an einer Onlineumfrage teilgenommen, in der Formulierungen gesucht wurden, die aus ihrer Sicht zur Zusammenarbeit essenziell sind, aber auch im gemeinsamen Umgang wichtige Regeln darstellen. In einer Onlineveranstaltung haben sich alle Beteiligten einstimmig auf das Haltungspapier (siehe Seite 11) verständigt. Dieses Papier markierte den Beginn der Zusammenarbeit. C Zwangloser Austausch über das Thema: In der in B erwähnten Onlineumfrage konnten sich Personen für ein moderiertes Gespräch in einer Videokonferenz anmelden. In diesen Gesprächen wurden Herausforderungen des eigenen und des gemeinsamen Zusammensitzens identifiziert. Diese Gespräche führten zu neuen Fragen, um die Positionen im Zusammensitzen zu begreifen. Ohne eine gezielte Intention diesbezüglich führten die Gespräche zu neuen Kooperationen der Partner*innen sowie zu potenziellen Projektideen.

A Gemeinsamer Open Call: Ein Open Call rief Künstler*innen auf, sich am Prozess zu beteiligen. Der Aufruf wurde über die Allianz sowie über Social Media verbreitet. Gefragt wurde nach künstlerischen Perspektiven mit dem Titel: Sitzen im Zusammenleben der Menschen. B Gemeinsame Kuration: Aus den Einsendungen der Künstler*innen aus ganz Deutschland wurden zehn Arbeiten gemeinsam mit den Ansprechpersonen der Allianz ausgewählt. Ein gemeinsam besprochenes Verfahren hat diese Auswahl demokratisiert. In einer Ausstellung wurden die Arbeiten präsentiert. Zusätzlich fanden künstlerische Interventionen der Künstler*innen im öffentlichen Raum statt. Mehr dazu auf Seite X

A Erkenntnisse sammeln und teilen: Einige der Partner*innen haben sich und ihren Bezug zum Zusammensitzen anhand der Frage „Wie viel Bewegung steckt im Zusammensitzen?” hinterfragt und neue Ansätze und Kooperationen gefunden. B Zeitschrift als Einladung zum Mitwirken veröffentlichen: Diese Zeitschrift in deinen Händen ist eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Prozesses und eine herzliche Einladung, dich an diesem zu beteiligen.

C Gemeinsame Workshops und Get Together: Die Get Togethers waren Zusammenkünfte der Allianz, die ihre Peergruppen einluden und der Öffentlichkeit, die häufig zufällig in die Zusammenkünfte gerieten. Mit verschiedenen Methoden wurden die Menschen dazu bewegt, das Zusammensitzen zu hinterfragen, Strukturen und Ordnungen dahinter zu erkennen, aber auch dazu bewegt, sich mit der Frage des eigenen Sitzplatzes auseinanderzusetzen. Die Frage des eigenen Sitzplatzes stand in den zwölf Workshopangeboten im Vordergrund. An den Workshops konnten alle Menschen teilnehmen, die bereit waren, sehr persönlich ihre Sitzposition zu erkunden. Mehr auf Seite X D Ausstellung als Ort des Austauchs: Platz des Zusammensitzens – die Ausstellung: Diese Veranstaltung bot Einblicke in die Methoden der Get Together und die künstlerischen Arbeiten. In Führungen konnte besichtigt und diskutiert werden. Mehr auf Seite X DAS ZUSAMMENSITZEN ALS PROZESS

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In welcher Position sitzt du, wenn du mit mir zusammensitzt?

Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.


Grundlagen der Zusammenarbeit auf die wir uns als ALLIANZ DES ZUSAMMENSITZENS geeignigt haben. 1. Die Ideen, Meinungen und Argumente aller Anwesenden werden respektiert. 2. Wir sprechen uns für eine Du-Kultur sowie gendersensible Sprache im Projekt aus. 3. Rassismus und Diskriminierung jeder Form sind keine Meinung oder Argumente. Sie haben bei uns keinen Platz und wir investieren keine Zeit darin, Menschen, die diese ausführen, anzuhören. 4. Wir wollen, das alle Formate des Projekts sichere Orte für alle Menschen sind. Für potenziell aufkommende Probleme, Grenz überschreitungen und sprachlichen Übergriffen stehen wir als Cameo Kollektiv als Ansprechpersonen zur Verfügung. Gerne können sich für diese wichtige Aufgabe auch weitere Ansprechpersonen melden. 5. Unser Projekt lebt vom Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Dafür wollen wir sprechen, aber auch zuhören. 6. Als Gemeinschaft wollen wir uns gegenseitig stärken. Das bedeutet, dass wir uns gegenseitig helfen, wenn wir danach aktiv und eindeutig gefragt werden und dass wir klar um Hilfe bitten, wenn wir sie brauchen. 7. Wir sprechen Probleme direkt und selbstverständlich an. Konflikte sollten keine Wurzeln schlagen! 8. Die Kommunikation ist so ausgerichtet, dass sie für alle zugänglich und möglichst barrierefrei ist. 9. Teilhabe für Alle! GRUNDLAGEN DER ZUSAMMENARBEIT

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In der ersten Reihe sitzen, einen sitzen haben, in der Patsche sitzen – es gibt viele verschiedene gesellschaftliche, soziale und persönliche Positionen, in denen man sitzen kann. Als Allianz des Zusammensitzens haben wir sechs dieser Positionen herausgegriffen. Ein Videoteam aus Martha Herbold, Matthias Krüger (Zwieblick GbR) und Nader Ismail hat eindrückliche Portraits dieser Positionen geschaffen. Alle Portraits kannst du auf zusammensitzen.org in ganzer Länge anschauen.

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IN WELCHER POSITION SITZT DU, WENN DU MIT MIR ZUSAMMENSITZT?


Einen sitzen haben Die Kulturwissenschaftlerin Mika Mareike bloggt auf richtignice.com darüber wie es ist, keinen Alkohol mehr zu trinken. Ein Gespräch über Nüchternheit als Freiheit, über das Gefühl eigentlich immer betrunken sein zu wollen und über die obskure Linie zwischen Spaßtrinken und Alkoholismus.

In der ersten Reihe sitzen Christel Dreher zählte mit 91 Jahren zur Priogruppe 1 und wurde als „erste“ gegen Covid-19 geimpft. Es geht um ihren Alltag, um Unabhängigkeit im Alter und Dinge, die man auch im Sitzen erledigen kann. VIDEO PORTRAITS

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An einer Grenze festsitzen Eva-Maria Schünemann pflegt ihre an Alzheimer erkrankte Mutter. Im Portrait spricht sie über Entscheidungen, die sie allein treffen musste, über das permanente auf „Stand-by“ sein und über Zufälle, die alles verändern.

Etwas aussitzen Ghosting bezeichnet einen einseitigen Kontaktabbruch ohne Ankündigung oder Erklärung, bei dem weder Anrufe noch Nachrichten beantwortet werden. Entstanden ist ein Video über Ghosting, das dir einige Fragen stellt.

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IN WELCHER POSITION SITZT DU, WENN DU MIT MIR ZUSAMMENSITZT?


Zwischen den Stühlen sitzen Leon Dietrich ist die hauptamtliche Ansprechperson für LSBTI (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transidentität, Intergeschlechtlichkeit) bei der Polizei Niedersachsen. Leon spricht über die Skepsis der Community gegenüber der Polizei, darüber wie er Diversität und Uniformität zusammenbringt und die Herausforderung Brücken zu bauen.

Sitzen gelassen werden Täglich sterben Menschen an den Außengrenzen der EU. Im Mittelmeer und an der Grenze in Belarus werden Menschen sitzen gelassen. VIDEO PORTRAITS

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Helena kann nur aus dem Haus gehen, wenn sie ein klares Ziel hat. Sie grüßt unterwegs alle Menschen, einfach so. Sie fährt nur mit der Bahn, wenn sie als Erste einsteigen kann und einen Sitzplatz bekommt, sonst wartet sie auf die nächste Bahn, oder die übernächste. Begleite Helena ist eine reale Schnitzeljagd mit einer fiktiven Unterhaltung. Vielleicht möchtest du auch einen Spaziergang mit Helena machen?

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?

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Helena ist eine Person, die besondere Herausforderungen im Leben meistert. Wir sind ein Stück mit Helena gegangen und haben dabei viel gelernt.

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SPRICH MIT ADAM

Adam lebt seit 13 Jahren auf der Straße. Er schläft, er isst, er trinkt, er ist wachsam – er verbringt seinen Alltag dort, wo du vorbeieilst. Adam stellt in dieser digitalen Begegnung einige Fragen. Hier drei Ergebnisse: 1. Menschen brauchen zum Schlafen eine Decke, ein Kissen und ein Glas Wasser. 100% der Befragten geben an, dass sie ganz gut schlafen, aber antworten ebenfalls, dass sie Probleme beim Einschlafen haben und sich dabei Sorgen machen – über das Morgen und die nächsten Aufgaben. 2. 30% der Befragten hätten kein Problem mit Adams Vorleben und würden ihm ein Chance im neuen Job geben. Sie würden ihn aber genau beobachten und würden erwarten, dass er Leistung zeigt und sich anpasst. 3. Die Menschen denken, dass Kreativität das Wichtigste ist um auf der Straße zu Leben, aber Adam verrät uns, dass Angst der beste Ratgeber ist. Wenn du mehr erfahren möchtest – sprich mit Adam.

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Wie viel Bewegung steckt im Zusammensitzen?

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Einige Partner*innen aus der Allianz haben sich Gedanken zu dieser Frage gemacht. Herausgekommen sind Gedichte, Reportagen, Statements sowie Untersuchungen, die mit dem eigenen Tun in Verbindung stehen.

1. Bewegte und bewegende Geschichte am Theodor-Lessing-Platz 2. Zusammensitzen ganz normal in Linden 3. „Bleibt alle zu Hause“ 4. Zusammensitzen kann man nicht allein 5. Wer hier sitzt, bewegt viel. 6. „Meinen Platz für das Zusammensitzen bestimme ich gern selbst“ 7. Sitzen als theologisches Motiv Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.

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BEWEGTE UND BEWEGENDE GESCHICHTE AM THEODOR-LESSINGPLATZ

VON FLORIAN GRUMBLIES ZEITZENTRUM ZIVILCOURAGE

Ein Ort, an dem regelmäßig junge Menschen zusammenkommen, ist das ZeitZentrum Zivilcourage, ein Lernort zur Geschichte des Nationalsozialismus in Hannover. Unter pädagogischer Anleitung erkunden die Besucher*innen die Biographien und Schicksale von Menschen aus Hannover während der Zeit des Nationalsozialismus. Im gemeinsamen Gespräch tauschen sie sich anschließend über die Handlungs- und Entscheidungsspielräume dieser Menschen in der damaligen historischen Situation aus. Welche Möglichkeiten hatten die Menschen? Hätte ich damals den Mut aufgebracht zu widerstehen oder hätte ich mitgemacht? Bin ich selbst schon in eine Situation geraten, in der von mir Zivilcourage war? Was hat die Geschichte der Menschen in Hannover mit unserem Leben heute zu tun? Gesprochen wird insbesondere auch über die Orte, an denen die Menschen damals in Hannover lebten oder die mit ihrer Biographie und anderen Ereignissen verbunden sind. Markierungen in einer digitalen Stadtkarte zeigen diese Orte im ZeitZentrum Zivilcourage sowohl auf einer Stadtkarte aus dem Jahr 2020 als auch Plänen aus den Jahren 1896, 1939 und 1957. Mit einem Klick kann zwischen den verschiedenen Ansichten, dem Heute und dem Gestern, gewechselt werden. Die individuelle Perspektive auf unser Stadtbild gerät dabei eindrucksvoll in Bewegung. Rasch entstehen Bezüge zur eigenen Lebenswelt. Manche*r Besucher*in stellt überrascht fest, dass beispielsweise dort, wo die eigene Schule oder das Wohnhaus steht, in den 1930er Jahren noch unbebaute Weidefläche war. Andere zeigen sich verwundert, dass sich an der Stelle ihres Lieblingscafés früher ein Gefängnis befand oder die Straßenführung vollkommen anders verlief. Erfahrungsgemäß entwickeln sich aus der gemeinsamen Auseinandersetzung mit den gewonnenen Eindrücken vielfältige Fragen und neue Erkenntnisse.

Baracke des KZ-Ausschuss mit Ankündigung für eine Gedenkveranstaltung. Im Hintergrund der Turm der Aegidienkirche. Foto 1949. Bildquellenangabe: „Gedenkstätte Neuengamme, Nachlass Victor Fenyes“

BEWEGTE UND BEWEGENDE GESCHICHTE AM THEODOR-LESSING-PLATZ

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Ein Ort, der diese fließende Geschichte sinnbildlich dokumentiert, ist der Standort des ZeitZentrums Zivilcourage am Theodor-Lessing-Platz 1 A. Schon vor dem Gebäude der früheren Volkshochschule Hannover (heute Rathauskontor) und im Eingangsbereich des ZeitZentrums fällt Besucher*innen das alte Mauerwerk auf, das sich quer durch das Haus zieht. Ein Blick auf die Stadtkarte (und eine kleine Infotafel) offenbart, dass es sich um einen Teil der alten Stadtmauer Hannovers und den Rest eines vermutlich im 14. Jahrhundert erbauten Wehrturmes, dem sogenannten Borgentrick-Turm, handelt. Der Überlieferung nach warnte 1490 der Ölschläger Cord Borgentrick die Stadtwachen vor einem Überraschungsangriff des Braunschweiger Herzogs und rettete damit die Stadt. Nördlich des Borgentrick-Turms, heute unter dem Rathauskontor und dem KUBUS verschwunden, verlief vom 16. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre der Spreenswinkel, die schmalste Straße in Hannover. Nur knapp ein Meter trennte hier die Hauswände und Menschen voneinander. In Sichtweite liegt ferner die im 12. Jahrhundert erstmals erwähnte Aegidienkirche. Bomben zerstört die Kirche am 9./10. Oktober 1943 bis auf die Außenmauern. Die bewusst nicht wiederaufgebaute Ruine der Aegidienkirche wurde 1952 zur Gedenkstätte und zum zentralen Mahnmal Hannovers für alle Opfer von Krieg und Gewalt erklärt. Seit 1985 steht im Turmeingang die Friedensglocke der hannoverschen Partnerstadt Hirsohima. Jährlich finden hier zudem Veranstaltungen zum Volkstrauertag und zu anderen Ereignissen statt. Westlich des Zeitzentrums Zivilcourage befand sich bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs die Städtische Broyhan-Brauerei. Bis 1917 wurde dort das berühmte Broyhan-Bier gebraut, das 1526 in Hannover erfunden worden war. Heute ist das Areal Teil des Theodor-Lessing-Platzes, der 1965 durch den Abriss der Ruine und der Gebäude der Städtischen Ingenieurschule (später Teil der Hochschule Hannover) entstand und an das 1965 eröffnete Großhotel Intercontinental (ab 1993 Maritim Grand Hotel) angrenzt. Der ursprünglich

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?

Hannover 1947: Blick vom Rathausturm auf das zerstörte Hannover. Rechts die Ruine der Aegidienkirche, in der Bildmitte die Reste der früheren Broyhan-Brauerei und des BorgentrickTurms. Foto: Willy Bartmer. Quelle: Historisches Museum Hannover


„Knappenort“ benannte Platz erhielt 1983 seine heutige Bezeichnung zu Ehren von Theodor Lessing. Der Professor der Technischen Hochschule Hannover und Kulturphilosoph war im August 1933 von Nationalsozialisten in Marienbad ermordet worden. Ein kritischer Artikel über Reichspräsident Paul von Hindenburg und andere Beiträge hatten ihn seit 1925 den Hass der antisemitischen Presse ausgesetzt. Als Initiator der 1919 gegründeten Volkshochschule in Hannover wurde die Volksschule 2006 nach ihm und seiner Ehefrau Ada benannt. Die ursprünglich in den Räumen des heutigen ZeitZentrums Zivilcourage gelegene Volkshochschule Hannover zog 2015 in ein umgebautes Gebäude in der Burgstraße. Direkt neben dem ZeitZentrum Zivilcourage am TheodorLessing-Platz befindet sich die 1965 eröffnete Städtische Galerie KUBUS. Im KUBUS werden jedes Jahr unterschiedliche Ausstellungen zu zeitgenössischer Kunst gezeigt. Die Künstler*innen stammen sowohl aus der lokalen Kunstszene als auch den hannoverschen Partnerstädten. Für die Erinnerungskultur in Hannover und die Geschichte des Nationalsozialismus in Hannover – dem zentralen Thema des ZeitZentrums Zivilcourage – ist der KUBUS außerdem von besonderer Bedeutung. Im KUBUS zeigten die Stadt Hannover und die Universität Hannover im Herbst 1983 die Ausstellung „Konzentrationslager in Hannover 1943-1945“. Die mit über 10.000 Besucher*innen große Resonanz der Ausstellung gab weiteren Forschungen zur Geschichte der Stadt Hannover im Nationalsozialismus wesentlichen Auftrieb und ebnete erst den Weg zu einer Erinnerungskultur, wie wir sie heute im Stadtgebiet vorfinden. Nordwestlich des Theodor-Lessing-Platzes, auf der Fläche des heutigen Verwaltungsgebäudes an der Leinstraße, arbeitete in der Nachkriegszeit in einer Holzbaracke schließlich eine für das Leben von tausenden ehemaligen Häftlingen der Konzentrationslager und anderen Verfolgten des Nationalsozialismus bedeutsame Organisation, der sogenannte KZ-Ausschuss. Dieser wurden von ehemaligen Häftlinge der hannoverschen Konzentrationslager bereits kurz nach ihrer Befreiung im April 1945 gegründet. Als Hilfs- und Verteilstelle sowie Sprachrohr der ehemaligen Verfolgten half er zusammen mit den Behörden unter schwierigsten Umständen bei der Versorgung in Hannover wohnender und durchreisender ehemaliger Häftlinge. Wie groß die Not der befreiten Häftlinge war und welche Maßnahmen der KZ-Ausschuss ergriff, um ihnen zu helfen, dokumentiert ein Bericht vom Juni 1945: „Jeder Häftling, der im Lager war, besitzt bei seiner Entlassung nur das gestreifte Zebrakleid. Geldmittel oder dergleichen sind ebenfalls nicht vorhanden. Um diesen Leuten den Weg in die wiedergewonnene Freiheit so leicht wie möglich zu machen, war die Bildung dieses Ausschusses erforderlich. Der Ausschuss bemüht sich, dass jeder Häftling nach Möglichkeit in den Besitz eines Privatanzuges, entsprechender Unterwäsche, Schuhe und ebenfalls etwas Bargeld in die Hand bekommt. Außerdem ist dafür Sorge zu tragen, dass er mit den notwendigsten Lebensmitteln ausgerüstet wird.“ BEWEGTE UND BEWEGENDE GESCHICHTE AM THEODOR-LESSING-PLATZ

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Mitarbeiter*innen des KZAusschuss vor ihrer Baracke mit Schild für eine Gedenkveranstaltung am 14. September 1947. Bildquellenangabe: „Gedenkstätte Neuengamme, Nachlass Victor Fenyes“

Bereits bis August 1945 gelang es dem KZ-Ausschuss 7.400 in Hannover lebende als auch durchreisende ehemalige Häftlinge, davon 5.600 Ausländer, als Verfolgte zu registrieren, ihnen Haftbescheinigungen und entsprechende Ausweise auszustellen, sie mit einer Grundausstattung an Lebensmitteln, Wohnraum und Kleidung zu versorgen und ihnen über die Aufnahme in eine Suchkartei das Auffinden vermisster Angehöriger zu ermöglichen. Die Mitarbeiter*innen des KZAusschusses arbeiten eng mit der britischen Militärregierung und den städtischen Behörden zusammen, die den Ausschuss finanzierten und ihm beispielsweise die Verteilung von Lebensmittelkarten an ehemalige Häftlinge überließen. Der KZ-Ausschuss organisierte ferner erste Gedenkfeiern und Ausstellungen über die Verbrechen des Nationalsozialismus und ließ Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus aufstellen. Im Frühjahr 1950 wurde der KZ-Ausschuss dann aufgelöst. Seine Aufgaben hatten kommunale und staatliche Stellen übernommen. Die Holzbaracke des KZ-Ausschuss am Theodor-Lessing-Platz wurde anschließend noch von der Werkkunstschule genutzt. Sicherlich bietet nicht jeder Platz des Zusammensitzens so zahlreiche Beispiele für historische Orte und Anknüpfungspunkte für Diskussionen wie eben exemplarisch am ZeitZentrum Zivilcourage gezeigt. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass dort, wo Menschen zusammenkommen, sie auch ohne digitale Stadtkarte häufig zu einem dialogischen Austausch über den Ort ihres Treffens und dessen Vorgeschichte und Zukunft angeregt werden. Insofern kann das Zusammensitzen zumindest zu einer gedanklichen Bewegung in die Vergangenheit führen, an die vielleicht sogar eine körperliche Bewegung anschließt, wenn es gilt die Vergangenheit im heutigen Stadtbild im Rahmen eines Spaziergangs zu entdecken.

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?


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VON NICO WALTER AG STOLPERFREI (LEBENSHILFE E.V.)


Menschen sitzen bei einem Kaffee im “Normal in Linden” zusammen. Sie freuen sich auf das kommende Hannover 96-Spiel und schimpfen über zu schnellen Autos in der Spielstraße. Das Normal in Linden der Lebenshilfe Hannover ist ein Ort der Begegnung. Ein Ort des Austauschs, an dem Menschen zusammenkommen, Menschen mit und Menschen ohne Behinderung – auf Augenhöhe. Damit es zu diesem Zusammensitzen kommen konnte, hat sich einiges bewegt. Nach der systematischen Vernichtung von Menschen mit Behinderung zu Zeiten des Nationalsozialismus etablieren sich Formen der institutionellen Begleitung, die Menschen mit Behinderung im Sinne vermeintlicher Fürsorge räumlich von der Mehrheitsgesellschaft trennen. Über Bewegungen der Normalisierung und der Integration setzen wir uns heute mit Fragen der Selbstbestimmung und der Teilhabe auseinander. 2009 wird in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, also zu geltendem Recht gemacht. Es greift ein Menschenrecht auf Inklusion.1 Heute sitzen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam an einem Tisch und diskutieren. Sie hören sich zu, sie wertschätzen die Perspektiven des Gegenübers. Und sie bringen ihren jeweiligen Blick auf die Welt in Bewegung. Im Normal in Linden, das von den Besuchenden das „NiL“ genannt wird, wird dieser Austausch besonders gefördert und gesucht. Inklusive Gruppen sitzen in Bildungsangeboten, im Sonntags-Café, in Videokonferenzen, in Angeboten zur Freizeitgestaltung, in Prüfgruppen für Leichte Sprache und in Stadtteilrunden zusammen.

Und sie sitzen in Treffen der Ehrenamtlichen zusammen. Denn Menschen mit und ohne Behinderung sind gemeinsam ehrenamtlich engagiert. In den gemeinsamen Treffen sammeln sie Ideen und Wünsche, tauschen Erfahrungen aus und planen. Sie planen das nächste Sonntags-Café, planen die Teilnahme an der nächsten Aktion zur Begrünung des Sozialraums, planen die Teilnahme an einer Podiumsdiskussion oder die Mitgestaltung von Musikfestivals. Sie bewegen sich heraus in den Sozialraum, bringen ihr Engagement ein und bestimmen und gestalten mit. Ihr Engagement setzt sie in eine neue Position: von der Teilhabe in die Teilgabe. Menschen mit Behinderung haben das Recht, ihre Ideen, Perspektiven und Ressourcen einzubringen, um für gesellschaftliches Zusammenleben neue, gleichberechtigte Standards zu setzen. Aber Menschen mit und ohne Behinderung sitzen noch nicht an allen Orten zusammen. Ob im deutschen Bundestag, in Fernseh-Talkshows oder in Aufsichtsräten: Überall sind Menschen mit Behinderung unterrepräsentiert. Es gibt also noch ausreichend Potential für Bewegung im Zusammensitzen! Allen Leser*innen dieser Zeitschrift, die auf der Suche sind nach dem Antworten auf die Frage, wie viel Bewegung im Zusammensitzen steckt, möchte ich noch einen Gedanken mitgeben: Auch hier, wenn nicht besonders an dieser Stelle, lohnt es sich, auf die Stimme von Menschen mit Behinderung zu hören. Denn vermutlich gibt es keine Personengruppe, die so viel zu der Wechselwirkung der Themen Sitzen und Bewegung zu sagen hat, wie Menschen, die sich in einem Rollstuhl durchs Leben bewegen. Wir als Lebenshilfe Hannover setzen uns ein für den Abbau von Barrieren. Barrieren im Baulichen, in der Kommunikation, in der Orientierung, in der Mobilität und im Zugang, damit wir eine Zukunft ansteuern, in der noch mehr Menschen auf Augenhöhe zusammensitzen können.

1. Vgl. Stöppler, Reinhilde (2017): Einführung in die Pädagogik bei geistiger Behinderung. 2. Auflage. Ernst Reinhardt. München, S. 70 ff.


„Bleibt alle

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?


zu Hause...“

VON JANINE SADLER SEWO E.V.

.... haben sie gesagt. „Kocht euch einen Tee, macht‘s euch gemütlich und setzt euch aufs Sofa. Genießt die Entschleunigung.“ So romantisiert kann man Corona nur betrachten, wenn Mensch nicht wohnungslos ist. Was machen die Leute, die kein zu Hause haben? Die sitzen draußen auf der Straße oder in einem unserer Tagesaufenthalte. Die sind allerdings auch nicht mehr so leicht zugänglich wie sie mal waren. Wir haben aktuell eine 3G-, Masken-, sowie Lüftungspflicht. Das heißt, auch das Tageszuhause der Leute ist alles andere als gemütlich. Mit Pech darf Mensch auch noch 2 Stunden in der Kälte sitzen und darauf warten, dass dank der Einlassbeschränkung ein Platz drinnen frei wird. Das soziale Zentrum, welches der Nordbahnhof mal war, hat sich verändert. Es ist kein Platz der Zusammenkunft, des gemütlichen Zusammensitzens mehr. Wir sind frustriert. Wir treffen uns in Arbeitskreisen, setzen uns in Gruppen zusammen und überlegen was wir machen können, um den Leuten das Leben wieder angenehmer zu machen. Wir sind jedoch ratlos. Nun ist Corona in der Wohnungslosenszene angekommen. Corona beschäftigt alle seit zwei Jahren und doch ist das Gesundheitsamt und die Stadt planlos und überfordert. Anstatt den Leuten mehrere Corona-Hotels zur Verfügung zu stellen, um alle Infizierten und K1- Personen unterzubringen, wird der Zugang zu dem (einzigen!) Hotel noch zusätzlich erschwert. Laut Gesundheitsamt dürfen nur noch wohnungslose Menschen mit positivem PCR-Test in Quarantäne im Hotel. Auf den Kosten des Tests bleiben sie aber selbst sitzen und wenn sie das Geld dafür nicht haben, haben sie Pech. K1- Personen kommen so gar nicht mehr ins Hotel, dürfen aber auch nicht in Notunterkünften übernachten, sodass sie gezwungen sind, ihre Nächte auf der Straße zu verbringen. Jeden Tag sitzt das Team des Nordbahnhofs zusammen und fragt sich, was wohl noch passieren muss, damit die Stadt, die Politik, die Verantwortlichen, endlich handeln. Wir fordern menschenwürdige Einzelunterbringung für alle, die es brauchen und wünschen! Damit auch unsere Leute gemütlich auf dem Sofa sitzen und einen Tee trinken können. *DIESER TEXT ENTSTAND ENDE OKTOBER 2021.

BLEIBT ALLE ZU HAUSE.

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Zusammensitzen

VON DANIEL STECKBAUER AWO REGION HANNOVER

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?


kann man nicht allein. Immer, wo Menschen zusammenkommen, ist das gemeinsame Zusammensitzen eine tradierte und nicht hinterfragte Form des Austauschs. Menschen betreten einen Raum und werden meist direkt aufgefordert, Platz zu nehmen – sei es in einem Bewerbungsgespräch, in der Kantine oder im Unterricht. Auch im Privaten nutzt man gern diese Form. Wie oft hört man den Satz: „Könntest du dich bitte mal hinsetzen? Es nervt, wenn du hier einfach so rumstehst!“

wir handlungsunfähig sind, sitzen in der Patsche, sitzen fest oder zwischen den Stühlen, treffen uns in Sitzungen und sitzen dort in Gremien oder Ausschüssen (sic!), und manchmal habe wir auch einen sitzen, wenn wir uns festgesessen haben. In allen diesen Formulierungen findet man das „Sitzen“, und nicht das auf einer Handlung beruhende „(sich) setzen“. Im „Sitzen“ allein steckt keine Bewegung, es bezeichnet den Ort, oder anders: die Sache an sich.

Tisch und Stuhl – vor allem im privaten Kontext – haben eine kulturgeschichtliche Tradition, die sich erst spät durchgesetzt hat. In der Menschheitsgeschichte saß man ursprünglich vor dem Feuer zu ebener Erde, während die erhöhte Sitzposition eher dem Privilegierten oblag, der über den Untergebenen thronte. Symposien im alten Griechenland und später im römischen Reich waren eher liegende (und vor allem mit dem Essen und Trinken verbundene) Veranstaltungen des Austauschs.

Wieviel Bewegung steckt denn nun aber im Zusammensitzen bei der Arbeiterwohlfahrt? Man findet die Bewegung bereits im Namen: In „Arbeiterwohlfahrt“ steckt die „(Wohl)Fahrt“. Entstanden aus der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung sind neben dem Kampf für Geschlechtergerechtigkeit vor allem die Organisation der Wohlfahrtspflege und damit Unterstützung und Stärkung sozial schlechter gestellter Menschen nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ die handlungsgebenden Grundprinzipien und Leitbilder.

Im schulischen Kontext hat sich das Sitzen im Unterricht durchgesetzt, schafft sich doch die Institution Schule dadurch eine auf Disziplinierung und Kontrolle des Körpers basierende „unfreie“ Form des Austausches: Der Lehrer steht, die untergebenen Schüler haben zu lauschen und zu lernen. Schon in der Reformpädagogik der 1920er Jahre aber heißt es: Sitzen sei eine dem freien Lernen entgegenstehende Maßnahme. Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich das Konzept der „bewegten Schule“ – Lernen mit oder durch Bewegung – etabliert und bietet neue Ansätze.

Die AWO bringt seit über 100 Jahren Menschen zusammen und bewegt sie zu gemeinsamem Handeln. Viele Menschen verbinden die Angebote der AWO mit gemeinsam organisierten Fahrten und Erlebnissen, wobei der Anteil ehrenamtlich Mitwirkender enorm hoch ist. Das Angebot der AWO ist mittlerweile riesengroß und bedient nahezu alle Lebensbereiche: von Kindertagesstätten, Ferienbetreuung, Jugendarbeit und Werkstätten über Sprachschulen, Angebote für Frauen, Stadtteilprojekte, Laufgruppen und Beratungsdienste bis hin zum Bereich Seniorenarbeit und (mobile) Krankenpflege.

Im Arbeitskontext ist das Sitzen in vielen Berufen ebenfalls kaum wegzudenken. Dennoch gibt es auch hier Bewegung – vor allem in kreativen Bereichen ist das Nicht-Sitzen zu einem elementaren Bestandteil in Schaffensprozessen geworden.

Und, ja, zusammensitzen kann man nicht allein. Dafür braucht es die Gemeinschaft, Angebote, Motivation und Orte. Die AWO lebt von den Menschen, die diese Angebote wahrnehmen, vor allem aber mitgestalten. Die AWO ist in und lebt von der Bewegung und versucht allen Menschen die selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Insofern entsteht eine Menge Bewegung durch das Zusammensitzen – denn nur gemeinsam sitzen wir im selben Boot!

Das „Zusammensitzen“ ist gesellschaftlich allgegenwärtig und schlägt sich auch in der Sprache nieder, sowohl in direkter als auch in übertragener Bedeutung. Wir sitzen in einer bestimmten Position oder am längeren Hebel, sitzen Dinge aus, wenn

ZUSAMMENSITZEN KANN MAN NICHT ALLEINE

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Ein Haus, modern und hell. Räume, zahlreich, vor Ort und virtuell. Tische in Reihen, Stühle im Kreis. Jeder gibt weiter, was er*sie so weiß, egal ob Kursleitung, Naseweis oder Fleißes Preis. Wer hier sitzt bewegt viel, in Kopf Geist Herz, offen und subtil. Bildung fürs System strategisch oder bequem doch vor allem menschrelevant, erweitert beim Lernen Horizont und Verstand.

Wer hier sitzt, bewegt viel. VON VERENA MARETZKI VHS HANNOVER

Die Ada-und-Theodor-Lessing-Volkshochschule Hannover hat ein äußerst umfangreiches, vielfältiges und zukunftsorientiertes Programm. Sie bildet nicht nur aus und weiter, sondern stellt Fragen nach lebenswerten Utopien und Formen des Zusammenlebens und stellt zugleich Foren und Kapazitäten zum Erforschen, Erfahren und Diskutieren dieser Fragen bereit. Während der Pandemie wurden von März 2020 bis Mitte 2021 über 2500 Kurse in Präsenz und über 780 Online-Kurse angeboten und rund 26.800 Teilnehmer*innen erreicht.

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?


aufwachen

gewogen - berührt -

auflachen

angeregt - ergriffen

aufmachen aufsehen aufregen aufleben aufnehmen auftauen

Einschalten

aufbauen

Eingabe

zuhören

aufstauen

Einsichten

zuwenden

aufkauen

Einblicke

aufmerken

Einsehen

DIE

aufschließen

Einverstanden

DER

auf

DIVERS

zugestehen DA

EIN AN DER ZU

Augen auf

Du bist an.

ANDER*

Mund auf

Von Stand

gegenüber

By auf.

anders

Kopf auf Herz auf

zugeben

neu ON

kennen lernen

GEHÖREN

Den Sack zumachen Drin: Begegnung Bewegung Aufbruch

vertraut

WER HIER SITZT, BEWEGT VIEL

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?


„MEINEN PLATZ FÜR DAS ZUSAMMENSITZEN BESTIMME ICH GERN SELBST“ VON PHILIPP SCHAPER & JAN SADLER HANNOVER UNITED E.V.

Jan Sadler ist mit der Diagnose Spina Bifida auf die Welt gekommen und sitzt im Rollstuhl. Im Alltag bedeutet der Rollstuhl Bewegungsfreiheit. In seinem Sport, dem Rollstuhlbasketball, entwickelt das Zusammensitzen Dynamik. Ich sitze. Ich sitze einen Großteil des Tages. Wenn ich nicht sitze, liege ich. Ich stehe und gehe selten – und dann nur kurze Zeit. Ich heiße Jan Sadler, bin mit der Diagnose Spina Bifida auf die Welt gekommen. Ich bin RollstuhlbasketballBundesligaspieler bei Hannover United und Nationalspieler. Dies ist meine Geschichte über das Zu-

sammensitzen und die Dynamik, die für mich darin steckt. Es ist (m) eine Geschichte über den Rollstuhl als Türöffner, eine Geschichte von Niederlagen und Erfolgen, von Ehrgeiz und großen Reisen. Im Rollstuhl zu sitzen bedeutet für mich Mobilität. Ja, das klingt auf den ersten Blick nach einem Antagonismus. Aber es stimmt. Wenn ich sitze, bin ich gleichzeitig in Bewegung. Oder könnte in Bewegung kommen, wenn ich wollte. Das geht Fußgängern in gewissen Situationen vielleicht so ähnlich, beispielsweise auf dem Fahrrad. Aber wer sitzt schon den ganzen

Tag auf dem Rad, um auf den Moment zu warten, los zu rollen? Vermutlich sind das die wenigsten. Für mich ist es der Alltag. Und das ist gut so. Mobilität ist für mich ein großes Ding. Der Rollstuhl ist für mich Ausdruck meiner Freiheit, tun und lassen zu können, was ich möchte. Ich kann Essen gehen, Tanzen gehen, Spazieren gehen - so wie Fußgänger es auch gewohnt sind zu tun. Wenn diese sich fragen: „Wie macht der das?“, kann ich antworten: „So wie ihr: Jacke an, Mütze auf und los.“ Das Beste daran ist, dass ich alle diese Dinge in Gesell-

„MEINEN PLATZ FÜR DAS ZUSAMMENSITZEN BESTIMME ICH GERN SELBST“

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schaft tun kann - mit Freunden, Kumpels, Mitspielerinnen und Mitspielern, mit meiner Familie. Oder eben allein. So wie es mir eben gerade passt. Aber aufgepasst: Meinen Platz für das Zusammensitzen bestimme ich gern selbst. Entfernst du im Restaurant einen Stuhl vom Tisch, damit ich Platz für den Rollstuhl habe, gibt’s einen Spruch. Für die- oder denjenigen ist das kurz peinlich - dann lachen alle, weil ich wieder jemanden erwischt habe. Derartige Situationen sind aber wichtig, um Unsicherheiten Menschen mit Behinderungen gegenüber abzubauen. Ich öffne so die Tür für Teilhabe in die andere Richtung. Oder anders: Ich mache die Normalität normaler. Frag einfach: „Brauchst du Platz oder nimmst du den Stuhl?“ Dann ist alles tacko. Das war schon in der Schule so. Ich war der einzige Rolli-Fahrer. Die anderen Kinder kannten das in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren meist nicht. Mein Standardsatz lautete häufig: „Du schaust dir jetzt den Rollstuhl seit fünf Minuten an. Setz dich doch

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einfach mal rein und roll ein bisschen herum.“ Schwupp, waren vermeintliche Barrieren überwunden und ich bekam Kontakt zu andern Schülerinnen und Schülern durchs Zusammensitzen. Der Rollstuhl war dann ein Thema, über das wir gemeinsam reden konnten. Ich möchte mit diesen beiden Beispielen zeigen und dazu anregen, dass man sich nicht voreinander verstecken muss. Nun ist die Frage von Teilhabe nicht nur eine Frage, die behinderte und nicht behinderte Menschen betrifft, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche. Hannover ist da eine Stadt, die meines Erachtens sehr viel Wert darauf legt, Menschen in Rollstühlen den Alltag zu erleichtern. Sie hält Fahrstühle und Rolltreppen in Schuss, damit wir Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer von A nach B kommen - oder im Kröpcke zügig in andere Straßenbahnen umsteigen können. Mir wird häufig Hilfe angeboten, sei es bei Stufen vor einem Geschäft oder bei Waren im Regal oben links im Supermarkt. Hannover hat eine Gesellschaft, die das Thema auf dem Schirm hat. Das ist möglicherweise auch mit

WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?

ein Verdienst meines Vereins und seiner Partnerinnen und Partner. Ich spiele bei Hannover United Rollstuhlbasketball in der 1. Bundesliga. Unser Klub-Crafter ist in der Öffentlichkeit präsent, wir lassen uns auf der Dachterrasse unseres Partners meravis für das Mannschaftsfoto ablichten. Das Fahrgastfernsehen in der Üstra zeigt regelmäßig United-Clips, kündigt Heimspiele an und informiert mal über Sieg, mal über Niederlage. Sat1 - Regional zeigt bewegte Bilder. Hannovers Tageszeitungen berichten regelmäßig über den Klub. Inzwischen sprechen Passanten mich und meine Mitspielerinnen und Mitspieler in der Fußgängerzone oder der Bahn an und sagen, dass sie uns im Fernsehen gesehen haben. Anfang September waren wir vom Deisterkiez e.V. zu der Veranstaltung „Barrierefreie Deisterstraße“ in Linden-Süd eingeladen und haben mit drei Leuten auf dem Basketballplatz an der Ihme beim Allerweg gezockt - Fußgänger auf der einen Hälfte, Rollis auf der anderen. Hannover United hat eine attraktive Rolle als Katalysator für integratives Leben in Hannover. Rollstuhlbasketball ist sehr inklu-


sive und daher sehr vielfältig. Es spielen Frauen mit Männern im Team, Behinderte mit Nicht-Behinderten, theoretisch auch ganz junge mit ganz alten Akteuren. Im Rollstuhlbasketball bekommt das Zusammensitzen auch eine andere Dynamik. Zum einen, weil wir in einem Sportrollstuhl sitzen, der sich in der Konstruktion deutlich von der des Alltagsrollstuhls unterscheidet. Außerdem gibt es keine Barrieren mehr, sobald wir mit dem Sportrollstuhl in die Halle fahren. Der Sportrollstuhl ist ein Perspektivwechsel. Auf dem Spielfeld mache ich besondere Dinge, beispielsweise, mich auf ein Rad zu stellen, um einen Pass oder Wurf zu blocken. Dann geht ein Raunen durch die Halle. Ich entscheide, ob ich Tempo mache oder das Spiel beruhige, ob ich den Gegenstoß meines Gegenspielers unterbinde oder ihn aus taktischen Gründen fahren lasse. Dynamik ist im Rollstuhlbasketball auch immer Konfrontation, bei uns geht es teilweise heftig zur Sache. In Spielpausen und Auszeiten sitzen wir als Mannschaft auf Augenhöhe zusammen in einem Kreis: der Trainer in der Hocke, die Spielerinnen und Spieler, egal ob be-

hindert oder nicht, in den Sportrollstühlen. Darin liegt irgendwie Dynamik, auch wenn wir uns eigentlich nicht groß bewegen. Der Körper pumpt Adrenalin durch die Venen, in den Köpfen rauschen Spielszenen vorbei, werden Taktiken neu gedacht. Von außen sieht es vielleicht so aus, als ob wir Pause machen. Aber wir treffen in dem Zusammensitzen wichtige Entscheidungen, die zu Sieg oder Niederlage führen. Ein schöner Gegensatz. Der Sport hat mir auch eine weitere Perspektive eröffnet: die des Reisens. Nun ist es natürlich nicht so, dass Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer nicht reisen können. Der Sport macht vieles einfacher. Als U22- und Herren-Nationalspieler bist du im Grunde immer unterwegs, wenn nicht gerade Bundesliga ist: Teneriffa, Worchester, Walbrzych, Dubai, demnächst Madrid und zuletzt die Paralympics in Tokio - das sind schon spezielle Trips. Ich sehe etwas von der Welt, treffe Menschen aus allen Himmelsrichtungen, die oft den gleichen Sport mit mir teilen, manchmal aber auch nicht. Und eine Teilnahme an den Paralympischen Spielen ist wirklich das Größte, was man als Leistungssportler erreichen kann. Der

Rollstuhlbasketball öffnet viele Türen. Der Rollstuhlbasketball öffnet auch Türen in einem selbst. Und damit komme ich jetzt zum letzen Teil meiner Geschichte über die Dynamiken meines Zusammensitzens und meinen (Sitz-)Platz in der Gesellschaft. Ein Kinderarzt hat einst meine Mutter gefragt, ob „der Junge Ehrgeiz hat“. Was für eine Frage. „Natürlich hat Jan Ehrgeiz“, hat meine Mutter geantwortet. Warum auch nicht. Oder kann man mit einer Behinderung keinen Ehrgeiz entwickeln? Im Alltagsrollstuhl habe ich diesen Ehrgeiz in die Schule und das Studium gesteckt, im Sportrollstuhl in meine Leidenschaft. Der Rollstuhlbasketball gibt mir ein wirklich schönes Gemeinschaftsgefühl - ohne Barrieren und Schranken. Es ist ein Sport wie jeder andere ihn ausübt, will ich meinen. Ich darf mich freuen und darf mich ärgern, darf Erfolge feiern und auch mal scheitern. Darf träumen dürfen. Das hat mir der Sport gegeben. Jan Sadler (28), Journalistik-Student, Kapitän von Rollstuhlbasketball-Bundesligist Hannover United, deutscher Nationalspieler und Paralympics-Teilnehmer. Aufgezeichnet von Philipp Schaper.

„MEINEN PLATZ FÜR DAS ZUSAMMENSITZEN BESTIMME ICH GERN SELBST“

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SITZEN ALS THEOLOGISCHES

MOTIV 42

WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?


Altar

Frauen

Frauen und Männer ssitzen getrennt.

Männer

Westfälische Reihe SITZEN ALS THEOLOGISCHES MOTIV

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Toraschrein Bima

Männer

Frauen

Orthodoxe jüdische Synagoge

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?

Frauen und Männer sind räumlich getrennt.

Empore


Was Sitzordnung und Lehre der Religionen miteinander zu tun haben

VON SÖREN REKEL-BLUDAU HAUS DER RELIGIONEN

Oft sind es die völlig alltäglichen Dinge, die das meiste über uns und unser Denken aussagen. Wie wir uns kleiden, wie wir grüßen, wie wir andere Menschen anreden… Das Sitzen ist in diesem Kontext sicherlich eine Ausnahmeerscheinung, denn während wir uns bei den vorgenannten Beispielen ihrer kulturellen – und oftmals auch religiösen – Prägung durchaus bewusst sind, ist das Sitzen als Thema bislang selten wissenschaftlich ‚besetzt‘ worden. Eine zusammenhängende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Sitzen in den verschiedenen Religionen hat bislang noch nicht stattgefunden. Im Folgenden soll versucht werden, wesentliche Aspekte des Themas ‚Sitzen‘ unter einer religionswissenschaftlichen Perspektive zu beleuchten: In welchen Kontexten spielt Sitzen in den Religionen eine Rolle? Welche Sitzformen und Sitzordnungen werden verwendet? Und wo finden sich Sitzordnungen vielleicht sogar als theologisches Bild, das eine bestimmte Glaubensaussage transportieren soll, wieder? Dieser Artikel wird diese Fragen nicht umfassend, sondern lediglich in Stichproben berühren können. Doch lassen sich auch aus diesen Stichproben grundsätzliche Überlegungen über das Sitzen in den Religionen herausdestillieren, die die weitere Arbeit an diesem Themenkomplex systematisieren helfen.

Sitzen ist Macht Soziale Strukturen folgen grundsätzlich einem klar erkennbaren Ordnungsprinzip. Status und Ansehen sind – einmal mehr, einmal weniger, aber doch unweigerlich ungleich verteilt. Zu allen Zeiten gab es Gruppen oder Einzelpersonen, die über mehr Macht, mehr Wissen, mehr Körperkraft, größere Intelligenz oder größeren Besitz verfügten. Dies schlug sich in der Menschheitsgeschichte in Rangordnungen und Hierarchien nieder. Auch die Sitzordnung ver-

rät viel über Status und Machtverhältnisse. So ist es beispielsweise in den allermeisten Kulturen bereits ein Privileg, überhaupt sitzen zu dürfen. Wenn sich heute im Gerichtssaal alle Anwesenden erheben, ist nicht das Aufstehen, sondern das Hinsetzen der wesentliche Part. Der Richter allein darf den Anwesenden ihre Plätze zuweisen und ihnen erlauben, sich wieder zu setzen. Sitzen und Stehen bilden einen interessanten Kontrast. Wer steht, steht nicht einfach, sondern muss zum Stehenbleiben notwendigerweise Energie aufwenden, muss sich konzentrieren, seine Muskeln in Anspannung halten und seine Aufmerksamkeit teilen. Wer sitzt, befindet sich hingegen in einer ruhenden Position, hat die Arme frei und kann seine volle Aufmerksamkeit auf das Gegenüber richten. Das Sitzen allein verschafft also schon klaren einen biologischen Vorteil, der die eigene Position stärkt. Dies ist auch der Hintergrund, warum bei Audienzen an Königshöfen grundsätzlich nur der Monarch und ggf. Teile seines Gefolges sitzen, während die Besucher stehen oder gar knien. Dieses Machtgefälle durch Sitzen ist ein grundlegender Zug der menschlichen Kulturgeschichte. Insofern überrascht es nicht, dass er seit frühester Zeit auch in den Religionen Einzug gehalten hat. Schon jungsteinzeitliche Götterfiguren wie die Sitzende Frau von Çatal Hüyük (Türkei, 6000 v. Chr.) sind standardmäßig in sitzender Pose dargestellt. Die Sumerer, Babylonier und Ägypter, aber auch unzählige andere Kulturen haben ihren Gottheiten diesen Ausdruck verliehen und damit auch eine klare Verhältnisbestimmung verbunden. Der mächtige Weltenherrscher thront über seinen Untertanen. Er genießt das Privileg des Sitzens, während alle Gläubigen und auch die Priester im Tempel stehen. Er hat seine Hände frei, ist in seiner Handlungsfähigkeit unbeschränkt und nichts trübt seine Aufmerksamkeit. Dieses Bild hat nicht zuletzt auch das Judentum mit diesen Kulturen gemein.

SITZEN ALS THEOLOGISCHES MOTIV

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In den abrahamitischen Religionen setzt sich dieses Bild fort und wird weiter ausgeschmückt. Gott sitzt auf einem „Thronwagen“ (Sir 49,8), auf dem „Richterstuhl“ (Röm 14,10) oder auf dem „Thron im Himmel“ (Ps 11,4), die Erde ist der „Schemel seiner Füße“ (Jes 66,1). Auch im Koran ist immer wieder vom „Thron“ (z.B. 20,6 Gottes die Rede, von wo aus er alles überblickt und alles lenkt. Auch seine verschiedenen göttlichen Rollen sind also eng mit dem Vorgang des Sitzens verbunden.

Sitzen am Ende der Zeit Das Motiv des Sitzens ist auch in der Eschatologie, also der Zukunftserwartung der Religionen, bedeutsam. Vielfach werden dort Bilder entwickelt, die anhand einer spezifischen Sitzordnung die Zustände der kommenden Welt betrachten. Häufig werden diese mit sozialen Umwälzungen verbunden. So wird davon gesprochen, Gott stürze „die Mächtigen vom Thron“ und erhöhe „die Niedrigen“ (Lk 1,52). Im Neuen Testament prophezeit Jesus seinen Jüngern, dass Sie beim Weltgericht „auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten“ (Mt 19,28) werden. An anderer Stelle in den Psalmen werden den Gerechten „Throne gleich den Königen“ in Aussicht gestellt. Ähnlich beschreibt auch der Koran, dass die Paradiesbewohner wahlweise „auf gereihten Ruhekissen“ (Koran 52:21) oder „auf Thronen sitzend einander gegenüber“ (Koran 37:45) die Ewigkeit in Glückseligkeit verbringen werden. Eine ganz beson-

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?

ders egalitäre Sitzordnung vertreten die jüdischen Weisen, die davon sprechen, dass in der kommenden Welt die Gerechten im Kreis um die göttliche Präsenz (Schechina) sitzen und mit ihren Fingern in die Mitte deuten werden. Dieser Sitzkreis kennt keine Standesunterschiede mehr. Alle sitzen in gleicher Entfernung zu Gott. Jeder erfreut sich in gleicher Weise seiner Nähe. Ähnlich spricht auch das Neue Testament davon, dass Gott „in ihrer Mitte wohnen“ (Offb 21,3) werde. Die Kommende Welt, das Paradies, ist also geprägt von einer grundlegend anderen Sitzordnung und einem völlig anderen Standesdenken als die unsere. Macht und Reichtum zählen nicht mehr. Es sind nicht die Könige, sondern die Gerechten, die am Ende sitzend in die Ewigkeit einziehen, während die Mächtigen der Welt im Staub liegen. Hier bildet das Sitzen als Motiv ein kraftvolles Gegenmodell zu den herrschenden Verhältnissen an und sät Hoffnung gerade bei denjenigen, die sich kaum irdischer Segnungen erfreuen konnten.

Sag mir, wo du sitzt, und ich sage dir, wo du stehst Doch auch unter den Sitzenden können Rang und Einfluss deutlich werden. Der Absicherung der Hierarchie dient hier in aller Regel eine Sitzordnung, die nach einem bestimmten Schlüssel Plätze zuweist. Dabei können die Mechanismen, die zur Anwendung kommen, ebenso wie die Form des Sitzens sehr unterschiedlich sein. Die älteste Form


Gebetsnische (Mihrab) Kanzel (Minbar)

Vorbeter

Imam

Männer Frauen und Männer sitzen hintereinander.

Frauen

Moschee Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari SITZEN bernam ALS THEOLOGISCHES fugia nestem simus. MOTIV

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des menschlichen Zusammensitzens dürfte wohl der Sitzkreis sein, wie er sich zur maximalen Ausnutzung der Wärme der Feuerstelle anbietet. Sicher wissen wir, dass es Einzelne gab, von denen die Hierarchie abhing. In den allermeisten Kulturen lässt sich prähistorisch eine Zweiteilung der ‚politischen‘ und der ‚religiösen‘ Führerschaft feststellen. Einem Stammesführer – häufig der stärkste Krieger oder der erfolgreichste Jäger der Sippe – steht meist der Schamane gegenüber, der über den Willen der Götter und der Ahnen bescheid weiß und sich auf die Zubereitung von Kräuterarzneien versteht. Von diesen beiden Führern her wird der Kreis hierarchisch gegliedert. Je näher eine Person ihnen ist, desto größer sind Status und Ansehen des Betreffenden. Je weiter sie von ihnen entfernt sitzt, desto niedriger ist deren soziale Stellung. Diese Hierarchie des Sitzkreises hat sich bis heute erhalten und auch in den Religionen Spuren hinterlassen. Noch heute gelten im orientalischen Kulturraum die Plätze neben dem Gastgeber als Ehrenplätze, während die Plätze direkt am Eingang, wo auch die Schuhe lagern, für die Rangniedrigsten reserviert bzw. dazu genutzt werden, Gäste, gegen die eine besondere Abneigung besteht, zu demütigen. Ein anderes gängiges Motiv sind einheitlich ausgerichtete Sitzreihen, wie sie z.B. in Synagogen, Kirchen und Moscheen üblich sind. Auch dort, wo alle in dieselbe Richtung schauen, entstehen Hierarchien durch relative Entfernung vom Zentrum der Sitzordnung. Die sprichwörtliche ‚Erste Reihe‘ war bereits im christlichen Mittelalter, aber ebenso in der jüdischen Synagoge oder in der islamischen Moschee Ausdruck einer besonderen Stellung. Dort sa-

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WIE VIEL BEWEGUNG STECKT IM ZUSAMMENSITZEN?

ßen hohe Staats- oder Stadtbeamte, Patrizier, Landadelige, privilegierte Kaufleute, Gildemeister, usw. Die gut gestellten Bürger folgten in den Reihen dahinter. Die Tagelöhner mussten mit den hintersten Reihen Vorlieb nehmen. In Fällen solcher Entfernungshierarchien ist die Sitzposition immer auch mit ganz realen Vor- oder Nachteilen verbunden. Wer in der ersten Reihe sitzt, hört und sieht mehr vom Geschehen als derjenige, der sich in die letzte Reihe zwängen muss. Predigt oder Lesung kommen in deutlich geringerem Maße an, das Göttliche entfaltet weniger Wirkung. Die Sitzordnung kann aber auch unmittelbar dazu dienen, verschiedene gesellschaftliche Gruppen voneinander zu separieren. Ein augenfälliges Beispiel dafür ist die Trennung zwischen Geistlichen und Laien in mittelalterlichen Kirchen. Während die Geistlichen im Chorraum seitlich des Altars Platz nahmen, wurden die Laien bereits seit der römischen Zeit häufig durch irgendeine Form von Begrenzung vom Altar ferngehalten. Ein weiteres häufiges Phänomen ist eine Trennung der Geschlechter per Sitzordnung. So wurden und werden Emporen z.B. in orthodoxen jüdischen Synagogen genutzt, um Männer und Frauen räumlich zu separieren. In Moscheen gibt es teilweise eine vergleichbare Nutzung von Emporen, in anderen Fällen beten die Frauen entweder in einem gänzlich abgetrennten Raum oder in Reihen hinter den Männern. In manchen Gebieten war in christlichen Gottesdiensten darüber hinaus auch eine Trennung in linke und rechte Bänke üblich, teilweise unter dem Begriff Westfälische Reihe bekannt.


Geistliche Altar Barriere zwischen Kleriker und Laien

Ehrenplätze (Erste Reihe)

(Letzte Reihe)

Rangstufe abhängig von der Nähe zum Altar

Niedrigste Plätze

Kleriker - Laein - Trennung Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari SITZEN bernam ALS THEOLOGISCHES fugia nestem simus. MOTIV

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Zelt

Gastgeber*in

Ehrenplatz

Ehrenplatz

Schuhe

Schuhe

Orientalischer Sitzkreis

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WIE Bus, VIEL voluptatur BEWEGUNG solorei STECKT caboreIM se ZUSAMMENSITZEN? nulpari bernam fugia nestem simus.

Rangstufe abhängig von der Nähe zum Gastgeber*in

letzte Plätze


Neben der zweidimensionalen Rangordnung ist auch eine dreidimensionale denkbar. Nicht nur die Sitzposition kann über den Status bestimmen, auch die Höhe des Sitzplatzes lässt Status erkennen. Das lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass die Kathedra, der Sitzplatz des Bischofs, nur über Treppen erreichbar ist und damit auch räumlich über den einfachen Gläubigen steht. Auch der Altarraum mittelalterlicher Kirchen ist vielfach nur über Stufen erreichbar. Der Zugang zu diesem erhöhten Platz war und ist freilich beschränkt – ein Zustand, der sich in vielen Fällen nicht mit dem theologischen Befund zur Bedeutung des Sitzens und zur darin zum Ausdruck kommenden Aversion gegen unumstößliche Hierarchien und Statusdünkel in Übereinstimmung bringen lässt.

Sitzen in ethischer Perspektive Das Sitzen ist aber nicht nur als theologisches, sondern auch als ethisches Motiv in den Religionen verbreitet. Gerade der orientalische Sitzkreis mit dem Gastgeber als Zentrum (s.o.) wird in verschiedenen ethischen Belehrungen als Bild herangezogen. So lehrt Jesus im Lukasevangelium (14,8-11) am Beispiel einer Hochzeitsgesellschaft Demut: „Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ In den Schriften der Bahá’í-Religion (KiA v.36) kehrt deren Stifter Bahá’u’lláh dieses Bild um, um vor Heuchelei zu warnen: „Manch einer setzt sich an

der Tür zwischen die Sandalen, während es ihm im Herzen nach dem Ehrensitz gelüstet. Sprich: Was für ein Mensch bist du, der du eitel und achtlos bist und anders scheinen willst, als du bist?“ Diese Beispiele ließen sich noch beliebig fortsetzen. Allen gemein ist ihnen, dass der Umgang mit bestehenden Sitzordnungen in der einen oder anderen Weise als Grundlage für eine ethische Belehrung oder gar einen Tadel der inneren Einstellung des angesprochenen eingesetzt wird. Auch in dieser Form hat das Sitzen also seinen festen Platz in der Lehre der Religionen.

Wie sitzen wir zusammen? In vielen Religionen ist das Sitzen ein Motiv, das Kraft hat. Kraft, die Menschen in dieser Welt gemäß weltlichen Vorstellung von Status und Geschlecht zu spalten, aber auch Kraft, bestehende Verhältnisse revolutionär umzustürzen, die Unterdrückten aufzurichten und die Unterdrücker in die Schranken zu weisen. In der Kommenden Welt sind die Gläubigen in der Regel gleichberechtigt. Jeder ist vom Status her einem König gleich. Sie ruhen auf edelsten Sitzmöbeln und alle weltlichen Unterschiede werden hinweggewischt. Wenn also aus der theologischen Betrachtung des Sitzens eine Schlussfolgerung für die allermeisten Religionen gezogen werden kann, dann das: Es gibt keine Sitzordnung, die nicht verändert werden, keinen Rangunterschied, der nicht beseitigt werden könnte. Die absolute Gleichheit der Sitzenden in der Kommenden Welt ist ein Plädoyer, über das Bestehende hinauszudenken und auch in dieser Welt das zu verwirklichen, was laut dem Zeugnis mindestens der abrahamitischen Religionen als Grundaussage des gemeinsamen Menschseins gelten muss: „Alle Menschen sind aus Erde“ (Sir 33,10), das Menschengeschlecht „aus einem einzigen Wesen erschaffen“ (Koran 4:1), „damit sich keiner über den anderen erhebe“ (Bahá’u’lláh, VWa 50).

SITZEN ALS THEOLOGISCHES MOTIV

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Wann wird Zusammensitzen kon

st r u kt i v

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Get Together. Oder Workshop. Wir brauchen Beteiligung! Zusammensitzen wird konstruktiv, wenn Teilgabe und Teilnahme zusammenspielen. In unseren Beteiligungsprozessen wollten wir wissen wie du sitzt, wie du dir dein Sitzen vorstellst, wie sitzen für dich am komfortabelsten ist. Im Laufe des Prozesses entstanden viele neue Fragen. Damit wir diese stellen konnten, haben wir uns als Allianz getroffen und unsere Communities und Unbekannte gleich dazu geholt. Wir bedanken uns bei den Teilnehmenden für die Erkenntnisse. Wir sollten das noch viel häufiger machen, denn wir haben viele gute Methoden entwickelt, um mit Teilnehmer*innen Inhalte zu entwickeln und Erkenntnisse zu entdecken. Erstmal sind wir aber glücklich mit diesen Begegnungen und möchten dich einladen mitzumachen. Natürlich möchten wir dich auch kennenlernen. Unter zusammensitzen.org kannst du unseren Fragebogen ausfüllen, oder du kannst uns unter pdz@cameo-kollektiv.de deine Erkenntnisse zusenden. Oder du kannst uns zu dir einladen, dann organisieren wir ein Get Together für deine Community. So oder so, wir freuen uns!

1. Online Stammtische 2. Pop-Up-Biegarten 3. Guerilla-Stammtisch 4. 1+1=Viele 5. DIY-Werkstatt 6. Lego Workshop GET TOGETHER. ODER WORKSHOP. WIR BRAUCHEN BETEILIGUNG.

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Online Stammtische kreHtiv Netzwerk Hannover mit der Allianz des Zusammensitzens Zusammensitzen und zusammenarbeiten heißt für Netzwerkarbeit nicht nur, Akteur*innen und Expert*innen innerhalb einer Branche einen Rahmen zum Austausch zu bieten, sondern immer auch branchenübergreifend zu denken. Denn durch den interdisziplinären, offenen Austausch können neue Synergien und damit innovative Projektideen entstehen. Vernetzendes Zusammensitzen kann Vielfalt und Diversität in den Erfahrungen und Professionen, in den Expertisen und Kompetenzen herstellen und dadurch neue Möglichkeiten und Potenziale eröffnen. So können alte Muster und festgefahrene Prozesse aufgebrochen und neu gedacht werden. Zusammensitzen hilft, aus einer anderen Sicht auf die eigenen Themen zu blicken, die Leerstellen zu identifizieren und den Umgang damit zu erlernen. Offenheit, Vielheit und Teilhabe sind wichtige Werte, die wir in und durch unsere Arbeit verfolgen. Und auch für das Zusammensitzen erweisen sich diese Punkte als enorm wichtig. Zusam-

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WANN WIRD ZUSAMMENSITZEN KONSTRUKTIV?

mensitzen heißt, Herausforderungen gemeinsam anzugehen, Themen und Projekte gemeinsam zu erarbeiten und diese gleichzeitig immer wieder zu reflektieren. Im Februar 2021 starteten wir daher gemeinsam mit dem Cameo Kollektiv im Rahmen des Projekts Platz des Zusammensitzens ein neues Online-Stammtisch-Format. Menschen und Organisationen aus den unterschiedlichsten Bereichen kamen hier zusammen, um in offener Runde über die eigenen Projekte, über aktuelle Herausforderungen und Learnings aus der Vergangenheit zu sprechen. In insgesamt vier Treffen haben wir uns über die Erfahrungen der Organisationen während der Corona-Pandemie ausgetauscht (1), haben in einem „Plattform-Hopping“ die Möglichkeiten, Grenzen und die Vielfalt digitaler Veranstaltungsräume erkundet (2), uns über hybride Veranstaltungsformate unterhalten (3) und mögliche Konzepte zur Umsetzung inklusiver Events erarbeitet (4). Die Zusammenkünfte schufen einen Raum für Inspiration und


Diskussion, für Austausch und Kennenlernen, zur Ideensammlung und zum gemeinsamen Lernen.

mit der Frage im Hinterkopf: Wie können wir auch auf digitalem Wege alle mitnehmen?

Der gute Zulauf und der intensive Austausch beim ersten Stammtisch im Februar 2021 haben uns gezeigt, wie wichtig es nach einem Jahr Pandemie war, wieder zusammenzukommen, zusammenzusitzen und sich auszutauschen. Die Bewegungen, die durch das Format entstanden sind, waren vielfältig: Es wurden Kontakte geknüpft, hilfreiche Tools, Strategien und Methoden ausgetauscht und neue Ideen entwickelt. So entstanden nachhaltige Kooperationen, aus denen Projekte entstehen können, die nicht nur für die Branchenakteur*innen selbst, sondern auch für die Gesellschaft wertvoll sein können. Beispielsweise wurde im Austausch zu digitalen Tools die Vision entwickelt, die Plattform gather.town als Begegnungsstätte für Senior*innen zu nutzen, um in kleiner Form eine Kommunikationsbasis und einen Ort zum Zusammensitzen zu schaffen. Immer

Denn sowohl im Austausch mit den Teilnehmenden des Stammtischs als auch in dessen Umsetzung wurden die Grenzen des Online-Zusammensitzens deutlich. Zwar können durch die Verlagerung von Projekten ins Digitale neue Zielgruppen und mehr Menschen erreicht werden. Doch ist die Partizipation an digitalen Formaten auch immer voraussetzungsvoll und an Medienkompetenzen geknüpft. Im Laufe der Monate haben wir außerdem festgestellt, dass das digitale Zusammensitzen nicht mit dem analogen gleichzusetzen ist. Partizipation, Aktivität, ein sich Einbringen und Austauschen sind im Digitalen mit höheren Hemmschwellen verbunden und weniger dynamisch. Hinzu kam, dass nach dem Lockdown im Frühjahr 2021 viele Projekte wieder anliefen und damit die Zeit für das digitale ONLINE STAMMTISCH

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Zusammensitzen weniger wurde und in diesem Projekt später ganz wegfiel. ZUSAMMENSITZEN IST (K)EIN SELBSTZWECK Die Grundidee unseres Online-Stammtisch-Formats war es, den Teilnehmenden die Möglichkeit zu geben, sich aktiv an dessen Gestaltung zu beteiligen sowie Wünsche und Anregungen für Themen einzubringen. Es zeigte sich: Am besten funktioniert diese Form des Zusammensitzens ohne starre Agenda, sondern durch den ungezwungenen, offenen Austausch. Wir haben gesehen, dass im Zusammensitzen in vielerlei Hinsicht große Potenziale stecken. Zusammenkommen und sich über aktuelle Projekte, Herausforderungen, Lösungen und Erfahrungen auszutauschen kann in sich schon einen großen Wert haben, für jeden einzelnen aber auch für das Kollektiv und Netzwerk. Es können neue Kontakte entstehen und Strategien aus anderen Bereichen ins eigene Arbeiten adaptiert werden. Bei unseren Stammtischen sind Menschen zunächst ohne festgelegtes Ziel zusammengekommen. Daraus entstanden sind Synergien und Kooperationen, es wurden neue Kontakte geknüpft und Projektideen entwickelt. Für konkrete Projekte bedeutet Zusammensitzen, dass sie durch Interdisziplinarität und Inklusion

offener, partizipativer und vielfältiger werden können. Die Erfahrungen zeigen, wie wichtig es ist, Formate zu schaffen, in denen viele Perspektiven zusammenkommen. Der interdisziplinäre Austausch eröffnet neue Sichtweisen, aus denen innovative Ansätze erarbeitet werden können, um gemeinsam neue Wege zu gehen. Wir haben auch gesehen, dass Zusammensitzen – egal ob digital oder analog – vor allem dann funktioniert und wertvoll ist, wenn der Zugang niedrigschwellig und möglichst voraussetzungslos ist. Indem viele Perspektiven und Hintergründe im Zusammensitzen zusammenkommen, können Leerstellen identifiziert, an Lösungen gearbeitet und mehr Inklusion geschaffen werden, denn: Zusammensitzen, Gleichberechtigung und Inklusion sind eng miteinander verbunden. Es können ganz kleine Dinge sein, die das Zusammensitzen bewirken kann. So kann durch den Erfahrungsaustausch die eigene Arbeit erleichtert oder eine gemeinsame Wissensbasis geschaffen werden. Es kann aber auch Großes entstehen, indem aus einer kleinen Idee am Stammtisch Projekte hervorgehen, die der Allgemeinheit helfen. Das Zusammensitzen kann uns helfen, neue Perspektiven einzunehmen, einen Schritt zurückzutreten und in Ruhe auf die eigenen Projekte zu schauen, zu evaluieren und zu reflektieren, um dann mit frischem Blick und gemeinsam an neue Projekte heranzutreten. Und so kann Zusammensitzen mal entschleunigend und mal impulsgebend und bewegend sein.

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WANN WIRD ZUSAMMENSITZEN KONSTRUKTIV?

VON FRANZISKA SCHOCH KREHTIV NETZWERK HANNOVER E.V.


GET TOGETHER Pop-UpBiergarten Pop-Up-Biergarten am Maschsee.

Wie unser Pop-up-Biergarten am Maschsee ins Wasser fällt. Larissa zeigt uns: gute Laune bewahren und Erkenntnisse sind überall.

Bierdeckel in Aktion - am schönsten mit bunten Stiften

Wir möchten wissen: mit wem sitzt du am liebsten zusammen? Unser Bierdeckel gibt dir die Möglichkeit, deine Lieblingsperson mit dir zu vergleichen. Aus deiner Sicht betrachtet: Gleiches Alter? Dreieck ausmalen. Gleiche Hobbys? Dreieck ausmalen. Beginne in der Mitte und hör erst am äußeren Rand wieder auf. Welches Muster entsteht? Hast du viel oder wenig mit deiner Lieblingsperson gemeinsam? Probiere es doch gleich mal aus! In unserem Pop Up Biergarten gab es Suppe und Brause - und leider auch viel Regen. Eine Herausforderung für den Platz des Zusammensitzens. Also haben wir Musik angemacht und festgestellt: der Bierdeckel ist ein prima Kennenlernspiel. Du und Ich füllen jetzt die Dreiecke gemeinsam aus. Haben wir die gleiche sexuelle Orientierung? Bis du religiös? Haben wir am Ende ein schönes Muster? Ob alleine oder zu zweit, uns lies das Spiel den Regen vergessen - wir sind ja nicht aus Zucker!

POP UP BIERGARTEN

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Was teilst du mit der Person in deinem Leben, mit der du am liebsten zusammensitzt? (Bitte male die Felder aus, die du mit dieser Person teilst.)

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WANN WIRD ZUSAMMENSITZEN KONSTRUKTIV?


Überall wo ein Platz ist. Eine Einladung ist eine Ausladung. Darum gehen wir einfach los. Machen es uns gemütlich und laden alle Menschen ein, die auch grad an diesem Ort sind. Wir stellen Fragen und freuen uns über die Antworten. Und wir sind erstaunt, was da alles so rauskommt. Im Verlauf des Projektes haben sich in den Gesprächen mit den Allianzen essentielle Fragen ergeben. Die haben wir in unserer Flydschrift zusammengetragen und sind mit diesem wunderbaren Produkt losgezogen. Auch beim Guerilla Stammtisch haben wir die Fragen genutzt um ins Gespräch zu kommen.

Guerilla Stammtisch hier am Theodor-Lessing-Platz. Die Frage an uns: Warum macht ihr das eigentlich? Wir so: Ohne Zusammensitzen läuft es halt nicht.

Zum Stadtdialog auf dem Opernplatz - Fragen an uns: welche Musik hörst du beim Zusammensitzen?

Guerilla Stammtisch

So sieht er aus, der Guerilla Stammtisch - Die Dokumentation frisch am Tisch zubereitet.

GUERILLA STAMMTISCH

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1 + 1 = Viele Im Innenhof des Ordnungsamtes in der Leinstraße

Wieder möchten wir wissen: Wie sieht der Platz des Zusammensitzens aus? Wir haben gelernt, welche Menschen, welche Elemente und welche Aktionen auf dem Platz gewünscht sind. Wir haben auch gelernt: Ein Platz des Zusammensitzens ist etwas individuelles. Was passiert also, wenn wir alle Wünsche mixen und sich aus der Kombination ein neues Angebot für den Platz des Zusammensitzens ergibt. Hier kannst du mit jemanden zusammen oder auch alleine, zwei Karten zusammenfügen und dir ein neues Angebot ausdenken. Du kannst unsere Karten nutzen oder ganz eigene anfertigen – wir möchten nur unbedingt wissen, was sind deine Erkenntnisse? Schreib uns, schick Fotos, mal ein Bild – wir freuen uns!

Get together im Innenhof des Ordnungsamtes. Vorne die mobile Disco hinten links unser Spiel: 1+1=VIELE

+ + 60

WANN WIRD ZUSAMMENSITZEN KONSTRUKTIV?

= =


Wie sieht das neue Veranstaltungsangebot auf deinem Platz aus? ausschneiden oder verbinden

Platz für dein Ergebnis

1+1=VIELE IM INNENHOF DES ORDNUNGSAMTES

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Wo sitzt du

in der Gesellschaft

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Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.


Die DIY-Werkstatt wurde gefördert von:

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Die DIY-Werkstatt zum Platz des Zusammensitzens sind ein Konzept des Cameo Kollektiv e.V. Um die grundlegende Idee zu einem Workshop weiterzuentwickeln, haben wir uns als Team zusammengesetzt, meist auf Bänken und um einen Tisch herum. Dabei haben wir über passendes Material diskutiert, Fragen entwickelt und einen zeitlichen Ablauf entworfen. Ab und zu sind wir dabei auch mal aufgestanden.

DIYWERKSTATT

In der Vorbereitung und in den Workshops kamen Menschen von verschiedenen Sitzplätzen zusammen. Im Sommer 2021 wurden die Workshops zum ersten Mal umgesetzt.

DIY-WERKSTATT

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An drei Wochenenden im August 2021 haben unsere Teilnehmenden zuerst einen Berliner Hocker zusammengebaut. Dieser Hocker war unsere für alle gleiche Basis. Anschließend haben wir, zusammen darüber nachgedacht, in welcher Position jede*r Einzelne sich gerade befindet und welchen Sitzplatz sie*er in der Gesellschaft einnimmt. Um besser zu verstehen, auf welchem Platz man selbst sitzt, wurden zum Beispiel folgende Fragen gestellt: •

Wie zufrieden bin ich mit dem eigenen Platz?

Wie sieht mein Stuhl oder mein Platz im Moment aus? War das mal anders?

• Wie soll er in Zukunft aussehen? Was müsste anders sein, damit mein Platz besser zu mir passt? •

Wie bin ich auf meinen Platz gekommen? Habe ich ihn mir erarbeitet oder bin ich dort reingeboren?

Sitze ich gerne dort? Oder bin ich lieber in Bewegung? Sitze ich womöglich fest?

Was verbinde ich mit Sitzen?

Mit wem sitze ich gerne zusammen?

Gibt es auf meinem Sitz noch Platz für andere?

Mit welcher Haltung geht mein Platz in der Gesellschaft einher?

Ist das Zusammensitzen eine Handlung oder Haltung?

Wann wird Zusammensitzen konstruktiv? Ab wann wird es ein Ritual?

Wunsch war es, dass die Teilnehmenden den eigenen Platz kennenlernen und besser verstehen.

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WO SITZT DU IN DER GESELLSCHAFT?

Wunsch war es, dass die Teilnehmenden den eigenen Platz kennenlernen und besser verstehen. Aus den Erkenntnissen wurde der Berliner Hocker umgebaut. Ziel war, dass der umgebaute Hocker den Sitzplatz der Workshop-Teilnehmenden greifbar macht und so viele verschiedene Sitzplätze dargestellt werden. Entsteht ein Platz des Zusammensitzens, wenn man die angepassten Hocker zusammenstellt? Hocker umgebaut. Ziel war, dass der umgebaute Hocker den Sitzplatz der Workshop-Teilnehmenden greifbar macht und so viele verschiedene Sitzplätze dargestellt werden. Entsteht ein Platz des Zusammensitzens, wenn man die angepassten Hocker zusammenstellt?


1. Der modifizierte Hocker des Erfahrungsberichts in der Ausstellung. 2. Bei sonnigem Wetter wurden die Hocker vor der Werkstatt weiterbearbeitet. 3. Teilnehmende des Workshops sprechen über die eigenen Erfahrungen, im Zusammenhang mit ihrem eigenen Sitzplatz in der Gesellschaft. 4. Ein modifizierter Hocker, auf dem man nicht Sitzen kann ohne sich zu bewegen. Ganz so wie der Sitzplatz der Person, die diesen gebaut hat.

Ansatz Hartz IV (oder auch Arbeitslosengeld II) steht für das Existenzminimum, auf das ein Mensch in unserer Gesellschaft ein Recht hat. Wenn eine Person nicht arbeiten und Geld verdienen kann, zahlt der Staat eine bestimmte Summe Geld, die die zum Leben notwendigen Bedürfnisse abdecken soll. Der aktuelle Grundkonsens unserer Gesellschaft ist, dass jede und jeder einzelne Anspruch darauf hat. Hartz IV ist mit einigen persönlichen Einschränkungen verbunden und versinnbildlicht einen von vielen Sitzplätzen in der sozialen Hierarchie unserer Gesellschaft. Hartz IV ist der kleinste soziale gemeinsame Nenner. Workshop Wir haben diese Idee in den DIY-Workshops auf den Design-Klassiker „Berliner Hocker“ übertragen. Dieser Hocker ist geradlinig designt und vielseitig in der Nutzung. Noch dazu ist er günstig. Viele Menschen können ihn sich leisten. Er symbolisiert einen für alle zugänglichen, minimal komfortablen gesellschaftlichen Sitzplatz. Dieser Sitzplatz steht uns allen zu. Der Berliner Hocker ist eine Metapher für den sozialen Sitzplatz „Hartz IV“.

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Auf dieser Metapher aufbauend haben wir unseren Teilnehmenden die Frage gestellt: „Wenn dieser Hocker den Sitzplatz Hartz IV darstellt, wie muss er dann aussehen, damit er den Platz darstellt, auf dem Du in unserer Gesellschaft sitzt?“ Der Workshop ist in drei Teilen aufgebaut: Erst wird der Berliner Hocker selbst zusammengebaut und so eine gemeinsame Grundlage geschaffen. Dann reflektieren die Teilnehmer*innen im Plenum ihren eigenen Sitzplatz in der Gesellschaft. Im dritten Teil wird der Hocker zusammen mit zwei Tischlern angepasst, damit der eigene Platz zum Ausdruck kommt.

3 BERLINER HOCKER WORKSHOP

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Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.


Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.


Erfahrungsbericht: Gegenüber. Eine Einladung. Durchlässigkeit. Um die Ecke. Betrachten. Das Bauen war eine Handlung, eingebettet in einen Prozess, der auf etwas Größeres aus war. Aber nicht gewollt, sondern mit Raum für jede:n sich leiten zu lassen. Die scheinbar so „banale“ Aufgabe „einen Stuhl bauen - auf dem ich sitze“ hat eine Tiefe offenbart, die weit über das Bauen hinausging. Getragen von einer Gruppe, die sich mit Verständnis begegnete und die Spannung und Sensibilität des Themas erkannte. Angeleitet mit viel Feingefühl für die Emotionalität, die sich mit einer gewissen Wucht zeigte. Der Prozess (glaube ich) hat für uns alle etwas Unerwartetes bereitgehalten. Die Wucht, die die Frage: „Wo sitze ich?“ für mich entfaltet hat, habe ich nicht kommen sehen. Und die Antwort die ich mir geben musste, war: Ich sitze nicht, ich stehe. Nun ist das ein Zustand, den ich aus meiner privilegieren Perspektive zu ändern im Stande bin. Wofür ich mich sehr glücklich schätze, aber es ist auch eine Erkenntnis, die mit dem Gefühl des Scheiterns verbunden ist. Dem Eingeständnis, die Dinge nicht in der Hand zu haben, nicht immer. Zurückzudürfen, nicht immer weiter zu müssen. Dem eigenen prüfenden Blick standzuhalten, und zu sagen, du lagst falsch und diese Erkenntnis ist gut!

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WO SITZT DU IN DER GESELLSCHAFT?

Da stehe ich nun – zwischen den Stühlen. Beim Stehen ist mir etwas sehr deutlich geworden. Dass es diese Variablen „des nicht in der Hand haben“ gibt, die mein Leben und all meine Entscheidungen immer mitgestalten. Ich denke, diese Variablen sind wichtig. Sie machen mein Leben spannend und unvorhersehbar. Sie fordern mich heraus, liefern mir Erkenntnisse und machen mich klüger. Aber manchmal tun sie auch weh und machen mich unsicher. Diese Variablen sind es, die mich den Platz wechseln lassen und mir die Möglichkeit bieten, meine Perspektive zu ändern. Nun stehe ich also, auf dem Weg, meine Perspektive zu ändern. Der Frage „wo ich sitze“, bin ich etwas nähergekommen und weiß nun genauer, „wo ich sitzen möchte“. Ich möchte gemeinsam sitzen, ohne vorne, ohne hinten. Möchte Betrachten und um die Ecke denken. Brauche Durchlässigkeit und möchte einladen. Ein Gegenüber.


Kein Vorne. Kein Hinten. Gemeinsam. Einen Stuhl bauen, – meinen Platz in der Gesellschaft reflektieren. Einen Stuhl bauen, – mich positionieren. Einen Stuhl bauen, – auf dem ich sitze. Einen Stuhl bauen, – auf dem ich gerne sitzen würde? Einen Stuhl bauen, – auf dem ich alleine sitze? Einen Stuhl bauen, – das kann ja nicht so schwer sein, habe ich gedacht. Einen Stuhl bauen, – einen schönen Tag verbringen, sonnig an einem Ort voller Erinnerungen. Einfach einen Stuhl bauen, – es ging mir mehr um das gemeinsam, mal wieder in einer Gruppe sein und arbeiten. Einen Stuhl bauen – hat mir gezeigt, dass es um mehr geht, als die drei Worte mir am Anfang verraten haben. Einen Stuhl bauen – hat mir gezeigt, wo ich stehe, ja stehe und nicht sitze.

4 ERFAHRUNGSBERICHT

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„Im Sitzen erkennen wir Machtverhältnisse an. Sitzen trennt Besitzende von Besitzlosen. Das Sitzen endet erst mit dem Aufstand, der die Dinge in Bewegung bringt.“ FRIEDRICH VON BORRIES

Der öffentliche Raum ist ein Raum der Vielen. Er ist divers, multikulturell und vielfältig. Rückzugsort und Präsentationsfläche, belebt und ruhig, schnell und langsam, Natur und Asphalt. Individuen und Gruppen eignen sich temporär oder permanent spezifische Räume an - Orte entstehen. Gleichzeitig wird der öffentliche Raum aber auch durch Machtsysteme beeinflusst und ist nicht für alle Gruppen unserer Gesellschaft gleichermaßen zugänglich. Unserer Vorstellung nach steht der ideale öffentliche Raum jedoch allen Einwohner*innen der Stadt gleichermaßen offen und ist ein Raum des Austauschs und der Begegnungen. Mit diesem Grundgedanken luden wir, Sebastian und Katrin vom Cameo-Kollektiv, im Sommer 2021 zu einer dreiteiligen Kreativ-Workshopreihe ein. Denn gute Ideen brauchen Situationen, die eine andere Perspektive auf die Dinge möglich machen und uns auf neue (Denk-)Wege führen. Drei Samstage, 35 kg Legosteine und viele motivierte Menschen lagen vor uns. Denn es war Zeit für eine Bestandsaufnahme, Zeit, rauszugehen und Initiativen, Vereine und Menschen zu fragen: Wie soll euer Platz des Zusammensitzens aussehen?

LEGO WORK SHOP 70

WO SITZT DU IN DER GESELLSCHAFT?

Unser Ziel: Gemeinsam die Idee eines Platzes zu entwickeln, der allen Menschen das gibt, was sie benötigen, um sich dort anerkannt und willkommen zu fühlen. Ein gemeinsamer Ort, an dem Menschen wissen, dass wenn sie dort hingehen, es die Möglichkeit gibt miteinander zu reden und gemeinsam etwas miteinander zu erleben. Wir wollten herausfinden, wie ein öffentlicher Platz aussehen kann, wenn ihn Menschen mit unterschiedlichen Alltagserfahrungen und unterschiedlichen persönlichen Perspektiven gestalten. Das Besondere: Alle Workshoptermine standen zusammen für einen gemeinsamen Gestaltungs-Prozess, der über mehrere Termine hinweg, immer mehr Menschen beteiligte. Zudem wollten wir innerhalb der Workshopreihe nicht nur einen Raum für neue Ideen schaffen, sondern ebenso einen Raum zum Austausch als Grundlage für einen politischen Diskurs bieten.


Ein Schaukelstuhl, eine Sitzbank oder doch eine Hollywoodschaukel? Bevor der erste Workshops stattfand, erhielten die Teilnehmer*innen im Vorfeld Post von uns, mit der Aufgabe sich mit unterschiedlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Dies sollte die Teilnehmer*innen aktivieren, einen ersten Einstig in die Thematik zu finden.

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Wenn du dir dich als Sitzgelegenheit vorstellst, welche bist Du? Welche Sitzgelegenheit würdest du Du gerne sein? Welche Sitzposition nimmst Du in der Gesellschaft ein? Mit diesen Fragen starteten wir in den ersten Workshop-Tag, der das Ziel hatte in das Thema einzutauchen, einander zu verstehen, eigene Standpunkt zu entwickeln, gemeinsam viele Ideen zu erzeugen, um daraus ein Modell des Platzes zu gestalten. In Kleingruppen setzen sich die Teilnehmer*innen mit aktuellen Fragen und ihrer eigenen Haltung auseinander, lernten andere Sichtweisen kennen, vertraten ihre Meinung und erfuhren, welche Bedeutung es hat, sich einzubringen. Konkrete Fragestellungen wurden entwickelt und Ideen gemeinsam diskutiert, aufeinander aufgebaut, verworfen und neu zusammengesetzt. Mit Hilfe von den Legosteinen nahmen die Ideen spielerisch Gestalt an und es entstanden die unterschiedlichsten Modelle. Diese zeigten einerseits, wie divers die Bedürfnisse an einen gemeinsamen Platz sein können, wie zum Beispiel Sitzmöglichkeiten, die in der gemeinsamen Nutzung Strom erzeugen, Halfpipes und Urban Gardening zur gemeinsamen Freizeitgestaltung, aber auch grundsätzliche Gemeinsamkeiten wurden gefunden: Rückzug und Austausch, ein großes Bedürfnis nach mehr Natur und multifunktionale Nutzungen. Alles wurde von uns gut dokumentiert und fotografiert und zum Schluss baten wir alle Teilnehmer*innen Ihre Erkenntnisse und Erfahrungen des Tages in Briefform an die Teilnehmer*innen des zweiten Workshop-Termins zu verfassen. Wir nahmen viel von diesem ersten Termin mit. Nicht nur vielfältige Ideen sondern auch wichtige Diskussionen und Impulse wie das Miteinander eines gemeinsamen Platzes überhaupt organisiert werden kann. Denn grade im öffentlichen Raum treffen die verschiedensten Lebenswelten aufeinander. Das macht ihn zu einem Ort des Konflikts, aber auch der Aushandlung. Bequem oder unbequem? Die verfassten Briefe packten wir ein und zogen damit inspiriert zum zweiten Workshop- Termin weiter. Auch hier bekamen die Teilnehmer*innen im Vorfeld Post von uns mit unLEGO WORKSHOP

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terschiedlichen Fragestellungen. Wann ist Zusammensitzen für dich eine Handlung und wann ist Zusammensitzen für dich eine Haltung? Für wen bist Du als Sitzgelegenheit unbequem und für wen bist Du bequem? Auch hier dienten die Fragen dazu, erstmal die eigene Perspektive zu reflektieren und dann im Austausch mit der Gruppe über die unterschiedlichen Perspektiven der Anderen ins Gespräch zu kommen. Es wurden zudem aber auch Fragen der Ausgrenzung diskutiert. Wo fühlst Du Dich ausgegrenzt und warum fühlst Du Dich ausgegrenzt? Erfahrungen wurden geteilt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutiert. Die mitgebrachten Briefe vom ersten Workshop wurden geöffnet und gelesen, und brachten noch einmal zusätzlichen Input in die spannenden Diskussionen mit ein. Da wir aber nicht nur die Briefe aus dem ersten Workshop mitgebracht hatten sondern auch die 35kg Lego, konnten die Teilnehmer*innen auch hier wieder Ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Es entstanden spannende Modelle, die sich Gedanken zu konkreten Ideen der Umsetzung machten, wie zum Beispiel Sport- und Spielgeräte, die nur gleichzeitig in Interaktion mit anderen genutzt werden können. Aber auch Modelle, die wieder den gemeinsamen Umgang mit Plätzen thematisierten, den Umgang mit Verantwortlichkeiten, und Plätze die für ein Klima des Zuhörens und Austauschs plädierten. Hier wurde deutlich, dass es nicht nur um einen physisch gestalteten Platz geht, sondern um Begegnungsorte, die Raum zur Teilhabe und Teilgabe ermöglichen. Denn so können die gemeinsamen Interessen erlebt werden.

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Was wir mitnahmen? Ideen brauchen Raum: Freiraum für Gedankenspiele, neue Impulse und Inspiration und ein Ort für alle kann nur von den Vielen gestaltet werden. Zudem schafft Teamarbeit Großes. Die Aufgabe einen Platz des Zusammensitzens zu gestalten, ist nur gemeinsam zu meistern. Da kommt es auf jede Einzelne und jeden Einzelnen an. Auch zum Abschluss dieses Workshops ließen wir die Teilnehmer*innen ihre Erfahrungen wieder aufschreiben, packten viele gute Ideen mit ein und waren neugierig, was uns beim letzten Workshop-Termin erwarten werde. Ein gemeinsamer Platz kann nur im gemeinschaftlichen demokratischen Prozess entstehen. Und unsere Neugierde wurde belohnt. Für diesen letzten Termin überlegten wir uns eine etwas andere Aufgabe zur Aktivierung im Vorfeld des Workshops. Die Teilnehmer*innen bekamen ein Päckchen mit abgezahlten Legosteinen zugeschickt, sowie ein Bierdeckel, der im Rahmen des Gesamt-Projekts im Vorfeld entstanden ist. Anhand des Bierdeckels sollten die Teilnehmer*innen sich Gedanken über eine Person machen, mit der sie am liebsten zusammensitzen und spielerisch über

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WO SITZT DU IN DER GESELLSCHAFT?


vorgegebene Fragen auf dem Deckel über Gemeinsamkeiten, die sie mit dieser Person verbindet, nachdenken. Zu den Legosteinen gab es die Aufgabe ein Modell einer gemeinsamen Sitzgelegenheit für sich und diese Person zu bauen. So sollte versucht werden, sich schon vor Beginn des Workshops nicht nur mit der eigenen Perspektive auseinanderzusetzen, sondern auch andere Perspektiven mitzudenken. So startete der letzte Workshop und es zeigte sich schnell, dass auch hier sehr viel Diskussionsbedarf bestand. Es wurden Erfahrungen ausgetauscht, die Ergebnisse der vorherigen Workshops gesichtet, abgewägt, gemeinsam neue Möglichkeiten diskutiert und versucht andere Perspektiven mitzudenken. Dabei stand eine zentrale Fragestellung im Raum: Wie weit denken wir unsere Mitmenschen mit? Unsere Familie selbstverständlich, unsere Freunde und Freundinnen sicherlich, unsere Nachbar*innen vielleicht – aber Menschen außerhalb unserer eigenen sozialen und kulturellen Herkunft? Gemeinschaft bedeutet auch immer Kompromisse einzugehen, von den eigenen Wünschen und Bedürfnissen ein Stück wegzurücken und Neues zuzulassen. Natürlich kamen auch an diesem Workshop-Termin die Legosteine wieder zum Einsatz. Dieses Mal nur nicht in Kleingruppen wie bisher, sondern in der gemeinsamen Gruppe. Auch hier kam es zu einem wichtigen und spannenden Austausch, von dem wir viel mitnehmen konnten über einen Platz des Zusammenkommens und des Miteinanders, ein Platz der Gemeinschaft aber auch des Kompromisses. Wir alle könnenkönnen etwas fürfür das gemeinsame Zusammensitzen tun

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Die Ergebnisse der drei Workshoptage waren vielfältig, verdeutlichen aber alle den zentralen Stellenwert der Förderung und Stärkung gesellschaftlichen Zusammenlebens. Indem die entstandenen Modelle einerseits Räume der Begegnung und andererseits eine Vielzahl verschiedener gemeinschaftlicher Aktivitäten zeigten, stehen sie alle im hohen Maße für ein gemeinsames Miteinander. Ein Platz des Zusammensitzens ist Aufhalten, ist Rückzug, ist Gemeinsamkeit, ist Treffen, ist Sicherheit, ist Zeit, ist Fragen, ist Zuhören, ist ins Gespräch kommen, ist in Bewegung, ist öffentlich, ist demokratisch. Was am Ende so überschaubar klingen mag, ist das Resultat intensiver Auseinandersetzungen und das Zusammenspiel verschiedener Perspektiven, Erfahrungen, Erlebnissen, Erwartungen – für die wir uns an dieser Stelle bei allen Teilnehmer*innen recht herzlich bedanken möchten.

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Der Platz des Zusammensitzens kann sowohl physisch als auch in Form von Begegnungsanlässen verstanden werden. LEGO WORKSHOP

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So ist das übergeordnete Ziel Menschen auf Basis gemeinsamer Interessen zu aktivieren und die Vielen gemeinschaftlich an der nachhaltigen Gestaltung und Verbesserung ihres Zusammenkommens teilhaben zu lassen. Eine zunehmend wichtigere Rolle kommt dabei dem öffentlichen Raum zu. Als Begegnungs- und Partizipationsraum besitzt er das Potenzial die Grundlagen sozialer und ethnischer- kultureller Integration zu schaffen. Wie es nun weitergeht? Es ist Zeit, die öffentlichen Räume in der Stadt zurückzuerobern und Menschen dazu einzuladen zusammenzukommen, sich auszutauschen und – vor allem ihn für die Vielen zugänglich zu machen. Ideen sind da, Weichen müssen gestellt werden. Die Workshopreihe ist ein Anfang und wir sind noch lange nicht am Ende. Es liegt noch ein Weg vor uns. Der vermutlich auch steinig sein wird. Aber wir haben viel aus dem Zusammensitzen in dieser Workshopreihe mitgenommen – Eure Ideen, Perspektiven, Bedürfnisse. Wir haben nachgefragt und zugehört und werden nun aufstehen und losgehen, denn wie von Borries schon schrieb, das Sitzen endet erst mit dem Aufstand, der die Dinge in Bewegung bringt.

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1. Der Platz des Zusammensitzens wird erkenntlich, durch eine von weitem sichtbare architektonische Markierung. Ein Kreis der den Raum nicht zu den Seiten begrenzt, sondern markiert. 2. Ein Amphitherater für Künstler*innen, die sich dort interdisziplinär zu einem Wechselnden Thema austauschen können. In der Mitte befindet sich eine Bühne, die eine Arbeit zu dem Thema aus- oder darstellt. 3. Individuell einstellbare Sitzbank, die in der Mitte von einer (grünen) Wand getrennt wird. Die Länge der Sitzbank kann durch das verrücken eingestellt werden. so ergeben sich kollektive oder intime Sitzordnungen auf engem Raum. 4. Portable Sitzgelegenheiten, um individuell angemessene Sitzsituationen zu schaffe. 5. Akustische Barrieren an einem künstlichen Wasserlauf, um sichere Plätze des Zusammensitzens zu schaffen. 6. Erkenntnisse und Ideen müssen immer festgehalten werden. 7. Lego lässt alle Menschen einfach visualisieren und Ideen verdeutlichen. 8. Nach einer Erkenntnis und Ideenphase, war es die Herausforderung die richtigen Steine zu finden.

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WO SITZT DU IN DER GESELLSCHAFT?


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Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.

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Wie weit muss ich mich von meiner Sitzposition in der Gesellschaft fortbewegen, um zu einem Platz des Zusammensitzens zu kommen?



KÜNSTLERISCHE INTERVENTIONEN

Begegnung. Austausch. Teilhabe. Drei künstlerische Beiträge zu „Platz des Zusammensitzens - Die Ausstellung“ haben im Vorfeld im öffentlichen Raum stattgefunden. Im urbanen Kontext forderten die Interventionen Menschen zur Beteiligung auf. Als begleitendes Projektteam ist uns auch hier aufgefallen, dass die meisten Menschen sehr zurückhalten sind, wenn es um Beteiligungsprozesse geht. Spontane Beteiligung im öffentlichen Raum erfordert eine empathische Ansprache und auch ein bisschen Überredungskunst. Dani-Lou Voigt und Kristina Pritzl Vom Küchengarten über die Spinnereibrücke, die Königsworther Straße hoch. Fast 100 Stühle, alle Second-Hand, bildeten eine lange Reihe. Die Passant*innen kamen ins Gespräch, wie schön es sei, sich mal zu setzen. Mal woanders zu sitzen. Ebenso am Lichtenbergplatz, auf dem die Stühle mit immer neuen Formationen ein Zusammensitzen konstruierten. Mirl Redmann Reden und Denken - die Zwiegespräche in der Innenstadt blieben geheim. Nur Polaroidfotos dokumentierten das, was Menschen der Künstlerin anvertrauten. Zum Gespräch eingeladen wurden alle Passant*innen. Sharina Meiners Auf der Treppe der Staatsoper Hannover setzten sich Menschen in Po-Sition. Sie wurden dazu aufgefordert, auf einem riesigen Tuch ihren Sitzposition mit Farbe zu markieren. Auf diese Art entstand ein Muster, aus dem abzulesen war, ob sich die Menschen nebeneinander, übereinander oder zusammen setzten.

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WIE WEIT MUSS ICH MICH VON MEINER SITZPOSITION IN DER GESELLSCHAFT FORTBEWEGEN, UM ZU EINEM PLATZ DES ZUSAMMENSITZENS ZU KOMMEN?


KÜNSTLERISCHE INTERVENTIONEN

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Ist das Zusammensitzen eine Handlung oder Haltung?

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Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.


PLATZ DES ZUSAMMENSITZENS die Ausstellung: Ein Meilenstein des Prozesses war die Ausstellung. Schon zu Beginn des Projektes war klar, dass zu der Ausstellung einmal alle Fäden zusammenlaufen würden. Von der Allianz gemeinsam kuratiert, konnten in insgesamt 18 Räumen, neun künstlerische Positionen, sechs Kurzfilme sowie Erkenntnisse und Ergebnisse des Prozesses erlebt werden. Als Zwischenraumnutzung durften die leerstehenden Räume des Ordnungsamtes und der Ausländerbehörde in der Leinstraße genutzt werden. Ein Ort, an den viele Besucher*innen sich erinnerten, nicht immer positiv. Die Sitz-Spuren auf dem Boden und an den Wänden regten die Phantasie an: Wie viel Bewegung gab es hier im Zusammensitzen?

onen zeigen, die von einigen Künstler*innen im Vorfeld durchgeführt wurden. Wir haben als besondere Präsentation dieser Ausstellung eine Führung gefilmt. Über den QR-Code kannst du dir die Ausstellung so noch ansehen. Zwei der Ausstellungsführer*innen teilen in dem Video ihre Gedanken und Erfahrungen aus der Begleitung der Gruppen mit. Viel Spaß beim Erkunden!

Aufgrund von Brandschutzbestimmungen konnte die Ausstellung nur in Kleingruppen besucht werden. Ein kompliziertes Online-Buchungssystem musste ausgetüftelt werden. Doch gerade, weil die Gruppen sich unabhängig voneinander Termine buchten, trafen Menschen aufeinander, die sich sonst wahrscheinlich nicht über die eigenen Sitzplätze in der Gesellschaft ausgetauscht hätten. Die Führungen jedenfalls sorgten bei den insgesamt über 360 Besucher*innen zu jeder Menge Gesprächsstoff und der Einsicht, dass das Zusammensitzen eine Handlung ist, zu der auch eine Haltung gehört.

Diese Ausstellung wurde gefördert von:

Die Ausstellung verstand sich als Medium und Diskursraum, weshalb wir in dieser Zeitschrift nur ein paar Eindrücke der Vernissage und Bilder der künstlerischen Interventi-

PLATZ DES ZUSAMMENSITZENS - DIE AUSSTELLUNG

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Auf die Plätze! Der Platz des Zusammensitzens. Ein Ort, an dem wir nicht übereinander, sondern miteinander reden. Ein Stück Stadt im Zentrum Hannovers, in dem wir gemeinsam Ideen für die Zukunft entwerfen und realisieren. Alle Menschen, mit denen wir sprechen, arbeiten und träumen durften, sind davon überzeugt: um den Platz des Zusammensitzens Wirklichkeit werden zu lassen, müssen wir zuerst eine gemeinsame Haltung entwickeln. Dabei geht es nicht nur um den realen Platz, es geht auch darum zu verstehen, wo sitze ich und wo sitzen die Menschen, die mich umgeben. Erst mit der Beantwortung dieser Frage schaffen wir ein Bewusstsein und damit eine Kultur der Empathie, die notwendig ist, für eine Stadtentwicklung der Vielen. Dein Platz Der Platz, an dem du bei deiner Arbeit, am Esstisch oder in der Freizeit sitzt, sagt viel darüber aus, welchen Platz du in der Gesellschaft einnimmst. Macht und Privilegien sind damit verbunden. Sich diesen Platz bewusst zu machen, ermöglicht es dir herauszufinden, wohin du dich bewegen musst, um zum Platz des Zusammenzusitzen zu kommen. Erst dann können die Gespräche und Ideen wirklich miteinander entstehen. Wie weit bist du bereit dich von deiner Posi-

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tion zu entfernen, um zu einem Platz des Zusammensitzens zu kommen? ammensitzens zu kommen? Unser Platz Die Bedürfnisse zum Zusammensitzen sind so vielfältig, wie die Menschen, mit denen wir bisher zusammengesessen haben. Menschen möchten die Situation, in der sie zusammensitzen individuell gestalten und sie möchten dabei eine Hand gereicht bekommen. Sie möchten ganz konkrete Regeln, die sich alle gemeinsam geben. Das sich-Wohlfühlen beim Zusammensitzen ist elementar. Zusammensitzen ist anstrengend. Zusammensitzen heißt, auf andere zu warten. Zusammensitzen erfordert viel Geduld. Es erfordert psychische Kapazitäten, denn Zusammensitzen kostet Zeit und Energie. Warum sollen wir uns Zusammensitzen überhaupt leisten? Zusammensitzen fördert eine Kultur des Zuhörens. Zusammensitzen trainiert unsere Em-

LASS UNS GEMEINSAM DEN PLATZ DES ZUSAMMENSITZENS SCHAFFEN!


pathie. Zusammensitzen bedeutet auch sich mit dir unbekannten Personenauseinanderzusetzen. Damit erhältst du neues Wissen – über dich und dein Gegenüber. Zusammensitzen bedeutet gemeinsame Zeit, die nicht einer Logik der Effizienz unterliegt. Ein Platz für alle Menschen brauchen Menschen. Wir müssen uns abgleichen, inspirieren, übereinkommen, um als Gesellschaft agieren zu können. Demokratisch, über alle Barrieren hinweg. Die Perspektiven der Menschen, die zusammensitzen wollen, sind nie umsonst und sollen es auch nicht sein. Im Prozess des Zusammensitzens haben wir gelernt, dass es viel Kraft erfordert Menschen zu motivieren mitzumachen um mitzugestalten. Unsere Erfahrung zeigt, dass Menschen im öffentlichen Raum nicht einfach etwas von sich preisgeben möchten. Sie brauchen Schutzräume. Es reicht manchmal schon eine Biertischgarnitur mit Menschen, die Lust haben andere Menschen ohne

jegliche Bedingung kennenzulernen. Um unser Ziel weiter zu verfolgen, braucht es diese Menschen, die sich für das Zusammensitzen einsetzen. Das können nur Menschen sein, die sich dies leisten können und wollen. Menschen, die ausreichende Kapazitäten haben, auch, um anderen Menschen einen Vertrauensvorschuss zu geben. Du wohnst in Hannover, du sitzt als Abgeordnete*r im Stadtrat, oder du hast als Unternehmer*in deinen Hauptsitz hier? Du möchtest deinen Teil dazu beitragen, dass Hannover ein Platz des Zusammensitzens wird? Dann laden wir dich ein! Deine Ideen, Utopien, Fähigkeiten und Erfahrungen in den Platz des Zusammensitzens einzubringen. Im nächsten Schritt wollen wir gemeinsam Prototypen bauen und diese zusammen in der Innenstadt testen. Melde dich bei pdz@cameo-kollektiv.de

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Dies ist der erste Entwurf eines Manifests zur Gestaltung eines Platzes im öffentlichen Raum. Über 700 Menschen haben sich bisher an dem Prozess „Platz des Zusammensitzens“ aktiv beteiligt.

Architektonische Bedürfnisse •

Multifunktional – ein PDZ muss individuell nach Bedürfnissen gestaltbar sein.

Inklusiv – ein PDZ muss von allen erlebt und damit auch bedient werden können

Natürlich – ein PDZ zeichnet sich durch natürliche Formgebungen und Materialien aus.

Stadtplanerische Bedürfnisse •

Nachhaltig – ein PDZ orientiert sich an der bestehenden Infrastruktur und verwendet Materialien wieder.

Freiraum – der Ort des PDZ ist ein Raum, in dem Konsum solidarisch organisiert wird und erhält dafür, wenn nötig Sondergenehmigungen.

Grün – ein PDZ schafft Grünflächen, horizontal und vertikal. Er schafft natürliche, akustische Barrieren und bietet Raum für urbanes Gardening.

Mehrdimensional – ein PDZ muss nicht an einem speziellen Ort in der Innenstadt sein. Er kann an mehreren Stellen aufpoppen und durch sein Wesen auf Dächern genauso wiedererkennbar sein, wie auf dem Theodor-Lessing-Platz.

LASS UNS GEMEINSAM DEN PLATZ DES ZUSAMMENSITZENS SCHAFFEN!


Soziokulturelle Bedürfnisse •

Safer spaces – ein PDZ besitzt organisierte Rückzugsorte für Menschen, die diesen Raum temporär für sich in Anspruch nehmen möchten.

Vertrauen - auf dem PDZ gelten die gemeinsam entwickelten Regeln.

Kunst – ein PDZ versteht sich als ein Ort, der Kunst und Kultur ohne Hemmnisse erlebbar macht. Ein Ort, der durch künstlerische Impulse Diskussionen zwischen verschiedenen Perspektiven auf die Realitäten des Zusammenlebens anregt.

Solidarität – ein PDZ ist ein Ort, der konsumfreie Bereiche mit klassischen konsumorientierten Bereichen verbindet. Ein Ort, der alle Menschen, auch die, die es sich nicht leisten können, zusammenbringt. • Gemeinsame Aufgaben – ein PDZ ist ein Ort an dem die Menschen, die ihn temporär nutzen kollektiv Verantwortung übernehmen.

Auf die Plätze Wir fordern, dass diese Bedürfnisse bei allen Stadtentwicklungsmaßnahmen in der Landeshauptstadt Hannover berücksichtigt werden! - fertig los!


Diese Zeitschrift, Workshops und Get Togethers wurden gefördert von:

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Der Platz des Zusammensitzens ist ein Projekt des Cameo Kollektivs in Zusammenarbeit mit der Allianz des Zusammensitzens.

Künstler*innen und Kollektive der Ausstellung: Amra Spirtovic, Dani-Lou Voigt & Kristina Pritzl, Kaisar Ahamed, Kollektiv 490nanometer, Mirl Redmann, Niki Léon & Nikolas Miranda, Prova Noorjahan, Sharina Meiners, Studio Offbeat

Cameo Kollektiv e.V. Leinstr. 16 30159 Hannover www.cameo-kollektiv.de www.zusammensitzen.org Team PDZ: Jakob Hermens, Larissa Dung, Sebastian Cunitz, Stefanie Schweizer, Stephanie Schünemann

Ein besonderer Dank an: Ali Faridi, Bernd Jacobs, Bubble, Belit Onay, Birgit Böhm, Carsten Tech, Christine Preitauer, Corinna Weiler, Dagmar Doko Waskönig, Daniel Steckbauer, Daniel Hohbein, Denise Kahlmann, Franziska Schoch, Guiliana Ebel, Hamideh Mohagheghi, Henner Rosenkranz, Ingrid Wagemann, Johannes Bartlakowski, Julius Matuschik, Katharina Sterzer, Konstanze Beckedorf, Laura Berman, Lena Bode, Mario Runde, Miriam Wendschoff, Nael Arafat, Nico Walter, Nina Diehl, Nele Tippelmann, Nuray Karaköse, Philipp Schaper, Sebastian Jacobs, Severine Jean, Silvia Jasion, Sören Bludau, Stephan Kaps, Tim Dreyer, Wiebke Hiemesch, Ulrike Duffing, Ute Heuer

Fotografische Dokumentation: Alireza Husseini

den Protagonist*innen der Videportraits, allen fördernden Institutionen und allen Teilnehmer*innen der Workshops, der Online Stammtische, der Guerilla Stammtische, des Pop-Up Biergartens, der Ausstellung Sitzen in den Religionen

Team DIY-Werkstatt: Andrea Küchler, Leonie Pessara, Mahmoud Naffati und Oliver Eppers

Druckerei: Megadruck, Inh. Carsten Müller, Am Haferkamp 4, 26655 Westerstede

Team Ausstellung: Ahmad Yatim, Jan Lotz, Obada, Nina Grodhues, Tabea Künne, Tom Wesse

Grafik Design: Luyu Zou Filmportraits: Zwieblick GbR und Nader Ismail Konzept und Umsetzung der digitalen Angebote HELENA und ADAM: Daniel Steckbauer, Guiliana Ebel, Sebastian Cunitz

Team Lego Workshops: Katrin Brümmer, Sebastian Cunitz

IMPRESSUM

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Stell dir einen Platz in Hannover vor, der für den Austausch von unterschiedlichen Erfahrungen und Wissen in unserer Stadtgesellschaft bekannt ist. Stell dir eine Umgebung vor, in der keine Person über einer anderen sitzt. Stell dir einen Platz des Zusammensitzens vor. Diese Idee fasziniert eine Allianz aus vielen Menschen und Organisationen, die einen ersten Schritt gemacht hat. Diese Zeitschrift. Wir finden miteinander reden hilft, zusammen Ideen realisieren noch mehr. Du auch? Dann mach doch mit! Dein Cameo Kollektiv

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Bus, voluptatur solorei cabore se nulpari bernam fugia nestem simus.


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