Akzente 3/2016

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Akzente Das Magazin der Pädagogischen Hochschule Zürich

Künste – neuer Fokus auf eigenständige Gestaltung Seite 10

Serie «Schule in aller Welt»: wie Lehrpersonen in Los Angeles unter erschwerten Bedingungen unterrichten Seite 32 Porträt: wie Studentin Jennifer Kobelt Studium und Leistungssport vereint Seite 24 blog.phzh.ch/akzente


Inserate

Foto: Michael Lio

Gewerbemuseum Winterthur

Permanente Ausstellung

MATERIAL-ARCHIV

Neueröffnung am 2. Oktober 2016 Anfassen erlaubt! Ob Glas, Holz, Papier, Kunststoff, Gesteine, Keramik, Metall, Farbpigmente oder auch Leder und Textilien – im «Material-Archiv» laden unzählige Materialmuster, eine Online-Datenbank, Experimentierstationen sowie eine reichhaltige Schausammlung und eine Art dreidimensionales Lehrbuch zum Stöbern, Rätseln, Forschen und Entdecken ein. Ob im Ausstellungsraum oder im Atelier, in diesem interaktiven Labor für Materialrecherchen können Klassen aller Altersstufen sämtliche Materialien mit allen Sinnen erfahren, Produktionsprozesse im Kleinen imitieren oder ausführliches Hintergrundwissen studieren.

Angebote für Schulen

Metalle: schön, wertvoll und gefährlich Workshop für Mittel- und Sekundarstufe

Farbe Workshop für für Unter-, Mittel- und Sekundarstufe

Die Welt ist Material Führung für Mittel- und Sekundarstufe

Raspeln, Hämmern, Schmelzen Workshop 2. Kindergarten und Unterstufe

Material-Archiv

Sprachaufenthalte für Individualreisende, Prüfungsvorbereitungskurse interessante Gruppenangebote & Teacher Training

LehrerInneneinführung Donnerstag, 17. November 2016, 17.30 Uhr

Aktuelle Wechselausstellungen Mehrere Workshops für verschiedene Stufen

Öffnungszeiten Di bis So 10 –17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Mo geschlossen Öffnungszeiten Feiertage www.gewerbemuseum.ch Anmeldung und Informationen Gewerbemuseum Winterthur Kirchplatz 14, 8400 Winterthur Telefon 052 267 51 36 gewerbemuseum@win.ch www.gewerbemuseum.ch

Aarau, Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur & Zürich

www.esl.ch


Inhalt 3/2016

Fotos: Alessandro Della Bella (Cover), Marcus Teply, Nelly Rodriguez, zVg

32 Serie «Schule in aller Welt»: High-School-Besuch in LA.

24 Spagat zwischen Sport und Studium: Jennifer Kobelt.

19 Reportage: Experimentieren im Bereich der Künste an der PH Zürich.

4 Vermischtes Schulführung: «Was zählt wirklich?»

24 Studierendenseite Porträt, Masterarbeit, Kolumne

7 Eine Frage, drei Antworten Wie gehen Sie mit Konflikten um? 9 Seitenblick Auf Umwegen zum Ziel

10 Schwerpunkt Künste Leitartikel: Weg von Technik und Nachahmung hin zur Gestaltung

27 PH Zürich Weiterbildung: Schulprojekt mit Tablets geht in die nächste Runde

Berufsbildung: In sieben Schritten vom Problem zur Lösung Rektorat: «Wir müssen auf die Bedürfnisse der Schulen vorbereitet sein» Dienstleistungen: «Alle Lerninhalte sind auf einer zentralen Plattform abgelegt»

Interview: Simon Maurer, Leiter Museum Helmhaus

32 Schule in aller Welt Unterricht mit Wörterbuch und Zeichensprache

Meinungen: Wie Studierende und Lehrpersonen Kunstfächer unterrichten

34 Medientipps

Reportage: «Nehmt eure Rollen ein und sprecht deutlicher!»

37 Unter vier Augen Falsche Bescheidenheit 38 Instagram #takeover 38 Impressum

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Die Nachricht kommt für mich zu spät: Rein technische Fertigkeiten haben in Fächern wie Musik und Zeichnen an Bedeutung verloren, das Abzeichnen eines Gegenstandes oder das Nachsingen eines Liedes ist passé. An Letzteres erinnere ich mich besonders ungern: Vor versammelter Klasse musste aus einem speckigen Liederbuch «Drei Fische im Wasser» oder «Oh du Nachtigall» nachgesungen werden. Da hat es mir und dem einen oder anderen meiner sonst so selbstbewussten Kollegen im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen. Von einer Beschämungskultur zu sprechen, trifft in diesem Fall ins Schwarze. Heute geht es in den Fächern von Kunst und Design in erster Linie um Gestaltungsprozesse und nicht nur um das Endprodukt. Gefordert ist eigenständiges, kreatives Handeln, damit die Kinder und Jugendlichen, wie es der Kurator des Helmhauses in Zürich, Simon Maurer, im Interview nennt, «eintauchen und auf Reisen gehen können». Für die Schülerinnen und Schüler und auch für die Lehrpersonen wird damit der Unterricht interessanter, aber auch anspruchsvoller. Die Fächer erhalten jene Aufwertung, die sie seit langem verdient haben, der Zeichenunterricht ist nicht mehr zum «Abschalten» da. Und der Wechsel wird auch zu Hause bei den Kindern sichtbar: In den Küchen und Korridoren hängen nicht mehr die immer gleichen Schlüsselbrettli. – Reto Klink

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In haltsverzeich nis/Editorial

Eintauchen statt abschalten


Schulführung: «Was zählt wirklich?»

Was zählt wirklich in der Führungsarbeit und in der Gestaltung von Personalentwicklungsprozessen? Diese Frage stand Ende Mai im Zentrum des 10. Symposiums Personalmanagement im Bildungsbereich an der PH Zürich. Über 300 Führungspersonen aus dem Bildungsbereich liessen sich von drei anregenden Referaten und einem vertiefenden Podiumsgespräch inspirieren. Für Anne Maria Pircher Friedrich vom Management Center Innsbruck steht eine sinnorientierte Führungspersönlichkeit im Zentrum dessen, was zählt. Wichtig ist, sich die Frage nach dem Menschenbild und dem Selbstbild zu stellen, sich auf die Selbstwahrnehmung und Reflexionsfähigkeit einzulassen und das Verhalten und Handeln danach auszurichten. Sie sieht die Zeit gekommen, dass sich die Rolle von Führungspersonen von «Machern» zu «ServantLeadern» ändert. Letztere geben den Lehrpersonen in Schulen einen Sinn, fördern die Entfaltung guter Beziehungen und sorgen für vertrauensvolle Win-Win-Situationen. Der gesellschaftliche Wandel beeinflusst das Leben der Menschen heute so stark wie nie zuvor, so Pasqualina Perrig-Chiello von der Universität Bern in ihrem Referat. Was in dieser Situation wirklich zählt, ist psychische Widerstandsfähigkeit. Resilienz ist gefragt. Resiliente Menschen haben Charakterstärken und diese sind nach Perrig-Chiello erlernbar. Etwa: Prob4

Kommende   Ver­ anstaltungen

leme richtig einordnen können, proaktiv sein, klare Entscheidungen fällen, eigene Ziele verfolgen, Selbstreflexion nutzen, posi3. September tive Selbstwahrnehmung fördern und opti«Sonderschulung mistisch bleiben. in Zeiten knapper Für Pierin Vincenz, VerwaltungsFinanzen» Im Zentrum steht ratspräsident der Helvetia Versicherungen, die Frage nach der zählt, dass in Veränderungsprozessen die er«Good Practice» der forderlichen Anpassungen gut gelingen und Zuweisungspraxis von Sonderpädagodiese den Weg für die Zukunft freimachen. gischen MassnahIn einer komplexen Informationsgesellmen. schaft, die in einem heftigen Umbruch steckt und in der die Wirtschaft weiterhin wachsen 29. Oktober will, bilden Vertrauen und Kompetenzen die Tagung «Unterrichten mit neuen Basis in der Arbeit – so auch in Schulen. Der Medien» Aufbau einer Führungskultur ist zentral. Die diesjährige Dieser Prozess braucht Zeit, weil WertesysteAustragung findet unter dem Titel me diskutiert werden müssen. Wichtig ist, «analog – digital – die Führungskultur anschliessend konsesozial – ideal» quent umzusetzen. statt. Zum Abschluss des Symposiums lei24. November tete Mona Vetsch als Moderatorin eine spanPodium nende Podiumsdiskussion mit den ReferenPestalozzianum tinnen und dem Referenten zu Fragen aus Verschiedene dem Publikum. Zentrale Themen waren die Fachleute diskutieren zum Thema Führungskultur, die Erlernbarkeit von Füh«Familie - Arbeit rung und die Vertrauensbildung. Schule».

Weitere Infos:  tiny.phzh.ch/ veranstaltungen

– Karl Mäder

Karl Mäder ist Leiter der Koordinationsstelle Beratungsdienstleistungen an der PH Zürich.

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Foto: Christoph Hotz

Ver mischtes

Sieht die psychische Widerstandsfähigkeit als entscheidende Komponente: Pasqualina PerrigChiello von der Universität Zürich.


Fotos: Dieter Seeger, Christian Wagner

Wohnkantone Studierende der PH Zürich. Total: 3484 Studierende Angaben in Prozent.

75

Zürich

6

Aargau

2,9

St. Gallen

2,3

Graubünden

2,3

Schwyz

1,9

Thurgau

1,7

Schaffhausen

1,3

Bern und Solothurn

1

Zug und Basel-Land

0,9

Luzern

0,8

Glarus und Basel-Stadt

0,7

Weitere Kantone / Ausland

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Aktuelles 10 neue MAS-Absolventinnen und -Absolventen Der Master of Advanced Studies (MAS) der PH Zürich feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Drei Kandidatinnen und sieben Kandidaten haben ihr Diplomstudium bestanden. Während neun Personen ein Diplom in Bildungsmanagement erhielten, beendete ein Schulleiter sein MAS-Studium in Bildungsinnovation.

4. ICF-CY Anwenderkonferenz» statt. Während zwei arbeitsintensiven Tagen führten mehr als 100 Personen aus Forschung, Praxis und Politik gemeinsam den Diskurs zum Einsatz und zur Weiterentwicklung der ICF im Gesundheits- und Sozial- wie auch im Bildungsbereich. Die ICF ist eine Klassifikation der WHO und eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung der Funktionsfähigkeit und Behinderung im Kontext einer Lebenssituation. Tagung zum Thema Klassenführung Wie kann eine Klasse geführt werden, damit effizientes Lernen stattfinden kann? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich über 200 Lehrerinnen und Lehrer Ende Juni an der PH Zürich.

Sprach zu den diplomierten Schulleitenden: Monika Weber (M.), Bildungspreisträgerin 2015.

Projekt zur Förderung des Männeranteils in der Schule Mit einem neuen Projekt bieten die PH Zürich und die PH Zug berufstätigen Männern die Möglichkeit, einen Einblick in den Beruf des Primarlehrers zu erhalten. Interessierte können dabei einen halben Tag bei einem Primarlehrer schnuppern oder einen Studenten an einer Pädagogischen Hochschule begleiten. Ziel des Projekts «Umsteiger, einsteigen!» ist es, den Anteil an Männern unter den Lehrpersonen zu erhöhen. Tagung zum Einsatz der ICF im Bildungsbereich Anfang Juni fand an der PH Zürich die Tagung «Die ICF im Kontext von Bildung und Gesundheit und

«Here Comes the Sun!» an der PH Zürich Unter dem Motto «Here Comes the Sun!» läuteten die Studentinnen und Studenten der PH Zürich Anfang Juni mit der 7. Musik- und Performance-Nacht das Semester mit Tanz, Gesang und Theater aus. Der Anlass ist seit Jahren ein fester Programmpunkt in der Kulturagenda der PH Zürich.

Begeisterte das Publikum: das Theaterensemble mit Studierenden der PH Zürich.

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Ver mischtes

PHZH in Zahlen


Inserate

MASTER OF SCIENCE IN BERUFSBILDUNG • wissenschaftsbasiert und praxisorientiert • interdisziplinär: Ökonomie, Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaften • mehrsprachig (d/f/e) • 120 ECTS, 6 Semester (Teilzeitstudium) Beratung und Anmeldung: +41 58 458 27 38, msc@ehb.swiss www.ehb.swiss/MSc, www.iffp.swiss/MSc, www.iuffp.swiss/MSc

Unser Umgang mit Rohstoffen Eine Sonderausstellung von focusTerra

Verlän g

20.11

ert bis

.2016

Mineralische Rohstoffe bilden die Grundlage unseres Lebens. Welche Herausforderungen kommen durch den steigenden Verbrauch auf uns zu? Für weitere Informationen auch über Schulunterlagen, Workshops für Lehrer, Führungen und Vorträge besuchen Sie unsere Website: www.focusterra.ethz.ch focusTerra ETH Zürich, Sonneggstrasse 5, 8092 Zürich info_focusTerra@erdw.ethz.ch

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Eine Frage, drei Antworten: Wie gehen Sie mit Konflikten um? ist auf jeden Fall immer der Respekt vor der anderen Person, seien es Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte. Doch ich erwarte vom Gegenüber ebenfalls, dass auch ich als Persönlichkeit respektiert werde.

nen mit einer Portion Gelassenheit zu begegnen und dabei die Emotionen möglichst auszublenden.

Priska Brülhart, Mittelschullehrerin und Bildungsrätin

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Nicole Wagner, WaldspielgruppenLeiterin Zürich-Affoltern

Otto Bandli, Berater an der PH Zürich

Ich   arbeite   mit Spielgrup-

penkindern im Wald und empfinde dies als das ideale Terrain, um Aggressionen und Konflikten zu Konflikte   sind   bei   mir begegnen. Der Wald beruhigt, stets mit vielen Emotionen verviel Wut verpufft. Ich denke, viele bunden, und immer wenn Emotio- Konflikte treten so gar nie erst nen im Spiel sind, geschieht sehr zutage. Was den Streit auslöst, viel unbewusst. Ich stelle mir dann ist häufig nicht anders als bei uns die Frage, was bei mir oder beim Erwachsenen: etwas als unfair Gegenüber wohl die Empörung empfinden, nicht wahrgenommen ausgelöst hat. Empörung ist für werden in seinen Bedürfnissen etc. mich das Leitmotiv von Konflikten. Wenn immer möglich, versuche Oft geht es dabei um Normverletich die Kinder den Konflikt selber zungen, um mangelnde Wertschät- austragen zu lassen, beobachtend. zung oder um unerfüllte eigene Geht es nicht weiter, höre ich Bedürfnisse. Wenn ich mich im alle Beteiligten an, neutral und beruflichen Kontext zum Beispiel nicht wertend. Ich versuche, ihre in meiner Fachlichkeit angegriffen Gefühle zu spiegeln und Lösungsfühle, bin ich empört. Und die vorschläge zu erfragen. Häufig Empörung rechtfertigt Gegenschlä- helfen auch die Kinder rundherum ge, und so eskalieren Konflikte. mit und machen Vorschläge, die Beim Konfliktlösen versuche ich mich immer wieder überraschen. Sichtweisen stehen zu lassen, meine Wenn es gelingt, dass sie auf Bedürfnisse klar zu artikulieren, diesem Weg Frieden schliessen die Bedürfnisse des Gegenübers zu können, ist dies ein grandioses erfragen und allfällige Irritationen Gefühl für alle Beteiligten. Aber zeitnah anzusprechen. Ich versuche nicht immer habe ich dafür gestets, auch konflikthaften Situatio- nügend Geduld. 7

Meinu ngen

Als   Kind   war   ich eher harmoniebedürftig und versuchte, mit allen gut auszukommen. Wenn man jedoch politisch tätig ist, kann man Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Hier bin ich gefordert, Stellung zu beziehen, meine Meinung sachlich zu äussern, sie mit Argumenten zu stützen oder manchmal auch zu hinterfragen. Will man gehört werden, darf man nicht lockerlassen, muss nachfragen und nachhaken. Aber man muss auch damit leben lernen, mit seiner Meinung manchmal in der Minderheit zu sein. Anfangs fiel mir das nicht immer leicht, doch mit der Zeit lernte ich, Niederlagen nicht persönlich zu nehmen und mit vollem Einsatz wieder nach vorne zu schauen. Im Lehrberuf sind diese Erfahrungen sehr hilfreich. Man steht mit seiner ganzen Persönlichkeit im «Rampenlicht» und wird bewusst oder unbewusst von allen ständig begutachtet. Da kommt es natürlich gelegentlich vor, dass Kritik an mir geübt wird. Ich versuche immer, diese zuerst ruhig entgegenzunehmen, dann innerlich einen Schritt zur Seite zu treten und darüber nachzudenken, wo der Kern des Problems liegt. Erst dann gebe ich eine Rückmeldung dazu. Das Wichtigste dabei


Inserate

Informations­ veranstaltung

SVEB-ZertifikatPLUS Dipl. Erwachsenenbildner/in HF

Supervision Berufsbildner/in Basiskurs

Masterstudiengang Sonderpädagogik

Praxisausbilder/in

mit den Vertiefungsrichtungen: — Schulische Heilpädagogik — Heilpädagogische Früherziehung

Weiterbildung

Passarelle zu üK-Leiter/in

Mittwoch, 2. November 2016, 15.00–17.30 Uhr

SVEB-Zertifikat

Beratung und Coaching

Keine Anmeldung erforderlich

Ausbilder/in

Mehr Infos unter www.hfh.ch/agenda, über Telefon 044 317 11 41 / 42 oder info@hfh.ch

Blended Learning

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Gesunde und nachhaltige Kinderverpflegung… 07.06.16 18:41

Die eigenen Kinder in fremde Obhut zu geben, bedingt ein grosses Mass an Vertrauen. Zur liebevollen und verantwortungsbewussten Betreuung gehört auch eine gesunde und kindergerechte Verpflegung. Als führende Partnerin für die Kinder- und Jugendverpflegung steht menuandmore den Mittagstischen für diese Ansprüche kompetent und gerne zur Seite. • Einzige kindergerechte Anbieterin mit Gold-Zertifizierung • Kinderspezifische Menüplanung • Frische und schonende Zubereitung für optimalen Erhalt der Vitalstoffe • Belieferung mit hauseigener Kühllogistik in die ganze Deutschschweiz • Spezialisierte und umfangreiche Gesundheitsförderung • Kostenlose, vielfältige Serviceleistungen • Ausgezeichnet mit dem Allergie-Gütesiegel für besonders allergikerfreundliche Dienstleistungen • Höchste Verpflegungssicherheit zu günstigen Konditionen • Nachhaltiges und klimaneutrales Unternehmen

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Ein Unternehmen der Eldora-Gruppe

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Silke Fischer – Seitenblick

Illustration: Elisabeth Moch

Wenn ich an den Prozess meiner Berufswahl denke, dann muss ich heute noch schmunzeln. So prognostizierte mir der Berufsauswahltest eines angesehenen deutschen Institutes damals eine Zukunft als Töpferin, weil ich unter anderem angegeben hatte, mich für Kunst zu interessieren. Konträr zum Testergebnis setzte sich dann allerdings nicht mein künstlerisches Talent, sondern mein Interesse am Fachbereich der Wirtschaftswissenschaften durch. Wie für mich damals, so stellt auch heute der Berufsauswahlprozess viele Jugendliche vor die Problematik, den richtigen Beruf für die eigenen Talente und Neigungen auszuwählen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Wahl des Berufes nicht rein zufällig erfolgt, sondern es bekanntermassen einen wesentlichen Einflussfaktor auf den Berufswahlprozess der Jugendlichen gibt – das Elternhaus. Dass diese Entscheidung trotz des elterlichen Einflusses schwierig ist und der Übergang von obligatorischer Schulzeit in die Sekundarstufe II nicht immer erfolgreich verläuft, belegt unter AKZENTE 3/2016

anderem der aktuelle Schweizer Bildungsbericht. Demnach wählen rund 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler nach Abschluss der Sekundarstufe I eine Zwischenlösung, welche dem Bildungswesen zugerechnet wird. Gemeint sind damit zum Beispiel das 10. Schuljahr oder eine Vorlehre. Heute beschäftigen mich Übergänge sowohl im Rahmen der Berufsbildungsforschung wie auch in meinem beruflichen Alltag als Berufsfachschullehrperson. Wenn ich meine Schülerinnen und Schüler in der Vorlehre sowie im Detailhandel nach ihrem Berufswunsch beziehungsweise nach ihrer Berufswahl frage, dann bekomme ich oft die Antwort «keine Ahnung» oder ich höre, dass ihre Eltern noch jemanden kannten, der jemand kannte, der einen Auszubildenden oder eine Auszubildende suchte. Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben sich, wenn überhaupt, nur einmal «richtig» beworben. Wenn ich sie dann frage, ob «Detailhandelsfachfrau/-mann EFZ» ihr Traumberuf ist, dann höre ich immer wieder, dass sie erst einmal eine

Lehre machen und dann ihr Leben geniessen wollen. Das mit dem Traumberuf käme erst später. Zugegeben, diese lockere Einstellung in Bezug auf die eigene Berufswahl und die ausgeübte Tätigkeit ist für mich recht schwer nachzuvollziehen, da ich mich im Zusammenhang mit meiner Berufswahl an viele schlaflose Nächte erinnern kann. Vielleicht liegt die Einstellung meiner Schülerinnen und Schüler aber auch darin begründet, dass diese einfach ein grosses Vertrauen in das schweizerische Berufsbildungssystem haben. Denn hier gilt ja bekanntlich: kein Abschluss ohne Anschluss. Wenn ich ehrlich bin, waren meine Eltern an meiner beruflichen Entscheidung auch nicht ganz unbeteiligt. Wer weiss, vielleicht wäre ohne sie ja auch (zuerst) einmal eine gute Töpferin aus mir geworden, die im Anschluss dann vielleicht doch Wirtschaft oder alternativ eben den Bachelor-Studiengang Keramik gewählt hätte? Silke Fischer ist Berufsfachschullehrerin und Dozentin auf der Sekundarstufe II an der PH Zürich.

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Seitenblick

Auf Umwegen zum Ziel


Vielfältige Auseinandersetzungen: Eindrücke aus den Bereichen «Kunst 10 und Design», Musik und Performance der PH Zürich.

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In den Fächern im Bereich der Künste stehen heute nicht mehr die Nachahmung vorgegebener Beispiele oder die technischen Fertigkeiten im Zentrum,  sondern eigenständige Gestaltungsprozesse. Und: Mit der Kompetenzorientierung werden Musik-, Zeichen-   und Handarbeitsunterricht nicht nur anspruchsvoller und interessanter.  Mit ihr zeigen sich auch die Gemeinsamkeiten der Fächer. Text: Melanie Keim, Fotos: zVg

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Schwer pu nkt Kü nste

Weg von Technik und Nachahmung hin zur Gestaltung


Schwer pu nkt Kü nste

Eine Banane aus Zement, eine Zahnpastatube, aus deren Öffnung ein Lichtstrahl dringt, und ein Riesenpompom aus Recyclingmaterial, das den Flur eines Gebäudes füllt. Diese ungewöhnlichen Bilder hat die PH Zürich auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht. Es sind Eindrücke aus dem Unterrichtsalltag im Bereich Kunst und Design, Resultate von bildnerischen Gestaltungsprozessen, die Studierende in ihrer Ausbildung durchlaufen, um ihre Schülerinnen und Schüler später zum eigenständigen kreativen Gestalten anleiten zu können. Den Dozierenden des Bereichs Kunst und Design ist es wichtig, dass solche Bilder an die Öffentlichkeit gelangen, um ein dort vorherrschendes veraltetes Bild von gestalterischem Unterricht mit heutigen Realitäten abzugleichen. «Das Bild des Handarbeitsunterrichts, das un-

Die gestalterische Kompetenz ist in allen Fächern dieselbe: wahrnehmen und Ausdrucksformen suchen. sere Medien und Diskussionen prägt, beruht oft auf weit zurückliegenden, persönlichen Schulerfahrungen», erklärt Monica Bazzigher-Weder, Leiterin des Bereichs Kunst und Design der Primarstufe. Ein Handarbeitsunterricht, in dem diszipliniertes Stricken, Häkeln und Nähen nach fixen Schnittmustern angesagt ist und der gestalterische Freiraum nur bis zur Auswahl von Stoff und

Andrea Stieger Sekundarlehrerin Ich unterrichte im Wehntal an der Sekundarschule Niederweningen unter anderem «Handarbeit textil». Das Wehntal ist eine ländliche Gegend, Traditionen haben hier eine wichtige Bedeutung. Ungeachtet dessen richte ich meinen

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Farben reicht, habe heute keine Daseinsberechtigung mehr. «Würde Handarbeit wirklich noch so unterrichtet, könnte das Fach abgeschafft werden», sagt auch Pia Aeppli, Verantwortliche für Kunst und Design auf der Sekundarstufe I. Ein zeitgemässer kompetenzorientierter Gestaltungsunterricht gehe längst über die Nachahmung und das Erlernen technischer Fähigkeiten hinaus. So erhält der Gestaltungsprozess gleiches Gewicht wie das Endprodukt, wobei nicht nur dem künstlerischen Ausdruck Rechnung getragen wird, sondern auch den komplexen sozialen, ökonomischen und ökologischen Zusammenhängen hinter Designprodukten und -prozessen. Im Lehrplan 21 zeigt sich der Paradigmenwechsel weg vom Fokus auf handwerkliche Fertigkeiten hin zum Gestalten auch in neuen Bezeichnungen für die gestalterischen Fächer: Zeichnen wird zu Bildnerischem Gestalten, die beiden Bereiche des heutigen Handarbeitsunterrichts werden künftig als Textiles und Technisches Gestalten bezeichnet. Vom Handwerk zur Gestaltung Eine kompetenzorientierte Aufgabenstellung im Bereich Kunst und Design geht stets von einem übergeordneten Thema aus und beginnt mit einem Rechercheprozess. Stellte die Handarbeitslehrerin früher eine Tasche auf den Tisch, die alle nachmachen mussten, so stellt die Lehrperson den Schülerinnen und Schülern heute erst einmal die Frage, was sie mit einer Tasche überhaupt transportieren möchten, womit nicht nur die Gegenstände gemeint sind, die in einer Tasche oder einem Rucksack Platz finden sollen, sondern auch das Selbstbild, das man mit der eigenen Tasche befördert. So recherchieren die Schülerinnen und Schüler in diesem Fall beispielsweise, welche Taschenkategorien und -modelle es gibt, von wem diese getragen werden und ob sich dabei vielleicht Gen-

Unterricht stets nach modernen Kriterien aus. Die Lebenswelt der Jugendlichen steht immer im Zentrum. Entsprechend orientiere ich mich in den Projekten an aktuellen Modetrends. Aktuell nähe ich ein Sweatshirt. Die Beherrschung der korrekten Technik ist mir dabei wichtig, sie bildet einen von mehreren Beurteilungspunkten, steht jedoch nicht alleine im Vordergrund. Genauso zentral ist, dass die Jugendlichen im Unterricht die Hintergründe der Herstellung eines Kleidungstücks kennen

lernen. Den gestalterischen Prozess halte ich so offen, wie ich es für sinnvoll erachte. In einem ersten Schritt bringen die Schülerinnen und Schüler je nach Thema beispielsweise Bilder von Kleidungsstücken mit, die ihnen gefallen, oder ich gebe ihnen die Gelegenheit, verschiedene Materialien auszuprobieren. Bei der Umsetzung des konkreten Gestaltungsauftrags gebe ich einiges vor – beispielsweise das textile Verfahren. Die Schülerinnen und Schüler erhalten jedoch möglichst viel Spiel-

raum und können zum Beispiel die Materialien selber wählen. Wichtig ist mir dabei, dass die Jugendlichen ihre Wahl begründen können. Der Kompetenzbereich «Wahrnehmung und Kommunikation» hat im didaktischen Konzept unserer Schule eine wichtige Bedeutung. Ich bin davon überzeugt, dass diese Form des Unterrichts auch eine wichtige persönlichkeitsbildende Wirkung hat und die Jugendlichen im Lernprozess unterstützt, sich differenziert und kritisch mit aktuellen Thematiken auseinandersetzen zu können.

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Lernen von Alltagsgegenständen Zweifelsohne ist ein kompetenzorientierter Gestaltungsunterricht für die Lehrperson und die Klasse interessanter, er ist aber auch anspruchsvoller. Aeppli erzählt aus eigener Unterrichtserfahrung von Schülerinnen und Schülern, die erst nicht verstehen wollten, weshalb sie nun Heft und Etui in den Handarbeitsunterricht mitbringen und im Unterricht Notizen machen sollten. Schliesslich müsse man in diesen Lektionen doch eigentlich nicht denken?, so die Meinung der Klasse, die am

herausfordernden Unterricht jedoch bald Gefallen fand. Eine ähnliche Reaktion erlebte Aeppli bei einer fachdidaktischen Einführung in den Lehrplan 21 im Bereich

Die Beherrschung eines bestimmten Instrumentariums ist keine zentrale Bedingung für einen künstlerischen Ausdruck. Gestalten, bei der eine Lehrperson fragte, ob es den Zeichenunterricht zum «Abschalten» denn nicht mehr gäbe. «Zeichnen oder Handarbeit waren auch früher nicht zur Erholung von anderen Fächern da», korrigiert Aeppli. Häufig glaubten Lehrpersonen auch, dass sie für die thematische Einbettung der Gestaltungsaufträge aufwändige Vorträge vorbereiten müssen. Dabei können Lehrpersonen über sehr einfache und naheliegende Wahrnehmungsaufträge einen Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler herstellen. Wenn etwa die Produktionsweise der Modeindustrie thematisiert werden soll, kann schon das Untersuchen der Etiketten an der eigenen Kleidung das Bewusstsein der Kinder schärfen und das Denken in Zusammenhängen fördern. Der Übergang zu einem kompetenzorientierten Unterricht ist in der Handarbeit auf allen Stufen noch nicht abgeschlossen. Selbst in den Kindergärten unterscheidet sich das Niveau der Gestaltungsaufträge stark.

«Kunst und Design» sammeln. Gemeinsam mit meiner Praktikumspartnerin habe ich dort mit den Schülerinnen und Schülern ein Seifenkistenprojekt umgesetzt. Wichtiger als das ErStudentin Kindergarten- gebnis war uns, dass wir einen kreativen Prozess stufe bei den Kindern auslösen konnten. Von uns Ich studiere an der vorgegeben war, dass PH Zürich im vierten die Kiste fahrtüchtig Semester auf der Kinsein muss. Alles andere dergartenstufe. Im wie beispielsweise die vergangenen Mai konnte Farben oder das Thema ich im Rahmen meines mussten die Kinder siebenwöchigen Quaruntereinander in der talspraktikums in eiGruppe absprechen. Desnem Kindergarten in halb hatten wir LehreWülflingen wichtige rinnen nur das Nötigste Erfahrungen im Bereich vorbereitet: den Unter-

Ladina Carigiet

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bau sowie die Achse der Kiste. Die Kinder bauten aus Holz und Styropor selbständig den Überbau. Sie arbeiteten dabei in drei Gruppen. Das war bereits die erste grosse Herausforderung. Die Kinder mussten lernen, Kompromisse zu machen. Es hat sich gezeigt, dass die Kinder aufgrund der Freiheiten, die wir ihnen gegeben haben, viel motivierter zur Sache gegangen sind. Ein wichtiger Punkt war die Zusammensetzung der Gruppe. Wir hatten darauf geachtet, dass in jeder Gruppe Buben und Mädchen sind, wel-

che die Werkzeuge bereits gut beherrschen. So konnten sich die Kinder gegenseitig unterstützen. Sie profitierten dadurch auch auf der sozialen Ebene. Interessant zu beobachten war, wie die Kinder eigene Problemlösungsstrategien entwickelten: Einmal musste ein Junge eine Agraffe entfernen. Er versuchte es mit der Zange. Als dies nicht funktionierte, probierte er es mit dem Schraubenzieher, und mit der entstandenen Hebelwirkung klappte es. Das Projekt war ein toller Erfolg.

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Schwer pu nkt Kü nste

derunterschiede zeigen. Statt das Material vorzugeben, lässt die Lehrperson die Klasse etwa an eigenen Taschen und Rucksäcken erforschen, warum bestimmte Materialien gewählt wurden, anschliessend könnten in einem Experiment verschiedene Materialproben mit Feile, Wasser und Stoppuhr auf ihre Robustheit oder W   asserdurchlässigkeit getestet werden. Wenn Schülerinnen und Schüler höchst individuelle Produkte herstellen und Gestaltungsentscheidungen übernehmen, die früher die Lehrperson traf, lernen sie nicht nur Materialen und Verfahren gezielt einzusetzen. Ebenso lernen sie dabei Problemlösungsstrategien zu entwickeln und in einer Welt, in der Design, Bilderwelten und die (Selbst-)Darstellung zunehmend an Bedeutung gewinnen, bewusste Entscheidungen zu treffen. «Jugendliche kennen die Kommunikationsmöglichkeiten von Bildern, Objekten und Marken und sind es sehr gewohnt, Bilder von sich zu transportieren», sagt Pia Aeppli. Die eigene Ausdrucksweise gelte es jedoch bewusst zu reflektieren, um eine selbstbewusste Haltung zu fördern. Wie man sich für eine Schnupperlehre kleiden möchte, kann somit genauso Thema im Handarbeitsunterricht sein wie die Frage, wie eine Jeans aus dem H&M nur 15 Franken kosten kann.


Schwer pu nkt Kü nste

So bettet ein Teil der Lehrpersonen diese schon heute thematisch ein und richtet sie auf die Kompetenzen der Kinder aus, während andere auf Anleitungen für Deko-Objekte aus dem Internet setzen, deren oberflächliche Wirkung dem Lernauftrag sogar widerspricht. Gemäss den Leiterinnen des Bereichs Kunst und Design gelingt die Umsetzung denn auch nicht allen Abgängerinnen und Abgängern der PH Zürich. Schwierig werde es etwa dann, wenn sie am Arbeitsort auf Lehrpersonen treffen, die den Schritt von der Fertigkeitenorientierung zur Begleitung von individuellen Gestaltungsprozessen noch nicht geschafft haben. Da die Ausbildung zur Lehrperson für Handarbeit heute insbesondere auf der Primarstufe lediglich einen kleinen Anteil der gesamten Ausbildung ausmacht, während Handarbeitslehrpersonen an den früheren Lehrerseminaren drei Jahre auf ihrem Fach ausgebildet wurden, kann das Verteidigen der erlernten didaktischen Konzepte beim Berufseinstieg schwer fallen. Dass es für die Handarbeit heute keine separate Ausbildung mehr gibt, sondern diese als Wahlpflichtfach in die Ausbildung zur Primar- und Sekundarlehrperson integriert wurde, hat auch Vorteile. Wird Handarbeit nämlich durch die Klassenlehrperson unterrichtet, werden fruchtbare Verknüpfungen zu anderen Unterrichtsfächern wie Mensch und Umwelt oder Mathematik möglich. Gemeinsame gestalterische Kompetenz Der Handarbeitsunterricht ist nur ein Beispiel für den Paradigmenwechsel. Denn dieser findet auch im Bildnerischen Gestalten und Musikunterricht statt. Die einzelnen Fächer verbindet sehr viel, wie Mathis Kramer-Länger zeigt. «Natürlich macht es einen Unterschied, ob man Musik, ein Bild oder eine Bewegung als Produkt hat. Doch die gestalterische Kompetenz ist eigentlich in allen Fächern dieselbe: wahrnehmen und Ausdrucksformen

suchen», sagt der Leiter des Bereichs Musik und Performance auf der Eingangsstufe. Im Gespräch über den Musik- und Performanceunterricht zieht er denn auch immer wieder Beispiele aus gestalterischen Fächern herbei. «Welche Fertigkeiten hat denn Joseph Beuys beherrscht?», fragt er etwa, um seine Kritik an einem stark technikorientierten Kunstunterricht zu verdeutlichen. Das Beispiel des erfolgreichen Konzeptkünstlers, der keine gängigen Gestaltungstechniken anwandte, soll zeigen, dass die Beherrschung eines bestimmten Instrumentariums nicht zentrale Bedingung für einen echten künstlerischen Ausdruck ist. «Die enge Ausrichtung der Kunstfächer auf reine Nachahmung kommt letztlich aus einem Nutzendenken heraus», sagt Kramer-Länger. Wie die Handarbeit früher Teil der Ausbildung zur perfekten Hausfrau war und das Werken dem Bild des Heimwerkers diente, hatte auch Musikunterricht weitgehend eine Disziplinierungsfunktion. So wurden in Schweizer Schulen noch bis in die 70er Jahre Lieder gesungen, die die Tugend und den Wehrwillen von heranwachsenden Männern stärken sollten. «Kunstunterricht muss aber zweckfrei sein», sagt Kramer-Länger. Die Frage, inwiefern Musikunterricht andere Fähigkeiten fördert, wird denn auch hinfällig, da Musikunterricht lediglich Selbstwirksamkeit ermöglichen und in einer Welt voller Musik urteils- und handlungsfähig machen soll. Dass für die Kunstfächer keine internationalen Bildungsstandards wie in anderen Fächern existieren, ist daher nichts als konsequent. Gegenpositionen, die sich von Standards eine politische Aufwertung der Fächer erhofften, werden heute kaum mehr vertreten. «Es ist naiv zu glauben, dass gesetzliche Standards den Stellenwert der Kunstfächer verbessern könnten», meint Kramer-Länger. Für die Kunstfächer bergen solche Standards höchstens die Gefahr, dass sie instrumentalisiert

sches Gestalten und Werken zu unterrichten. Meine Erfahrung in den Ausbildungs-Praktika war, dass sich die Schülerinnen und Schüler gut für Kunst begeistern lassen. BegaLehrerin bung oder ein spezielPrimarstufe les Interesse ist keine Voraussetzung für eine erfolgreiche künstleIch habe im Juni mein rische Betätigung. Von Studium zur Primarwichtiger Bedeutung lehrperson an der PH hingegen ist die Wahl Zürich abgeschlossen des Themas. Dieses muss und starte jetzt mit einen Bezug haben zur einer 4. Klasse in WinLebenswelt der Kinder. terthur. Die künstleri- Ein solches Thema zu sche Betätigung ist finden ist nicht immir ein grosses Anlie- mer ganz einfach und gen und ich freue mich braucht oft Zeit. In sehr darauf, Bildneri- meinem Lernvikariat

Prisca Mosimann

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habe ich beispielsweise das Thema Bewegung gewählt. Die Kinder erhielten von mir unter anderem die Aufgabe, sich selber in Bewegung zu zeichnen. Das hat sehr gut geklappt. Mir ist wichtig, dass die Kinder eine eigene Bildsprache entwickeln. Ich möchte nicht, dass am Ende alle Zeichnungen gleich aussehen, und zeige deshalb zum Beispiel nie eine Musterlösung vor. Eine gute Einstiegsmöglichkeit in ein neues Thema ist die verbale Auseinandersetzung damit, zum Beispiel indem die Kinder Werke von ver-

schiedenen Künstlerinnen und Künstlern betrachten und man diese gemeinsam bespricht. Zweifelsohne ist in einem zeitgemässen Kunstunterricht die Orientierung am künstlerischen Prozess bedeutsamer als das Produkt. Gleichwohl ist es mir ein wichtiges Anliegen, dass die entstandenen Werke eine entsprechende Würdigung erhalten. Dazu bespreche ich beispielsweise mit der Klasse jeweils Präsentationsformen, die eine möglichst starke Wirkung entfalten.

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Musik erfahren Musikunterricht dient also weder einer Disziplinierung noch dem Status. Gleichzeitig verlieren Nachahmung, Technikbeherrschung sowie das Wissen über Musik an Gewicht. «Das isolierte Wissen über Musik, Musiktheorie als Selbstzweck verliert in der Volksschule zunehmend an Bedeutung», sagt Edi Gürber, der den Bereich Musik und Performance auf der Primarstufe leitet. Das Bedürfnis, etwas über die Konstruktion von Musik zu erfahren, komme erst aus dem aktiven Musizieren heraus, so Gürber. Der Dreiklang rückt im heutigen Musikunterricht also erst in den Blick, wenn er in der Praxis angewandt wird. «Musikunterricht soll Musik erfahrbar machen», so Gürbers Erklärung. Das ausschliessliche Singen im Klassenverband bietet dazu nicht die beste Grundlage. So umfasst der Musikunterricht heute auch viel mehr als das Reproduzieren bestehender Lieder. Gürber zeichnet zur Erklärung zwei Unterrichtsszenarien, die einen kreativen Umgang mit Musik ermöglichen: Zu einem Lied, das die Lehrperson oder eine Schülerin mitbringt, versucht die Klasse gemeinsam eine Rhythmusbegleitung zu finden. Irgendwann braucht es das Lied möglicherweise gar nicht mehr und zum Rhythmus kommen Bewegungen dazu, später vielleicht Gesang. Ein zweites Szenario: Die Klasse sucht sich ein Thema aus und versucht dieses szenisch und musikalisch umzusetzen. Mit einem Smartphone werden dann kurze Filmsequenzen dieser Szenen aufgenommen, die wiederum für ein Bühnenbild verwendet werden. Die Beispiele zeigen, dass Gesang, Instrumentalformen, Szenisches, Rhythmik und Bewegung in einem handlungsorientierten Musikunterricht fliessend ineinander übergehen und nicht voneinander getrennt gedacht werden. Ein solches Verständnis, das im Kindergarten, wo zu Liedern geklatscht, gestampft oder getanzt wird, tief verwurzelt ist, muss sich auf der PrimarAKZENTE 3/2016

Ausgewählte Weiterbildungen der PH Zürich «Himmelhoch und Türkisblau» Einführung ins Gestaltungs-Lehrmittel für Kinder von 4 bis 9 Jahren; Kindergarten und Unterstufe; tiny.phzh.ch/ himmelhoch

«Mal- und Zeichenspiele» Das Bildnerische Gestalten als Weg zur Kommunikation; Primarstufe; tiny.phzh.ch/ zeichenspiele

«Vom Raum zum Bild» Architektur und Raum im Bildnerischen Gestalten; Sekundarstufe I; tiny.phzh.ch/ architektur

«Musikalische Gestaltungsprozesse» Musik machen, erfinden, entwickeln; Kindergarten und Primarstufe; tiny.phzh.ch/musik

«Groove im Klassenzimmer» Gemeinsam musizieren, spielend üben; Mittelstufe und Sekundarstufe I; tiny.phzh.ch/ groove

«Vom Bilderbuch zum szenischen Spiel» Theaterprojekte in Kindergarten und Unterstufe; DaZ, Kindergarten, Schulische Heilpädagogik, Unterstufe; tiny.phzh.ch/ bilderbuch

und Sekundarstufe vielerorts noch etablieren. Ebenso herrschte im Musikunterricht auf diesen Stufen früher oftmals eine Beschämungskultur, in der Abweichungen von der perfekten Intonation schnell einmal den Stempel «unmusikalisch» nach sich zogen. Die Erfahrung eines von Hemmungen geprägten Musikunterrichts haben auch viele der Studierenden, die an der PH Zürich das Fach Musik wählen, in ihrer Schulzeit gemacht. «Diese Beschämung muss man ernst nehmen, weil man mit der Singstimme auch sein Innerstes preisgibt», sagt Mathis Kramer-Länger. Es gelte zwingend, von einer Beschämungskultur wegzukommen. Der Haltung der Studierenden kommt in der Ausbildung an der PH Zürich eine grosse Bedeutung zu. Denn ob Musik, Theater und Tanz in der Schule erfahrbar werden, hängt massgebend vom Umgang und den Erfahrungen der einzelnen Lehrperson damit ab. An dieser Haltung arbeiten könne man über das eigene Tun, indem man selbst Musik und Performances mache und reflektiere, was eine Musik-, Theater- oder Tanzerfahrung in einem ausgelöst habe. «Wie bringe ich die Schülerinnen und Schüler dazu, Dinge zu wagen?», beschreibt Kramer-Länger die Herausforderung der Lehrpersonen in den Kunstfächern, die gleichzeitig auch diejenige der Dozierenden an der PH Zürich ist. Während technische Fertigkeiten im Musikunterricht an den Schulen an Bedeutung verloren haben, bleiben sie in der Ausbildung zur Lehrperson wichtig. Im Instrumentalunterricht zur schulpraktischen Liedbegleitung bereiten sich die Studierenden darauf vor, ihre Klasse beim Singen und Musizieren auf einem Harmonieinstrument zu begleiten. Die Voraussetzungen der Studierenden sind sehr unterschiedlich. Wer als Anfänger komme, müsse viel investieren, sagt Gürber. Gerade auf der Sekundarstufe sei es wichtig, dass die Lehrperson ein bestimmtes Niveau habe, um den Jugendlichen eine groovige Begleitung zu bieten. «Eigentlich müssten alle Musiklehrpersonen auch DJs sein», fügt er hinzu und relativiert sogleich: «Oder sie setzen auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler.» Dies gilt nicht nur für den Musikunterricht, sondern für alle Kunstfächer. Denn wo Kunst möglich werden soll, muss auch die Lehrperson Wagnisse eingehen.

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werden, wenn sie auf ihre wirtschaftsfördernden Effekte hin vergleichbar gemacht werden. Kunstfächer mögen durch die Berufswelt, die immer mehr nach kreativen Ideen verlangt, zwar wichtiger erscheinen, ihre Legitimation ist jedoch nicht durch den Bedarf an kreativen Köpfen gegeben.


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«Kunst sollte nicht ein Randdasein führen, sondern Teil des Lebens sein» Für Simon Maurer, Leiter des Stadtzürcher Museums Helmhaus, bietet die Kunst den Schlüssel zum guten Leben. Kinder und Jugendliche sollten Kunst daher nicht als blosse Ergänzung zum (Schul-)Alltag erleben.

Akzente: Simon Maurer, wieso sollen sich Kinder und Jugendliche eigentlich mit Kunst auseinandersetzen? Maurer:  Weil die Kunst das offenste gesellschaftliche Feld ist, das am meisten Freiheit gewährt. In der Kunst ist fast alles möglich, man kann Grenzen erfahren und ausloten. Hier im Helmhaus haben wir schon ziemlich extreme Dinge ausprobiert. Einmal wurde ein Raum völlig unter Wasser gesetzt, in der gleichen Ausstellung haben Künstler das Botschafts-Zimmer in London, in dem Julian Assange seit vier Jahren festsitzt, nachgebildet. Durch ihre Freiheit führt uns die Kunst vor, was Freiheit ist und was wichtig ist im Leben. Und das wäre? Wichtig im Leben sind zum Beispiel ein sozialer Umgang und die Einstellung zur Arbeit. In hochentwickelten Gesellschaften versklaven sich Menschen heute freiwillig – opfern ihre Freiheit für die berufliche Karriere. Die Auseinandersetzungen mit solchen Fragen stossen Künstler an. Natürlich sind auch die Inhalte der Kunst wichtig, Umweltprobleme und dass man sich mit den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen befasst. Für ein gutes Leben sind zudem ästhetische Aspekte zentral, dass man einen Sinn für Schönheit und eine sensorische Feinheit entwickelt. Dieses Sensorium sollte auch in der Schule gefördert werden. Wenn sich Kinder auf Kunst einlassen, können sie in andere Welten eintauchen, im Kopf reisen, erfahren, wie das Leben an anderen Orten ist, das ist eine sehr effiziente Art zu reisen. Mit solchen Dingen kann man sich nicht früh genug auseinandersetzen. Welche Erinnerungen haben Sie an den eigenen Kunstunterricht? AKZENTE 3/2016

Über Simon Maurer Als Sohn eines Professors für Kunstgeschichte war Kunst für Simon Maurer immer schon Teil des Lebens. Der 1964 in Bern Geborene wollte als Jugendlicher auf keinen Fall Kunst studieren oder Künstler werden. Es kam anders. Nach der Matura kam Maurer über ein Praktikum ans Kunsthaus Zürich, wo er acht Jahre lang an Ausstellungen mitarbeitete. Parallel studierte er Kunstgeschichte und Germanistik und war selbst als Künstler aktiv. Ab 1991 war er zehn Jahre lang als Kunstkritiker tätig, und ab 1993 parallel als Ausstellungsmacher im Zürcher Helmhaus, wo er 1995 mit einer für jene Zeit zu körperlichen und deshalb abgesagten Ausstellung für einen Skandal sorgte. 2001 übernahm er die Leitung des Hauses. Maurer lebt in Seebach mit seiner Frau und Foxy, einem rumänischen Strassenhund. Dieser begleitet ihn manchmal ins Büro, wo an der Wand ein Wimpel des FCZ von einer anderen Leidenschaft von Maurer zeugt.

Kunst fand zu meiner Zeit fast gar nicht statt in der Schule, und das ist eigentlich skandalös. Die Schulfächer haben sich in der letzten Zeit positiv entwickelt, aber Kunst und Kreativität haben immer noch zu wenig Raum und werden zu wenig frei vermittelt. Die Jahresberichte meines ehemaligen Gymnasiums sind immer voller Texte über Orchester, Studienwochen, spezielle Projekte, die, wenn man ehrlich ist, vielleicht zwei Prozent des normalen, normierten Unterrichts ausmachen. Die Schule stellt sich als interessantere Schule dar, als sie es tatsächlich ist. Wie sollten Kunst und Kreativität vermittelt werden? Der Kunstunterricht müsste weniger normiert und vorbestimmt sein. Wenn man den Unterricht in bestimmten Rastern hält, ist das jedoch viel besser kontrollierbar. Lehrerinnen und Lehrer sollten mehr ausprobieren. Wichtig ist zum Beispiel, das Schulhaus auch einmal zu verlassen und eine Kunstausstellung zu besuchen. Doch der Museumsbesuch ist für Lehrpersonen mit grossem Aufwand verbunden: Sie müssen sich die Ausstellung vorher bereits einmal anschauen und sich überlegen, wie sie die Inhalte vermitteln wollen. Dabei sollten sie auch mehr Unterstützung von den Museen erhalten. Wir haben im Helmhaus leider nicht so viele Schulklassen, weil uns für die Kunstvermittlung für Kinder und Jugendliche nur sehr wenige Stellenprozente zur Verfügung stehen. Ich würde es sehr befürworten, dass man junge Menschen verstärkt ins Museum zu holen versucht. In Holland beispielsweise erhalten Museen, die keine Angebote für Schulen machen, gar keine finanzielle Unterstützung vom Staat.

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Text: Melanie Keim, Fotos: Nelly Rodriguez


diese Paare begleitet und Begegnungen für einen Film moderiert. Jener Schüler, der für einen dieser Filme Zahnarzt und Künstler befragte, wirkte total begeistert. Das sind prägende Momente.

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Ist es heute schwieriger, Jugendliche für Kunst zu begeistern? Durch die Digitalisierung und den exzessiven Handykonsum, die sehr zur Zerstreuung beitragen, wird es generell schwieriger, sich auf nur eine Sache einzulassen. Auf der anderen Seite hat Kunst etwas sehr Spielerisches und ist damit beispielsweise auch sehr nahe am Gamen, viel näher als andere Fächer. Von dem her hätte Kunst es auch nicht so schwer, Jugendliche zu packen. Was ich sehe, wenn Kinder und Jugendliche hier sind, macht mich immer glücklich. Sie setzen sich wirklich auf eine gute Art und Weise mit den Kunstwerken auseinander.

«In der Kunst ist fast alles möglich, man kann Grenzen erfahren und ausloten.» Simon Maurer, Leiter des Museums Helmhaus.

Während Kleinkinder Kunst mit grosser Neugierde begegnen, scheinen Jugendliche manchmal nur schwer für den Museumsbesuch zu begeistern zu sein. Wie schafft man es, bei älteren Schülerinnen und Schülern die Lust auf Kunst zu wecken? Es gibt einen grossen Unterschied zwischen historischer Kunst und Gegenwartskunst. RenaissanceMalereien können abschreckend sein, weil man schon sehr viel wissen muss, um einen Zugang zu dieser Kunst zu erhalten. Bei der Gegenwartskunst ist die Hürde viel kleiner. Sie ist in den letzten 20, 30 Jahren wichtiger geworden, sodass Kinder und Jugendliche heute auch eher mit ihr in Kontakt kommen. Bei einem Museumsbesuch könnte man viel Interessantes über die Hintergründe einer Ausstellung vermitteln, wie diese überhaupt entsteht, welche Probleme und Auseinandersetzungen dabei auftreten. Auch Atelierbesuche und Begegnungen mit Künstlern wären für Kinder und Jugendliche interessant. Für die KunstBiennale Manifesta, die diesen Sommer in Zürich gastiert, arbeiten Künstler mit lokalen Berufstätigen zusammen. Zürcher Schülerinnen und Schüler haben 18

«Durch die Digitalisierung und den exzessiven Handykonsum wird es schwieriger, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren.» Kann man den Kindern den Zugang zu Kunst und Kreativität auch verbauen? Das Risiko ist sehr klein. Man muss dem Kunsterlebnis auch Raum lassen, damit Fehler gemacht werden können. Wenn man nur einmal ins Museum geht, dann lastet ein relativ grosser Druck auf diesem Museumsbesuch. Durch regelmässige Besuche ergäbe sich eine gewisse Kontinuität, auf der man etwas aufbauen kann. Im angelsächsischen Raum und wie bereits erwähnt in Holland wird das ernster genommen, auch in Italien oder Spanien gibt es eine Tradition, mit Schulklassen ins Museum zu gehen. Manchmal werden Kinder auch auf nicht gerade ideale Art und Weise ins Museum geschleppt, wenn dieser Besuch Pflicht ist, aber immerhin kommen sie mit Kunst in Berührung. Da haben wir grossen Nachholbedarf. Kunst sollte nicht ein Randdasein führen, sondern viel mehr Teil des Lebens sein. Im Idealfall würde man dann merken, dass die Kunst und unser Leben sehr viel miteinander zu tun haben. AKZENTE 3/2016


«Nehmt eure Rollen ein und sprecht deutlicher!»

Text: Claudia Merki, Fotos: Alessandro Della Bella

Das erste, was auf dem regennassen Campusplatz der PH Zürich auffällt, ist ein farbiges Etwas, das sich bei näherer Betrachtung als riesiger Stoffhaufen entpuppt. Als durchnässter Riesenpompon, erschaffen von Studentinnen, wie sich später zeigen wird. Doch der Reihe nach: Im Rahmen ihrer Ausbildung wählen Studierende der Kindergartenstufe, des Studiengangs «Kindergartenund Unterstufe» sowie der Primarstufe jeweils ein Fach im Bereich der Künste aus, in welchem sie sich vertieftes Wissen aneignen möchten und von dem sie sich einen Nutzen für ihren beruflichen Alltag erhoffen. Immer freitags verwandeln sich dann verschiedene Räume im Campus in experimentelle Kreativlabors. So auch an diesem Freitag beim Besuch von Akzente. Im Theatersaal in einem der Untergeschosse ist es morgens um neun Uhr dunkel und ruhig. Die Proben im Modul «Von der Improvisation zur Theaterproduktion» der Kindergartenund Primarstufe sowie des Studiengangs «Kindergartenund Unterstufe» sind in vollem Gang. 15 schwarz gekleidete Studierende – sieben Männer, acht Frauen –

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Im sechsten Semester ihrer Ausbildung absolvieren Studierende der PH Zürich in einem der Fächer im Bereich der Künste ein sogenanntes Vertiefungsmodul. «Akzente» besuchte an einem Tag drei dieser Lehrveranstaltungen und traf dabei in den experimentellen Labors auf vielfältige Kunstprojekte.

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Theater-Probe an der PH Zürich: volle Konzentration auf sich selber und auf die Gruppe.


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liegen auf Matten. «Ihr spürt eure Fersen, eure Zehen, eure Unterschenkel», suggeriert Dozentin und Theaterpädagogin Yaël Herz. Dann schreiten alle im Takt zum Hip-House-Song «Alors on danse» kreuz und quer über die Bühne. Beim Spiel «Monster verfolgt Prinzessin» kommt die Gruppendynamik erstmals so richtig auf. Die künftigen Lehrpersonen jagen sich gegenseitig: Sie grölen, fauchen oder rennen kreischend über die Bühne. Später, in der Kaffeepause, wird Yaël Herz erklären: «Beim Theaterspielen ist es wichtig, die Hemmungen zu verlieren. Dies ist für die Studentinnen und Studenten nicht immer ganz einfach.» Aufgewärmt geht es jetzt an die Szenenarbeit. Die Studierenden versuchen den Bandwurmsatz «Arbeit-ist-eine-zielgerichtete-soziale-planmässige-und-bewusste-körperliche-und-geistige-Tätigkeit» so synchron und abgehackt wie möglich zu sprechen. «Jetzt noch härter, kälter, wie eine Maschine!» fordert die Theaterpädagogin. In gleicher Manier probt das Ensemble später die Szene «Essensausgabe in einer Kantine», wobei man an Charly Chaplin in Modern Times denken muss. Alle geben ihr Bestes, aber Yaël Herz ist noch nicht ganz zufrieden: «Lasst eure persönlichen Gesten weg, nehmt eure Rollen ein, sprecht deutlicher!» feuert sie die Gruppe an. Das Theaterstück, welches Yaël Herz gemeinsam mit ihrer Kollegin Susanne Vonarburg mit den Studierenden entwickelt, wird am Ende des Semesters aufgeführt. Die Produktion nimmt Bezug auf das literarische Jugendbuch Krabat von Otfried Preussler. «Es geht ums Unterwegssein, um Liebe als Befreiung, um das Gefangensein im Arbeitssystem», umschreibt Herz das Thema. Eine Herausforderung bestehe für die Studierenden darin, die Konzentration auf sich selbst und die Gruppe hochzuhalten. Die Mühe und Anstrengung lohnen sich: «Der ganze Prozess und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Spiel sowie der Improvisationsfähigkeit werden den künftigen Lehrpersonen in ihrem Beruf nützen», ist die Dozentin überzeugt. Die Studierenden würden sich ihres Körpers sowie dessen Einsatz und Wirkung bewusst. Dies, zusammen mit dem sich während des Moduls stark entwickelnden Gruppengefühl, bezeichnet Yaël Herz als Hauptgewinn für die angehenden Lehrpersonen. Mit mehr Musse arbeiten Mittlerweile ist es später Vormittag. Während die Theatergruppe weiter probt, werken auf einem anderen Stockwerk elf Studentinnen und zwei Studenten des Vertiefungsmoduls «Werken/Werken Textil: Handwerk? Mode/ Design? Kunst?». Unter hellem Licht arbeiten die Studierenden der Primarstufe konzentriert an ihren persönlichen Produkten. «Dieses Modul ermöglicht es den Studierenden, sich fachlich zu vertiefen», erklärt Dozentin Claudia Mörgeli. Denn hier könne man individuell und 20

mit mehr Musse arbeiten als im Rahmen der üblichen Lehrveranstaltungen. Die Studierenden haben die freie Wahl, mit welchen Materialien sie arbeiten möchten. Die Beschreibung des Moduls lautet «Spielerisches Experimentieren mit Werkstoffen und Verfahren aus Design und Technik». So sind Holzdosen entstanden, Tongefässe, Bags aus verschiedenen Stoffen, ein Oberteil aus Jersey oder ein Quilt. Das eigenwilligste Objekt ist die Cervelat-Schneidmaschine eines experimentierfreudigen Studenten, der diese künftig an Partys einsetzen will. Der weitere Hauptfokus liegt auf einer Teamarbeit: der Kreation einer grossen Installation für den öffentlichen Raum der PH Zürich. Dazu machten sich die Studentinnen und Studenten zur Inspiration in einem ersten Schritt auf die Suche nach «Grossen Zürcher Schaustücken» von Künstlerinnen und Künstlern mit Rang und Namen wie Max Bill, Niki de Saint Phalle oder Henry Moore. Dabei mussten sie sich der «Big Art» auch intellektuell annähern und Antworten auf Fragen finden wie: «Wieso macht ein Künstler überdimensionierte Kunst? Was heisst es, eine künstlerische Arbeit für den öffentlichen Raum zu kreieren?» Claudia Mörgeli: «Es war mir wichtig, dass die Studierenden durch die Auseinandersetzung mit Kunst inspiriert und herausgefordert werden. Sie sollten zudem realisieren, dass jedes Kunstwerk durch sein Material und die Dimension, durch seine Platzierung und Gestaltung eine Aussage beinhaltet.» Schliesslich mussten sich die einzelnen Studierendengruppen auf ein Thema einigen und mit verschiedenen Materialien und Verfahren experimentieren. Zur Aufgabenstellung gehörte weiter, eine Installation zum ausgesuchten Thema anzufertigen und dabei das gewählte Verfahren anzuwenden mit dem Ziel, dieses handwerklich gut zu beherrschen. Welche Idee kann die ganze Gruppe begeistern? Die «Bank-Gruppe» schickt sich gerade an, ihre zehn Meter lange Holzbank in den Regen hinaus auf den Campushof zu transportieren. Das Möbel besteht aus vier Elementen à 2.50 Meter Länge. Das Materialbudget war knapp, die Studierenden setzten entsprechend günstiges Holz ein. Da die Zeit zum feinen Abschleifen nicht reichte, flochten sie für die Sitzfläche eine Abdeckung aus Kunststoffbändern. Auch die «Pompon-Gruppe» hatte einige Herausforderungen zu meistern. Die erste Hürde lag darin, eine Idee zu finden, die alle begeistert. Ein erster Vorschlag wurde verworfen. Bei der Idee, einen überdimensionierten Pompon anzufertigen, hatte man hinsichtlich Produktion Bedenken. Nach der Anfertigung eines Prototyps aus Veloschläuchen waren die Zweifel jedoch verflogen und die Studierenden nahmen die Sache an die Hand, suchten nach Material. Sie fanden dieses in Form von Webkantenresten in einer Glarner  Weberei. Die in drei grossen Kehrrichtsäcken abgepackten AKZENTE 3/2016


Mehr Zeit, mehr Musse: Die Studierenden haben für ihre Projekte freie Wahl bei Produkt und Material.

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Wie erging es den anderen? Nach der Rückkehr an die PH Zürich tauschen die Studierenden ihre Erfahrungen aus.

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Fokus auf der Teamarbeit: Bei der Herstellung und Installation der 10 Meter langen Bank mussten die Studierenden einige Hürden bewältigen.

Bänder von bis zu 60 Metern Länge galt es nun aufzuwickeln. Eine zeitraubende Arbeit. Auch die Herstellung zweier Kartonringe mit einem Durchmesser von 1.80 Meter war eine Herausforderung, ebenso der Versuch, das gewaltige Loch in der Mitte mit den Stoffbändern und Recyclingstoffen restlos auszufüllen. Studentin Serena Spina empfand die Projektarbeit als sehr bereichernd. Sie lobt auch den Einsatz von Claudia Mörgeli, von deren Wissen und Können sie profitiert hätten. Die ausgebildete Schneiderin, Handarbeitslehrerin und Absolventin des Master of Arts in Art Education geht während des Besuchs von Akzente von Studentin zu Studentin und berät sie mit ihrem grossen Know-how. Die Zeit reichte jedoch nicht, das Pomponloch komplett zu füllen. Das Ergebnis fiel zwar kleiner aus als geplant, war aber dennoch zu schwer, als dass es aus eigener Muskelkraft auf den Campusplatz hätte befördert werden können. So musste der Hausdienst Hand anlegen. Welchen Nutzen bringt das Modul den Studierenden? «Der durchlebte Designprozess mit dem Entwickeln einer Idee bis zum fertigen Produkt, die gesammelten Erfahrungen mit Materialien sowie die Auseinandersetzung mit künstlerischen Verfahren werden die Studierenden in der Praxis unterstützen», erklärt Claudia Mörgeli. 22

Nach der Mittagspause startet in einem der Musikzimmer das Modul «Szenische Musikprojekte an der Volksschule», das von Studierenden der Primar- und Kindergartenstufe unter der Leitung des Musikpädagogen Marcel Fässler und der Theaterpädagogin Annina Giordano besucht wird. Ziel des Vertiefungsmodules ist es, mit einer Schulklasse ein Musikprojekt zu erarbeiten und aufführen zu können. Zu diesem Zweck arbeiten die Studierenden immer am Morgen in den Schulen «In der Ey» und «Hirzenbach». Dort üben sie jeweils zu zweit mit den Kindergärtlern oder Schülerinnen und Schülern. Das Thema der Ausgabe 2016 lautet «Nacht, Gespenster, Grusel». Die insgesamt 16 Studentinnen und Studenten sind eben von den Schulen an die PH Zürich zurückgekehrt und tauschen nun ihre Erfahrungen aus. Dozentin Annina Giordano hört ihnen aufmerksam zu, berät, macht Empfehlungen. Das Rüstzeug für die Aufgabe holten sich die angehenden Lehrerinnen und Lehrer zu Beginn des Semesters: Sie schauten verschiedene Theaterformen und -methoden an, besprachen Einsatzmöglichkeiten der einzelnen Musikinstrumente, probierten verschiedene Spiele aus, um die Kinder an die Musik und das Theater heranzuführen. «Die grosse Herausforderung bestand darin, innerhalb von nur drei Vorbereitungstagen die Teilnehmenden zu befähigen, musikalisch-theatralische Impulse setzen und die Schülerinnen und Schüler führen zu können», erklärt die Theaterpädagogin. «Am Anfang brauchten wir ewig, um die Lektionen in der Schule zu planen», erinnert sich Studentin Mirjam Bamert. Sie hätten sich stets gefragt, wie man es am besten hinkriegt, die Kinder einen ganzen Morgen lang «bei der Stange» zu halten. Zum Glück konnten die Studierenden auch auf die Unterstützung der jeweiligen Klassenlehrperson zählen. Annina Giordano lobt die Studentinnen und Studenten: «Sie liessen sich sehr schnell auf ihre Aufgabe ein, schlüpften in die Rolle der Spielleitenden und übernahmen Verantwortung für ihr Projekt.» Diplomprüfungen gehen vergessen Inzwischen ist es später Nachmittag geworden. Zurück zur Theatergruppe, die gerade in der Pause ist: Auf die Frage, weshalb sie dieses Modul gewählt hat, antwortet Studentin Alma Mia Rüegg: «Ich habe hobbymässig immer schon Theater gespielt und dachte, dass mir die Arbeit für meine Auftrittskompetenz als Lehrerin nützen kann.» Student Marco Vetterli antwortet auf die gleiche Frage: «Yaël Herz ist als Dozentin, Mensch und Motivatorin top.» In der Gruppe werde viel gelacht, es sei lebendig, die anstehenden Diplomprüfungen gingen für einen Moment vergessen. «Von Montag bis Donnerstag leben wir das gewohnte Studierendenleben. Am Freitag kommt dann der Ausbruch.» AKZENTE 3/2016


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Studierendenporträt

Wie   bringt   man   einem Kind im Primarschulalter den Aufschlag im Badminton bei? Jennifer Kobelt lacht, als sie beim Treffen mit ihr in der Mensa der PH Zürich die Frage hört. «Das ist tatsächlich nicht ganz einfach. Es braucht auf jeden Fall einiges an Geduld.» Dass sich die Studentin auf der Primarstufe überhaupt zu der Frage äussern soll, liegt an ihrem sportlichen Hintergrund: Die 23-Jährige spielt seit bald 15 Jahren mit grossem Erfolg Badminton, aktuell steht sie als Captain des Nationalliga-B-Vereins Vitudurum im Einsatz. Zusätzlich hat sie es bis in die Nationalmannschaft der Juniorinnen geschafft. Aufgrund des Studiums musste sie ihr Engagement nun etwas reduzieren. Aktuell trainiert sie «nur» noch drei bis vier Mal pro Woche. Zu Juniorenzeiten 24

stand sie in der Regel täglich auf dem Platz. Trotzdem hat sie an den vergangenen Schweizer Meisterschaften einen Podestplatz nur knapp verpasst. «Eine Medaille zu erreichen, ist mein grosses Ziel. Doch zuerst möchte ich mein Studium abschliessen.» Der Weg dorthin ist nicht mehr weit. Zwei Semester fehlen noch bis zum Diplom.

Wer einen Sport so intensiv und erfolgreich betreibt, hat die Affinität dafür schon als ganz kleines Kind entdeckt – könnte man vielleicht denken. Doch weit gefehlt. «Ich habe mich früher nicht so gerne bewegt. Aber meine Mutter wollte, dass ich Sport treibe.» Jennifer Kobelt versuchte es mit Tennis, Turnen und Ballett. Doch das war alles nichts. Dann besuchte sie

einmal ein Badminton-Schnuppertraining. «Der Sport hat mir sofort zugesagt. Mich fasziniert, wie viel er in sich vereint und erfordert: Schnelligkeit, Ausdauer, Technik, Kraft und Taktik. Ich profitiere auch im Lehrberuf davon.» Die hohe mentale Belastung, die Erarbeitung von Zielen, der Umgang mit Misserfolgen, die Zusammenarbeit im Team ‒ all das sei auch in der Schule von Bedeutung. Jennifer Kobelt freut sich darauf, in einem Jahr ihre erste eigene Klasse zu übernehmen. Selbstredend wird sie auch Badminton spielen im Unterricht. «Der Sport ist vor allem für kleinere Kinder anspruchsvoll – nicht nur beim Aufschlag. Ich habe es bereits einmal in einem Praktikum probiert. Und ich werde mich der Herausforderung wieder stellen.» – Christoph Hotz

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Foto: Nelly Rodriguez

Studierendenseite

Jennifer Kobelt, 23, studiert an der PH Zürich auf der Primarstufe.


Die Masterarbeit

Ausstudiert – die Studierendenkolumne

Die   KompetenzorientieAm   Ende   der   drei   Wochen rung   ist   im   Zusammenhang fanden zwei Prüfungen statt. Die

Sandra   Anita   Zenger befasste   sich deshalb mit der Frage: «Führt ein kompetenzorientierter Unterricht bei der Schülerschaft zu einer sichtbaren Kompetenzsteigerung ohne dabei die kognitiven Fähigkeiten messbar negativ zu beeinflussen?» Zur Untersuchung führte sie ein Experiment mit 58 Jugendlichen der zweiten Sekundarstufe A durch. Während dreier Wochen wurde eine der insgesamt drei Schulklassen herkömmlich (Kontrollgruppe) und die zwei anderen Klassen (Versuchsgruppen) kompetenzorientiert in Chemie unterrichtet. Die Schülerinnen und Schüler der Kontrollgruppe musste also beispielsweise den Begriff «Eigenschaften» definieren, während jene der Versuchsgruppen angehalten wurden, nach Stoffeigenschaften zu fragen. Die kognitiven Inhalte wurden in allen Klassen gleich gestaltet. AKZENTE 3/2016

eine befasste sich mit den fachlichen Inhalten, die andere testete die Kompetenzfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Dabei zeigte sich: In der kognitiven Leistungsprüfung unterschieden sich die Forschungsgruppen nicht signifikant voneinander. Auch die Werte des Kompetenztests wiesen keinen signifikanten Unterschied auf. Jedoch zeigte sich eine leichte Tendenz hin zur Kompetenzsteigerung der Versuchsgruppe. «Aus dieser Tendenz lässt sich ein minimaler Effekt des kompetenzorientierten Unterrichts ableiten», folgert Sandra Anita Zenger. Unter Bezugnahme auf die Ausführungen der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) im Lehrplan 21, wonach zum Aufbau von Kompetenzen eine langfristige und kontinuierliche Bearbeitung nötig ist, konstatiert sie zudem: «Bei einer längeren und vertieften Bearbeitung in den Lektionen würden sich die Werte unter Umständen […] signifikant unterscheiden.»

Pitt   Hild,   Dozent   an   der PH   Zürich und Betreuer der Masterarbeit, ist überzeugt, dass es Sandra Anita Zenger gelungen ist, mit ihrer Arbeit «aus dem Panoptikum rund um den Kompetenzbegriff auszubrechen. Zudem hat die Studentin es verstanden, kompetenzorientierten Unterricht nicht mit gutem Unterricht gleichzusetzen», sagt er und hält fest: «Kompetenzorientierter Unterricht muss nicht gut und guter Unterricht nicht kompetenzorientiert sein.» – Olivia Rigoni Olivia Rigoni ist Redaktorin in der Abteilung Kommunikation der PH Zürich

Alltagsprobleme Kennen Sie das? Ich liege gemütlich dösend im Bett und plötzlich,  ein nur allzu bekannter Ton reisst mich aus dem nebulösen Halbschlafzustand, bereits irgendwo auf halber Strecke zwischen Traumwelt und Nirvana. Das Telefon!  Nicht schon wieder, murmle ich und stehe abrupt auf,  wobei ich gleichzeitig an meinen Orthopäden denke, welcher laut aufschreiend «Passed Sie uf ihri Bandschiibe uf» rufen würde. Weil ich eine Gwundernase und obendrauf noch viel zu jung für einen Orthopäden bin,  raffe ich mich auf und suche nach dem Störenfried. Da Handy und Bett mehrere Meter voneinander entfernt sind,  muss ich mich strapaziös aus meiner Höhle schälen und mache mich auf die Suche nach dem dröhnenden Ding. Blindlings stosse ich mir den Zeh am Bettpfosten an, und mein schmerzverzerrtes Gesicht zeigt den «wasich-doch-für-ein-beschwerlichesLeben-habe»-Ausdruck. Das mir Widerfahrene kann tatsächlich unter einem Begriff zusammengefasst werden: «first world problems».  Googeln Sie doch einmal den Begriff, Sie werden staunen.  Die abstrusesten Banalitäten,  welche uns Bürgern der Industrieländer das Leben angeblich schwermachen,  sind auf unzähligen Webseiten auszumachen. Scrollt man durch die Beiträge, welche sich an Kreativität zu überbieten versuchen, scheint es,  als diene das inflationäre Auftauchen dieses Zeitgeist-Phänomens als willkommene Ablenkung von schwerwiegenderen Problemen. Also doch lieber weiterschlafen? Nina Vogt ist Studentin auf der Sekundarstufe I und Tutorin im Schreibzentrum der PH Zürich.

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Studierendenseite

mit der Diskussion um den Lehrplan 21 in aller Munde. Wissenschaftlich erforscht wurde das Thema bis anhin jedoch nur wenig, stellt Sandra Anita Zenger in ihrer Masterarbeit «Eine Untersuchung zum Effekt kompetenzorientierten Unterrichts in der Chemie» fest. Doch damit theoretische und politische Ideen ihren Weg in die schulische Praxis finden können, müssen zuerst die Rahmenbedingungen und der Nutzen einer Umsetzung geklärt werden, ist sie überzeugt und schreibt weiter: «Daher macht es Sinn, sich als angehende Lehrperson sowohl mit der Bedeutung, aber auch der Relevanz einer Kompetenzorientierung im Unterricht auseinanderzusetzen.»


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Schulprojekt mit Tablets geht in die nächste Runde Die PH Zürich führt seit 2015 mit finanzieller Unterstützung von Samsung Schweiz das Projekt «SAMT – Schulen arbeiten mit Tablets» durch, in dem Lehrpersonen und Schulteams sich kostenlos zum Einsatz von Tablets im Unterricht weiterbilden können. Ein Zwischenbericht zum Projekt und ein Umsetzungsbeispiel aus der Schule Jonschwil.

gelina Holzers 3.- und 4.-Klass-Schülerinnen und -Schülern. Sie nehmen von unserem Besuch wenig Notiz. Eifrig und konzentriert arbeiten sie an ihren Vorträgen und flinke Kinderhände bedienen die Touch-Screens mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Ihre Kollegin, Celia Kälin, welche die 1. und 2. Klasse in Jonschwil führt, bezeichnet sich selbst als «Computer-Geek». Doch selbst sie staunt, wie ihre Schützlinge Tablets bedienen und führt dies auf die grosse Vertrautheit mit den Geräten aus den Elternhäusern zurück: «Kinder dürfen daheim von klein auf Tablets bedienen, und die Einheit von Tastatur und Bildschirm und das geringe Gewicht der Geräte kommen ihnen sehr entgegen». Noch während der Weiterbildung an der PH Zürich lancierten Kälin und Holzer ein gemeinsames stufenübergreifendes Projekt. Mit einer interaktiven Schnitzeljagd mit Tablets erreichten die beiden Lehrerinnen die Erst- und die Viertklässler gleichermassen. Inzwischen haben sie zahlreiche weitere Projekte entworfen und

Tablets erlebten kurz nach ihrer Markteinführung einen weltweiten Boom. Die flachen Rechner mit Touch-Oberfläche eroberten Wohnzimmer, PendlerVehikel und einige Bereiche der Arbeitswelt im Eilzugstempo. In den Schulzimmern hingegen dauerte es eine Weile. Dabei eignen sich Tablets in vielerlei Hinsicht hervorragend für den Einsatz in der Volksschule: Sie sind leicht, intuitiv bedienbar, mobil und sofort betriebsbereit. Sie können fotografieren, filmen und Ton aufzeichnen. Hinzu kommt ein ganzes Universum von – häufig kostenlosen – Apps, die Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern zur Auswahl stehen. Der Leistungsbereich Medienbildung & Informatik der PH Zürich entwickelte den kostenlosen Weiterbildungslehrgang SAMT für Schulteams und Lehrpersonen aus der ganzen Deutschschweiz. In fünf Halbtagen werden die Teilnehmenden über die Einsatzmöglichkeiten von Tablets im Schulzimmer ins Bild gesetzt und kriegen reichlich Gelegenheit, Neues auszuprobieren. Wer möchte, kann einen Klassenkoffer mit Tablets in die Schule mitnehmen und erste Versuche mit der eigenen Klasse wagen. Bereits 370 Lehrpersonen haben an der Weiterbildung teilgenommen.

PH Zürich – Weiterbildu ng

Text und Foto: Christian Wagner

Setzen auf digitale Medien: Celia Kälin, Schulleiter Ivo Kamm, Angelina Holzer (v.l.).

durchgeführt. In Jonschwil ist die IT-Welt angekommen, aber dennoch betont Schulleiter Ivo Kamm: «Computer aller Art verdrängen traditionelle Medien und Kulturtechniken niemals, sondern ergänzen sie.»

Orientierung am Lehrplan 21

Interaktive Schnitzeljagd mit Tablets Definitiv angekommen sind die digitalen Medien bei An-

«SAMT – Schulen arbeiten mit Tablets» steht allen Lehrpersonen und Schulteams der Schweiz offen. Dank der Unterstützung von Samsung ist die aus 5 Modulen/Halbtagen bestehende Weiterbildung kostenlos. Die Kursteilnehmenden erhalten Impulse und Unterrichtsideen, die sich an den Kompetenzen des Lehrplans 21 orientieren. Die Kurse für das Herbstsemester 2016 sind bereits ausgebucht. Anmeldungen für das Frühlings- und Herbstsemester 2017 werden ab sofort entgegengenommen. Weitere Infos und Anmeldung unter phzh.ch/samt.

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In sieben Schritten vom Problem zur Lösung Beim «Problem-based Learning» (PBL) steht produktives und selbstgesteuertes Lernen anhand von Problemen im Zentrum. Der Ansatz findet insbesondere in der Hochschulbildung und der höheren Berufsbildung Verbreitung. Mitte Juni fand dazu an der PH Zürich ein internationaler Kongress statt.

Explorative Lernumgebungen gelten als erfolgsversprechende Konzepte, um die Kompetenzentwicklung innerhalb von Bildungsgängen zu etablieren und Lernprozesse und Handlungskompetenzen umfassend zu fördern. Inwieweit Problem-based Learning und verwandte Ansätze dieser Prämisse entsprechen, wurde am internationalen Kongress «Problem-based Learning – Kompetenzen fördern, Zukunft gestalten» Mitte Juni an der PH Zürich diskutiert. Der Kongress wurde in Kooperation

steuerte Lernen. PBL kann verschiedene Formen annehmen, je nach Wissensdomäne, in der es eingesetzt wird, und je nach den Bildungszielen bzw. Kompetenzen, die verfolgt werden. Verwandte Lernansätze sind beispielsweise das Projektorientierte Lernen oder das Case-based Learning (Lernen an Fällen, Fallbasiertes Lernen). Beim «klassischen Ansatz» von PBL kommt die sogenannte «7-Sprung- Methode» zum Einsatz, eine Prozessstrategie, welche Lernende bei der Problembearbeitung und Wissensgenerierung leitet. Bis auf einen der insgesamt sieben Schritte durchlaufen die Lernenden alle Schritte in der von einem Tutor bzw. einer  Tutorin betreuten Kleingruppe. Ausgangspunkt ist dabei stets eine berufs- oder disziplinbezogene Problemstellung. Lernende analysieren in Kleingruppen das Problem je nach Inhalt, Fachrichtung oder Lernstufe. Sie aktivieren ihr Vorwissen, klären ihre offenen Fragen und ergründen grundlegende Fragestellungen, die für die Problembearbeitung leitend sind. Anschliessend erarbeiten die Lernenden im Selbststudium Lösungswege, erschliessen Widersprüche und verknüpfen Vorwissen mit neuen Inhalten. Das heisst, sie beschaffen sich in Einzelarbeit InWorkshop «PBL in den MINT-Fächern» an der PH Zürich mit Ulrike Keller formationen und erwerben Wissen, um das anstehende von der Hochschule Rosenheim. Problem verstehen zu können. Schliesslich treffen sie sich erneut und diskutieren die erarbeiteten Inhalte. In der Diskussion beurteilt die Gruppe, begleitet durch die zwischen der Careum Stiftung, der Pädagogischen Hoch- Lehrperson (Tutorin, Tutor) die Lösungswege, dabei wird schule Zürich und der ZHAW Zürcher Hochschule für die Verknüpfung zwischen Vorwissen und neu erarbeiteangewandte Wissenschaften durchgeführt. ten Inhalten besprochen und transparent gemacht. Problem-based Learning (auch problembasiertes, problemorientiertes Lernen genannt) ist ein fokussiertes, Förderung der Kompetenzorientierung experimentelles Lernen rund um die Erforschung, Erklä- Das Sonderheft der Zeitschrift für Hochschulrung und Lösung von bedeutsamen Problemstellungen. entwicklung ZFHE (Jg. 11/Fr. 3, Mai 2016) umfasst Die Lernenden arbeiten möglichst selbstgesteuert in 14 Beiträge zu Umsetzung von PBL und verwandten Ansätzen. Die Beiträge zeigen auf, wie explorative kleinen von Lehrpersonen respektive Tutoren betreuten Lernansätze zur Förderung der KompetenzorientieGruppen. Neben dem namensgebenden Lernen mit Pro- rung an Bildungsinstitutionen eingesetzt werden blemen sind demnach beim PBL noch weitere Faktoren können. Weitere Informationen: pbl2016.ch zentral wie das Lernen in Kleingruppen, die Lernpro- Monika Schäfer ist Leiterin des Kompetenzzentrums zessbegleitung durch einen Tutoren sowie das selbstge- Bildungsentwicklung in der Careum Stiftung. AKZENTE 3/2016

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PH Zürich – Ber ufsbildu ng

Text: Monika Schäfer, Foto: Niklaus Spoerri


«Wir müssen auf die Bedürfnisse der Schulen vorbereitet sein»

PH Zürich – Rektorat

diskutiert. Inwieweit beeinflusst die öffentliche Debatte die Agenda der PH Zürich? Es ist ein Privileg der Pädagogischen Hochschulen, dass sich Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit für unsere Arbeit interessieren. Politische Vorgaben, schulische Bedürfnisse und gesellschaftliche Erwartungen beschäftigen uns daher laufend. Gleichzeitig haben wir uns als Hochschule und Expertenorganisation für Unterrichts- und Vermittlungsprozesse zunächst fachlich zu orientieren und uns zu fragen, wie diese Erwartungen erfüllt und politisch-administrative Heinz Rhyn ist seit Anfang Jahr Rektor Vorgaben umgesetzt werden können. Wir beteiligen uns der PH Zürich. Im Interview blickt er auf aber auch an den öffentlichen Debatten und bringen seine neue Tätigkeit, die Zusammenarbeit unsere Fachexpertise ein. Der Lehrplan 21 oder die mit dem Schulfeld und auf die Rolle der Frage nach der Anzahl Fremdsprachen auf der PrimarPädagogischen Hochschulen in der Schweistufe haben Auswirkungen auf alle unsere vier Leiszer Hochschullandschaft. tungsbereiche. In der Ausbildung sind Studiengänge anzupassen, besondere Weiterbildungsangebote sind zu Text und Foto: Reto Klink planen und anzubieten und wir müssen auf besondere Beratungsbedürfnisse aus dem Schulfeld vorbereitet sein. Auch in der Forschung und Entwicklung ergeben sich neue Fragestellungen und Forschungsprojekte. Neben längerfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen ist das Schulfeld auch von unmittelbaren Ereignissen betroffen. Wie flexibel kann die PH Zürich darauf reagieren? Gesellschaftliche und politische Ereignisse haben immer Auswirkungen auf die Schulen und somit auch auf die Pädagogischen Hochschulen. Ereignisse wie die Ankunft einer erheblichen Anzahl von Flüchtlingskindern in der Schweiz zum Beispiel fordern zunächst die Schulen und die Bildungsdirektion heraus. Von der PH Zürich werden danach unverzüglich BeratungsHeinz Rhyn, Rektor der PH Zürich. und Weiterbildungsangebote eingefordert, Forschungsergebnisse nachgefragt, teilweise sogar besondere Ausbildungsmodule gewünscht. Diesen HerausfordeAkzente: Heinz Rhyn, anfangs Jahr wechselten rungen müssen wir uns stellen und durch rasches und Sie von der PH Bern an die PH Zürich. Was ist flexibles Handeln die notwendigen Hilfestellungen Ihnen als neuer Rektor als Erstes aufgefallen? entwickeln. Nicht zuletzt deshalb findet unser diesjähriRhyn: Mir fallen vor allem Gemeinsamkeiten auf: Die ger Hochschultag am 3. November zum Thema noch jungen Hochschulen bearbeiten ähnliche Themen- «Flüchtlingskinder in der Schule» statt. bereiche. Einerseits geht es darum, Forschung, Ausbildung, Weiterbildung und Beratung verlässlich miteinander zu verbinden. Zudem soll ein gemeinsames Die Pädagogischen Hochschulen sind neu Teil Verständnis einer Hochschule erarbeitet werden. Und von swissuniversities, dem Zusammenschluss es werden immer mehr Studierende bei sinkenden sämtlicher Hochschulrektorinnen und HochschulFinanzmitteln ausgebildet. Dies unter dem Gesichtsrektoren. Wo stehen sie heute in der schweizeripunkt laufender Anpassungen an bildungspolitische schen Hochschullandschaft? Vorgaben, schulische Bedürfnisse und gesellschaftliche Die Pädagogischen Hochschulen in der Schweiz haben Erwartungen. ihre Aufbauphase weitgehend hinter sich und befinden sich im Übergang zur Konsolidierung. Sie sind zum Themen aus dem Schulfeld – etwa Lehrplan 21 einen dem Hochschulförderungs- und Koordinationsoder Fremdsprachen – werden oft in den Medien gesetz unterstellt. Dadurch ergeben sich für die PH

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«Alle Lerninhalte sind auf einer zentralen Plattform abgelegt»

Zürich ausgezeichnete Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Hochschulen. Insbesondere im Bereich der Fachdidaktik sind bei uns gleich mehrere Masterstudiengänge in Planung, die zum Teil mit der Universität Zürich, der ETH, aber auch mit den Universitäten Basel und Freiburg durchgeführt werden. Zum anderen haben die Pädagogischen Hochschulen ausschliesslich kantonale Trägerschaften und lassen ihre Diplome von der EDK interkantonal anerkennen. Dadurch entsteht ein gesamtschweizerischer Arbeitsmarkt für die Lehr-

«Gesellschaftliche und politische Ereignisse haben immer auch Auswirkungen auf die Pädagogischen Hochschulen.»

Akzente: Welches sind die Angebote des DLC? Fraefel: Wir sind ein Dienstleistungszentrum für E-Learning-Beratung und die Produktion von Lernmedien. Unsere Angebote richten sich hauptsächlich an Dozierende und Studierende der PH Zürich. Wir beraten sie zum Beispiel darin, wie sie digitale Medien im Unterricht didaktisch sinnvoll einsetzen können.

personen. Der klare Auftrag begrenzt die Hochschulautonomie und der notwendige Schulfeldbezug begrenzt eine rein akademische Ausrichtung. Die Pädagogischen Hochschulen erhalten durch diese Situierungen in der Hochschullandschaft zunehmend ein klares Profil.

Akzente: Können Sie ein Beispiel nennen? Fraefel: Beispielsweise geht es dabei um die Frage, wie ein Blog zum Lernen genutzt werden kann – auf Seite der Dozierenden in der Hochschullehre oder von den angehenden Lehrpersonen im Unterricht im Schulfeld.

Gleichzeitig muss die Lehrerbildung berufsfeldorientiert bleiben. Wie kann das gelingen? Dies geschieht auf verschiedene Art: Das Schulfeld profitiert von der Weiterbildung und Beratung, welche ihre Angebote stets entsprechend den aktuellen Entwicklungen ausgestaltet. Es kann aber auch von Erkenntnissen aus der Forschung lernen, sofern sie Fragestellungen aus dem Berufsfeld bearbeitet. Im Übrigen stellen die Fachdidaktiken ein wichtiges Bindeglied zwischen den Anforderungen des Schulfeldes und den Ansprüchen einer Hochschule dar. Demgegenüber profitiert auch die Hochschule von der Zusammenarbeit mit dem Schulfeld. Insbesondere in der berufspraktischen Ausbildung entsteht eine Win-Win-Situation, in der das Schulfeld, die Hochschule und die Studierenden voneinander lernen.

Akzente: Welches sind weitere Dienstleistungen des Digital Learning Center? Fraefel: Unter anderem entwickeln wir sogenannte Lernobjekte. Das sind multimediale Lernmaterialien wie Videos oder Online-Referate zu bestimmten Themen, welche die Studierenden im Studium nutzen. Müssen sie zum Beispiel im Sportunterricht die Regeln im Handball lernen, steht ihnen dazu ein entsprechendes Lernobjekt mit Lernfilmen zur Verfügung. Diese Lernobjekte wie auch die anderen elektronischen Lerninhalte – etwa die Skripte der Lehrveranstaltungen – sind an der PH Zürich auf einer zentralen Plattform, «ILIAS», abgelegt. Für deren Bewirtschaftung sind wir auch zuständig. Weiter stellen wir regelmässig Lehrfilme her, zum Beispiel zum Thema Lehrplan 21. Zudem können Studierende und Dozierende bei uns audiovisuelle Geräte ausleihen und sich dazu beraten lassen. Akzente: Steht externen Schulen dieses letztgenannte Angebot auch zur Verfügung? Fraefel: Ja, Schulen können zum Beispiel Videokameras oder iPads ausleihen. Die entsprechende Weiterbildung zum Unterrichtseinsatz erhalten sie im Weiterbildungsbereich Medienbildung der PH Zürich.

Berufliche Laufbahn von Heinz Rhyn Heinz Rhyn ist ausgebildeter Primarlehrer und hat an der Universität Bern Psychologie, Pädagogik und Psychopathologie studiert. Von 2003 bis 2011 war er für den Aufbau und die Leitung des Koordinationsbereichs Qualitätsentwicklung bei der EDK verantwortlich. Von 2011 bis 2015 leitete er an der PH Bern das Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation. Seit 2016 ist er Rektor der PH Zürich.

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– Christoph Hotz

Ausführliches Interview: blog.phzh.ch/akzente

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PH Zürich – Dienstleistu ngen

Jürg Fraefel, Leiter Digital Learning Center (DLC) an der PH Zürich


Unterricht mit Wörterbuch und Zeichensprache Ethnische Vielfalt gehört in vielen Schulen der USA seit Jahrzehnten zum Alltag. Trotzdem bleibt es eine Herausforderung, in einem Umfeld, in dem nicht alle dieselbe Sprache sprechen und aus unterschiedlichen Kulturen kommen, guten Unterricht zu gestalten. Die Lincoln High School in Los Angeles setzt auf traditionelle und moderne Wege, um Hindernisse zu bezwingen.

Serie – Schule in aller Welt

Text: Kerstin Zilm, Fotos: Marcus Teply

Das Klassenzimmer von Barbara Paulson zeugt von ihren 30 Jahren als Biologie- und Astronomielehrerin: Neben Stapeln von Lehrbüchern schwankt ein überdimensionales Molekül-Modell, Totenköpfe liegen zwischen DNA-Spiralen aus Papier, und unter bunten Bannern mit Motivationssprüchen steht ein Klavier. Paulson hat gelernt, ihre Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten Mitteln zu motivieren. Dazu gehören auch Pantomime und Übersetzungs-Applikationen vom Smartphone. «Ich habe oft vier oder fünf Schüler in der Klasse, die kein Englisch können. Wir tun, was wir können, um diese Sprachbarriere zu überwinden!» Zu grosse Klassen, zu wenig Geld Fast alle 1100 Schülerinnen und Schüler der Lincoln High School in Los Angeles kommen aus Familien mit 32

Lehrerin Barbara Paulson (ganz oben). Schülerinnen Natalie Diaz und Shu Na Xiao (Mitte). In der Schule (unten).

Einwanderungshintergrund, entweder aus Lateinamerika oder Asien. Für knapp zwanzig Prozent von ihnen ist Englisch eine Fremdsprache. Shu Na Xiao beispielsweise wurde in China geboren. Als sie in die erste Klasse kam, sprach sie kein Englisch. Inzwischen geht sie in Barbara Paulsons Biologie-Klasse für Fortgeschrittene und hilft, für Mitschüler zu übersetzen. «Es ist ganz schön schwierig, gleichzeitig zuzuhören und selber den Stoff zu verstehen», gibt sie zu. Die Sprachprobleme werden aus ihrer Sicht aufgehoben durch die Vorteile, welche die kulturelle Mischung an der Schule mit sich bringt. «Ich kann viel von anderen lernen und habe Gelegenheit, ihnen meine Kultur zu vermitteln», erklärt die Schülerin. «In China sind wir sehr reserviert und haben hohe Achtung vor Älteren. Amerikaner und Latinos sind entspannter. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit Lehrern über private Probleme sprechen kann.» Das Entwickeln von Verständnis und Toleranz ist auch für Lehrerin Paulson der positive Aspekt ihrer Arbeit an der Schule. Zu grosse Klassen und zu wenig Geld für Lehrmaterial erschweren es aus ihrer Sicht aber, den Schülerinnen und Schülern bestmöglichen Unterricht zu AKZENTE 3/2016


Übervoll: Teilweise sitzen bis zu 40 Schülerinnen und Schüler in einem Zimmer. erteilen. «Es kostet viel Zeit und Nerven, unter diesen Bedingungen in Klassen von 40 Schülern zu arbeiten. Es ist für alle frustrierend.» Die Biologie-Lehrerin hält ihren Unterricht in Englisch. Sie selbst kam als Zehnjährige mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei in die USA und verstand kein Wort der neuen Sprache. «In der Schule redete niemand Tschechisch mit mir. Das war ein guter Ansporn, Englisch zu lernen.» Integrationsschule mit gutem Ruf Die Schulleitung von Lincoln High schreibt Lehrpersonen nicht vor, wie sie ihren Unterricht gestalten, solange die Schülerinnen und Schüler am Jahresende die Prüfungen bestehen. Mathematik-Lehrerin Miriam Cardoza erklärt einer zehnten Klasse ihren Stoff erst auf Englisch und dann auf Spanisch. Die Atmosphäre im Klassenzimmer an diesem Nachmittag beim Besuch von Akzente ist unruhig. In einer Ecke sitzen Schüler aus China zusammen und helfen einander. Zwei Schüler aus Thailand, die weder Englisch noch Spanisch verstehen, versuchen mit Hilfe einer Übersetzungs-Applikation auf ihren Handys dem Unterricht zu folgen. Um diese zwei kümmert sich AKZENTE 3/2016

Kerstin Zilm ist freie Journalistin, Marcus Teply ist freier Fotograf. Sie leben und arbeiten beide in Los Angeles.

Serie «Schule in aller Welt» Im Rahmen der Serie «Schule in aller Welt» stellen wir an dieser Stelle jeweils exemplarisch eine Schule aus dem Norden, Osten, Süden und Westen der Welt vor. Nach dem Westen in dieser Ausgabe folgt im kommenden Heft der letzte Teil mit einem Beitrag aus Uganda.

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Serie – Schule in aller Welt

Lehrerin Barbara Paulson: «Vier bis fünf Schüler sprechen kein Englisch. Wir tun für sie, was wir können.»

Cardoza in Einzelunterricht, während der Rest der Klasse Rechenübungen macht. Sie kommunizieren mit Hilfe von Wörterbüchern und Zeichensprache. «Viele Schüler und Lehrpersonen sind überfordert», sagt sie. «Manchmal sehe ich in den Gesichtern der Jugendlichen, dass sie nichts verstehen, und ich habe nicht die Zeit, allen zu helfen.» Auch die Schülerinnen und Schüler wünschen sich kleinere Klassen und mehr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig sehen sie die Vorteile der kulturellen Mischung. «Wir haben alle Wurzeln in anderen Ländern und müssen miteinander auskommen», sagt Briana Villareal aus Cardozas Klasse. Ihre Familie hat Wurzeln in Mexiko und sie hat Freunde mit kulturellem Hintergrund in El Salvador, Kuba, Vietnam und China. «Es ist gut, in der Schule zu lernen, Rücksicht zu nehmen und Verständnis füreinander aufzubringen. Wenn wir hier Erfolg haben, gelingt uns das später auch.» Die Lincoln High School hat einen guten Ruf, sie gilt als Integrations-Schule. Misst man den Erfolg in Form von Noten, hat sie noch einiges aufzuholen. In Mathematik, Englisch und Kunst liegt die Schule unterhalb des Durchschnitts von Kalifornien. Das liegt auch daran, dass 85 Prozent der Eltern wenig Geld verdienen und sich Nachhilfeunterricht und Förderprogramme nicht leisten können. Ein ambitioniertes Spezialprogramm für Naturwissenschaften bringt der Lincoln High allerdings zunehmend positive Ergebnisse. Barbara Paulsons Biologie-Klasse ist Teil dieses sogenannten Magnet-Programms. «Aber die guten Ergebnisse kommen nicht von allein», warnt die Lehrerin. Sie selbst nimmt sich ausserhalb des Unterrichts viel Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler. Abends ist sie oft ausgelaugt und geht auch deshalb nach diesem Schuljahr mit 60 Jahren in den Ruhestand – ohne etwas zu bereuen. «Mir war immer wichtig, etwas zu tun, das einen Wert für die Gesellschaft hat. Diese Schüler verdienen kreative und clevere Lehrerinnen und Lehrer! Ich will mich ja nicht selbst loben, aber ich glaube, ich habe dazu beigetragen.» Shu Na Xiao stimmt zu. Die Schülerin ist so inspiriert vom Engagement der Pädagogin, dass sie selbst Lehrerin werden möchte. «Am liebsten an dieser Schule. Dann kann ich ein Vorbild für andere sein.»


Medientipps TROST DER DINGE

«Vermächtnisse erzählen keine einfachen Geschichten», konstatiert der britische Töpfer Edmund de Waal, der sich nach dem Tod seines Gross­ onkels der 264 Netsuke – japanische Miniaturschnitzereien aus Holz und Elfenbein – annehmen soll. Er begibt sich auf die Spuren seiner Vorfahren, der jüdischen Familie Ephrussi aus Odessa. Seine Reise führt ihn zuerst nach Paris zum Sammler Charles Ephrussi, der die Netsuke in den 1870er-Jahren erworben hat. Später finden sie im Ankleidezimmer von de Waals Urgrossmutter, in einem Wiener Palais, eine neue Heimat. Als 1938 das gesamte Familienvermögen der Arisierung zum Opfer fällt, werden nur die Netsuke gerettet: Stück für Stück in der Schürze des Kindermädchens. Warum sollten sie den Krieg überlebt haben, wo es so vielen Menschen nicht gelungen ist, fragt der Chronist, der die Geschichte seiner Familie zurückerobert hat. Die Netsuke haben ihm dabei geholfen. Jetzt stehen sie neben seinem Klavier. – Martina Meienberg

E. de Waal. Der Hase mit den Bernstein­ augen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi. Übers. v. Brigitte Hilzensauer. München: dtv, 2014. 407 Seiten.

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STIMMIGE ÜBUNGEN

Die vorliegende Publikation ist in hohem Masse bemerkens- und empfehlenswert. Ohne dass Leser ein spezifisches Vorwissen benötigen, informiert sie durchweg verständlich, kompetent und umfassend über die besonderen Anforderungen des Lehrberufs mit Fokus auf das Thema «Stimme / Sprechen». Das Arbeitswerkzeug per se, die Sprech-

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stimme, wird in ihrer anatomischen Funktionalität praxisnah vorgestellt. Passend dazu animieren ausführliche Übungen die Leserinnen und Leser zum Mitmachen. Die komplexe Prob­lematik des Stimmeinsatzes im Lehrberuf reicht vom körperlichen Ausdruck, Stimm­ auffälligkeiten und Artikulation über gekonntes Vorlesen und dem Training für eine starke Stimme bis zur Führungshal-

tung im Unterricht oder dem Umgang mit Lampenfieber. Dieses ganze Spektrum decken die beiden Autoren souverän ab und bieten damit allen Lehrenden eine willkommene Unterstützung. – Anja Muth

S. Eberhart, M. Hinderer. Stimm- und Sprechtraining für den Unterricht: Ein Übungsbuch. Paderborn: Ferdi­ nand Schöningh, 2016. 219 Seiten.

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Foto: Christoph Hotz

Medientipps

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1:0 FÜR DIE INFORMATIK

Am Anfang waren 0 und 1. Damit lassen sich alle Arten von Information darstellen. Diese geniale Idee liegt der Digitalisierung zugrunde, welche die Automation der Informationsverarbeitung durch Computer und deren Vernetzung ermöglicht. Erst die Kombination von Digitalisierung, Automation und Vernetzung löste die digitale Revolution aus, die nun auch zum Wechsel vom Leitmedium Buch zum Leitmedium des vernetzten Computers führt. In zehn thematischen Kapiteln zeigt Beat Döbeli Honegger, Dozent an der PH Schwyz, wie sich der digitale Wandel auf die Schule auswirkt und wie sie darauf reagieren soll und kann – nicht zuletzt dadurch, dass sie auf «das Nichtautomatisierbare» fokussiert. Gleichzeitig gilt es, die «digitalen Kompetenzen» zu entwickeln, zu denen neben Medien- und Anwendungskompetenzen eben auch Informatikkompetenzen gehören. Damit wir verstehen, dass Digitalisierung mehr als 0 und 1 bedeutet. – Urs Ingold

B. Döbeli Honegger. Mehr als 0 und 1: Schule in einer digitalisierten Welt: Ein Übungsbuch. Bern: hep verlag, 2016. 186 Seiten.

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UMGANG MIT ONLINEMEDIEN

Frustriert über mangelnden Schulerfolg widmet sich ein Junge intensiv Computerspielen. Dabei erlebt er sich stark und kompetent und vernachlässigt darüber das Lernen und die Hausaufgaben immer mehr. So verschlechtern sich seine schulischen Leistungen, was zu noch mehr Frustration führt. Solch typische Teufelskreis-Muster werden in diesem wissenschaftlich fundierten und praxisnahen Ratgeber anhand von Fallbeispielen analysiert. Weit entfernt von pauschalisierenden und skandalisierenden Darstellungen differenziert die Autorin bei der Entstehung von Onlinesucht die drei Faktoren Person (z. B. ungünstiger Umgang mit Stress), Umwelt (z. B. fehlende Tagesstruktur) und Medium (z. B. Gruppenzwang bei Games mit Team­Konstellationen). Ausserdem werden Hinweise für den konstruktiven Umgang mit medialen Suchtphänomenen vorgestellt. Arbeitsblätter für die Entwicklung von Medienkompetenz in der Familie und ein Glossar runden das Buch ab. – Peter Holzwarth

I. Willemse. Onlinesucht: Ein Ratgeber für Eltern, Betroffene und ihr Umfeld. Göttingen: Hogrefe, 2015. 157 Seiten.

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ICH BIN NICHT CHARLIE

Männern wird der Händedruck mit einer Frau verboten, Frauen sollen ausserhalb des Hauses weder Bananen essen noch an einem Eis lecken. Die Beobachtungen, die der Islamismusexperte und Psychologe Ahmad Mansour in Deutschland macht, legen nahe, dass die Unterdrückung von Sexualität einer der Gründe ist, warum sich Menschen radikalisieren. Der Autor plädiert deshalb u. a. dafür, Kindern so früh wie möglich ein Wertesystem zu vermitteln, das den demokratischen Grundrechten entspricht. Ein zentraler Ort dafür ist die Schule. Entsprechend sei es nicht hinnehmbar, dass die Schule bei der Frage, ob muslimische Schülerinnen am Schwimmunterricht teilnehmen, oft mit Unsicherheit statt Klarheit reagiere. Mansours Auseinandersetzung mit den Gründen, warum es Jugendliche in den Dschihad zieht, ist ein Appell gegen die Verdrängung und ein Plädoyer für politische Bildung in allen Schulen und in der Ausbildung von Lehrpersonen. – Martina Meienberg

A. Mansour. Generation Allah: Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. Frankfurt am Main: Fischer, 2015. 271 Seiten.

Mastermind Sherlock Holmes ist nicht totzukriegen. Weder der Reichenbachfall noch der Tod seines Schöpfers Arthur Conan Doyle vermochten dem Mythos ein Ende zu setzen. TV-Serien wie «Sherlock» (BBC 2010–) und «Elementary» (CBS 2012–) transponieren die beliebten Abenteuer in unsere Gegenwart, und Guy Ritchies effektvolle Spielfilme feiern den famosen Denker als furiosen Actionhelden. Wesentlich ruhiger geht es Regisseur Bill Condon in «Mr. Holmes» (Ascot Elite 2016) an. 1947 hat sich Holmes (Ian McKellen) auf dem Land zur Ruhe gesetzt, züchtet Bienen und kämpft gegen Alter und Demenz. Freund Watson, der als Erzähler einiges dazugedichtet hat, ist längst gestorben, und so greift der 93-jährige Holmes selber zur Feder, um das Scheitern in seinem letzten Fall aufzuarbeiten. Sherlock kommt allerdings nicht als Genie zur Welt. Seine Fähigkeiten hat er über Jahre trainiert und ausgeformt, wie Maria Konnikova in der «Kunst des logischen Denkens» (Ariston 2013) ausführt. Schritt für Schritt zeigt sie, wie wir durch Übung und Achtsamkeit bald ebenso scharfsinnig analysieren und kombinieren können wie das fiktionale Superhirn aus der Baker Street 221 B. Der Meisterdetektiv zählt nicht nur zu den berühmtesten Gestalten der Weltliteratur. Laut Guinness-Buch der Rekorde ist er die menschliche Romanfigur mit den meisten Film- und Fernseh­ auftritten. Wie er zum Mythos und Medienstar aufstieg, erzählt Mattias Boström in seinem Buch «Von Mr. Holmes zu Sherlock» (btb 2016). Hier erfahren wir auch, dass der meistzitierte Satz des Detektivs in Conan Doyles Geschichten gar nicht vorkommt. – Daniel Ammann

Besprechungen weiterer Titel: blog.phzh.ch/akzente/rubrik/medientipps AKZENTE 3/2016

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Medientipps

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Mario Bernet und Ruedi Isler – Unter vier Augen

Illustration: Elisabeth Moch

Mario Bernet: ‹Das Studium an der PH Zürich ist etwas für Unentschlossene, die halbherzig einen Studiengang zweiter Klasse absolvieren, dem die Praxisorientierung abgeht. Wenn Studierende nützliche Themen einfordern, stossen sie bei Dozierenden auf taube Ohren.› Diese Selbstdiagnose stellen zwei Autoren in RePHlex Nr.19, der Zeitschrift der Studierenden der PH Zürich. Der Artikel endet mit der Einladung «Also liebe PH, reflektiert mal!». Magst du diese Einladung mit mir annehmen? Ruedi Isler: Gerne – reflektieren ist meine Lieblingsbeschäftigung! Für mich ist zuerst einmal interessant, dass diese beiden angehenden Kolleginnen und Kollegen punkto Berufsstolz rein gar nichts erkennen lassen. Das widerspricht allen Umfragen, die ein zusehends besseres Prestige vom Lehrberuf belegen. Bernet: Zum Prestige vielleicht dies: Als ich kürzlich einen Fussballmatch meines Sohnes besuchte, stellte sich am Spielfeldrand ein Vater vor und fragte mich nach meinem Beruf. «Du Glücklicher, du machst etwas Wichtiges», seufzte er darauf. Er stelle sich jeden Morgen die Sinnfrage, wenn er an die Dossiers in seiner Anwaltskanzlei denke. Wir kamen in ein angeregtes AKZENTE 3/2016

Gespräch, in dem sich herausstellte, wie ernst sein Schulterklopfen gemeint war. Ich würde meinen, die Prestigefrage des Lehrberufs ist definitiv vom Tisch. Aber wie steht es um den Vorwurf der Praxisferne? Isler: Ich plädiere geradezu für eine gewisse Praxisferne! Gerade lese ich die Bachelor-Arbeit einer Studentin über Pädagogik im Nationalsozialismus. Auffallendstes Merkmal der Lehrerbildung damals: nur keine Theorie! Stattdessen: körperliche Ertüchtigung, Kameradschaft und Praxis, Praxis, Praxis! Nun möchte ich natürlich in keiner Weise eine Analogie zu heute ziehen, das wäre eine gar kräftige Keule. Aber dass die Freude an intellektueller Auseinandersetzung in unserer Ausbildung zurzeit eine marginale Rolle spielt, dass die Vorstellung einer umfassend gebildeten LehrerPersönlichkeit kaum Verfechter hat, dass bei Studierenden vor allem zu zählen scheint, was direkt umsetzbar ist – all das ist mir bei der Lektüre natürlich in den Sinn gekommen. Bernet: Müssen wir das so düster sehen? Mit 20 Jahren sagte ich mir: «Nie wieder Schule!» – und studierte Erziehungswissenschaften, um mit 13 Schuljahren abzurechnen. Fünfzehn Jahre später entschied ich mich für die Ausbildung zum Lehrer, geläutert und voller  Tatendrang.

Meine Studienkollegen staunten belustigt über meinen Lerneifer, und ich stritt mit ihnen, wenn sie lieber Werkstattposten laminierten, statt einige Zeilen von Montaigne im Original zu lesen. Was ich damit sagen will: Manche Studierende sind vielleicht etwas unentschlossen, wenn sie sich an der PH Zürich einschreiben. Aber im Mentorat erlebe ich, wie sie in den Beruf hineinwachsen – herausgefordert durch das Praxisfeld, aber auch mit grossem Interesse an pädagogischen Grundfragen und fachdidaktischen Anregungen. Isler: Dein persönliches Beispiel ist bestechend, aber vielleicht steht es eher für die Ausnahme. Ermutigend finde ich es, wenn Studierende ein Interesse an theoretischen Fragen durch ihre praktische Arbeit im Schulzimmer entwickeln. Diesen idealen Fall sollten wir anstreben. Düster würde es für mich übrigens erst, wenn stattdessen die Dozierenden keine klare Vorstellung mehr über den Wert von Theorie und pädagogischer Allgemeinbildung hätten! Mario Bernet (links) war 15 Jahre Primarlehrer und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Zürich, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Sie unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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Unter vier Augen

Falsche Bescheidenheit


Instagram #takeover 1

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Thomas Staub ist Praxisdozent an der PH Zürich. Zudem unterrichtet er an der Sekundarschule Andelfingen. Er postet auf Instagram unter dem Namen @knipsomator. 4 — Und noch ein 1 — Wir basteln ein #Hologramm fürs #iPad. Schnappschuss des gestrigen Familien2 — Alles bereit für tags. den morgigen Familien5 — Mise en Place – auch tag in Zumikon! in der #medienbildung 3 — Die QR-Codes sind wird immer noch mit bereit – die #ActionPapier gearbeitet! bound Schnitzeljagd 6 — BombayTV – an der kann losgehen ... Neuinterpretation einer hochdramatischen Szene.

7 — Letzte Vorbereitungen für die Greenscreen-Session. 8 — Referat in Oberwinterthur, die Leute trudeln ein ... 9 — Spannendes Referat von @phwampfler an der Innovative Schools Tagung.

Zur Rubrik Jeweils für zwei Wochen übernimmt eine Person aus dem Schulfeld den Instagram-Account der PH Zürich (@phzuerich) und fotografiert während dieser Zeit in ihrem Berufsalltag – in diesem Fall von Mitte Mai bis Anfang Juni 2016. Die besten Bilder erscheinen an dieser Stelle in der Rubrik «Instagram #takeover».

Impressum «Akzente» erscheint viermal jährlich, 23. Jahrgang, Nr. 3, August 2016, ISSN 2296-7281 (Print), 2296-732X (Online). Herausgeberin: Pädagogische Hochschule  Zürich. Redaktion: Christoph Hotz (Redaktionsleitung), Redaktor Kommunikation; Daniel Ammann, Dozent für Medienbildung; Bettina Diethelm, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Anne Bosche, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Vera Honegger, Redaktorin Kommunikation; Reto Klink, Leiter Kommunikation; Martina Meienberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Michael Prusse, Abteilungsleiter Sek II Berufsbildung. Redaktionelle Mitarbeit: Melanie Keim, Claudia Merki. Adresse:  Pädagogische Hochschule Zürich, Redaktion «Akzente», Christoph Hotz, Lagerstrasse 2, 8090 Zürich, akzente@phzh.ch, www.phzh.ch/akzente. Grafisches Konzept:  Raffinerie AG für Gestaltung, Zürich. Layout: Regi Müller, Typografische Gestalterin PH Zürich. Druck: FO-Fotorotar, Egg ZH. Inserate: IEB AG, Industriestrasse 6, 8627 Grüningen, Tel. 043 833 80 40, Fax 043 833 80 44, info@ieb.ch, www.ieb.ch. Abonnemente: Jahresabonnement CHF 20.– inkl. Porto, Pädagogische  Hochschule Zürich, Vera Honegger, Lagerstrasse 2, 8090 Zürich, vera.honegger@phzh.ch. Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier.

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AKZENTE 3/2016

Fotos: Thomas Staub

Instagra m #takeover

Der Fotograf


Inserat


4 KINDER, 4 SPRACHEN Laila, Robin, Dante und Gaia wecken Appetit auf die vier Landessprachen der Schweiz! Im Webgame «4 Sprachen zum Dessert» zeigen sie kulinarische und kulturelle Spezialitäten aus ihrer Sprachregion und versüssen so den Fremdsprachenunterricht in der Primarschule.

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