philou. #5 Viel Wissen um Nichts?

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philou. Thema: Viel Wissen um Nichts?

Unabhängiges Studierendenmagazin an der RWTH Aachen University

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An ze ig e


EDITORIAL

„Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen.“ – Konfuzius

Liebe Leser_innen, in einer komplexen Welt mit einer unüberschaubaren Flut und Vielfalt von Informationen, gewinnen Wissensprozesse und Ungewissheit zunehmend an Relevanz. In einer Pressekonferenz im Jahr 2002 formulierte der frühere amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einen Gedanken, der die Essenz des Wissens bzw. Nichtwissens zusammenfasst: Es gibt Dinge, die wir wissen (bekannte Tatsachen), es gibt Dinge, die wir nicht wissen (bekannte Unbekannte – wie groß ist das Universum?) und es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen (unbekannte Unbekannte). Eine unbekannte Unbekannte ist zur damaligen Zeit beispielsweise die Entwicklung des Internets gewesen oder der Zusammenbruch der Wirtschaft im Jahr 2008 – Ereignisse, die nicht vorhersehbar waren. Wir neigen dazu, unser Wissen über die Welt zu überschätzen, eingebettet in ein übermäßiges Vertrauen in das, was wir zu wissen glauben. Dabei ignorieren wir jedoch das Ausmaß unseres Unwissens und der Unbestimmtheit der Welt.

veranschaulicht hier den Kern der Problematik (S. 28). Können denn zumindest Umfragen oder sogenannte Meinungsbilder Wissen generieren? Der Sinn und Zweck dieser sollte kritisch hinterfragt werden: Vielleicht liegt ihr Wert ja nicht nur darin begründet, Handlungsanleitungen für individuelle Entscheidungen darzustellen. (S. 32) Wissen ist Macht – diese bekannte Redensart suggeriert, dass sich gesellschaftliches Wissen und Machtverhältnisse gegenseitig bedingen. Doch was sagen die Dogmen unserer Wissensproduktion über unser Denken und wissensbedingte Legitimationen aus? (S. 36) Fasst man die Gesamtheit aller Wissenschaften als ein System auf, entsteht der sogenannte Baum des Wissens – Wissen erlangt hier eine spezifische Struktur und bildet einen in sich zusammenhängenden Organismus (S. 40). Wie verhält es sich jedoch mit dem Wissen über die Zukunft? Die Wissenschaft kann es uns ermöglichen, die Zukunft zu analysieren, um die Fülle jener unbekannten Unbekannten zu reduzieren (S. 44). Und die Wirklichkeit? Diese können wir uns nicht beliebig aussuchen: Es gibt sie, die objektiven Tatsachen, die bekannten Tatsachen – oder nicht? (S. 49)

Das menschliche Gedächtnis ist fehlbar und Erinnerungen können verzerrt sein. Durch ein blindes Vertrauen in die Vorhersehbarkeit der Welt kann eine illusorische Gewissheit entstehen – gestützt auf retrospektiven Einsichten. (S. 8) Der Prozess, durch den eine Erfahrung als physische Erinnerung im Gedächtnis abgelegt wird, wird als biologische Prägung verstanden: Wie entstehen Erinnerungen und wie funktioniert der Lernprozess? (S. 12) Darüber hinaus kann die Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis das gemeinschaftliche Leben und Denken signifikant prägen – dies wird als kollektives Gedächtnis bezeichnet (S. 16). „Zwischen Wissen und Fühlen“ – so können auch das Zusammenspiel von Intuition und Reflexion sowie die daraus resultierenden kognitiven Verzerrungen beschrieben werden: Systematische Fehlschlüsse und falsche Einschätzungen prägen das alltägliche Leben, Denken und Handeln. (S. 20) Dies zeigt sich auch in der Politik: Durch eine gezielte Anwendung von Sprache können gesellschaftliche Zusammenhänge unterschiedlich interpretiert werden (S. 23). In Zeiten einer Wissens- und Informationsgesellschaft gewinnt außerdem die Bedeutung des Nichtwissens zunehmend an Relevanz: Der Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“,

Was können wir wissen? Was sollen wir wissen? Was wollen wir wissen? Wir freuen uns, diese und weitere Fragen sowie Problemstellungen mit euch teilen zu können und präsentieren euch nun die fünfte philou. Durch den Fokus auf die Diversität und Interdisziplinarität der Themen wollen wir zeigen, dass das inneruniversitäre Gespräch eine der höchsten Prioritäten genießen muss. Wir wollen euch hiermit Anreize zu neuen Überlegungen liefern und hoffen, dass euch die fünfte Ausgabe genauso gefällt wie uns! Eure philou. Redaktion

verfasst von Ann-Kristin Winkens

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A n ze ig e

Als Studierende, die selbst auch Hausarbeit schreiben, stehen wir oftmals vor immer wiederkehrenden Problemen: „Welches Thema bearbeite ich?“, „Wo finde ich passende Literatur?“, „Wie zitiere ich noch einmal richtig?“ Damit soll nun Schluss sein, LeVi leistet Abhilfe! LeVi ist ein Projekt, das zusammen von wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und TutorInnen am Institut für Politische Wissenschaft entwickelt wurde. Dabei geht es um die Erstellung kurzer und anschaulicher Lernvideos (LeVi), in denen wir alles rund um das Verfassen einer Hausarbeit erklären: Hierunter fallen sowohl Informationen zur Nutzung der örtlichen Bibliotheken, Fernleihe, Online-Datenbanken, Zeitschriftenarchive als auch Hinweise zum wissenschaftlichen Zitieren, Tipps zur erfolgreichen Recherche oder zur Gliederung einer wissenschaftlichen Arbeit. Diese laden wir dann auf dem YouTube-Channel des Instituts hoch, sodass sie zur freien Verfügung stehen.

Die Recherche und die Moderation übernehmen jeweils die TutorInnen. Die MitarbeiterInnen sind verantwortlich für die Projektleitung. So gehen wir sicher, dass wir entsprechende Qualitätsstandards doppelt absichern. Vor allem setzen wir auf das Prinzip „von Studierenden für Studierende“ und haben somit ein eingängiges und anschauliches Format entwickelt. Dabei sind wir natürlich auch stets offen für eure Rückmeldungen. Falls ihr neugierig geworden seid oder mit eurer aktuellen Arbeit gerade ins Schwitzen kommt, schaut doch einfach auf unserem YouTube-Channel vorbei:

www.ipw.rwth-aachen.de/levi


Inhalt

Ge d ächt nis & E ri nn e ru ng

Wis s en & Stru k tu r 28 „Ich weiß, dass ich nichts weiß ...“

8 Das trügerische Gedächtnis

Über die Komplexität und Relevanz des Nicht­ wissens in Zeiten einer Wissensgesellschaft.

Über die Verzerrung von Erinnerungen und warum diese nicht immer tatsächlichen Erfahrungen entsprechen.

von Sofia Eleftheriadi-Zacharaki

von Ann-Kristin Winkens und Jennifer Fischer

32 Umfragen als Wissensquelle? –

Eine systemtheoretische Problemskizze

12 Learning by Clubbing –

Der Versuch eines Neuverständnisses von Bevölkerungsumfragen und ihre Bedeutung für Demokratien.

Neurophysiologische Grundlagen des Lernprozesses

von Magnus Tappert

Die unterhaltsame Funktionsweise des Lernens.

von Merle Riedemann

36 Unser täglich a priori –

Wie ein Mahnmal die Erinnerung prägt

Macht, Reflexivität und der Umgang mit Wissen

von Angelina Stahl

von Jan Korr

16 Zwischen Wissen und Fühlen –

Eine Reflexion über die Selbstverständlichkeit des Wissens.

Auf den Spuren der kollektiven Erinnerung und der Bedeutung für das gemeinschaftliche Leben.

40 Baum des Wissens

Die Strukturierung von Wissen als ein zusammenhängender Organismus.

K og n i t i o n & S p rac h e

von Cristina García Mata

20 Irrungen und Wirrungen –

Thinking fast and slow

Die Fehlbarkeit des menschlichen Denkens. Wie kognitive Verzerrungen unsere Handlungen beeinflussen.

Wis s en s chaft & Erk en n tn i s 44 Digital und interdisziplinär –

von Ann-Kristin Winkens

Neue Formen des Wissens für eine komplexe Welt

23 Ist das Sprache oder kann das weg?

Ein Interview mit Prof. Dr. Gabriele Gramelsberger über Forschung zwischen Technik und Philosophie, Simulation und Prognose, Disziplinarität und Interdisziplinarität.

Das Gefühl der Sprache: Framing als wichtiges Instrument.

von Jennifer Fischer

von Nils Honkomp, Katrin Klubert und Nina Lentzen

Ja n us kop f

49 Sehnsucht nach Wirklichkeit

Der Neue Realismus: Über die Krise des Wirklichkeitsbezugs.

52 Generalisten vs. Spezialisten

von Thomas Ruddigkeit

von Thomas Sojer

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A n ze ig e

Erfolgreiche Mitarbeiter sind kein Zufall! ein einstellungsprozess ist eine komplexe angelegenheit, und zwar für beide Parteien. arbeitgeber suchen nach Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen perfekt in das gesuchte Profil passen, während arbeitsuchende bestrebt sind eine Tätigkeit zu finden, die ihrer Persönlichkeit entspricht. Doch diese Idealkonstellation zu finden ist eine sehr aufwendige angelegenheit. es sei denn, man baut auf die onlinebasierten Services von e-stimate, dem Pionier im Bereich webbasierter analyse-Tools für das Personalwesen.

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MEMORY BORROWING Beschreibt das „Ausleihen“ von Erinnerungen. Jemand eignet sich eine autobiografische Erinnerung eines anderen an und gibt sie als seine eigene aus.

KOLLEKTIVES GEDÄCHTNIS 11. September 2001: Nahezu jeder erinnert sich an die Geschehnisse dieses Tages, weiß, was er gemacht hat und wo er war. Diese Erinnerungen sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Doch wo ist der Unterschied zwischen einer individuellen Erinnerung und der eines Kollektivs – einer großen Gruppe?

SUGGESTIVFRAGEN In einer Studie (Cromberg et al.) wurden Suggestivfragen genutzt, um traumatische Erlebnisse zu verfälschen: • 10 Monate nach einem schlimmen Flugzeugabsturz wurden Versuchspersonen u. a. gefragt: „Haben Sie den Fernsehmitschnitt von dem Moment gesehen, als das Flugzeug in das Haus stürzte?“ • 60% der Probanden bejahten diese Frage und beantworteten weitere Fragen zu diesem nichtexistenten Film.

„Unser Gedächtnis arbeitet konstruktiv. Es arbeitet rekonstruktiv. Das Gedächtnis funktioniert ein bisschen wie Wikipedia: Sie können es aufrufen und es verändern, aber andere können das auch.“ – Elizabeth Loftus

Ge d ä chtn is &

Erinnerun g 7

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Reportage

das Trügerisc he GEdäc htnis von Ann-Kristin Winkens und Jennifer Fischer Umweltingenieurwissenschaften, Lehramt Germanistik/Anglistik

Die erste Erinnerung. Jeder hat sie – oder meint, sie zu haben. Können wir tatsächlich feststellen, ob das, wovon wir glauben, es sei unsere früheste Erinnerung, wirklich geschah? Können wir unserem Gedächtnis trauen? Und was sind das überhaupt: Gedächtnis und Erinnerung? Die Antwort wird nicht leicht sein, denn ist das Gedächtnis nicht unsere Identität? Erinnerungen machen grundsätzlich, was sie wollen. Sie sind weitestgehend unverfügbar, tauchen plötzlich auf, sind nicht kontrollierbar und sie absichtlich zu vergessen, funktioniert auch nicht. Der Philosoph Richard David Precht fragt bezeichnend:

oder Berichte der Eltern. Das Gehirn fasst Bruchstücke von Informationen so zusammen, dass sie sinnvoll erscheinen und sich wie echte Erinnerungen anfühlen. Ein komplexes Phänomen, das diesen Prozess auslöst, ist die Konfabulation: Das Erscheinen von Erinnerungen und Erfahrungen und Ereignisse, die nie stattgefunden haben. Für das weitere Verständnis ist es notwendig, die neurowissenschaftliche Seite des Gedächtnisses zu betrachten. Im Gedächtnis sind zwar sehr viele Informationen abgelegt, diese sind jedoch nicht jederzeit verfügbar und abrufbar. Es wird zwischen dem Kurzzeitgedächtnis und dem Langzeitgedächtnis unterschieden: Das Kurzzeitgedächtnis ist ein System im Gedächtnis, das kleine Informationsmengen für nur kurze Zeit aufnehmen kann – ca. 30 Sekunden. In einem bekannten Artikel, der 1956 von George Miller veröffentlicht wurde, geht es um die Beschränktheit jenes Systems. Die Anzahl der Informationseinheiten, die sich der Mensch im Kurzzeitgedächtnis merken kann, läge bei sieben plus/minus zwei. Der Fachausdruck dafür ist „Chunking“ – der Mensch komprimiert Informationen zu Einheiten. Als Beispiel diene eine Telefonnummer: 030/1234567; diese besteht aus zwei Chunks. Einerseits die Vorwahl Berlins und andererseits eine regelmäßige, aufsteigende Zahlenfolge. Insbesondere im Erwachsenenalter wird die Leistung des Chunkings besser. Je mehr Erfahrungen wir im Laufe der Zeit sammeln, desto leichter fällt es uns, Informationen zu bündeln.

„Bin ich das selbst, der da erinnert, oder führt die Erinnerung ein unverfügbares Eigenleben? Bin ich wirklich das Subjekt des Erinnerns, oder nicht vielleicht doch vielmehr das Objekt meiner Erinnerung?“

Präferenzen und Entscheidungen werden von Erinnerungen geprägt: „Die Verwechslung der Erinnerung mit der tatsächlichen Erfahrung ist eine zwingende kognitive Illusion“ schreibt der Kognitionspsychologe Daniel Kahnemann (2011). Es gibt ein erlebendes und ein erinnerndes Selbst: „Das erlebende Selbst hat keine Stimme. Das erinnernde Selbst irrt sich manchmal, aber es ist dasjenige, […], das Entscheidungen trifft.“

Psychologen sprechen von „unmöglichen Erinnerungen“, wenn Menschen über Ereignisse berichten, wie die scheinbare Erinnerung an den Raum im Krankenhaus ihrer Geburt oder an das Spielzeug in ihrem Kinderzimmer in ihren ersten Wochen auf der Welt. Beeinflusst werden diese Erinnerungen durch externe Eindrücke, wie Fotos

Das Langzeitgedächtnis hingegen umfasst Informationen, die länger als 30 Sekunden im Gedächtnis bleiben – sowohl das episodische Gedächtnis für Ereignisse als auch das semantische Gedächtnis für Faktenwissen. Als biologi8


Gedächtnis & Erinnerung

sche Prägung versteht man den Prozess, durch den eine Erfahrung als physische Erinnerungsrepräsentation im Gedächtnis abgelegt wird. Es bedarf also einer biologischen Synthese, um neue Erfahrungen in das Langzeitgedächtnis einzuprägen. Wie genau dieser Prozess funktioniert, wird im nachfolgenden Artikel näher erläutert.

det, welches ein Prozess der Erinnerung ist. Aristoteles‘ Schrift Gedächtnis und Erinnerung zufolge, kann zwischen vier Assoziationsgesetzen unterschieden werden:

Fehlerhafte Rückschau

Das zweite Gesetz ist das des Gegensatzes, in dem das Erleben oder Erinnern Erinnerungen an Dinge weckt, die konträr zu dem Objekt sind.

Das erste Gesetz ist das der Ähnlichkeit. Es besagt, dass das Erleben oder Erinnern eines Objekts die Erinnerung an Dinge hervorruft, die dem Objekt ähnlich sind.

Das Gehirn ist ein sinnstiftendes Organ, es denkt sich Narrative über die Vergangenheit aus. Tritt ein unvorhergesehenes Ereignis ein, korrigieren wir unsere Sicht der Welt, um dieser Überraschung zu entsprechen. Machen wir uns diese neue Sicht zu eigen, verlieren wir augenblicklich einen Großteil der Fähigkeit, uns an das zu erinnern, was wir glaubten, ehe wir unsere Einstellung änderten. Dies entspricht einer grundlegenden Beschränkung des menschlichen Geistes: Seine mangelhafte Fähigkeit, vergangene Ansichten oder Wissenszustände, die sich gewandelt haben, zu rekonstruieren. Aufgrund dieser Unfähigkeit wird häufig das Ausmaß, in dem wir durch vergangene Ereignisse überrascht wurden, unterschätzt.

Das dritte Gesetz ist das der Kontiguität. Dieses postuliert, dass das Erleben oder Erinnern eines Objekts Erinnerungen an Dinge weckt, die ursprünglich zusammen mit diesem Objekt erfahren wurden. Das vierte Gesetz ist das der Häufigkeit. Je häufiger zwei Dinge gemeinsam erlebt werden, desto wahrscheinlicher wird es sein, dass das Erinnern oder das Erleben des einen oder auch die Erinnerung an das andere auslösen wird. Im 19. Jahrhundert fand Hermann Ebbinghaus als Pionier eine neue Methode, die Entwicklung von Erinnerungen zu erforschen. Er lernte sinnfreie Silben wie OOB oder KOJ. Er wählte diese Buchstabenfolge aus, weil er davon ausging, dass die Ergebnisse nicht durch einen bereits bekannten Sinn verzerrt werden können. Ein bereits bekannter Sinn würde nämlich die Erinnerungen an einige von ihnen erleichtern. Diese Annahmen wurden inzwischen mit dem Argument widerlegt, dass man auch Nonsens-Silben einen Sinn zuschreiben kann. 1885 fasste Ebbinghaus seine Ergebnisse zusammen und veröffentlichte sein Hauptwerk „Über das Gedächtnis“; seine Versuche führte er nur an sich selbst durch und sie generierten letztlich zahlreiche Erkenntnisse über Erinnerungen, die auch heute weiterhin anerkannt sind. Aristoteles‘ und Ebbinghaus‘ Theorien wurden erweitert und in dem modernen Konzept der Aktivierung durch Assoziation zusammengefasst. Dieses geht davon aus, dass es eine erhöhte Aktivität bei bestimmten Erinnerungen gibt, wenn andere ähnliche Erfahrungen verarbeitet werden. Ein Beispiel: Man denke an Sonnenbaden. Hiermit werden automatisch Erinnerungen aktiviert, die mit den Begriffen „Strand“, „Meer“ und „Sonnencreme“ zusammenhängen.

„Ich wusste es die ganze Zeit“ – ein gefährlicher Trugschluss. Beispielhaft dafür ist eine Umfrage im Jahre 1972 vor dem Besuch Richard Nixons in China und Russland. Die Befragten sollten verschiedene mögliche Ergebnisse Nixons diplomatischer Initiativen Wahrscheinlichkeiten zuschreiben: Wäre Mao Tsetung bereit, sich mit Nixon zu treffen? Würden die USA China diplomatisch anerkennen? Nach Nixons Rückkehr sollten sich die Befragten an die Wahrscheinlichkeiten erinnern, die sie den Ereignissen ursprünglich zugeteilt hatten: War ein Ereignis tatsächlich eingetreten, überschätzten die Befragten die Wahrscheinlichkeit, die sie jenem zugeschrieben hatten. Trat das Ereignis nicht ein, hielten sie es im Nachhinein fälschlicherweise seit jeher für unwahrscheinlich. Die Neigung, die Vergangenheit der eigenen Überzeugungen umzuschreiben, erzeugt also eine robuste kognitive Illusion. „Ich assoziiere, also erinnere ich mich“

Bereits die frühesten Philosophen versuchten, dem Lernen und somit den menschlichen Erinnerungen auf den Grund zu gehen. Dabei wurde die Assoziation des Menschen als Kerneigenschaft des Geistes angesehen. Basierend auf einem Konzept Platons 300 v. Chr. schrieb Aristoteles die Assoziationsgesetze offiziell als Gesetze fest. Dabei handelt es sich um Prinzipien, deren Grundlage das Lernen abbil-

Wie werden also aus einfachen Gedanken Erinnerungen gebildet? Man könnte jeden Gedanken und jeden Begriff, der in unserem Kopf herumschwirrt, als Netzknoten bezeichnen. Verbinden wir nun diese einzelnen Netzknoten, so ent9

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stehen komplexe Ideen. Dabei ist entscheidend, dass die Netzknoten eine ähnliche Bedeutung verbinden. Denn je ähnlicher die Bedeutung, desto stärker der Knoten. Wenn wir einen beliebigen Knoten aktivieren, dann aktiviert dieser andere verwandte Knoten. Wenn unser erster Knoten zum Beispiel Polizist ist, wird damit einhergehend ein anderer eng assoziierter Knoten wie zum Beispiel Gesetz aktiviert. Unsere Assoziationen erlauben uns, Ideen neu zusammenzufügen, um dann auf unsere Umwelt zu reagieren und komplexe Lösungen für unsere Probleme zu finden. Gleichzeitig können Assoziationen zwischen Begriffen oder Erinnerungen verstärkt oder geschwächt werden, was wiederum die Anfälligkeit für Irrtümer und Täuschungen erhöhen kann. Warum bilden wir falsche Erinnerungen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Fuzzy-Trace-Theorie (fuzzy kann mit verschwommen übersetzt werden). Hinsichtlich der Erinnerung geht es hierbei um zwei Aspekte: Einmal um eine gist trace und um die verbatim trace. Die gist trace meint den Bedeutungskern einer Erfahrung. Die verbatim trace ist eine wortwörtliche Spur, die eine Erinnerung an spezielle Details, wie Bewegung oder Materialität, beschreibt. Gedächtnisforschern zufolge können mit dieser Theorie Phänomene der Gedächtnisfälschung erklärt werden. Es gibt vier Prinzipien, die die grundlegenden Mechanismen der Erinnerungstäuschung erklären können: Prinzip 1: Parallele Verarbeitung und Speicherung. Beobachten wir beispielsweise eine bestimmte Situation, verarbeiten wir simultan, wie die Situation aussieht (verbatim) und welche Bedeutung wir ihr beimessen (gist). Diese beiden Informationen speichern wir separat. Prinzip 2: Getrennter Abruf. Beide dieser verschiedenen Erinnerungspuren werden getrennt abgerufen. Das führt dazu, dass man sich unter Umständen an eine Erfahrung besser erinnern kann als an eine andere. Mit Hilfe dieses Prinzips könnten wir uns erklären, weshalb wir uns manchmal an den Namen einer Person erinnern (verbatim), aber nicht, was wir von ihr halten und jeweils andersherum. Wichtig ist hierbei, dass beide Erinnerungsspuren – die wortwörtliche und die der Bedeutung – unabhängig voneinander abgerufen werden können; allerdings ist die Erinnerung an die Bedeutung langfristig gesehen stabiler. 10

Prinzip 3: Fehleranfälligkeit. Gefühle der Vertrautheit können dazu führen, dass wortwörtliche Details verzerrt, verfälscht oder ganz erfunden werden. Beispielhaft sei eine Situation im Café: Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund (gist) – das sei das wesentliche Ereignis. Wir waren im Café X, denn hier haben wir uns immer getroffen (verbatim) – wahrscheinlich falsch. Ich saß mit meinem Freund im Café X. Wir unterhielten uns, wir saßen am Ecktisch am Fenster. Draußen regnete es. Ich trug ein blaues Kleid, er eine dunkle Jeans und ein weißes Shirt. Dies ist eine sehr stark wortwörtliche Erinnerung, an den eigentlichen Anlass – das wesentliche Ereignis, es kann ggf. eine Trennung sein – wird sich nicht mehr erinnert. Dadurch kann eine falsche Erinnerung erzeugt werden. Wir versuchen, unsere Erinnerungen so zu verstehen, dass sie zu der individuellen Geschichte passen. Prinzip 4: Lebendigkeit. Lebhafte Erinnerungen entstehen sowohl durch die Verarbeitung von wortwörtlichen als auch durch die Erinnerungsspuren der Bedeutung. Wortwörtliche Spuren führen dazu, dass Einzelheiten erneut erlebt werden. Im Gegensatz dazu ist der Abruf von Bedeutungsspuren mit Gefühlen der Vertrautheit und der individuellen Wahrnehmung assoziiert, die auch als allgemeinere Erinnerung angesehen werden. Ein Gefühl der Vertrautheit wird beispielsweise dann empfunden, wenn fraglich ist, ob eine bestimmte Person an einem Ereignis teilgenommen hat, bei dem seine Präsenz sehr plausibel gewesen wäre. Daraus kann fälschlicherweise eine wortwörtliche Erinnerungsspur gebildet werden: Ja, der Freund war auch da, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen.

Die gist trace meint den Bedeutungskern einer Erfahrung. Die verbatim trace ist eine wortwörtliche Spur, die eine Erinnerung an spezielle Details, wie Bewegung oder Materialität, beschreibt.


Gedächtnis & Erinnerung

Die Fuzzy-Trace-Theorie beschreibt anhand dieser vier Prinzipien, wie, wann und warum wir falsche und verzerrte Erinnerungen bilden. Erinnerungstäuschungen sind möglich, da jede einzelne Erinnerung in einer sehr großen Menge von Fragmenten gespeichert ist. Diese Fragmente können wiederum jeweils neu kombiniert werden, bis letztlich eine Erinnerung gebildet wird, die dem tatsächlich Geschehenen nicht entspricht und ggf. sogar widerspricht.

Deese-Roediger-McDermott-Paradigma (DRM) Der amerikanische Psychologe James Deese entwickelte 1959 ein Gedächtnisexperiment, bestehend aus Wortlisten, mit dem zuverlässig hohe Raten falscher Erinnerungen produziert werden können. Die Listen beinhalten true targets (Wörter wie „Injektion“ und „Schmerz“), aber nicht das kritische Wort, wie zum Beispiel „Nadel“ (false target). Aufgrund der engen semantischen Verknüpfung zwischen den Wörtern und dem kritischen Wort, wurden beim freien Abruf der gelernten Wortlisten die kritischen Wörter fälschlicherweise als in der Liste inbegriffen erinnert. Die falsche Erinnerung basiert dabei auf einer hohen subjektiven Sicherheit.

In der experimentellen Forschung zum Thema false beliefs und verfälschte Erinnerungen entwickelten sich letztlich drei Strömungen: 1. Verfälschte Erinnerungen: Alle Arten des Gedächtnisses können sich im Laufe der Zeit und durch Suggestion verformen, auch traumatische Erlebnisse.

STUDIE VON DER ERINNERUNGSFORSCHERIN ELIZABETH LOFTUS:

2. Additive falsche Erinnerungen: Bei dem Lernen von Wörtern führen Assoziationen im Gedächtnis zu Gedächtnisfehlern (DRM-Paradigma).

Eltern von Probanden wurden nach Erlebnissen in der Kindheit der Versuchspersonen gefragt. • Es gab eine Liste von jeweils drei wahren Ereignisse und einem falschen Erlebnis. • Die Probanden sollten ihre Erinnerungen zu den jeweiligen Erlebnissen aufschreiben. • Die Versuchspersonen erinnerten sich zu 68% der wahren Erlebnisse, 25% erinnerten sich auch an das falsche Erlebnis und gaben teilweise sogar Detail dieses Erlebnisses wieder.

3. Erinnerungen an nichterlebte Ereignisse: Menschen können ganze Ereignisse in ihr Gedächtnis integrieren, obwohl diese nie erfahren wurden. Kognitive Verzerrungen verfälschen unsere Wahrnehmung, Erinnerungen passen sich an und wir haben sogar die kognitiven Möglichkeiten, die Geschichte zu verändern. Unser Gedächtnis ist schwach, fehlbar und unzuverlässig. Akzeptieren wir zunächst diese Fehlbarkeit, können wir im nächsten Schritt versuchen, zu verstehen, weshalb Gedächtnisprozesse überhaupt versagen.  Δ

Literaturempfehlungen Kahnemann, D. (2011): Schnelles Denken, langsames Denken. München: Penguin Verlag. 11. Auflage 2012.

„So seltsam es auch erscheinen mag, ich bin ein erinnerndes Selbst, und das erlebende Selbst, das mein Leben lebt, ist für mich wie ein Fremder.“  (Kahnemann 2011)

Precht, R.D. (2007): Wer bin ich und wenn ja, wie viele? München: Goldmann Verlag. 42. Auflage. Shaw, J. (2016): Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg. Von Nitzsch, R. (2002): Entscheidungslehre. Wie Menschen entscheiden und wie sie entscheiden sollten. Aachen: Verlagshaus Mainz. 9. Auflage 2017.

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Artikel

Learning by Clubbing N e u r o p h ys io l o gi s c h e Gru n d lag e n d e s L e r n p r o ze ss e s

von

Merle Riedemann Medizin

Wir alle lernen. Jeden Tag und überall: In Bibliotheken, Hörsälen, Laboren, im Bett oder fünf Minuten vor der nächsten Klausur: Aber wie funktioniert das eigentlich? Lernprozesse finden im Gehirn statt. Dieses besteht aus Nerven, die über Synapsen miteinander in Verbindung stehen. Um etwas über die Informationsaufnahme und Speicherung zu erfahren, müssen wir uns also zuerst mit der Funktionsweise und Kommunikation von Nerven auseinandersetzen. Eine Nervenzelle kann man sich vorstellen wie eine Disco. Begrenzt wird sie von einer Plasmamembran, die aus einer Schicht von ungeladenen Fettmolekülen besteht und verschiedene Funktionen ausübt. Die Membran hält die Zelle zusammen und sorgt dafür, dass wichtige Moleküle und Teilchen nicht unkontrolliert in die Zelle gelangen oder sie verlassen können. Sie ist selektiv permeabel, das heißt, sie besitzt Kanäle, die wie Türsteher dafür sorgen, dass ausschließlich in die Zelle gelangt, was auch hinein soll – also nur bestimmte Teilchen unter bestimmten Bedingungen. Zwischen dem Innenraum der Zelle und ihrer Umgebung herrschen große Unterschiede in der Konzentration einzelner Ionen (elektrisch geladene Teilchen). Im Ruhezustand gibt es in der Zelle (intrazellulär) eine große Zahl von einfach positiv geladenen Kaliumionen (K+) und negativ geladenen organischen Teilchen, wohingegen außerhalb der Zelle (extrazellulär) eine Anreicherung von einfach positiv geladenen Natriumionen (Na+) und einfach negativ geladenen Chloridionen (Cl-) sowie zweifach positiv geladenen Calciumionen (Ca2+) herrscht. Die Plasmamembran wirkt hierbei als Barriere, ihre selektive Durchlässigkeit verhindert, dass es auf Grund der Brownschen Molekularbewegung zu einem Gleichgewicht (Konzentrationsausgleich) der Teilchen intra- und extrazellulär kommt. Zwischen intra- und extrazellulärem Raum gibt es also zwei Gefälle: 1. Den Konzentrationsunterschied von Natrium-, Kalium-, Chlorid- und Calciumionen 2. Den Ladungsunterschied, denn extrazellulär gibt es mehr positive Ladungen als intrazellulär. 12


Gedächtnis & Erinnerung

Bedingt durch die Ladungstrennung und die unterschiedlichen Ionenkonzentrationen entsteht das Ruhemembranpotential von etwa -70mV (milliVolt), die Potentialdifferenz der Ladungen intra- und extrazellulär. Nerven leiten Reize über kurze elektrische Signale weiter, die sogenannten Aktionspotentiale, bei denen das Membranpotential durch den Einstrom von Natriumionen (Na+) kurz positiv wird (Depolarisation). Die Natriumionen strömen in die Zelle, weil sie durch das Konzentrationsgefälle sowie die intrazelluläre negative Ladung angezogen werden. Das Aktionspotential wird über die Membran durch unterschiedliche ionenspezifische Kanäle entlang des Nervs und über Synapsen von einem zum anderen Nerv transportiert. Eine Synapse besteht aus zwei Teilen: Erstens dem Endknöpfchen (Ende des Nervs, welcher das Signal weiterleitet), zweitens der postsynaptischen Membran (Stück der Membran des Nervs, der das Signal empfängt), die direkt unter dem Endknöpfchen liegt. Zwischen Endknöpfchen und postsynaptischer Membran befindet sich der synaptische Spalt, eine Lücke von ungefähr 20nm Breite, die von Transmittern überwunden werden muss. Transmitter sind Botenstoffe, die ein Signal von einem Nerv auf einen anderen übertragen. Im menschlichen Gehirn handelt es sich dabei meist um Glutamat, eine Aminosäure. Die Transmitterausschüttung durch das Endknöpfchen wird von einem Aktionspotential ausgelöst, welches dort ankommt und über die Synapse übertragen werden soll. Auf der anderen Seite, an der postsynaptischen Membran, bindet der Transmitter an Ionenkanäle, die sich daraufhin öffnen und im zweiten Nerv ein Aktionspotential auslösen. An einem Nerv

befinden sich, zur Vernetzung und Verrechnung, häufig mehrere Synapsen. Nochmal bildlich: Tagsüber im Ruhezustand ist die Stimmung im Club ziemlich negativ (-70mV), keiner tanzt und missmutige Mitarbeiter (intrazellulär hohe Konzentration von K+ und organischen Anionen) räumen auf. Gegen Abend beginnen sich die Feierwütigen (extrazellulär hohe Konzentration von Cl-, Na+ und Ca2+) vor der Tür zur sammeln, aber die Türsteher (Ionenkanäle) lassen nur die „coolen Leute“ (Na+) mit der richtigen Einstellung herein, damit die Stimmung positiv (Depolarisation) wird und die Party steigen kann (Aktionspotential). Zwischen den Clubs (zwei Nerven) bewegen sich die Gäste mit Hilfe von Bussen (Transmittern). Das funktioniert nur an bestimmten Haltestellen (Synapse = Endknöpfchen + postsynaptische Membran). Manche Discos sind besser angebunden als andere und besitzen mehrere Haltestellen (mehrere Synapsen an einer Nervenzelle). Und was hat das jetzt mit Lernprozessen zu tun? Die Nervenzellen des Gehirns sind veränderlich, können sich neu untereinander verknüpfen und sich, ähnlich wie Muskeln, an Belastungen anpassen. Man spricht dabei von „Plastizität“. Unter „Lernen“ versteht man dabei, dass Nervenzellen bestimmte Reize verstärkt oder in eine bestimmte Richtung weiterleiten. Ein anerkanntes Modell zur Erklärung des Lernprozesses ist die Langzeitpotenzierung, dabei handelt es sich um eine langfristig verstärkte Weiterleitung bestimmter Reize durch eine Nervenzelle, bedingt durch einen außergewöhnlich großen, oft wiederholten Reiz oder durch zwei Reize gleichzeitig. Die Langzeitpotenzierung beruht auf zwei Typen von Ionenkanälen: 13

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1. AMPA-Rezeptor: Der AMPA-Rezeptor befindet sich in der postsynaptischen Membran und hat eine Bindungsstelle für den Transmitter Glutamat. Wird Glutamat vom Endknöpfchen als Zeichen für ein eingelaufenes Aktionspotential ausgeschüttet, so bindet es an den AMPA-Rezeptor, welcher daraufhin seine Struktur ändert und für Natrium durchlässig wird. Positive Natriumionen strömen aus dem Extrazellulärraum in den Nerv ein, das Innere der Nervenzelle wird kurzfristig positiv geladen, ein Aktionspotential ausgelöst und weitergeleitet. 2. NMDA-Rezeptor: Das Grundprinzip des NMDA-Rezeptors ist dem des AMPA-Rezeptors sehr ähnlich. Auch er besitzt eine Bindungsstelle für Glutamat und ist permeabel für Natrium. Im Normalfall ist seine Pore, die Durchtrittsstelle für die Ionen, jedoch durch ein zweifach positives Magnesiumion (Mg 2+) verschlossen. Das heißt, auch wenn Glutamat an den NMDA-Rezeptor bindet, können keine Ionen den Kanal passieren. Damit die Pore durchlässig wird, muss ein Aktionspotential vorangegangen und die Nervenzelle schon leicht positiv geladen (vordepolarisiert) sein. Dann verlässt das Mg2+ die Pore, abgestoßen durch die positive Ladung der Zelle. Folgt nun ein zweites Aktionspotential, schüttet das Endknöpfchen erneut Glutamat aus. Das bindet an den NMDA-Rezeptor, dessen nun nicht mehr verstopfte Pore öffnet sich und lässt Natrium- und Calcium-Ionen, die dem Konzentrationsgradienten nach intrazellulär folgen, passieren. Die Vordepolarisation kann entweder durch eine Synapse, die kurz hintereinander mehrere Signale weiterleitet oder durch mehrere Synapsen an einem Nerv, die Aktionspotentiale gleichzeitig weitergeben, geschehen.

Informationsaufnahme an Rezeptoren

Wie gelangen die Informationen aus der Umwelt denn eigentlich ins Gehirn? Die Reizaufnahme, auch Rezeption genannt, beginnt immer mit einem Rezeptor. Es gibt zahlreiche Rezeptoren, von den Photorezeptoren des Auges, über Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) auf der Haut, bis hin zu den Ruffinikörperchen der Gelenke, die uns ständig mitteilen, in welche Richtung unsere Gelenke gerade gebogen sind. Das Funktionsprinzip der Rezeptoren ist stets gleich: Ein Reiz führt zur Öffnung von Ionenkanälen, sodass ein Aktionspotential entsteht, welches aus der Peripherie zum Gehirn weitergeleitet wird (Transmission). Wie der Reiz die Ionenkanäle öffnet, ist jedoch verschieden und immer abhängig von der Art des Reizes. So öffnen

Neben Natriumionen können auch Calciumionen den NMDA-Rezeptor passieren. Calciumionen spielen eine sehr wichtige Rolle, denn sie bewirken Umbauarbeiten in der Zelle, und sorgen so unter anderem dafür, dass Signale verstärkt weitergeleitet werden. Zum Ablauf der Langzeitpotenzierung: Wird eine Synapse besonders hochfrequent genutzt, also Aktionspotentiale kurz hintereinander weitergeleitet oder leiten mehrere Synapsen gleichzeitig Aktionspotentiale an einen Nerv weiter, kommt es häufiger zur Aktivität der NMDA-Rezeptoren. In der Folge erhöht sich die Calcium-Konzentration in der Zelle und setzt Umbaumechanismen in Gang, die, etwa durch den Einbau von weiteren Ionenkanälen oder Bildung neuer Synapsen, dafür sorgen, dass künftig eintreffende Signale vor ihrer Weiterleitung verstärkt werden. Die Sensibili14

sich zum Beispiel in Mechanorezeptoren (Rezeptoren, die Berührungen wahrnehmen) die Ionenkanäle durch Druck, in olfaktorischen Rezeptoren (Geruchsrezeptoren) durch die Bindung bestimmter Moleküle und im Innenohr versetzen Schwallwellen kleine Härchen in Schwingungen. Die „Übersetzung“ eines Reizes in die Änderung eines Membranpotentials, sodass ein Aktionspotential entsteht, wird als Transduktion bezeichnet. Erreicht das Aktionspotential nach erfolgreicher Transmission das zentrale Nervensystem und wird dort zu einem Eindruck (süß, sauer, heiß, kalt etc.) verarbeitet, so spricht man von Perzeption, der Wahrnehmung.

sierung der Nervenzelle kann Tage bis Wochen anhalten und ist der Grund dafür, warum wir Dinge miteinander assoziieren können. Bildlich gesprochen: Der AMPA-Rezeptor ist ein ziemlich durchschnittlicher Türsteher, einfach gestrickt und sehr zuverlässig wartet er auf den Bus (Ausschüttung des Transmitters Glutamat bei Aktionspotential) und lässt die Gäste (Na+) hinein. Der NMDA-Rezeptor ist von der fauleren Sorte, er stellt einen Stuhl unter die Türklinke (Mg2+) und geht schlafen. Im Normalfall passiert dann gar nichts, die Party läuft und der Türsteher bekommt seinen Schlaf. Manchmal jedoch strömen so viele Gäste in den Club (vorangegangene Aktionspotentiale > Vordepolarisation), dass die Hitze darin nicht auszuhalten ist und jemand auf der Suche nach frischer Luft den Stuhl wegschiebt, sodass die Tür aufgeht.


Gedächtnis & Erinnerung

NMDA-REZEPTOR = N-METHYL-D-ASPARTAT-REZEPTOR AMPA-REZEPTOR = ALPHA-AMINO-3-HYDROXY- 5-METHYL4-ISOXAZOL-PROPIONSÄURE-REZEPTOR

Brownsche Molekularbewegung Durch die sogenannte „Wärmebewegung“ stoßen Wassermoleküle ständig ungeordnet in elastischen Stößen gegeneinander. Diffusion entsteht dadurch, dass Teilchen an Orten, in denen sie in hoher Konzentration vorliegen, häufiger aneinanderstoßen, als in Bereichen, in denen sie in niedriger Konzentration vorliegen und sich dadurch gleichmäßig in einem Raum verteilen. Die Höhe des Unterschieds der Konzentration in

zwei Regionen (Konzentrationsgradient) ist dabei die treibende Kraft. Da Wärme ein Maß für die mittlere kinetische Energie (Bewegungsenergie) von Teilchen ist, gibt es in flüssigem Wasser mäßige Molekularbewegung, wohingegen Eis kalt und fest ist (kaum Molekularbewegung) und heißes Wasser verdampft (viel Molekularbewegung). Folglich laufen auch Diffusionsprozesse unter warme Bedingungen schneller ab.

Jetzt gibt es kein Halten mehr, mit normalen Gästen (Na+) strömen auch Krawallmacher (Ca2+) in den Club und beginnen ihn auseinanderzunehmen. An diese Randale erinnert man sich noch lange und als Reaktion darauf werden bei der nächsten Party mehr Türsteher (Ionenkanäle) eingesetzt und bei fortdauerndem Besucherandrang neu Bushaltestellen (Synapsen) gebaut. Aus einer starken Erfahrung in Folge eines großen Besucherandrangs (mehrere Aktionspotentiale), wurde gelernt.  Δ

Weiterführende Literatur Pape, H-C. et al. (1979): Physiologie. Stuttgart: Thieme. 7. Auflage 2014. Reece, J. et al. (2016): Campell Biologie. Hallbergmoos: Pearson. 10.Auflage 2016. Schmidt, R. et al. (1936): Physiologie des Menschen mit Pathophysiologie. Heidelberg: Springer. 31. Auflage 2010. Tipler, P. et al. (1994): Physics for Scientists and Engineers. Heidelberg: Springer. 7. Auflage 2015.

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Artikel

Zwischen Wissen und Fühlen Wie e in Mahnmal d i e Eri n n e r u n g p r ä g t

von Angelina Stahl Gesellschaftswissenschaften

Berlin kommuniziert Geschichte wie kaum eine andere Stadt in Europa. Orte der Erinnerung, wie Museen und Denkmale, geben der Vergangenheit eine physische Existenz und bieten Raum zur Reflexion. Sie aktualisieren das Geschichtsbewusstsein, während Mahnmalen zusätzlich eine besondere Bedeutung in der Aufarbeitung der Geschichte zukommt. Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ist heute einer der bekanntesten Orte Berlins und entfachte vor seiner Erbauung eine breit gefächerte Diskussion um seine Form und die Aussage, die kommuniziert werden sollte. Das alltägliche Bild am Holocaust-Mahnmal gestaltet sich vielfach anders, als man vermuten mag. Die Besucher nehmen den Ort auf verschiedene Art und Weise wahr und zeigen sich in unterschiedlichem Maße betroffen. Kinder spielen Fangen, rennen unbeirrt durch das Stelenfeld. Ein paar Meter weiter posieren Besuchergruppen für Fotos, während andere Menschen mit gesenktem Kopf durch die Gänge gehen. Warum löst das Mahnmal bei jeder Person andere Gefühle und ein unterschiedliches Maß an Betroffenheit aus? Der Horizont von Gedanken, Gefühlen und Bildern, die mit dem Stelenfeld verbunden werden, mag abhängig sein von der Generationenzugehörigkeit und dem kulturellen wie familiären Hintergrund. Mit dieser Annahme stellt sich jedoch die Frage, wie sich die Erinnerungskultur verändern wird, wenn die Erinnerungen an den Holocaust und die Zeit des Nationalsozialismus in die Ferne rücken. Auf welchen Wegen lässt sich die Erinnerungskultur weiterführen, wenn die Zeitzeugen verstorben sind? „Wer künftig aufwächst [...] wird in der politischen Bildung niemandem begegnen, dem die Leiden, die Schuld, aber auch die Kraft zur Versöhnung in die Augen geschrieben, in die Stimme gedrungen oder eben in die Haut tätowiert sind.“  (Kermani 2017)

Den Mahnmalen des Nationalsozialismus kommt in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung zu. Sie sind Orte, an denen die Erinnerung aktualisiert und sinnlich erfahrbar wird (vgl. Kermani 2017). Mit Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin ist die Form und Abstraktion eines Denkmals in die breite 16


Wissen & Gedächtnis

Diskussion geraten und vielfach thematisiert worden. Wie gestaltet man ein Denkmal, das sowohl die persönliche als auch die öffentliche, geschichtliche Erinnerung wachhält und das, auch wenn die „biographischen Referenzpunkte fehlen“ (Kermani 2017)?

einer Kunstinstallation überhaupt erfahrbar machen? (vgl. Schweppenhäuser 1999: 20f.) Wie kommuniziert man etwas, das einem „den Atem raubt und sprachlos macht“ (Arendt 1965: 19)? Welche Inhalte soll die Erinnerung an diesem Ort haben und ist diese zukunftsfähig?

Museen und Denkmale erhielten in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts einen enormen Aufschwung. Der Grund dafür liegt vielleicht in der „Materialität des Objektes“ (Huyssen 1994: 12). Im medialen Zeitalter, das beherrscht wird „vom flüchtigen Bild“ (Huyssen 1994: 12) und Push-Nachrichten, zeichnet sich ein Wunsch nach Plastizität und sinnlicher Erfahrung ab, die ein elektronisch erzeugtes Bild oder eine Tonspur nicht bieten können (vgl. Huyssen 1994: 12).

Die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Holocaustmahnmals haben grundlegend etwas mit der Form und der Wirkung eines Denkmals zu tun. Um einem Denkmal eine kollektive Bedeutung zukommen zu lassen, muss es verstanden werden. Der Betrachter muss nicht nur aus dem Kontext des Ortes, an dem er sich befindet, sondern auch aus dem Denkmal selbst entschlüsseln können, welche Aussage es macht. Ihm kommt also auch eine Kommunikations- und Dekodierungsfunktion zu. Ein Denkmal stellt sich folglich der Aufgabe, eine Erinnerung, über eine Zeit- und Raumdistanz hinausgehend, aufrecht zu erhalten (vgl. Kirchberg 2001: 63f ).

Zudem steht ein Denkmal für eine bestimmte Symbolik. Mit einem Symbol verbindet eine Mehrheit von Personen Gefühle und Gedanken, die in ihrem Gehalt eine gleiche Schnittmenge aufweisen. Dies ist gebunden an die gesellschaftliche Umgebung und das Wissen um die Bedeutung des Symbols (vgl. Siggelkow 2001: 111f.). Doch diese kollektive Erinnerung ist weder konstant noch lässt sie sich für eine breite Masse der Gesellschaft pauschalisieren. Sie ist zwangsweise einer Selektion innerhalb der Gesellschaft und manchmal auch dem Verfall unterworfen (vgl. Huyssen 1994: 9). Doch wie wird unsere Zukunft mit der Erinnerung aussehen? Die Debatte um das Holocaust-Mahnmal in Berlin in den 1990er Jahren war vielschichtig und drehte sich oft um die Frage, wie ein Mahnmal die Zukunft und den Alltag der Stadt prägen wird (vgl. Kirchberg 2001: 52). Lässt sich das Grauen des Holocausts mit einem Monument oder

Dafür sind zwei Formen der Aktualisierung der Erinnerung von Bedeutung: Einmal ist es die persönliche Identifizierung durch eine abstrakte, oft emotionale Erfahrung und zudem die Aktualisierung des Wissens mittels konkreter Information, bei der der persönlichen Interpretation jedoch wenig Raum bleibt (vgl. Kirchberg 2001: 63f ). Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas setzt nach dem Entwurf des amerikanischen Architekten Peter Eisenman auf die persönliche Wirkung. Das Mahnmal ist abstrakt und dadurch persönlich erlebbar. Beim Gang durch das Stelenfeld hat jede Person eine völlig individuelle Erfahrung. Das Mahnmal setzt nicht auf rationale Begründung und Erklärung, sondern sorgt für eine affektive Gefühlsregung. Es schafft eine unmittelbare Präsenz von

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Artikel

Gefühlen und Gedanken und füllt den Raum zwischen Subjekt und Objekt (vgl. Gleiter 1999: 34). Das Erinnern bleibt aktuell. Die Reflexion setzt jedoch ein geschichtliches Vorwissen, oder eine persönliche Erinnerung und damit die individuelle Wirksamkeit voraus. Hat der Betrachter keine Schnittmenge mit dem behandelten Thema, kennt er den historischen Hintergrund zu wenig, fühlt er sich möglicherweise weniger angesprochen, weniger bedrückt, als andere Personen (vgl. Kirchberg 2001: 55). Unter den Stelen befindet sich ein Informationszentrum, das das Feld aus Betonstelen mit Informationen belegt, jedoch fehlt dem Mahnmal an sich jegliche Dekodierungshilfe. Es könnte nicht für sich alleine stehen, denn der Raum der Interpretation in einem so abstrakt gehaltenen Denkmal ist groß (vgl. Kirchberg 2001: 63). Daher bestünde ohne besagtes Informationszentrum die Gefahr, dass sich die beabsichtigte Bedeutung mit der Zeit verschiebt oder sich dem Betrachter nicht erschließt (vgl. Schweppenhäuser 1999: 22). Die kollektive, zivile Erinnerung würde zu einer privaten, nicht kommunizierbaren Erfahrung. Bei einem Denkmal sind folglich sowohl abstrakte Elemente von Bedeutung als auch die Dekodierung mittels Information (vgl. Kirchberg 2001: 64). Bald werden wir uns zeitlich wie räumlich immer weiter von der Erfahrung der nationalsozialistischen Herrschaft und dem Holocaust entfernen. Damit wird sich die Debatte um die Formen der Erinnerungskultur aktualisieren. Die Aufgabe, die Erinnerung an das Grauen des Holocausts im Bewusstsein der Menschen aufrecht zu erhalten, verliert jedoch nicht an Bedeutung. Die Debatte um das Holocaust-Mahnmal in Berlin zeigt, dass sich Zeit und Raum vielleicht am besten überbrücken lassen, indem die Erinnerung, im Sinne einer persönlichen, ästhetischen Erfahrung, verbunden wird mit der Aktualisierung geschichtlichen Wissens (vgl. Schweppenhäuser 1999: 20). Die rein historische Information entzieht der Erinnerung die persönliche Identifikation. Sie erzeugt zwar Betroffenheit, bindet den Betrachter jedoch nicht ein und schafft keine persönlichen Identifikationspunkte. Ein völlig abstraktes Denkmal bietet im Gegensatz dazu keinen Zugang zur kollektiven Erinnerung und dem geschichtlichen Hintergrund. Das Wissen um das Geschehene und die damit verknüpfte Einordnung eines Denkmals, ist für die zukünftige Erinnerungskultur jedoch genauso wichtig wie die persönliche Erinnerung. Die Unzuläng18

lichkeit der fehlenden Dekodierung eines Denkmals lässt sich mit der Verschmelzung beider Sphären beheben (vgl. Schweppenhäuser 1999: 22 f.). So kann ein umfassenderes Bild geschaffen werden, da die persönliche Erfahrung eines Denkmals und das historische Bewusstsein vielleicht nur zusammen und nicht für sich alleine stehen können. Nur in gegenseitiger Ergänzung können sie die Erinnerung einer Gesellschaft wachhalten (vgl. Kirchberg 2001: 68).  Δ

Arendt, H. (1965): Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München/ Berlin; Piper 2006. Gleiter, J. H. (1999): Über die Notwendigkeit ästhetischen Gedenkens. In: Philosophische Diskurse 2: Wegschauen? Weiterdenken!: Gerhard Schweppenhäuser und Jörg H. Gleiter (Hrsg.): zur Berliner Mahnmal-Debatte. Weimar: Universitätsverlag Bauhausuniversität. S. 28–35. Huyssen, A. (1994): Denkmal und Erinnerung im Zeitalter der Postmoderne. In: James E. Young (Hrsg.): Mahnmale des Holocaust, Motive, Rituale und Stätten des Gedenkens. München: Prestel. S. 9–17. Kermani, N. (2017): Die Zukunft der Erinnerung, Auschwitz morgen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.07.2017. Online verfügbar unter: http:// www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ auschwitz-morgen-navid-kermani-ueberdie-zukunft-der-erinnerung-15094667-p7. html?printPagedArticle=true#pageIndex_6 [Zugriff: 01.12.2017]. Kirchberg, V. (2001): Das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Zwischen öffentlichem Auftrag und privater Erfüllung. In: Ingeborg Siggelkow (Hrsg.): Gedächtnisarchitektur, Formen privaten und öffentlichen Gedenkens. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 51–72. Schweppenhäuser, G. (1999): Das DenkmalDilemma. In: Philosophische Diskurse 2: Wegschauen? Weiterdenken!: Gerhard Schweppenhäuser und Jörg H. Gleiter (Hrsg.): Zur Berliner Mahnmal-Debatte. Weimar: Universitätsverlag Bauhausuniversität. S. 20–27. Siggelkow, I. (2001): Das Denkmal im öffentlichen Raum: Kunstwerk und politisches Symbol. In: Ingeborg Siggelkow (Hrsg.): Gedächtnisarchitektur, Formen privaten und öffentlichen Gedenkens. Frankfurt am Main: Peter Lang. S.111–124.


Visualisierung der Bahnen der weißen Substanz eines gesunden, Menschlichen Gehirns (Traktografie). Originalbild: Dr Flavio Dell'Acqua via wellcomecollection.org (CC BY)

Sprache &

Kognition Müller-Lyer-Illusion (1889)

Bias (Kognitive) Verzerrung. In der Statistik die Differenz zwischen dem Erwartungswert einer Schätzfunktion und dem schätzenden Parameter. Ein Bias von Null beschreibt Unverzerrtheit (Erwartungstreue).

Zunächst lesen Sie die beiden Spalten von oben nach unten durch, wobei Sie laut aussprechen, ob das jeweilige Wort in Klein-oder Großbuchstaben geschrieben ist. Wenn Sie die erste Aufgabe erledigt haben, gehen Sie die beiden Spalten nochmals durch und erklären bei jedem Wort, ob es links oder rechts der Mitte abgedruckt ist, indem Sie „links“ oder „rechts“ sagen.

LINKS groß links klein rechts KLEIN RECHTS groß RECHTS GROß links klein LINKS KLEIN rechts groß

WYSIATI: what you see is all there is WYSIATI kennzeichnet die Erkenntnis, dass sich die Urteile von Menschen aus einem subjektiven Bild ableiten. Das Konzept führt zu einer kognitiven Leichtigkeit, mit der wir eine Aussage als wahr akzeptieren. Wollen wir wirklich mehr Informationen, die unsere Geschichte verderben würden?

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u nd W i rru n ge n Sl ow

Irrun gen

Artikel

T h i n k i n g Fast a n d

von Ann-Kristin Winkens Umweltingenieurwissenschaften

Menschen irren. Systematische Fehler und falsche Annahmen prägen Entscheidungen, das alltägliche Leben und zwischenmenschliche Beziehungen. Auch hinsichtlich des Umgangs mit Risiken bedarf es einer kritischen Reflexion darüber, inwieweit der Mensch sich in die Irre führen lässt – durch eigene kognitive Verzerrungen oder durch externe Manipulation. In der Psychologie wird das menschliche Denken in zwei Systemen unterschieden: System 1 beschreibt die Intuition und System 2 das analytische Denken (vgl. Kahnemann 2011: 33). Während das analytische System bewusst, kontrolliert und langsam funktioniert, ist das intuitive System unkontrolliert, assoziierend und schnell, da nur wenige kognitive Ressourcen beansprucht werden. Eine der wesentlichen Funktionen von System 2 ist die Steuerung der Gedanken und Handlungen von System 1; einige werden direkt im Verhalten ausgedrückt, andere werden unterdrückt oder modifiziert (vgl. Kahnemann 2011: 61). Folgende Denkaufgabe soll das Zusammenspiel beider Systeme veranschaulichen: Ein Baseballschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet 1 Euro mehr als der Ball. Wie teuer ist der Ball?

In zahlreichen Experimenten mit Studierenden gab mindestens die Hälfte der Befragten die falsche Antwort an – 20

10 Cent. Ein schnelles intuitives Vorgehen führt zu diesem Ergebnis, aber die richtige Lösung (5 Cent) findet sich in keiner assoziativen Verknüpfung (vgl. Kahnemann: 61f.). Diese kann nur analytisch hergeleitet werden, insbesondere, da das Gehirn das Wort „mehr“ verarbeiten muss (vgl. von Nitzsch 2002: 15). Betrachtet wird weiterhin folgendes logische Argument: Alle Rosen sind Blumen. Einige Blumen verwelken schnell. Deshalb verwelken einige Rosen schnell.

Die zuvor befragten Studierenden stuften diese Schlussfolgerung als gültig ein. Sie erscheint zwar plausibel, ist jedoch nicht stichhaltig, da Rosen nicht zwingend unter den verwelkenden Blumen sein müssen. Auch hier wird der Intuition vertraut – ist System 1 beteiligt, kommt die Schlussfolgerung zuerst und dann folgen die Argumente. Unbeabsichtigte Fehlschlüsse können aus kognitiven Verzerrungen (bias) oder aus Heuristiken resultieren. Beide sind auf das Zusammenspiel von automatischem und reflektierendem System zurückzuführen. Heuristiken sind verkürzte kognitive Mechanismen, die ressourcensparend zu Schlussfolgerungen führen, in dem sie auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Dies führt häufig zu systematischen Verzerrungen und falschen Einschätzungen.


Sprache & Kognition

System 1 „Der Apfel fällt nicht weit vom…“ Wenden Sie sich der Quelle eines plötzlichen Geräuschs zu. 2+2=?

Verfügbarkeit

Geht es um die Einschätzung von Risiken und den Umgang mit Gefahren, setzen viele Menschen die Verfügbarkeitsheuristik ein. Dabei wird auf Ereignisse zurückgegriffen, die im Gedächtnis besonders leicht verfügbar sind. Kann kein Ereignis oder Beispiel herangezogen werden, werden Wahrscheinlichkeiten als sehr gering eingestuft. So verursachen beispielsweise Schlaganfälle nahezu doppelt so viele Todesfälle wie die Gesamtheit aller Unfälle, aber 80 Prozent der Probanden einer Studie zu Verfügbarkeitsfehlern stuften einen Unfalltod als wahrscheinlicher ein (vgl. Kahnemann 2011: 174). Ein Terrorangriff wie 9/11 wird für bedrohlicher erachtet als weniger vertraute Risiken, wie Sonnenbaden unter UV-Strahlung. Allgemein sind Terroristen heute die bedeutendsten Praktiker hinsichtlich der Fähigkeit, Verfügbarkeitskaskaden auszulösen – System 1 wird hier direkt angesprochen (vgl. Kahnemann 2011: 180). Darüber hinaus spielt die Vorstellungskraft bei der Urteilsbildung eine wichtige Rolle: Hat jemand einen Tornado miterlebt, wird ein solches Ereignis für wahrscheinlicher empfunden, als wenn über dieses in den Medien berichtet wird. Außerordentliche Ereignisse, wie zum Beispiel Lebensmittelvergiftungen, ziehen grundsätzlich unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit auf sich und werden demnach als weniger ungewöhnlich wahrgenommen, als sie es tatsächlich sind (vgl. Kahnemann 2011: 174ff.). Framing

Unterschiedliche Darstellungsformen derselben Information lösen häufig verschiedene Emotionen aus. Die Aussage „Die Überlebenswahrscheinlichkeit liegt im ersten Monat nach der Operation bei 90 Prozent“ ist beruhigender als das Äquivalent „Die Sterblichkeit liegt innerhalb des ersten Monats nach der Operation bei 10 Prozent“. (Kahnemann 2011: 115) Derartige Framing-Effekte funktionieren, da Menschen in ihrer Entscheidungsfindung oft passiv sind und nicht hinterfragen, ob die Entscheidung eine andere gewesen wäre, wenn nur die Frage anders formuliert gewesen wäre. Hier greift also erneut das System 1 – die Intuition. Gleiches gilt für die Angst vor Flugzeugabstürzen: „Bei einer Airline kommt es, wenn man einmal im Jahr fliegt, im Durchschnitt alle 1000 Jahre zu einem Absturz“. Ändert man den Satz um: „Im Durchschnitt kommt es bei einem von 1000 Flügen zu einem Absturz“, hört sich die Formulierung riskanter an. In beiden Fällen liegt die Gefahr für einen Absturz bei 1:1000. (vgl. Taleb 2007: 84f.)

Fahren Sie mit einem Auto über eine leere Straße. Verstehen Sie einfache Sätze.

System 2 15 • 267 = ? Gehen Sie schneller, als Sie es normalerweise tun. Fertigen Sie eine Steuererklärung an. Wie oft kommt der Buchstabe f auf dieser Seite vor? Teilen Sie jemandem Ihre Telefonnummer mit.

Der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten

Besonders gefährlich sind Fehlschlüsse aufgrund von fehlerhafter Interpretation der Wahrscheinlichkeiten und Risiken; ebenso bieten diese bedeutendes Manipulationspotential. Ein bekanntes Beispiel ist die Eilmeldung, die das britische Komitee für Arzneisicherheit 1995 herausgab: „Die Antibaby-Pillen der dritten Generation verdoppeln das Thromboserisiko, d.h. sie erhöhen es um 100%.“ (Gigerenzer 2013: 16f.). Diese Nachricht führte aufgrund des übereilten Absetzens zu zahlreichen ungewollten Schwangerschaften und Abtreibungen – auch wenn diese ein größeres Thromboserisiko als die Pillen der dritten Generation bergen (vgl. Gigerenzer 2013: 16). Entscheidend ist hier die Kommunikation einer 100-prozentigen Steigerung – was genau sind 100 Prozent? Die Studien, auf denen die Meldung basierte, hatten gezeigt, dass sich das Risikolevel von der zweiten zur dritten Generation von 1/7000 Frauen auf 2/7000 Frauen erhöhte. Demnach betrug die absolute Risikozunahme nur 1 von 7000, die relative Risikozunahme lag jedoch bei 100 Prozent. Wäre ausschließlich das absolute Risiko kommuniziert worden, wäre die Meldung – sehr wahrscheinlich – ignoriert worden. (vgl. Gigerenzer 2013: 17f.) Ein weiteres und bekanntes Beispiel findet sich in der Meteorologie und den Einschätzungen von Wetterprognosen: Was genau bedeutet eine Regenwahrscheinlichkeit von 30 Prozent? Einige glauben, es werde während 30 Prozent der Zeit regnen, andere meinen, es werde in 30 Prozent der Region regnen. Wieder andere nehmen an, drei von zehn Meteorologen würden denken, dass es regnen werde (vgl. Gigerenzer 2013: 13f.). Tatsächlich sagt eine Regenwahrscheinlichkeit von 30 Prozent aus, dass es in drei von zehn Tagen, für die die jeweilige Vorhersage gilt, regnen wird. 21

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Beide Beispiele veranschaulichen, dass der Mensch sich oftmals durch Heuristiken und Intuition fehlleiten lässt. Gleichzeitig werden Wahrscheinlichkeiten – insbesondere von Experten – selten verständlich erklärt. Eine Reflexion über die zu Grunde liegenden Daten (handelt es sich um relative oder absolute Angaben? Was sind 100 Prozent?) würde einen sensibleren Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und der Einschätzung von Risiken gewährleisten. Überdurchschnittlich

Einer der zahlreichen psychologischen Wahrnehmungsverzerrungen, die Menschen aufweisen, ist die Selbstüberschätzung. Die sogenannte Überlegenheitsillusion, positive Eigenschaften zu überschätzen und negative zu unterschätzen, ist eng mit dem Gedächtnis verknüpft (vgl. Shaw 2016: 159ff.). In der Psychologie beschreibt der Above-Average-Effekt die menschliche Tendenz, sich selbst überdurchschnittlich wahrzunehmen. Ungefähr 50 Prozent aller Ehen enden mit einer Scheidung – die meisten Menschen haben von dieser Statistik bereits gehört. Dennoch sind sie unrealistisch zuversichtlich. Die meisten Paare gehen bei der Eheschließung davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung in ihrem Fall etwa null beträgt – auch diejenigen, die bereits eine geschiedene Ehe hinter sich haben. (vgl. Thaler/ Sunstein 2011: 51ff.)

Trugschlüsse, Verzerrungen, Urteilsfehler und Interpretationen – das menschliche Gehirn ist fehlbar. Menschen trauen ihrer Intuition allzu sehr. Verstehen und reflektieren wir aber diese Fehlbarkeit, werden wir weniger von kognitiven Verzerrungen beeinflusst. Das wiederum erlaubt es uns, die eigene Wahrnehmung stärker in Richtung der realistischen Wahrscheinlichkeit zu lenken. Die Schwierigkeit, die das menschliche Denken bereitet, liegt in einem sicheren Fundament begründet: „Unser übermäßiges Vertrauen in das, was wir zu wissen glauben, und unsere scheinbare Unfähigkeit, das ganze Ausmaß unseres Unwissens und der Unbestimmtheit der Welt zuzugeben.“ (Kahnemann 2011: 26).  Δ 22

Zwei Tische (nach shepard 1999) Welcher Tisch ist der größere? Die meisten Menschen denken, der rechte Tisch sei schmaler und länger als der linke Tisch. Das Seitenverhältnis beim rechten Tisch wird auf etwa 3:1 und beim linken auf ungefähr 1,5:1 geschätzt. Das stimmt jedoch nicht – sowohl die Tischbeine als auch die Ausrichtung fördern die Illusion, dass die Tischplatten verschiedener Größe sind. Diese Illusion wird dadurch verstärkt, dass vertikale Linien länger erscheinen als horizontale. Nachdem Sie selbst nachgemessen haben, wissen Sie (System 2), dass die Tische gleich groß sind. Aber die Tische erscheinen immer noch unterschiedlicher Größe zu sein (System 1). Durch einen Willensentschluss kann die eigene Wahrnehmung nicht so verändert werden, dass die Tische als gleich groß angesehen werden, obwohl Sie wissen, dass Sie es nicht sind.

Gigerenzer, G. (2013): Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München: btb Verlag. 5. Auflage 2014. Kahnemann, D. (2011): Schnelles Denken, langsames Denken. München: Penguin Verlag. 11. Auflage 2012. Shaw, J. (2016): Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg. Taleb, N. (2007): Der schwarze Schwan. Konsequenzen aus der Krise. München: Deutscher Taschenbuchverlag. 4. Auflage 2015. Thaler, R./ Sunstein C. (2011): Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Berlin: Ullstein Buchverlage. 10. Auflage 2017. Von Nitzsch, R. (2002): Entscheidungslehre. Wie Menschen entscheiden und wie sie entscheiden sollten. Aachen: Verlagshaus Mainz. 9. Auflage 2017.


Sprache & Kognition

Artikel

Ist das Spra che oder ka nn das weg? von Jennifer Fischer Lehramt Germanistik/Anglistik

Steuerzahler, Steuer, Steueroase, Steuerflucht, Steuerschlupfloch, Steuerlast, Umverteilung, Leistungsträger, soziales Netz, Arbeitgeber, Schwangerschaftsabbruch, Islamophobie, Flüchtlingsstrom, erneuerbare Energien. Mit diesen und zahlreichen weiteren Begriffen werden wir täglich konfrontiert – in der Zeitung, in den sozialen Medien oder im Radio. Sprache kann man als eine Kunstfertigkeit betrachten: Mit ihr geben wir dem, was wir sehen, einen Namen; sie ermöglicht uns, zu teilen, was wir wahrnehmen. Mit Sprache kreiert man in gewisser Weise Realität. Worte, die wir benutzen, haben eine bestimmte Bedeutung und rufen deshalb Konnotationen in unseren Köpfen hervor. Deshalb bestimmt sie, wie wir unsere Umgebung und andere Menschen wahrnehmen. Sprache bestimmt also maßgeblich unser Denken und Handeln. Der Mensch begreift Worte, indem das Gehirn körperliche Vorgänge wie Gefühle, Wahrnehmung, Gerüche, Geschmäcker etc. abruft, die mit den jeweiligen Wörtern assoziiert sind. Wörter und Sätze habe eine wesentlich größere Bedeutung, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Wenn wir Worte und Ideen begreifen wollen, aktiviert das Gehirn einen Deutungsrahmen, der in der kognitiven Wissenschaft Frame genannt wird. Inhalt und Struk-

tur eines Frames, also unsere Erfahrungen mit der Welt, bestimmen die jeweilige Frame-Semantik. Unsere Sprache lässt sich in direkte Handlungen überführen. Es ist nicht weit hergeholt, zu behaupten, dass wir nach Worten denken und handeln, denn die Sprache, die wir hören, aktiviert bestimmte Frames in unseren Köpfen, durch die wir erst aktiv werden. Frames aktivieren sogar eine kognitive Simulation von Dingen wie etwa Bilder, Geräusche, Gerüche und Bewegungen. Weil jedes Wort Frames aktiviert, entstehen beim Rezipieren eines Wortes viele Ideen, die aus unserer Erfahrung mit der Welt geformt sind. Deshalb nehmen Frames einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung und demnach auch auf das, was wir zu wissen glauben. Nur, wenn ein Fakt in einen aktivierten Frame passt, kann er ohne weitere Schwierigkeiten in das Bewusstsein aufgenommen werden. Nicht zuletzt nehmen diese aktiven Frames direkten Einfluss auf unser Handeln. (vgl. Wehling 2016: 41) Um Framing im politischen Kontext verstehen zu können, müssen zunächst die Eigenschaften von Frames erläutert werden. Mit Framing verbinden wir viele verschiedene Ideen und Bedeutungen von bestimmten Worten und damit auch von verschiedenen Sachverhalten. Frames in der Politik könnte man nach der Kognitionswissenschaft23

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lerin Elisabeth Wehling (2016) als „in aller Regel ideologisch und selektiv […]“ (ebd.: 42) bezeichnen: „Sie heben bestimmte Gedanken hervor und lassen andere gedanklich unter den Tisch fallen. Das ist ein Problem für die Politik und eine Herausforderung für jeden Bürger, denn kein Frame stellt eine objektive und allumfassende Abbildung politischer Fakten und ihrer Deutung dar.“ (ebd.)

Eine weitere Notwendigkeit der ausführlichen Erläuterung von Frames entspringt der Tatsache, dass Menschen nicht, wie wir glauben, aufgrund von Faktenlagen, sondern aufgrund von Frames ihre sozialen, politischen und ökonomischen Entscheidungen treffen (Wehling 2016: 45). Lediglich rund zwei Prozent unseres Denkens sind tatsächlich bewusste Vorgänge (ebd.). Darüber hinaus ist es notwendig, sich des selektiven Charakters von Frames zu nähern. Frames heben hervor, „indem sie ihnen eine kognitive Bühne bereiten und blenden andere Gegebenheiten aus, indem sie ihnen keine Rolle zuweisen, dass auf diese Bühne gespielt wird.“ (ebd.: 28) Doch wie kann Sprache manipuliert werden und wie manipuliert Sprache selbst? Und was bedeutet dies wiederum für politisches Denken und Handeln? Eine Antwort auf diese Frage finden wir zum Beispiel bei dem Begriff Steu24

erlast. Hiermit werden bestimmte Attribute assoziiert und dem Wort wird eine ideologische Prägung zugeschrieben. Für viele Bürger sind Steuern eine Last, der Staat saugt den Bürger, zugespitzt formuliert, aus. Mit dieser Interpretation von Steuern werden wir kontinuierlich konfrontiert, wie aus verschiedenen Artikeln diverser Tageszeitungen ersichtlich wird. Beispielsweise der Titel der Zeitung Welt: „OECD-Studie: Deutschland bei Steuerlast auf Rang drei“ oder: „Nichts ist ungerechter als die Steuerlast“ SPIEGEL ONLINE vom 12.04.2016; oder aus der Süddeutschen: „Kalte Progression - So steigt die Steuerlast der Deutschen“ von Guido Bohsem. Wenn man nun das Wort „Steuern“ mit Verben verbindet, die ebenfalls bedeutungstragend sind, kann man das Wort in einen neuen Frame bringen. Zum Beispiel in Verbindung mit dem Verb zahlen: Es deutet darauf hin, dass der Bürger eine Art Kunde des Staates, also ein Dienstleister ist. Wenn man nun aber über Steuer spricht und die soziale Funktion des Wortes beleuchten wollte, würde man sich anderer Verben bedienen wie zum Beispiel beitragen, beisteuern, beteiligen. Diese Verben bringen die Sprecher in einen Frame, der soziales Handeln und soziales Miteinander impliziert (vgl. Wehling 2016: 84). All diese Aussagen liefern die moralische Interpretation, dass Steuern als Last zu sehen sind. Mit der Metapher Steuerlast kreiert man eine erfahrbare physische Last. Steuern werden negativ konnotiert. Wenn man nun von Steuerbefreiung


Sprache & Kognition

spricht, kann dieses Wort in einem neuen Frame positiv erfahren werden (vgl. Wehling 2016: 85). Die Wahl der Worte ist ausschlaggebend für die Wahrnehmung des Rezipienten. Bisher konnten wir Bürger als Nutzer, Steuern als Last und den Staat als Dienstleistungsunternehmen wahrnehmen. Eine andere Metapher ist die Steuerfalle. Der Begriff Steuerfalle ist ebenfalls in jeglichen Medien zu finden und ist ein weiteres Beispiel dafür, dass man mit einer bestimmten Wortwahl zum Ausdruck bringen möchte, dass Steuern den Bürger gefangen halten, ihn einengen und seiner Bewegungsfreiheit berauben (vgl. Wehling 2016: 93). Ein Frame, den man aus der Steuerfalle ableiten kann, ist die Steuerflucht. Was versteht man unter politischer Flucht? Der Frame der politischen Flucht umfasst verschiedene semantische Rollen. In der Regel gibt es eine politische Übermacht, der die geflüchtete Person wehrlos gegenübersieht. Es gibt ein Fluchtziel, einen Ort nämlich, der sicher ist und an dem der Geflüchtete Asyl findet. Wenn man die Rollen in diesem Frame nun metaphorisch besetzt, werden demokratisch beschlossene Steuergrenzen zur politischen Übermacht, die einer gesellschaftlichen Minderheit – zum Beispiel „den besonders vermögenden Mitbürgern oder den oberen Zehntausend“ – etwas Böses will. Derjenige, der sich diesen Gesetzen entzieht, wird zum Steuerflüchtling. Orte mit niedriger Besteuerung werden zum Steuerasyl (Wehling 2016: 94). Diese Interpretation wird in verschieden Debatten genauso benannt. Der FraOriginalfotos: wellcomecollection.org (CC BY)

me Steuerasyl ist sehr auffällig, da er Steuern nicht nur als Bedrohung sieht, er beinhaltet auch Schlussfolgerungen über die Art der Bedrohung. Asyl wird Geflüchteten gewährt, die in ihrem eigenen Staat verfolgt werden und deren Menschenrechte durch Handlungen wie Freiheitsberaubung, Folter und Tötung beraubt werden. Sie können nicht in ein anderes Land gehen, weil sie in ihrem Heimatland nicht genug erwirtschaften konnten oder es ihnen zu Hause nicht gefallen hat. Das Gewährleisten von Steuerasyl wird innerhalb dieses Frames zur menschlichen Pflicht (vgl. Wehling 2016: 95). Ein weiteres Beispiel, um politisches Framing in unserem Alltag darzulegen, ist das Thema Islam in Deutschland. Insbesondere folgender Frage geht Wehling diesbezüglich auf den Grund: In welchem Maße sind abwertende Einstellungen dem Islam gegenüber – auch unbewusst – durch unseren Sprachgebrauch bedingt? (vgl. Wehling 2016: 155) Einer der bekanntesten Bezeichnungen für diesen Diskurs ist die Islamophobie. Der Begriff Islamophobie wurde erstmals in den 1990er Jahren linkspolitischen Think Tank Runnymede Trust in England geprägt (Runnymede Trust 1994, 1997; Wehling 2016: 155). Heute ist der Begriff in vielen Diskursen zu finden. Besonders nach dem Attentat in Paris am 15. November 2015 wurde dieser in jeglichen Medien etabliert und gewann so auch linguistisch an Bedeutung, da er in mehr und mehr grammatikalischen Formen verwendet 25

philou.


wurde. Diese sprachliche Flexibilität sei Wehling zufolge ein Zeichen dafür, dass sich der Frame Islamophobie in unserer Gesellschaft etabliert habe (Wehling 2016: 157). Die Phobie aktiviert den Frame von Furcht. Semantischer Rollenverteilung zufolge sind Phobie-Patienten Opfer der Angststörung, an der sie leiden. Demnach sind Muslime die Angstauslöser oder diejenigen, die man meidet. Wer also an solch einer Phobie leidet, reagiert panisch und wenig zurechnungsfähig, was dazu führt, dass die unter der Phobie leidende Person keine Verantwortung für ihr Handeln trägt. Demnach passiert laut Wehling aufgrund der üblichen Verwendung des Konzepts Phobie Folgendes: „Eine gegen den Islam – und damit gegen die Muslime – gerichtete Haltung wird bagatellisiert und ein Stück weit legitimiert als der Natur des Auslösers geschuldet, hier der Natur der Muslime.“ (Wehling 2016: 157). Der Frame blendet Aspekte wie Herabwürdigungen, Ausgrenzung, Übergriffe und andere Formen sozialer und zwischenmenschlicher Aggression aus. Außerdem blendet er die Tatsache aus, dass weder „anti-muslimische Haltungen noch Verhaltensmuster aus einem Affekt heraus geschehen und nicht zuletzt den Umstand, dass Muslime nicht essentiell angsteinflößend und damit schuldhafter Auslöser einer Angstreaktion sind. Wehling betont, dass Der Begriff Islamophobie gefährlich sei, da er sich als klinische Angststörung ausgebe, aber tatsächlich islamfeindliches Denken sei und dieses sich nicht im Affekt vollziehe (vgl. ebd.: 159). Auch andere Debatten sind von Frames beeinflusst und geprägt, wie zum Beispiel das Thema Schwangerschaftsabbruch. Dieser wird in vielen Auseinandersetzungen mit Hilfe verschiedenster Frames als unmoralisch begreifbar gemacht: Ungewollte, ungeplante, unerwünschte Schwangerschaft. Drei Begriffe, die oftmals als Synonyme verwendet werden. Dabei bieten sie ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen: ungewollt und ungeplant implizieren, dass die Schwangerschaft nicht gezielt hervorgerufen wurde. Spricht man hingegen von einer unerwünschten Schwangerschaft, so wird ein Frame aktiviert, der das zukünftige Kind bewertet. Wenn sich das Wort unerwünscht auf eine Person bezieht, bedeutet das meist, dass diese Person nicht willkommen ist (vgl. Wehling 2016: 143). So auch bei dem Begriff Schwangerschaftsabbruch. Zunächst sollte man erwähnen, dass dieses Wort impliziert, dass es sich bei der Schwangerschaft um einen Prozess handelt, der bis zum Ende zu durchlaufen ist. Anhand dessen geht mit dem Begriff Schwangerschaftsabbruch einher, dass die Entscheidung des Abbruchs ein Versagen ist. Wie etwa ein Schulabbruch oder eine abgebrochene Mission (ebd.: 26

148). Der Begriff Schwangerschaftsabbruch unterstellt also, dass die Person, die sich gegen die Schwangerschaft entschieden hat, gescheitert ist. Frames haben einen selektiven, ideologischen Charakter. Sie bewerten politische und gesellschaftliche Ereignisse und Zustände aus einer bestimmten Perspektive heraus. Sobald sie einmal in unseren Köpfen aktiviert wurden, bestimmen sie – ohne dass wir es merken – unser politisches, sozial ökonomisches, gesellschaftliches Denken und Handeln. Wer also in einer politischen Debatte Stellung nehmen und seine eigenen politischen Positionen erläutern möchte, sollte sich Frames bedienen, die der eigenen Weltsicht entsprechen. Da es bei der Bedeutungsvielfalt unserer Sprache nicht so einfach ist, die „richtigen“ Worte zu finden, sollte die Bedeutung der jeweiligen ausgewählten Wörter reflektiert werden und welche Aussage damit einhergehen kann. Wichtig ist auch, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass es sich bei Frames um durch Sozialisation geformte Wissensbestände oder Denkmuster handelt. Wenn wir also meinen, etwas zu wissen, leiten wir das von unserer Wahrnehmung und Sinnerzeugung ab.  Δ

Wehling, E. (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einbildet – und daraus Politik macht. Köln: Halem. Weick, K. E. (1995): Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks. Trust, R. (1997): Islamophobia, a challenge for us all: Report of the Runnymede Trust Commission on British Muslims and Islamophobia. London.


Wissen &

Struktur Genealogie Methode, die die Genese einer Sache beschreibt, das heißt das Wie-und-in-welchem-Kontext-etwasentstanden-ist.

System nach Luhmann

Ein nach seiner eigenen Logik funktionierendes Gebilde, das darauf aus ist, sich selbst zu produzieren. Ein System ist Teil eines Ganzen, aus dem es sich löst, wenn seine eigene Komplexität zu groß wird, um von anderen Systemen verarbeitet zu werden.

Anything Goes

Wissenschaftstheoretischer Standpunkt nach Paul Feyerabend, dem zufolge methodischer Pluralismus herrschen soll. Wissensbestände aus jeglichem Wissenssystem (Religion, Mystik, sog. Pseudowissenschaften) sollen in Betracht gezogen werden.

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„Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor; Heiße Magister, heiße Doktor gar Und ziehe schon an die zehen Jahr Herauf, herab und quer und krumm Meine Schüler an der Nase herum – Und sehe, daß wir nichts wissen können!“ – J.W. Goethe (Faust 1828)

philou.


Kommentar

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“… von

SOFIA Eleftheriadi-Zacharaki Lehramt Germanistik/Anglistik

…lautet der schon oft zitierte Satz des Sokrates. Laut Cicero lässt er sich zurückführen auf seine Verteidigungsrede, seiner Apologie, vor dem athenischen Volksgericht, das ihn wegen Gottlosigkeit und verderblichem Einfluss auf die Jugend anklagte, ihn letztendlich für schuldig befand und zum Tode verurteilte.

Noch bis heute ruft die Paradoxie in diesem Satz Kopfkratzen bei manch einem hervor, der ihn zu hören bekommt. Denn wenn ich weiß, dass ich nichts weiß, weiß ich doch sehr wohl etwas: Ich verfüge über das Wissen meines Nichtwissens. Dieser Widerspruch geht darauf zurück, dass es sich um eine freie Übersetzung handelt. Vielmehr ließe sich die altgriechische Formulierung „οΐδα ούκ εἰδώς“ als „Ich weiß als Nichtwissender“ oder auch „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ übersetzen. Auf diese Weise beteuert Sokrates also nicht, dass er nichts wisse, sondern er hinterfragt das, was jemand zu wissen meint. Das Wissen über eben dieses Nichtwissen ist deswegen entscheidend, weil es nach Sokrates‘ Sicht die Grenzen des Wissens kenntlich macht. Das, was wir für wahr halten, kann jederzeit revidiert werden. Deshalb rät er uns, alles in Frage zu stellen. Denn indem wir Fragen stellen, geben wir unser eigenes Nichtwissen der Antwort auf die Frage zu. Laut Sokrates ist es eben das Wissen vom Nichtwissen, das das Erstreben von mehr Wissen anregt. Letztendlich ist eben dieser Satz das Fundament seiner beider Methoden: Der Elenktik und der Maieutik, bei denen er seinem Gegenüber im Dialog durch das Hinterfragen zum Wissen heranführt. Sokrates‘ Paradox zeigt auf, dass die Auseinandersetzung mit Wissen und Nichtwissen noch heute – mehr als 2000 Jahre später – aktuell ist. Heute ist der Begriff der Wissensgesellschaft in aller Munde. Neben der „Informationsgesellschaft“ ist dieser eine der populärsten Gesellschaftsdiagnosen der heutigen Zeit. In modernen wissensbasierten Gesellschaften, wie der unseren, haben wir es mit einem massiven Zuwachs an kollektiven Wissensbeständen zu tun. Hierbei ist der Anstieg der Zuwachsraten dynamisch, denn das erworbene Wissen vergrößert sich in immer kürzeren Abständen. Zudem ermöglicht die

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Wissen & Struktur

Bereitstellung von Inhalten über das Internet ein historisch noch nie da gewesenes Maß, sich Wissen anzueignen und am wachsenden Wissenskollektiv teilzuhaben. In der Wissensgesellschaft sind es nicht wie zuvor Arbeit, Boden und Rohstoffe, die als Produktionsfaktoren gelten, sondern Wissen und seine Verwertung. Begleitet wird die Entwicklung zur Wissensgesellschaft von einem wirtschaftlichen Strukturwandel beispielsweise durch eine intensivere Arbeitsteilung. So wird Wissen heute als grundlegendes Kapital betrachtet, das die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse prägt und somit als Motor der Gesellschaft dient. Allerdings geht mit der Wissensproduktion eine Steigerung des Ausmaßes an Nichtwissen einher. Das bewusste Nichtwissen steigt mit jedem Schritt des Wissenszuwachses. Eine Beschäftigung mit diesem Thema offenbart, wie groß die Unklarheiten über das Nichtwissen sind. Es stellt sich die Frage: Gibt es so etwas wie Nichtwissen überhaupt? Wenn wir uns doch bewusst darüber sind, etwas nicht zu wissen, haben wir es dann nicht vielleicht eher mit einem Nochnichtwissen zu tun? Theoretisch wäre es möglich, sich das, was man noch nicht weiß, kurzerhand anzueignen. Wäre dann ein grobes Wissen über eine Thematik oder ein falsches Verständnis davon ein Nichtrichtigwissen oder Nichtsoganzwissen? Wie verhält es sich mit Irrtümern und Unwissenheiten, die doch auch aus der Abwesenheit von Wissen entstehen? Es wäre überheblich und ignorant zu behaupten, man würde alles wissen, doch schließt das Wissen darüber, dass man etwas zwar beim Namen kennt, sich aber über den Sachver-

halt nicht genau auskennt, Nichtwissen als Phänomen aus? In der Literatur gehen die Meinungen dazu auseinander. Aus Sicht der Soziologie produziert die Wissensgesellschaft insbesondere Nichtwissen, da aus jeder Antwort eine neue Frage entsteht und deswegen neues Nichtwissen aus jeder Wissensproduktion hervorgeht. Während im Allgemeinen zwischen den zwei Polarisierungen Wissen und Nichtwissen differenziert wird, geht der Soziologe Peter Wehling auf weitere Unterscheidungsdimensionen ein, die sich graduell zwischen den zwei extremen Polen, dem Wissen und Nichtwissen, ergeben. Im Gegensatz zu Soziologen wie Michael Smithson, der die Ansicht vertritt, dass die oft mit Nichtwissen assoziierten Begriffen: Irrtum, Unwissenheit oder Risiko Formen des Nichtwissens sind, argumentiert Wehling, dass sie nicht als Synonyme dessen verwendet werden können. Irrtümer, beispielsweise, können nach Wehling als eine Form des Wissens angesehen werden. Unwissenheit stellt eine unsichere Art des Wissens dar; schließlich: damit ein Risiko als solches überhaupt erkannt werden kann, muss ein bestimmtes Vorwissen vorausgehen. Inspiriert durch diese Schlussfolgerung, unterscheidet Wehling in seinem Buch Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens drei verschiedene Formen von Nichtwissen: Wissen des Nichtwissens, Intentionalität des Nichtwissens und die zeitliche Stabilität von Nichtwissen. Die erste dieser Unterscheidungsdimensionen nimmt Bezug auf die Art und das Maß des Nichtwissens. Beispielsweise lässt sich unterscheiden, ob es sich um eigenes oder fremdes Nichtwissen handelt und inwiefern es bewusstes also bereits wahrgenommenes Nichtwissen oder

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philou.


doch eher unbewusstes, nicht wahrgenommenes Wissen ist. Unter letzterem lassen sich beispielsweise menschliche Vermutungen oder Ungewissheiten einordnen. Wehlings zweite Unterscheidungsdimension zur Intentionalität des Nichtwissens geht der Möglichkeit eines gezielten Erzeugens bzw. der Beibehaltung von Nichtwissen nach. Ob beispielsweise ein Kollektiv oder individuelle Personen mit Absicht Nichtwissen schaffen oder aufrechterhalten wollen oder dies unbeabsichtigt geschieht. Darin lässt sich die Verdrängung von traumatischen Ereignissen, die als psychischer Schutzmechanismus agiert und belastende Erinnerungen in das Unterbewusstsein verschiebt, verstehen. Generell lässt sich durch diese Dimension untersuchen, inwiefern dem Akteur bewusst bzw. unbewusst war, welche Folgen sein Handeln hatte.

dadurch festhalten, dass Nichtwissen nicht zwangsläufig als ein Defizit betrachtet werden sollte, das es zu beseitigen gilt. Selbst die bestinformierten Experten verfügen über das Wissen, das ihr Fachgebiet umfasst und mögen in anderen Gebieten nur Laien sein. Sokrates‘ Worte „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ haben daher – bis heute – nicht an Bedeutung verloren. Schließlich ist unser Wissensdurst über Dinge und Sachverhalte, die uns unbekannt sind, der Stachel, der uns zum Erwerb von neuem Wissen antreibt. Δ

Wehling hebt seine dritte Unterscheidungsdimension, die zeitliche Stabilität von Nichtwissen, besonders hervor, bei der es um die zeitliche Dauer und Stabilität von Nichtwissen geht und darum, ob es überhaupt möglich ist, Nichtwissen in Wissen zu verwandeln. In dieser Dimension differenziert er zwischen dem zeitlich begrenzten Noch-Nicht-Wissen und dem unüberwindbaren Nicht-Wissen-Können. Das Noch-Nicht-Wissen umfasst schlichtes bereits bekanntes Nichtwissen, das durch eine Auseinandersetzung mit der Thematik zu Wissen umgewandelt werden kann, während das Nicht-Wissen-Können nach Wehlings Definition entweder spät oder überhaupt nicht zu Wissen umgewandelt werden kann. Wehlings Auseinandersetzung mit dem Phänomen macht die Komplexität von Nichtwissen erst deutlich und zeigt auf, wie viele unterschiedliche Formen Nichtwissen einnehmen kann. Zu beachten ist, dass Wehlings verschiedene Dimensionen erst nachträglich zur Rate gezogen werden können, um zu erfassen, woran das Nichtwissen in vorhergegangenen Situationen lag: Ob es wahrgenommenes Nichtwissen oder nicht wahrgenommenes Wissen war, ob es absichtliches oder unabsichtliches Erzeugen bzw. Schaffen von Nichtwissen war und ob es sich entweder um ein Noch-Nicht-Wissen oder Nicht-Wissen-Können gehandelt hat. Dies führt zu der Erkenntnis, dass unsere sogenannte Wissensgesellschaft viel stärker mit Nichtwissen konfrontiert ist, als vielleicht anfangs gedacht. Durch Fortschritt verschwindet Nichtwissen nicht einfach, vielmehr gewinnt es dadurch noch mehr an Bedeutung. Für uns lässt sich 30

Literaturempfehlungen Smithson, M. (1989): Ignorance and Uncertainty. Emerging Paradigms. New York, Berlin, Heidelberg: Springer Verlag. Wehling, P. (2004): Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß? Umriss einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens. S. 35–105. In: Böschen, S./ Wehling, P. (Hrsg.): Wissenschaft zwischen Folgeverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspektiven der Wissenschaftsforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wehling, P. (2006): Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.


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Artikel

Umfragen als Wissensquelle? E ine s ys t e mthe o r e t i sc h e Pr o b l e ms k i zze

Von Magnus Tappert Gesellschaftswissenschaften

Spätestens seit dem Brexit und der letztjährigen US-amerikanischen Präsidentschaftswahl ist die Prognosefähigkeit von Umfragen zu einem öffentlichen Thema geworden. Im Vorlauf der vergangenen Bundestagswahl mehrten sich in deutschen Medien zudem die Debatten über mögliche demokratiegefährdende Effekte demoskopischer Erhebungen. Diese Bedenken sind jedoch keineswegs neu, sondern werden bereits seit den 60er-Jahren geäußert (vgl. Donovitz 1999: 15). In diesem Artikel soll unter Zuhilfenahme systemtheoretischer Ansätze der Versuch unternommen werden, das Zustandekommen dessen zu reflektieren, was wir, besonders im Hinblick auf demokratische Wahlen, im Alltag als „Wissen“ über gesellschaftliche Zustände akzeptieren. Wissen ist wichtiger Bestandteil eines normativen Demokratieverständnisses, da den Wählenden zugestanden wird, unter der Festsetzung eigener Präferenzen entweder direkt über inhaltliche Fragen zu entscheiden oder durch die Wahl repräsentativer Elemente die Bearbeitung umfassender Problemkomplexe zu strukturieren. Das demokratische Entscheidungen beeinflussende Wissen lässt sich in mindestens drei Arten unterteilen: So benötigt es neben dem praktischen 32

Wissen über die genauen Abläufe als Voraussetzung der Teilnahme auch ein theoretisch-inhaltliches Wissen zur Bewertung der zur Wahl stehenden Alternativen. Insbesondere in einer parlamentarischen Demokratie kommt mit Blick auf mögliche Koalitionen oder Regierungs- und Oppositionsverhältnisse das situative Wissen hinzu, das vermeintlich aus Umfragen gewonnen werden kann. Im Gegensatz zu den erstgenannten handelt es sich bei dieser Wissensrubrik jedoch nicht um eines, das einem idealistischen Demokratieverständnis zufolge Einzug in Wahlentscheidungen halten sollte. Doch in Zeiten, in denen die Parteibindung der Wähler_innen abnimmt und die Komplexität der zu behandelnden Probleme das Wissen jedes Normalbürgers/jeder Normalbürgerin übersteigt, ist die Zunahme des Phänomens des taktischen Wählens keine Überraschung. Statt klare inhaltliche Entscheidungen zu treffen, lässt sich der/die Wählende auf das taktische Spiel ein, das sich aus der Aufgabe, Problemlösungsprozesse vorzuzeichnen, ergibt. Zu den Grundannahmen der systemtheoretischen Gesellschaftstheorie zählt die funktionelle Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Subsysteme. Es wird angenommen, dass es anhand


Wissen & Struktur

verschiedener Aufgaben zu einer Verselbstständigung der für die Problemlösung zuständigen Teilbereiche der Gesellschaft kommt. Die sich etablierenden Systeme bearbeiten die sich ihnen stellenden Probleme anhand einer ihnen je eigenen Logik. Durch diese autopoietische Schließung ist ein systemübergreifendes und zielgerichtetes Eingreifen unmöglich: Selbst die Politik kann andere Systeme nicht steuern, sondern lediglich durch erzeugten Output, beispielsweise in Form von Gesetzen, für einen Input sorgen, den diese anderen Systeme ihrer Eigenlogik folgend und im Vordergrund der systemintern erzeugten Komplexität verarbeiten. Bedenkt man nun, dass die meisten Umfragen von privatwirtschaftlichen Unternehmen durch wissenschaftliche Verfahren erhoben und anschließend nach massenmedialer Logik verbreitet und je nach Rezipient_in unterschiedlich aufgenommen werden, wird klar, dass es bei einer dermaßen heterogenen Selektions- und Motivlage schwierig ist, tatsächlich von Wissen zu sprechen. Niklas Luhmann folgend handelt es sich auch bei den Massenmedien um ein autopoietisches Subsystem, dessen Aufgabe darin besteht, Informationen – etwas Neues, in Nicht-Information – etwas Bekanntes, zu wandeln (vgl. Luhmann 1995: 29). Die Funktion der Massenmedien besteht demnach darin, durch stetige Selbstbeschreibung der Gesellschaft ein im bestimmten Maße fluides Gedächtnis zu erhalten, indem durch ständige Informationstransformation im Vordergrund bisher verarbeiteter Informationen

Originalfoto: Gage Skidmore via wikimedia commons (CC BY-SA 3.0)

sich durchziehende Schemata erhalten bleiben, während andere Informationen, an die nicht weiter angeschlossen wird, vergessen werden. Anhand verschiedener Programme zur Informationsnegierung lassen sich Nachrichten, Werbung und Unterhaltung unterscheiden (vgl. ebd.: 37f.). Im Rahmen dieses Artikels ist der Programmbereich der Nachrichten von Interesse. Dort zeigt sich eine besonders spannungsvolle Konstellation: Anders als bei Unterhaltung oder Werbung erwartet der/die Rezipient_in hier einen bestimmten Wahrheitsgehalt der Information, jedoch arbeiten auch Nachrichten nach der Primärlogik Information/Nicht-Information (vgl. ebd.: 52). Die Unterscheidung Wahrheit/Nicht-Wahrheit wird erst bedeutsam, wenn das Maß an Ungleichgewicht zwischen diesen Polen existenzbedrohend wird, da die Rezipient_innen die Aufnahme von Informationen verweigern und das System seine Funktion somit nicht mehr erfüllen kann. Solange genügend Menschen Nachrichten als Informationsquelle akzeptieren, stellen Unwahrheiten lediglich ein „moralisches“ Problem der Verantwortlichen, nicht jedoch ein funktionelles Problem des gesamten Systems dar. Was die Massenmedien als Information ansehen, unterliegt verschiedenen Selektoren. So werden u. A. Quantitäten bevorzugt, da sie mit hoher Wahrscheinlichkeit anschließende Informationen mit sich bringen: Sie ändern sich aus unterschiedlichsten Gründen ununterbrochen, so dass die entstehende Differenz eine neue Information

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philou.


hervorbringt (vgl. ebd.: 42ff.). Dies macht klar, wieso sich Umfragen – insbesondere Wahlumfragen, trotz verbreiteter Zweifel hinsichtlich ihrer formalen Qualitäten, einer so weitreichenden Publikation erfreuen. Eine unter Betrachtung der Formalien von Umfragen keineswegs untypische oder aussagefähige Veränderung von wenigen Prozentpunkten wird massenmedial verbreitet und automatisch vor dem Hintergrund der Ereignisse der letzten Wochen oder Tage interpretiert. Neben den Medien hat jedoch auch das politische System Interesse an demoskopischen Erhebungen. Während in wirtschaftlichen Konkurrenzsituationen der Markt und in der Wissenschaft die Publikationen ermöglichen, sich selbst anhand der Beobachtung anderer zu beobachten, bringt das politische System Geschichten hervor, in denen Politiker_innen und Parteien, welche die umkämpfte Ressource Wahlstimme benötigen, miteinander interagieren und strukturelle Einbindungen der Akteure in den Hintergrund treten (vgl. Luhmann 2000: 292). An dieser Stelle ist es auf die Weiterverarbeitung des eigenen Outputs durch die Massenme-

dien angewiesen. Diese beanspruchen, der öffentlichen Meinung Raum zu geben, anhand derer die Politik ihre Selbstbeobachtung vollziehen kann. Dies erklärt, warum die publizierten demoskopischen Erhebungen überwiegend von Medien- und Politinstitutionen in Auftrag gegeben werden: Durch ihre quantitative Natur weisen sie eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit zukünftiger Abweichung auf – nicht gleichzusetzen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit extremer Abweichung. Dieses Potenzial zukünftiger Informationsgenerierung ermöglicht vielfältige Anschlussmöglichkeiten zur medialen Kommunikation, in der sich im besonderen Maße die Politik zu spiegeln versucht. Medien und Politik sind in essentiellem Maße aufeinander angewiesen was impliziert, dass Medieninhalte und ihre Verbreitung eben nicht intentional durch die Politik gelenkt werden können. Die bereits von Luhmann erwähnte Beschleunigung massenmedialer Kommunikation und das daraus hervorgehende Bedürfnis nach schnellerer Neuproduktion von Informationen hat durch die Digitalisierung ein zuvor

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kaum absehbares Ausmaß angenommen. Während Tageszeitungen früher darum rangen, bestimmte Inhalte einen Tag vor der Konkurrenz zu veröffentlichen, um so die Absatzzahlen in die Höhe zu treiben, liefern sich die Onlineredaktionen großer Zeitungen heute einen Wettstreit, in dem es auf wenige Stunden ankommt. Bedenkt man, dass für Onlinemedien Klicks gleichbedeutend mit Geld sind und jenes Medium, welches eine Information zuerst publiziert, die besten Chancen auf hohe Klickzahlen hat, wird deutlich, dass das Sprichwort „Zeit ist Geld“ an dieser Stelle in beispielloser Genauigkeit zutrifft. Man spricht, und tat dies auch bereits vor der Digitalisierung, vom sogenannten Horserace-Journalismus. Jedoch bedarf es nicht das Aufrufen eines Artikels, sondern bereits beim, insbesondere für Online-Leser_innen unvermeidlichen, Überfliegen von Über- und Unterüberschriften entsteht durch die Aneinanderreihung vieler Informationen ein zusammenhängendes Bild. So werden auch bei ursprünglichem Nicht-Interesse an der Information die angeblichen Schwan-


Wissen & Struktur kungen der quantifizierten öffentlichen Meinung zur Kenntnis genommen und, mal mehr mal weniger bewusst, im Kontext aktueller politischer Ereignisse interpretiert, was wiederum auf die eigene Meinungsbildung einwirkt. Mit der nun naheliegenden und nicht selten geäußerten Verdammung demoskopischer Erhebungen sollte man sich jedoch zurückhalten. Denn neben vielfältigen negativen Folgen sind auch einige positive Effekte denkbar. So können sie beispielsweise extreme gesellschaftliche Dynamiken eindämmen, indem sie die Ansprüche gewisser Gruppen, im Namen einer Mehrheit zu sprechen, objektiv zurückweisen und der tatsächlichen Mehrheit das eventuelle Gefühl nehmen, den Boden unter den Füßen zu verlieren (vgl. Deininger/ Kelberger 2017). Die massenmediale Selbstbeschreibung einer Gesellschaft nimmt zwar bereits kleinste Schwankungen auf, da sie für das System gut verwertbar sind, jedoch zeigt sie im operativen Vollzug auch deren Grenzen auf. Es lässt sich demnach kein eindeutig positiver oder negativer Einfluss von

Umfragen auf demokratische Prozesse annehmen. Jedoch sollte die Wichtigkeit der seit der Bundestagswahl wieder leicht zurückgegangenen Debatte nicht unterschätzt werden. Auch ohne alle, teils sehr strittigen, Implikationen der Systemtheorie zu akzeptieren, scheint sie in diesem Fall einen möglicherweise eigenwilligen, doch fruchtbaren Blick auf den Problemkomplex zu ermöglichen: Es braucht, um abseits systemtheoretischer Analysen normativ-demokratische Ideale, beispielsweise jenes der möglichst selbstständigen Meinungsbildung, zu wahren, eine Sensibilisierung aller beteiligten Instanzen für die Komplexität der ineinander verschränkten Prozesse. Sowohl die Demoskopie-Institute, die einzelnen Redaktionen als auch die Leser_innen müssen sich im Klaren darüber sein, welche unabsehbaren Auswirkungen die Veröffentlichung Objektivität in Anspruch nehmender Zahlen haben kann. Es handelt sich eben nicht um Wissen oder Nicht-Wissen, sondern um eine notwendigerweise kurzlebige und stets wandelbare Selbstbeschreibung eines komplexen Gesellschaftssystems anhand der Selektion und anschließenden Transformation

von Informationen. Eine langsamer getaktete und detailliertere Veröffentlichung qualitativ höherwertige Erhebungen und Zeiträume, in denen sie komplett untersagt sind – zum Beispiel in den Tagen und Wochen vor der Wahl –, wären im Gegensatz zu einem Komplettverbot, wie es manche fordern, wünschenswert. Denn eine unmittelbar an das sogenannte Kanzlerduell anschließende Veröffentlichung einer auf Grundlage einer kleinen Stichprobengröße bereits zur Halbzeit des Duells erhobenen „Umfrage“, wie es bei Anne Will geschah, ist sicher vieles, aber nicht demokratiefördernd. Δ

Deininger, R./ Kelnberger, J. (2017): Wahlen nach Zahlen. In: Sueddeutsche. Online verfügbar unter: http://www. sueddeutsche.de/politik/umfragen-zurbundestagswahl-wahlen-nach-zahlen1.3657335?reduced=true [Zugriff: 19.12.2017]. Donovitz, F. (1999): Journalismus und Demoskopie. Wahlumfragen in den Medien. Berlin: VISTAS Verlag. Luhmann, N. (1995): Die Realität der Massenmedien. 5. Auflage (2017). Wiesbaden: Springer. Luhmann, N. (2000): Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

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Artikel

Unser täglich a priori Ma cht, Reflexivität u n d de r U mg an g mit d em W issen

Von JaN Korr Politikwissenschaften

Scientia est potenta – Wissen ist Macht. Der beliebte Aphorismus des englischen Philosophen Francis Bacon bildet eine Redensart, die in der Neueren Geschichte eine historisch bislang konventionelle Nutzung erfahren hat. So suggeriert der Ausdruck, dass Erkenntnis die Verfügbarkeit und damit Anwendung von Einfluss ermöglicht: Gesellschaftliches Wissen und Machtverhältnisse bedingen sich demnach gegenseitig. Getragen wird dieses Verhältnis durch den fortschreitenden rationalistischen Erkenntnisgewinn der Wissenschaft: Ein reflexiver Betrachtungsansatz der Wissensgeschichte und des eigenen Wissens im Kontext von Macht. Erkenntnis als Ordnung

Bacons ursprüngliche Aussage bietet eine Grundlage für diese Hinterfragung: Nam et ipsa scientia potestas est – Das Wissen [oder: die Wissenschaft] an sich ist Macht (vgl. Bacon 1825: 219). Die lateinische Formulierung offenbart eine definitorische Gleichsetzung von Wissen und Wissenschaft. Sie leitet zur allgemeingültig aner36

kannten Wissensproduktion durch die Wissenschaft über. In ihrem Selbstverständnis ist die wissenschaftliche Methodik – basierend auf Faktizität und Erkenntnis – ein kausales System und eine der tragenden gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen. Das abgeleitete Wissen wird darin gesammelt, tradiert und baut aufeinander auf. Die Wissenschaft ist also per se auch immer eine Wissensgeschichte. Die vorliegende kritische Betrachtungsweise soll vor allem die Geschichtlichkeit von Erkenntnis – also der Geistesgeschichte – thematisieren. So gibt es eine Denkströmung, die sich seit der Aufklärung als gesellschaftlicher „Commonsense“ (Spinner 1977: 33) etabliert hat: Der Rationalismus. Durch seine „erkenntnistheoretisch[e] Eigenart [und] ideengeschichtlich[e] Bedeutung“ (ebd.) ist er tief mit der Wissensgeschichte verbunden. Somit ist der Rationalismus denktheo­ retischer Baustein der staatstragenden Ordnung. Doch was bedeutet das für unser Geschichts- und Wissensverständnis? Und welchen Einfluss hat er auf gesellschaftliche Machtverhältnisse?


Wissen & Struktur

Dogma der Ratio – Ein Kontinuum?

Der Siegeszug des Rationalismus ist verwoben mit der Tradition der Aufklärung (vgl. Grössing/ Mühlenberger 2012: 48ff.). Frei nach dem Prinzip: Verum quia factum – das Wahre ist das Geschaffene (vgl. Spinner 1977: 8), bauen geisteswissenschaftliche Urteile und Aussagen auf nicht-empirischen Erkenntnisprozessen auf. Der Philosoph und Wissenstheoretiker Helmut Spinner bezeichnet diese Herangehensweise als eine „im Zwielicht von Erkenntnis und Entscheidung“ (ebd.: 34) getroffenen Annahme. „Wahrheit“ ist nicht einfach gegeben, sie ist bis zu einem gewissen Grad auch immer Entscheidung und Bewertung. Dieses normativ philosophische Postulat bildet die Grundlage eines prägenden Verständnisses von Geistesgeschichte: Annahme aufbauend auf Annahme. Wissen und Vernunft erheben danach Anspruch auf Neutralität und Naturgegebenheit, sind aber tatsächlich immer sukzessiv aus ihrem zeitgeschichtlichen Kontext geboren und von Werturteilen beeinflusst. Diskontinuität vs. Kontinuität

Doch verliert die Geistes- und Wissensgeschichte nicht eine Dimension ihrer reflexiven Kritikfähigkeit, wenn sie einem linearen Prozess folgen sollte? Insbesondere postmoderne Philosophen des 20. Jahrhunderts wie Gaston Bachelard und Michel Foucault kritisierten dieses Verständnis von kontinuierlicher Geschichte. Bachelard formuliert, dass es „Brüche“ – also enorme Veränderungen – innerhalb der Wissensgeschichte gebe, die nicht einfach ex nihilo erscheinen würden. Beide Philosophen vertreten die Auffassung: Wissenschaft beobachtet nicht nur, sie konstruiert auch (vgl. Rouff 2009: 85). Diese Brüche oder „Diskontinuitäten“, wie Foucault sie bezeichnet, sind eine Schnittstelle machttheoretischer Analysen. „Die zwei Grundbegriffe der Geschichte, so wie man sie heute schreibt, sind nicht länger die Zeit und die Vergangenheit, sondern die Veränderung und das Ereignis.“  (Foucault 2001: 337)

Durch fundamentale Änderungen verschiedener Wissensformen, wie der Biologie, politischer Ökonomie, Psychiatrie und Medizin, hat sich auch die damit verbundene wissenschaftliche Sprache verändert. Die Entwicklungsge-

schichte dieser Disziplinen hat im 19. und 20. Jahrhundert unvorhersehbare Entwicklungsschübe durchlaufen (vgl. Rouff 2009: 88ff.). Hierbei geht es aber nicht nur um die Beschreibung von „inhaltlichen Korrekturen, Brüchen oder Paradigmenwechseln“ (Foucault 2003: 190), sondern um den Wandel der Bedeutung von Sprachkategorien. Diese fasst Foucault als Diskurse zusammen. Anhand seiner methodischen Diskursanalyse – einer „Beschreibungsmethode“ (Sarasin 2016: 98) – versucht er, die historische Perspektive und damit auch die Genealogie von Machtverhältnissen zu ergründen (vgl. ebd.: 100f.). Diskursanalyse: Ein deskriptiver Ansatz

In seinem Werk Die Ordnung der Dinge (1974) elaboriert Foucault diese Methodik, mit der er das Verhältnis von Wissen und Macht als gesamtgesellschaftliches Ordnungssystem ergründet. Die Analyse abstrahiert im Wesentlichen die Konstruktion und „gesellschaftlich[e] Unterhaltung von komplexen Wissenssystemen“ (Ruoff 2009: 92). Anhand des sprachlichen Wandels können die formbaren „Wahrheiten, die sich innerhalb von Denksystemen in der Geschichte formieren“ (ebd.), deskriptiv herangezogen werden. Der Signifikant ist hierbei aber nicht die Sprache, sondern es sind die Wörter oder „Zeichen“ (Sarasin 2016: 102). Sie transportieren neben ihrer sprachlichen Bedeutung vor allem eine inhaltliche Gliederung für die Gesellschaft. So fasst der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger Foucaults Analyse treffend zusammen: „Zwar bestehen die Diskurse aus Zeichen; aber sie benutzen diese Zeichen für mehr als nur zur Bezeichnung der Sachen“ (Rheinberger 2001: 27). Vielmehr würden die Diskurse Zeichen benutzen, „um Ordnung zu stiften, um Grenzen des Sagbaren zu errichten und um Objekte des Wissens bzw. ‚epistemische Dinge’ hervorzubringen“ (ebd.). Sprache schafft Wahrheit und Sprache konsolidiert Machtund Ordnungsverhältnisse. Beispiele für diese Annahme sieht Foucault in der Geschichte der Psychologie, Biologie und Sexualforschung. Mit der diskursiven Herausbildung von binären Urteilen in Vernunft und Unvernunft, normal und anormal sowie legal und illegal, kritisiert Foucault den repressiven Umgang mit zeitgenössischen Phänomenen, auf die die Wissenschaft immer eine rational-legitimierte Antwort zu haben scheint (vgl. Foucault 2005: 127ff.). 37

philou.


Wissenskritik = Wissenschaftskritik?

„Die Sprache zu erkennen, heißt nicht mehr, sich der Erkenntnis selbst möglichst stark zu nähern, sondern lediglich, die Methoden im allgemeinen auf ein besonderes Gebiet der Objektivität anzuwenden.“  (Foucault 1974: 361)

Mit dieser radikalen Bewertung der geisteswissenschaftlichen Diskurse zeichnet Foucault ein Bild des Zweifels vom Wissenssystem. Sprache hat somit eine selbstreferentielle Dimension, sie ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Ordnung und vermag deswegen Macht zu erzeugen oder zu erhalten. Aber reduziert sich seine Analyse vom Wissenssystem lediglich auf eine Ablehnung der Wissenschaft als sich selbst folgender Dogmatik und Reproduktion? Der Wissenschaftstheoretiker Michael Ruoff verneint diese Auffassung über Foucault: „Es wäre nun völlig falsch, aus dem Bruch ein universales Prinzip machen zu wollen.“ (Ruoff 2009: 87). Er ist der Ansicht, dass Foucault den Kontinuitätsbegriff nicht als zwangsläufig negativen Prozess gedeutet hat (ebd.). Zwar bekenne Foucault, dass etablierte Wissensstrukturen restriktive Machtverhältnisse bedingen können – sie aber nicht zwangsläufig erzeugen müssen. So schreibt Foucault in Überwachen und Strafen (1992): „Macht ist nicht so sehr etwas, was jemand besitzt, sondern vielmehr etwas, was sich entfaltet; nicht so sehr das erworbene oder bewahrte Privileg einer herrschenden Klasse, sondern vielmehr die Gesamtwirkung ihrer strategischen Positionen […].“  (Foucault 1992: 38).

Viel wichtiger sei es, gültige Ordnungsstrukturen – wie das Geflecht von Wissenschaft und damit verbundene Methodik und Sprache – auf den Prüfstand zu stellen (vgl. Ruoff 2009: 126). Nur durch die historische Auseinandersetzung mit Diskursen und Diskontinuitäten, als „Determinanten“ (Foucault 2001: 841) der Geschichte des Wissens und der Humanwissenschaften, kann eine aktive Reflexivität von Machtstrukturen gefördert werden. A priori und die ganz eigene Kritik

Was bedeutet diese „Diagnostik der Gegenwartsgesellschaft“ (Foucault 2005: 320) für den Umgang mit unserem Wissen? Mit Foucaults Ansatz eines seriellen Geschichtsverständ38

nisses, kann eine Sensibilisierung des Wissensbegriffs gefördert werden – weg vom rationalistischen Impuls des Absoluten und Kausalen. Gerade durch den Fokus auf die Genese von Wissensstrukturen werden ebendiese Strukturen prozessual und nicht mehr starr. Sie werden beweglich und veränderbar, womit die Genealogie von historischen Brüchen gleichsam zur Kritik an Machtstrukturen wird. Das eigene Bewusstsein soll daher für eine kritische Betrachtungsweise außerhalb der eigenen Ordnung – Wissen – gedacht werden; ein Vorschlag zur Reflexion des Dogmas der Vernunft, der gegen das verinnerlichte a priori zum Gedankenspiel einlädt. Ob man Foucaults Geschichtsverständnis aufgreift oder die erkenntnistheoretische Tradition der Aufklärung als linearen Prozess erachtet – an den Leser seiner Texte stellt sich ein Appell: Hinterfrage die Selbstverständlichkeit des Wissens!  Δ


Wissen & Struktur

Bacon, F. (1825): Meditationes Sacrae. In: Montagu, Basil (Hrsg.): The works of Francis Bacon, Lord Chancellor of England. Bd. 1. London: William Pickering. S. 203–220. Foucault, M. (1974): Die Ordnung der Dinge – Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Foucault, M. (1992): Überwachen und Strafen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Foucault, M. (2001): Dits et Ecrits. Schriften 1954–1969, Bd. 1 GA. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Foucault, M. (2003): Dits et Ecrits. Schriften 1954–1969, Bd. 3 GA. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Foucault, M. (2005): Analytik der Macht. Daniel Defert; Francois Ewald (Hrsg.): Frankfurt am Main: Suhrkamp. Grössing, H./ Mühlenberger, K. (2012): Wissenschaft und Kultur an der Zeitwende, Renaissance-Humanismus, Naturwissenschaften und universitärer Alltag im 15. und 16. Jahrhundert. Reihe: Schriften des Archivs der Universität Wien, Bd. 15. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

39

Rheinberger, H-J. (2001): Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas. Göttingen: Wallstein Verlag. Ruoff, M. (2009): Foucault-Lexikon. Entwicklung – Kernbegriffe – Zusammenhänge. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag. 2. Auflage. Sarasin, P. (2016): Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag. 6. Auflage. Spinner, H. F. (1977): Begründung, Kritik und Rationalität – Zur philosophischen Grundlagenproblematik des Rechtfertigungsmodells der Erkenntnis und der kritizistischen Alternative. Reihe: Wissenschaftstheorie Wissenschaft und Philosophie, Bd. 12. Wiesbaden: Springer.

philou.


Freitext

Der Baum des wissens Von

Cristina Garcia Mata Technik-Kommunikation

Wir leben in einer Zeit der Information und der Desinformation. Mit nur einem Klick erreichen uns tausende von Daten, Fakten, Auskünfte und Nachrichten über alle möglichen Themen, die wir uns vorstellen können. Ein derartiges Spektrum an Wissensquellen hat die Menschheit noch nie zuvor zur Verfügung gehabt. Gleichzeitig besteht auch die Gefahr, dass die Vielfalt des Wissens und ihrer Quellen ausgenutzt werden. Die Digitalisierung und vor allem das Internet haben nicht nur unser Leben verändert, sondern auch die Art und Weise, wie wir an Wissen gelangen. Doch bis vor weniger als 50 Jahren befand sich das gesamte Wissen der Menschheit in Bibliotheken, und noch konkreter, in Enzyklopädien: Nachschlagewerke, die eine überschaubare Anordnung des Wissens einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Raumes beinhalten und diese Zusammenhänge verschriftlicht darstellen. Wie kann man aber das gesamte Wissen einer Zivilisation in vollem Umfang kategorisieren? Der Philosoph und Mathematiker René Descartes fasste im 17. Jahrhundert die Gesamtheit aller Wissenschaften als ein organisches System auf: ein Baum des Wissens. In dieser Metapher sind die Wurzeln die Philosophie (damals Metaphysik genannt), der Stamm die Physik und die Äste alle anderen Wissenschaften. Auch wenn der Baum des Wissens für den Großteil der Menschen nicht direkt zugänglich war, bedienen sich die meisten spätantiken und mittelalterlichen Enzyklopädien dieser Strukturierung des Wissens. Wer sich das Wissen als Baum vorstellt, kommt durch immer spezifischer werdende Fragen an das Gesuchte: Von einem Stamm aus gelangt man zu jedem Zweig und der daran hängenden Frucht – unser Wissen. Baummodelle sind hierarchisch aufgebaut, das heißt: Jedes Element befindet sich auf nur einer Ordnungsebene, ist einer höheren Ebene untergeordnet und kann einem oder mehreren Elementen übergeordnet sein. Mit dem Begreifen unserer Welt beginnt folglich der Baum des Wissens zu wachsen. So wird das Wissen als ein einheitlich zusammenhängender Organismus verstanden. 40


Wissen & Struktur

Trotzdem wurde in der Neuzeit der Baum hinterfragt: Ludwig Wittgenstein belegte seine Unmöglichkeit. Sogar Diderot und d'Alembert, die Herausgeber der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (1751), eines der Hauptwerke der Aufklärung, erkannten auch die Schwachstellen des Baummodells und versuchten, sie zu korrigieren. Eine der berühmtesten Alternativen kommt ebenfalls aus der Botanik: das Rhizom. Die Verwendung des Begriffs leitet sich von der Bezeichnung für Wurzelgeflechte von Pflanzen ab und wurde von Gilles Deleuze und Félix Guattamari in Capitalism and Schizophrenia entwickelt. Ein Rhizom ist eine Wurzelart, die in sich verworren ist. Im Gegensatz zum Baum, der in die Höhe wächst, bilden diese Wurzel ein Geflecht. Die einzelnen Disziplinen setzen immer noch auf eine an der Metapher des Baumes angelehnte streng hierarchische Strukturierung bei der Kategorisierung ihrer Fachgebiete. Allerdings lässt sich auch nicht mehr bestreiten, dass die einzelnen Wissenschaften alle miteinander verknüpft sind. In diesem Zusammenhang werden daher Begriffe wie Interdisziplinarität wichtig, da sich sogar neue Fächer, wie die Biochemie oder Neurophysik, aus den einzelnen vernetzten Wissenschaftsteilen bilden. Von Hierarchien möchte heutzutage kaum noch jemand etwas hören, der neue Trend heißt Vernetzung. Fachübergreifende Zusammenarbeit ist üblich geworden; zunehmend schließen sich Experten verschiedener Disziplinen zusammen und forschen im Verbund. Doch das Ziel ist heutzutage nach wie vor das gleiche wie vor Jahrhunderten: Die Frucht des Wissens am Ende des Zweiges auszukosten. Und den Baum weiter wachsen zu lassen.  Δ 41

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Idealismus Philosophische Anschauung, nach der die Wirklichkeit der Welt in den Ideen liegt.

Konstruktivismus Philosophische Anschauung, nach der entweder durch die Psyche oder innerhalb einer sozialen Situation Wirklichkeit konstruiert wird.

Materialismus Philosophische Anschauung, nach der in der Welt nichts wirklich existiert, außer der Materie. Alle Phänomene, die auf den ersten Blick nicht materiell erscheinen, lassen sich am Ende auf einen materiellen Ursprung zurückführen.

Bewusstsein Geist, Seele, Gehirn, Psyche – Versuche, das Konzept Bewusstsein zu erfassen. Doch erfasst keiner der Begriffe das Phänomen des Bewusstseins vollständig, da keiner es schafft, das Zusammenspiel von Gehirn, Geist und Außenwelt erschöpfend zu erklären.

Doxa Meinungen, die es durch Wahrheiten aufzulösen gilt. Dies ist die Aufgabe der Philosophen. Nicht philosophisch ist, eine bestimmte Meinung als wahr erweisen zu wollen; das wäre Orthodoxie.

Wahrheit Etwas, das wir niemals finden werden.

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philou.


Interview

D igi tal u n d I n t e r d i sz i p l i n ä r Neu e F o r me n de s Wis se n s f ü r e i n e K om p l e x e W Elt

Professor Dr. Gabriele Gramelsberger, Wissenschaftsphilosophin, hat vor Kurzem die Professur für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie übernommen. Seit vielen Jahren forscht sie unter anderem dazu, wie sich die Wissenschaft durch den Computer verändert. Das ist auch ihr Schwerpunkt im Rahmen des neuen Zentrums für interdisziplinäre Wissenschafts- und Technikphilosophie (Human Technology Centre – HumTec). ein interview Von

philou. Frau Gramelsberger, vor kurzem wurde an der Philosophischen Fakultät ein neues Zentrum gegründet. Was hat es damit auf sich? Worum soll es dabei gehen? GramelsbergeR: Das Zentrum hat drei thematische Schwer-

punkte: Einmal, wie sich Wissenschaft und Technik selbst verändern und der zweite Schwerpunkt ist, wie Wissenschaft und Technologien auf die Gesellschaft wirken und innerhalb dieser Gesellschaft für Veränderungen sorgen. Die Frage ist dabei, welche Transformationen dies zur Folge haben wird. Und drittens, wie computerbasierte Methoden auf Sozial- und Geisteswissenschaften wiederum zurück angewandt werden können – das ist das, was unter Digital Humanities oder Computational Social Sciences verstanden wird. Das ist in meinen Augen eine interessante Mischung aus Philosophie, Ethik, Psychologie, Techniksoziologie und Informatik; auch weil es nicht nur rein klassisch als „Science and Technology Zentrum“ geführt wird. Jeden interessiert im Moment, was jetzt hier in Aachen so passiert.

philou. Und gibt es auch innerhalb des Zentrums interdisziplinäre Forschungszwecke, also greift das ineinander oder forscht jeder für sich? G.: Das wird sich zeigen. Also natürlich muss erstmal

jeder Lehrstuhl für sich seinen Themenschwerpunkt

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Nils Honkomp, Katrin Klubert und Nina Lentzen

aufbauen und entsprechend etablieren. Es gibt mehrere Überschneidungsfelder, das ist einmal das Thema der Computational Methods – auch Techniksoziologie wird sich vielleicht damit beschäftigen, aber das wird sich dann zeigen. Dann gibt es sicherlich einen Schwerpunkt, der sich mit kognitions- und neurowissenschaftlichen Schwerpunkten auseinandersetzt, auch von Seiten der Psychologie. Wie sich das dann in den Kooperationen zeigt, weiß ich nicht. Das wird auch noch eine Weile dauern. Das ist jetzt wie gesagt meine Sicht, andere mögen das anders sehen. philou. Wir haben deswegen nach interdisziplinärer Forschung gefragt, weil wir uns vorstellen können, dass es einige Kommunikationsschwierigkeiten auch zwischen den verschiedenen Disziplinen gibt. Also haben Sie eine Vorstellung davon, welche Vor- oder auch Nachteile interdisziplinäre Forschung mit sich bringen könnte? Warum betreibt man interdisziplinäre Forschung auf der einen Seite und wo hakt es dann vielleicht auf der anderen Seite? G.: Interdisziplinäre Forschung ist wichtig, weil die Welt

komplex ist. Mit reinen disziplinären Perspektiven kommt man – also wenn man wirklich an aktuellen Entwicklungen interessiert ist –, nicht mehr so ganz weit. Interdisziplinäre Forschung ist immer dann stark, wenn


Wissenschaft & Erkenntnis

Daten

INFORMATION

man auch selber disziplinär gut am Start ist. Eines der großen Probleme, das mit interdisziplinärer Forschung zu tun hat, meines Erachtens nach und wie Sie schon sagten, ist, Kommunikation herzustellen, also dass man nicht aneinander vorbeiredet. Man muss auf der einen Seite erstmal über die Konzepte und Begriffe reden: Verwenden wir die gleichen Begriffe oder meinen wir etwas völlig anderes? Wenn das geklärt ist, kann Interdisziplinarität gut funktionieren. Gleichzeitig darf man bei interdisziplinärer Forschung nicht die eigene Fragestellung aus der Disziplin vergessen. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Und ich würde sagen, dass das Zentrum durch die Professuren ja sowieso schon interdisziplinär angelegt ist. Es wird sehr darum gehen, welche Konzepte, Schnittstellen, Thematiken etc. hinsichtlich dieser Interdisziplinarität relevant sein werden. Dann sind wir ja auch alle in der Weise organisiert, dass wir auch transdisziplinär zusammen zu arbeiten. Ich verstehe interdisziplinär jetzt eher in den Geistes- und Sozialwissenschaften, also als Kooperationen in unserem Bereich; und transdisziplinär dann im Sinne eine Kooperation mit Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, Mathematikern und Informatikern. Das, wie gesagt, funktioniert, wenn man ein gutes Standing in der eigenen Disziplin hat, hinreichend offen ist, um mit anderen zu kooperieren und ähnliche Fragestellungen und Probleme hat. Einfach zu sagen: So, wir sind jetzt interdisziplinär, jetzt macht mal was – das funktioniert nicht. Es muss Fragestellungen, es muss Probleme, es muss Themen geben, die es erfordern, warum man inter- oder sogar transdisziplinär an etwas herangeht. Und wenn man das hat, dann kann man, das glaube ich, viel erreichen.

Wissen

Naturwissenschaften. Da scheint es ja einen großen Unterschied in den Wissenskulturen zu geben – wo liegen die Unterschiede, was stößt sich da, was passt da irgendwie nicht so ganz zusammen? G.: Naja, die Methoden. Also zum Beispiel, wir haben in den

Digital Humanities auch computationale Methoden, aber das ist eine andere Art, mit den Methoden umzugehen, als in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Diese haben ihr Wissen zum Großteil in computationaler Form, also in Algorithmen transformiert und generieren so wiederum neues Wissen. In den Geisteswissenschaften arbeiten wir anders, weil wir bedeutungsorientiert und hermeneutisch arbeiten – also mit der Interpretation und Analyse von Begriffen und Konzepten. Diese zwei Zugänge schließen sich nicht aus, aber sie sind auch nicht miteinander identisch und ich würde sie auch nicht ineinander überführen wollen. Es sind verschiedene Herangehensweisen. Klar, es gibt auch empirische Methoden bei uns – empirische Soziologie, empirische Literaturwissenschaft usw., aber die Physik macht das mit Experimenten und diese haben natürlich auch einen ganz anderen Gegenstand, den sie beforschen. Das könnten wir jetzt in dem Sinne nicht so machen.

philou. Das heißt bei den Naturwissenschaften könnte vielleicht dieser einordnende, kontextualisierende Aspekt fehlen? Dass der Forschungsgegenstand mehr in Zahlen übersetzt wird – oder wie kann man das verstehen? G.: Ja, nicht nur. Da stehen natürlich wieder Theorien da-

hinter und Theorien sind wieder Begriffsgebilde wie bei uns auch. Natürlich arbeiten die Naturwissenschaften sehr viel mehr mit Zahlen, das ist ganz klar. Aber am Schluss kommen ja Methoden, Verfahren, tatsächliche Objekte oder Technologien heraus. Da entstehen ja auch

philou. Sie haben gerade die Unterscheidung gemacht: interdisziplinär innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften und transdisziplinär übergreifend zu den 45

philou.


Dinge – ganz materiell manifestieren sich da Konzepte und Ideen. Das ist bei uns wahrscheinlich eher weniger der Fall, außer man sagt, ein Buch ist jetzt eine dieser Manifestationen, oder ein Roman in den Literaturwissenschaften oder eine Theorie in der Philosophie. Ja, es ist schwierig, es gibt natürlich Unterschiede, aber es gibt natürlich auch viele Gemeinsamkeiten. philou. Und umgekehrt gefragt: Die Digitalisierung – verändert das auch nochmal die Wissenschaftskultur innerhalb der Geisteswissenschaften? G.: Digital Humanities simulieren nicht, sondern zielen vor

allem darauf ab, große Datenmengen zu digitalisieren, um in Anschluss mit diesen zu arbeiten. So erreicht man mit Hilfe der Digitalisierung einfacher den Zugang zu großen Textkorpora. Darüber hinaus können Forschungsfragen nicht mehr nur nach einzelnen Inhalten gestellt, sondern direkt in größeren Dimensionen und Relationen empirisch bearbeitet werden. Dieses empirische Arbeiten ist nicht mit naturwissenschaftlicher Empirie zu vergleichen, ist aber dennoch vor allem innerhalb der kognitiven Literaturwissenschaft, der empirischen Psychologie und den Digital Humanities von großer Bedeutung. Es wird interessant werden, inwieweit sich das in der Zukunft weiterentwickeln wird.

philou. Also müssen die Leute, die klassische Methoden anwenden, keine Angst davor haben? (lacht) G.: Nein. Letztendlich müssen wir unsere inhaltlichen Fragen

stellen wie bisher und die sind klassisch fundiert, also den epistemischen Hintergrund brauchen wir trotzdem noch.

philou. Sie thematisieren in Ihren Arbeiten öfter Computersimulationen – auf welche beziehen Sie sich genau? 46

Und wie wirkt sich das auf den Wissenschafts- und Forschungsprozess aus? Welche Erkenntnisse kann man daraus ableiten? G.: Seit 15 Jahren erforsche ich nun vor allem Klimasimu-

lationen näher. Das ist quasi das Standardbeispiel für moderne Simulationen. Das Klima- und Wettersystem kann durch Gleichungen mathematisch beschrieben werden. In der Regel sind das sieben bis acht Gleichungen, sogenannte partielle Differentialgleichungen. Diese sind so eng miteinander verknüpft, dass daraus keine exakten Lösungen abgeleitet werden können, dafür sind sie zu komplex. Die einzige Möglichkeit besteht darin, für bestimmte Anfangswerte die diskretisierten Gleichungen zu berechnen und so Stück für Stück in die Zukunft zu extrapolieren. Zwar ist viel Rechenpower nötig, jedoch kann dann die Veränderung des Klimas in etwa vorhergesagt werden. Wichtig ist, dass man keine analytische Lösung der partiellen Differentialgleichungen hat, sondern die Lösung wird mit hinreichender Genauigkeit numerisch simuliert. Das nennt man auch Approximation. Wir können nie mit hundertprozentiger Genauigkeit vorhersagen, wie das Wetter morgen tatsächlich wird, da es sich allenfalls um Wahrscheinlichkeiten handelt. Eine neue und interessante Perspektive bieten Klimasimulationen gerade, wenn sie als eine Art Selbstreflexionstechnologie interpretiert werden. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind wir in der Lage, die Konsequenzen unseres Handelns auf die Umwelt hinreichend abschätzen zu können. Das ist eine völlig neue Erfahrung, da eine mögliche Zukunft auf uns zurückgespiegelt wird, also auf die Gegenwart, damit wir die Zukunft anders gestalten. Im klassischen – nicht im wissenschaftsphilosophischen – Sinne spricht man hier auch von Zukunftsprognosen. Die Klimaforscher bevorzugen den Begriff Klimaprojektionen.


Wissenschaft & Erkenntnis

Klimaforscher der NASA entwickelten auf Basis von Daten des Messsatelliten „Orbiting Carbon Observatory-2“ und mit Hilfe eines Supercomputers eine neue Art der Visualisierung des CO2-Verhaltens in unserer Atmosphäre. So ermöglichen Simulationen bspw. Erkenntnisse darüber, wie sich das Erdklima entwickelt, wenn Land und Ozean nur noch weniger als die Hälfte aller klimaerwärmenden CO2-Emissionen absorbieren können. Bildquelle: NASA

philou. Ergibt sich denn dann automatisch eine neue Form, wie mit diesen Zukunftsprognosen umgegangen werden kann?

philou. Also wären Futur-II-Welten in Form einer Simulation oder eines 3D-Designs Beispiele für einen erweiterten Begriff von Wissen?

G.: Ich denke, ja! Interessant ist dies auch im logischen

G.: Genau, das wären Beispiele dafür. Ich habe mich mit

Sinne, da hier eine neue Modalität entsteht. Wir denken ja nicht nur zukunftsorientiert, sondern sprechen über eine tatsächlich verfügbare Zukunft – so, als könnten wir die Zukunft wirklich verändern, weil wir wissen, was uns erwartet, wenn wir nicht Veränderungen im Allgemeinen oder auch hinsichtlich unseres Handelns vornehmen. Da nehme ich immer gerne das Beispiel von Futur II: Die Welt wird wohl 2100 „untergegangen“ sein, wenn wir heute nicht unser Handeln verändern. Das ist ein Beispiel, aber es gibt weitere. Ebenfalls sehr interessant ist, dass man mit Hilfe des Computers und einer Software theoriebasierte Designs produzieren kann, die dann mit maschineller Unterstützung realisiert werden können. Da etabliert sich ein Kreislauf, der in den letzten Jahren durch das 3D-Drucken nochmals an Fahrt aufgenommen hat. Also für den Maschinenbau wird das in Zukunft eine große Rolle spielen. Statt Ersatzteile für Maschinen über Jahrzehnte zu lagern, können solche Teile designt, gespeichert und bei Bedarf ausgedruckt werden. Zwar forscht man noch an geeigneten Materialien, aber für bestimmte Bereiche wird das schon gemacht. Wenn ich aber in Zukunft nicht nur ein Ersatzteil, sondern die ganze Maschine ausdrucken lassen kann, dann sprechen wir von einer völlig neuen Art der industriellen Produktion. Im Computer lagern dann als Designs gespeichert unzählige zukünftige Objekte, die auf Knopfdruck realisiert werden können. Eine digitale Bibliothek zukünftiger Welten. Das ist noch etwas futuristisch gedacht, aber dahin geht es.

„3D-Druckern“ beschäftigt, die DNA künstlich herstellen können. Genauer nennt man diese Drucker „DNA-Synthesizer”. DNA-Stränge werden mit Computer-aided Design (CAD) Software designt, ausgedruckt, in genetisch modifizierte Zellen eingebaut und so „zum Leben“ erweckt. Auf diese Weise lassen sich neue Organismen „ausdrucken”.

philou. Darin haben Sie ein Zitat von Ernst Cassirer (1944) verwendet, das folgendermaßen lautet: „Der Mensch lebt in einem symbolischen und nicht mehr in einem bloß natürlichen Universum. Sprache, Mythos, Kunst und Religion sind Teile dieses Universums. Sie sind die bunten Fäden, die das Symbolnetz weben, das verknotete Gewebe menschlicher Erfahrung. Jeder menschliche Fortschritt im Denken und in der Erfahrung verfeinert und verstärkt dieses Netz.” G.: Genau, das ist mein Lieblingsphilosoph.

philou. In diesem Zitat geht es auch um Sprache. In welcher Beziehung steht Ihrer Meinung nach Sprache zu Wissenschaft? Können Sie auf die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Disziplinen eingehen? G.: Ich habe natürlich einen sehr speziellen Blick auf

Sprachen und Wissenschaft. Im Popperschen Sinne ist Wissenschaft ein System aus Sätzen, von dem andere Sätze abgeleitet und überprüft werden können. Klar machen Wissenschaftler Experimente, aber letztlich müssen die daraus resultierenden Erkenntnisse sprach-

47

philou.


lich artikuliert werden; etwa in Form eines Artikels, anderer Publikationen oder abstrakter als Theorien oder Annahmen. Üblicherweise sind diese mathematisch formuliert und nun wird es interessant: Ein Großteil des Wissens der Wissenschaft wird nun über Computer in sogenannte Programmiersprachen übersetzt oder mit Programmiersprachen in Algorithmen umgeformt. Dann folgt die Anwendung und eine Konkretisierung über 3D-Technologien. Ergo bekommt Sprache über den Computer eine wirkmächtige Möglichkeit, die es vorher in dieser Form nicht gab. So gesehen ist es nicht mehr das Sprechen über etwas, sondern ich kann Sprache operativ so umsetzen, dass man tatsächlich in dieser formalen Art von Sprache die Wirklichkeit materiell verändern kann. Und gerade das ist das Faszinierende an der Funktionsweise von 3D-Drucktechnologien. Das Zitat von Cassirer habe ich deswegen verwendet, weil die Simulation für mich eine neue symbolische Form der Sprachnutzung darstellt. Einerseits macht er die Unterscheidung zwischen Mythos und Sprache im Sinne von Bedeutung. Andererseits könnten wir in Bezug auf die Wissenschaft noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass durch den Computer Sprache operativ anders anwendbar wird. Cassirer hat diese Tendenz schon 1922 in seinem Buch „Substanzbegriff und Funktionsbegriff ” sehr früh erkannt. Darüber sollten wir mal ein Seminar halten. philou. Um nochmal genauer auf die Beziehung von Wissen und Wissenschaft einzugehen, möchten wir Sie fragen, wie Wissenschaft Wissen überhaupt produziert. Dahingehend wäre es wohl sinnvoll, kurz auf den Forschungsprozess selbst einzugehen und sich die Frage zu stellen, warum Wissenschaft gegenwärtig so oft in der Kritik steht. Ist Wissenschaft zu intransparent und unverständlich geworden, oder was würden Sie aus der Perspektive einer Wissenschaftlerin dem entgegnen? G.: Wissenschaft hat im wörtlichen Sinn als Wissen schaf-

fende Institution einen engen Bezug zu neuem Wissen. 48

Wenn wir nun einen Schritt weitergehen und uns fragen, was neues Wissen ist, dann wird es schon schwieriger. Wie dann Wissensfortschritt in der Wissenschaft funktioniert, ist nur grob zu skizzieren. Es gibt keine echte Theorie, die dies fundiert erklären könnte. Ich versuche Ihnen dennoch eine Antwort zu geben: Wissenschaft ist ein Unternehmen, das in einer sehr konzipierten Art und Weise, diese Forschungsprozesse gestaltet hat, um neues Wissen zu generieren. Es gibt Regeln, sogenannte Peer-Review Verfahren, die die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse sichern sollen. Durch diese und andere Organisationsformen ist Wissenschaft in der Lage, sehr zuverlässiges Wissen zu bilden. Einerseits gibt es zwar Skeptiker, die den Forschungsprozess fundamental angreifen. Die sind jedoch eher in der Minderheit. Andererseits gibt es auch Personen, die mit dem System der Wissenschaft etwas lockerer umgehen, indem sie beispielsweise Arbeiten plagiieren. Ich würde noch ein Beispiel vom Rand der Wissenschaft geben wollen, was die Problematik veranschaulichen soll. In der Klimaforschung sind Forscher oft mit Klimaskeptikern konfrontiert. Aber alleine anhand der Tatsache, wie diese Klimareports erstellt werden, kann man schnell beobachten, dass die Kritik der Klimaskeptiker nicht fundiert ist. Klimareports sind hoch demokratische Publikationen. Es werden viele Forscher mit einbezogen, jeder Kommentar wird beantwortet und überprüft. Am Schluss sind alle Regierungen mit allen Vertretern von Wissenschaft und Politik in diese Prozesse involviert. Das sind unglaublich faszinierende Dokumentationen. philou. Frau Prof. Dr. Gramelsberger, wir danken Ihnen für dieses spannende Interview und hoffen, dass unsere Leser etwas über dieses voraussetzungsreiche Thema des Wissens gelernt haben.  Δ


Artikel

Wissenschaft & Erkenntnis

S e h n su cht n a c h W irkl i c hk ei t Von Thomas Sojer Philosophie (Innsbruck)

Mit welchem Schlagwort werden zukünftige Generationen unsere Gegenwart verbinden? Ein möglicher Kandidat findet sich im Begriff der „Krise“: Weltwirtschaftskrise, Flüchtlingskrise, Ukraine-Krise, Eurokrise, Umweltkrise. Wirft man einen Blick auf die intellektuellen Debatten der letzten Jahre und Jahrzehnte trifft man auf eine weitere, in der Öffentlichkeit aber selten thematisierte Krise: die Krise des Wirklichkeitsbezugs (vgl. Baecker 2014: 24). Die Frage nach der Art und Weise, wie ein Wirklichkeitsbezug zustande kommt, beschäftigte Denkerinnen und Denker aller Jahrhunderte: Platon schuf einen Grundstein des systematischen Zweifelns, eine Ahnung davon, dass Wirklichkeit auch ganz anders sein könnte als wir denken, indem er seine Zuhörer mit dem Gesicht zur Höhlenwand anketten ließ. René Descartes Meditationen, Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft und in jüngerer Vergangenheit Edmund Husserls Bewusstseinsphilosophie folgen Platon, wie Alfred North Whitehead später sagen wird, als dessen Fußnoten (vgl. Whitehead 1929, 91) mit der Frage, wie verlässlich denn unsere Eindrücke und Wahrnehmungen von der Realität im Letzten sind. Spätestens seit JeanFrançois Lyotard Ende der Siebziger die Postmoderne ausgerufen hatte, begann sich dieser Zweifel an eine einzige, wahre, erfassbare Wirklichkeit in einer multiperspektivischen Verstrickung aufzulösen, die keine Auswege mehr zu kennen scheint (vgl. Ferraris 2014: 15). Die Schreie nach Kontingenzbewälti-

gung, nach der altbekannten Sicherheit zuverlässiger Aussagen lässt nicht lange auf sich warten. Ihr antwortet 2011 eine junge philosophische Bewegung, die den direkten Zugang zur Wirklichkeit wiedergefunden haben will: Die Stunde des Neuen Realismus hat geschlagen. Es geschah am 23. Juni 2011, gegen 13:30 Uhr, bei einem Mittagessen am Hauptplatz von Neapel. Markus Gabriel und Maurizio Ferraris leerten ihr Weinglas und erklärten die Postmoderne und ihr grenzenloses Zweifeln endgültig für beendet. Sie riefen die Wiederentdeckung der Wirklichkeit aus (vgl. Gabriel 2014: 76). Die gegenwärtig gebräuchlichen Methoden zu denken, die Art und Weise Diskurse zu führen, haben die Wirklichkeit verlernt, so ihr Vorwurf. Die unzähligen Stimmen in der Philosophiegeschichte, dass die Sicht des Subjekts auf die Wirklichkeit durch ihre Erscheinungen verstellt werde, führe letztlich in eine Sackgasse (vgl. Gabriel 2009: 34). Einzig die Sündenböcke wechseln im Lauf der Epochen in recht innovativer Manier: Mal war es die Vernunft, mal die Sinneswahrnehmung, mal das Bewusstsein, dann die Sprache und heute sehr prominent, das Gehirn und dessen biochemischen neuronalen Verschwörungskomplizen. Der Anklagegrund der Realitätsverweigerer bleibt dabei immer derselbe: Der Wirklichkeitsbezug sei immer vom Subjekt konstruiert. Diese notwendige Bindung ans Subjekt will die 49

philou.


Ceci n'est pas une pierre neue Position als Holzweg entlarven und das von Immanuel Kant verschüttete Ding an sich (vgl. Kant 1787: 341) unabhängig von seinen Beobachtern an die Oberfläche der Erkenntnisfähigkeit zurückholen. Dem allseits bekannten Motto einer Pippi Langstrumpf – ich mach' mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt ... – treten die schon verloren geglaubten objektiven Attribute ‚wahr‘ und ‚falsch‘ entgegen. Wirklichkeit kann man sich laut Markus Gabriel nicht beliebig aussuchen. Es gibt objektive Tatsachen. Gabriel akzeptiert die Existenz verschiedener Perspektiven. Diese erlaubten jedoch keineswegs verschiedene Wirklichkeiten. Gleichzeitig verabschiedet er sich von einer monistischen Ontologie, einer gemeinsamen Art und Weise des Seins von allem, was da ist, und bezeichnet diese als Überkategorisierung der Wirklichkeit. Dem gegenüber präsentiert er eine – wie er selbst nennt – Dschungelontolgie (vgl. Gabriel 2013: 48), die keine Vereinheitlichung zulässt. Damit ermöglicht er eine Wirklichkeit, die verschiedene Perspektiven, er nennt sie Sinnfelder, ein und derselben Sache besitzt, wobei jedes Sinnfeld für sich genommen die ganze Wirklichkeit abbildet. Diese beinhalten die Notwendigkeit der Wahrheit, die ihnen als unabhängige Eigenschaft zukommt oder fehlt. Kurzum: Sofern wir überhaupt etwas erkennen können, erkennen wir das Ding an sich, jedoch als Spielart einer unendlichen Anzahl 50

von Sinnfeldern (vgl. Gabriel 2013: 136). Eine Welt als abgeschlossenes Ganzes existiert aufgrund der Unendlichkeit der Sinnfelder im Neuen Realismus nicht. Die Neuen Realisten verbindet einiges mit der schon alteingesessenen Strömung der Phänomenologie: Vornehmlich die Kritik am Konstruktivismus und das Motiv, die Art und Weise eines möglichen Wirklichkeitsbezugs zu eruieren, um so das Eigentliche erkennen zu können (vgl. Sparrow 2014: 12). Sowohl Edmund Husserl als auch Martin Heidegger beanspruchten dabei eine Überwindung der Opposition zwischen einem naiven Realismus des Materialismus – es existiert nur das, was innerhalb von Raum und Zeit vorhanden ist (Marx) – und dem Idealismus – die Wirklichkeit existiert nur in Form von Ideen (Hegel). Für Gabriel ist dieser Mittelweg zu wenig weit gedacht: Schließlich bleibe das Seiende in der Phänomenologie von der Zuwendung durch den Menschen ontologisch abhängig. Wirklichkeit verlange jedoch einen Existenzbegriff, der ganz ohne den Menschen gedacht werden könnte. Husserl hat sich bekanntermaßen gegen dieses Positum einer absoluten Realität ohne Subjekt geäußert (vgl. Husserl 1913: 134). Hier knüpft Gabriel an den Speculative Realism an, das englischsprachige Pendent des deutschsprachigen Neuen Realismus, der schon 2007 in London seine Geburtsstunde fand, im deutschsprachigen Raum aber erst durch Gabriel Gehör fand. Quentin Meillassoux, Begründer des Speculative Realism, störte sich an Husserls wechselseitigem Abhängigsetzen von Sein und Bewusstsein in Kants Transzendentalphilosophie: Die Phänomenologie erahne zwar das Ding an sich, lässt es jedoch zugunsten des Subjekts als Maßstab allen Seins unausgegraben zurück. Meillassoux lehnt in der Folge eine Korrelation von Wirklichkeit und dem menschlichen Bewusstsein zur Gänze ab (vgl. Meillassoux 2013: 82f.). Kulturgeschichtliches Ziel des Speculative Realism ist die Abschaffung des Menschen als geistiger Angelpunkt des Universums:


Wissenschaft & Erkenntnis

Ceci n'est pas un Pierre “When ontology is investigated through the lens of some human instrument of knowing, it inevitably results in an anthropomorphic photograph of being. The problem with Kant and phenomenology is that they ultimately seek anthropological universals, which can only underwrite the possibility of human experience. They then illegitimately infer that experience qua experience is only possible for humans, or that it is senseless to talk about nonhuman experience.“  (Sparrow 2014: 164).

Somit kann einer Katze, einer Blume oder sogar einem Stein ebenso wie einem Menschen etwas widerfahren und ist in dieser Hinsicht unabhängig von Subjekten erfahrbar; der Mensch ist somit ein Ding im Universum wie jedes andere auch. Wollen wir die Wirklichkeit retten, müsse die Hoheit des Menschlichen endlich fallen, so Meillassoux (vgl. Meillassoux 2006: 45). Der Neue Realismus tauscht Subjektivität gegen Sinnfelder, Subjekte gegen Objekte, Menschen gegen Steine. Kritische Stimmen attestieren der neuen Denkrichtung, eine Mogelpackung verkaufen zu wollen: Der Tausch wechsle die Etiketten, nicht aber den Inhalt. Kritiker konstatieren, die Medizin des Neuen Realismus funktioniert lediglich in Form einer Abgrenzung von bewusst überspitzten Radikalversionen der Postmoderne und des Konstruktivismus (vgl. Schülein 2016: 23). Dennoch muss der Rehabilitation menschlicher Erkenntnisfähigkeit, wie sie Ferrari, Gabriel und Meillassoux mit verschiedensten Neudefinitionen der Wirklichkeit versuchen, eine Stärke unbestreitbar zugesprochen werden: Die Krise des Wirklichkeitsbezugs hat sich gewendet und ihre Sackgasse verlassen, denn der Neue Realismus täuscht keine Voraussetzungslosigkeit mehr vor, sondern steht dazu, dass innerhalb jeder philosophischen Position wenigstens ein Minimum an Fakten als wahr angenommen werden muss, das seinerseits nicht konstruiert sein kann.  Δ Originalbild: wellcomecollection.org (CC BY)

Baecker, D. (2014): Was ist Wirklichkeit? In: Dokument, Fälschung, Wirklichkeit. Materialband zum zeitgenössischen Dokumentarischen Theater. Berlin: Theater der Zeit. S. 22–28. Ferraris, M. (2014): Manifest des neuen Realismus. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann. Gabriel, M. (2009): Skeptizismus und Idealismus in der Antike. Berlin: Suhrkamp. Gabriel, M. (2013): Warum es die Welt nicht gibt. Berlin: Ullstein. Gabriel, M. (2014): Der Neue Realismus. Berlin: Suhrkamp. Husserl, E. (1913): Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie. Hamburg: Max Meiner 2009. Kant, I. (1787): Kritik der reinen Vernunft. Stuttgart: Reclam. Erste Auflage 2010. Meillassoux, Q. (2006): Après la finitude. Essai sur la nécessité de la contingence. Paris: Seuil. Meillassoux, Q. (2013): Métaphysique et fiction des mondes hors-science. Paris: Aux forges de Vulcain. Schülein, J.-G. (2016): Metaphysik und ihre Kritik bei Hegel und Derrida. Hamburg: Meiner. Sparrow, T. (2014): The End of Phenomenology. Metaphysics and the New Realism. Edinburgh: Edinburgh University Press. Whitehead, A. (1929): Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie. Berlin: Suhrkamp. Erste Auflage 1979.

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Januskopf

Spezialisten W

enn wir über Wissen sprechen, sollten wir uns auch dessen bewusst sein, in was für einem riesigen Meer aus Nicht-Wissen jeder Einzelne von uns eigentlich treibt. Gerade deswegen ist es wichtig, dass wir uns spezialisiertes Expertenwissen aneignen, um angesichts der heutigen gesellschaftlichen Komplexität einen effektiven Beitrag leisten zu können. Es ist offensichtlich, dass es für den einzelnen Menschen schier unmöglich ist, sich über die unglaubliche Fülle an kulturellem und wissenschaftlichem Wissen einen wirklich umfassenden Überblick zu verschaffen, geschweige denn, sich in jedes vermeintlich wichtige Wissensgebiet einzuarbeiten. Ein solches Unterfangen liegt allein schon deshalb außerhalb unserer Erkenntnisgrenzen, weil uns allein aufgrund unserer Sterblichkeit schlichtweg die Zeit dazu fehlen würde. Daher sind wir gut damit beraten, uns jeweils zu Spezialisten in ausgewählten Bereichen auszubilden, um uns schließlich in wechselseitiger Kooperation zu ergänzen. Schließlich war es auch erst unsere arbeitsteilige gesellschaftliche Organisation, die den zivilisatorischen Fortschritt ermöglicht hat, der sich jahrhundertelang bis zur heutigen kulturellen sowie technologischen Komplexität ausdifferenziert hat. Wie voraussetzungsreich dementsprechend unsere heutigen Technologien sind, lässt sich anhand eines simplen Beispiels schnell veranschaulichen: Wer weiß heutzutage, wie man einen Computer herstellt? Die Hardware-Ingenieure von Computerherstellern? Sicher...? Wissen jene auch, wie man die entsprechend benötigten Rohstoffe abbaut und veredelt? Wie aus bloßen

Mineralien brauchbare Legierungen oder aus Rohöl weiterverwertbare Kunststoffe werden? Wie man jene logistisch möglichst effizient zu einem mit komplexen Werkzeugen ausgestatteten Fertigungsbetrieb schafft, der wiederum nach ökonomischen Gesichtspunkten betrieben und instand gehalten werden muss? Kein Mensch überblickt wirklich in voller Gänze bis ins letzte notwendige Detail den gesamten Herstellungsprozess und doch steht an dessen Ende das fertige Produkt – ein Computer. Unser heutiger und seit jeher auf Arbeitsteilung basierender Fortschritt machen es aufgrund seiner stetig zunehmenden Komplexität notwendig, dass wir uns spezialisieren und einen problembezogenen Kompetenzbereich möglichst tiefgehend meistern, um die nötige fachliche Expertise für die Antworten auf die Fragen der Zukunft beisteuern zu können. In daran anknüpfendem Austausch kann schließlich jeder Fachbereich seine Stärken in Form von z.B. technischem Knowhow einbringen und die Schwächen der anderen, wie z.B. durch Fachfremdheit bedingte Wissenslücken, kompensieren. Wichtig für diesen Austausch ist und bleibt ein solides fachliches Fundament mit entsprechend geschärftem Vertiefungsbereich, welchen man konstruktiv ergänzend einbringen kann. Denn was nützen die innovativsten transdisziplinären Ideen, wenn ihnen das solide Fachwissen für das Abschätzen ihrer technischen Machbarkeit und Umsetzung fehlt? Wer sich heute dennoch mit einem allzu generalistischen Anspruch in zu vielen Wissensfeldern ausbildet und schließlich von allem ein bisschen kann, aber nichts wirklich richtig, bleibt angesichts der Komplexität heutiger technologischer Fortschritte leider schlichtweg ein profilloser Universaldilettant. 52


von

Thomas Ruddigkeit

Generalisten W

enn wir über Wissen sprechen, sollten wir uns auch dessen bewusst sein, in was für einem riesigen Meer aus Nicht-Wissen jeder Einzelne von uns eigentlich treibt. Gerade deswegen ist es wichtig, dass wir uns allgemeines Orientierungswissen aneignen, um mit der heutigen gesellschaftlichen Komplexität angemessen umgehen zu können.

Orientiert an humanistischen Bildungsidealen gehören dazu beispielsweise ein grundlegendes Geschichtsverständnis und politische sowie ökonomische Grundkenntnisse. Wie sonst entwickeln wir ein Verständnis für unsere kulturelle Herkunft, dem dazugehörigen Wertefundament und den heutigen gesellschaftlichen Zusammenhängen mit all ihren Problemlagen? Auch wenn es uns angesichts der allgegenwärtigen gesellschaftlichen Beschleunigung immer schwerer fallen mag, im Rahmen der zunehmend empfundenen Zeitknappheit die Kapazitäten aufzubringen, uns umfassend über das regional-, bundes- und weltpolitische Tagesgeschehen auf dem Laufenden zu halten, so ist es doch gerade unsere demokratisch verfasste Gesellschaft, die uns die Verantwortung für diese Aufgaben überträgt. Denn neben unserer beruflichen Spezialisierung sollten alle von uns auch möglichst aufgeklärte, allgemeingebildete und zu kritischer Reflexion befähigte (Welt-) Bürger sein, die außerhalb fachlicher Engführungen denken können. Diese Selbstbildung scheint jedoch immer weiter ins Abseits zu geraten neben dem Zwang ein möglichst individuelles und auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähiges Kompetenzprofil auszubilden. Immer häufiger mangelt es der an Karriere und Arbeitsmarkt orientierten Hochspezialisierung an einer integrierenden Ausrichtung auf höhere Inhalte im Sinne allgemeiner Menschheitsziele, ohne bloße Worthülsen zu sein. Doch was können wir der zunehmenden Zersplitterung von 53

moderner Welt und moderner Wissenschaft entgegensetzen, wenn nicht ein offenes, vernetzendes, ja: inter-, wenn nicht sogar transdisziplinäres Denken? Es wird auch der Komplexität heutiger Problemstellungen und Forschungsfragen nicht gerecht, sie immer nur aus jeweils einer einzigen fachlichen Perspektive zu betrachten. Im Rahmen gesellschaftlicher Megatrends, wie der Digitalisierung, sind beispielsweise die Sozialwissenschaften zunehmend dazu angehalten, informationstechnische Grundkenntnisse in ihre Überlegungen einfließen zu lassen, während Innovationen in der Gentechnik immer mehr Forschende dazu veranlasst, die ethischen Implikationen ihrer Arbeit zu reflektieren. Diese Überschreitung der Fachgrenzen kann nicht einfach formal auf einen Austausch mit IT- oder Ethik-Experten ausgelagert werden. Schließlich geht es letztendlich auch dort nicht nur um einen Austausch einiger Fachphrasen, sondern um das gegenseitige Anregen eben jenes interdisziplinären Denkens. Gerade weil unsere heutige Welt so komplex geworden ist und die althergebrachten Disziplingrenzen ihrer Komplexität nicht mehr gerecht werden können, müssen wir (wieder) lernen, transdisziplinär und vernetzend zu denken. Die Beherrschung immer innovativerer und komplexerer Technologien bringt uns nichts, wenn wir blind für ihren gesellschaftlichen Kontext und ihre entsprechenden Folgen bleiben. Ohne diesen Blick für das Ganze und die Fähigkeit, Problemzusammenhänge fächerübergreifend zu betrachten, verlieren wir uns leider in weltfremd ignoranter Fachidiotie. philou.


philou.

Das unabhängige wissenschaftliche Studierendenmagazin an der RWTH Aachen University.

Konsum

(lateinisch consumere: verbrauchen) die Inanspruchnahme von Gütern und Dienstleistungen zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung durch private oder öffentliche Haushalte.

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Au sbl ic k: Au sga b e 6

Warum konsumieren wir? Was konsumieren wir? Wie konsumieren wir? Auf wessen Kosten konsumieren wir? Mit welchen Konsequenzen konsumieren wir?

Korr, Jan Kuschel, Thorben Lentzen, Nina Oschmann, Oliver Ruddigkeit, Thomas Schlosser, Theresa Winkens, Ann-Kristin

Mit diesen und vielen weiteren Fragen soll sich die nächste Ausgabe beschäftigen. Dabei geht es um einen interdisziplinären Diskurs dieser Fragestellungen. Hast Du Lust zu schreiben, wissenschaftlich zu arbeiten und zu publizieren? Dann schreibe doch einen Artikel für uns!

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